Lesungs-Erfahrungen jagen+sammeln

Warum schreiben wir? Wie werde ich reich und berühmt durch meine Bücher? Was macht die besondere Schönheit des Adjektivs aus?
Glaukos
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Lesungs-Erfahrungen jagen+sammeln

Beitragvon Glaukos » 26.08.2005, 01:51

Södele!
Dirk hat mich gebeten, einen Thread zur Wiener Lesung aufzumachen ... was ich nun (endlich) auch tue ;-)
Mit 300 Lesungen pro Jahr kann ich nicht konkurrieren, ich komme auf schlappe 30 oder 40 Lesungen in 10 Jahren. Was wirklich nicht viel ist, aber ein bisschen was lässt sich daraus schon herleiten - aber lest es am besten als einen tolyanischen Selbsterfahrungsbericht.

Meine erste Lesung hatte ich beim Sprechfestival Berlin, in einem schönen Gewölbekeller, bei Kerzenlicht ... es war ein 9ter November, wir hatten extra einen Text zum 9ten November verfasst. Noch bis zuletzt daran gestrickt, was den Vorteil hatte, dass wir den Text gut kannten, aber den Nachteil, dass wir uns seiner Überzeugungskraft nicht so gewiss waren.

Mein Beitrag dauerte vielleicht 10 oder 12 Minuten, aber das war doch Zeit genug, beim Lesen ziemlich aufgeregt zu werden. Der in solchen Momenten (wie bei Referaten u.ä.) übliche trockene Mund wird wohl allen Menschen bekannt sein ;-) Also, ein Glas Wasser mitnehmen auf die Bühne.
Was sinnvoll ist, wenn die Aufregung sehr groß wird: Langsamer lesen. Intuitiv beginnt ein unsicherer Vorträger oder Vorleser damit, schneller zu lesen, wohl weil er unbewusst meint, dann auch schneller fertig zu sein. Was vordergründig stimmt, aber den Nachteil hat, dass der Zuhörer es nicht versteht, nachvollziehen, genießen kann (ich selbst neige zum Zuschnelllesen, was aber eher an meiner sonstigen Geistesquirligkeit liegen mag ...). Und natürlich, dass durchs schnellere Lesen die Aufregung noch zunimmt. Beim schnellen Lesen geht auch die Atmung schneller, durch die schnellere Atmung wird wiederum die Aufregung befördert: Das sind, ums mal pseudowissenschaftlich zu machen, psychosomatische Prozesse. Entgegenwirken also durch bewusstes Langsamerlesen. Kurz vor der Lesung kann man auch ganz bewusst ein paar ganz ruhige, langsame Atemzüge machen, ich hab mir das jedenfalls angewöhnt, weil mich das entspannt und frisch macht ... andere rauchen gerne eine Zigarette, was wohl den gleichen Effekt hat. (Ich zähle heute zu den Trockenrauchern ... den Luftrauchern ;-)

"Mein erstes Mal" auf einer Lesebühne verlief dann übrigens sehr gut. Ich schaffte es, auch hin und wieder ins Publikum zu schauen, und das ist wirklich sehr wichtig und auch sehr effektiv, um die Bindung zum Publikum zu bekommen. Als ich dann sogar sah, dass manche der Zuhörer die Hand vor die Stirn oder Augen legten, um sich ganz in den Text einzulauschen, da war ich auf einmal ganz froh ... ebenso, dass es mir gelang, die latente Unruhe in diesem Gewölben mit sogar Parallellesungen zu bannen. Also, es hat mir wirklich Spaß gemacht, obwohl ich noch kurz vorher gedacht hatte, nein, lass es besser bleiben ...

Was fällt mir sonst noch ein? Es gibt große Debatten, wie man betont. Ich selbst bin mir unschlüssig ... und entscheide das (als einzigstes) nach der Tagesform bzw. nach dem Publikum (d.h., die Texte stehen bei mir immer fest, auch die Reihenfolge), mache es intuitiv entweder "schauspielerischer" oder aber "nachrichtensprechermäßiger". Natürlich hängt das auch an jedem einzelnen Text. Hierbei muss, denke ich, jeder seine Experimente machen ...

Achja, und was mir noch einfällt, wenn es nicht so richtig läuft beim Vorlesen. Dann fixiert euch einfach im Geist und auch mit kurzen Blicken auf eine Person im Publikum, die ihr sehr sympathisch findet, und die am besten in einer der vorderen Reihen sitzt. Für sie lest ihr dann den Text ...

Also dann, ich freue mich auf die Lesung mit euch, und wir machen ja auch noch eine Art Vorbereitungs"modul", bei dem wir alles Weitere besprechen können; aber es wäre auch klasse, wenn ihr hier bereits eure Fragen zur Lesung und zum Lesen selbst diskutieren würdet ... also was eure Erfahrungen sind, und auch eure Fragen ...

