maunzer grübler rippenstessa

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riemsche
Dionysos
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summ A summarum

Beitragvon riemsche » 13.05.2021, 12:54

Laut einer Metapher des Anthropologen James C. Scott, die er seinem Buch Seeing like a State (1999) voranstellt, tendieren Staaten generell dazu, Bienenstöcke in Bienenhäuser zu überführen. An die Stelle von komplexen, unlesbaren und unberechenbaren Strukturen stellt man solche, die sich durch Berechenbarkeit und Handhabbarkeit auszeichnen, womit sich klare Schnitte und Linien ziehen lassen und was vor allem eigenen Interessen in Sachen Verwaltung dient. Das Resultat ist eine reduziert Betrachtung jener Aspekte des sozialen Lebens, die für n Staat sowohl von Interesse sind als auch ner eigenen Bürokratie bedürfen.

Nu wenn schon wer nicht anders den Durchblick hat, wär s umso wichtiger, dass dessen Beobachter und Kritiker*innen selber nicht verlernen, Sachverhalte in völlig anderer Weise zu sehen. Sind doch derart Bildungslücken in vielen Bereichen mittlerweile gang und gebe, auch in der politischen Theorie zu Migration. Während die OpenBorderFraktion innerhalb der Disziplin staatliche Beschränkungen grundsätzlich als moralisch falsch ablehnt, bezieht sich d laufend Debatte fast ausnahmslos auf ein Ranking, das geschaffen wurde, um in d Verwaltung zu investieren. Die Trennlinie zwischen Flüchtlingen und allen anderen, zwischen jenen, die Anspruch auf Schutz haben und jenen, die wieder gehen müssen, wird zu einer normativ relevanten morally meaningful line, wie sie der politische Philosoph David Miller in seinem 2016 erschienenen Buch Strangers in Our Midst auf seine Art zu finden sucht. Wo genau sie verläuft, bleibt dennoch fraglich.

Gibt es Auswege aus dieser Sackgasse - insbesondere einen, der nen Anspruch auf Schutz für bestimmte, besonders bedürftige Personen auch weiterhin garantieren könnt? Ein erster Schritt in d Tolerante wäre die Emanzipation analytischer und moralischer Kategorien von jenen, die s nur zu verwalten gilt. Eine Alternative, die sich anhand dieser Überlegung formulieren ließe, wäre eine, die nicht nach zugeschriebenen Motiven selektiert, sondern primär dem jeweilig Bedürfnis entspricht. Im Unterschied zu Beweggründen können Bedürfnisse relativ zueinander verglichen werden. Von stärkeren oder schwächeren Motiven zu sprechen, fördert just jene normative Hierarchisierung, die im Kontext stattfindender Migrationspolitik am meisten Kritik einheimst. Wenn wir der Meinung sind, jemand habe ein stärkeres Motiv als jemand anderer zu fliehen, weil er intensiver verfolgt werde, sind wir demnach eigentlich der Auffassung, es handle sich um s größere Bedürfnis.

Die Kontrolle über das Stattfinden-Können eines dafür ausschlaggebend individuellen Ereignisses würde in Folge als ein Gut betrachtet werden, das entweder dem entsprechend Staat oder der entsprechenden Person zugeordnet werden kann. Ein enorm wertvolles Gut_ für beide. Beide sind besser dran, wenn sie es haben, als wenn s der jeweils andere für sich in Anspruch nimmt. Für Migrierende bedeutet dies mehr Autonomie, potentielles Einkommen, Sicherheit und eine höhere Lebenserwartung - für Staaten hingegen ein Mehr an Kontrolle. Wobei man damit noch keiner commodification das Wort redet, diesbezüglich Überlegung dient nur der verbessert Abwägung und nicht der Einführung einer Marktlogik.

Flüchtlingsrechtler*innen werden in der Regel nervös, wenn andere Anknüpfungspunkte für einen Sonderstatus vorgeschlagen werden, als politische Verfolgung. Sie haben nicht nur Angst, dass jede Neuverhandlung eines grundlegenden Begriffs, der in einem historisch einzigartigen Zeitfenster nach dem 2.Weltkrieg formuliert wurde, zu dessen Schwächung führen müsse, sondern bestehen auch auf dem qualitativen Unterschied von Verfolgung gegenüber anderen Gründen für Migration. Der über s Bedürfnis erhalten Zugang zu Migration muss diesen nicht unbedingt in Frage stellen_ kann ihn sogar unterstreichen. Es geht ihm ja nicht darum, einen Anspruch auf Schutz aufzuheben, sondern diesen auszuweiten. Weil s für eine solche, neue Linie offensichtlicher ist als für die alte, dass es keinen moralisch gebotenen Ort gibt, an dem sie gezogen werden kann, zeigt sie die wichtigste moralische Pflicht im Umgang mit Migration deutlicher auf als das derzeit bestehende System_ die allmähliche Vergrößerung der Runde an weltweit Privilegierten, die über eine gleichberechtigte Autonomie verfügen, was unter anderem dazu befähigt, die Kontrolle über seine eigene Migration auszuüben.

