Siegfried Lenz: Heimatmuseum

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Joachim Stiller
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Siegfried Lenz: Heimatmuseum

Beitragvon Joachim Stiller » 01.10.2013, 21:35

„Heimatmuseum“ von Siegfried Lenz

Der Roman „Heimatmuseum“ spielt in Siegfried Lenz’ Leben (geb. 1926) neben „Deutschstunde“ eine zentrale Rolle. Beide Romane setzen sich mit der deutschen Vergangenheit auseinander.

Der Masurer Zygmunt Rogalla steckt eines Tages das von ihm selber aufgebaute Heimatmuseum in Brand. Dabei erleidet er selber schwere Verbrennungen. Im Krankenhaus erzählt er nun dem Freund seiner Tochter, Martin Witt, an 15 Tagen seine Lebensgeschichte in einem einzigartigen autobiographischen Bericht. Die Erzählung wälzt sich durch die Geschichte, wie eine Alte Dampflock durch die amerikanische Prärie oder die russische Taiga. „Heimat kann auch da sein, wo du noch nie gewesen bist.“ Minutiös werden hier Geschichten aus der masurischen Heimat vorgetragen. Der Roman hat fast epische Ausmaße, was angesichts der schweren Verletzungen Zygmunts eher unwahrscheinlich ist. Doch dies ist schließlich nur die von Lenz gewählte Erzählform. Vielleicht wollte Lenz die Geschichte einfach nur sich selber erzählen, denn sicher trägt sie auch autobiographische Züge.

Zygmunt Rogalla ist etwa 1905 als Sohn eines skurrilen Dorfalchemisten und Arztes in Masuren geboren. Sein Großvater Alfons Rogalla ist der Pächter einer Dorfdomäne, die er mit patriarchalischer Hand regiert. Sein Großonkel Adam gründet das Heimatmuseum in Masuren und weckt in Zygmunt das Interesse für die Heimat und die Archäologie. Bestimmende Figur ist auch Sonja Turk, die Teppichweberin, bei der Zygmunt in die Lehre geht, eine Metapher für das Gewebe der wiedererzählten Geschichte. Sein Freund ist Conny Karrasch, dessen Schwester Edith Zygmunt zu seiner ersten Frau nimmt. Nach dem ersten Weltkrieg und er prodeutschen Volksabstimmung von 1920 sieht sich Zygmunt einer wachsenden nationalistischen Politisierung ausgesetzt, der er entschieden entgegentritt. Das Heimatmuseum soll für propagandistische Zwecke missbraucht werden, worauf Zygmunt das Museum kurze Hand schließt. Nach dem 2. Weltkrieg flieht die Familie in den Westen. Seine Frau und sein Sohn kommen bei den dramatischen Ereignissen ums Leben. Das Heimatmuseum wird nun von Zygmunt, der wieder geheiratet hat, neu aufgebaut, Zygmunt sieht sich aber bald der drohenden Ideologisierung und Unterwanderung reaktionärer Vertriebenenverbände ausgesetzt. Sein Freund Conny Karrasch tut sich dabei besonders hervor. Zygmunt beschließt, das Museum abzubrennen. Dieses Bild ist sozusagen das positive Gegenstück zur Bücherverbrennung von 1933.

Kritiker haben Lenz vorgeworfen, er habe keinen Beitrag zur „Analyse“ geliefert. Aber vielleicht lag das auch gar nicht in der Absicht von Siegfried Lenz. Der Roman ist viel intimer zu nehmen und es geht Lenz eigentlich nur um den Begriff der Heimat, der am Ende neu gefasst wird, nicht aber um trockene und abstrakte Analyse. Dabei bezieht Lenz aber immer und klar Stellung gegen rechts und derlei Ideologisierungen. Lenz begegnet dem gerade nicht mit einer Gegenideologie. Die ihm unterstellten sprachlichen Mängel kann ich auch nicht nachvollziehen. Die scheinbar problematischen Begriffe, wie Braunauer für Hitler, Ostlandreiter oder Reichsjägermeister für Göbbels werden ja nicht von Lenz selber verwendet, er lässt sie seine Protagonisten sage, sie sind also Teil ihres Charakters, hätte Marcel Reich-Ranicki etwa sagen können. Da ist Siegfried Lenz meines Erachtens überhaupt keinen Vorwurf zu machen. Sowohl sprachlich, als auch inhaltlich, ist „Heimatmuseum“ ein Roman wie aus einem Guss, unerhört intelligenten und bilderreich, es fließen sogar immer wieder Ausdrücke aus der masurischen Heimat ein, was dem Roman eine ganz besondere Stimmung gibt. Oder wissen Sie, wie man genau Schwarz-Sauer aus frisch geschlachtetem Gekröse macht? Wahrscheinlich nicht.

Insgesamt ist der Roman Heimatmuseum ein imposantes und großartiges Werk, das sicher zur deutsch-polnischen Aussöhnung ein bischen beigetragen hat.

Gruß Joachim Stiller Münster

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