Beste Grüße,
Tolya

[) i r k
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Re: Lesungs-Erfahrungen jagen+sammeln

Beitragvon [) i r k » 14.09.2005, 21:02

Zurück aus Wien, zurück von der Lesung. Für einige von Euch war es das erste Mal, dass ihr vor (wenn auch einem kleinen) Publikum gelesen habt. Mich würde mal interessieren:
  • Wie war es für Euch?
  • Wart ihr im Vorfeld sehr nervös? Und, was hat Euch geholfen, eure Nervosität zu verringen? Beziehungsweise, was hat euch noch nervöser gemacht?
  • Wie habt ihr Euch, als ihr dann dran wart, selbst wahrgenommen?
  • Wie habt ihr die anderen wahrgenommen? Wer hat gut gelesen? Wer hat Fehler gemacht, die er beim nächsten Mal lieber vermeiden sollte?
  • Wie hat Euch das Publikum und das Ambiente gefallen? Wenn ihr bereits Leseerfahrungen habt, wie war die Lesung im tiempo im Vergleich dazu?
  • Eine Lesende hat vor dem Publikum bekundet, sie würde Lesungen hassen. Warum ist das so?
Dieses Forum heißt "Kunst und Handwerk" - also reden wir mal über das Handwerk. Denn zum Handwerk gehört eben nicht nur, einen Text zu schreiben, zu verfassen und anonym im Forum zu posten (oder anderswie zu veröffentlichen), sondern es gehört eben auch dazu, ihn vorlesen, vortragen, rezitieren, ja darbieten zu können.

MfG,
[) i r k
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Re: Lesungs-Erfahrungen jagen+sammeln

Beitragvon Glaukos » 15.09.2005, 12:18

Werter Dirk,

und wie hat es dir selbst gefallen beim Lesen? ;-)

[) i r k
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Re: Lesungs-Erfahrungen jagen+sammeln

Beitragvon [) i r k » 15.09.2005, 13:29

Soll ich gleich den Anfang machen? Also für mich war es, um gleich mit einem Geständnis zu beginnen, auch das erste Mal. Ich meine, ich habe meine Texte auch schon in kleineren Runden gelesen, aber noch nie vor einem mir gänzlich fremden Publikum.

Meine Nervosität hat sich bis 20 Uhr erst mal darauf gerichtet, ob überhaupt jemand kommt. Da hatte ich quasi keine Gelegenheit, mich mit mir selbst zu beschäftigen und mich hochzuputschen. Ich glaube auch, dass es mir sehr geholfen hat, dass wir als Gruppe dort aufgetreten sind und gemeinsam gelesen haben. Zehn Minuten zu lesen als einer von vielen ist doch etwas anderes als eine Stunde Alleinunterhalter zu sein.

Richtig nervös war ich dann erst, als Rike fertig war und ich angekündigt wurde. Da hab ich gemerkt, wie mich das Adrenalin durchflutet und wie ich hibbelig wurde. Nichtsdestotrotz hatte ich das Gefühl, dass ich meine Sache ganz gut gemacht habe. Merkwürdig sind immer die ersten 30 Sekunden, die man ins Mikro spricht, weil man seine eigene Stimme nicht gewohnt ist. Wer bei meiner Lesung auf meine Hände und die Zettel in meinen Händen geachtet hat, wird gesehen haben, wie nervös ich war ... aber auf meine Stimme ist (Q sei Dank) immer Verlass.

Was ich total versaut hab, war der Auftakt zu meinem zweiten Auftritt. Ich hab nicht nur Mirkos Stichwort verpasst, sondern eigentlich war auch geplant, dass ich mich auf der "Bühne" umkleiden sollte. Außerdem war mit Mirko abgesprochen, dass ich mich selbst vorstellen und noch ein bisschen Show machen sollte. Das habe ich dann total verpeilt, war ich totally nervös war. Ich wusste hinterher nicht mal mehr, wem ich meine Brille in die Hand gedrückt hatte. Ich frage mich immer noch, ob das Publikum die Maskerade verstanden hat??? Ich muss als gelbsucht wohl auch insgesamt besser gelesen haben als Herr Eiter ... oder lag das viellecht an den Texten, die sich doch deutlich unterscheiden? Jedenfalls wurde bei meinem zweiten Auftritt zwischen den einzelnen Gedichten nicht geklatscht - und ich hab dann natürlich so was gedacht wie: "Scheiße, es gefällt Ihnen nicht!" Ganz normal, oder?

Auf jeden Fall war das Ambiente für mich ideal - nicht zu groß, angenehm, fast familiär. Nachher war's ein bisschen zu heiß drin - besonders im Sacko war es scheißewarm. Und wie gesagt, es wäre 1000mal schlimmer für mich gewesen, wenn ihr nicht dagewesen und mitgemacht hättet.

Also kurz und gut: Mir hat's sehr gefallen. Vorlesen macht Spass - ich liebe diese Adrenalin-Kicks :-D - und ich würde es in diesem Rahmen jederzeit wiederholen. :-)

Übrigens war es ein einmaliger Glücksfall für uns, Tolya, dass wir dich haben den Anfang machen lassen. Man merkt, dass du schon einiges an Leseerfahrungen hast sammeln können - und, dass du mit dem Publikum reden und sein Interesse wecken kannst. Du hast das auf eine ebenso natürliche, wie sympathische Art und Weise gemacht, dass ich dich bei der nächsten O livro Lesung nicht missen möchte.

MfG,
[) i r k
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Re: Lesungs-Erfahrungen jagen+sammeln

Beitragvon Glaukos » 15.09.2005, 13:44

Danke für die vielen Blumen, Dirk!
Also dann hat es sich doch ausgezahlt, dass ich einige Übungsläufe hinter mir hab ;-)
Mir gings wie dir, ich dachte, wenn jetzt kein Gast kommt, wirds richtig ungut ... und aufgeregt war auch ich. Und es gibt da immer Situationen, mit denen man nicht rechnet. Ich setze mich ans Lesepult und der Galgen - das Mikro - rammt sich mir geradezu entgegen, ich habe kaum Platz für meine Texte und das Buch. Es war wohl nicht so ganz lesefreundlich installiert, darauf hätte ich vorher eigentlich achten sollen als Erstlesender ...
Mir hats Freude gemacht, den Reigen zu eröffnen. Dann ist es auch viel bequemer nachher beim Zuhören der anderen. Die Texte kannte ich bis auf Mirkos Text gar nicht (und Fräulein Edes Meertext ...), da war es dann auch hierin sehr lohnend ...

