maunzer grübler rippenstessa

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riemsche
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an Guadn

Beitragvon riemsche » 16.03.2021, 22:51

Der Begriff Bayerisch umfasst südlich der Demarkationslinie des Main _sprich Weißwurstäquator_ drei alteingesessene Tribes: Franken, Schwaben, Altbayern. Zwei Millionen Sudetendeutsche zählen als durch Krieg vertrieben und in Folge aufgenommen vierter, zuagroaster Stamm_ ein Gewinn an fähigen und fleißigen Neubürgern, die maßgeblich zur Industrialisierung beitrugen.

Seit 1933 am Markt, aktuell in der 56. Auflage und mit 1,6 Millionen verkauften Exemplaren derzeit das meistverkaufte Druckwerk in Bayern nach der Bibel_ ein Kochbuch. Das Staatsministerium für Landwirtschaft und Forsten bemüht sich als dessen Sponsor ab Seite-3 um die Umdeutung eines zu knapp bemessen Bayern-Bilds. Neben einem Essay des Vorstands der Adalbert-Raps-Stiftung über den Heterosis-Effekt, der in Genetik die von Pflanzen und Tierwelt abgeleitet gesteigerte Leistungsfähigkeit von Menschen gemischter Abstammung beschreibt, findet man eine Fotografie.

Auf dieser stehen neben zwei bayerischen Deandln drei Afrikaner in der Ledernen mit Janker und eine Asiatin im Dirndl Modell. Auf Nachfrage entpuppt sich das Foto als Montage, die den Umstand verdeutlichen soll, dass Bayern jenseits der Küchenzeile schon immer ein Meltingpot war, der seine Stärken aus der Fusion unterschiedlichster Einflüsse generierte. Identität war demnach eine stets fließende, beständig nur der Wandel. Dieser hinkt _wie vorab beschrieben_ nur bezüglich bemüht Bildbeispiel lokalem Posting in locker möglich Auswahl a weng hinterher.

Vor Ort ein nicht immer gern gehört aber top Argument für das Bayerische als kultureller Saugschwamm ist, dass man sich die Knödel streng genommen aus Böhmen einverleibte, der Franzos das Böfflamott importierte, ebenso den Camembert, ohne den es koan Obatzda gäb. Dass der Paprika hierfür und die Kartoffeln für d Knödel aus der Neuen Welt kommen_ geh weida, Tüpflescheisser!
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Moment_ hab s gleich

Beitragvon riemsche » 23.03.2021, 14:47

Vom Gedanken zum gesprochen Wort läuft unterwegs nicht immer alles reibungslos. Ab und zu schleichen sich Fehler ein – etwa in Form _Freudscher?_ Versprecher. Dann sagen wir zum Beispiel Dinge wie »Der Hund reviert sein Markier«. Hin und wieder liegt uns etwas sprichwörtlich auf der Zunge. Wir wissen um was sich s handelt, kennen es, können sogar gewisse Charakteristika spezifizieren, nur der Groschen an sich will partout nicht fallen. Häufig tritt dieses Phänomen bei Eigennamen auf_ s Gefühl: hat so und so viele Silben und beginnt mit XY erweist sich nicht selten als Trugschluss. Dass einem s Entfallene jeden Moment locker über d Lippen kommt_ ebenfalls. Aber wo genau hakt es in solchen Augenblicken?

Hierfür müssen wir uns den Aufbau unseres mentalen Lexikons, also den Teil des Langzeitgedächtnisses, der sprachliches Wissen enthält, vergegenwärtigen. Dieses umfasst verschiedene Ebenen. Eine davon, die Formebene, repräsentiert s Schriftbild und die Sprachmelodie jedes Worts. Auf einer anderen wiederum sind dessen Bedeutung sowie Kombinierbarkeit mit anderen Vokabeln gespeichert. Fachleute nennen diesen Bereich die Lemma-Ebene, Griechen_ das Angenommene.

Was dem geistig Prozess nunmehr noch fehlt, sind Konzepte. Diese bilden Knotenpunkte mit diversen Wissensaspekten, wie Bilder, Gerüche, Höreindrücke, Emotionen und eben_ Wörter. In Summe verfügen wir damit über ein Archiv, welches wir mit dem Suchbegriff verknüpfen. Um einen Gedanken in Sprache zu gießen, muss also zunächst das betreffende Konzept aktiviert werden. Dann beginnt die Suche nach Einträgen im mentalen Lexikon, deren Bedeutung zum Konzept passt. Schließlich muss noch formal die Information abgerufen werden_ zB wie heißt..?

Auch wenn s nicht sofort Klick macht, stellen sich doch gewisse Teilerfolge ein_ wir wissen beispielsweise, welchen Geschlechts das gesuchte Wort ist, beschränken uns auf das Substantiv, jonglieren mit Berufsbezeichnungen. Das spricht dafür, dass der Zugriff auf die Lemma-Ebene funktioniert, denn hier sind Informationen wie das grammatikalische Geschlecht _Genus_ eines Worts hinterlegt. Zudem zeigen Experimente im Sprachlabor: ein phonologischer Hinweis, also ein klanglich ähnliches Wort hilft eher, auf den Namen zu kommen, als eines mit ähnlicher Bedeutung. Das deutet darauf hin, dass besagt Problem auf der Formebene angesiedelt ist.

Rund einem Drittel der studiert Probanden gelingt es nicht, das Genus eines Substantivs zu bestimmen, das ihnen auf der Zunge liegt. Hier wird s Gesuchte offenbar auf mehreren Ebenen unvollständig aktiviert. Deshalb wissen wir zwar mitunter, worauf es sich reimt oder auf welcher Silbe man s betont_ nur hat s noch keine aussagekräftig Gestalt angenommen.

Im Alltag steht meist kein Versuchsleiter parat, der einem mit Tipps auf die Sprünge hilft. Alle Wörter, die man ausschließen kann, laut auszusprechen, sie sozusagen mental aus dem Weg zu räumen, hilft bedingt und nicht jedermann. Wenn s denn ein Trost ist_ das alles ist ganz normal und s Phänomen gibt es in allen Sprachen der Welt. Schätzungen zufolge geraten wir im Schnitt einmal die Woche derart ins Stocken_ Ältere angeblich etwas häufiger als Junge. Kann mich allerdings an d Namen der Expert/inn/en, die letzteres behaupten, beim besten Willen nicht erinnern (:-))
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Flucht und Möglichkeit

Beitragvon riemsche » 24.03.2021, 12:22

Wenn wir uns überlegen, was wir jetzt tun sollten, dürfen wir eines nicht vergessen_ die Vorstellung, dass wir anderswo hingehen können, wenn wir s Hier und Jetzt ruiniert haben, ist schlichtweg Humbug. Wir wurden Zeit unseres Lebens für ein Leben auf Erden optimiert. Und damit hat sich s aber auch schon. Selbst Noah baute keine Dämme, sondern eine Arche. Der heroische Akt bestand in der Rettung einiger weniger, nicht in der Abwendung einer über alle Menschen hereinbrechenden Katastrophe. Mittlerweile selbst Verursacher einer solchen fehlt uns die vorbildhaft Erzählung, in der wir uns selbst überwinden, nicht um zu erobern, sondern um zu bewahren. Die meisten Jener, die sich betreffend Raumfahrt wortwörtlich um einen gewissen physikalischen Realismus bemühen, haben eines gemeinsam. Sie empfinden das Leben jenseits unseres Planeten für unsereins im Grunde genommen furchtbar_ Staub, Gase, tödliche Kälte, mörderische Hitze, null Luft zum Atmen. In s All ausgewandert oder gar dort geboren, würden wir wenn_ schwächlich, langgezogen, der Schwerkraft nicht gewachsen, nie wieder oder unter Qualen erneut auf d Erde reisen.
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Re: maunzer grübler rippenstessa

Beitragvon riemsche » 25.03.2021, 11:22

Der versorgend Wohlfahrtstaat ist am Limit. Es klafft ne Lücke zwischen der Idee und ihrer Finanzierung, zwischen befähigt Bürger und deren Reaktion, zwischen No Risk No Fun und aktuell Gefahrenlage.

Ursprünglich ging es darum, den Menschen ihre Existenzangst zu nehmen. Sie sollten frei sein, in ihrem Arbeits- und Berufsleben riskante Entscheidungen zu treffen, ohne fürchten zu müssen, damit unkorrigierbare Fehler zu begehen. Nur so konnte der Arbeitsmarkt flexibilisiert, die Berufe differenziert und eine Gesellschaft entwickelt werden, die ihr lokales Wissen nutzt, um diesen oder jenen Weg einzuschlagen, während der Staat ein Netz für jene webt, die noch nicht wissen wohin. Zeit, sich neu zu orientieren.

Von Risiken befreit werden, ist das eine_ erinnert an Immanuel Kants Verständnis der Aufklärung unter den Bedingungen eines autoritären Staates_ «Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?», 1784: «Räsoniert, so viel ihr wollt und worüber ihr wollt; nur gehorcht!» Er fand s «befremdlich», aber im Sinne der zweifach Vernunft, die darin liegt, sie sowohl privat praktizieren als auch öffentlich einschränken zu können. In dem Fall heißt es wohl eher: «Riskiert, so viel ihr wollt und wo ihr wollt; der Staat fängt euch auf!»_ wenn auch am untersten Ende dessen, was man bereit wäre, komfortabel zu nennen.

Das andere ist die befremdlich Doppelung. Seit dem Seehandel der italienischen Stadtstaaten wird Risiko nicht nur als Gefahr, sondern auch als Abenteuer verstanden. Ersteres will man nach Möglichkeit vermeiden. Abenteuer? Aber gern doch. Die Brüder Grimm wiesen in ihrem Deutschen Wörterbuch anhand zweier Beispiele _ s Liebesabenteuer bei Goethe und s Abenteuers der Vernunft bei Kant _explizit darauf hin: «Mit diesem Abenteuer nun verknüpft sich stets die Vorstellung eines ungewöhnlichen, seltsamen, unsicheren Ereignisses oder Wagnisses, nicht nur eines schweren, ungeheuer unglücklichen, sondern auch artigen und erwünschten.»

Kein Gewinn ohne s Wagnis. Ein Kitzel, dank dem man sich umso lebendiger fühlt, je näher man dem Abgrund ist. Ebenso wichtig jedoch ist ein anderer Aspekt. Beim s Risiko berechnen reduziert man d Welt nicht nur auf Gefahren und Gelegenheiten, sondern entdeckt sie neu. Sind es eigene Entscheidungen, die das Geschäft und s Leben abenteuerlich gestalten, kann man beginnen, über Alternativen nachzudenken, Voraussetzungen zu klären, sich abzusichern, nach Partnern zu suchen, den passend Moment zu bestimmen und dergleichen mehr. Man entwickelt Semantiken der passionierten Liebe, klärt Theorien und Methoden, um d Vernunft nicht nur zu kontrollieren, sondern auch weiterzuentwickeln. Die Welt wird ne andere, nennt sich fortan Moderne.

Grundsätzlich lässt sich jede Art Handeln zu einer Entscheidung stilisieren und mit einem Risiko versehen. Dazu gilt s strikt zu individualisieren, von der Entscheidung betreffend Ausbildung, Beruf und Lebenspartner bis zur Auswahl der Nahrungsmittel und Reiseziele. Die Unterscheidung zwischen Risiko und Gefahr ist keine ontologische zwischen Sachverhalten, sondern eine Beobachtung mithilfe einer differenziert Betrachtungsweise, die dem Beobachter die Wahl lässt. Mittlerweile reicht schon ein Wort, um zu mobilisieren, etwas als riskant zu beschreiben. Man tut, was man tut, und dann passiert, was passiert_ kann allenfalls im Vorhinein signalisieren, dass man bereit ist, allem und jedem die Stirn zu bieten, und im Nachhinein behaupten, die Gefahr heldenhaft überstanden zu haben. Für d Stilnote mag das auf d Individuelle genügen, aber es dokumentiert zugleich einen geradezu altehrwürden Glauben an s Schicksal.

