s Streben nach Wissen

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riemsche
Dionysos
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s Streben nach Wissen

Beitragvon riemsche » 26.03.2017, 22:06

werd im winter in der regel sowieso an umfang reicher. n sich über gott und die welt ausführlich gedanken machend seitendick grieche kam daher geradezu gelegen. versuch einer kurzfassung .... so wie ich s verstanden hätt. drum isses ne etwas längere.

Aristoteles wurde 384 v. Chr. im makedonischen Stagira geboren. Er kam 367 v. Chr. nach Athen und wurde dort Schüler Platons und Mitglied von dessen Akademie. Nach dem Tod Platons im Jahr 347 begannen für Aristoteles aufgrund anti-makedonischer Umtriebe in Athen die >Wanderjahre< im Laufe derer er unter anderem nach Assos, Mytilene auf Lesbos und als Lehrer von Alexander dem Großen an den Hof Philipps II. von Makedonien kam. Als er im Jahr 335 v. Chr. nach Athen zurückkehrte, gründete er seine eigene Schule, das Lykeion. 323 v. Chr. musste Aristoteles erneut _ angeblich wegen seiner makedonischen Abstammung_ aus Athen fliehen. Er starb nur wenig später, 322 v. Chr., im Haus seiner Mutter in Chalkis auf Euböa.

Anders als Platon unterteilte Aristoteles seine Forschungen erstmals in verschiedene Disziplinen; so enthält sein Werk Schriften, die sich mit Logik, Wissenschaftstheorie, Metaphysik, Physik, Biologie, Zoologie, Seelenlehre, Astronomie, Meteorologie, Ethik, Politik, Poetik und Rhetorik beschäftigen. Die meisten dieser Schriften sind Abhandlungen, die vorwiegend für die gute Schule oder als Vorlesungsgrundlagen verfasst worden sein dürften. Die Zusammenstellung verschiedener Abhandlungen zu den uns bekannten Werken sowie deren Ordnung in thematische Gruppen stammen größtenteils nicht von Aristoteles selbst, sondern wurden von Andronikos von Rhodos im 1. Jahrhundert v. Chr. vorgenommen.

Auf diese erste Werkausgabe geht auch die Bezeichnung >Organon<= Werkzeug zurück, unter der der Herausgeber alle für ihn im weiteren Sinn zur Logik zählenden Schriften zusammenfasste. Dazu gehört zunächst die >Topik<, worin Aristoteles eine eigen Art von Argumentationstechnik entfaltete. Diese Technik, die nach Platon >Dialektik< heißt, soll den Einzelnen in die Lage versetzen, zu jedem angedacht Problem Argumente zu bilden, um so die Tragfähigkeit jedweder These zu prüfen - Und die Fähigkeit zu entwickeln, Fehlschlüsse anderer zu durchschauen, was Aristoteles betont, in einem Anhang, den >Sophistischen Widerlegungen< speziell behandelt.

Die kleine Schrift >Kategorien< lehrt uns, dass jedes Prädikat in einfachen Sätzen _zum Beispiel: Riemsche ist X_ eine bestimmte Frage übers Subjekt beantwortet - >Was ist … wie groß ist … wie ist Riemsche beschaffen?<. Je nachdem, welche dieser Fragen die jeweilige Aussage, das Prädikat, beantwortet, ist der Satzgegenstand einer Kategorie zuzuordnen. So ist zum Beispiel das Prädikat >Mensch< die Antwort auf eine Was-Frage und hat mit Substanz zu tun, >es langt< wär d momentan passend Antwort auf die Wie-groß-Frage , hat Quantität. Entsprechendes gilt für die Qualität, den Ort, die Zeitangabe, Relation, Lage, das Haben, Wirken und Leiden - sodass jedes(?) nur mögliche Prädikat in eine der zehn angegebenen Kategorien fällt. Die allgemeine Angabe einer Art oder Spezies steht für Aristoteles _weil dem gewissen Unterschied geschuldet_ erst für Substanz die Zweite.