Am Besten hat mir die Doppelmoderation gefallen. Habt ihr Klasse gemacht, ihr beiden! Besser gings nicht. Fehler hab ich nicht mitbekommen ... also, ganz großer Applaus.

Und was den Vortrag anging: Charis hat auch da für meine Begriffe die beste Leistung geboten. Sie war ganz "drinnen" in ihrem Langtext. Nicht von Anfang an, aber dann auf halber Strecke. Das gab schon Gänsehaut, so dicht ging es. Sehr gut.

Die Herr-Eiter-Performance war schon sehr gut so. Ich denke, Dirk, die Resonanz auf deine Texte war deshalb anders, weil das Thema eben düster war. So ist das meistens. Wenn du aggressive Texte liest, dann wird das Publikum passiv. Es ist nicht gleich ein schlechtes Zeichen. Oder ein Zeichen fehlender Aufmerksamkeit. Sie lehnen halt instinktiv das ab, aber das heißt nicht, dass die davon nicht auf ihre Weise bewegt würden. Mit den positiven Texten kannst du sie ködern, gewinnen, umschmeicheln ... ich empfehle dir fürs nächste Mal eine Verschmelzung der Identitäten. Dass du verschiedene Texte schreibst, spricht für deine Bandbreite und dagegen ist gar nichts zu sagen. Aber dieser Personensplitt ist nicht immer so günstig, jedenfalls nicht, wenn du weiter im literarischen Leben vorankommen willst. Zwar gibt es da ein paar Beispiele, wie etwa den gerne zitierten Herrn Pessoa ... aber der war, der Lyrik nach, anders gelagert. Seine Stimmungen waren nicht so schwankend ... es ging um den Naturlyriker, den Stadtlyriker etc., nicht um den Devoten oder den Aggressiven.
Ich fände es spannend, deine beiden Identitäten hintereinander sich abwechselnd zu erfahren. Den Zuhörer also zwischen Reserviertsein und Aktiviertsein hin und her zu treiben ;-)

Hier noch eine Anmerkung: Ihr solltet in Zukunft darauf achten, dass die Lesebeiträge annähernd gleich lang sind. Ich kenne das zwar auch, dass die eigentlich "Aktiven" bei der Lesevorbereitung (oder, wie bei mir damals, im literarischen Heftformat) dann auch beim Auftritt einen größeren Teil der Zeit für sich beanspruchen, aber das Publikum bekommt so keinen klaren Rhythmus. Kurze Einsprengsel, wie die leider viel zu wenigen Texte von Flocke (da hätte ich gerne noch viele weitere Haikus gehört ...) irritieren ebenso wie die langen, oder doppelten Auftritte.

Insgesamt haben mir alle Vorlesenden gut gefallen, ich war von der Konzentration insgesamt sehr angetan, es wurde sich sehr wenig verlesen. Also, weiter so, O livro!

;-)

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Re: Lesungs-Erfahrungen jagen+sammeln

Beitragvon Hamburger » 15.09.2005, 20:51

Hi Leute,

hier meine Eindrücke:

Also, ich kann eigentlich nicht sagen, dass ich nervös war. Ehrlich nicht. „Nervös“ ist gar kein Ausdruck. :-D

Wie immer bei öffentlichen Auftritten haben mir schon tagelang vorher die Knie geschlottert, was ich auch in einer Mischung aus beständig nervender Workaholic-Manier (Silly mit flehendem Gesicht am Donnerstag um 22 Uhr „Mirko, geh, biiiiiite tu doch mal die Zettel weg“) und aufgesetztem Mut nicht verbergen konnte. Tut mir leid, dass ich euch wahrscheinlich alle mit meinen Moderations-Horror-Visions-Ängsten genervt hab`. An dieser Stelle kann ich mich übrigens gar nicht tief genug vor meiner verehrten Moderatorenkollegin charis verbeugen, die im Vorfeld eine so symphatische Zuversicht und Ruhe ausgestrahlt hat, dass gegen Ende sogar ein ganz klein bisschen was davon auf mich abfärbte.
Und ich bedanke mich natürlich auch für das erneute Moderationslob – schön, dass charis und ich die Moderation gemeinsam gut hingekriegt haben. Meine Nervosität gelindert haben übrigens ein spezielles Dopingmittel (was war das noch mal für ein Extrakt?), ein Glücksstein und die Tatsache dass unser Dirktator eine halbe Stunde vor der Lesung noch nervöser war als ich – aber ob das allgemein anwendbare Rezepte sind? Jedenfalls danke an charis, Khadija und Dirk für die auf unterschiedlichste Weise gewährte Hilfe, das hat mir echt den Rücken gestärkt. (wobei das von Dirk natürlich ein genialer Schachzug ist: so tun als sei man nervös weil noch kein Gast da ist um den Moderator zu stärken, wirklich clever ;-) )

Mich selbst habe ich bei der Moderation als ganz ordentlich moderierend und bei der Lesung als ganz ordentlich lesend wahrgenommen. Wobei ich bei den ersten beiden Texten noch sehr nervös war und kaum darauf geachtet habe wie ich lese. Bei meiner Kurzgeschichte ist mir dann einzig der Vorspann mit insgesamt dreimaliger (!!!) Nennung des Titels missraten. Während ich den Text ansagte dachte ich echt `Junge, was machst du denn da? Lies endlich!`

Gut gelesen haben, fand ich, soweit alle. Herausragend fand ich in diesem Bereich Tolya, charis und Dirk – Number One war charis. Du hast so eine dichte Stimmung erzeugt und die Zuhörer so nahe an deine Texte gelassen, dass ich bei „Großmama“ richtige Gänsehaut bekam – wirklich 1 A, charis.