Was Verfolgung angeblich “auszeichnet“ ist, dass sie Migration alles an alternativen Möglichkeiten nimmt. Das Gut an präsent Eigenkontrolle stellt sich im Verhältnis zu situationsbedingten Anpassungsstrategien als einzigartig und wertvoll heraus. So gesehen verschiebt sich der qualitative Unterschied von Verfolgung _ weg von der moralischen Andersartigkeit als Motiv, hin zum von der Gesellschaft für deutsche Sprache gekürt Unwort des Jahres 2010_ Alternativlos. Diese Umdeutung einer zuvor statischen in eine bewegliche Frontier, welche endlich imstande ist, mehr und mehr Menschen in den Kreis der Anspruchsberechtigten zu integrieren, scheint aktuell die einzig vertretbare Form zu sein, die n geltend Recht widerwillig in Angriff nimmt, um Unentrinnbarem zu entsprechen.
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Testbild

Beitragvon riemsche » 19.05.2021, 22:18

In ihrer subjektiven Wahrnehmung fühlen sich viele Menschen nimmer richtig verstanden. Die Folge_ zwei ambivalente Entwicklungen: auf der einen Seite boomen Fake-News-Portale, Verschwörungs-Pages, Hörensagen-Gurus, ist es über soziale Medien wesentlich leichter geworden, anderen Leuten Material zu schicken, das für die Tonne ist. Noch gar nicht so lange her, hätte man s einem im Vorbeigehen untergejubelt Propagandablatt von QAnon kopfschüttelnd entsorgt. Aber heute schaut s Lüg wie gedruckt aus wie Wer weiß was oder d New York Times. Auf der anderen Seite ein enorm gestiegen Bedürfnis an klassischem Journalismus. Auch die öffentlich-rechtlichen dieser Zunft legen zu. Lokales Beispiel_ die ZIB2 hatte noch nie so viele Wölflinge vor m Schirm wie heute. Brave Bürger à la Max Mustermann, um diese Uhrzeit längst im Bett, schauen sich s ausgeschlafen über d jeweilig Mediathek an, wann immer sie morgen wollen. Was bisher dem Boulevard-Journalismus vorbehalten schien, nämlich unverblümt billig Unterhaltung, die Nackte auf Seite7, Sportalmanach und sich s ständig ändernd Wetter finde ich heute gratis im Internet. Bei Interesse für ein Abo Zettel ausfüllen, in s Fax stecken, ein Mail schreiben oder seine Daten mit der Post schicken müssen, ist ne gefühlt Ewigkeit her, unkompliziert Zugang zu maßgeschneidert Info inzwischen gang und gebe, bezahlt wird per Dauerauftrag. Waren Medien zu Anfang noch primär Überbringer von Nachrichten in halbwegs einfacher Sprache, wurden sie nach kritisch Hinterfragung bemüht verschiedenartig, penetrant neugierig. In Folge bastelt jedermann für d adäquat Quote an seiner eigenen Expertenrunde, füttert verwirrt Empfänger mit Sendungen, wo man diskutiert, debattiert, skandalisiert, auf nen gepflegt Auf_oder Arschtritt aus ist und andere möglichst selten zu Wort kommen lässt.
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gegen geschäft

Beitragvon riemsche » 23.05.2021, 14:04

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die welt leidet
nicht an zu wenig hilfe
sondern an verhältnissen
die immer mehr an hilfe nötig machen
glaubt thomas gebauer
wohltätigkeit ist die ersäufung des rechts
im mistloch der gnade
bringt s pestalozzi auf den punkt
wenn wir also mit der guten tat
zur beruhigung des eigenen gewissens
unsere privilegien verteidigen
haben wir selber hilfe nötig wär diese
in folge kaum ne uneigennützig welche
allein_ die nötig einsicht
dass unsere imperiale lebensweise seit ewig
die von menschen im globalen süden sabotiert
und somit das eigentliche problem darstellt
ist ne seltene_ drum statt drüber stülpen
besser sinnvoll begleiten
entwicklung gemeinsam kreieren
ngo‘s sollten sich tunlichst davor hüten
vor ort parallele strukturen aufzubauen
die in folge das übernehmen was eigentlich
die dortig öffentliche hand leisten sollte
dem feld privater initiatoren überlassen
werden mitmenschen zu bittsteller*innen

nur zur erinnerung_
öffentliche einrichtungen sind kraft
ihres auftrags und des gesetzes
definitiv verpflichtet zu helfen
private hingegen nicht_ ihre überhöhung
generiert abhängigkeiten
über d karikative finanziert bauten
wie krankenhäuser sind investitionen
die genau so lange wirkung zeigen
wie entsprechend spenden fließen
fatal wenn sich n staat währenddessen
aus der verantwortung nimmt
statt sich um d nötig strukturen zu kümmern
manch materiell support löst sich
am weg wohin in eitel wohlgefallen auf
missbrauch hunger leidender kinder
als fotogen zugpferd werbeträger
für charity-galas wo der gepflegte auftritt
und s buffet wichtiger sind als der anlass
photovoltaik anlagen wie in burkina faso
wo 365 tage die sonne scheint und trotzdem
verlierst pro woche um 80% an leistung
weil man vergaß empfänger darauf hinzuweisen
dass sie d siliziumzellen regelmäßig putzen
grundsätzliches wird vor lauter
gönner und in geberlaune sein
oft nicht kommuniziert und schon liegt
potential und vorhanden gerätschaft brach

