maunzer grübler rippenstessa

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riemsche
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an Guadn

Beitragvon riemsche » 16.03.2021, 22:51

Der Begriff Bayerisch umfasst südlich der Demarkationslinie des Main _sprich Weißwurstäquator_ drei alteingesessene Tribes: Franken, Schwaben, Altbayern. Zwei Millionen Sudetendeutsche zählen als durch Krieg vertrieben und in Folge aufgenommen vierter, zuagroaster Stamm_ ein Gewinn an fähigen und fleißigen Neubürgern, die maßgeblich zur Industrialisierung beitrugen.

Seit 1933 am Markt, aktuell in der 56. Auflage und mit 1,6 Millionen verkauften Exemplaren derzeit das meistverkaufte Druckwerk in Bayern nach der Bibel_ ein Kochbuch. Das Staatsministerium für Landwirtschaft und Forsten bemüht sich als dessen Sponsor ab Seite-3 um die Umdeutung eines zu knapp bemessen Bayern-Bilds. Neben einem Essay des Vorstands der Adalbert-Raps-Stiftung über den Heterosis-Effekt, der in Genetik die von Pflanzen und Tierwelt abgeleitet gesteigerte Leistungsfähigkeit von Menschen gemischter Abstammung beschreibt, findet man eine Fotografie.

Auf dieser stehen neben zwei bayerischen Deandln drei Afrikaner in der Ledernen mit Janker und eine Asiatin im Dirndl Modell. Auf Nachfrage entpuppt sich das Foto als Montage, die den Umstand verdeutlichen soll, dass Bayern jenseits der Küchenzeile schon immer ein Meltingpot war, der seine Stärken aus der Fusion unterschiedlichster Einflüsse generierte. Identität war demnach eine stets fließende, beständig nur der Wandel. Dieser hinkt _wie vorab beschrieben_ nur bezüglich bemüht Bildbeispiel lokalem Posting in locker möglich Auswahl a weng hinterher.

Vor Ort ein nicht immer gern gehört aber top Argument für das Bayerische als kultureller Saugschwamm ist, dass man sich die Knödel streng genommen aus Böhmen einverleibte, der Franzos das Böfflamott importierte, ebenso den Camembert, ohne den es koan Obatzda gäb. Dass der Paprika hierfür und die Kartoffeln für d Knödel aus der Neuen Welt kommen_ geh weida, Tüpflescheisser!
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Moment_ hab s gleich

Beitragvon riemsche » 23.03.2021, 14:47

Vom Gedanken zum gesprochen Wort läuft unterwegs nicht immer alles reibungslos. Ab und zu schleichen sich Fehler ein – etwa in Form _Freudscher?_ Versprecher. Dann sagen wir zum Beispiel Dinge wie »Der Hund reviert sein Markier«. Hin und wieder liegt uns etwas sprichwörtlich auf der Zunge. Wir wissen um was sich s handelt, kennen es, können sogar gewisse Charakteristika spezifizieren, nur der Groschen an sich will partout nicht fallen. Häufig tritt dieses Phänomen bei Eigennamen auf_ s Gefühl: hat so und so viele Silben und beginnt mit XY erweist sich nicht selten als Trugschluss. Dass einem s Entfallene jeden Moment locker über d Lippen kommt_ ebenfalls. Aber wo genau hakt es in solchen Augenblicken?

Hierfür müssen wir uns den Aufbau unseres mentalen Lexikons, also den Teil des Langzeitgedächtnisses, der sprachliches Wissen enthält, vergegenwärtigen. Dieses umfasst verschiedene Ebenen. Eine davon, die Formebene, repräsentiert s Schriftbild und die Sprachmelodie jedes Worts. Auf einer anderen wiederum sind dessen Bedeutung sowie Kombinierbarkeit mit anderen Vokabeln gespeichert. Fachleute nennen diesen Bereich die Lemma-Ebene, Griechen_ das Angenommene.

