Eine Kafkaeske von Claudio Michele Mancini
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Wandert man über die Berge, überquert man die Flüsse, Seen und alle Meere und biegt gleich dahinter scharf links ab, dann erreicht man nach etwa einer halben Stunde mühsamen Fußmarsches einen streng bewachten Grenzübergang. Hinter der Schranke beginnt Finsterland, ein Volk, größer als alle Länder dieser Welt.
Die Menschen, die dort wohnen, sind blind. Mit einer einzigen Ausnahme. Der Herrscher des Reiches -, König Weitsicht. Er besaß ein Auge und es wäre deswegen fürchterlich gelogen, würde jemand behaupten, er könne überhaupt nichts sehen. Denn wenn er sich sehr anstrengte, erschien ihm die Welt wie durch einen dichten Nebelschleier und das war viel mehr, als man von einem blinden König hätte verlangen können. Alleine diese Fähigkeit hatte ihn an die Macht gebracht, weil man dem wenigen, was er sah und worüber er berichtete, blind vertraute. Im Lande der ewigen Nacht herrschten strenge Gesetze, und die Untertanen stöhnten manchmal darüber. So war jeder Bürger verpflichtet, wöchentlich ein Bild zu malen. Wer sich nicht daran hielt, musste damit rechnen, des Landes verwiesen oder noch schlimmer bestraft zu werden. Aber solche Verstöße kamen äußerst selten vor. Im allgemeinen hielten sich die Bewohner von Finsterland an Vorschriften und gaben ihre Kunstwerke pünktlich im Sekretariat des Ministers Colorius ab.
Das Amt des Ministers für Formen und Farben war anstrengend, trug man dort nicht nur große Verantwortung für das Volk, sondern insbesondere auch für das eigene Ansehen. Eine solche Aufgabe konnte nur eine Person übernehmen, die sich zuvor durch besondere Blindheit ausgezeichnet hatte und langjährige Erfahrung auf diesem Gebiet vorweisen konnte. Immerhin musste er über die Qualität der Bilder befinden, sie nach Motiven und Farbenvielfalt ordnen und deren Schönheit und Ausdruck beurteilen. Man vertraute dem fachlichen Urteil hochgestellter Persönlichkeiten und hatte deswegen keine Sorge, dass ihnen jemals Fehler unterlaufen könnten. Hatte der Farbenminister seine Arbeit getan, legte er diese dem großen Ministerrat vor. Dieser wählte unter den vielen Kunstwerken das schönste und farbenprächtigste aus. Im großen Thronsaal wurde es - sehr zur Freude von König Weitsicht -, im Rahmen eines großen Festes aufgehängt. Ein Mal im Jahr lud er die Begabtesten und Fleißigsten des Volkes in seinen Palast ein, belohnte die Sieger mit Vergünstigungen und unterstützte sie nach besten Kräften. Ein ganzes Jahr brauchten sie keine Bilder mehr malen, und nach Ablauf der Zeit wurden sie reich mit Rahmen, Pinsel, Farben und Leinwand beschenkt.
Eines Tages meldete der Staatssekretär, an der Grenze des Landes stünde ein Sehender, der um Asyl bat und ein Visum für die Reise nach Finsterland beantrage.
„Ein Sehender will in unser Land?“, fragte der König irritiert. Im ersten Moment glaubte er sich verhört zu haben. Doch der Staatssekretär entgegnete:
„Ja, mein König. Und er lässt sich partout nicht abweisen.“
„Du weißt, dass wir nur Blinden Aufenthalt gewähren,“ wies er seinen Beamten zurecht.