Diese Art des Heroismus wird in der modernen Gesellschaft ausgiebig kultiviert. Vertreten durch Massenmedien, einerseits ständig Gefahren, Risiken und damit einhergehend Verantwortung aussetzt, wird anderseits das Führen einer entsprechenden Existenz als alternativ Lebensweise in einer sich in Sicherheit wiegend Gesellschaft hochstilisiert. «Gefährlich leben!», war der Schlachtruf Friedrich Nietzsches in der «Fröhlichen Wissenschaft», ergänzt durch die Empfehlung: «Baut eure Städte an den Vesuv.»

Viele seiner heutigen Follower haben die Freiheit als Einwand gegen die gegenwärtige Gesellschaft entdeckt. Aber sie irren. Denn die Freiheit, die sie meinen, ist die derer, die nichts zu fürchten haben, ihre Existenz ungern aufs Spiel setzen, die neue Wildheit in einer separaten Komfortzone praktizieren. Alle anderen haben tatsächlich etwas zu verlieren. Und diese wären gut beraten, sich an ihren eigenen Risiken zu orientieren. Ein Staat in Geberlaune kann ihnen dabei unterdessen helfen. Eine Erlösung ist das beileibe nicht.
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dicke Post

Beitragvon riemsche » 26.03.2021, 12:31

Bis heute werden die Texte des romantischen Dramatikers in Schulen gelesen. Dabei gehören seine Werke mitunter zum wortwörtlich Unangenehmsten, was der Nationalismus seiner Epoche hervorbrachte. Bis zur Lebensmüdigkeit mit sich selbst unzufrieden, spielte Heinrich von Kleist 1803 in Paris mit dem Gedanken, den Tod nach Möglichkeit in französischen Militärdiensten zu suchen. Wenige Jahre später aber weckte Napoleon mit seinen Kriegszügen den politischen Trotz des preußischen Offiziers.

Widerstandsgeist flammte erst recht in ihm auf, als er 1807 im besetzten Berlin als Spion festgenommen, für d Festungshaft nach Frankreich deportiert und nach einem halben Jahr wieder freigelassen wurde. Ende 1808 hatte er ein Schauspiel fertig, das den Vernichtungskampf gegen einen übermächtigen Feind nach antikem Muster zum Inhalt hatte_ nach Ansicht von Experten ein blutrünstig Stück, das die Methoden des totalen Krieges vorwegnimmt.

Nach dem Vorbild österreichischer Schlachtgesänge dichtete Kleist zudem als Maxime einer geplanten Zeitschrift namens Germania Verse, deren wilder Hass bis heute erschüttert_ alle Deutschen sollten wie ehedem als Römerüberwinderbrut hinab ins Tal der Schlacht ziehen; >>schäumt, ein uferloses Meer, / über diese Franken her!

Alle Plätze, Trift' und Stätten,
Färbt mit ihren Knochen weiß;
Welchen Rab' und Fuchs verschmähten,
Gebet ihn den Fischen preis;
Dämmt den Rhein mit ihren Leichen<<
...

Der fremde Wolf müsse vernichtet werden:

>>Schlagt ihn tot! Das Weltgericht
Fragt euch nach den Gründen nicht.<<


Mitte 1809 begann Kleist ein chauvinistisch-ironisches Lehrbuch der französischen Journalistik >>Was man dem Volk dreimal sagt, hält das Volk für wahr<< und in einem Katechismus der Deutschen nannte er Napoleon >>den Anfang alles Bösen und das Ende alles Guten<< Es gehe um eine vaterländische Gemeinschaft, die >>nur mit Blut, vor dem die Sonne erdunkelt, zu Grabe gebracht werden soll<<. Gedruckt wurde keiner dieser agitatorischen Texte_ das hätte schon die strenge Zensur der Besatzer nicht geduldet. Aber was nicht Fragment blieb, kursierte unter der Hand.

Als Frankreichs Siegesserie endete, hatten Freiheitsliteraten Konjunktur_ vom jungen, 1813 gefallenen Partisanen-Poeten Theodor Körner bis zu Ernst Moritz Arndt, der nebst patriotischen Traktaten so manch martialisch Kriegs- und VaterlandsLied dichtete. Auch Freunde Kleists, etwa der katholische Staatsdenker Adam Müller, übten sich in nationalem Pathos.

Kleist_ davon unberührt, mittlerweile 34 und nach weiteren Misserfolgen verzweifelt ohne Ende, erschoss am 21. November 1811 am Berliner Wannsee seine Bekannte Henriette Vogel und dann sich selbst. Erst zehn Jahre später _im Todesjahr Napoleons_ gingen sein Drama Die Hermannsschlacht und s Schauspiel Prinz Friedrich von Homburg in Druck.
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von Wert und Sein

Beitragvon riemsche » 14.04.2021, 11:28

Wer sich anstrengt und Leistung erbringt wird anerkannt und schafft s nach oben. So lautet ein Versprechen unserer Gesellschaft. Was genau als Leistung definiert wird, bleibt jedoch schleierhaft. Aktuelles Topbeispiel_ warum leistet eine Pflegekraft, die Verantwortung für das Leben anderer übernimmt, weniger als jemand, der als Key Account Manager Verantwortung für ein Unternehmen trägt? Das heute geltende Leistungsprinzip ist ne Grundnorm der modern meritokratischen Gesellschaft, stammt noch aus Zeiten, als sich s Bürgertum gegen die unproduktive Aristokratie gewandt und eingefordert hat, dass gesellschaftlicher Status nicht mehr vererbt, sondern selbst erarbeitet werden soll. Der industrielle Kapitalismus machte sich dieses Prinzip zunutze, hat s systematisch verfestigt. In Folge wurde die Arbeitsleistung zum zentralen Gradmesser und bestimmt seither Einkommen und Status.

Seit den 1980er Jahren bemüht sich der Markt vermehrt zu betonen, ein Ort der Verwirklichung von Leistungsgerechtigkeit zu sein. Er belohne die Tüchtigen, während den weniger Tüchtigen diese Belohnung vorenthalten werde - blendet in dem Zusammenhang jedoch aus, dass dem Leistungsprinzip eine umstrittene Zurechnung zugrunde liegt. Das Resultat ist die ungleiche Entlohnung von Arbeit oder die Tatsache, dass gesellschaftlich notwendige Fürsorge, Kinderbetreuung, Altenpflege etc. geringfügiger entlohnt wird als zum Beispiel ein Handlangerjob in der Rüstungsindustrie.

Pflegekräfte, Elementarpädagogen*innen, Reinigungspersonal oder Supermarkt-Mitarbeiter*innen_ viele in der Pandemie als system-
relevant definierte Berufe werden unter Wert bezahlt. Laut aktuellen Erkenntnissen verdienen Menschen in fünf von elf dieser Jobs, in denen zudem der Frauenanteil am höchsten ist, weniger als der Durchschnittslohn für ein hohes Maß an Leistung, gehen doch diese Berufe meist mit körperlichen und psychosozialen Belastungen einher.

Würde das Credo _Leistung muss sich lohnen_ wirklich zutreffen, müssten Berufe, die mit im etwa selben Ausmaß vorhandenen Belastungen einhergehen, auch in dieser Form materiell gewürdigt werden. Dem ist aber nicht so. Beschäftigte in der Pflege, die unter hohen physischen und emotionalen Belastungen arbeiten, verdienen teilweise um bis zu 13 Euro weniger pro Stunde als andere Berufe mit ähnlichem Handicap. Zudem mehren sich gesicherte Belege dafür, dass sich an der ökonomisch und gesellschaftlichen Abwertung sogenannter Frauenberufe, die wir noch letztes Jahr so enthusiastisch als systemrelevant feierten, so gut wie nichts geändert hat.

In der Wissenschaft spricht man in Sachen Leistungsprinzip von drei Fiktionen. Die der Gerechtigkeit besagt, dass Leistung individuell steuerbar und beeinflussbar ist. Hier wird unterschlagen, dass Herkunft, Geschlechterstereotype sowie Macht und Besitz die Voraus-
setzungen, Leistung zu erbringen, beeinflussen und verfälschen. Die Annahme, man müsse sich nur anstrengen, um Erfolg zu haben, stimmt nur bedingt. Menschen strengen sich unter unterschiedlichen Bedingungen an und ihre Bestrebungen werden unterschiedlich honoriert, je nachdem welcher Gruppe sie angehören.

Die zweite Fiktion der Meritokratie ist die der Messbarkeit. Leistung ist objektiv nicht fassbar. Eben so wenig existiert eine Norm, die als standardisierte Größe für Arbeit und Anstrengung herangezogen werden kann. Vielmehr fließen in die Anerkennung von Leistung allfällige Vorstellungen über die Person an sich und die Bewertung entsprechender Arbeit mit ein. Die dritte Fiktion ist die Annahme, man könne Leistung individuell zuordnen. Dabei ist dies in einer arbeitsteilig organisierten Gesellschaft meist gar nicht möglich, weil erbrachte Arbeit heutzutage viele verschiedene Prozesse und zu bewerkstelligende Zwischenschritte inkludiert.

Einiges an schlecht Bezahlung hat historische Gründe. Tätigkeiten wie Erziehung, Reinigung oder Pflege wurden lange unentgeltlich erbracht, galten ausschließlich als Aufgabe von Frauen. Der Dienst am Menschen wurde sozusagen zu einer Herzenssache, einem Liebesdienst erklärt, für den die soziale Anerkennung völlig ausreicht_ die ökonomische Komponente ist da nur n schaler Zusatz. Zudem werde bei der Sorge kein verkäuflich Produkt hergestellt, das Ergebnis dieser Arbeit lässt sich nur vage beziffern, erscheint oft als lästig Kostenfaktor.

Gesellschaftliches Ansehen beruht auf mehreren Dimensionen. Neben dem Einkommen geht es zudem um d symbolische Ebene, Wertschätzung, die einem Beruf entgegengebracht wird. Aktuelle Umfragen bezüglich Arbeitsklima-Index zeigen nach wie vor, dass viele Beschäftigte im Handel, in der Reinigung und Pflege einen ihrer Arbeit angemessenen Nimbus vermissen. Das war vor Corona der Fall und hat sich bis heute trotz zunehmender Aufmerksamkeit für als systemrelevant gepriesen Beschäftigung, Heldinnen und Helden des Alltags, nicht großartig geändert.