Was dem geistig Prozess nunmehr noch fehlt, sind Konzepte. Diese bilden Knotenpunkte mit diversen Wissensaspekten, wie Bilder, Gerüche, Höreindrücke, Emotionen und eben_ Wörter. In Summe verfügen wir damit über ein Archiv, welches wir mit dem Suchbegriff verknüpfen. Um einen Gedanken in Sprache zu gießen, muss also zunächst das betreffende Konzept aktiviert werden. Dann beginnt die Suche nach Einträgen im mentalen Lexikon, deren Bedeutung zum Konzept passt. Schließlich muss noch formal die Information abgerufen werden_ zB wie heißt..?

Auch wenn s nicht sofort Klick macht, stellen sich doch gewisse Teilerfolge ein_ wir wissen beispielsweise, welchen Geschlechts das gesuchte Wort ist, beschränken uns auf das Substantiv, jonglieren mit Berufsbezeichnungen. Das spricht dafür, dass der Zugriff auf die Lemma-Ebene funktioniert, denn hier sind Informationen wie das grammatikalische Geschlecht _Genus_ eines Worts hinterlegt. Zudem zeigen Experimente im Sprachlabor: ein phonologischer Hinweis, also ein klanglich ähnliches Wort hilft eher, auf den Namen zu kommen, als eines mit ähnlicher Bedeutung. Das deutet darauf hin, dass besagt Problem auf der Formebene angesiedelt ist.

Rund einem Drittel der studiert Probanden gelingt es nicht, das Genus eines Substantivs zu bestimmen, das ihnen auf der Zunge liegt. Hier wird s Gesuchte offenbar auf mehreren Ebenen unvollständig aktiviert. Deshalb wissen wir zwar mitunter, worauf es sich reimt oder auf welcher Silbe man s betont_ nur hat s noch keine aussagekräftig Gestalt angenommen.

Im Alltag steht meist kein Versuchsleiter parat, der einem mit Tipps auf die Sprünge hilft. Alle Wörter, die man ausschließen kann, laut auszusprechen, sie sozusagen mental aus dem Weg zu räumen, hilft bedingt und nicht jedermann. Wenn s denn ein Trost ist_ das alles ist ganz normal und s Phänomen gibt es in allen Sprachen der Welt. Schätzungen zufolge geraten wir im Schnitt einmal die Woche derart ins Stocken_ Ältere angeblich etwas häufiger als Junge. Kann mich allerdings an d Namen der Expert/inn/en, die letzteres behaupten, beim besten Willen nicht erinnern (:-))
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Flucht und Möglichkeit

Beitragvon riemsche » 24.03.2021, 12:22

Wenn wir uns überlegen, was wir jetzt tun sollten, dürfen wir eines nicht vergessen_ die Vorstellung, dass wir anderswo hingehen können, wenn wir s Hier und Jetzt ruiniert haben, ist schlichtweg Humbug. Wir wurden Zeit unseres Lebens für ein Leben auf Erden optimiert. Und damit hat sich s aber auch schon. Selbst Noah baute keine Dämme, sondern eine Arche. Der heroische Akt bestand in der Rettung einiger weniger, nicht in der Abwendung einer über alle Menschen hereinbrechenden Katastrophe. Mittlerweile selbst Verursacher einer solchen fehlt uns die vorbildhaft Erzählung, in der wir uns selbst überwinden, nicht um zu erobern, sondern um zu bewahren. Die meisten Jener, die sich betreffend Raumfahrt wortwörtlich um einen gewissen physikalischen Realismus bemühen, haben eines gemeinsam. Sie empfinden das Leben jenseits unseres Planeten für unsereins im Grunde genommen furchtbar_ Staub, Gase, tödliche Kälte, mörderische Hitze, null Luft zum Atmen. In s All ausgewandert oder gar dort geboren, würden wir wenn_ schwächlich, langgezogen, der Schwerkraft nicht gewachsen, nie wieder oder unter Qualen erneut auf d Erde reisen.
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Re: maunzer grübler rippenstessa

Beitragvon riemsche » 25.03.2021, 11:22

Der versorgend Wohlfahrtstaat ist am Limit. Es klafft ne Lücke zwischen der Idee und ihrer Finanzierung, zwischen befähigt Bürger und deren Reaktion, zwischen No Risk No Fun und aktuell Gefahrenlage.