„Das habe ich dem Fremden auch gesagt. Aber er meinte, du würdest in seinem Falle bestimmt eine Ausnahme machen.“
„Und weshalb glaubt er das?“
„Er behauptet, er könne die schönsten Gemälde anfertigen, die die Welt je gesehen habe. Er hat sogar eines mitgebracht und will es dir zum Geschenk machen.“
„Was ist das für ein Gemälde?“
„Ich verstehe nichts von Kunst. Ich kann nur so viel sagen: Es ist rechteckig, sehr groß und ziemlich schwer. Einen stabilen Rahmen hat es auch, glaube ich. Vorsichtshalber habe ich es mitgebracht und vor der Tür abgestellt. Vielleicht gefällt es dir.“
„So einfach ist das nicht. Unsere Gesetze sind eindeutig. Sehende haben bei uns normalerweise zu suchen. Ich werde eine Sondersitzung des Ministerrates einberufen. Wir werden über das Anliegen des Fremden beraten. Sag ihm, er soll sich gedulden. Wir werden ihn benachrichtigen, wie wir uns entschieden haben.“ Während der Staatssekretär zur Grenze zurückeilte, versammelte sich der Rat im großen Thronsaal, in dem König Weitsicht den Vorsitz übernommen hatte.
„Meine Herren“, begann er ernst. „Wie ihr alle wisst, will ein Sehender unser Land besuchen. Normalerweise würde ein solches Anliegen abgelehnt. Aber da der Antragsteller laut eigenen Angaben ein hervorragender Künstler ist und unserem Land die schönsten Bilder zum Geschenk machen will, sollten wir darüber beraten. Er hat uns eines seiner Werke mitgebracht. Ich bitte sie, ihr Urteil abzugeben und dann zu entscheiden, ob wir eine Ausnahme machen wollen. Wer von euch möchte beginnen?“ König Weitsicht neigte seinen Kopf ein wenig zur Seite, um besser hören zu können, denn er war beinahe taub.
„Mein König“, meldete sich Minister Julius Colorius. „Meine Kompetenz in diesem Kreise ist unbestritten. Ich erlaube mir daher die Diskussion zu eröffnen. Über 40 jährige Blindheit befähigt mich im besonderem Maße zur Beurteilung aller Kunst- und Stilrichtungen. Außerdem ist es hinreichend bekannt, dass die Anwendung von Farben und deren richtigen Gebrauch in mein Spezialgebiet fällt.“
Beifälliges Raunen erfüllte den Saal, was man als allgemeine Zustimmung werten konnte. „Fahre fort, Herr Minister“, drängte König Weitsicht, denn er wollte keine Zeit verlieren und mit seinem forschen Auftreten zeigen, dass er schnelle Entscheidungen liebte.
„Wo genau hängt das Bild?“
„Direkt vor dir an der Wand“, erwiderte der König. „Ungefähr in dieser Richtung.“ Er deutete nach rechts. „Mir ist allerdings schleierhaft, was es darstellen soll. Aber auf meinen Kunstverstand kommt es ja in diesem Falle nicht an. Ich baue ganz auf deine Erfahrung Colorius, und natürlich auf dein Urteilsvermögen.“
„Ausgezeichnet,“ murmelte der Minister und richtete seine stumpfen Augen, die hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen waren gerade aus. Ächzend erhob sich von seinem Sessel, griff nach seinem Krückstock und ertastete unter ständigem Klopfen den Weg zur Wand. „Hängt es hier?“, rief er dem König zu.
