Taggedanken

Du schreibst Gedichte? Laß sie nicht in einer Schublade verschimmeln! Menschenbeifall wirst Du hier finden, aber auch Kritik und Rat.
FräuleinClaire
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Taggedanken

Beitragvon FräuleinClaire » 12.06.2003, 21:24

Gewohnheit – Das Pendel

Regelmäßig schlug es aus, das Pendel,
weit, so weit – jedes Mal von Neuem.
Körper und Geist nahmen es hin,
frohe Akzeptanz eines widernatürlichen Zustands.

In der stetig wiederkehrenden Bewegung
fand sich Ruhe.
In der stetig wiederkehrenden Handlung
fand sich Zufriedenheit.
In der stetig neu angenommenen Umgebung
fand sich Vertrauen.

Nun steht es still, das Pendel
Still stehe auch ich.

In der beständigen Ruhe
findet sich Rastlosigkeit.
In der beständigen Statik des Lebens
findet sich pure Nervosität.
In der beständigen, vertrauten Umgebung
findet sich kein Boden unter den Füßen.

Ein Anfang, ein Lernen,
Ruhe, Statik, vertraute Umgebung genießen.
"Der Leser hat's gut, er kann sich seine Schriftsteller aussuchen." (Kurt Tucholsky)

gelbsucht
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Re: Taggedanken

Beitragvon gelbsucht » 15.06.2003, 21:42

Liebes Fräulein,

herzlich willkommen in diesem Forum. Ich muss Ihnen leider gestehen, dass ich Ihr Gedicht etwas langweilig finde. Das liegt vor allem an der Sprache. Gehen wir ins Detail:
Gewohnheit – Das Pendel

Ich denke, das Thema des Gedichtes sollte sich selbst erschließen. Darum solltest du vielleicht auf diesen Doppeltitel verzichten und das Gedicht einfach "Das Pendel" nennen.
frohe Akzeptanz eines widernatürlichen Zustands.

Eines widernatürlichen Zustands? Das verstehe ich nicht. Außerdem ist diese Zeile ein gutes Beispiel dafür, wie abstrakt und unanschaulich die Sprache dieses Gedichtes ist. Das klingt für mich mehr nach einer buddhistischen Lehrrede und nicht nach moderner Poesie.
Nun steht es still, das Pendel
Still stehe auch ich.

Mhh, ich frage dich: steht das nicht im Widerspruch zu "Rastlosigkeit und Nervosität"? Dieses "Still stehe auch ich" passt für mich besser zur zweiten Strophe (zu "Zufriedenheit, Ruhe, Vertrauen") als zur vierten.
In der beständigen Statik des Lebens

Das ist noch ein gutes Beispiel dafür, warum mir das Gedicht nicht gefallen will. Es geht einfach nicht ins Blut über, es fühlt sich für mich immer so an, als wolltest du dozieren. Außerdem komme ich einfach nicht hinter den Sinn, hinter die zentrale Aussage des Gedichtes. Okay, ein Zustand hat sich geändert. Die neue Situation ist ungewohnt und erst langsam gelingt die Anpassung, die Akzeptanz. Na und?
Ein Anfang, ein Lernen,
Ruhe, Statik, vertraute Umgebung genießen.

Sorry, aber das ist einfach langweilig. Sowohl inhaltlich, als auch sprachlich.

gelbe grüsse
"Ein Kluger bemerkt alles - ein Dummer macht über alles eine Bemerkung." (Heinrich Heine)

FräuleinClaire
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Re: Taggedanken

Beitragvon FräuleinClaire » 16.06.2003, 12:18

Hallo,

Kommentar gelesen und akzeptiert. Ich bin eben am Üben.

Vielen Dank für die Kritik. Es waren eben einfach nur Gedanken, die ich niederschreiben wollte. Ich werde es mir bein nächsten Mal überlegen, ob ich es ins Netz stelle.:-)

Grüße,
Fräulein Claire
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Re: Taggedanken

Beitragvon FräuleinClaire » 16.06.2003, 13:07

Vielleicht doch noch ein kurzer Nachtrag, wenn auch in keinster Weise zu meiner Verteidigung.

Das Pendel, die Bewegung bezieht sich auf steten Ortswechsel, für eine bestimmte Person. Im Wissen um eben diese Stetigkeit findet man Ruhe, Gelassenheit und Sicherheit.

Eine Änderung dieses Zustands hat einen physischen Stillstand zur Folge ("still stehe auch ich"), was allerdings keinen geistigen Stillstand nach sich zieht.

Die unweigerliche Folge dieses physischen Stillstands ist eine Form von Nervosität und Unruhe, da das Gewohnte nicht mehr vorhanden ist.

Die Aussage hinsichtlicher der Widernatürlichkeit ist folgende: Der Mensch gewöhnt sich an viele Zustände, auch an Situationen, die nicht unbedingt seinem Naturell entsprechen, um beispielsweise Freundschaften oder Ähnliches zu erhalten oder um ein Ziel zu erreichen. Denn auch diese Widernatürlichkeit bekommt mit der Zeit einen "normalen" Charakter.

Bestimmt immer noch langweilig, aber unter Umständen weniger unverständlich.
"Der Leser hat's gut, er kann sich seine Schriftsteller aussuchen." (Kurt Tucholsky)

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Re: Taggedanken

Beitragvon gelbsucht » 17.06.2003, 20:01

Hallo Claire,

vielen Dank für die Erklärungen. Auch hier musste ich wieder feststellen, wie wenig man einem Text gerecht wird, wenn man sich nicht genügend Zeit nimmt, ihn zu verstehen. Also inhaltlich steckt wohl doch mehr drin, als ich erwartet habe, meine Kritik an der Stilistik bleibt aber erhalten.

Aber dein Gedicht spricht damit einen wichtigen anthropologischen Aspekt der Moderne an: Wie wirken sich die steigenden Mobilitäts- und Flexibilitätsanforderungen des Arbeitsmarktes auf das Leben des Menschen aus? Es gibt ein interessantes Buch von einem amerikanischen Soziologen zu diesem Thema: Richard Sennet, Der flexible Mensch. Darin zeigt er auch die Gefahren auf: wahrscheinlich ist der Mensch eben doch ein Gewohnheitstier und, um Freundschaften zu pflegen oder die eigene Familie zu erhalten, bedarf es eben einer gewissen Kontinuität. Interessant sind sicherlich auch die Auswirkung bei der Kindererziehung, wenn die Eltern alle paar Jahre umziehen etc.

Ich bin eben am Üben.
Das ist okay, dafür ist dieses Forum ja da.
Ich werde es mir bein nächsten Mal überlegen, ob ich es ins Netz stelle.
Ja, aber mach das nicht von einem Urteil abhängig! Dass es mir nicht gefällt, ist kein Massstab, sondern nur eine Meinung.

;-) gelbe grüsse :-)
"Ein Kluger bemerkt alles - ein Dummer macht über alles eine Bemerkung." (Heinrich Heine)


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