Wiener Textwerkstatt - zum Ersten...

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Hamburger
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Wiener Textwerkstatt - zum Ersten...

Beitragvon Hamburger » 07.09.2005, 21:27

Guten Abend,

sicher wird Wien noch genug Anlass zur erfreulichen Rückschau liefern, aber die Vertiefung der dort geleisteten inhaltlichen Arbeit sollte nicht zu kurz kommen. Denke ich. Bevor ich für meinen Teil also Gefahr laufe endlose „Ich-hab-euch-alle-gern-Schleifen“ zu posten habe ich mich hingesetzt und eine erste Geschichte unseres ersten Schreibspiels abgeschrieben.

Für die, die nicht dabei waren hier die Erklärung des Schreibspiels: Jede Geschichte besteht aus 5 Teilen. In Teil 1 sollte ein Ort, in Teil 2 ein Hauptcharakter, in Teil 3 ein Nebencharakter und in Teil 4 ein Konflikt eingeführt werden. Teil 5 sollte dann der Schluss sein.

Die einzelnen Teile wurden von je verschiedenen Autoren geschrieben, so dass an einer Geschichte immer 5 Autoren gearbeitet haben. Jeder Autor hatte für seinen Teil 10 Minuten Zeit.

Faktisch sah das dann so aus, dass die Uhr gestellt wurde und 9 Autoren jeweils einen ersten Teil schrieben, in dem ein Ort eingeführt wurde. Nach 10 Minuten gaben wir diesen geschriebenen ersten Teil im Uhrzeigersinn an unseren jeweiligen Stuhlnachbarn weiter, welcher die Geschichte mit dem 2.Teil fortsetzte, in dem ein Hauptcharakter eingeführt wurde, so dass nun 9 Autoren jeweils einen zweiten Teil schrieben.

Fast genauso ging es dann weiter ab Teil 3, mit dem einzigen Unterschied, dass der schreibende Autor nur den unmittelbar vor ihm geschriebenen Teil lesen durfte. Zum 1.Teil bekam er nur ein paar Stichworte.

Man führte also im dritten Teil den Nebencharakter in Kenntnis des Hauptcharakters ein, hatte aber nur ein paar Stichworte zu dem was im ersten Teil stand, als der Ort eingeführt wurde.

Man führte im vierten Teil den Konflikt in Kenntnis des Nebencharakters ein, hatte aber nur Stichworte zu Ort (Teil 1) und Hauptcharakter (Teil 2).

Und schließlich schrieb man im 5.Teil einen Schluss nur auf Basis des Konflikts, ohne jedoch über Ort, Haupt-und Nebencharakter mehr zu wissen als ein paar Stichworte.

9 Geschichten innerhalb von 50 Minuten sind so entstanden. Keine davon ist bisher betitelt. Neben Ideen für Titel, was ich persönlich zwar interessant aber nicht ganz so wichtig finde, können in diesem Thread die Gesamtgeschichten und die einzelnen Leistungen der jeweiligen Autoren bewertet werden. Auch das Schreibspiel an sich, die Vorzüge und die Nachteile die es bietet, können hier gesprochen werden.

Alle Geschichten, die ich eingepackt habe werde ich zunächst abschreiben und hier posten. Die Leerzeile zeigt den Übergang von einem Autor zum nächsten Autor an, unter der Geschichte finden sich die Autoren der einzelnen Teile und der Kenntnisstand, den sie jeweils hatten, als sie schrieben.

So, bitte nicht über diese komplizierte Erklärung wundern, denn der Autor dieser Zeilen hat schon bei der ersten Erklärung dieses Schreibspiels in Wien den großen Dirktator mit seinen absolut duseligen Nachfragen zur Weißglut getrieben, bis er es kapiert hatte…:-)

Viel Spass beim Lesen und Kommentieren,

Ham




Das einzige, was von den spärlichen, durch die Lücken der Jalousie fallenden Lichtstrahlen erhellt wurde, war eine für heutige Begriffe riesenhafte, einst wohl glänzend Schwarz aber mittlerweile von Staub & Kratzern in Mitleidenschaft gezogene alte Schreibmaschine. Der thronte, einer Grande Dame aus der Fin de Siecle gleich, auf einem schlichten Schreibtisch mitten im Raum. Der Rest des lang gezogenen, muffig riechenden Büros lag in staubigem Halbdunkel, die Linien des Parketts verliefen sich irgendwo weit hinten im Nichts. In der gummierten Walze der Maschine war ein Blatt Papier eingespannt. Einer der der fragilen Hebel, der die Tasten mit den kleinen Buchstabenhämmerchen verband, ragte nach oben. Gerade noch lesbar, stand in unscharfen Lettern geschrieben: „Morgen vielleicht.“

Doktor Jennerwein las sich den Text noch einmal durch, dann zog er das Blatt heraus und schob es in einen Umschlag. In Druckbuchstaben schrieb er eine Adresse darauf und klebte eine mit einem Schwämmchen befeuchtete Briefmarke auf den Umschlag. Er legte den Brief auf seinen akkurat aufgeräumten Schreibtisch. Seine Sekretärin würde ihn später zur Post bringen. Dr. Jennerwein sah auf die Uhr. Er rückte seinen Krawattenknoten gerade und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Armlehne des Sessels. Sie hatte sich bereits zehn Minuten verspätet. Wenn sie noch länger auf sich warten ließe würde er Termine verschieben müssen.