Ursprünglich ging es darum, den Menschen ihre Existenzangst zu nehmen. Sie sollten frei sein, in ihrem Arbeits- und Berufsleben riskante Entscheidungen zu treffen, ohne fürchten zu müssen, damit unkorrigierbare Fehler zu begehen. Nur so konnte der Arbeitsmarkt flexibilisiert, die Berufe differenziert und eine Gesellschaft entwickelt werden, die ihr lokales Wissen nutzt, um diesen oder jenen Weg einzuschlagen, während der Staat ein Netz für jene webt, die noch nicht wissen wohin. Zeit, sich neu zu orientieren.

Von Risiken befreit werden, ist das eine_ erinnert an Immanuel Kants Verständnis der Aufklärung unter den Bedingungen eines autoritären Staates_ «Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?», 1784: «Räsoniert, so viel ihr wollt und worüber ihr wollt; nur gehorcht!» Er fand s «befremdlich», aber im Sinne der zweifach Vernunft, die darin liegt, sie sowohl privat praktizieren als auch öffentlich einschränken zu können. In dem Fall heißt es wohl eher: «Riskiert, so viel ihr wollt und wo ihr wollt; der Staat fängt euch auf!»_ wenn auch am untersten Ende dessen, was man bereit wäre, komfortabel zu nennen.

Das andere ist die befremdlich Doppelung. Seit dem Seehandel der italienischen Stadtstaaten wird Risiko nicht nur als Gefahr, sondern auch als Abenteuer verstanden. Ersteres will man nach Möglichkeit vermeiden. Abenteuer? Aber gern doch. Die Brüder Grimm wiesen in ihrem Deutschen Wörterbuch anhand zweier Beispiele _ s Liebesabenteuer bei Goethe und s Abenteuers der Vernunft bei Kant _explizit darauf hin: «Mit diesem Abenteuer nun verknüpft sich stets die Vorstellung eines ungewöhnlichen, seltsamen, unsicheren Ereignisses oder Wagnisses, nicht nur eines schweren, ungeheuer unglücklichen, sondern auch artigen und erwünschten.»

Kein Gewinn ohne s Wagnis. Ein Kitzel, dank dem man sich umso lebendiger fühlt, je näher man dem Abgrund ist. Ebenso wichtig jedoch ist ein anderer Aspekt. Beim s Risiko berechnen reduziert man d Welt nicht nur auf Gefahren und Gelegenheiten, sondern entdeckt sie neu. Sind es eigene Entscheidungen, die das Geschäft und s Leben abenteuerlich gestalten, kann man beginnen, über Alternativen nachzudenken, Voraussetzungen zu klären, sich abzusichern, nach Partnern zu suchen, den passend Moment zu bestimmen und dergleichen mehr. Man entwickelt Semantiken der passionierten Liebe, klärt Theorien und Methoden, um d Vernunft nicht nur zu kontrollieren, sondern auch weiterzuentwickeln. Die Welt wird ne andere, nennt sich fortan Moderne.

Grundsätzlich lässt sich jede Art Handeln zu einer Entscheidung stilisieren und mit einem Risiko versehen. Dazu gilt s strikt zu individualisieren, von der Entscheidung betreffend Ausbildung, Beruf und Lebenspartner bis zur Auswahl der Nahrungsmittel und Reiseziele. Die Unterscheidung zwischen Risiko und Gefahr ist keine ontologische zwischen Sachverhalten, sondern eine Beobachtung mithilfe einer differenziert Betrachtungsweise, die dem Beobachter die Wahl lässt. Mittlerweile reicht schon ein Wort, um zu mobilisieren, etwas als riskant zu beschreiben. Man tut, was man tut, und dann passiert, was passiert_ kann allenfalls im Vorhinein signalisieren, dass man bereit ist, allem und jedem die Stirn zu bieten, und im Nachhinein behaupten, die Gefahr heldenhaft überstanden zu haben. Für d Stilnote mag das auf d Individuelle genügen, aber es dokumentiert zugleich einen geradezu altehrwürden Glauben an s Schicksal.