vor allem im bereich humanitärer soforthilfe
steht nachhaltig langzeitwirkung nicht immer
im vordergrund obwohl sich auch hier
die trends _verdächtig langsam!_ ändern
wie also in diesem spannungsfeld
das einzig richtige tun?
s kleingeld in die hohle hand
was d nimmer anziehst in den kleidersack
zehn euro für d beherzt hilfsaktion
spenden selbst wenn das alles nichts
an systematisch verursacht ungleichheit ändert
ja sie möglicherweise sogar stabilisiert?
das warten auf den politischen willen
auf umverteilend maßnahme globale solidarität
nimmt kein ende obwohl man mittlerweile weiß
wenn projekte stringent geplant
alle beteiligten mit ins boot genommen werden
ist jeder gespendet oder gefördert cent
vor ort ein vielfaches wert
nichts tun ist ne beschämend alternative
hilfe bedarf der täglich überprüfung
will wohl ebenso gelernt sein
wesentlich dabei ist der blick darauf
was bleibt wenn d bereitschaft wieder geht
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schau genau

Beitragvon riemsche » 24.05.2021, 14:04

Grafik allein reicht bisher nicht aus, um die reale Welt abzubilden. Nun das mag vielleicht für d Zockergilde gelten, aber angesichts Postproduktion in Sachen Blockbuster mehren sich neuerdings in der Hinsicht Zweifel. Aber zurück zu anfänglich Behauptung. Um saubere Bilder zu erzeugen, setzen Tüftler neuerdings auf den Doppelcheck_ einerseits wird s fertig gerendert Spielerische KI-gefiltert. Zudem setzt die Software parallel sogenannte G-Buffer in Gang. In ihnen stecken Informationen für d Grafikkarte, um geometrische Details wie die Entfernung von Gebäuden zur Kamera und Positionen vorhandener Lichtquellen korrekt zu berechnen. Nun zweigt man besagt Buffer ab, um der künstlich Intelligenz zum Beispiel zu verklickern, keine Bäume im Himmel zu platzieren. Das Ergebnis wird schließlich noch nem Reality-Check unterzogen. Network gleicht momentan Gesamterscheinung mit gespeichert Streetlife ab, vergibt je nach Echtheit Punkte - greift unter anderem auf Trainingsbilder von Cityscapes zurück. In dieser Fotodatenbank ist s aktuell Stadtbild diverser Metropolen hinterlegt, klar definiert, ob sich s beim Vorzeigeobjekt um d Person, ein Stoppschild oder ne Haltestelle handelt. Noch ist in Wahrheit nicht alles stimmig_ während Straßenzüge, Grünflächen und urban Fahrzeugpark bereits täuschend echt aussehen, stößt entsprechend Bildoptimierung noch bei so Einigem an ihre Grenzen_ Kräne werden zu Ampeln, aus ner Parkbank ne eingerollt Markise, selbst Fußgänger entziehen sich ständig derart Bearbeitung. Trotz solcher Probleme sei man guter Dinge, dass Technologien wie diese für mehr Echtzeit hinter Konsolen sorgen könnte. Wäre dringend notwendig _ hat doch s angeblich Live-Programm bis jetzt eindeutig die Nase vorn.
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zutraulich

Beitragvon riemsche » 25.05.2021, 21:47

Raus aus der Routine_ ist reine Übungssache. Wir Menschen sind zu vielem in der Lage, schaffen oft mehr, als wir uns selbst zutrauen. s Oberstübchen unterscheidet kaum zwischen dem, was ich mir vorstelle, und dem, was ich in Wirklichkeit erlebe. Das vorab gegeben Selbstversprechen, seine aus einem Bauchgefühl heraus getroffenen Entscheidung wegen ner Niederlage im Nachhinein nicht in Frage zu stellen, stimmt trotz Enttäuschung etwas positiv. Sich seinen Träumen hinzugeben macht Spaß, entwickelt eine eigene Qualität. Verliebtsein setzt ungeahnte Kräfte frei.
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Feedback

Beitragvon riemsche » 26.05.2021, 11:00

Februar 2020 machte sich Farhad Manjoo in in einer Kolumne für die New York Times Gedanken darüber, ob die anhaltende Errichtung von Einfamilienhäusern die nachhaltigste aller Bauformen sei. Und weil er s rigorose Nein etwas eleganter formulierte als n grüner Fraktionschef, hatten Englisch-Abiturienten in NRW die unerwartet Aufgabe, seine Sprache und Kommunikationsstrategie zu analysieren. Nicht alle waren von Konstruktionen wie habitable charms oder urban sprawl so begeistert wie jene Pädagogen, die sich besagten Text ausgesucht hatten. "Junge_ benutz doch Wörter, die es im Wörterbuch gibt, du h0nd!", seufzte ein Prüfling schriftlich.