Endlich klopfte es an der Tür. Zum Glück, wenigstens so höflich war sie, er nickte bevor er „herein“ rief. Dr. Jennerwein drapierte ein Lächeln auf seinem Gesicht, obwohl es seine schiefen Zähne zeigte. Sie schob sich durch die Tür, eine nette Erscheinung, das musste er zugeben, sehr zierlich.
Sie setzte sich auf den Stuhl den er ihr anwies. „Guten Tag, wie nett sie endlich kennen zu lernen“, eröffnete er das Gespräch, seine Hand ruhte direkt neben dem Brief. Sie konnte vielleicht die Adresse entziffern. Dr. Jennerwein lächelte noch mehr als sie schluckte.

Sie starrte wie hypnotisiert in seine kalten Augen. `Was für ein aalglatter Schweinehund`, dachte sie. `Tut einfach so, als wenn gar nichts gewesen wäre. Aber vielleicht erkennt er mich wirklich nicht mehr, sonst hätte er mich ja nicht hergebeten.` Schließlich fand sie ihre Fassung wieder und besann sich, dass es unhöflich wäre, auf seine, wenn auch aufgesetzte, Freundlichkeit nicht einzugehen. Sie zwang sich zu einem Lächeln.

„Herr Doktor, Sie wissen gar nicht, wie mir dieser Klang gefehlt hat!“
„Pardon, was meinen Sie?“
„Dieses monotone Klappern der durchgeschlagenen Typen, das Klingen beim Erreichen des Zeilenendes…“
Seine Miene zeigte erstmals wirkliches Interesse. „Ah, sie haben auch mal in so einem Büro gearbeitet?“
Sie schmunzelte, als sie sagte: „Ja, es war diesem hier ziemlich ähnlich, sehr ähnlich sogar! Ich kann mich auch noch sehr gut an den Büroleiter erinnern, an seine fast zufälligen Berührungen meiner Schulter, an seinen Atem in meinem Nacken, wenn er kam um meine Arbeit zu kontrollieren und an seine Hand an meinen Hüften, als er versuchte, mich in die Teeküche zu zerren!“
Dr. Jennerweins Augen zeigten einen Ausdruck zwischen Unverständnis und Erstaunen. Mit möglichst ruhiger Hand und Stimme zog sie einige Dokumente aus ihrer Tasche.
„Ach übrigens Herr Doktor: Dies ist meine notarielle Kaufurkunde für das Büro und dies hier, dies ist ihre Entlassung! Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!“


Autorin Teil 1: Charis

Autorin Teil 2: Khadija

Autorin Teil 3: Edekire – Kenntnisstand: „Teil 1: Ort: altes Büro mit mechanischen Schreibmaschinen“ + kompletter Teil 2

Autorin Teil 4: Flocke – Kenntnisstand: „Teil 1: Ort: altes Büro mit mechanischen Schreibmaschinen“, „Teil 2: Dr. Jennerwein“ + kompletter Teil 3

Autor Teil 5: Sandro – Kenntnisstand: „„Teil 1: Ort: altes Büro mit mechanischen Schreibmaschinen“, „Teil 2: Dr. Jennerwein“, „Teil 3: Sie, Besuch“ + kompletter Teil 4
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Re: Wiener Textwerkstatt - zum Ersten...

Beitragvon Flocke » 08.09.2005, 14:10

O.K., ich mach dann mal weiter mit Nr. 2. Hoffe, ich habe alles richtig gelesen :-))




Es war an einem lauen Frühlingstag. Vom Meer wehte eine sanfte Brise und die Wellen liefen beinah geräuschlos auf dem Sand aus. Eine einzelne Möwe pickte auf der Suche nach einem Leckerbissen in einem angeschwemmten Tanghaufen herum.

Genau so hatte sich Ulrike ihren Urlaub vorgestellt. Einfach mal raus aus dem öden Alltagstrott. Wie lange hatte sie sich schon darauf gefreut. Ihre langen braunen Haare spielten im Wind und ihre nackten Füße hinterließen im feuchten Sand deutliche Spuren, zumindest bis die nächste Welle darüberschwappte. Sie war recht dünn für ihr Alter und schmächtig noch dazu, und es amüsierte sie mittlerweile nur noch, im gesamten Badeort nur mit „Du“ angesprochen zu werden. Dabei gehörte sie doch längst zu den Mittzwanzigern. Ulrike liebte das Meer. Es genügte ihr, es stundenlang anzusehen. Dieses Spiel des Windes mit den Wellen, die rauschenden Schaumkronen, das Donnern der Brandung. Dann war sie glücklich.