Diese Art des Heroismus wird in der modernen Gesellschaft ausgiebig kultiviert. Vertreten durch Massenmedien, einerseits ständig Gefahren, Risiken und damit einhergehend Verantwortung aussetzt, wird anderseits das Führen einer entsprechenden Existenz als alternativ Lebensweise in einer sich in Sicherheit wiegend Gesellschaft hochstilisiert. «Gefährlich leben!», war der Schlachtruf Friedrich Nietzsches in der «Fröhlichen Wissenschaft», ergänzt durch die Empfehlung: «Baut eure Städte an den Vesuv.»

Viele seiner heutigen Follower haben die Freiheit als Einwand gegen die gegenwärtige Gesellschaft entdeckt. Aber sie irren. Denn die Freiheit, die sie meinen, ist die derer, die nichts zu fürchten haben, ihre Existenz ungern aufs Spiel setzen, die neue Wildheit in einer separaten Komfortzone praktizieren. Alle anderen haben tatsächlich etwas zu verlieren. Und diese wären gut beraten, sich an ihren eigenen Risiken zu orientieren. Ein Staat in Geberlaune kann ihnen dabei unterdessen helfen. Eine Erlösung ist das beileibe nicht.
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dicke Post

Beitragvon riemsche » 26.03.2021, 12:31

Bis heute werden die Texte des romantischen Dramatikers in Schulen gelesen. Dabei gehören seine Werke mitunter zum wortwörtlich Unangenehmsten, was der Nationalismus seiner Epoche hervorbrachte. Bis zur Lebensmüdigkeit mit sich selbst unzufrieden, spielte Heinrich von Kleist 1803 in Paris mit dem Gedanken, den Tod nach Möglichkeit in französischen Militärdiensten zu suchen. Wenige Jahre später aber weckte Napoleon mit seinen Kriegszügen den politischen Trotz des preußischen Offiziers.

Widerstandsgeist flammte erst recht in ihm auf, als er 1807 im besetzten Berlin als Spion festgenommen, für d Festungshaft nach Frankreich deportiert und nach einem halben Jahr wieder freigelassen wurde. Ende 1808 hatte er ein Schauspiel fertig, das den Vernichtungskampf gegen einen übermächtigen Feind nach antikem Muster zum Inhalt hatte_ nach Ansicht von Experten ein blutrünstig Stück, das die Methoden des totalen Krieges vorwegnimmt.

Nach dem Vorbild österreichischer Schlachtgesänge dichtete Kleist zudem als Maxime einer geplanten Zeitschrift namens Germania Verse, deren wilder Hass bis heute erschüttert_ alle Deutschen sollten wie ehedem als Römerüberwinderbrut hinab ins Tal der Schlacht ziehen; >>schäumt, ein uferloses Meer, / über diese Franken her!

Alle Plätze, Trift' und Stätten,
Färbt mit ihren Knochen weiß;
Welchen Rab' und Fuchs verschmähten,
Gebet ihn den Fischen preis;
Dämmt den Rhein mit ihren Leichen<<
...