Popkulturelle Referenzen _wie die aus einem Song von Malvina Reynolds über die Konformität der Vorstädte entlehnt Zeile little boxes made of ticky-tacky_ standen erst recht nicht im Oxford Advanced Learner's Dictionary. "Ur article fucked my final exams - thank you for nothing", ließ eine Twitter-Nutzerin den Kolumnisten in seiner Muttersprache wissen, "Du schuldest uns ein Abi Bruder", polterte ein anderer auf Deutsch. Trotz dieser eher rüden Ansprache reagierte Manjoo auf derart überraschend Leserpost so geduldig, wie man sich s von Verfassern klassischer Prüfungstexte wie Thomas Bernhard oder Goethe für n akzeptabel Notendurchschnitt zuweilen wünschen würde. So erklärte er einer Userin namens @Monovitaminsaft, was genau er mit dem Slang-Adjektiv ritziest gemeint habe folgendermaßen: "I meant it as fancy or expensive - maybe like posh. It was meant to be critical"_ irgendwie verständlich, oder? Und er bestätigte eine Vermutung, die Schüler schon seit Generationen haben, nämlich dass Texte im Unterricht überinterpretiert werden.

In d entsprechend Twitter-Konversation involviert war unter anderem auch Saša Stanišić, der sich 2019 über eine Kanonisierung zu Lebzeiten freuen durfte_ im Hamburger Deutsch-Abi stand eine Aufgabe zu seinem Roman Vor dem Fest zur Wahl, an der sich der Autor damals selbst versuchte. Nach eigenen Angaben schrieb er die Prüfung unter dem Pseudonym Elisabeth von Bruck, die korrigierende Lehrerin gab ihm 13 Punkte - immerhin einen Punkt mehr, als Stanišić 1997 bei seinem Abitur zu Goethes Novelle erreichte. Einen Hinweis, warum selbst der Autor bei einer Analyse des eigenen Werks nicht immer voll punktet, lieferte eine Schülerin. Sie frage sich, ob Autoren ihre Metaphern tatsächlich bewusst setzen, um das Interesse der Leser zu wecken, oder nicht vielmehr einfach so schreiben würden, dass es schön klingt. "Ohaha", antwortete Saša, "yeah pretty much."
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GoodWill vs. Bewilligung

Beitragvon riemsche » 27.05.2021, 09:50

Mindestens 700.000 Menschen in Europa verbringen jede Nacht ohne eigenes Dach über dem Kopf. So die offizielle Schätzung vor der Pandemie_ wahrscheinlich waren und sind s deutlich mehr. Nach Angaben der EU stieg ihre Zahl in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 70 Prozent – wirtschaftliche Krisen, steigende Mieten und andere soziale Probleme sorgen dafür, dass das Problem gewaltig und nicht kleiner wird. Noch wehren sich sonst nette Nachbarn, wenn für Obdachlose gebaut wird. Kommen Anwälte ins Spiel, gibt es plötzlich berechtigt Gründe ohne Ende, weshalb ein Haus angeblich am falschen Ort steht. Bei einem dieser Projekte wurde sogar der Naturschutz bemüht, um schlüssig zu erklären, warum man den Bauplatz nicht für soziale Zwecke nutzen darf. In diesem Fall hat s bis zum genehmigt Spatenstich fünf Jahre gedauert. So was ist mühsam, stimmt schadenfroh und finanziert über d Legislative verkrustet Seil_und Herrschaften, die s echt nicht nötig haben.
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kontemporär

Beitragvon riemsche » 28.05.2021, 21:42

Ein kreatives Team der Purdue University im US-Bundesstaat Indiana hat eine Farbe entwickelt, die das Sonnenlicht zu 98,1 Prozent reflektiert. Messungen im Freien belegen, dass man dank ihr imstande ist, Oberflächen in der Nacht um bis zu 10,5 °C und in den Mittagsstunden um gut 4 °C kühler zu halten als es ihre unmittelbar Umgebung vermag. Das funktioniere auch im Winter bei einer Außentemperatur von 6 °C. Mittels einer Dachfläche von etwa 92 m2 wären an abdeckend Kühlleistung so um die 10 Kilowatt drin - mehr als zentrale Klimaanlagen, die in den meisten Häusern verwendet werden, zu leisten vermögen. Herkömmliche weiße Farbe wird unter dauernd Bestrahlung eher wärmer als kühler - das sei mit der neuen anscheinend anders. Zum einen enthalte sie eine hohe Konzentration an Bariumsulfat, das auch in Fotopapier und Kosmetika Verwendung findet. Zum anderen handle es sich hierbei um Partikel unterschiedlicher Größe, wodurch ein zusätzlich Bereich an Lichtspektrum reflektiert werde. Die Menge an Elementarteilchen hat jedoch ihre Grenzen. Je höher die Konzentration, desto eher bricht die Farbe oder blättert in Folge ab.