Seine Logik entwickelte er in der Schrift >Erste Analytik<. Die Idee, die diesem formal.logischen System, der >Syllogistik< zugrunde liegt, ist ebenso genial wie einfach - Angenommen, wir können alle Sätze so in Form bringen, dass der Prädikat- von einem Subjekt-Sterm bejaht oder verneint ne Aussage tätigt, kommt >zweibeinig< allen Menschen und >Mensch< allen Radfahrern zu. Aristoteles bemerkte, dass sich aus zwei solchen Sätzen ein logisch gültiger Schluss bilden lässt - also einer, der wahr bleibt, egal welche konkreten Begriffe Verwendung finden. Voraussetzung für einen solchen Schluss ist, dass beide Sätze=Prämissen einen Term gemeinsam haben - den >Mittelbegriff<, der in der Folgerung=Konklusion nicht mehr enthalten ist. So wie aus den Beispielen zuvor aufgrund des gemeinsamen Begriffs >Mensch< gefolgert werden kann: >Alle Radfahrer sind zweibeinig.< In der >Zweiten Analytik< versuchte Aristoteles, die Konzeption des gültigen, deduktiven Schlusses als Theorie des Wissens für die Wissenschaft nutzbar zu machen. Dabei zeigte er auf, dass jede Wissenschaft von Voraussetzungen oder Prinzipien Gebrauch macht, die in ihr selbst nicht bewiesen werden können - solche Prinzipien sind zugleich Axiome, stehen im Widerspruch, schließen Dritte aus.

In der >Metaphysik< sind verschiedene Abhandlungen zu einer Disziplin zusammengefasst, die Aristoteles selbst als >erste Philosophie< bezeichnet und die Kernaussage seiner Philosophie enthält. Er verstand darunter diejenige Wissenschaft, welche nicht die Dinge einer einzelnen Gattung _wie etwa die Mathematik Zahlen oder die Zoologie Tiere_ behandelt, sondern die obersten Prinzipien und Ursachen für >das Seiende, insofern es seiend ist< zum Gegenstand hat - unter den vielen zu untersuchenden Bedeutungen eine primäre und ausgezeichnete Aussageweise isoliert, die zugleich Seins- und Erklärungsgrund für alles Seiende ist: die Substanz >usia<.

Die Lehre von der Substanz, die Aristoteles in den mittleren Büchern (VII-IX) der >Metaphysik< behandelt, ist ne außerordentlich komplexe. Einerseits muss die Substanz die Bedingung erfüllen, ein >Substrat< sein, ohne selbst eines zu benötigen. Dieses Kriterium wird von konkreten Einzeldingen erfüllt, kann Träger wechselnder Eigenschaften sein: nüchtern oder betrunken_ Riemsche bleibt stets derselbe. Aristoteles erachtet jedoch die schlichte Auskunft, dass konkrete Einzeldinge die eigentlichen Substanzen seien, nicht für ausreichend. Sind sie doch ihrerseits aus Stoff und Form - so wie etwa eine Statue aus Bronze und von bestimmter Gestalt ist. Welche Komponente der jeweiligen Zusammensetzung ist also die eigentliche Substanz? Materie kann es nicht sein, weil sie an sich keinerlei Bestimmung aufweist. Dagegen stellt die Form _nicht die individuell verschiedene, sondern die allen Exemplaren einer Art gemeinsame >eidos<_ diejenige Komponente dar, die etwas zu dem macht, was es ist - sie so definiert, dass sie sinngemäß erkannt werden kann. Und im Unterschied zu anderen, nicht unbedingt notwendigen oder nur zeitweise zutreffenden Prädikaten, die dir ein Gegenstand sagt >Akzidenzien< drückt sie die wesentliche Bestimmung aus, welche besagt, was es wahrscheinlich wirklich ist.