Der fremde Wolf müsse vernichtet werden:

>>Schlagt ihn tot! Das Weltgericht
Fragt euch nach den Gründen nicht.<<


Mitte 1809 begann Kleist ein chauvinistisch-ironisches Lehrbuch der französischen Journalistik >>Was man dem Volk dreimal sagt, hält das Volk für wahr<< und in einem Katechismus der Deutschen nannte er Napoleon >>den Anfang alles Bösen und das Ende alles Guten<< Es gehe um eine vaterländische Gemeinschaft, die >>nur mit Blut, vor dem die Sonne erdunkelt, zu Grabe gebracht werden soll<<. Gedruckt wurde keiner dieser agitatorischen Texte_ das hätte schon die strenge Zensur der Besatzer nicht geduldet. Aber was nicht Fragment blieb, kursierte unter der Hand.

Als Frankreichs Siegesserie endete, hatten Freiheitsliteraten Konjunktur_ vom jungen, 1813 gefallenen Partisanen-Poeten Theodor Körner bis zu Ernst Moritz Arndt, der nebst patriotischen Traktaten so manch martialisch Kriegs- und VaterlandsLied dichtete. Auch Freunde Kleists, etwa der katholische Staatsdenker Adam Müller, übten sich in nationalem Pathos.

Kleist_ davon unberührt, mittlerweile 34 und nach weiteren Misserfolgen verzweifelt ohne Ende, erschoss am 21. November 1811 am Berliner Wannsee seine Bekannte Henriette Vogel und dann sich selbst. Erst zehn Jahre später _im Todesjahr Napoleons_ gingen sein Drama Die Hermannsschlacht und s Schauspiel Prinz Friedrich von Homburg in Druck.
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von Wert und Sein

Beitragvon riemsche » 14.04.2021, 11:28

Wer sich anstrengt und Leistung erbringt wird anerkannt und schafft s nach oben. So lautet ein Versprechen unserer Gesellschaft. Was genau als Leistung definiert wird, bleibt jedoch schleierhaft. Aktuelles Topbeispiel_ warum leistet eine Pflegekraft, die Verantwortung für das Leben anderer übernimmt, weniger als jemand, der als Key Account Manager Verantwortung für ein Unternehmen trägt? Das heute geltende Leistungsprinzip ist ne Grundnorm der modern meritokratischen Gesellschaft, stammt noch aus Zeiten, als sich s Bürgertum gegen die unproduktive Aristokratie gewandt und eingefordert hat, dass gesellschaftlicher Status nicht mehr vererbt, sondern selbst erarbeitet werden soll. Der industrielle Kapitalismus machte sich dieses Prinzip zunutze, hat s systematisch verfestigt. In Folge wurde die Arbeitsleistung zum zentralen Gradmesser und bestimmt seither Einkommen und Status.

Seit den 1980er Jahren bemüht sich der Markt vermehrt zu betonen, ein Ort der Verwirklichung von Leistungsgerechtigkeit zu sein. Er belohne die Tüchtigen, während den weniger Tüchtigen diese Belohnung vorenthalten werde - blendet in dem Zusammenhang jedoch aus, dass dem Leistungsprinzip eine umstrittene Zurechnung zugrunde liegt. Das Resultat ist die ungleiche Entlohnung von Arbeit oder die Tatsache, dass gesellschaftlich notwendige Fürsorge, Kinderbetreuung, Altenpflege etc. geringfügiger entlohnt wird als zum Beispiel ein Handlangerjob in der Rüstungsindustrie.

Pflegekräfte, Elementarpädagogen*innen, Reinigungspersonal oder Supermarkt-Mitarbeiter*innen_ viele in der Pandemie als system-
relevant definierte Berufe werden unter Wert bezahlt. Laut aktuellen Erkenntnissen verdienen Menschen in fünf von elf dieser Jobs, in denen zudem der Frauenanteil am höchsten ist, weniger als der Durchschnittslohn für ein hohes Maß an Leistung, gehen doch diese Berufe meist mit körperlichen und psychosozialen Belastungen einher.