Süßigkeiten für s Supermarktpersonal oder Danke-Poster zum zuhause Ausdrucken. Die symbolische Wertschätzung zu Beginn der Pandemie blieb ne punktuelle, hat sogar in gewisser Art und Weise die gesellschaftliche Unterbewertung solcher Berufe unterstrichen_ wird die Sorte Beifall doch auch von manchen als abiz von oben herab empfunden. Positiv betrachtet, die nächste Ernüchterung_ ist doch davon heute fast nichts mehr zu sehen, obwohl viele Pflegekräfte und Ärzte nach einem Jahr Pandemie an ihre Grenzen stoßen. Diskussionen über den sogenannten Corona-Tausender waren im Parlament nur temporär von Belang. Viele Leistungsträger, die in systemrelevanten Berufen keinen hohen Status genießen, haben zudem das Gefühl, dass ihnen die Anerkennung von politischer Seite generell verwehrt bleibt, sie demnach sowieso nichts mitzubestimmen haben. Ein wegen diverser demonstrativ Folgeerscheinungen brisanter Befund_ bedeutet Demokratie doch auch, dass jeder auf die selbe Art und Weise sehr wohl ein Anrecht darauf hat, unsere Lebensbedingungen mitzugestalten.
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knock on wood

Beitragvon riemsche » 15.04.2021, 20:50

Ein Merksatz, den auch Virologen derzeit gern bemühen lautet_ die Abwesenheit von Evidenz hat nichts mit der Evidenz von Abwesenheit gemein. Anders gesagt_ wenn man etwas nicht findet, bedeutet das nicht, dass es nicht existiert. Unter Forschenden schlicht eine Warnung, dass man so manches, was möglicherweise wichtig ist, einfach noch nicht weiß_ vor allem dort, wo es offensichtlich besonders schwer ist, etwas von Evidenz zu finden, wie etwa in der Paläontologie.

Gegenüber der New York Times äußerte sich João Zilhão von der Universität Barcelona aus aktuellem Anlass zu diesem Thema.
Weil es jetzt eben doch jene Evidenz für etwas gibt, was eine seiner Meinung nach lange Zeit sehr einseitig Forschung für undenkbar hielt_ kulturell, künstlerisch, spirituell-religiös hochentwickelte menschliche Gesellschaften bei Jägern und Sammlern vor mehr als 10.000 Jahren.

Der Göttinger Professor Thomas Terberger und sein Team haben nichts anderes gemacht, als mit den besten verfügbaren Methoden das Alter von ein paar Stückchen Lärchenholz zu bestimmen. Ergebnis der Messungen per Beschleunigungs-Massenspektrometrie_
12 100 Jahre. Aus jenem Holz ist das so genannte Shigir-Idol, das 1890 in einem Torfstich im Ural unweit des russischen Jekaterinburg gefunden wurde. Ursprünglich möglicherweise mehr als fünf Meter lang, beziehungsweise hoch, befinden sich auf einer Stele außer zahlreichen abstrakten Mustern acht menschliche Gesichter, ein recht angsteinflößend dreinblickend welches ganz oben, mit weit geöffnetem Mund.

Derart guterhalten Zellulose plus Lignin zu finden und auf Torfstecher vor anderthalb Jahrhunderten zählen zu können, die seine Besonderheit erkennen, ist ne Art Super-Jackpot. Die Neudatierung der Stele, welche lange Zeit auf ein Alter von etwa 9500 Jahren beziffert wurde, legt vor allem eines nahe_ gegen Ende der letzten Eiszeit, ohne Landwirtschaft und Sesshaftwerdung, weitab von Gegenden, in denen bislang erst Jahrtausende später der Ursprung einer komplexen Kultur für möglich gehalten wurde, hat es eine eben solche gegeben. Was bislang fehlt, sind reichlich Beweise, weil hölzern Zeugnisse dafür in den meisten Fällen längst verrottet und somit archäologisch unsichtbar sind. Dennoch_ unsere Ur-und Frühgeschichte scheint wesentlich komplexer, Kultur und Kunst älter und weiterverbreitet zu sein, als bisher angenommen.

Der Abwesenheit von Evidenz versuchen etwa in Russland Paläoanthropologen durch gezielte Suche in zum Beispiel ähnlich gelagert Torfstichen zu begegnen. Mikhail Zhilin von der russischen Akademie der Wissenschaften und Co-Autor der neuen Studie, die im Quaternary International erschienen ist, ist einer von ihnen. Seiner Meinung nach ist die Abwesenheit ausreichender finanzieller Mittel für entsprechende Grabungen für Leute wie ihn derzeit eindeutig das größere Problem.
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Spieglein Spieglein

Beitragvon riemsche » 18.04.2021, 00:55

In der Psychologie versteht man unter Narzissmus ein persönlich Merkmal, das wie Körpergröße oder Intelligenz in der Regel normal verteilt ist. Die meisten bewegen sich im Mittelfeld, eine sehr hohe oder niedrige Ausprägung kommt selten vor. Entsprechend Fragebögen beschränken sich auf drei Hauptmerkmale: Autoritätsanspruch und Führungsdenken_ Bin der geborene Anführer, Hang
zur Selbstdarstellung_ Stehe gerne im Mittelpunkt, sowie ausbeuterisches Verhalten_ Es fällt mir leicht, andere zu manipulieren. Ein gewisses Maß dieser Eigenschaften ist sogar hilfreich. Wer viel von sich hält, tritt oft charmant auf, kommt bei anderen gut an und hat Erfolg im Beruf. Erst wenn die Ausprägung so extrem wird, dass sie bei Betroffenen oder in ihrem Umfeld erhebliches Leid verursacht, spricht man von einer Störung.

Entgegen der landläufigen Meinung ist bei pathologischen Narzissten das Selbstwertgefühl je nach Situation starken Schwankungen unterworfen, hängt mehr als üblich von der Anerkennung durch andere ab. Häufig begeben sich Betroffene erst dann in Behandlung, wenn sie in eine schwere Krise geraten und s sorgfältig aufgebaut Kartenhaus zusammenbricht_ etwa nach Misserfolgen, einer Trennung oder Kündigung. Die psychischen Folgen gipfeln mitunter in Selbstmordgedanken.

Obwohl das diagnostische und statistische Manual psychischer Störungen DSM-5 dies als einheitlich Syndrom beschreibt, sprechen neuere Forschungsbefunde dafür, dass verschiedene Subtypen dieser Art gestört Persönlichkeit existieren. So gibt es neben dem grandiosen Narzissmus_ welcher der geläufig Diagnose sehr nahekommt, auch einen so genannt vulnerabel welchen. Dieser ist nicht so leicht als solcher zu erkennen. Betroffene sehen sich zwar insgeheim ebenfalls als etwas ganz Besonderes und haben eine hohe Anspruchshaltung, trauen sich jedoch oft nicht, das Lob einzufordern, nach dem sie dürsten. Stattdessen haben sie große Angst vor dem Feedback anderer und schämen sich in Grund und Boden, wenn man sie kritisiert. Sie legen gegenüber Mitmenschen kein abwertend arrogant, überheblich und aggressiv dominantes Verhalten an den Tag, wirken eher ängstlich und depressiv, huldigen zwar dem Größenwahn, trauen sich aber aus Angst vor Ablehnung nicht, diese Neigung nach außen zu tragen.

Während grandiose Narzissten einen hohen Grad an Selbstverherrlichung praktizieren und daher überzeugt sind, die eigenen Ziele problemlos erreichen zu können, zweifeln die der vulnerabel Sorte an ihrer Handlungsmacht. Dadurch sind sie häufig sozial gehemmt und vermeiden Situationen, in denen sie einer Bewertung unterliegen. Es handelt sich daher keineswegs um zwei Seiten einer Medaille. Vielmehr sind es zwei eigenständige Typen mit völlig unterschiedlichen Profilen. Der grandiose weist bei den Big5_ den fünf gängigsten Persönlichkeitseigenschaften, die den Charakter eines Menschen beschreiben _eine geringe soziale Verträglichkeit bei hoher Extra-
Version auf, ist kontaktfreudig aber rücksichtslos, was eine ausgesprochen explosive Mischung ergibt. Der vulnerabel Typ verträgt sich zwar auch nicht gut mit anderen, ist jedoch eher introvertiert, neurotisch, emotional labil, besitzt ein geringeres Selbstwertgefühl und ist mit seinem Leben weniger zufrieden. Betroffene treten nach außen hin nicht so prahlerisch und feindselig auf und werden daher seltener als Narzissten erkannt. Es gibt allerdings gute Gründe, diese offensichtlich unauffälligere Form nicht zu unterschätzen_ haben doch beide Typen neben der sozialen Unverträglichkeit einen Hang zum Größenwahn, kümmern sich nur um sich selbst und stellen dementsprechend hohe Ansprüche.

Psychologen und Psychiater sind auch nur Menschen und lassen sich von gängigen Klischees beeinflussen. Legt man Fachleuten denselben Fallbericht vor und nennt den Patienten einmal Anna und einmal Paul, wird bei Paul öfter eine narzisstische, bei Anna hingegen eine histrionische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Histrionen waren Schauspieler im antiken Rom. Betroffene zieht es demnach auf die Bühne. Sie lieben es, im Mittelpunkt zu stehen, geben sich dramatisch und kapriziös, sind introvertiert und schnell gekränkt. So steckt hinter dem klassischen Macho _wenn man es genau nimmt_ oftmals eher ein Histrioniker als ein Narzisst. Beiden gemeinsam ist das gesteigerte Bedürfnis nach Anerkennung.

Verhaltenswissenschaftler beschränkten sich in früheren Studien auf zwei wesentliche Aspekte: Selbstaufwertung und abwertendes Verhalten anderen gegenüber. Intelligenz_ Ich bin ein Genie versus Die meisten Leute sind dumm, Attraktivität_ Ich bin sehr gut aussehend versus Die meisten Leute sind nicht sehr attraktiv, soziale Dominanz_ Ich bin sehr durchsetzungsstark versus Die meisten Leute sind Schwächlinge, soziales Engagement_ Ich bin außerordentlich hilfsbereit versus Die meisten Leute sind rücksichtslose Egoisten, neutrale Kategorie_ Ich bin großartig versus Die meisten Leute sind Verlierer.

Das bereits erwähnt gängig Handbuch DSM-5 von der American Psychiatric Association unterscheidet zehn verschiedene Persönlichkeitsstörungen, die sich inhaltlich drei Kategorien zuordnen lassen:

Cluster A - sonderbar, exzentrisch, beinahe schizophren

• Paranoide Persönlichkeitsstörung: Misstrauen und Argwohn gegen andere. Betroffene sind nachtragend, unterstellen böswillige Motive.
• Schizoide Persönlichkeitsstörung: Distanziertheit in sozialen Beziehungen, einzelgängerisches Verhalten, Gefühlskälte.
• Schizotype Persönlichkeitsstörung: eigentümliches Verhalten, seltsame Überzeugungen, Hang zu Aberglauben und Übersinnlichem, Unbehagen in sozialen Beziehungen.

Cluster B - dramatisch, emotional, impulsiv

• Antisoziale Persönlichkeitsstörung: rücksichtslose Missachtung der Rechte anderer, extreme Reizbarkeit, Impulsivität, aggressives Verhalten, Lügen und Betrügen bei fehlender Reue.
• Borderline-Persönlichkeitsstörung: Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen und im Selbstbild, Impulsivität, starke Angst davor, verlassen zu werden, Selbstverletzung, Wutausbrüche, chronisches Gefühl der Leere.
• Histrionische Persönlichkeitsstörung: übermäßige Emotionalität und Streben nach Aufmerksamkeit, sexuell verführerisches oder provokantes Verhalten, theatralischer Gefühlsausdruck, Mangel an Distanz in sozialen Beziehungen.
• Narzisstische Persönlichkeitsstörung: übertriebenes Gefühl der eigenen Großartigkeit, Bedürfnis nach Bewunderung und Mangel
an Empathie, überhöht Anspruch und Arroganz.