Weitsicht drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme kam, riss sein einziges sehendes Auge weit auf und konzentrierte sich aufs äußerste. Schemenhaft erkannte er die Konturen seines Ratsmitgliedes, der vermutlich an der Wand nach dem Bild tastete. „Ja, ungefähr dort wo du jetzt stehst, müsste es hängen,“ antwortete er ungeduldig. „Ich glaube noch einen oder zwei Schritte weiter rechts, dann stehst du direkt davor.“ König Weitsicht hörte, dass sein Minister mit der Hand auf der Wand entlang strich. „Hast du es gefunden?“
„Ja“, antwortete Colorius vernehmlich und seine Miene nahm einen gewichtigen Ausdruck an. „Ich habe soeben den Rahmen auf sein Material hin überprüft“, hörte er ihn sagen und nach einer kleinen Pause räusperte er sich und meinte: „Es hat zwei Rahmen. Daran erkennt man sofort, dass es wenig wert sein kann. Bilder haben in der Regel einen einzigen Rahmen. Außerdem wirkt es auf mich ein wenig fade. Es mangelt ihm an Ausdruck und Tiefe. Überdies harmonieren die Schwarztöne nicht. Wenn du mich fragst, stammt dieses Gemälde von einem mittelmäßigen Künstler. Man kann es schon daran erkennen, dass aus der Mitte des Bildes ein geschwungenes Eisenstück herausragt. Weiß der Himmel, was dieses Ding bedeuten soll. Vor allem aber bemängele ich die blassen Farben. Das Bild wirkt leblos, hat keine Ausstrahlung und übt keinerlei Faszination aus.“
„Ganz meine Meinung,“ raunte König Weitsicht seinem Vertrauten, Minister Joseph Denunzius zu, der das Dezernat für Auslandsfragen und Gerüchte führte. Der nickte mit ernstem Gesicht und zischelte. „Von Sehenden kann man auch nicht viel erwarten.“
„Keine Dynamik,“ dozierte der Minister für Formen und Farben weiter. „Dilettantisch in der Perspektive. Mir bleibt im Dunkeln, was uns der sogenannte Maler mit seinem Gekleckse sagen will. Abschließend möchte ich meinen, ein wenig Talent hat er ja, aber auf einen Anfänger wie ihn können wir gut verzichten. In unserem Land gibt es genügend Künstler, die weitaus schöner malen.“
„Ich schließe mich deiner Meinung an“, bestätigte nun Minister Spiegelfechter. Sein Ministerium war mit Abstand das Wichtigste im Staat, um so unbeliebter war er beim Volk. Erst hatte er die Besteuerung von Bilderrahmen und Leinwand erhöht, kurz danach Sonderabgaben auf Pinsel und Farben erhoben. Seit neuestem belegte er sogar Farbstifte und Ölkreide mit einer Gebrauchssteuer, was für großen Unmut in der Bevölkerung sorgte. Aber da Saulus Spiegelfechter nicht nur auf eine lange Blindenkarriere zurückblicken konnte, sondern König Weitsicht die Steuern dringend benötigte, lobte er den ungeliebten Minister in der Öffentlichkeit, so oft er nur konnte. „Das Bild ist im Aufbau miserabel und zwei Rahmen mit Eisengriff..., wo gibt es denn so etwas...! Und wenn ich hinzufügen darf, das Grau in Grau hält unserem Anforderungsniveau keinesfalls stand. Solche Bilder kann jedes blinde Kind in unserem Land herstellen. Erschwerend kommt hinzu, dass weder für die Rahmen, noch für Leinwand, Pinsel und Farben Steuern abgeführt wurden. Ich lehne den Antrag ab, den Fremden in unser Land zu lassen.“
„Wie ist deine Meinung, Winkelrecht?“, wandte sich der König an den Minister für Einwanderungsfragen und innere Unruhen.
„Ich bin entschieden dagegen, dass Sehende in unser Land einwandern. Wir wissen doch alle, dass solche Individuen nur den Bilderfrieden stören. Sie erzählen dem Volk Lügen und wiegeln es auf. Außerdem besteht die Gefahr, dass ein Sehender unsere Autorität untergraben wird. Ist er erst einmal hier, wird er Bürgern beschreiben, was es alles bei uns zu sehen gibt und Märchen erfinden. Unsere Bürger sind einfach zu gutgläubig. Wir müssen sie vor fremden Einflüssen und erfundenen Geschichten schützen. Wenn der Sehende erst einmal damit begonnen hat, unseren Untertanen Lügen über uns zu erzählen und damit Erfolg hat, gibt es einen Flächenbrand. Ach was sag ich, eine Revolution.“
„Ich stimme meinem Kollegen Winkelrecht prinzipiell zu. Doch sollten wir uns anhören, was der Fremde zu sagen hat. Und sei es nur, um nicht in den Ruf zu geraten, unsere Regierung sei intolerant oder anmaßend“, unterbrach der Minister für Wahrheitsschutz und Kritikabwehr die Gesprächsrunde.“ Da Gottlieb Ignoranzius eine gewichtige Stimme im Rat hatte, war man mit seinem Vorschlag einverstanden und holte den Fremden herbei.