Im Bereich Charme, mit dem Publikum flirten, reden und sein Interesse auf die symphatischste Weise wecken :-)
war Tolya für mich der Beste von uns allen. Das war ein wunderbarer Einstieg. Professionell, aber herzlich. Charmant, aber nicht rührselig. Das war einfach verdammt gut, Tolya!!!

Du bist auch der Einzige bei dem ich überhaupt keine Nervosität festgestellt habe, da war 0,0 von zu sehen. Schließe mich hier Dirk an – deine Leseerfahrung war deutlich spürbar. Am nähesten kam dir nach meinem Eindruck in diesem Bereich noch charis. Kein Zittern, keine Brüche, ein sehr guter Auftritt. Am nervösesten von der Körperhaltung schienst du mir, Dirk, aber deine 1A-Lese-Stimme hat alles rausgerissen (übrigens sehr charmant das Bonmont mit den geschmuggelten Gedichten B-) )

Bleiben drei Autorinnen, die ich noch gar nicht erwähnt habe. Rikes Auftritt fand ich gut. Ruhig, betont, ohne große Hektik und Gestik lesend – das passte zu deinen Texten und gab einen sehr guten Gesamteindruck.

Flocke, bei dir hatte ich das Gefühl du ziehst dich etwas in dich selbst zurück. Aber da hat Tolya auch recht, dein Auftritt war einfach zu kurz. Egal wie viele das nächste Mal dabei sind und wie die sonstigen Umstände aussehen – du bist schon jetzt als LLA (lang lesende Autorin ;-) ) gebucht. Super war der Spruch mit dem Haiku, der nun mal nicht mehr Silben hat. Das war ein richtiger Eisbrecher fürs Publikum – schade dass danach nur noch ein Gedicht von dir kam.

Silly, das war ein merk- und denkwürdiger Auftritt von dir. Also erstmal das Positive: Du hast manchmal ein bisschen hektisch, aber alles in allem gut gelesen. Du hast das Malheur mit dem Stuhl wunderbar gerettet, einfach goldig – das passte.

Warum du unbedingt sagen musstest dass du Lesungen haßt weiß ich nicht. Ich fand es unangebracht, weil es die Richtung deiner Kommunikation mit dem Publikum vorgegeben hat.

An dieser Kommunikation wirklich schade war dann, dass du deine Texte nicht hast wirken lassen. Besonders schade war das bei „Teichtraum“, aber auch bei den anderen Texten. Und solche Anmerkungen zwischen den Texten wie „gleich haben wir es überstanden“ haben mich sogar ein bisschen traurig gemacht.
Du hast damit den Texten nicht nur Wirkung genommen, du hast dich auch selbst abgewertet. Und dies ohne jeden Grund, denn erstmal gibt es grundsätzlich keinen Grund dazu und außerdem war das was du vorgelesen hast wirklich gut.
Du hast natürlich durch deinen Auftritt auch einen irgendwie runden Eindruck hinterlassen, denn du hast quasi von Beginn an demonstriert dich in deiner Rolle nicht ganz wohl zu fühlen, wozu dann das Schicksal samt Stuhl noch das Sahnehäubchen draufgab welches du für eine herrliche Pointe genutzt hast. Aber dies ist nicht der runde Eindruck, den du anstreben solltest. Du solltest vielmehr anstreben dich als das zu präsentieren, was du bist: eine sehr gute Autorin. Und dazu gehört das Publikum nicht gleich mit deiner Abneigung gegen die Veranstaltung zu überfallen und es auch mal denken und applaudieren zu lassen.

Ich muss mir natürlich eigentlich erstmal an die eigene Nase fassen, ich bin 10 Jahre älter als du und war vor der Lesung das nervöseste Hemd von uns allen – deshalb sehe diese Kritik in dieser komprimierten Form bitte einfach nur als meinen freundschaftlichen Rat der aufgrund meines subjektiven Eindrucks entsteht. Und wenn du ein bisschen Wahres daran findest gräm` dich nicht – ich hätte es mit 17 nicht mal auf die Bühne geschafft.

Also :comfort:

Nun noch zu Ambiente, Publikum und Musik. Ich denke das Ambiente war der ideale Rahmen für unsere erste Lesung. Eine angenehme, entspannte Atmosphäre in einem interessanten kleinen Ecklokal samt Buchladen und Oberrang – fand ich wunderbar.

Unsere Musiker waren ebenfalls Gold wert. Schöne Arrangements, die den Abend wunderbar abrundeten. Die Beiden waren ein Volltreffer.

