Gerhard

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gelbsucht
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Gerhard

Beitragvon gelbsucht » 17.09.2002, 19:44

Gerhard

Ich kann mich nicht an Gerhard erinnern
Ich habe ihn nur zweimal gesehen
Und war noch zu klein
Als wir zum letzten mal in Wilsikow waren

Gerhard ist mein Cousin
Also der Sohn
Der Schwester
Der Frau
Die mich geboren hat

Wenn mein älterer Bruder von ihm redet
Merkt man, dass er ihn gut leiden konnte
Er habe sein Abitur mit Eins gemacht
Erzählt er
Aber dann doch eine Ausbildung zum Elektriker
In einem großen volkseigenen Betrieb angefangen

Getrunken habe er bereits
Ehe er seine Frau kennenlernte
Und dann ging es so weiter
Mein Bruder meint
Er sei begabt gewesen
Aber wenn man nicht damit zurechtkommt?
Erwidert unsere Mutter

Mehrfach hat er versucht sich umzubringen
Einmal trank er Pflanzenschutzmittel
Das auf dem Bauernhof in Wilsikow
In jeder Ecke herumstand
Doch sie haben ihn frühzeitig gefunden
Und er ist wieder auf Alkohol umgestiegen

Mein Bruder hat ihn kurze Zeit später besucht
Und das Gespräch kam darauf
So eine Geschichte steht doch irgendwie im Raum
"Willst du auch mal?" fragte Gerhard
Und riet ihm ab: "Schmeckt nicht,
Glaub mir!"

Mein Vater trank mit ihm einmal
Fünfundneunzigprozentigen aus Polen
Immer ein Glas Wasser daneben
Mein Vater glaubte nämlich nicht
Dass ein Mensch das Zeug trinken könne
Aber Gerhard wußte es besser

Gerhard war oft zu Besuch in Wilsikow
Wo heute nur noch Erwin, sein Vater, lebt
In diesem Sommer war es
Er saß mit seinem 14jährigen Sohn
Auf einer Bank vor dem Haus
Und sonnte sich

Erwin war gerade in den Ställen beschäftigt
Als der Junge angerannt kam und sagte
"Opa, Opa, komm schnell!
Der Papa ist ganz blau!"
Gerhard wurde 49 Jahre alt

Ich kann mich nicht an ihn erinnern
Denn ich war noch zu klein
Als wir zum letzten mal in Wilsikow waren
Aber ich frage mich wie er so war
Schließlich war er mein Cousin
Und ich weiß so gut wie nichts von ihm
"Ein Kluger bemerkt alles - ein Dummer macht über alles eine Bemerkung." (Heinrich Heine)

Spiderman
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Re: Gerhard

Beitragvon Spiderman » 17.09.2002, 20:31

Hallo El'Mundo,
Dein Gedicht hat was! Mir gefällt das einfache und schlichte daran. Der nüchterne protokollartige Tonfall passt wie ich finde zum Thema "unbekannter Verwandter, der sich irgendwann totgesoffen hat". Insofern finde ich den Text gut.

Andererseits: es haut mich auch nicht vom Hocker. Warum nicht? Weil es eben ein Protokoll ist, dass durch die äußere Form (die lyrisch ist) eine Wirkung über das Nüchterne hinaus vermittelt. Aber irgendwas fehlt noch. Nur: im Moment weiß ich nicht was.

Vielleicht fehlt mir ja noch was ein.

An dieser Stelle noch ein Lob für diesen Versuch, mal was anderes zu probieren.

Grüße von
Spiderman
Die nette Lyrik-Spinne von nebenan!

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Re: Gerhard

Beitragvon Spiderman » 18.09.2002, 19:05

Guten Abend gelbsucht!

Ich habe den Text jetzt noch ein zweites Mal gelesen und ich finde, Du solltest ihn so lassen wie er ist. Das "Andererseits" von gestern kannst Du streichen.

Es ist zwar so, dass der Text nicht von einem durchgängigen Rhythmus getragen wird oder Du eine besondere lyrische Perspektive entwickelst. Aber dafür gewinnt er diese angenehme Schlichtheit.

Die Kunst in dem Gedicht liegt für mich im Berichten des Wesentlichen. Du reduzierst Gerhards Leben auf ein paar Eckdaten, auf seinen Alkoholismus, darauf, dass der ältere Bruder ihn gut leiden konnte und auf den skurillen Tod. Diese Distanziertheit korrespondiert schön mit den Aussagen "Ich kann mich nicht erinnern" oder "Ich habe ihn nicht gekannt".

Aber wie wirkt das Gedicht auf mich? Hm, es weckt die Verwunderung über die Seltsamkeit des Lebens und der Menschen.

Und das mag ich.

Eine unscheinbare Schönheit hat der Text, die man vielleicht erst beim 2. Mal lesen erkennt.

Überzeugt:

Spiderman
Die nette Lyrik-Spinne von nebenan!

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Re: Gerhard

Beitragvon razorback » 19.09.2002, 00:10

Mir ging es beim ersten Lesen ähnlich wie Spider beim zweiten. Gerade der trockene, nüchterne Ton passt zu diesem traurigen Bericht - und bewirkt trotz aller Lakonik, dass die Traurigkeit berührt.

Aber bei allem Lob, gelbsucht - musstest Du ausgerechnet in Zeiten des Wahlkampfwahns ein Gedicht mit diesem Titel posten? Ich hatte mich schon gewappnet, einem garstig politisch Lied zu begegnen... :-D

Andererseits - vielleicht gerade drum!
O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You

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Re: Gerhard

Beitragvon gelbsucht » 19.09.2002, 00:37

Lieber razorback,

dann hast du wohl im JL das Gedicht "das Duell" von Tassenauge verpaßt - garstig war es nicht gerade, aber treffend! (Jetzt muß ich noch einmal editieren: jetzt habe ich erst verstanden, was du meinst! Der Name, "Gerhard", sicher, hab ich mir schon gedacht, daß das zu Irritationen führt - nichtsdestotrotz schau dir mal Tassenauges "das Duell" an!)

Und: Dank euch für eure Kommentare!

MfG,
gelbsucht
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