Als der Fremde eintrat, verstummten die Ratsversammelten und konzentrierten sich ganz auf ihr Gehör. „Wie ist dein Name, Fremder?“, fragte der König mit würdevoller Stimme. „Und sag uns, woher du kommst.“
„Massimo,“ antwortete der Angesprochene. „Ich stamme aus dem Süden, aus einem Land voller bunter Blumen und des pflaumenblauen Meers, aus dem Land Tausender Gerüche und der schönsten Lieder. Da wo ich herkomme, wachsen Olivenbäume, fliegen die schillerndsten Schmetterlinge und am Himmel steht immer die goldene Sonne.“
„Hmm. Und was willst du dann bei uns?“
„Ich habe gehört, dass man dein Reich das Land der schönen Bilder nennt. Als Maler und begeisterter Künstler dachte mir, es wäre wunderbar, unter Menschen zu leben, die nichts weiter tun, als zu malen. Für mich würde sich ein Traum erfüllen, wenn ich mich in eurem Reich verwirklichen könnte und mich mit den Einwohnern über die Kunst und das Malen austauschen dürfte. Für mich würde sich vielleicht eine neue Welt eröffnen.“
„Das kann ich gut verstehen“, erwiderte er und fügte nach einer kleinen Pause hinzu: „Leider reicht nach unserer Meinung dein Talent nicht aus, um hier zu bleiben. Du musst wissen dass wir strenge Maßstäbe bei der Auswahl von Einwanderern anlegen und sich in unserem Land nicht jedermann Künstler nennen darf. Nimm zum Beispiel dein Bild, das du uns mitgebracht hast. Wir haben es begutachtet. Es hängt dort an der Wand, wie du siehst.“ Er deutete an die Stelle, an der er das Bild vermutete. „Interpretiere uns doch mit eigenen Worten deine Arbeit und erkläre uns, weshalb du es mit einem Eisenstück und zwei Rahmen versehen hast.“
Massimo wendete den Kopf in die angegebene Richtung. „Ich sehe dort nur ein Fenster“, erwiderte er überrascht.
„Lügner! Du Betrüger!“ schallte es ihm vielstimmig entgegen.
„Wie kann man nur so frech die Unwahrheit sagen,“ knurrte der Minister für Wahrheitsschutz und schüttelte missbilligend den Kopf. „Da kann man wieder einmal sehen, welche Abgründe sich auftun, wenn man Fremde etwas sagen lässt.“
„Ihr müsst euch irren, meine Herren“, verteidigte sich Massimo. „Mein Bild steht noch draußen vor der Tür. Ich habe es selbst gesehen, bevor ich eintrat. Hier im Raum ist weit und breit kein Bild zu sehen. Glaubt mir doch! Ich sehr nur das Fenster.“
„Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen!“ schleuderte ihm der Minister für Formen und Farben wütend entgegen. „Von einem Fremden schon gar nicht! Hinweg mit ihm. Werft ihn aus dem Land. Wie ich es gesagt habe,“ schrie er außer sich vor Wut. „...Sehende sind Aufrührer und Rebellen und unterminieren das Staatsgefüge. Sie wiegeln Menschen auf und behaupten, sie würden die Wahrheit sagen.