S brandneu Weiß ist das Ergebnis von sechs Jahren Forschung. Diese baut auf Versuchen aus den 1970ern auf, Strahlungskühlfarbe als Alternative zu traditionellen Klimaanlagen zu entwickeln. Aktuell wurden über hundert verschiedene Materialien berücksichtigt, in weiterem Verlauf auf zehn reduziert und rund fünfzig verschiedene Formeln für jedes Material getestet. Beim so entstanden Purdue-Weiß könnt sich s nun um d Entsprechung zum schwärzesten Schwarz namens Vantablack handeln. Diese Farbe absorbiert 99,965 Prozent des Lichts, ist Temperatur-unempfindlich und extrem leitfähig. Ursprünglich für hochpräzise Regel- und Messtechnik entwickelt, kann derart Beschichtung in optischen Geräten wie Kameras oder Teleskopen Streulicht innerhalb von Tuben und Objektiven oder am Armaturenbrett unter Auto-HeadUp-Displays minimieren. Wie s unter Laborbedingungen so üblich ist, kam man im Verlauf von Versuchsreihen auf Ideen. Diesbezüglich Anregung, Dächer und Straßen von Städten zu weißen, um so die unter anderem durch Softeis abnehmend Albedo der Erde auszugleichen, wurde in abgewandelt Form bereits in SunshineStates wie Kalifornien umgesetzt_ wegen allzu blendend Eindruck gäb s allerdings noch Gesprächsbedarf.
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Ansatzweise

Beitragvon riemsche » 01.06.2021, 06:43

Das Zusammenwachsen von Esoterik, falschem Naturverständnis und so genannt alternativem Denken mündet in Wissenschafts-
feindlichkeit mit rechten politischen Tendenzen. Was hier durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren entsteht, ist eine neue Qualität, die mehr ist als die Summe ihrer ohnehin bedenklichen Bestandteile. Wer allgemein gültige Entscheidungen treffen will,
muss dem Bewusstsein mehrerer Personen gemeinsam entsprechend Maßstäbe anlegen. Objektive Kriterien, die zur Entscheidung geführt haben, sind offenzulegen - Ansatz und Lösungsweg müssen schlüssig nachvollziehbar sein. Dabei mit Bandbreiten und unterschiedlich Gewichtung zu jonglieren, geht insgesamt in Ordnung. Nicht okay ist, wenn Meinungen und Behauptungen wissenschaftliche Fakten als Kriterien ersetzen - ein Entscheidungsprozess Realität, Daten, Sachlage und Gegebenheiten ignoriert,
um ein vordefiniertes Wunschergebnis zu erreichen. Zum Beispiel: Man vergrößere bei einer Rechnung den Zähler_Erstimpfungen
und verkleinere den Nenner_Impfwillige - und schon passt ne Statistik perfekt zur jeweilig Pressekonferenz.

Je weiter sich eine Gesellschaft von der Wahrheit entfernt, desto mehr wird sie jene hassen, die sie aussprechen. Dieses angebliche George-Orwell-Zitat ist in dessen Schriften nirgends zu finden und in Wahrheit erst um die zwölf Jahre alt. Zur Entstehungsgeschichte_ der Kolumnist Selwyn Duke schrieb in seinem Artikel Stopping truth at the border: banning Michael Savage from Britain für den Conservativ Crusader am 6. Mai 2009 http://www.renewamerica.com/columns/duke/090506 abschließend u.a. folgendes: "The further a society drifts from Truth, the more it will hate those who speak it." Zwei Jahre später wurde dieses Zitat erstmals G. Orwell untergejubelt und findet seit 2013 auch auf Deutsch über Twitter & Co in griffig Zusammenhang mit Propaganda-Perlen wie zum Beispiel_ Die linksgrün-verwahnten Gutmenschen sind wie schlechte Eltern: wenn die Argumente ausgehen, gibt es Sprechverbote _regelmäßig unter falschem Namen Verwendung.
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Friederike Mayröcker (20.12.1924 – 04.06.2021)

Beitragvon riemsche » 06.06.2021, 23:08

>>Ich lebe. Ich schreibe.<< Sich daraus ergebend Intensität und Komplexität, bis zuletzt gegen den Tod anzuschreiben, zeichnet ihre Dichtung aus, in der zwischen Leben und Literatur, Kunst und Realität, Traum und Wirklichkeit nicht unterschieden wird. Alles ist aufs Engste miteinander verwoben, findet gleichberechtigt seinen Platz_ vom kleinen Tierchen, Ast bis hin zu Autobiographischem.
Gleiches gilt für das Schauen, Denken und Empfinden. Als Liebende und Lebende hat sie dem Leben bis zuletzt misstraut_ u.a. auch ein Umstand, der die ihr eigen Sprache definiert, Wort für Wort die Zeit ab jetzt _ich hoff in Ihrem Sinne_ überleben wird.
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Streitkultur