Sie wohnte in einer kleinen Pension, unweit der Strandpromenade, die einer 65-jährigen, ebenso rüstigen wie liebevollen Witwe gehörte, die ihr schon am ersten Tag das „Du“ angeboten hatte. Sie hieß Maria, hatte zwei erwachsene Töchter, die nur noch selten ins Haus ihrer Kindheit zurückkehrten. Ulrike kannte das Gefühl, aber diesmal war es so intensiv wie nie zuvor in ihrem Leben – sie fühlte sich dieser Frau verbunden. Sie fühlte sich, als wäre sie zuhause angekommen, als würde sie diese Pensionswirtin schon ihr Leben lang kennen.

Heute aber war die Alte seltsam. Sie stellte das Frühstück so energisch vor Ulrike auf den Tisch, dass Milch und Tee überschwappten und einen kleinen schlechte-Laune-Teich bildeten. Als Ulrike aufsprang, um den heißen Tee an der Kontaktaufnahme mit ihren Oberschenkeln zu hindern, ohrfeigte Maria sie. Alte Damen haben für gewöhnlich nicht viel Kraft, aber Ulrike brauchte fast eine Minute fassungslosen Starrens, um dann – noch immer kein Wort herauszubringen. Sie rührte sich nicht, Tee tröpfelte auf ihre Schuhe und eine Erkenntnis in ihr Hirn.
‚Mist!’, dachte Ulrike. ‚Mistmistmistmist.’
Die Pensionswirtin Maria tappte mit einem Fuß warten auf den Boden, die Arme vor der Brust verschränkt.
‚Mist!’, dachte Ulrike und sagte: „Oha.“

„Sag mal“, versetzte Maria schneidend, „dir ist schon aufgefallen, wo Du Dich hier befindest, oder?“
„In einer Pension...“, piepste Ulrike schüchtern, fasste sich dann ruckartig und ergänzte etwas schwankend: „die bewohnt wird von einer alten, verbitterten Frau, die irgendwann einmal etwas dargestellt hat...“
Maria stemmte beide Hände auf den Tisch, ihre Linke versank, ohne dass sie darauf achtete, im schlechte-Laune-Teich und beugte ihren Oberkörper so nah an Ulrike heran, bis sich ihre Nasenspitzen fast berührten. Sie setzte an, brachte aber kein Wort heraus. Dann begann sie unvermittelt, den Tisch abzuräumen, um über die merkwürdigen Geschehnisse der letzten Wochen nachzudenken.


Autorin Teil 1: Flocke

Autor Teil 2: Sandro

Autor Teil 3: Dirk – Kenntnisstand: Teil 1: Ort: irgendwo am Meer + kompletter Teil 2

Autorin Teil 4: Silentium – Kenntnisstand: „Teil 1: Ort: irgendwo am Meer, Teil 2: Ulrike + kompletter Teil 3

Autor Teil 5: Hamburger – Kenntnisstand: Teil 1: Ort: irgendwo am Meer, Teil 2: Ulrike, Teil 3: 65-jährige Pensionswirtin Maria + kompletter Teil 4
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Re: Wiener Textwerkstatt - zum Ersten...

Beitragvon Hamburger » 08.09.2005, 14:34

Moin Leute,

@Flocke: Freue mich dass die Sache in Gang kommt und du eine unserer Geschichten gepostet hast. Bekenne mich allerdings schuldig den schlimmen 5.Teil der Geschichte verbrochen zu haben und spreche Tolya hier von jeglichem Verdacht frei
B-)
Das müsstest du also nochmal editieren...


Und hier nun Geschichte Nummer 3, die beweist: Wir sind für jede Gangart zu haben… B-)

Wobei ich als Autor hier noch recht harmlos erscheine, aber wartet nur ab… :-D

Liebe Grüße,

Ham

P.S.: Die Stichwörter zu den jeweiligen Teilen habe ich leider zu dieser Geschichte nicht mehr gefunden. Wer sie hat, möge sie mir schicken und ich baue sie in ein dann editiertes Posting ein.



Das Ziegelwerk ist alt. Als man es vor hundert Jahren aufgelassen hat, war es schon alt. Es braucht eine bestimmte Sorte Herbstlicht bei einer ganz bestimmten Temperatur und momentanen Stimmung des Betrachters, dann wirkt es friedlich. Rot im Herbstlaub. Ansonsten ist es unheimlich. Würde man die „Achtung Einsturzgefahr“ – Schilder ignorieren, über das verrostete Gitter und die Ziegelhaufen klettern, käme man vorbei an Hochöfen und Efeugebirgen zum ehemaligen Verwaltungszimmer. Handgeschriebene Rechnungen und Belege aus dem vorletzten Jahrhundert spielen Teppich, ein pastellgrünes Biedermeiersofa modert vor sich hin und auf der mit rosenroten Rosen bedruckten Tapete leuchtet zwischen Wasserstreifen und Schimmelpilz ein rostroter Handabdruck.

