s Dumme an Dämonen

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riemsche
Dionysos
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s Dumme an Dämonen

Beitragvon riemsche » 15.07.2018, 20:43

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Da saßen sie also, all die milliardenschweren Geldsäcke. Frohgemut, erwartungsvoll, zukunftsfreudig. Eine ehrenwerte Gesellschaft, wie wahr, wie doppeldeutig. Ein Geheimtreffen am 20. Februar 1933 in Görings Berliner Reichstagspräsidentenpalais führte sie zusammen, diese mehr als 20 Repräsentanten der deutschen Großindustrie. Ein illustres Konzern-Konzert mit den Stimmen von Krupp, Opel, BASF, die I. G. Farben durfte keineswegs fehlen, auch nicht die Bayer-Werke und Siemens. Mehr als ein Jahrzehnt und einen infernalischen Weltenbrand später waren sie allesamt überzeugt, eine weiße Weste zu tragen. Sie hat braune Flecken bis zum heutigen Tag, kein Wort von Mitschuld ist zu hören.

So beginnt Éric Vuillards Abstieg ins Nazi-Pandämonium, in seinem Erzählstil mitunter fast beiläufig - wohl wissend, dass dies Wucht und Aussagekraft von sodahinGesagtem erheblich zu steigern vermag. „Die Tagesordnung“ wurde in seiner Heimat Frankreich 2017 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Knapp 120 Seiten genügen ihm, belegen auf eine dem Autor eigen trocken Weise zugespitzt schonungslos, mit welch an sich billigen Bluffs der pure Wahnsinn seinen Anfang nahm. Kanzler war Hitler zu diesem Zeitpunkt schon, Führer noch nicht, die nächste Wahl stand an. In den Parteikassen der NSDAP hatten jedoch die Motten Einzug gehalten - und das wollte so gar nicht zu heroisch Tamtam, gewollt Profilbild passen.
Ein Propagandafeldzug musste her. Imposanter, verlogener, irrwitziger als alles bisher Gesehene. Massenmanipulation, Gehirnwäsche, Fakenews und Heucheleien am Fliessband, das volle Programm. Die Herrenrunde wurde dementsprechend mit recht viel Pathos aufs einzig Ziel eingeschworen_ mehr Macht. Zu diesem Zweck -mit Aussicht auf fette Beute und Aufträge en masse- sollte die geladen Chefetage gefälligst tief in d Tasche greifen. Allein bei diesem gespenstischen Stelldichein flossen an die zwei Millionen, Blender hatten ihr Bestes und unterwürfig Helferlein ihre Pflicht getan. Mehr noch. Sie sorgten in Folge dafür, dass auch andere europäische Staatenlenker -ob allem was da an Massenhypnose geboten wurd- verheerend Gleichgültigkeit ergriff, fatale Bereitschaft wuchs, gewaltig Chaoten artig Tür und Tor zu öffnen.

Vuillard (49) ist auch ein exzellenter Filmemacher. Er weiß sehr wohl, wie wichtig es ist, scheinbar Nebensächliches im Detail zu beleuchten, dessen Bezug, Funktion fürs im Grund grauenhaft große Ganze zeitlos in Form zu bringen. Wobei er nicht von ungefähr auf Charlie Chaplins Volltreffer „Der große Diktator“ verweist. Lassen sich doch Kapitel, wie das über den Anschluss Österreichs und in dem Zusammenhang von Schneck Schuschnigg mit ner gehörig Portion Schleim absolvierten Trip zu Hitler auf den Berghof, lesen wie d aktuell passend Wochenschau.

_gen Ende kriegen nochmal die Stahlharten exemplarisch ihr Fett ab. Sie durften sich ja, wie andere Konzerne auch, jahrelang für ihre Betriebe spottbillig jüdische Arbeitskräfte aus den Konzentrationslagern holen. Nur deren wenige zwingend “Auserwählte” waren den ungeheuerlichen Strapazen, unmenschlichen Bedingungen gewachsen. Zwei Jahre lang kämpften Überlebende um eine _find die Floskel zum Kotzen_ finanzielle Wiedergutmachung. Anfangs betrugt sie 1250 Dollar, in Folge 750, dann 500, ehe sie ganz eingestellt wurde. Alfred Krupps Begründung: Die Juden hätten ihn schon zu viel Geld gekostet. Empörung, Aufschrei darüber hielten und halten sich _ausser bei Betroffenen_ zugunsten potentieller Wiederholungstäter in für d heileWeltnachrichten maßgeschneidert Grenzen.
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