Beitragvon riemsche » 08.06.2021, 18:15

Konflikte brauchen einen Ort beziehungsweise n Forum, wo sie ausgetragen werden_ können. Ein festes Gremium oder nen runden Tisch. Ansonsten flottieren sie in der Gegend rum und irgendwann dreht sich d Spirale im Kreis statt diskursiv auf eine Lösung hin. Es gilt demnach, Entscheidung zu treffen. Das ist bei Organisationen meist Chefsache, wobei sich s dabei nicht nur um einzelne Verantwortliche handeln muss. Zudem gibt es genug Unternehmen, wo unter Mitarbeitern auf den Lower Decks ständig Konflikte ausgetragen werden, die nicht ihre eigenen sind sondern daher rühren, dass ne Führung , die könnt wenn sie wollt, heikle Dinge lieber anderen in d Schuhe schiebt. Machtmissbrauch durch Unterlassung.

Konflikte sind so gesehen oft s Ergebnis nicht getroffener Entscheidungen. Und das gilt für alle Lebensbereiche. Glaubwürdigkeit ist darüber hinaus kein absoluter Messwert, liegt vielmehr in der Perspektive des Betrachters. Sie wird primär jemand anderem zugeschrieben, beziehungsweise geschenkt. Und es kommt nicht so sehr drauf an, wie die betreffende Person in Wirklichkeit ist, sondern vor allem darauf, was man in sie hineinprojiziert. Dies wiederum erhöht bekanntlich auch d Bereitschaft, wem oder was Folge zu leisten. Beste Voraussetzungen dafür sind meist dann gegeben, wenn man das Gefühl hat, dass jemand glaubwürdig zu seinen Fehlern stehen kann.

Wenn s nur mehr darum geht, ein Auskommen zu haben, zu konsumieren und Bescheid zu wissen, wo es langgeht, ist es oft völlig egal, ob sich wer diktatorisch gibt, lügt wie gedruckt. Späte Einsicht, von wem auch immer zu Gehorsam und nicht zur Selbstverantwortung erzogen worden zu sein, ändert offensichtlich wenig daran, dass man sich vor letztgenannter eher fürchtet, als sie herbeizusehnen. Es wäre daher in der Tat ein interessanter Gedanke, Spitzenpositionen generell im Team zu managen. Minimum zwei Unterschiedliche, die sich ergänzen, bei gegenseitiger Akzeptanz und im reflektierten Wissen um die eigenen Stärken und Schwächen s Modell für d entsprechend Zusammenarbeit in allen Belangen vorleben_ soweit s Volksbegehren. Träum weiter..
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wie hätten Sie s denn gern?

Beitragvon riemsche » 10.06.2021, 21:43

Laut dem von einem finnisch-dänischen Team aus Psychologen und Informatikern trainiert Generative Adversarial Network (GAN) springt jedes Individuum im Wesentlichen immer auf dieselben Reize an. Offenbar neigen wir Menschen dazu, ziemlich unoriginell wieder und wieder von denselben Attributen angezogen zu werden. Dieser Umstand wurde informativ genutzt, um in einem 512-dimensionalen Face-Space neuronaler Netzwerke den Punkt zu triangulieren, der in Sachen Attraktivität den höchsten Anforderungen individueller Teilnehmer gerecht wird. Auf diese Weise näherten sich die Bilder immer weiter der Erscheinung an, die sich Versuchs-
personen bewusst oder unbewusst unter ihrem jeweilig Traumtyp vorstellten.

In einer Doppelblindstudie mischten die Forscher individuell optimiertes Bildmaterial mit konventionell erzeugtem und zeigten es den Probanden. Fazit_ die Fusion erzeugte hochgradig akkurate Ergebnisse. 87 Prozent der Gesichter wurden als attraktiv eingeschätzt,
der Rest war laut Singularity Hub _gemäß Selbstbeschreibung eine Form von Berichterstattung, welche Durchbrüche und Themen,
die die Zukunft prägen, hervorhebt und eine globale Gemeinschaft von klugen, leidenschaftlichen und handlungsorientierten Menschen unterstützt, die die Welt verändern wollen_ entweder zu perfekt oder wirkten in Kombination der Merkmale abiz seltsam. Der Versuch zeige, dass die Nutzung von Messungen und Aufzeichnungen elektrischer Aktivitäten des Gehirns in Sachen Kontrolle algorithmischer Architektur ein neues, machtvolles Tool zur interaktiven Informationsgenerierung und Kartierung individueller Unterschiede ist.