An einem sommerlichen Septemberabend stand Frank unschlüssig vor dem alten Ziegelwerk. Er wusste nicht so recht wohin, daheim hatte es wie so häufig in letzter Zeit wegen einer Lappalie einen Riesenärger gegeben…
Und immer wenn dies passierte kam er hierher. Dabei tat er gar nichts Besonderes an diesem Ort. Weder schenkte er dem Ziegelwerk besondere Beachtung, noch stellte er hier besondere Betrachtungen an, die geeignet waren seine Lage zu verbessern. Er war einfach da, ein scheuer junger Mann in einer Gegend, die ihm nichts sagte. Und dass sie ihm nichts sagte genoss er ruhig, entspannt und konzentriert – man könnte sagen: er inhalierte es.

Früher war er hier oft auf Hannes getroffen. Als das Ziegelwerk noch in Betrieb war, hatte der alte Johann (die Leute im Dorf nannten ihn schon immer Hannes) hier als Nachtwächter in einem der Wohnwägen gewohnt. Der Wagen stand immer noch da, war aber Ruine geworden wie auch das Ziegelwerk, obgleich Ruine das falsche Wort war. Man hätte sehr wohl…Aber es wollte niemand.
Nachts kamen die aus der Halbwelt hier vorbei und wickelten ihre Geschäfte ab. Selbst die von der Polizei wussten das. Jeder wusste das.
Frank zündete sich eine Zigarette an. Sie schmeckte nicht. Er rauchte sie trotzdem.
Dachte an Hannes und seinen merkwürdigen Tod. Frank hatte ihn gefunden.

Zäh war er im Leben gewesen. Und zäh war er auch im Moment seines Todes. Der Kommissar aus der Bezirkshauptstadt hatte zu Frank gesagt, dass der Hannes vielleicht einen ganzen Tag in dem Kessel gehockt war. Die Spuren am Schloss haben bewiesen, dass er bis zum Ende gehofft hat. Bis zum Ende - und bis der letzte Sauerstoff verbraucht war.
Dass es bald darauf hieß, die Zigeuner waren es, hatte Frank nicht verwundert. Ein Schandfleck für die Stadt seien sie und jetzt noch ein Mord. Man hätte es ja schon immer gewusst.

Aber Frank wusste es besser. Auch wenn niemand ihm geglaubt hätte, selbst wenn er so verrückt gewesen wäre, die Geschichte irgendjemandem zu erzählen. Was er natürlich nie tun würde. So blöd war er nicht. Wenn da nur die Träume nicht wären, aus denen er jede Nacht schweißgebadet hochfuhr. Aber die würden vorbeigehen. Ganz sicher. Irgendwann. Mit leicht zitternden Händen griff Frank nach der Schnapsflasche und nahm einen langen Schluck.



Autorin Teil 1: Silentium

Autor Teil 2: Hamburger

Autor Teil 3: Tolya

Autorin: Teil 4: Charis

Autorin Teil 5: Khadija
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Re: Wiener Textwerkstatt - zum Ersten...

Beitragvon Flocke » 08.09.2005, 14:46

@Ham

Schon geändert, war mir über die Sitzreihenfolge nicht mehr ganz sicher... :-&

Dann saß Tolya neben dir, oder?

LG
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Re: Wiener Textwerkstatt - zum Ersten...

Beitragvon Hamburger » 08.09.2005, 14:50

Genau, Tolya saß neben mir und wurde mit einer "literarischen Meistervorlage" nach der nächsten beliefert. Mit der Zeit hat er auch nicht mehr so mit den Augen gerollt und sich an das Niveau meiner Vorlagen gewöhnt B-)
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Re: Wiener Textwerkstatt - zum Ersten...

Beitragvon charis » 08.09.2005, 15:20

Dass er bald darauf stieß, die Zigeuner waren es, hatte Frank nicht verwundert. Ein Schandfleck für die Stadt seien sie und jetzt noch ein Mord. Man hätte es ja schon immer gewusst.


Ähh, der erste satz müsste eigentlich lauten:
Dass es bald darauf hieß

:-D

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Re: Wiener Textwerkstatt - zum Ersten...

Beitragvon Hamburger » 08.09.2005, 15:41

Danke für den Hinweis, charis - die Stelle habe ich editiert. :-)


Wer übrigens schon immer mal wissen wollte wie ich wirklich bin und was bei meinen Familienbesuchen so daheim am Küchentisch abgeht, der ist bei der nächsten Geschichte genau richtig…

Als siebenundzwanzigjähriger Sohn meiner Eltern frage ich mich allerdings, wie muss das gewesen sein als meine Mutter mit gerade mal 5 Jahren schwanger wurde? 8-o 8-o




Jedes Mal, wenn ich mir das Vergnügen genehmige, meine Eltern zu besuchen, befällt mich bei der Ankunft in meiner Heimatstadt ein beklemmendes Gefühl. Es ist nicht so, dass ich mich nicht freute heim zu kommen, aber ich habe bei solchen Besuchen beständig das Gefühl, eine andere Welt zu besuchen. Gelsenkirchen, manch sportlich interessiertem Menschen nur in Verbindung mit dem Fussballclub Schalke 04 ein Begriff, ist ein unwirtlicher Ort. Die ausgefallenen Straßenbeleuchtungen der Randbezirke werden nicht mehr erneuert um Geld zu sparen, auf der Bahnhofstrasse reihen sich die paar verbliebenen Kaufhäuser an immer mehr Ramschläden und die beiden einzigen Kinos der Stadt kämpfen um ihre Existenz.