Cluster C - ängstlich, vermeidend, unsicher

• Vermeidend selbstunsichere Persönlichkeitsstörung: soziale Gehemmtheit, Gefühl von Unzulänglichkeit, Überempfindlichkeit gegenüber Kritik. Betroffene halten sich für unterlegen und unattraktiv.
• Dependente Persönlichkeitsstörung: stet Bedürfnis, versorgt zu werden, Unterwürfigkeit, Klammern, Trennungsangst. Betroffene
haben Probleme, eigene Entscheidungen zu treffen, die eigene Meinung zu vertreten und sind ungern allein.
• Zwanghafte Persönlichkeitsstörung: Beschäftigung mit Ordnung, Perfektion, Details, Listen und Plänen, starkes Bedürfnis nach Kontrolle, unflexibles Verhalten.

Den einzelnen diagnostischen Schubladen mangelt es an Trennschärfe, denn im klinischen Alltag ist eine eindeutige Zuschreibung oft unmöglich. Die neu überarbeitete Version der von der WHO herausgegebenen Internationalen Klassifikation der Krankheiten_ ICD-11, welche voraussichtlich 2022 auch bei uns in Kraft treten wird, zieht daraus Konsequenzen. Kategoriale Einteilung weicht einer weitgehend dimensionalen Erfassung. Anhand der Faktoren: negative Affektivität, Distanziertheit, antisoziales Verhalten, Enthemmung und Zwanghaftigkeit können Kapazunder vom Fach nun individuellere Profile einer psychischen Störung erstellen und diese als leicht, mittel oder schwer einstufen. Nur s Borderline-Syndrom_ die Neigung, instabile Impulse aufgrund einer gestörten Selbstwahrnehmung wegen meist traumatischer Erlebnisse in früher Kindheit ohne Berücksichtigung von Konsequenzen auszuagieren, stellt eine eigene Kategorie dar.

Was interessiert mich das? Zum einen kommst über Deinesgleichen beziehungsweise variabel gut Bekannten, auch ohne jemanden, der für n Batzen Geld geduldig zuhört und gelegentlich mitschreibt, besagtem Ranking phasenweise von allein auf d Schliche, ungewollt in d Quere bis verdächtig nahe. Zum anderen fehlt oft nur ein grader Michl, dem s zu bunt wird, oder n Kontra Re Bock Tschüs, damit für s treffend Selfie an Psyche nichts von Bedeutung Schaden nimmt.
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Wer s glaubt wird selig

Beitragvon riemsche » 20.04.2021, 23:54

Hätt s schon zu Ostern posten können_ hab ich aber nicht. Checkt man s Following, wo ewig Besserwissen und bring in Bälde s passend Bilderbuch raus n Primärziel = weißt warum.

Der deutsche Publizist, Buchautor und einstiges Mitglied der Union, Franz Alt sieht Jesus als Vorbild für die Neuordnung von Politik, Gesellschaft_ und nicht zuletzt der Kirche, seiner Kirche. Er rät zur Verabschiedung vom Dogma der göttlichen Natur, was, die katholische wie reformierte Theologie gelinde gesagt auf den Kopf stellen würde. Bereits im 4. Jahrhundert, zum Konzil von Nicäa, als das Christentum unter Konstantin I. toleriert und auf den Weg Richtung Staatskirche geschickt wurde, hielt man die Gottesnatur von Christus als Dogma fest, wurden davon abweichende Glaubenslehren wie der Arianismus unter Strafe gestellt. Da Alt seine hehren Absichten vom Pazifist Jesu auch über d Nationalzeitung in Druck gehen ließ, sah sich der Grimme-Preisträger mit zusätzlicher Kritik konfrontiert.

Alt vertraut auf den Text der Evangelien, vor allem auf deren Rückübersetzung ins Aramäische, wie sie vom deutschen Pater Günther Schwarz über Jahrzehnte hinweg durchgeführt und propagiert wurde. Anhand dieser Thesen geht Alt von Übersetzungsfehlern der Evangelien aus und spricht von dogmatisch-theologischen Wunschzuweisungen der Bibel, die nichts mit den Absichten Jesu zu tun hätten. Die historisch-kritische Bibelforschung geht mit diesem Ansatz nicht konform und wer sich eines der besagten Bücher von Schwarz zulegen möchte, hat dafür auf dem Gebrauchtbuchmarkt so um die 300 Euro aufwärts zu berappen.

Der spät zum Pastor berufene Schwarz startete seine Forschung dahingehend, indem er die griechische Bibel rückübersetzte und seiner Meinung nach missverständliche Stellen mit einer Art Nachinterpretation zu füllen suchte, um eine im Aramäischen stimmige Version herzustellen. Für den Quellenabgleich zog Schwarz etwa die Peschitta heran, die Bibel für die Kirchen in der syrischen Tradition, deren Wurzeln bis ins 1. Jahrhundert zurückreichen. Schwarz meinte, dabei den Sprachduktus eines zeitnah Propheten rekonstruieren zu können, etwa indem er alle Aussagen Jesu in Versform setzte. Begründung dafür_ die Propheten jener Zeit hätten damit ihren Äußerungen die Gestalt leichter merkbarer Thesen gegeben.

Leser, die mit dem Konzept der Wandlung in der Liturgie immer schon so ihre Probleme hatten, werden bei der Lektüre von Alt jubilieren. Er tritt gegen die paulinische Losung (1. Kor. 1, 23) an, welche die Auferstehung zum Dreh- und Angelpunkt des Glaubens mache. Das verstelle den Blick auf die zentralen Botschaften Jesu, der wie alle Propheten seiner Ära einer Mode von Wiedergeburts-
überzeugungen huldigten.

Auch wenn Alt in der Frage, ob Jesus am Karfreitag gestorben sei oder nicht, nicht klar Stellung beziehen will, so betont er ausdrücklich, dass in den Evangelien nirgendwo der Tod Jesu dezidiert festgehalten worden sei. Alt verweist auf die Einheitsübersetzungen von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, in denen sich überall die Metapher des ausgehauchten oder aufgegebenen Geistes finde. Er möchte, wie er selbst sagt, in der Ostergeschichte nach Fakten suchen und nicht nach christologischen Ideen, die zu bestimmten Lehren der Kirche passen. Muss er auch nicht_ er ist Publizist und nicht Theologe. Nur werden ihm die Theologen kaum folgen können, etwa wenn er aus der Schwarz’schen Rückübersetzung zur Begegnung von Jesus mit Maria von Magdala am Ostermorgen folgende Passage zitiert_ Berühre mich! Denn ich bin gar nicht gestorben. (Joh, 20, 17 RÜ)

Alt würde ein bisschen mehr Bescheidenheit guttun, meinen Kritiker seines Ansatzes, halten ihm aber zugute, dass er sich für eine positive Betonung der Botschaften Jesu und für eine optimistisch-empathische Kirche einsetze. Dass man trotz bemüht projektiver Lesart einer Rückübersetzung mitnichten an der Quellenproblematik zur Bibel rüttelt, liegt auf der Hand.

Tatsache ist, dass außer einiger abseits des NT überlieferten Worte alles, was Jesus gesagt hat, nur in vier griechisch geschriebenen Evangelien überliefert ist_ der Theologe und Sozialphilosoph Franz Magnis-Suseno erinnert an die Ausgangslage zur Beurteilung der Bibel. Mit dem bei Alt gerne verwendeten Wort Fälschung solle man, gerade wenn man selbst nur Projektionen zur Hand habe, bescheidener umgehen. Denn wäre das Christentum tatsächlich nur einer Fälschung aufgesessen, dann wäre Jesus seit 2.000 Jahren mausetot und ohne jede Folgewirkung geblieben. Alt wiederum möchte _was in dem Zusammenhang ehrenwert dünkt_ Jesus als Eingeborenen des Nahen Ostens seiner Zeit verstehen. Das ermögliche, von der dogmatisierten und ideologisierten Bildsprache des Abendlandes wegzukommen. Der Boden für seinen Ansatz bleibt dennoch ein dünner und ist letztlich eine Glaubens- wie auch Überzeugungsfrage.

Die uns geläufig These vom Tod Jesu wird aber auch von geschichtswissenschaftlicher Seite ohne Rückgriff auf aramäische Spitzfindigkeiten zumindest mit einem großen Fragezeichen versehen. Abseits zahlloser Scheintod-Debatten äußerte zuletzt der Historiker Johannes Fried in seinen Büchern Zweifel am beschrieben Ableben Jesu auf Golgatha. Darstellung und Sprachgebrauch bei Paulus und in den Evangelien liefern seiner Meinung nach keinerlei Beweis für eine Auferstehung, sondern nur für die Bereitschaft, an eine solche zu glauben. Als die erste von Paulus bezeugte Glaubensformel entstanden sei, habe das griechische Wort egeirein im situativen Kontext nur aufgewacht bedeutet und erst durch christlichen Einfluss eine höhere Ebene im Sinne von auferwecken verliehen bekommen. Die Passage _Jesus ist gestorben und auferstanden (1 Thess., 4,14, 1 Kor. 15,3-4)_ beziehe sich auf das griechische Verb anhistánai, das im zeitgenössischen Griechisch aufstehen oder sich aufrichten meinte. Die Interpretation des Paulus setze also einen bereits elaborierten Glauben voraus. Ebenso lasse sich die These, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt habe, nicht vor Paulus datieren. Erst die Evangelisten formulierten und propagierten die endgültige, ultimative Geschichte. An ein leeres Grab zu erinnern, so Fried, habe sich bei Paulus erübrigt. Dieser verknüpfe seiner Meinung nach das wunderbare Handeln Gottes an Jesus mit seinem eigenen Christusbild.

Von Differenzen, inhaltlichen Konflikten mit der Gemeinde um die Jesus-Jünger schreibt Paulus selbst im Brief an die Galater: „Als Kephas aber nach Antiochia gekommen war, bin ich ihm offen entgegengetreten, weil er sich ins Unrecht gesetzt hatte“ (Gal 2,11). Petrus hatte es doch glatt gewagt, mit „den Heiden“ zu essen. An Selbstvertrauen dürfte es dem als römisch Bürger geboren Paulus nicht gemangelt haben. Galt doch Petrus immerhin als eine der Säulen der Jerusalemer Urgemeinde, als Sprecher der Apostel - und nicht zuletzt hatte er Jesus gut gekannt, war Augenzeuge der Kreuzigung. Tatsächlich gehört es zu den bemerkenswertesten Umständen in der Frühgeschichte des Christentums, dass ein einzelner Mann, der sich lediglich auf eine Vision berufen konnte, die Wortführerschaft in Sachen Lehre Christi für sich in Anspruch nahm. Paulus, ein gelernter Zeltmacher aus Tarsus in der römischen Provinz Kilikien in der heutigen Türkei, obschon als Apostel tituliert, war schließlich keiner der eigentlichen Jünger, Jesus nie physisch begegnet, stammte _im Gegensatz zum vertrauten Kreis_ aus einer nicht vergleichbar Umgebung. Anders als die einfachen Leute aus dem Volk, denen die zwölf Apostel laut Überlieferung entsprachen, war er ein hellenistisch gebildeter Pharisäer, ein Schriftgelehrter. Sein Einfluss_ enorm, ist er doch immerhin der älteste namentlich bekannte Informant zur frühesten Geschichte des entstehenden Christentums. Die Jünger schwiegen, keiner von ihnen griff zur Feder. Der als Saulus geborene Apostel sprach Griechisch, die Jünger verstanden wohl nur Aramäisch. Auch s Stadt-Land-Gefälle trägt in dem Kontext zu verschieden Ansatz bei. Nicht nur die Paulusbriefe, in denen der Apostel sich fortwährend an die von ihm gegründeten Gemeinden wandte, sind prägender Bestandteil des Neuen Testaments und Grundlage der christlichen Theologie, auch ein erheblicher Teil der Apostelgeschichte des Lukas ist Paulus gewidmet. Erst im zweiten Jahrhundert kanonisiert, können daher die Evangelien beim besten Willen nicht als verlässliche Augenzeugenberichte gelten. Was gutem Glauben sichtlich keinen Abbruch tut.
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harte Zeiten

Beitragvon riemsche » 21.04.2021, 12:31

In gewohnt Gesellschaft gewöhnt man sich scheinbar an alles. Es geht um eine Bedrohung jenseits geläufig Erinnerung. Wenn Politiker und Experten dann den Alarm auslösen, denkt sich so mancher: Was soll die Aufregung, ist doch _soweit ich sehen kann_ alles so wie immer. Den meisten hierzulande fehlt s an bös Erfahrung mit Seuchen, Kriegen und Besatzungsmacht. Wir wollen nicht von schlechten Nachrichten behelligt werden. Diese Selbstzufriedenheit speist sich aus zwei Quellen_ der Seltenheit solcher Ereignisse und dem ach so menschlich Abwehrmechanismus des Verneinens. Je größer das Problem ist, desto hartnäckiger wird s erst mal ignoriert.