Aristoteles nahm an, dass es neben den wahrnehmbaren materiellen Substanzen auch noch immaterielle, ewige Substanzen gebe. Die Behandlung der ewigen und göttlichen Substanzen in Buch Lambda (= Buch XII) der >Metaphysik< übte durch die Verknüpfung vom Sein und dem Gottesbegriff einen enormen Einfluss auf die philosophische Theologie aus. Aristoteles setzte hier voraus, dass es zu allem Bewegten ein Bewegendes geben muss, das selbst wiederum bewegt ist - dass diese Reihe jedoch nicht ins Unendliche gehen kann, sondern einen ersten Anfang braucht_ nannte ihn den unbewegten Beweger. Wie aber kann dieser bewegen, ohne selbst bewegt zu werden? Aristoteles meinte, dass er s seinem Verständnis nach »wie ein von ihm Geliebtes« bewegt - nicht als mechanische Ursache, sondern mit Zweck und Ziel, >telos> Teleologie<, also um ein erstes >Worum_willen<. Von einem derartigen Prinzip hänge >der Himmel und die Natur< ab. Weil für Aristoteles die Wirklichkeit früher da ist als die Möglichkeit und das dann Mögliche sein oder nicht sein kann, muss der ewige Beweger vollkommene Wirklichkeit sein. Die höchste Form der Wirklichkeit und einer Betätigung wiederum sei das betrachtende Denken, sodass der göttliche Beweger mit dem >Nuss<, der betrachtenden Vernunft gleichgesetzt wird, die den höchst möglichen Gegenstand denkt_ sich selbst.

Während die >Metaphysik< bei Aristoteles das Seiende behandelt, insofern es seiend ist, kommt es der >Physik< zu, das Seiende zu behandeln, insofern es bewegt ist. Bewegung bestimmt er als einen Übergang von der Möglichkeit zur Wirklichkeit - sie tritt als qualitative Veränderung, Wachsen und Reduktion, Entstehen und Vergehen oder als bewegter Ort auf den Plan. Für ihre Untersuchung zentral wichtig ist die Unterscheidung von vier Ursachen: Bewegung, Form, Material und Zweck. Auch Grundbegriffe, die er innerhalb der Physik behandelte, wie Kontinuum, Ort, Zeit, Leere, stehen für ihn damit in engem Zusammenhang.

Die in >De anima< gebunden Seelenlehre bildet gewissermaßen eine Brücke zwischen Metaphysik und Naturphilosophie. Für Aristoteles meint >Seele< nämlich ein prinzipiell BelebtSein - die >erste Wirklichkeit< eines lebendigen Körpers. Das LebendigSein wiederum bedeutet die Fähigkeit zur Wahrnehmung, Selbstbewegung. Dass jemand fühlt, strebt, wahrnimmt oder denkt war für ihn nichts, was wir dem Körper oder der Seele allein zuschreiben können - sondern nur beiden gemeinsam.

Vor allem in der >Nikomachischen< und >Eudemischen< befasste sich Aristoteles mit der >Ethik<. Sie soll denjenigen, die es gewohnt sind, auf die Vernunft zu hören, helfen ihr Handeln zu verbessern: So wie der Bogenschütze besser treffen wird, wenn er s vor Augen hat, so wird es auch für das Leben im allgemeinen wichtig sein, das Ziel der Handlung genauer zu bestimmen. Im Mittelpunkt der Aristotelischen Ethik steht daher der Begriff Glück >eudaimonia<. Wenn jede Handlung und Entscheidung nach einem Gut oder Ziel strebt, wir manches um seiner selbst willen erstreben, manches nur als Mittel zur Erreichung eines anderen Ziels und wieder anderes sowohl um seiner selbst als auch um eines anderen willen - dann muss es offenbar ein höchstes Ziel des Strebens geben, das es nur um seiner selbst willen zu erreichen gilt. Solcherart ist das Glück. Ein gutes oder glückliches Leben wird immer um seiner selbst willen erstrebt, die Wahl aller anderen Dinge in diesem Sinn getroffen. Niemand betrachtet so n Verhalten generell als ein Mittel, um reich, gesund oder tugendhaft zu werden - jedoch sind all diese Güter im Hinblick auf ein gutes Leben natürlich immer wünschenswert.