Dem Publikum war ich dankbar dafür dass es so lange so konzentriert zuhörte und in der Pause nur zu 15 % die Flucht ergriff. Ein dankbares Einstiegspublikum für uns – sehr herzlich, mit Applaus nicht geizig, und mit viel Sitzfleisch und hoher Konzentrationsfähigkeit gesegnet. Und, wie die Reaktionen hinterher zeigten, den Meisten hat es sogar gefallen – was will man mehr?

Ach so, die Küche möchte ich noch loben. Sehr zivile Preise für sehr leckeres Essen. Und die Chefin des Lokals war eine unheimlich liebe Frau mit der ich mich super unterhalten habe. Die Bedienungen haben mir vorher Mut zugesprochen und hinterher gesagt ihnen hätte es gefallen. Und Günther war ein toller Nachtstadtrundgangsführer, auch wenn ich die Hälfte nicht mitbekommen habe, und überhaupt seid ihr alle ausnahmslos, so wie ihr da seid weltklasse :blumen:

Liebe Grüße,

Ham
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Re: Lesungs-Erfahrungen jagen+sammeln

Beitragvon charis » 16.09.2005, 01:11

Hi ihr Lieben,

ja... zunächst mal ... boah, habt Dank für das Lob ... das geht ja runter wie Butter :thanx:

Also, für mich war es ein extrem intensiver Abend von extrem intensive Tagen umrundet. Ich bin leistungsmäßig sowohl geistig als körperlich als emotional ziemlich an meine Limits gegangen. Was zum allergrößten Teil gut war - weil herrlich intensiv. Dieser Zustand war besonders stark spürbar am Abend der Lesung und in Hinblick auf die Vorbereitungen.

Ich hatte zunächst damit zu kämpfen, dass ich mit Ham einen sehr arbeitssamen Co-Moderator hatte. Mein erster Impuls wäre ein spontanes "Ansagen" gewesen. Welchen Effekt wir aber mit unserer wirklich intensiv vorbereiteten Moderation erzielen konnten, war mir nicht bewusst. Umso mehr freue ich mich über die Erfahrung, was ein professioneller Zugang bewirken kann.

Und so war - zunächst aus Moderatorinnensicht betrachtet - dieser Abend ein äußerst erfolgreicher. Ich konnte Ham und mich ja nicht dabei beobachten, aber ich hatte das Gefühl, dass wir ein ausgezeichnetes Paar abgegeben haben, vor allem aufgrund unserer Unterschiedlichkeit, die aber in der Doppelconference zusammengefunden hat. Das war vermutlich das charmante daran.

Ich bin sehr rasch in die Moderatorinnen-Rolle hineingekommen, und habe mich wohl gefühlt dabei, obwohl ich vom Adrenalin-etc-Spiegel extrem hoch oben war, den ganzen Abend lang. Diesen Pegel an Konzentration und Spannung "danach" runterzuschrauben, war mir fast nicht möglich, ich fühlte mich völlig geladen, und bekam dann starke Kopfschmerzen, zum Glück hatte ich eine Tablette dabei, dann gings wieder. Und der Nachtspaziergang und der Lokalwechsel waren dann Gold wert.

Interessanterweise habe ich mich den gesamten Abend über viel stärker mit der Moderatorinnen-Rolle identifiziert als mit der Autorinnen-Rolle, vermutlich aber deshalb, weil die erste einfach durchgehend präsent war.

Die Erfahrung insgesamt fällt in eine Reihe von "Rede"-Erfahrungen, die ich derzeit mache, und ich merke im Moment immer mehr, wie sehr ich das mag, das ich Situationen, vor Publikum zu reden, eigentlich unheimlich genieße. Ich werde dem auch weiter nachgehen, auch im beruflichen Kontext.

Zu meinem eigenen Vor-Lesen:
Danke für euer positives Feedback!! :kiss: Ich habe den Draht, der zwischen mir und Publikum verlaufen ist, selber sehr gut "gespürt", ich habe mitbekommen, dass mir die Leute wirklich zugehört haben, und das hat unheimlich Lust gemacht, etwas zu erzählen ... und deshalb ging das auch sehr gut auf... da war zum einen ein schauspielerischer Aspekt, zum anderen aber auch ein mit meinen LIs mitfühlender Teil, und bei Großmama war ich selbst auch sehr bewegt plötzlich, und da war ich glaub ich, was die Stimme betrifft, sehr nah am Kippen, weil die bereits getränkt von dieser Emotion war...

Das Schöne am Schreiben und v.a. am Lesen ist für mich rückblickend - durch diese Erfahrung bestärkt: die Leute in ein "Haus" mit hinein nehmen, in dem sie Zimmer betreten, die ihnen urplötzlich ganz bekannt vorkommen, oder so, als hätten sie es eingerichtet... ja so,irgendwie ist das...

Ich WAR im Vorfeld nervös, natürlich, es wäre unnatürlich, nicht nervös zu sein. Was ich aber vorab wusste, und was diese Nervosität im angenehmen Bereich gehalten hat: dass dieser Abend, ganz egal wie er verlaufen wäre, für jede/n einzelne/n von uns zu einem Gewinn geworden wäre, dass wir uns daraus jedenfalls etwas holen hätten können. Das hat mir sehr viel Sicherheit gegeben. Auch das Ambiente. Und: die überhaupt nicht vorhandenen Vorgaben / Erwartungshaltungen der Gastgeberin. Wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dort in irgendeiner Hinsicht was "bringen" zu müssen, wäre ich nie so entspannt gewesen. Und das muss man den beiden TIEMPO-Frauen höchst anrechnen!! Wir mussten nicht bluffen, nicht mehr vorgeben, als wir sind, und deshalb genauso das sein, was wir waren: GUT. :-) Was die Leute betrifft: ich wusste ja, dass einige meiner Leute SICHER kommen würden... :-p

Nun zu den anderen:

Tolya:
sehr charmant, perfekte Besetzung als Eröffnungsleser (Gratulation an die Programm-Verantwortlichen!!) ... toll, wie er mit dem Publikum gesprochen hat, sehr professionell. Sehr gut gelesen, habe keinerlei Mängel bemerkt. Der Buchtext - ich habe ihn etwas als Appetithappen enpfunden, hätte gerne noch etwas mehr gehört... aber schließlich sollen die Leute das Buch ja auch kaufen ;-) .