In dem Zusammenhang bedarf s jetzt nicht viel an Fantasie, sich diverse Alternativanwendungen vorzustellen. Dass Versicherungen mit dieser Methode unwiderstehliche Vertreter auf potenzielle Kunden maßschneidern, ist bis auf weiteres nicht zu befürchten – sich statt einem sprechenden Hut ne mit Elektroden bestückt Kappe über d Hirnrinde stülpen und seine Vorlieben kartieren lassen, tut sich d potentielle Käuferschicht derzeit _noch?_ nicht an. Was aber, wenn wir damit animiert werden, uns schnellstmöglich eine virtuelle Welt mit individuell optimierten Avataren, Bildern, Geräuschen und favorisierter Playlist einzurichten? Denn mal ehrlich_ wer wollte einen
solchen Kokon aus Brain-Candy noch freiwillig verlassen, wenn außerhalb davon eine suboptimale Wirklichkeit droht?
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timing

Beitragvon riemsche » 08.09.2021, 21:55

_____

ab und zu taucht s auf
das kind das ich mal war
und mit ihm ein bestimmter moment
geruch eine empfindung
die zeit nimmt alles mit sagt man
ist aller dinge anfang
ich war bin werde sein
und ohne sie
wär ich ein niemand
s gefühlt große jetzt
ist dieser tage weg
wohin
was ist das_ zeit
eine dimension eine illusion
nur s wort für das rätsel
dass sich alles verändert und vergeht
mal schnell mal langsam und
im rückblick gegen den uhrzeigersinn

ein ort hat drei koordinaten
höhe länge mal breite
wir können ihn aufsuchen
so oft wir wollen
aber zu nem bestimmten zeitpunkt
können wir weder vor noch zurück
denn der ist_
und verschwindet

wenn der wecker läutet
alarmzustand
der hält_ willst nichts versäumen
den ganzen tag über an
das leben die zeit
ein sammelsurium von augenblicken
kein verweilen
zeit kannst nicht umklammern
sie verrinnt_ ist
dabei ebenso flüchtig wie gefräßig
uns fehlt s organ
für n sinn dafür
aber wir spüren sie_ immer
wie kommt das

die gegenwart ist nicht von dauer
liegt zwischen zukunft und vergangenheit
augustinus beschrieb 397 die subjektive
in deren einzigartigkeit und den moment
der laut maßstab so um die zwei
bis drei sekunden dauert

das jetzt der augenblick
ist ne vom gehirn erzeugt erfahrung
denn alle informationen
die unsere sinne wahrnehmen
werden dort ununterbrochen gesammelt
ausgewertet in phasen gebündelt
und abgespeichert
alle zwei drei sekunden entsteht
auf die art subjektive gegenwart

* der mond ist aufgegangen
die goldnen sternlein prangen
am himmel hell und klar
* herr_ es ist zeit
der sommer war sehr groß
* mit gelben birnen hänget
und voll mit wilden rosen
das land in den see
* ihr naht euch wieder_ schwankende gestalten
die früh sich einst dem trüben blick gezeigt
in allen sprachen dieselbe
zeitlich segmentierung
poesie als widerspiegelung
eines normalen mechanismus
des menschlichen gehirns

begleitend test_ folge konzentriert
der drehung eines würfels
es dauert nicht lang und
die richtung ändert sich
ob wir wollen oder nicht
s gehirn versucht ne neuinterpretation

gibt wer jemandem die hand und hält sie
länger wie drei sekunden fest
stellt sich ne emotionale reaktion ein
es ist einem un_oder besonders angenehm
reicht man sie wem zu kurz
fühlt sich s irgendwie merkwürdig an
zeitliche dynamik
bettet natürlichen bewegungsablauf
je nach dem in wohlbefinden oder nicht

wenn nichts passiert
ist sie besonders präsent_ die zeit
dann hat sie unsere volle aufmerksamkeit
s wird langweilig
man spürt s grundrauschen der existenz
trotzdem kann sich der unruhige mensch
zukünftiges und vergangenes ausmalen
und so in jedem wartezimmer
die größten abenteuer bestehen

das einzige was uns wirklich
von anderen unterscheidet
ist die möglichkeit zuzuwarten
zwischen ich will etwas tun
und ich erfülle es jetzt
ne pause einzulegen

zeit ist unsichtbar
wir erleben sie nur indirekt
als veränderung
erst ist das_ dann das und
dann erst das
ohne nacheinander
gäb s nichts_ nicht mal gedanken
herrschte also stille
vor der zeit
kaum vorstellbar
sind wir doch dauernd unterwegs
von moment zu moment
in jede erdenkliche richtung
und s herz macht tick tack
dieser moment bevor s losgeht
wird in völliger stille geboren
ist an spannung nicht zu überbieten

musik ist materialisierte zeit
ein spiel mit wachgerufenen erinnerungen
erwartungen oder gegenwärtigkeit
in der 7. symphonie von beethoven
nimmt eine scheinbar uralt melodie
im 2. satz fahrt auf findet aus m echoraum
der geschichte in ein jetzt leicht
beschwingt gehör fließt vor sich hin
stoppt vor m akkord
der blick wird ein anderer
das stück legt an tempo zu
mündet in den dritten

zurück zum anfang
und der war zauberhaft
klar ist_ jetzt ist sie da die welt
sucht den beginn
wie s momentan ausschaut
ist s universum am expandieren
nu dann war s demnach gestern kleiner
und denk ich s mir in folge
bis zur kleinsten kausalen zurück
verbinde quantenmechanik und allgemeine
relativitätstheorie
könnt ich gemäß berechnung nach fünf
hoch zehn minus vierundvierzig sekunden
die zeit von vorn beginnen lassen