Aristoteles glaubte durch folgende Überlegung das Glück des Menschen inhaltlich bestimmten zu können: Jedes Ding verfügt über eine eigentümliche Leistung, so wie es diese für den Schuster oder den Schreiner gibt. Für den Menschen ist der vernünftige Seelenteil – der, über den kein anderes Lebewesen verfügt, eigentümlich. Und es kommt auf die Betätigung und nicht nur den Besitz möglicher Vernunft an - denn man würde ja auch niemanden glücklich nennen, der immerzu schläft. Wenn zudem jede Tätigkeit besser oder schlechter ausgeführt werden kann, dann ist für die Frage nach dem Glück auf deren bestmögliche Ausführung zu achten. So wie man sagt, jemand besitze >Vortrefflichkeit< oder >Tugend =arete< für etwas, so ist für Aristoteles Glück eine Betätigung der Seele gemäß der ihr eigentümlichen Vortrefflichkeit oder Tugend - der besten und möglichst vollkommen welchen, falls es mehrere davon gibt - und dies das ganze Leben lang. Für ihn stand außer Frage, dass ein solches Leben zugleich ein lustvolles ist, da der Tugendhafte bei entsprechenden Handlungen Freude empfindet.

Demzufolge ist gelebte Tugend nicht deshalb Anreiz, weil damit gewisse soziale Erwartungen in Erfüllung gehen - sondern weil sie die bestmögliche Aktivierung des vernünftigen Seelenteils darstellt und der menschlichen Seele für s Glück nur eine solche Tätigkeit als tauglich erscheint. Keine Tugend ohne freie Entscheidung - die wiederum setzt voraus, dass man wenn_ um der Gerechtigkeit willen gerecht handelt, nicht nur aus Furcht oder netter Angewohnheit. Ethische Tugend versteht Aristoteles hinsichtlich der Affekte als richtiges, an der Mitte orientiertes Verhalten - zB hat Tapferkeit mit sich in Gefahr befinden und den Affekten Furcht und Mut zu tun. Sein Patentrezept: Ein an der Mitte orientiertes Verhalten ermöglicht das glückliche Leben. >Denn keiner wird wohl behaupten glücklich zu sein, der über kein Teilchen von Tapferkeit, von Besonnenheit, von Gerechtigkeit und Einsicht verfügt, sondern sich vielmehr vor Fliegen fürchtet …... und wenn er nach Essen und Trinken begehrt, sich vor keinem Extrem scheut - für n Obolus die vertrautesten seiner Freunde zugrunde richtet.<

Weil Aristoteles den Menschen als ein >politisches Lebewesen =Zoon politikon< bestimmte, das seine Ziele _so auch das glückliche Leben_ nur innerhalb eines gesetzlich geregelten Staatswesens verwirklichen kann, ist Politik für ihn aufs Engste mit Ethik verknüpft. Die meisten der real existierenden Verfassungen sind dafür keineswegs ideal. Zudem bemisst sich _ob eine Verfassung als gerecht gelten kann oder nicht_ daran, ob politische Mitbestimmungsmöglichkeiten verschiedener Gruppen ihrem spezifischen Beitrag zum Gemeinwesen, staatsmännischer Kompetenz entsprechen. Welche Art von Beitrag als maßgeblich angesehen wird, ist von der jeweiligen Verfassungsform _Oligarchie, Aristokratie, Demokratie_ abhängig. Ein Kriterium, das unter den gegebenen Bedingungen jeder gerechte Staat unbedingt erfüllen muss, besteht freilich darin, dass er sich nicht am Wohl der herrschenden Oberschicht, sondern an dem aller seiner Bürger orientiert. Die >Nikomachische Ethik< endet mit der berühmt geworden Erörterung, ob die theoretische Lebensform des Philosophen oder das politische Leben den Vorzug verdient - ne Fangfrage, die sich unsereins mittlerweile tagtäglich stellt.
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