Ich bin dennoch sehr gerne hier. Das Marode hat mich schon immer angezogen. Und abgestoßen zugleich. Dieser Widerspruch passt zu meiner Unentschlossenheit, und diese Unentschlossenheit passt wieder sehr gut zu der Stadt, aus der ich herstamme. Möglich, dass man immer Kind seiner Umgebung bleibt. Meine Eltern besuchend, werde ich auf das Kindsein immer wieder sehr deutlich zurückgeworfen. Ja, etwas wirft mich zurück, ich bin mein eigener Ball, werde in den Händen meiner Eltern gehalten, geworfen, gefangen.

Mama hat unentschlossene Hände. Das Leben hat ihre Fingerkuppen rissig gemacht. Wenn ich in der Küche sitze und am Tee nippe, den sie mir hingestellt hat, so streichen sie unentwegt über die Plastikflächen des Küchenkastens, das Fell des Katers, die Nähte ihrer Jeans. Irgendwann ruht eine Hand auf der Schulter ihrer anderen Körperhälfte, Schutz suchend, dort, wo kein Halt zu finden ist. Wie hätte sie mich jemals auffangen können…

Als ich sie jetzt so ansah, hatte ich plötzlich Lust sie anzuschreien. Ich wusste nicht wieso, aber am liebsten hätte ich ihr mit der Faust ins Gesicht geschlagen, in dieses abgenutzte, müde Gesicht, das alt aussah, obwohl Mama doch erst 32 war.
„Hat irgendjemand auf deine Bewerbungen geantwortet?“, fragte sie, obwohl sie genau wusste, dass niemand geantwortet hatte, obwohl sie wusste, dass ich wusste, dass meine Post mich nie unkontrolliert erreicht. Trotzdem hielt sie an dieser rituellen Frage fest, wollte auf `Nein` ihren üblichen Vortrag beginnen, dass es so nicht weiter gehen könne, blablabla. Ich ertrug schon die Vorstellung daran nicht. Statt einer Antwort nahm ich meine Teetasse und schmiss sie an die Wand, zwei Zentimeter neben Mamas Kopf.
Sie sah mich ungläubig an, dann kreischte sie los. Ihre schrille Stimme tat meinen Ohren weh. Ich wollte nur noch, dass sie den Mund hält.

Schweigen, sie sollte schweigen. Ich stolperte auf die Füße. Ich bin größer als sie und sie verstummte als ich auf sie zuging. Sie sah mich an und ihre Augen weiteten sich.
„Lass die Finger von meiner Post.“ Meine Stimme hörte sich merkwürdig an. „Lass mich in Ruhe.“ Ich setzte dabei kunstvoll jedes Wort ab.
Ich bin größer als sie, von unten hat sie Angst. Sie sieht mich an, ich warte auf die Tränen-Tour, bis sie schreit: „Du bist genau wie dein Vater!!!“, und ich schlage mit der flachen Hand in ihr Gesicht und ich stehe, bleibe stehen als sie rückwärts gegen den Schrank taumelt und aus dem Zimmer läuft.




Autor Teil 1: Hamburger

Autor Teil 2: Tolya

Autorin Teil 3: Charis – Kenntnisstand: „Teil 1: Ort: Gelsenkirchen“ + kompletter Teil 2

Autorin Teil 4: Khadija – Kenntnisstand: „Teil 1: Ort: Gelsenkirchen“, „Teil 2: Ich-Charakter“ + kompletter Teil 3

Autorin Teil 5: Edekire – Kenntnisstand: „„Teil 1: Ort: Gelsenkirchen“, „Teil 2: Ich-Charakter“, „Teil 3: Mama“ + kompletter Teil 4
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Re: Wiener Textwerkstatt - zum Ersten...

Beitragvon Flocke » 08.09.2005, 16:36

So, hier wäre dann noch die zweite, in meinem Besitz befindliche...


Die Glocken des Stephansdoms schlugen 11 Uhr. Auf dem Platz flirrte die Hitze des Sommertages. Neben einigen hastig vorbeieilenden Einheimischen reckte eine japanische Reisegruppe synchron ihre Köpfe in den stahlblauen Himmel über dem Kirchenschiff. Die Tauben umlagerten die angrenzenden Cafés auf der Suche nach übrig gebliebenen Krümeln und ließen sich auch von den vorbeiziehenden Fiakern nicht vertreiben. Vor dem Seitenschiff stand eine lange bunte Schlange von Touristen, die auf Einlass in den Kühle versprechenden Kirchenbau warteten.

