I.

Du schreibst Gedichte? Laß sie nicht in einer Schublade verschimmeln! Menschenbeifall wirst Du hier finden, aber auch Kritik und Rat.
Verena
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I.

Beitragvon Verena » 10.05.2002, 21:10

im Kindergartenzeitalter
wurde sie noch
Blume genannt
und ich stand
daneben und übergoss sie
mit hellblauem Freundeswasser
damit sie wuchs
und er nicht weiter
an Bedeutung
in meinem Leben gewann

wie eine Puppe
flog sie
später durch seine Kraft aus
dem kleinen Fenster
links die Strasse runter
und in mir stieg
der Wille auf
um ihre Vergebung
zu bitten doch
dieses Bedürfnis war seit dem
Seilsprigen für mich
schon verloren

somit vergass
ich den Täter und
faltete aus mir
selbst eine kleine
Fliegerkette in Richtung
Selbstlosigkeit
And if I could grow some wings I'd fly away home...

gelbsucht
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Re: I.

Beitragvon gelbsucht » 12.05.2002, 00:53

Hallo Verena,

ich hab das Gedicht mehrmals gelesen, finde allerdings nicht wirklich einen Zugang dazu. Ist das jetzt ein Mangel des Gedichtes? Ich weiß es nicht, es gehört wohl dazu, daß man Lyrik auch nicht versteht: mir geht das auch oft so, wenn ich "etablierte" Autoren lese.

Das Problem ist hier, daß ich vielzuviele Fragen nach dem Lesen habe, die das Gedicht nicht beantwortet. Es erscheint mir an manchen Stellen sehr rätselhaft:
und er nicht weiter ...

Wer ist er? Das scheint das Gedicht nicht zu beantworten oder ich bin zu dumm, es zu verstehen. ER taucht so unvermittelt auf und ich frag mich die ganze Zeit, wer ER ist? Am Ende wird ein "Täter" genannt? Ist der TÄTER=ER? Aber selbst das zieht nur eine weitere Frage nach sich: Was für ein Täter und Täter wovon? Denn wer Täter ist, der hat auch etwas getan, aber auch davon scheint das Gedicht nicht zu berichten.

Du siehst: ich geh sehr rational an deine Zeilen, denn sie haben mich nicht gefangen genommen. Es scheint, wenn ich so rational darüber nachsinne, um eine verlorene Freundschaft zu gehen, aber auch den Grund, warum sie verloren ging, konnte ich nicht entdecken.

MfG,
der wohl etwas zu einfach gestrickte
gelbsucht
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Re: I.

Beitragvon ariadna » 12.05.2002, 01:41

blume mit hellblauem wasser übergossen? blaue blume? romantiker? wenn diese assoziation von dir ungewollt war, würde ich das nochmal überdenken. aber so verstehe ich folgendes:
ich nehme an es geht um die junge sehnsucht, später zerstört und nachher irreparabel?
er? geht es um liebe?
ich finde es sprachlich recht interessant.
leider verstehe ich den schluss nicht.
was ist eine fliegerkette?
und warum selbstlos?

gruß,
ariadna.

Verena
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Re: I.

Beitragvon Verena » 12.05.2002, 10:41

Hallo ihr 2!

Ich versuche mal alle eure Fragen zu beantworten:

Immer wenn es um eine männliche Person geht, dann ist es dieser ER. Der Täter = ebenfalls ER.

Ihr habt beide recht, es geht sowohl um Freundschaft als auch um Liebe. Das lyrische Ich erzählt hier die Geschichte einer Freundschaft zu dieser Blume (I.). Das hellblaue Freundeswasser assoziiere ich persönlich mit Tränen, mit geteilten Tränen. Die beiden liebten den selben Mann, doch das lyrische Ich zog sich zurück. Jeder Absatz steht für eine Zeitspanne. I. stösst dann etwas zu und das lyrische Ich ahnte das und macht sich Vorwürfe. Nach einiger Zeit wird sie selbstlos, möchte solche Dinge verhindern und verschreibt sich diesen. Der Täter (also ER) wird uninteressant, er wird verdrängt, als hätte es ihn nicht gegeben.

Aber so sehe ich diese Geschichte - warum es passierte, was genau passierte - das ist alles (in meinen Augen) nicht wichtig. Von Bedeutung ist, was der Mensch alles tut, wenn ihm, oder Leuten die er schätzt, Leid wiederfährt.

Das war jetzt eine ziemlich genaue Erklärung wie ich das ganze sehe. ;-)

Achja wegen der Fliegerkette - es ist etwas loses und doch beständiges. Fliegen symbolisiert Freiheit/Losgelöstheit von der Vergangenheit und Kette lässt einen doch nie ganz Vergessen bzw. alles zurücklassen.
And if I could grow some wings I'd fly away home...

gelbsucht
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Re: I.

Beitragvon gelbsucht » 14.05.2002, 21:07

Hallo Verena,

das sind tiefe Blicke, die du uns da gewährst. Nachdem ich nun weiß, was es bedeuten soll, kann ich noch etwas zu deinem Gedicht sagen: ich bin echt überrascht, daß ariadna entdeckt hat, daß es um Liebe geht. Ich habe auch jetzt immer noch Probleme das im Gedicht zu erkennen. Okay, natürlich ist mir dieser Satz aufgefallen:
damit ...
er nicht weiter
an Bedeutung
in meinem Leben gewann

Aber die Strophe beginnt mit: "im Kindergartenzeitalter". Dadurch hab ich eine Interpretation "Da geht es um Liebe" für unpassend gehalten.

Außerdem bin ich der Überzeugung, daß du für die "Selbstlosigkeit" auch besser ein Bild, eine Metapher oder ein Beispiel hättest verwenden sollen. Ein lyrisches Ich, daß von sich selbst behauptet selbstlos zu sein -- das ist irgendwie unglaubwürdig und ich weiß auch nicht genau inwiefern es die Handlung des Gedichtes gut abschließt. Sie hat ja bereits auf den Mann verzichtet. Den Mann? Das bringt mich zum Ausgang zurück: Männer und Liebe im Kindergartenzeitalter? Mensch, da wart ihr aber früh dran. :-D

MfG,
gelbsucht
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Verena
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Re: I.

Beitragvon Verena » 15.05.2002, 13:26

Du hast vergessen, dass sowohl das lyrische Ich als auch I. eine Entwicklung durchmachen, mit jedem Satz vergeht eine Zeitspanne und mit jedem Absatz eine grössere Zeitspanne.

Natürlich hat sie verzichtet, aber was hat es ihr gebracht? I. hat gelitten. Das meinte ich mit der Selbstlosigkeit - Sie war nicht selbstlos indem sie verzichtete, sondern sie hätte I. warnen und retten können und tat es nicht. ;-)
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