Die enorme Zahl an Todesopfer und Erkrankten berühren uns beileibe nimmer so, wie vor einem Jahr. Wir nehmen sie wahr, sind möglicherweise schockiert_ aber wie steht s mit dem Mitgefühl? Es einem einzigen Menschen als kohärente Einheit zuteil werden lassen, fällt uns leichter, als Tausenden, einer nicht zu identifizierenden Masse. Das Leid nimmt zu, unser Mitleid ab. Ein gefährlich Paradox. Wurden anfangs noch bei viel niedrigeren Infektionszahlen strikte Maßnahmen beschlossen und durchgesetzt, wartet man heute ab. Als ob niemand, der das Sagen hat wen kennt, dem das in Folge die Gesundheit oder s Leben kostete. Dasselbe emotional Desaster bei Flüchtlingen, Hungersnöten, Opfer der Klimakatastrophe.

Wenn es uns nicht einmal gelingt, diesen Widersinn zu vermeiden, wenn es um Menschen geht, die so nah sind – wie soll s dann auf d Entfernung funktionieren? Statt unserer Empathie, je schlimmer es wird, ne örtlich Betäubung zu verabreichen, wäre es an der Zeit, uns zu erinnern was es heißt, Mitgefühl zu haben_ für d Familie, Angehörige, sozial isolierte Kinder und Schüler/innen, überforderte Eltern, Selbständige, die um ihre Existenz bangen. Anteilnahme kommt nicht auf d Bequeme von allein auf und zuweilen bedarf es einer gewissen Anstrengung, sie aufrechtzuerhalten. Wozu ein sich sukzessiv an Leid gewöhnen führt, sollte mittlerweile hinlänglich bekannt sein. Zu noch mehr Leid. Sich, wenn s anderen an den Kragen, arg zu Herzen geht oder schon beim Zuschauen weh tut, nicht mit der passend Fernbedienung spielen, sondern Mitmensch sein, berühren lassen, wäre allemal ein guter Anfang.
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ASS

Beitragvon riemsche » 24.04.2021, 22:14

„Es macht dich anders und lässt dich anders denken.“ sagte die Aktivistin, sprach in Folge über ihr Asperger-Syndrom – eine Form des Autismus. Greta geht nicht nur offen mit ihrer Diagnose um. Vielmehr sieht sie ihr Anderssein als Superkraft. Sie könne sich beispiels-
weise ohne große Mühe stundenlang durch Studien und Texte wühlen, versteht etwas nicht nur, sondern handelt auch konsequent danach. Überdurchschnittlich intelligent, rational distanziert, losgelöst von sozialen Normen, kein gefällig Lächeln, kein Um den heißen Brei reden. Mit Thunberg wird eine bestimmte Idee von Autismus zum Mainstream, nämlich die, dass es sich dabei mindestens so sehr um eine Gabe wie um ein Defizit handelt.

1907 tauchte der Begriff Autismus zum ersten Mal auf. Er benannte zunächst ein Symptom schizophrener Menschen, die angeblich in ihrer eigenen Welt leben und stark von inneren Vorstellungen geleitet werden. In den 1940er Jahren wurde Autismus als eigene psychische Erkrankung beschrieben, die ausschließlich Kinder betrifft. Man sah das Wesen des kindlichen Autismus darin, dass man vor allem emotional nicht in Kontakt mit seinem Umfeld tritt, verschlossen bleibt und nicht verständlich ist, was in einem vorgeht.

Es dauerte noch einmal zirka 40 Jahre, bis man erkannte, dass sich Autismus nicht heilen lässt und autistische Kinder zu autistischen Erwachsenen werden. Es waren die 1980er Jahre, als d Mehrheit der Wissenschaftler*innen nicht mehr von einer seltenen psychose-
nahen Pathologie sprach. Vielmehr verstand man s von da an allmählich als eine psychische Störung, die sehr unterschiedlich ausgeprägt zu divers angesiedelt kognitiv Höchstleistungen führt. Ein Spektrum, das dem behandelnd Seelendoktor bis heute formal schlüssig dünkt. Das heißt, es werden einerseits Menschen als autistisch diagnostiziert, die keine Verbalsprache verwenden oder alltäglich in entsprechend Form auf Unterstützung angewiesen sind. Andererseits erhalten aber auch jene, die sich wie erwartet artikulieren, selbständig leben und berufstätig sind, dieselbe Diagnose. Man unterscheidet sozusagen zwischen einem niedrig oder
hoch funktionalem Autismus.

Zeitgleich eroberte 1988 mit dem Film Rain Man ein Autist die Kinoleinwand, der nicht nur in seiner eigenen Welt lebt, sondern vor allem spektakulär verfilmt Begabungen besitzt. Beispielsweise kann er sich mit einmal Lesen ein ganzes Telefonbuch merken oder sprengt im Casino, weil er sich merkt was er nicht soll, beim Blackjack ohne Arg die Bank. Er wird als komplexe Rechenmaschine inszeniert_ und das sei kein Zufall. Vielmehr führt die Kulturwissenschaft Veränderungen in den Vorstellungen über Autismus auch auf technologische Entwicklungen und deren gesellschaftliche Verhandlung zurück. Waren doch zu dieser Zeit Heimcomputer auf dem Vormarsch, propagierten eine neue Idee von maschineller Mathematik, die sich schließlich in Wissenschaft wie Popkultur auf die Debatten über Autismus übertrug.

Bis heute dominiert in der breiteren Öffentlichkeit das Bild des hoch funktionalen, technisch versierten Autisten, der nach Ansicht vieler männlich ist. In der IT-Branche sucht man sogar gezielt nach Arbeitnehmern mit solch speziellem Handicap. Weil sie _so d Chef-
etage_ außerordentlich gut Details und Muster erkennen, kein Problem damit haben, bestimmte Vorgänge mit großer Geduld ständig zu wiederholen. Parallelen zu aktuellen Diskursen sowie Ängsten in der Gesellschaft, in der viele nicht mehr verstehen, wie die digitale Welt funktioniert, liegen auf der Hand. Die Kontinuität, sich Autismus und nicht mehr nachvollziehbare Verfahren zusammenzureimen, ne logisch Folgeerscheinung?

Diese Vorstellung klammert nämlich aus, dass es heute auf die Frage, was Autismus sein könnte, mehr Antworten gibt denn je. Was wesentlich darauf zurückzuführen ist, dass immer mehr Betroffene ihre eigenen Erfahrungen schildern. Die wenigsten sehen sich selbst als ne Art Nerds oder definieren sich durch Inselbegabungen. Viele von ihnen berichten, dass sie Geräusche, Licht und Gerüche besonders intensiv wahrnehmen. Das sei eine zum Teil überwältigende Erfahrung und ermögliche es, einen speziellen Draht zur Umwelt zu haben. Entsprechende Selbstbeschreibungen legen nahe, dass Autismus womöglich mit der Fähigkeit zu außergewöhnlich innigen Beziehungen einhergeht_ mit dem verbindet, was uns umgibt, die meisten Menschen sinnlich nicht erleben. So können Laien wie unsereins oft nur über das sprechen, was unter einem Begriff von einer bestimmten Person innerhalb eines bestimmten Kontexts verstanden wird. Dahingehende Untersuchungen zeigen einmal mehr, dass jeder Versuch, Autismus zu verstehen, eine diagnostische Auskunft über die Zeit gibt, in der man s probiert. Apropos_ wie spät hammas?
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abiz später dazu mehr

Beitragvon riemsche » 26.04.2021, 21:48

"Ich weiß, dass ich nichts weiß", soweit s Geläufigste an Output vom Denker Sokrates. Damit seiner Zeit weit voraus, beschreibt der Dunning-Kruger-Effekt s Gegenteil von besagt Erkenntnis_ die völlige Selbstüberschätzung aaaaaber mit der Option auf Erfolg. Die Fähigkeiten, die man für d richtig Antwort benötigt, sind nämlich exakt jene welche, die s braucht, um zu erkennen, was ne solche ist. Jetzt kommt die Sich selbst erfüllend Prophezeiung ins Spiel. Bist von dir und deinem Tun überzeugt, legst besonders viel Energie an den Tag, um dein Ziel zu erreichen. Selbst dann, wenn man realistisch gesehen nicht unbedingt n Experte auf dem Gebiet ist.

Einsteiger gehen mit Respekt an eine Sache heran, leicht Fortgeschrittene neigen bereits dazu, sich zu überschätzen und mimen den HabsvollimGriff. Schon der englische Dichter Alexander Pope notierte in dem Zusammenhang_ “A little learning is a dangerous thing."
Im Wesentlichen klug genug sein, um zu erkennen, dass man dumm ist, ist für n Anfang o.k. Die mentalen Aktivitäten zum Erwerb von Fertigkeiten gliedern sich seit weißnichtwann in fünf Stufen_

Anfänger Fortgeschrittene Kompetente Versierte Expert*inn*en

und vier wahrnehmend Multiplikatoren, die mit IQ und Selbstreflexion gemeinsame Sache machen:

    Inkompetente überschätzen oft ihre eigenen Fähigkeiten
      sind unfähig, das Ausmaß ihrer Inkompetenz zu erkennen
        bauen aufgrund ihrer Ignoranz ihre Kompetenz nicht aus
          unterschätzen deshalb die überlegen Fähigkeiten anderer

          Wenn sich Ignoranz und Inkompetenz paaren, passieren so Dinge wie_ ein Mann Mitte vierzig namens McArthur Wheeler raubte in Pittsburgh/USA an einem Tag gleich zwei Banken nacheinander aus – unmaskiert. Anhand der Videoaufzeichnungen wurde er noch am selben Tag identifiziert und war bei seiner Verhaftung mehr als erstaunt. Er hatte sich nämlich sein Gesicht vor m Raubzug vorsorglich mit Zitronensaft eingerieben und war _da dieser auch als unsichtbare Tinte Verwendung findet_ der festen Überzeugung, dass es auf den Kameraaufnahmen nicht zu sehen sein wird. Dumm gelaufen (:-))
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          wie versprochen

          Beitragvon riemsche » 01.05.2021, 20:58

          Es ist erstaunlich, wie wenig wir uns mit der Dummheit beschäftigen. Akademisch gebildete Historiker*innen machen einen großen Bogen um sie, aus gutem Grund_ über n IQ anderer zu urteilen, ist ein anmaßend und zudem normativ Unterfangen. Was um Himmels Willen nimmst als Maßstab? Drum hält sich d populäre Geschichtsschreibung lieber an Anstrengungen, die eine Menschheit unternahm, um materiell und geistig voranzukommen. Eine Erfolgsgeschichte wäre ne Erzählung über die Zunahme an Kenntnis und Erfahrung, kognitiver Fähigkeiten, von allein gefunden und bewerkstelligten Lösungen, wenn s denn Probleme gab. Zu den dafür Angebeteten zählen Genies, Geistesblitzgiganten der Kunst und Wissenschaft, Heroen der Politik_ Geschichte als Erbauungsliteratur. Schon der Gedanke, dass der Lauf der Dinge und alles, was uns lieb und wichtig ist, von dummen Entscheidungen abhängen könnte, ist den meisten unerträglich.