„Ihr habt recht. Antrag abgelehnt,“ entschied König Weitsicht streng und seine Stimme klang gar nicht mehr so freundlich, wie zuvor. „Verlass unser Land. Vergiss nicht, dein Bild mitzunehmen“, befahl er Massimo. „Geh zurück in deine Heimat oder suche dir ein anderes Land, in dem du deine Lügenmärchen verbreiten kannst.“
So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich auf den weiten Heimweg zu machen. Unterwegs machte er Halt bei einem alten, bärtigen Mann. Der hörte sich seine Geschichte an und als Massimo geendet hatte, sprach er: „Der Mensch irrt. Jeder auf seine Weise und mancher sogar vorsätzlich. Es ist verlorene Mühe, Allwissenden erklären zu wollen, sie könnten mit ihren Behauptungen oder Überzeugungen falsch liegen. Es wäre grausam, deren Leiden zu vergrößern, indem man auch noch ihre Unfehlbarkeit anzweifelte.
Land der Finsternis
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gelbsucht
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Re: Land der Finsternis
Hallo Herr Mancini,
und von meiner Seite zugleich: herzlich willkommen im Forum. An dieser Geschichte kann man erkennen, wie auch an Euren "Karibischen Impressionen", ihr seid eloquent und habt schon mehr als eine Geschichte geschrieben. Im Gegensatz zu den "Karibischen Impressionen" besitzt diese Erzählung auch eine richtige Handlung, die dann auch bei mir Intresse weckte, wie es ausgeht. Auch der gleichnishafte Charakter dieser Geschichte ist gut herausgearbeitet, obwohl ich vorsichtig wäre, es Kafkaeske zu nennen - dieser Text ist vorzüglich an ein eher jüngeres Publikum adressiert - zumindest kam es mir beim Lesen so vor. In das Bild des Märchenhaften sehr originell integriert habt ihr die Namen des Ministerrats. Das fand ich stilistisch sehr gekonnt.
Ein paar kleinere Rechtschreibfehler enthält die Geschichte noch:
Kritisch möchte ich bemerken: der letzte Absatz erscheint mir überflüssig. Zum einen sollte das Gleichnis für sich stehen und nicht gleich im Anschluss gedeutet werden. Zum anderen verengt sich hier die makroskopische und märchengerechte Erzählperspektive plötzlich und konzentriert sich ganz auf den abgewiesenen Sehenden, der erst in der Mitte der Geschichte aufgetaucht ist. Und dann am Schluss noch einen Weisen einzuführen ... das ist alles etwas umständlich. Stärker wäre die Geschichte, wenn sie mit der Szene im Minsterialrat endet und alles andere offen lässt. Denke ich. Ich will aber gleich hinzufügen: ich versteh von Prosa recht wenig. Ich pflege hier nur zu rezensieren, wenn's im Forum "Gedichte" etwas still ist - so wie momentan.
Ach so, noch etwas! Den Titel "Land der Finsternis" finde ich etwas abgegriffen und reißerisch. Vielleicht sollte schon im Titel mehr das Paradox der malenden Blinden herausgestellt werden. So beschränkt sie sind, so erscheint es mir doch ein lustiges, kleines Volk zu sein und man sollte nicht meinen, dass die Welt der Blinden ganz und gar "finster" ist, nur weil sie nichts sehen können. Das ist so ein Vorurteil der Sehenden. Vielleicht wollten sie den Sehenden ja nur verarschen, nach dem Motto: "Der hat echt geklaubt, wir könnten sein Bild nicht von einem Fenster unterscheiden." :-p
gelbe grüsse 
und von meiner Seite zugleich: herzlich willkommen im Forum. An dieser Geschichte kann man erkennen, wie auch an Euren "Karibischen Impressionen", ihr seid eloquent und habt schon mehr als eine Geschichte geschrieben. Im Gegensatz zu den "Karibischen Impressionen" besitzt diese Erzählung auch eine richtige Handlung, die dann auch bei mir Intresse weckte, wie es ausgeht. Auch der gleichnishafte Charakter dieser Geschichte ist gut herausgearbeitet, obwohl ich vorsichtig wäre, es Kafkaeske zu nennen - dieser Text ist vorzüglich an ein eher jüngeres Publikum adressiert - zumindest kam es mir beim Lesen so vor. In das Bild des Märchenhaften sehr originell integriert habt ihr die Namen des Ministerrats. Das fand ich stilistisch sehr gekonnt.
