dringende Bittschrift

Warum schreiben wir? Wie werde ich reich und berühmt durch meine Bücher? Was macht die besondere Schönheit des Adjektivs aus?
riemsche
Dionysos
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dringende Bittschrift

Beitragvon riemsche » 18.03.2007, 23:23

gefunden. folgende bittschrift wurde von unbekannt ins net gestellt:


1. Denkt mehr als ihr schreibt.
2. Schreibt langsam und gedrungen.
3. Ehret das lesende Publikum.
4. Schreibt nicht eher, bis ihr etwas Wichtiges oder Neues zu sagen habt.
5. Lest erst, was vor euch darüber gesagt worden; und erlaubt euch eure Eigenliebe es besser, oder gleich gut zu finden, so behaltet das Eurige zurück.
6. Verwahrt es, wo möglich, im Kopfe; ist dies aber von dem alten in euch liegenden Keim der Schreibsucht zu viel gefordert, so wollen wir auch dies dulden, dass ihr es uns kurz vertraut; nur fordert nicht, dass wir jede eurer Kruditäten vor das Publikum tragen.
7. Lasst nur die Besseren und Erfahrensten schreiben; verweist die Unmündigen und Lahmen von der Grenze.
8. Treibt aus der Schriftstellerei kein Handwerk.«

Eine Bittschrift des Computers ist aufgrund der rasch steigenden Speicherkapazität nicht zu erwarten, eine der Leser wäre jedoch sehr wohl angemessen. Die Speicherkapazität der Leser hat in den vergangenen 217 Jahren kaum zugenommen.

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mich würde interessieren, für welche schriftsteller(in) diese 8 gebote intuitiv zutreffen, ohne das (der)die sie kannten.
in welchen punkten gehen wir damit konform?
war purismus, arroganz, zeitgeistkritik, verkanntes genie oder kritikamkritiker auslöser dieses postings?

ein selbst kritischer ;-)
kasparov
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DerBaum
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Re: dringende Bittschrift

Beitragvon DerBaum » 19.03.2007, 16:09

ich fang mal mit dem letzten an..

was anderes ist literatur und damit schreiben anderes als handwerk, man schreibt runter, man läßt das ganze liegen, man nimmt es wieder zur brust, man liest es laut vor, man löscht, man löscht unbedingt. löschen ist jetzt das wichtigste und die gelöschten wörter sind keineswegs umsonst geschrieben, sie sind sogar das wichtigste, damit die worte sichtbar werden die bleiben..


das siebte

das ist reiner unsinn, alle schreiben zum ersten mal unerfahren, selbst beckett, wenn man diesen rat ernst nehmen will heißt es, einpacken.



das sechste

das versteh ich gar nicht



das fünfte


unsinn



das vierte

das ist ein absoluter quatsch. ich habe sibylle berg, ihres zeichens keine unbekannte schriftstellerin, mal gefragt, wie man es schafft einen roman zu schreiben und sie sagte, einfach drauflos und daran glaube ich auch nd es gibt kaum einen schriftsteller nehme ich an, der genauso arbeitet, wie soll es auch anders gehen.


3.

pffff...das ist der tod der literatur, ein schriftsteller der fürs publikum schreibt ist ein toter schriftsteller und zwar in der art tot, dass er zwar noch lebt und meinthalben auch steuern zahlt, das ist aber schon alles.


2

:-) U N F U G ...schnell schreiben, alles rauslassen...



1.

das ist denk ich mal die Tragik der deutschen Literatur
Wenn jemand auf der Stelle tritt und tut dabei niemanden weh, das ist ein schlechter Dichter

Edekire
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Re: dringende Bittschrift

Beitragvon Edekire » 19.03.2007, 20:02

so, ich jetzt auch mal. aber bevor ich zu den punkten komme, herr mütze, was sie zu dem letzen punkt zu sagen hatten ist für mich so furchtbar wahr, und da ich es besser nie sagen könnte, sage ich dazu gar nichts.

1. hm. ich glaube das lässt sich schlecht vermeiden, sonst könnte man ja gar nicht mehr tun und immer einen stift in der hand haben fände ich unpraktisch beim lebenlesentanzenarbeitenwasauchimmer.