Ein junger Mann, schwarze Brille und schwarze, zerzauste Haare lief, sichtlich nervös, zwischen den Reihen wartender Touristen auf und ab. Er trug ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift: „Ich bin Gott“, aber niemand, der es sah, hätte es verstanden, denn es war in altem Hebräisch abgefasst. Vielleicht hätte man ihn an seinem merkwürdigen Akzent erkannt, aber er murmelte so leise vor sich hin, dass niemand ihm wirklich Beachtung schenkte – fast niemand.

Eine junge Frau zündete eine Kerze an, blies sie wieder aus, zündete sie erneut an. Sie ähnelte ihm – dunkelhaarig, bleich, dunkle Brille. Sie beobachtete ihn, fing seinen Blick auf, lächelte spöttisch und hob eine Hand zum Gruß. Sie trug eine bedruckte Bluse. Was alle anderen für ein hübsches, exotisches Muster hielten, erkannte er als aztekische Bildschrift.
„Übersetze es mir.“, sagte er.
„Gott ist eine Frau.“
Sie lachten beide, weil sie es besser wussten. Eine dünne Narbe lief von ihrer Stirn über den Nasenrücken, das Kinn und den Hals bis unter den Blusenkragen.

„Stimmt“, sagte er spöttisch, „Gott hat sich geirrt, als sie den Mann schuf.“
Sie nickte und musste an ihren Vater denken, einen dicklichen, großen Kerl, der diese Anspielung nie so richtig verstanden hatte. Als sie 14 war, sie erinnerte sich noch wie heute, hatten sie einmal einen der seltenen Familienausflüge gemacht. Sie waren über den Rummel gelaufen, ihr Vater hatte sich widerwillig dazu breitschlagen lassen, ihnen ein paar spärliche Mandeln und etwas Popcorn zu kaufen und ansonsten grüblerisch die vielen Farben und Szenerien des Rummels auf sich wirken lassen. Plötzlich hatte er aufgemerkt, seine Hände waren hervorgeschossen und hatten sich um ihr großes Gesicht gelegt. Er hatte sie angeschaut und gefragt:
„Was wünschst du dir, mein Kleines, was wünschst du dir von ganzem Herzen?“
Da hatte sie ihn fest angeblickt und gesagt:
„Ich wünschte mir, Gott hätte sich geirrt, als sie den Mann schuf.“
Er hatte sie ruhig und sachlich angeschaut und gesagt: „Also keine weiteren Familienausflüge...“

Ein alter Herr trat zu den beiden, las deren Aufdrucke und lächelte. „Früher, da hieß es noch: Gott ist tot...“ Und lachte süßlich dazu. „Übrigens, ihr seid ein schönes Paar...“
„Na, danke.“, sagte die junge Frau und verzog das Gesicht zu einem schiefen Lächeln.
„Na, bitte.“, sagte der junge Mann. Und sein Lächeln wirkte schon viel echter.
„Hier habe ich geheiratet, vor diesem Altar.“, sagte der alte Mann. Das war natürlich schlichtweg gelogen. Aber vielleicht glaubten ihm die beiden... und Glauben, der war ja so wichtig geworden.


Autor Teil 1: Sandro

Autor Teil 2: Dirk

Autorin Teil 3: Silentium – Kenntnisstand: Teil 1: Ort: Stephansdom + kompletter Teil 2

Autor Teil 4: Hamburger – Kenntnisstand: „Teil 1: Ort: Stephansdom, Teil 2: ein junger Mann mit schwarzem T-Shirt, auf dem steht "Ich bin Gott" + kompletter Teil 3

Autor Teil 5: Tolya – Kenntnisstand: Teil 1: Ort: Stephansdom, Teil 2: ein junger Mann mit schwarzem T-Shirt, auf dem steht "Ich bin Gott", Teil 3: junge Frau mit Bluse, auf der steht "Gott ist eine Frau." + kompletter Teil 4


Viel Spaß!
Flocke
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Re: Wiener Textwerkstatt - zum Ersten...

Beitragvon Hamburger » 08.09.2005, 19:01


So, hier wäre dann noch die zweite, in meinem Besitz befindliche...


Habe festgestellt, dass ich auch keine mehr Geschichte habe. Bin gespannt, wer die anderen Vier hat...
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Re: Wiener Textwerkstatt - zum Ersten...