          In modernen Demokratien stimmen vernünftige Wähler über vernünftige Vorlagen ab. Vernünftige Individuen treffen vernünftige Produktions-, Dienstleistungs- und Kaufentscheidungen und halten so eine dem entsprechend Wirtschaftsform am Laufen_ den sich selbst regulierend Kapitalismus. Es gibt ne allgemeine Schulpflicht, Fördermaßnahmen für Blitzgneißer und individuell Nachhilfe für Inselbegabte. Medien widmen sich der täglich Aufklärung. Im Strafrecht ist die Zurechnungsfähigkeit primär maßgebend für n dran schuld sein oder nicht. Soweit s theoretisch Wunschprogramm.

          Zusatzartikel_ für die pathologischen Ausprägungen der Dummheit, reale kognitive Beeinträchtigungen plus Wahnsinn sind dafür qualifiziert Einrichtungen zuständig. Wir fühlen uns also, so scheint es, vor Dummheit ziemlich sicher - halten uns für ach so vernünftig, wissen s offenbar besser. Es gilt die Unschuldsvermutung. Über Jahrhunderte, so die gängig Hypothese, hat die Dummheit insgesamt weder zu_noch abgenommen. Verändert haben sich lediglich bezeichnend Begriffe, vermutet Epizentren und Maßnahmen, die gegen sie ergriffen wurden. Wer sie in Geschichte packt, verkneif sich d Arroganz. Es gilt nicht die Dummen der Vergangenheit ausfindig zu machen und zu beschreiben, sondern den Umgang früherer Gesellschaften mit der Dummheit im Allgemeinen.

          Die alten Griechen hatten für das, was wir als dumm bezeichnen, kein Wort. Unkultiviert Bildungsferne galten bei ihnen als apaideusia, die Unvernunft im Sinne eines fehlenden Urteilsvermögens hieß aphronesis, naiv Unwissende galten als unmündig kindlich_ nepios. Beim Dichter Aristophanes taucht die Figur des Schwachsinnigen moros auf - bei Aristoteles ein ungehobelt, exzessiv sturer Lümmel_ der agroikos. Dieser lebte wie der heutige agriculteur auf dem Land, also da, wo die feinen Manieren der Städter nie so recht ankommen wollen. Ein typisch Athener behandelte seinerzeit solche Leute zwar von oben herab, aber für dumm in unserem Sinne hielt er sie nicht.

          Zudem benannten die Griechen noch den idiotes. Dieser war nicht etwa ein Schwachkopf, nein_ diese Bedeutung drückte man dem Idioten erst im 19. Jh. aufs Aug. Er lässt sich am ehesten mit Privatperson übersetzen, war von öffentlich politischen Angelegenheiten ausgeschlossen, nahm keine Ämter wahr, lebte und wirtschaftete für sich selbst. Im Militär war er einfach Soldat ohne Befehlsgewalt, im Handwerk ein Laie. Der Begriff an sich war ursprünglich nicht wertend. Für den griechischen Schriftsteller Plutarch jedoch bedeutete ein Leben als idiotes gesellschaftliche und politische Minderwertigkeit. Der Idiot war für ihn das Gegenteil des Bürgers polites - und dieser wiederum das Maß aller Dinge. Unterhalb des Idioten gab s in der Hierachie der attisch Demokratie nur noch Frauen und Sklaven.

          Auch im frühchristlichen Mittelalter war Dummheit nicht im heutigen Sinn einer fehlenden intellektuellen Begabung relevant, sondern eine Frage von Tugend und Laster. Gott war das Maß aller Dinge, seine Werke unergründlich, aber stets weise. Dumm war, wer nicht nach Gottes Gebot lebte. «Seht, die Furcht vor dem Herrn, das ist Weisheit, das Meiden des Bösen ist Einsicht», heißt es im Alten Testament. So wurde der idiotes zum Idealtypus des guten Gläubigen_ schlicht, kaum gebildet, Laie im kirchenrechtlichen Sinn, von Natur aus rechtschaffen. Nicht von ungefähr entstammt Jesus einer Handwerkerfamilie, waren seine Jünger Fischer und Zöllner, lebte man mit dem einfachen Volk, unter Armen und Kranken.

          Wissen, Macht, Reichtum, Sünde und Dummheit gingen zuweilen ne seltsam Beziehung ein. Dies verdeutlicht so manche Persiflage.
          Im Spätmittelalter hielt der niedere Klerus Narrenmessen und Narrenfeste ab, wurde das heidnische Spiel zur ritualisierten Flucht vor den Pflichten des bäuerlichen und klösterlichen Alltags, durch Rollentausch bestehend Hierarchie auf den Kopf gestellt. Einfache Subdiakone und Messdiener übernahmen den Part von Bischöfen und Priestern, wendeten die Riten ins Absurde, trieben Schabernack mit dem Weihwasser und parodierten die Heilige Schrift. Jeweils Mitte Januar fand die Eselsmesse statt. Seit dem Altertum stand das namengebend Tier für den Phallus und die Fruchtbarkeit, die dementsprechend Feier war eine Art Karneval mit erotischen Elementen, bei der die Geistlichen Tierkostüme trugen und den Segen des Narrenbischofs mit Tierlauten quittierten.

          «Die Kirche hat diese Unsitte nie gutgeheißen, im Gegenteil, sobald man erkannte, dass sie Unordnung stiftete, taten die Bischöfe ihr Möglichstes, um sie zu unterbinden», schrieb der französische Gelehrte Jean Baptiste Lucotte Du Tillot 1741 in seinen Mémoires pour servir à l’histoire de la fête des foux. Mit Konzilsbeschlüssen, dem Verbot von Gaukleraufführungen und profanen Tänzen habe man versucht, dem Treiben beizukommen_ vergeblich. Erst im Zuge von Reformation und Gegenreformation verschwand diese Welt zusehends, aus welcher Dichter wie Rabelais noch im frühen 16. Jh. ihre Figuren entwickelten – mit Ironie und doppelt Boden, satirischen Seitenhieben und burlesken Anekdoten, immer im Bemühen, in einer Zeit zunehmender konfessioneller Polarisierung der Zensur und Bestrafung zu entgehen.

          In der Frühen Neuzeit änderten sich die Dinge. Dummheit war nun nicht mehr durchwegs mit Gottlosigkeit identisch, frei herumlaufende Narren wurden zum Problem. Infolgedessen wurden in Europa vagabundierend Irre aus den Städten vertrieben_ unter anderem, indem man sie einfach auf Schiffe setzte und flussabwärts schickte. Man entwickelte laut Michel Foucault ein «kritisches Bewusstsein des Wahnsinns», drängte die «tragischen Gestalten» aus der Gesellschaft, ohne sie zu eliminieren. Gleichzeitig wurde die Dummheit neu codiert. Der Elsässer Jurist und Schriftsteller Sebastian Brant ist ein typisch Beispiel dieser Übergangsphase. Sein 1494 veröffentlichtes Werk Das Narrenschiff stand einerseits noch in der christlichen Tradition der Dummheit als Laster. Gelehrte sind bei ihm überhebliche Narren, dazu verdammt, am End zu «Lucifer jnns hellenloch» zu stürzen. Auch Ketzer, Heiden, Gotteslästerer und Mörder sind unrettbar verloren. Gleichzeitig greift Brandt das Motiv der Schiffsreise als Lebenszyklus auf_ seit der Antike eine Metapher für des jeweilig Dichters Selbsterfahrung. Der Weg zur Weisheit führt bei ihm statt über d Frömmigkeit über seinen «fründ Vergilium», den römischen Dichter Vergil_ sprich über die Vernunft.

          Als man begann, die menschliche Vernunft als erstrebenswert und gut zu erachten, änderte sich für d Dummheit einiges an bis dahin gewohnt Rahmenbedingung. So entwickelte sich im 16. Jh. eine neue Form des skeptischen Denkens, unter ihrem Deckmantel diverse Möglichkeiten subversiver Autonomie mit einem geradezu freundschaftlich Verhältnis zur Dummheit. 1511 publizierte Erasmus von Rotterdam sein Lob der Torheit. Er lässt die Dummheit selbst zu Wort kommen: «Was auch immer der große Haufen von mir sagt, ich behaupte dennoch, aus eigener Macht Götter und Menschen erheitern zu können.» Es gebe ein Recht auf Dummheit, ja in vielen Lebenslagen sei sie wünschenswert und angebracht. «Ist Jungsein denn etwas anderes als Unbesonnenheit und Unvernunft? Schätzt man nicht gerade den Mangel an Verstand am meisten an jenem Alter? Hasst und verabscheut nicht jeder ein frühreifes Kind wie eine Missgeburt?» Keine Ehe ohne Unbesonnenheit, keine nochmalige Geburt mit ihren Schmerzen ohne Vergesslichkeit, keine neue Erkenntnis ohne Leidenschaft.

          Wer von sich behauptet, in allen Dingen weise zu handeln, ist bereits entlarvt, ein morosophos, ein «Töricht-Weiser». Das Einzige, was man erlangen könne, sei ein gewisser Grad an Selbsteinsicht. «Die Dummheit ist eine böse Eigenschaft», schrieb Michel de Montaigne in seinen Essays. «Aber sie nicht ertragen können, sich darüber aufregen und ärgern, ist eine Krankheit anderer Art, die der Dummheit nichts nachgibt und die gerade so unleidlich ist.» Der kluge Narr und der einfältige Weise – beide wurden im Zeitalter des Humanismus und der Aufklärung zu einem wiederkehrenden Motiv. Ob in Miguel de Cervantes Don Quijote (1605–1615), Daniel Defoes Robinson Crusoe (1719) oder Denis Diderots Jacques le fataliste et son maître (1776)_ der Ungebildete und der Naturmensch können zu höherer Einsicht gelangen, während es die hohen Herrschaften mangels Selbstkritik nicht schaffen, sich ihrer eigenen Unwissenheit bewusst zu werden.

          Hofnarren hielten Einzug_ diese, keineswegs dumm, hielten dem Adel mit Scharfsinn und Witz einen Spiegel vor. Monarchen konnten sich die intelligentesten dieser Zunft leisten, weil ihre Autorität durch die ständische Ordnung gesichert war. Nur wer die eigene Macht nicht für unumstößlich hielt, hatte mit derart gerissen Kritiker so seine Mühe.