2. verstehe ich nicht recht. wie schreibt man gedrungen??? und warum langsam

3. weiß nicht so. ich glaube das man im ersten schritt nicht daran denken sollte. aber beim arbeiten vielleicht. aber ehren.. hmmm...
4. das habe ich auch mal gedacht. aber mal ganz ehrlich, was gibt es noch neues zu sagen, welche geschichte ist nicht in einen oder anderen art schon mal erzählt worden. wenn ich ein buch lese wie sagt lila zum beispiel, das ist so wundervoll dieses buch, was erzählt es? die geschichte einer liebe, zwischen zwei menschen die irgendwie anders sind und wie sie scheitern. wie oft ist sowas schon erzählt worden und trotzdem ist dieses buch so wunderbar, weil es so anders erzählt ist.

5. ich glaube auch das es wichtig ist zu lesen und zu kennen, aber ich mag die art wie das formuliert is gar nicht, das kommt mir arg arrogant vor. ich weiß nicht sowieso ist mir der stil des ganzen ziemlich unsympatisch...

6. hihihi, ich vergesse ständig alles was mir eingefallen ist, weil ich zu faul bines aufzuschreiben. vielleicht besser so, aber was solls.

7. sehe ich genau wie monsieur le chapeau
finde ich auch so sehr doof formuliert, weil es wirklich arrogant klingt. ich habe oft genug leute kritisiert, auch hier, immer wieder leute verscheucht. ich finde das aber uach wichtig, denn entweder sie lernen dann, oder nicht und dann hören sie normalerweise von selber irgendwann auf


zu deiner frage bezüglich des autors...
ich mag den stil in dem das ganze abgefasst ist nicht leiden, weil für mich arg ein: ich bin toller als andere und wieß schon mehr und das auch noch besser durchschimmert.
es klingt einfach arrogant und jemand der mit sprache arbeitet, wie der unbekannte autor es zu tun scheint, sollte eigentlich in der lage sein, wenn er denn will, diese wirkung zu vermeiden. daran liegt ihm aber scheinbar enfach nichts.
deshalb mag ich nicht zuhören.
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
sarah kane

riemsche
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Re: dringende Bittschrift

Beitragvon riemsche » 19.03.2007, 22:46

liebe edekire - s.g. herr hut !

je mehr ich mich mit dem forum beschäftige, desto spannender wirds. ich bin immer noch ein fan von guten kommentaren. sie sind für mich eine art angle-funktion. worte aus immer neuen blickwinkeln zu observieren bringt mich seltenleser und von metriknullahnunghabender dazu, mir unbewusst regeln zu eigen zu machen. sie bei bedarf auch ohneweiteres auf mein verständnis zurechtzuschnippeln.

das erstmals lauttstarkmächtigwichtig betonte durchlesen dieser steintafel hatte ein "in welcher zeit lebt der mensch?" revoluzzerfeeling in magengegend zur folge. falls doch irgendwann vor meiner zeit angesiedelt, könnten die formulierungen damals zeitgeist, konservative denkensart der liga ehrenwerter autoren auf einen punkt gebracht haben.

wer weiß, ob sich vielleicht nicht sogar der verfasser selbst bei und nach der niederschrift seinen überwiegenden teil über das erste gebot ;-) gedacht hat.

als thread seltsam. aber - haben nicht schon herrhut und die edlekire mit ihrer art, die regeln auf die reihe zu kriegen bewiesen, dass uns schrei(b)ende vordenlatzknaller wie diese Acht in einer schreibweise auf den zeitgeist gehen, die im "sonichtganzund-totalanders"stil schon nach zwei knirschen und knacken, das es eine freude ist, sich die leute dahinter vorzustellen.

das spontane, das im halbschlaf kaum bei bewusstsein zu kritzelzettelgreif bewegt, ist das, was buchkonstrukteure dieser damaligen zunft wahrscheinlich in gut verschlossenen schreibwatschdenkstübchen archivierten. realtime angreif-undwunderbar: eine nie ganz unter kontrolle zu kriegende verwundbarkeit, die ich nicht mehr missen möchte. krieg schon fast den sentimentalen hier. aber ich geniesse die zeit mit euch wirklich.

schnief
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Re: dringende Bittschrift

Beitragvon riemsche » 24.03.2007, 22:16

noch zwei ergänzungen, die mich antiquierte pflichtwatschn in zwei punkten aus leicht veränderter postion betrachten lassen:

ein synonym für "gedrungen": kompakt

"Kru/di/tät" die; -, -en (plural) <aus lat. cruditas, Gen. cruditatis "Unverdaulichkeit">
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