Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

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Joachim Stiller
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Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Beitragvon Joachim Stiller » 01.10.2013, 21:42

„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust

Der siebenbändige Romanzyklus von Marcel Proust erschien zwischen 1913 und 1927. Mit etwas 4000 seiten stellt es wohl das umfassendste Romanwerk der Literaturgeschichte dar, es steht ganz einmalig da in der europäischen Literatur.
In dem Romanwerk gibt es keine wirkliche Handlung, und so ist es nicht ganz leicht, eine Inhaltsangabe zu machen. Bei dem folgenden Versuch folge ich daher der Chronologie der sieben Bände.

1. Band, 1. Teil: In Swanns Welt

Hier beginnt die Erinnerung von Marcel, dem Hauptdarsteller und Ich-Erzähler an seine Kindheit. Zentrales Motiv ist der von seiner Mutter verwehrte Gute-Nacht-Kuss. Oft kam der Freund des Hauses, Monsieur Swann zu Besuch, und Marcel wurde ohne Kuss ins Bett geschickt. Dies löste bei ihm ein lebenslanges Trauma aus, was sich später in Form von Verlustängsten und Eifersuchten bemerkbar macht.

Der Genuss einer, auf Grund dieser Episode berühmt gewordenen, Madelain, eines bisquitartigen Kuchens, den Marcel in Lindenblütentee taucht, setzt bei ihm nicht nur diese, sondern ein ganzes Panorama von Erinnerungen frei, an seine Großmutter, an das Hausmädchen Francoise, an Tante Leonie, an die Weißdornhecke und an die Kirche von Combray.

1. Band, 2. Teil: Eine Liebe von Swann

Hier wird die Liebesgeschichte des Kunstfreundes Swann mit Odette de Crecy, die einen zweifelhaften Ruf genießt, beschrieben. Swann bezichtigt sie der Untreue, doch ehe es zum endgültigen Bruch kommt, heiraten die beiden.

2. Band: Im Schatten junger Mädchenblüte

Marcel verliebt sich in die Tochter Swanns, die zickige Gilberte. Mit 17 fährt er der (wie Proust) an Asthma leidet, mit seiner Großmutter zur Kur in das Seebad Balbec an der Küste der Normandie. Er freundet sich mit Robert de Saint Loup an, der viel später Gilberte Swann heiratet. Marcel verliebt sich erneut. Sei heißt Albertine. Er sieht sie zunächst nur in Begleitung ihrer Freundinnen, doch Marcel ist von ihr hingerissen.

3. Band: Die Welt der Guermantes

Marcel ist nun wieder in Paris, wo er mit seinen Eltern in das Haus der Guermantes umzieht. Er verliebt sich von Ferne in die Herzogin de Guermantes, doch als er sie trifft, ist er enttäuscht.

Hauptgesprächsthema in dieser Zeit ist die Affäre Dreyfus. Der Jude Dreyfus wurde 1894 wegen Hochverrats auf die Teufelsinsel verbannt.

4. Band: Sodom und Gomorra

Hauptthema ist die Homosexualität. Marcel kommt hinter das Geheimnis des Baron de Chalus, den er aus Balbec kennt, und der sich durch diese Affäre zugrunde richtet. Marcel trifft Albertine wieder und bezichtigt sie, lesbisch zu sein.

5. Band: Die Gefangenen

Albertine ist zu Marcel in seine Pariser Wohnung gezogen. Doch Marcel ist eifersüchtig. Immer, wenn Albertine ausgeht, lässt er sie überwachen. Eines Tages flüchtet Albertine aus der Wohnung.

6. Band: Die Entflohene

Marcel beauftragt seinen Freund Robert, Nachforschungen über Albertine anzustellen. Es stellt sich heraus, dass Albertine bei einem tragischen Reitunfall tödlich verunglückt ist.

7. Band: Die wiedergefundene Zeit

Der 1. Weltkrieg ist ausgebrochen. Nach dem Krieg besucht Marcel eine Matinee beim Prinzen Guermantes. Marcel offenbart sich die Einsicht, dass die Flüchtigkeit der Zeit durch die Erinnerung aufgehoben werden kann. Er beschließt, um dieser Erkenntnis Dauer zu verleihen, einen Roman zu schrieben, eben den Roman, den der Leser gerade beendet hat. Und so hat sich der Kreis geschlossen.

Der Romanzyklus ist aus drei Gründen schwer zu lesen: 1. auf Grund seines unvergleichlichen Anfangs (er hat die größte Lese-Abbruchrate). 2. Der Roman hat keine Handlung im eigentlichen Sinn des Wortes. Alle Wirklichkeit ist durch die subjektive Wahrnehmung von Marcel gefiltert. Der ganze Romanzyklus ist wie eine aufblühende Blüte des sich entfaltenden Seelenlebens von Marcel. 3. Der Roman besteht aus den berühmtberüchtigten überkomplexen Sätzen, von allerdings geschliffener Eleganz.

„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist ein durchaus psychologisches Werk. Es ist ein Roman über die Zeit, über das Vergessen und das Wiedererinnern. Wie kann man dem unaufhörlichen Verrinnen der Zeit entkommen? Prousts Antwort lautet: Nur durch das Erinnern, das in besonderen Augenblicken das Panorama der Vergangenheit freilegt, etwas durch den Genuss der berühmt gewordenen Madelaine oder durch Fliederduft. Dieses sind Momente größter Schönheit, größter Sinnlichkeit und größten Glücks.

Proust ist beeinflusst von der Philosophie Henri Bergsons, der zur gleichen Zeit eine Theorie über die Zeit aufgestellt hat, in der dieser die subjektive, innere Zeit von der objektiven, physikalisch messbaren Zeit unterscheidet.
Der Romanzyklus ist ein Werk der Superlative, nicht nur hinsichtlich der Schwierigkeit und des Umfanges, sondern auch auf Grund der ungeheuren Leselust, die das Werk verursachen kann. Dieser außerordentlichen Lektüre verdanke ich selber meine mit Abstand schönsten Lesestunden. Es gibt einfach nichts Vergleichbares. Proust ist der vielleicht größte französische Schriftsteller der künstlerischen Moderne und des 20. Jahrhunderts, obwohl er in vielen Belangen noch ins 19. Jahrhundert zurückreicht.

Gruß Joachim Stiller Münster

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