alles hat eine ursache
glauben wir
können nicht anders
ein anfang ohne ein davor
übersteigt vorhanden denkvermögen
physik will s große alles
das uns umgibt vermessen
aber nicht alles ist messbar
physiker hassen die zeit
lassen sie in ihren gleichungen
nach belieben vor und
rückwärts laufen
werden trotzdem laufend älter
als ob s verschiedene formen gäbe
denken sich da stimmt was nicht

ne uhr gliedert s ereignis segmentiert
gibt in vierundzwanzig zonen
eine weltzeit an
diese ist ein konstrukt
früher war es in jeder stadt
zu einer unterschiedlichen zeit zwölfe
abhängig vom höchststand der sonne
zeitmessung ist relativ
einstein erklärte das laien so_
bewegte ich mich mit lichtgeschwindigkeit
durch den raum wäre die sekunde
auf meiner armbanduhr so gedehnt
dass gar keine zeit verginge
s dumme daran ist nur
wirklich erlebbar ist das nicht

die zeit rückwärts drehen würde heißen
buchstäblich alles also
jedes teilchen in einem universum
in genau den zustand zu versetzen
in dem s mal war
wär da nicht die entropie_problematik
mehr an energie aufwenden zu müssen
als uns universell zur verfügung steht
man müsste sich demnach energie
von außerhalb unseres universums besorgen
und damit hat sich die sache
wohl oder übel erledigt

und doch_ man kann in der zeit reisen
erinnern heißt ja
zurückkehren in ein vergangen jetzt
ist vergegenwärtigung
nur die intensiven momente
bleiben in uns_ die schmerzhaften
und die besonders leichten
unser ich ist deren erzählung
unser leben ein zeitspeicher
sich in d vergangenheit hinein
projizieren produziert identität
ich selber sein
sich dort entdecken
definiert mich als mein doppelgänger
das tragische in dem zusammenhang
demenz
nicht der gedächtnisverlust per sé
sondern s sich nicht mehr finden können
erloschene erinnerungen
keinen bezug mehr zu sich selber haben

ein guter mensch sein
das ist der anspruch
und dann drängelt man doch
hupt hat angst zu spät zu kommen
macht druck
jeder muss schauen wo er bleibt
warum leben wir dieses tempo
und jeder klagt ihm fehle die zeit
für das ihm wirklich wichtige
diese diskrepanz zwischen unerbittlich
gültig globaler uhrzeit und
dem eigenen inneren zeitempfinden
wer entscheidet in meinem leben darüber
wie lange etwas für mich dauern darf
die zeit ist aus den fugen
beschleunigt wird knapp
wir müssen zu viel in zu wenig

alles unglück der menschen rührt daher
dass sie unfähig sind ruhig
in einem zimmer zu verweilen
lehnt sich der philosoph bles pascal
schulmeisternd aus dem fenster
selbst in der bibel steht
alles hat seine zeit
wohlgemerkt_ Seine zeit
wer immer auch gemeint ist

wie war das vorhin oder damals
fragt es in uns
und wie wird das werden
wir sind so gemacht
immer am denken
das können wir nicht ändern
was wir ändern können ist
lassen wir uns davon ablenken
oder eben nicht
ganz bei der sache sein
wohlgemerkt bei einer sache
ist für den an sich
unruhigen das schwierigste
im jetzt lässt sich die zukunft
nicht gestalten nichts optimieren
im jetzt ist man ja schon da
egal wie egal wo
und weil uns das nicht egal ist
verpassen wir s_ dauernd

im hier und jetzt und
schon vorbei der moment ist
ein schnell oder langsam welcher
zeit ein subjektiv gefühl von dauer
jedes kunstwerk dauert zeit
und ist doch selbst ein augenblick
man fällt aus der eigenen gegenwart
und taucht in eine andere ein
in der kunst spielt der mensch mit zeit
im wirklichen leben ist s umgekehrt
vielleicht interessiert uns zeit auch
nur weil wir sterben müssen
s wird demnach nicht ewig dauern
trotzdem_ kein grund sich zu beeilen

gerade eben noch
hat man mit seinem schatten gespielt
alles war jetzt und staunen ohne bilanz
zeit nicht nur deshalb kostbar
weil s ne begrenzte ist
das ist die sehnsucht
keine heimat haben in der zeit
vielleicht gibt es ja doch
so was wie ewigkeit
etwas das altersbedingt schrittweisem
kontrollverlust sinn verleiht und
rein nichts mit von dauer zu tun hat

langzeitbelichtung
konstruiert und dekonstruiert s bild
permanent bewegt blumen in der vase
wenn man lange genug hinschaut
trennt bleibendes von flüchtigem
s bin von war und gewesen sein
dazwischen hab ich alle zeit der welt
wenn ich mich zeitweise selbst
vergesse legt die ewigkeit
sanft ihren arm um mich_ das geht
obwohl bis ich nen punkt mach
ne halbe stund vergangen ist.
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