          Mit dem Aufstieg des Bürgertums traten neben Fürsten neureiche Bürger auf den Plan, Herren_ allein kraft ihres Geldes. Ihnen wurde der Narr gefährlich. Eine Autorität, die sich primär auf Reichtümer und erworbenes Wissen stützt, ist angreifbar. Gleichzeitig rüttelten Philosophen im 18. Jh. wie nie zuvor am Dogma göttlicher Weisheit und Allmacht. Für sie waren nicht mehr Atheisten die Dummen und größten Sünder, hatten diese doch in der Regel eine Ethik. Für wirklich dumm befanden sie Devoten und blind Gottesfürchtige, die sich s eigene Denken versagten. Der katholische Priester Jean Meslier, der in den 1720ern im Geheimen an seinen tausende Seiten zählend Mémoires schrieb, erklärte die Religionen und überhaupt alles, «was in der Welt als Gottesdienst und Andacht feilgeboten und praktiziert wird», als «Irrtum, Täuschung, Einbildung und Betrug». Damit geriet auch die durch Gottes Gnaden legitimierte Macht von König und Klerus unter Beschuss. Paul-Henri Thiry d’Holbach beschrieb in seinem 1766 unter Pseudonym erschienen Werk Le christianisme dévoilé_ s entschleiert Christentum: «Keine gute Regierung kann sich auf einen despotischen Gott gründen; sie wird ihre Repräsentanten stets zu Tyrannen machen.»

          Die Dummheit wurde für Aufklärer zum grundlegend Problem. Man attackierte einerseits Despoten, hatte jedoch andererseits auf die Frage, auf wen deren Macht im Anschluss übertragen werden sollte, keine schlüssig Antwort parat. Wie war ein republikanischer Staat zu organisieren, wenn man davon ausgehen musste, dass ein Großteil der Bürger unwissend, ja vielleicht sogar dumm war? «Um Menschen, um tugendhafte Staatsbürger zu bilden», so Holbach «muss man sie unterrichten, ihnen die Wahrheit zeigen, mit ihnen vernünftig reden, ihnen ihre Interessen sichtbar machen, sie lehren, sich selbst zu achten.» Das konnte Jahrhunderte dauern. Voltaire war noch skeptischer. Er hielt die Religion nach wie vor für wichtig_ Opium fürs Volk. Regieren solle eine Elite von Aufgeklärten.

          Wer garantiert, dass Bildung gegen Dummheit hilft, sie nicht im Gegenteil erst fördert? «Der Mensch wird unwissend geboren: Er kommt aber nicht dumm auf die Welt und wird es auch nicht ohne Anstrengung», schrieb Claude-Adrien Helvétius in seinem Buch Vom Menschen, seinen geistigen Fähigkeiten und seiner Erziehung_ erschienen 1774, vier Jahre nach seinem Tod. Um dumm zu werden, so weit zu kommen, dass auch noch der natürliche Verstand im Keim erstickt werde, seien «Kunst und Methode» nötig. «Der Unterricht muss in uns Irrtümer über Irrtümer aufgehäuft haben; und durch vielfältige Lektüre müssen wir erst unsere Vorurteile vervielfältigt haben.» Helvétius ließ keinen Zweifel daran, dass die Art Erziehung im vorrevolutionären Frankreich an der Tagesordnung war. «Das gute Buch ist fast überall das verbotene Buch. Geist und Vernunft regen seine Veröffentlichung an, aber die Bigotterie wehrt sich; sie will das Universum beherrschen, also ist sie an der Ausbreitung der Dummheit interessiert.» Ist es demnach besser, unwissend zu bleiben, als von Mächtigen zur Dummheit erzogen zu werden?

          Die Französische Revolution fegte derart Zweifel hinweg. Ziel der Jakobiner um Maximilien Robespierre, die nach 1793 den Ton angaben, war es, die Dummheit notfalls mit der Guillotine auszurotten. Sie beriefen sich auf Jean-Jacques Rousseau, laut dem der Gemeinwille _volonté générale_ unfehlbar war und absolut galt. Nicht nur Royalisten und Aristokraten wurden ohne Zaudern hingerichtet, auch die ältere Generation skeptischer Philosophen und Staatsrechtler sowie ehemalige Weggefährten, die mit dem politischen Stil nicht mehr einverstanden waren, wurden vertrieben oder getötet. In Rousseaus Contrat social gab es keine Ambivalenz, kein Zaudern, keinen Platz für Kritik. Er berief sich auf eine letztgültige «natürliche Ordnung», die zu einer politischen werden sollte. Alles an Individuellem fiel der Auslöschung anheim. Persönliche Interessen, die den Interessen des neuen Souveräns widersprachen, waren nicht nur unerwünscht, sondern eine Gefahr. Der Gesellschaftsvertrag forderte «die völlige Entäußerung jedes Mitglieds mit allen seinen Rechten an das Gemeinwesen als Ganzes». Im Zweifelsfall solle man von der Gemeinschaft zu besagt Gemeinwillen gezwungen werden.

          Was einem auf den ersten Blick radikal demokratisch und integrierend dünkt, war in Tat und Wahrheit auf den weißen Mann als staatstragenden Bürger zugeschnitten. Von Natur aus gebe es zwar keine Hierarchie, jeder Mensch sei gleich frei und dem gleichen Recht unterworfen, so Rousseau, der sich dezidiert gegen die Sklaverei aussprach. Hingegen gebe es natürliche Autoritäten, die Menschen aus Gründen des Selbsterhalts traditionell anerkennen würden. So gehorchten Kinder ihrem Vater, der als Familienoberhaupt kraft seiner Liebe zu ihrem Besten entscheide. Auch für die Frau sah Rousseau den natürlichen Platz nicht in der Politik. Sie solle sich weder mit Staatsangelegenheiten noch mit Wissenschaft beschäftigen, nur leichte Lektüre konsumieren und sich ganz den häuslichen Dingen widmen.

          Bereits Erasmus von Rotterdam hatte in seinem Lob der Torheit festgehalten, der Mann habe ein «Quentchen mehr an Vernunft» abbekommen, weil er «für staatliche Aufgaben bestimmt» sei. Ganz sicher war er sich der Sache aber nicht. In seiner Satire Der Abt und die gelehrte Frau (1526) legte er Ersterem die Worte in den Mund: «Gebildet zu sein ist unweiblich.» Bücher würden den Frauen «viel von ihrem Verstand» rauben und sie hätten «ohnehin zu wenig». Darauf die Frau: «Wie viel ihr Männer habt, weiß ich nicht. Ich möchte jedenfalls das wenige, das ich habe, lieber für ordentliche Studien verwenden als für das sinnlose Hersagen von Gebeten (. . .) und das Leeren riesiger Humpen.» Die «Weltszene» verändere sich, es werde noch so weit kommen, «dass wir in den theologischen Schulen den Vorsitz führen und in den Kirchen predigen».

          Die Weltszene machte allerdings noch länger keine Anstalten, sich zu verändern. Denis Diderot wandte sich noch über zweihundert Jahre später vergeblich gegen jene, denen «Phantasie und Mitgefühl» fehlten für das Schicksal der Frauen. «In fast allen Ländern», schrieb er 1772, «hat die Grausamkeit der bürgerlichen Gesetze sich mit der Grausamkeit der Natur gegen die Frauen verbündet. Sie werden behandelt wie schwachsinnige Kinder.» Tatsächlich empfahl Rousseau, die Mädchen bei der Erziehung ausschließlich auf ihre Funktion für die Vervollkommnung des Mannes vorzubereiten.

          Im 19. Jh. wurde Bildung zu einem löblich Gut und auf s Strengste maßgeschneidert angeboten. Es galt, Mädchen vornehmlich auf angehend Mutter und Hausfrau zu trimmen, während man Buben aus gutbürgerlichen Familien auf ihre wirtschaftlichen, staatspolitischen und militärischen Aufgaben vorbereitete und den Rest an vielschichtig Nachwuchs zu Anstand, Fleiß und Genügsamkeit erzog. Nur die Bildung der Massen bringe die Gesellschaft voran, so die gängig Parole. Das neue bürgerliche Ideal der Vernunft verfestigt s Paradox. Einerseits wurde Dummheit zum selbstverschuldet Zustand. Jeder hatte ne reelle Chance gegen sie anzukämpfen und einen Beitrag in Sachen Schritt für d Menschheit zu leisten – für das, was man als Fortschritt bezeichnete und sich unter Voraussetzung gleichbleibenden Verlaufs zurück in d Zukunft dachte. Gleichzeitig gab s selbstverständlich jene, die sich immer schon für klüger hielten als alle anderen, fortan Frau und Herr Lehrer nannten.

          «Madame, c’est la guerre!», schrieb Heinrich Heine 1827 in Das Buch Le Grand. «Ich will Ihnen jetzt das ganze Räthsel lösen: Ich selbst bin zwar keiner von den Vernünftigen, aber ich habe mich zu dieser Parthey geschlagen, und seit 5588 Jahren führen wir Krieg mit den Narren.» Was er mit Humor nahm, wurde für andere bitterer Ernst_ um 1800 etablierten sich bedenklich Techniken, um Dummheit zu erkennen. Der Pfarrer und Philosoph Johann Caspar Lavater kreierte mit seiner Physiognomik eine Art Wörterbuch der Natur, ein «göttliches Alphabet», wie er es nannte und schloss von den Gesichtszügen auf d Eigenschaften eines Menschen. «Ich frage alle Physiognomen, ob sie nicht einmal aus den Gesichtern auf Vornamen geschlossen haben», spottete Georg Christoph Lichtenberg_ allein, Lavaters Lehre blieb dennoch populär.

          Etwas später ordnete der deutsche Anatom Franz Joseph Gall einzelnen Hirnarealen bestimmte Eigenschaften und Talente zu. Der Charakter, das Gemüt und die Intelligenz eines Menschen ergaben sich für Gall aus dem Zusammenspiel lokalisierbarer «Organe» im Gehirn, wobei sich _so die Theorie_ Anhaltspunkte für d jeweilige Ausprägung in der Schädelform manifestieren. Gall war ein eifriger Sammler, schrieb bereits 1798 im Teutschen Merkur, dass er sich wünsche, dass «jede Art von Genius» ihm seinen Kopf vererbe. Von Schillers Schädel konnte er sich eine Totenmaske beschaffen, betreffend Goethe wandte er sich 1827 an den mit dessen Familie befreundeten Franz Brentano: «So beschwöre ich Sie, alle Umgebungen des einzigen Genies zu bestechen, dass wo möglich der Kopf in Natura der Welt aufbewahrt bleibe.»

          Die Obsession mit dem Genie spiegelte sich in der der Dummheit. 1853-1854 erschien das vierbändige Monumentalwerk Essai sur l’inégalité des races humaines des französischen Diplomaten und Schriftstellers Arthur de Gobineau. Sein Einfluss auf die Vorstellungen von höher_und minderwertigerem Leben sollte ein gewaltiger sein. Die allgemeine Verweichlichung, eine Verrohung der Sitten und fehlende religiöse Überzeugungen führten laut Gobineau zum Zerfall der Nationen. Grund dafür sei eine Vermischung der «Rassen», die Degeneration und Entartung mit sich bringe. An unterster Stelle stand für ihn die «schwarze Rasse»; sie gleiche den Tieren. Die «gelbe Rasse» tendiere zur Mittelmäßigkeit. Nur die «weiße Rasse» zeichne sich durch eine «immens überlegene Intelligenz» aus, stehe an der Spitze der Hierarchie, ihren Erhalt gelte es zu sichern. Wie die Rassenlehre propagierte auch die Kriminologie im 19. Jh. eine biologische IQ-Skala. Der italienische Arzt und Gerichtsmediziner Cesare Lombroso schloss aufgrund bestimmter Körpermerkmale auf kognitive und moralische Defizite und teilte die Menschen verschiedenen «Entwicklungsstufen» zu. Die niederen welchen neigten angeblich zur Delinquenz. So wie Gall einst die Schädel von Genies vermessen hatte, verfuhr Lombroso mit jenen von hingerichteten Verbrechern. Den praktischen Wert seiner Lehre sah er darin, dass man die zivilisatorisch rückständigen «Verbrechertypen» erkennen könne, bevor sie ein Verbrechen begingen. Er war überzeugt: Der Verbrecher wird als Verbrecher geboren.