Beitragvon [) i r k » 14.09.2005, 22:32

Okay, hier die nächste Story:

Der Pianomann

1.
Links am Wegrand erhob sich Sandstein, ausgewaschene, angegraute Brocken in fast postmodernen künstlerischen Formen. Fingerhut und Brennnesseln wucherten in den Gräben an den Seiten und Brombeeren, wild und schwarz. Hinter einer Biegung erschienen zwei Garagen, in denen Sperrmüll langsam vor sich hinfaulte. Hinter einem Gartenzaun, der auch schon mal bessere Zeiten gesehen hatte, kam das alte Wirtshaus in Sicht, an dessen Front nur noch die Buchstaben "-öhe" zu lesen waren (ursp. "Viktorshöhe"). Alle Scheiben waren zerschlagen, die Eingangstür wurde von einer alten Couch versperrt. In einem Bungalow am Waldrand dahinter stand ein altes Piano, bei dem fünf Tasten noch funktionierten.

2.
Auf diesen fünf Tasten spielte der Mann seit sechzig, siebzig Jahren. Er aß nicht, er trank nicht, er schlief nicht. Spinnweben spannten sich zwischen seinen Ohren und seinen Schultern, seine Augen waren milchweiß, die Wangen eingefallen. Er saß vor dem Klavier und bewegte die Hände ruckartig über die Tasten. Die Melodie bestand aus sechs Noten.

3.
Ab und zu kam ein Freund des alten Mannes zu Besuch. Er besaß einen Schlüssel für seine Wohnung und immer, wenn er die Wohnungstür aufsperrte, erfreute sich an Chopin, Mozart, Bach und vielem Weiterem, was der alte Mann zu spielen in der Lage war. Manchmal erging es dem Freund sogar so, dass er nach solchen Besuchen tagelang daheim die Klänge des Klaviers vermisste. Er selbst vermochte ein bisschen zu spielen, konnte natürlich auch aus seiner reichhaltigen Sammlung verschiedenste Klavierstücke auswählen, aber dies alles war kein Ersatz für den Zauber, den der alte Mann zu entfachen vermochte. Solche Phasen der Sehnsucht häuften sich in der letzten Zeit und seine Besuche erfolgten in immer kürzeren Abständen.

4.
Die alte Frau, die den Klavierspieler versorgte, war krank geworden, musste für Wochen zur Kur. Der Freund erklärte sich zur Versorgung des Spielers bereit. Der Spieler aber zeigte merkwürdige Allüren. Er verlangte, beim Spielen gefüttert zu werden. Er verlangte, dass der Freund die Bettschüssel, in der der Klavierspieler seine Notdurft verrichtete, ausleerte. Er verlangte, beim Spielen von Chopin gewaschen zu werden – der Einfachheit halber hatte er begonnen, sich nackt auf den Schemel zu setzen. Seine Spielsucht war wirklich phänomenal.
"Wann willst du einmal auftreten?", fragte der Freund. "Wann hast du das letzte Mal vor Publikum gespielt?"
Er wusste sehr wenig über die Zeit, bevor der alte Mann klavierspielsüchtig geworden war.
Der alte Mann antwortete bestenfalls mit Musik.
"Spielst du eigentlich auch, wenn du schläfst?", fragte er weiter und hoffte doch schon längst nicht mehr auf eine Antwort.
"Finde es heraus!", sagte der Klavierspieler.

5.
Und so verabschiedete sich der Freund nicht von ihm, als der Abend kam, sondern legte noch zwei, drei Scheite in den Ofen. Im Lampenschein sah er den alten Mann am anderen Ende des Klaviers sitzen und dazwischen verwandelte sich die Bewegung der Saiten in ein Schubertlied.
Viel später schreckte der Freund hoch. Als er merkte, dass die Augen des alten Mannes geschlossen waren, trat er um den Flügel herum. Und er sah, dass die "Kleine Nachtmusik" nicht der Alte spielte, sondern, dass es das Klavier selbst war, dessen Tasten den Händen des schlafenden Mannes Musik entlockten.

Teil 1 by [) i r k
Teil 2 by Silentium
Teil 3 by Hamburger
Teil 4 by Tolya Glaukos
Teil 5 by Charis
"du trittst da fast in die fußstapfen des unseligen dr goebbels und seiner zensur und verdammungsmaschine." (Ralfchen)

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Re: Wiener Textwerkstatt - zum Ersten...

Beitragvon Edekire » 15.09.2005, 20:28

so hier kommt endlich acuh mal der Text den ich angefangen habe...
weiter geht es mit Flock, dann Sandro, dann Dirk und dann die Stille