Würde das Credo _Leistung muss sich lohnen_ wirklich zutreffen, müssten Berufe, die mit im etwa selben Ausmaß vorhandenen Belastungen einhergehen, auch in dieser Form materiell gewürdigt werden. Dem ist aber nicht so. Beschäftigte in der Pflege, die unter hohen physischen und emotionalen Belastungen arbeiten, verdienen teilweise um bis zu 13 Euro weniger pro Stunde als andere Berufe mit ähnlichem Handicap. Zudem mehren sich gesicherte Belege dafür, dass sich an der ökonomisch und gesellschaftlichen Abwertung sogenannter Frauenberufe, die wir noch letztes Jahr so enthusiastisch als systemrelevant feierten, so gut wie nichts geändert hat.

In der Wissenschaft spricht man in Sachen Leistungsprinzip von drei Fiktionen. Die der Gerechtigkeit besagt, dass Leistung individuell steuerbar und beeinflussbar ist. Hier wird unterschlagen, dass Herkunft, Geschlechterstereotype sowie Macht und Besitz die Voraus-
setzungen, Leistung zu erbringen, beeinflussen und verfälschen. Die Annahme, man müsse sich nur anstrengen, um Erfolg zu haben, stimmt nur bedingt. Menschen strengen sich unter unterschiedlichen Bedingungen an und ihre Bestrebungen werden unterschiedlich honoriert, je nachdem welcher Gruppe sie angehören.

Die zweite Fiktion der Meritokratie ist die der Messbarkeit. Leistung ist objektiv nicht fassbar. Eben so wenig existiert eine Norm, die als standardisierte Größe für Arbeit und Anstrengung herangezogen werden kann. Vielmehr fließen in die Anerkennung von Leistung allfällige Vorstellungen über die Person an sich und die Bewertung entsprechender Arbeit mit ein. Die dritte Fiktion ist die Annahme, man könne Leistung individuell zuordnen. Dabei ist dies in einer arbeitsteilig organisierten Gesellschaft meist gar nicht möglich, weil erbrachte Arbeit heutzutage viele verschiedene Prozesse und zu bewerkstelligende Zwischenschritte inkludiert.

Einiges an schlecht Bezahlung hat historische Gründe. Tätigkeiten wie Erziehung, Reinigung oder Pflege wurden lange unentgeltlich erbracht, galten ausschließlich als Aufgabe von Frauen. Der Dienst am Menschen wurde sozusagen zu einer Herzenssache, einem Liebesdienst erklärt, für den die soziale Anerkennung völlig ausreicht_ die ökonomische Komponente ist da nur n schaler Zusatz. Zudem werde bei der Sorge kein verkäuflich Produkt hergestellt, das Ergebnis dieser Arbeit lässt sich nur vage beziffern, erscheint oft als lästig Kostenfaktor.

Gesellschaftliches Ansehen beruht auf mehreren Dimensionen. Neben dem Einkommen geht es zudem um d symbolische Ebene, Wertschätzung, die einem Beruf entgegengebracht wird. Aktuelle Umfragen bezüglich Arbeitsklima-Index zeigen nach wie vor, dass viele Beschäftigte im Handel, in der Reinigung und Pflege einen ihrer Arbeit angemessenen Nimbus vermissen. Das war vor Corona der Fall und hat sich bis heute trotz zunehmender Aufmerksamkeit für als systemrelevant gepriesen Beschäftigung, Heldinnen und Helden des Alltags, nicht großartig geändert.

Süßigkeiten für s Supermarktpersonal oder Danke-Poster zum zuhause Ausdrucken. Die symbolische Wertschätzung zu Beginn der Pandemie blieb ne punktuelle, hat sogar in gewisser Art und Weise die gesellschaftliche Unterbewertung solcher Berufe unterstrichen_ wird die Sorte Beifall doch auch von manchen als abiz von oben herab empfunden. Positiv betrachtet, die nächste Ernüchterung_ ist doch davon heute fast nichts mehr zu sehen, obwohl viele Pflegekräfte und Ärzte nach einem Jahr Pandemie an ihre Grenzen stoßen. Diskussionen über den sogenannten Corona-Tausender waren im Parlament nur temporär von Belang. Viele Leistungsträger, die in systemrelevanten Berufen keinen hohen Status genießen, haben zudem das Gefühl, dass ihnen die Anerkennung von politischer Seite generell verwehrt bleibt, sie demnach sowieso nichts mitzubestimmen haben. Ein wegen diverser demonstrativ Folgeerscheinungen brisanter Befund_ bedeutet Demokratie doch auch, dass jeder auf die selbe Art und Weise sehr wohl ein Anrecht darauf hat, unsere Lebensbedingungen mitzugestalten.
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knock on wood