Rike:
Sehr angenehm. Gute Aussprache, klarer Lesefluss. Angenehme Betonung, Tempo ok. Vielleicht einen gewisse Distanziertheit den eigenen Texten gegenüber. Ich weiß nicht, ob sie "drin" war in den Texten - da wäre vielleicht noch was zu tun - dieses unmittelbare "Mitleben" ließe sich bei ihr ev. noch stärken. Oder: dem Ganzen eine verstärke persönliche Wichtigkeit beimessen bzw. dieses Gefühl "rüberbringen". Aber das hängt alles sehr davon ab, was für sie bereits geschriebene Texte bedeuten - welche Beziehung es da gibt.

Dirk:
Habe Nervosität an seinen Händen wahrgenommen - Körperhaltung ist mir nicht negativ in Erinnerung. Er hat eine ausgezeichnete Lesestimme - das einzige, worüber ICH manchmal (nicht nur bei ihm) stolpere, ist einfach euer deutscher Akzent. :-p .
Den H.E.-Auftritt hab ich im Moment selbst überhaupt nicht kapiert (und ich glaube, das Publikum sicher auch nicht...), habe mich auch danach noch gefragt, warum er jetzt und hier Texte von H.E. vorgelesen hat... erst später hat mich - glaub ich - Sillys Entrüstung aufgeklärt... :-D

Silentium:
Ham hat sich bereits ausführlich dazu geäußert. Solange sie mit der Schublade, die sie dem Publikum mit ihren Kommentaren aufgemacht hat, zufrieden ist, ist diese Eigen-Persiflage völlig ok. Lustig sowieso. Publikum mag ja auch Typisierungen immer gern :-) . Dass Silebtium aber weitaus mehr repräsentiert als einen Rollenstereotyp, wiisen wir, und weiß sie selbst auch ganz sicher, glaub ich. Daher wird sich die Entwicklung davon weg bestimmt vollziehen. Und der Genuss an der Performance erwachen. (Ich wette mit dir, in 10 Jahren kriegst DU die besten Kritiken...! ;-) )

Flocke:
Sie ist eine sich nicht in den Vordergrund drängende Person im Leben - so habe ich sie auch bei der Lesung mitbekommen. Etwas mehr Selbstbewusstsein könnte sie sich beim nächsten Mal noch "umhängen" - mit den guten (und dann hoffentlich auch längeren!) Texten völlig zurecht.

Ham:
Der Arme hatte die undankbare Rolle, als Letzter dran zu sein. Bin ich froh, dass das Publikum noch fit war...! Er hat diese schwierige Rolle gut gemeistert, hat selbstsicher, sympathisch, lustig gewirkt. Das einzige, was mich gestört hat, war, dass er während dem Lesen schneller geworden ist, ich konnte dann zb. bei dem Logik-Text (den ich auch noch nicht kannte) nicht mehr folgen (vermutlich auch, weil mir die Subjunktions-Vokabeln noch nie untergekommen sind). Mein Hirn schaltet bei sowas extrem langsam... d.h. ich konnte die Hälfte der Pointen nur ahnen. Der Text war also eine recht schwierige Vorgabe. Trotz meiner Aussetzer dabei habe ich die gesamte Sache aber als kurzweilig und lustig in Erinnerung...! Sehr gut hat er den Kontakt mit dem Publikum gehalten, die verpatzte (??) Einleitung hab ich überhaupt nicht mitgekriegt...

Das Publikum war sehr super - ich hatte natürlich den Bonus, einige zu kennen und ausführlich zu befragen - das Feedback war ausnahmlos positiv - zu einem beträchtlichen Teil sogar überschwänglich! ah ja - jetzt kann ich endlich mal berechtigt diese herzigen smilie einsetzen...
:fun:

Ambiente: ich hatte ja vorher Angst wegen der Kleinheit des Lokals, bin aber eines Besseren belehrt worden... war perfekt. Außergewöhnliche Diszipliniertheit und Rücksicht der Gastronomen punkto Servier-Unterbechungen - die Leute haben uns alle sehr viel Wertschätzung entgegengebracht.

Leseerfahrungen bisher:
Kurz & bündig: Lokal-Hinterzimmer, ein Haufen freakiger junger Leute, spontane Lyrik, Interaktion mit dem Publikum, Ziwschenrufe, -kommentare, Laissez-faire...
Fazit: ich ziehe die "deutsche Gründlichkeit" vor - tiempo war weitaus bereichernder!

Ca y'est.

es grüßt euch alle lieb
charis

Flocke
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Re: Lesungs-Erfahrungen jagen+sammeln

Beitragvon Flocke » 19.09.2005, 16:30

Hallo in die Runde.

Hier also auch noch meine Eindrücke von unserem Leseabend.