Ein paar kleinere Rechtschreibfehler enthält die Geschichte noch:
Hier fehlt ein "nichts".Sehende haben bei uns normalerweise zu suchen.
Kritisch möchte ich bemerken: der letzte Absatz erscheint mir überflüssig. Zum einen sollte das Gleichnis für sich stehen und nicht gleich im Anschluss gedeutet werden. Zum anderen verengt sich hier die makroskopische und märchengerechte Erzählperspektive plötzlich und konzentriert sich ganz auf den abgewiesenen Sehenden, der erst in der Mitte der Geschichte aufgetaucht ist. Und dann am Schluss noch einen Weisen einzuführen ... das ist alles etwas umständlich. Stärker wäre die Geschichte, wenn sie mit der Szene im Minsterialrat endet und alles andere offen lässt. Denke ich. Ich will aber gleich hinzufügen: ich versteh von Prosa recht wenig. Ich pflege hier nur zu rezensieren, wenn's im Forum "Gedichte" etwas still ist - so wie momentan.
Ach so, noch etwas! Den Titel "Land der Finsternis" finde ich etwas abgegriffen und reißerisch. Vielleicht sollte schon im Titel mehr das Paradox der malenden Blinden herausgestellt werden. So beschränkt sie sind, so erscheint es mir doch ein lustiges, kleines Volk zu sein und man sollte nicht meinen, dass die Welt der Blinden ganz und gar "finster" ist, nur weil sie nichts sehen können. Das ist so ein Vorurteil der Sehenden. Vielleicht wollten sie den Sehenden ja nur verarschen, nach dem Motto: "Der hat echt geklaubt, wir könnten sein Bild nicht von einem Fenster unterscheiden." :-p
"Ein Kluger bemerkt alles - ein Dummer macht über alles eine Bemerkung." (Heinrich Heine)
Re: Land der Finsternis
Wandert man über die Berge, überquert man die Flüsse, Seen und alle Meere und biegt gleich dahinter scharf links ab,
Danke für die sachliche Kritik, die im übrigen mit einer richtigen Bemerkung bereichert wurde. Ich werde meine Geschichte ohne den "Weisen" beenden.
Danke für die sachliche Kritik, die im übrigen mit einer richtigen Bemerkung bereichert wurde. Ich werde meine Geschichte ohne den "Weisen" beenden.
Re: Land der Finsternis
Hallo...schon wieder ihr Beiden?
Sagt mal, gibt es denn niemanden sonst, der was zur Prosa Mancini`s zu sagen hat ausser gelbsucht und mir? Traurig, traurig, denn diese Geschichte hätte mehr Zuspruch verdient.
Vorhang auf für meine erste positive Kritik, lieber Mancini, bezüglich deiner Prosa.
Diese Geschichte finde ich ganz einfach klasse. Ein sehr schönes Gleichnis mit einigen Höhepunkten. Zwar fand auch ich den letzten Absatz nicht notwendig, jedoch ergeben sich noch einige interessante Deutungsmöglichkeiten jenseit dieser Worte des Weisen. Interessant ist unter anderem...
...das der Einäugige König ist, aber dieses eine Auge eben auch nur einen Bruchteil der Wahrheit erkennt. Wie wenig es doch an Wissen bedarf, wenn Andere noch weniger wissen. Dazu fällt mir übrigens ein gutes Beispiel aus einem Roman ein, den ich mal las: Ein Mann macht es sich zu seinem Hobby Kunstausstellungen zu besuchen, obwohl er überhaupt kein Ahnung von Kunst hat. Er sucht sich dann immer einen Besucher aus, den er für reichlich dumm hält, verwickelt ihn in ein Gespräch und verwendet die tollsten Fachausdrücke. Schon wird er für einen Kunstkenner gehalten, obwohl er faktisch nichts weiss.
...das der sehende Fremde nicht ins Land gelasen wird, da sein Wissen um die Welt eine Gefahr für die Macht bedeutet. Sehr gut fand ich hier folgenden Absatz...