          Mit der dem entsprechend Bibliothek im Background machte man sich um 1900 daran, den werten Gesellschaftskörper zu optimieren. Verschiedene Länder erließen für bestimmte soziale Gruppen Fortpflanzungsverbote und führten Zwangssterilisationen durch. Die Eugenik _Lehre von der Verbesserung des menschlichen Erbguts_ war ne Wissenschaft und auf dem Vormarsch. Zwischen 1934 und 1945 verurteilten eigens dafür geschaffene Erbgesundheitsgerichte im «Dritten Reich» rund 400 000 Menschen wegen körperlicher oder psychischer Beeinträchtigungen, vererbbarer Krankheiten, falschen Lebenswandels oder Alkoholismus zu besagt gewaltsam medizinisch Eingriff. War der Mythos einer stetig zunehmend menschlichen Vernunft infolge dessen noch zu retten? Sind doch die Massen nicht s erste Mal als Brutstätten kollektiver Dummheit identifiziert worden. Im 1895 erschienen Werk des französischen Arztes Gustave Le Bon Psychologie des foules heißt es: «In den Massen verlieren die Dummen, Ungebildeten und Neidischen das Gefühl ihrer Nichtigkeit und Ohnmacht; an seine Stelle tritt das Bewusstsein einer rohen, zwar vergänglichen, aber ungeheuren Kraft.» Sigmund Freud sprach 1921 in dem Zusammenhang von einer «kollektiven Intelligenzhemmung».

          Die Masse sei empfänglich für die hypnotischen Verführungen charismatischer Führerpersönlichkeiten und neige zu irrationalem und gewalttätigem Verhalten. Populismus und Propaganda im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs schienen das exemplarisch zu bestätigen. Elias Canetti beschrieb 1960 dieses Phänomen in seiner Abhandlung Masse und Macht wie folgt_ Der wichtigste Vorgang, der sich innerhalb der Masse abspiele, sei die «Entladung»: «Sie ist der Augenblick, in dem alle, die zu ihr gehören, ihre Verschiedenheiten loswerden und sich als gleiche fühlen.» Dem Publizist Vance Packard war auch die kommerzielle Propaganda nicht geheuer, so nannte er die Werber 1957 «geheime Verführer». Zudem tauchte im 20.Jh., ähnlich wie bereits im Mittelalter, wieder das Motiv des dummen Übergelehrten auf. Der zerstreute Professor und der Fachidiot wurden zu unentbehrlichen Figuren der Populärkultur. Der Schriftsteller und Theaterkritiker Robert Musil brachte es 1937 in einem Vortrag folgendermaßen auf den Punkt_ Dummheit sei nicht ein Fehlen von Intelligenz, sondern das Ergebnis von Sinnverweigerung. Zudem wäre die Dummheit der eigentlich Intelligenten weitaus gefährlicher als jene der grundsätzlich Dummen. Bereits 1866 machte sich der Philosoph Johann Eduard Erdmann dazu so seine Gedanken. Seiner Meinung nach sehe der Dumme die Welt wie durch ein Guckloch, erkenne Dinge nur aus einem einzigen Blickwinkel. Wenn aber der «Umkreis der Ideen mit ihrem Zentrum zusammenfällt», der Radius demnach derart gen Null geht, dass eine zusätzliche Einschränkung nicht mehr möglich ist, dann habe man der Dummheit Kernfigur vor sich_ das eigene Ich.

          Dieses Ich galt es in der Nachkriegszeit hinreichend flexibel zu halten. Dazu schwor man Beschäftigte nach dem Niedergang auf ein «lifelong learning» ein. Die Anforderungen an das Intelligenzprofil von Mitarbeitern änderten sich. Der IQ-Test, 1904 von Alfred Binet und Théodore Simon in einer ersten Variante entwickelt, wurde durch ausgefeilte psychodiagnostische Verfahren abgelöst, in denen man die vielfältigen Arten von kognitiv, emotional, praktisch und sozialer Intelligenz zu erfassen versuchte. Zunächst im militärisch Dunstkreis erprobt, boomten in den 1960er und 70ern professionelle Begutachtungsbüros_ sogenannte Assessment Centers. Sie durchleuchteten im Auftrag von Firmen Kandidaten für Kaderposten und stellten sicher, dass Entscheidungsträger versehentlich keinen einstellten, der ihrer Ansicht nach Dummheiten macht.

          Auch im 21. Jahrhundert sind die Dummen in der Regel wenn möglich die anderen. Oder wie Gustave Flaubert in den 1870er Jahren notierte, als er an seinem Roman Bouvard und Pécuchet arbeitete und ne Phrasensammlung anlegte, die 1911 als Wörterbuch der Gemeinplätze publiziert wurde_ «Dummköpfe: Denken anders als man selbst.» Solange wir also nicht gleichgeschaltet sind, bleibt die Dummheit eine beunruhigend welche, findet überall nen Wirt, und sei s im Weißen Haus.

          Die Dummheit sei ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit, schrieb der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer 1943 im Gefängnis. Gegen das Böse lasse sich protestieren_ «Gegen die Dummheit sind wir wehrlos.» Auch der Ökonom Carlo Cipolla hielt 1976 in seinem teilweise nicht und doch ernst gemeint Büchlein The Basic Laws of Human Stupidity fest, die ach so Gescheiten unterschätzten notorisch die zerstörerische Macht der Dummheit. Nicht der Bandit, der anderen schade, um selbst etwas zu gewinnen, sei der gefährlichste Typus des Menschen, sondern der Dumme_ er richte nur Schaden an, ohne jeglichen Gewinn. Seinesgleichen begegne man in allen Schichten, sämtlichen Berufen, in der Stadt und auf dem Land, unter einfach Gemüt ebenso wie in Gesellschaft von Professoren und Nobelpreisträgern. Laut John W. Campbell jr. und Murphy's Law geht alles was schief gehen kann, infolgedessen schief. Es empfiehlt sich daher, an Institutionen zu basteln und eine Gesellschaft zu kultivieren, in der man nicht weiterhin tagtäglich Gefahr läuft, an Dummheit zu sterben.
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          bug

          Beitragvon riemsche » 06.05.2021, 12:24

          freudsches Fundstück bei Amazon zu gesucht Ersttagsbrief in Sachen "Hammerwerfer" bezüglich Produkthinweis und Anbieter:

          Der Laden verkauft alle Arten von Gebäuden, Straßen und Brücken, Städten, Charakteren, Statuen, Transport, Fahrzeugen, Technologie, Erfindungen, Luft- und Raumfahrt, Militär, Haushaltsutensilien, Lebensmittel, Utensilien, Instrumente, Revolutionärkrieg, Geschichte, Vereinigungen, Pflanzen, Gartenarbeit, Landschaften, Naturphänomen, Sport, Leichtathletik, Spiele, Insekten, Tiere, Mikroorganismen, Kinder, Frauen, Gemälde-Skulpturen, Tänze, Kostüme, Feste, Weihnachten, Liebe, Freizeit | Finanzen, Fossilien, Metallminen, Schätze, Embleme, Medaillen, Flaggen, Karten, Text, Religion, Recht, Konstellation, Mythologie und Illusion, Sicherheit, Medizinische Krankheit, Frieden, Öffentliches Wohlergehen, Energie, Chemie, Material, Literatur, Bildung, Wissenschaftler , Belohnung, Jugend, Arbeit und Arbeit, Handwerk, Folklore, kalte Waffe, königliche Familie, aristokratische Musterstempel, ...?

          die Punkterl und s Fragezeichen stammen von mir
          weil s Outing nach m letzt Beistrich plötzlich endet
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          werd einer daraus schlau

          Beitragvon riemsche » 12.05.2021, 22:25

          Grundlage der Behauptung _höhere kognitive Fähigkeiten sind generell von Vorteil und praktisch nie schädlich_ sind Daten von fast 50 000 Menschen, die allesamt in ihrer Kindheit und Jugend entsprechende Tests absolvierten. Die älteste Gruppe umfasst rund 10 000 per Zufall ausgewählt Jugendliche im US-Bundesstaat Wisconsin, die dort 1957 die Schule abschlossen. Die jüngste wurde zwischen 1980 und 1984 in den USA geboren und seitdem bereits 17-mal befragt. Eine weitere um das Jahr 1960 geborene US-Kohorte gab sogar 26-mal Auskunft. Und zur britischen Stichprobe zählten mehr als 16 000 Menschen Jahrgang 1970, die jeweils im Alter von 10 und 46 Jahren über ihr Dasein berichteten. Für ein gutes Leben wurden Faktoren wie Bildungsabschluss, Einkommen, berufliche Zufriedenheit, körperliche und psychische Gesundheit, soziale Kontakte und ehrenamtliches Engagement als Maßstab definiert. Man suchte gezielt nach Bereichen, in denen niedrige oder durchschnittliche kognitive Leistungen vorteilhafter waren als n hoher IQ. Von mehr als 200 angenommenen Negativeffekten fand man jedoch bloß deren sechs - und selbst diese waren nur schwach ausgeprägt und nicht in allen Kategorien und Altersgruppen präsent. Die Mehrzahl der Fälle entsprach der anfänglich Erwartungshaltung_ je höher die kognitiven Leistungen, desto besser fürs Bildungsniveau, Einkommen, Gesundheit, weitere Leben. Keinerlei Hinweis auf irgendeine Art von Nachteil oder Grenze, ab der höhere Werte nimmer von Vorteil sind. Demnach also ziemlich unwahrscheinlich, dass sich der positiv Zusammenhang ab einem bestimmten Punkt umkehrt. Somit gilt auch für n hervorragend Denkvermögen_ mehr davon kann im Prinzip nur von Nutzen sein.

          Warum also glauben viele, dass hohe Intelligenz ihre Schattenseiten hat? Dazu gibt es eine Reihe von Theorien. Unter anderem sei n plausibel Fehlschluss schuld daran. Wenn Hochbegabte im Leben scheitern, macht man ihre überdurchschnittliche Intelligenz dafür verantwortlich. Bei einer durchschnittlich welchen werden andere Merkmale, wie etwa mangelndes Einfühlungsvermögen für eine stichhaltig Erklärung herangezogen. Ein Garant für n gutes Leben sei Intelligenz natürlich nicht. Mischen doch auch die Gewissenhaftigkeit, das Umfeld und der Zufall kräftig mit. Zudem handle es sich bei den Studien um Stichproben aus der Normalbevölkerung _ein Unwort welches als geläufig durch d Rechtschreibkontrolle flutscht_ mit vergleichsweise wenig Hochbegabten. Aber es gäbe Hinweise darauf, dass sich Intelligenzbolzen etwas schwerer damit tun, dem Leben einen Sinn abzugewinnen. Auch bei der Suche nach dem Partner oder der Partnerin fürs Leben sind ihre Optionen angeblich limitiert. Zwar wünsche sich d Mehrheit überaus intelligente Menschen an ihrer Seite, aber keine Hochbegabten - wahrscheinlich aus Sorge, selbst nicht kompatibel zu sein. Das Angebot an potenziellen Lebensgefährt*innen dürfte ergo ein begrenztes sein. Dass zahlreiche anderen Vorzüge diesen Nachteil zumindest auf d Materielle aufwiegen, ist nur n schwacher Trost.
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