Erstmal die positiven Sachen.

1. Das Lokal war toll ausgesucht, genau richtig für uns, es hat mir sehr gut gefallen. Denke auch, dass es für das Publikum ganz gut so war, keine allzu große räumliche Distanz zur „Bühne“ und dem Lesenden. Abgesehen von denen, die oben im Rang saßen und den Überblick behielten...

2. Die Moderation fand ich sehr gut, hatte ich woanders schon mal erwähnt, glaube ich. Ich hatte im Vorfeld nur sehr unklare Vorstellungen darüber, wie dieser Abend ablaufen soll, insofern fand ich, dass es charis und Ham durchaus verstanden haben, die Leute bei Laune zu halten und auch uns Lesende interessant einzuführen. Eure lange Vorbereitung hat sich in meinen Augen wirklich gelohnt, mir sind keine größeren Pannen aufgefallen und es kam auch charmant rüber. Hut ab! :applaus:

3. Die Musik war absolut passend. „Eigenwillige Arrangements“ war eine gute Umschreibung dessen, was geboten wurde. In etwa so vielseitig wie die gelesenen Texte.

Bei den Vorlesenden sind mir an sich keine großen Versprecher aufgefallen, allerdings habe ich vor lauter Aufregung auch nicht so sehr darauf geachtet. Einen großen Teil der Texte kannte ich auch schon, da hört man dann eh anders hin, als wenn sie neu sind, denke ich. Kann mich bei manchen nicht mehr so an Einzelheiten erinnern, muss wohl die Aufregung gewesen sein.

Tolya als Einstieg war ein wirklich guter Griff, ich fand ihn sehr locker und gewinnend, denke, er hat uns gleich zu Beginn einiges an Sympathiepunkten eingebracht. Seine Erfahrung im Umgang mit solchen Situationen war deutlich zu spüren und hat uns anderen wohl auch ein Stück weit den Weg geebnet. :thanx:

Bei Edekire ist mir jetzt nicht groß was aufgefallen, hat sie gut gemacht, soweit ich mich noch erinnern kann.

Dass Dirk nervös war, hat man schon irgendwie gemerkt, zumindest an den Händen. Aber ich habe ihn ja auch die ganze Zeit oben mit zappeln erlebt, dagegen kam er mir unten schon ziemlich ruhig vor. Der Gag mit Herrn Eiter ist bei mir irgendwie nicht angekommen, mag aber daran liegen, dass ich mir schon im Forum nicht viel Gedanken um ihn gemacht habe. Nichtsdestotrotz erschien mir Dirk in dieser Rolle wesentlich ruhiger.

Silentium hätte ein bisschen langsamer lesen sollen (ja ich weiß, das sag ausgerechnet ich... :-& ), durch das Tempo und die, wie mir persönlich schien, manchmal etwas lieblose Lesart haben die Texte etwas an Wirkung eingebüßt. Der umgefallene Stuhl am Schluss war dann ein, wenn auch unfreiwilliger, aber doch lustiger Unfall.

Bei charis kann ich mich dem allgemeinen Tenor bisher nur anschließen, guter Vortrag, trotz des m. E. etwas zu langen Prosatextes.

Und Ham als krönender Abschluss hat es auch gutgemacht, fand ich. Die Pointe des Wittgenstein-Textes habe ich zwar immer noch nicht kapiert, wahrscheinlich brauche ich mal ein Logik-Seminar, aber sei’s drum. Einzig das dreimalige Nennen des Titels, aber das kann vor lauter Aufregung schon mal passieren.

Und zu mir:
Ich war wohl auch ziemlich aufgeregt, habe mich die ganzen Tage schon immer gefragt, welcher Teufel mich geritten hat, vor fremden Leuten lesen zu wollen... Für mich war es, wie ja für einige andere auch, das erste Mal in so einer Umgebung. Habe zwar schon an vielen Lesungen teilgenommen, aber immer nur als Zuhörer. Insofern hatte ich einen Bammel wie zuletzt in der Schule, wenn es ans Gedicht-vor-der-ganzen-Klasse-aufsagen ging. Und das habe ich immer gehasst, ehrlich. Ich weiß auch nicht mehr, ob ich gut gelesen habe oder wie üblich zu schnell war, Sandro meinte, das erste war zu schnell, das zweite zu kurz und beim dritten war ich dann einigermaßen ruhig. Aber dann war’s ja auch schon wieder vorbei. Ein bisschen habe ich mich auch gefühlt wie bei Prüfungen in der Schule, wo man erstmal die Aufgaben liest, „sch..., keine Ahnung“ denkt und dann anfängt und merkt, es geht doch. Bis auf diese erwartungsvollen Blicke nach dem Haiku habe ich auch vom Publikum nicht viel mitgekriegt, irgendwie dachte ich immer, Augen zu und durch. Sandro meinte, dass hat man ein bisschen gemerkt. Charis hat schon recht, ich stehe äußerst ungern im Rampenlicht. Darf ich allerdings noch bemerken, dass mir die mich ankündigende Moderation sehr gefallen hat?

P.S. Tolya, dieser Haiku ist mein bisher einziger und mir eher zugeflogen als bewusst geschrieben... :-D


Und nun die wenigen negativen Eindrücke:

1. Ich fand die Lesung insgesamt zu lang (bitte nicht falsch verstehen, lang ist nicht gleich langweilig...). Es war zwar durch Moderation, Pause und Musik aufgelockert, aber es waren insgesamt gut 2 Stunden, oder? Für mich persönlich fand ich halb elf abends als Lesezeit ziemlich spät, gut, ich bin abends auch recht schnell müde und nicht unbedingt ein Nachtmensch. Kann sein, dass sich das zusätzlich negativ auf meine Leseform ausgewirkt hat, trotz allem Adrenalin.