Beitragvon riemsche » 15.04.2021, 20:50

Ein Merksatz, den auch Virologen derzeit gern bemühen lautet_ die Abwesenheit von Evidenz hat nichts mit der Evidenz von Abwesenheit gemein. Anders gesagt_ wenn man etwas nicht findet, bedeutet das nicht, dass es nicht existiert. Unter Forschenden schlicht eine Warnung, dass man so manches, was möglicherweise wichtig ist, einfach noch nicht weiß_ vor allem dort, wo es offensichtlich besonders schwer ist, etwas von Evidenz zu finden, wie etwa in der Paläontologie.

Gegenüber der New York Times äußerte sich João Zilhão von der Universität Barcelona aus aktuellem Anlass zu diesem Thema.
Weil es jetzt eben doch jene Evidenz für etwas gibt, was eine seiner Meinung nach lange Zeit sehr einseitig Forschung für undenkbar hielt_ kulturell, künstlerisch, spirituell-religiös hochentwickelte menschliche Gesellschaften bei Jägern und Sammlern vor mehr als 10.000 Jahren.

Der Göttinger Professor Thomas Terberger und sein Team haben nichts anderes gemacht, als mit den besten verfügbaren Methoden das Alter von ein paar Stückchen Lärchenholz zu bestimmen. Ergebnis der Messungen per Beschleunigungs-Massenspektrometrie_
12 100 Jahre. Aus jenem Holz ist das so genannte Shigir-Idol, das 1890 in einem Torfstich im Ural unweit des russischen Jekaterinburg gefunden wurde. Ursprünglich möglicherweise mehr als fünf Meter lang, beziehungsweise hoch, befinden sich auf einer Stele außer zahlreichen abstrakten Mustern acht menschliche Gesichter, ein recht angsteinflößend dreinblickend welches ganz oben, mit weit geöffnetem Mund.

Derart guterhalten Zellulose plus Lignin zu finden und auf Torfstecher vor anderthalb Jahrhunderten zählen zu können, die seine Besonderheit erkennen, ist ne Art Super-Jackpot. Die Neudatierung der Stele, welche lange Zeit auf ein Alter von etwa 9500 Jahren beziffert wurde, legt vor allem eines nahe_ gegen Ende der letzten Eiszeit, ohne Landwirtschaft und Sesshaftwerdung, weitab von Gegenden, in denen bislang erst Jahrtausende später der Ursprung einer komplexen Kultur für möglich gehalten wurde, hat es eine eben solche gegeben. Was bislang fehlt, sind reichlich Beweise, weil hölzern Zeugnisse dafür in den meisten Fällen längst verrottet und somit archäologisch unsichtbar sind. Dennoch_ unsere Ur-und Frühgeschichte scheint wesentlich komplexer, Kultur und Kunst älter und weiterverbreitet zu sein, als bisher angenommen.

Der Abwesenheit von Evidenz versuchen etwa in Russland Paläoanthropologen durch gezielte Suche in zum Beispiel ähnlich gelagert Torfstichen zu begegnen. Mikhail Zhilin von der russischen Akademie der Wissenschaften und Co-Autor der neuen Studie, die im Quaternary International erschienen ist, ist einer von ihnen. Seiner Meinung nach ist die Abwesenheit ausreichender finanzieller Mittel für entsprechende Grabungen für Leute wie ihn derzeit eindeutig das größere Problem.
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