...die Bezeichnung und das Verhalten der Minister und die ezeichnung ihrer Ministerien. (z.B. Minister Joseph Denunzius, Dezernat für Auslandsfragen und Gerüchte)
Nicht der Schutz des Volkes, sondern der Erhalt der eigenen Macht ist ihr vorrangiges Interesse. Ein Schelm, wer dabei an die heutigen politischen Führer dieser Welt denkt.
Insgesamt: Rundum gelungen. Kriegt einen Ehrenplatz auf meinem Schreibtisch.
MFG,
Hamburger
Sagt mal, gibt es denn niemanden sonst, der was zur Prosa Mancini`s zu sagen hat ausser gelbsucht und mir? Traurig, traurig, denn diese Geschichte hätte mehr Zuspruch verdient.
Vorhang auf für meine erste positive Kritik, lieber Mancini, bezüglich deiner Prosa.
Diese Geschichte finde ich ganz einfach klasse. Ein sehr schönes Gleichnis mit einigen Höhepunkten. Zwar fand auch ich den letzten Absatz nicht notwendig, jedoch ergeben sich noch einige interessante Deutungsmöglichkeiten jenseit dieser Worte des Weisen. Interessant ist unter anderem...
...das der Einäugige König ist, aber dieses eine Auge eben auch nur einen Bruchteil der Wahrheit erkennt. Wie wenig es doch an Wissen bedarf, wenn Andere noch weniger wissen. Dazu fällt mir übrigens ein gutes Beispiel aus einem Roman ein, den ich mal las: Ein Mann macht es sich zu seinem Hobby Kunstausstellungen zu besuchen, obwohl er überhaupt kein Ahnung von Kunst hat. Er sucht sich dann immer einen Besucher aus, den er für reichlich dumm hält, verwickelt ihn in ein Gespräch und verwendet die tollsten Fachausdrücke. Schon wird er für einen Kunstkenner gehalten, obwohl er faktisch nichts weiss.
...das der sehende Fremde nicht ins Land gelasen wird, da sein Wissen um die Welt eine Gefahr für die Macht bedeutet. Sehr gut fand ich hier folgenden Absatz...
„Ich bin entschieden dagegen, dass Sehende in unser Land einwandern. Wir wissen doch alle, dass solche Individuen nur den Bilderfrieden stören. Sie erzählen dem Volk Lügen und wiegeln es auf. Außerdem besteht die Gefahr, dass ein Sehender unsere Autorität untergraben wird. Ist er erst einmal hier, wird er Bürgern beschreiben, was es alles bei uns zu sehen gibt und Märchen erfinden. Unsere Bürger sind einfach zu gutgläubig. Wir müssen sie vor fremden Einflüssen und erfundenen Geschichten schützen. Wenn der Sehende erst einmal damit begonnen hat, unseren Untertanen Lügen über uns zu erzählen und damit Erfolg hat, gibt es einen Flächenbrand. Ach was sag ich, eine Revolution.“
...die Bezeichnung und das Verhalten der Minister und die ezeichnung ihrer Ministerien. (z.B. Minister Joseph Denunzius, Dezernat für Auslandsfragen und Gerüchte)
Nicht der Schutz des Volkes, sondern der Erhalt der eigenen Macht ist ihr vorrangiges Interesse. Ein Schelm, wer dabei an die heutigen politischen Führer dieser Welt denkt.
Insgesamt: Rundum gelungen. Kriegt einen Ehrenplatz auf meinem Schreibtisch.
MFG,
Hamburger
"If it's a hit? - Yeah, that's me! If it's a miss? - Yeah, that's me!" (Robert Palmer)
Re: Land der Finsternis
...ich arbeite noch dran. Das ist das Dilemma. Geschichten werden nie fertig! Obwohl mir doie Worte Tucholskis in den Ohren klingen: LASS DIE ERSTE VERSION WIE SIE IST, SIE IST MEIST DIE BESTE.
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