2. Die einzelnen Vorträge waren von der Länge her etwas unausgewogen. Gut, die meisten Leute im Forum schreiben ja sowohl Prosa als auch Lyrik, dennoch sollte man m. E. bei einer Lesung darauf achten, dass die gelesene Prosa nicht zu lang ist. Mein Eindruck war, dass z.B. charis Text schon hart an der Längengrenze war, es kostet den Zuhörer enorm viel Konzentration, bis zum Schluss bei der Stange zu bleiben. Und dann noch die Gedichte hinterher... Silentiums Text ging auch gerade noch, die von Ham und Ede gelesenen hatten die richtige Länge, denke ich. Was den Aufbau anging, hatten die Vorträge von Tolya, Ede und Ham die richtige Mischung, glaube ich. Ein wenig kurze Prosa und ein paar nicht zu lange Gedichte.

Ach ja, und der Auftritt von Herrn Eiter ist dem Publikum nicht so recht aufgegangen, glaube ich. Das war wohl eher ein Insider-Gag, wobei wohl auch ein paar Insider (mich eingeschlossen) nicht viel damit anfangen konnten. Es hätte vielleicht noch anders gewirkt, wenn Dirk und Ham die geplanten Faxen auch gemacht hätten, aber gut. Hinterher hat man immer gut reden, Dirk war schon mutig genug mit zwei Auftritten.

3. Ich hätte mir gewünscht, schon im Vorfeld ein bißchen "proben" zu können oder, wie es eigentlich geplant war, bei der Werkstatt ein wenig von Tolyas Erfahrungen zu hören und vielleicht gemeinsam mit den anderen ein bißchen den Ablauf zu spielen, die Lesereihenfolge bekannt zu geben (oder war ich die einzige, die es erst am Abend erfahren hat?)und lesen zu üben. Darauf hatte ich, ehrlich gesagt, mangels meiner Auftrittserfahrung gehofft. Schade, dass dafür keine Zeit war.


Und die Moral von der Geschicht’: Es hat Spaß gemacht, trotz allem und es war eine aufregende neue Erfahrung. Und irgendwie scheint es mir ja wichtig zu sein, euch zu treffen, selbst wenn der Preis dafür eine öffentliche Lesung ist. Ich denke, für das erste Mal hat es gut geklappt und wir haben einen ordentlichen Eindruck hinterlassen und keinen Grund gegeben, uns im Nachhinein noch an die Kette zu legen... ;-)

O.K. soweit erst einmal mein Senf dazu.

Liebe Grüße
Flocke
...Der den Wind kennt / besser als alle Bücher / den Baum / frag nach Wahrheit...

Silentium
Mnemosyne
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Re: Lesungs-Erfahrungen jagen+sammeln

Beitragvon Silentium » 19.09.2005, 19:30

Aaaalso...

gibt eh nix mehr zu sagen, oder? Ham war klasse, Charis genial und Tolya so seriös, dass ich ihm nach der Lesung einen Kleinwagen abgekauft hätte. Als Ede gelesen hat, hab ich hauptsächlich geschaut, ob der Kerl, der da im Eck sitzt, eh genug bei ihr aufschreibt, hat er getan, also war er sich anscheinen mit mir einig, dass Rike auch prima ist. Deshalb musste ich nicht hinuntergehen und ihn vor's Schienbein treten. Gut für ihn. Bei Dirk haben die Hände gezittert, aber das ist ja für's Lesen wurscht. Wie Eiter gelesen hat, weiß ich nicht mehr, weil ich so kämpfen musste, mich davon abzuhalten, ihm von oben das Weinglas über den Kopf zu gießen. DA hätte ich mir nacher was anhören können... :-D
Bei Flocke war vor allem der Spruch: "Das ist ein Haiku! Der hat nicht mehr Silben!" süß, aber viel zu kurz hat sie gelesen.

Und ich bin langsam froh, dass der scheiß Sessel umgefallen ist, weil das als einziges richtig gewesen zu sein scheint. Soll ich euch sagen, warum ich Lesungen hasse? Weil mir grundsätzlich sowas passiert. Es geht sogar was schief, wenn jemand Fremdes einen Text von mir vorliest, wie soll da... und ich WEISS, dass ich pampig und zu schell und lieblos und... grummelgrummelgrummel. Lag vielleicht auch daran, dass ich den verdammten Text nicht lustig finde. Aber auf meinen Einspruch hat ja wieder mal keiner gehört! :-D Ähm. Ja. Ich arbeite dran.
Immerhin war ich nimmer panisch, weil ich mein ganzes Adrenalin aufgebraucht hatte, um mich über Eiter aufzuregen. Nur war ich deswegen eben auch -hüstel- eher agressiv aufgelegt, was sich dann irgendwie in meinen Kommentaren... ähm. Ganz abgesehen davon hab ich natürlich diese Sache mit der O... ähm. Ja. Das war abgeschlossen, oder?

Publikum um Lokal waren wirklich klass, so nebenbei, stimmt schon.
I would go to the Dark Side in a heartbeat if I thought they had better dialog over there.
- Ursula Vernon


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