Die Latten verlaufen Parallel. Sie sind leicht durchgebogen, manchmal quietschen sie. Das Licht ist dämmrig, die Vorhänge sind zugezogen, das ist von hier nicht zu sehen, aber auch der grünliche Farbton beweißt es. Grüne Vorhänge. Es ist zu warm, die Decke liegt zusammengeknüllt am Fußende. Sie ist weiß, gewesen, durch den Bezug schimmert ein Karomuster.
Die junge Frau auf dem Bett wirft sich unruhig hin und her. Der leise brummende Ventilator an der Decke schafft keine Luftzug.
Ein erneutes Quietschen der Latten lässt sie schließlich aus ihrem Schlaf hochfahren. Verwirrt schaut sie sich im grünen Dämmer des Raumes um, der unstete Blick bemerkt die zerknüllte Decke, herumliegende, hastig ausgezogene Kleidung, benutze Gläser auf dem Tisch
Dann fällt ihr Blick auf die andere Bettseite. Unter der Decke lugt ein schwarzer Haarschopf und eine kräftige Schulter hervor. Wo um alles in der Welt war sie, und wem gehörte dieser Haarschopf? Da ihr ihr Bettnachbar den Rücken zuwendete und sie aus den regelmäßigen Atemzügen schloss, dass er fest schlief, stand sie ganz leise auf und schlich auf Zehenspitzen auf die andere Seite des Bettes. Da lag er!
Um seine Lippen spielte ein feines Lächeln. Er schien gerade in angenehmen Träumen zu schwelgen. Seine behaarte Brust hob und senkt sich im takt seiner Atemzüge. Eigentlich, so dachte sie, strahlte er etwas friedliches aus, so wie da lag und schlief.
Wer war dieser Mann? Die Erinnerung an den vergangenen Abend schien ihr vollkommen abhanden gekommen zu sein, so sehr sie auch ihr Hirn zermarterte.
Plötzlich knatterte draußen auf der Straße ein Moped los, so laut, dass die Scheiben klirrten. Und der Mann, der fremde Mann in ihrem Bett, saß kerzengerade im Bett und blickte sie an.
Ihr war schwindelig, sie wollte raus aus diesem Zimmer, sie wollte aufwachen, sie wollte, dass dieser Kerl aus ihrem Bett verschwindet. Aber sie träumte nicht und ihre Füße bewegten sich auch eine Millimeter von der Stelle. Sie schauten ihn an und er schaute sie an, lächelte, streckte sich. Und dann brach er den Bann und sagte: „Guten Morgen, Liebes...“
Sie stand wie angewurzelt, wie vom Schlag getroffen. Seine Stimme – seine Stimme löste tausende Bilder in ihr aus. Er sagte: „Wo willst du hin?.. Komm doch mal zurück ins Bett.“ Und beim Klang dieser Worte erinnerte sie sich wieder an den vergangenen Abend.
„Es war schlechte Idee“, sagte sie.
Er zog eine Augenbraue hoch: „Was? Der Sex?“
„Ja.“
„Das Wettkampftrinken auch?“
„Ja!“
„Und das graffitisprayen an die Wände vom Polizeipräsidium?“
„JA!“
„Aber die Straßenschlacht war doch ganz nett, oder?“
„Nein! Nein! Nein!“
Er überlegte kurz ob er nach den zwei Leichen in der Küche fragen sollte.
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
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Khadija
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Re: Wiener Textwerkstatt - zum Ersten...

Beitragvon Khadija » 19.09.2005, 17:24

Die Sonne fällt auf einen leeren Tisch im Cafe Schönblick. Zwei Fliegen streiten sich um einen Marmeladefleck auf der Tischdecke. Im Aschenbecher glühen noch Zigarettenstummel, aber es sind keine Gäste mehr da. Am Tresen lehnt ein Kellner und wippt im Takt zur Musik, die aus dem Radio dröhnt. Das Popgedudel kontrastiert mit der rustikalen Einrichtung des Cafes. Die Tische sehen aus, als hätten schon Generationen ihre Schienbeine daran blau geschlagen. Über einem offenen Kamin hängen Geweihe. Eine Katze liegt am Balkon in der Sonne.

Die Treppe herab kommt ein Junge, etwa neun Jahre alt. Der Kellner grüßt ihn, ruft ihn Lars. Er nickt nur, setzt sich zu der Katze in die Sonne. Seine Finger kraulen sie hinter den Ohren, die Augen sind genießerisch geschlossen. Lars lächelt, als sie schnurrt. Sein Gesicht ist viel heller jetzt. Als erneut Schritte die Treppe herunter kommen, sieht er jedoch alarmiert auf. Die Katze bewegt eins ihrer Ohren, Lars sieht sich um, der Kellner sieht in Richtung Treppe. Als er anfängt den Tresen mit einem Lappen zu wischen, läuft Lars los. Das Radio bleibt im Hintergrund.

Die Katze folgt ihm nach, streicht ihm um die Beine, möchte weiter gekrault werden. Aber Lars hat es plötzlich eilig, Maria wird bestimmt schon am Strand auf ihn warten. Heute wollen sie versuchen, eine besonders große Sandburg zu bauen. Lars hat dafür extra seine neue Schaufel mitgenommen. Als er jedoch ans Meer kommt, ist Maria nicht zu sehen. Der Strandkorb, in dem sie mit ihren Eltern immer sitzt, ist verlassen.

„Blöde Katze“, denkt er. „Hätte ich das Vieh nicht so lange gestreichelt, wäre Maria bestimmt noch da!“ Er tritt mit dem Fuß gegen einen Sandhaufen. Sein großer Zeh meldet den darunter verborgenen Stein schmerzhaft an das Gehirn. „Schhh- -eibenkleister!“ Den einen Fuß in beide Hände gepackt, mit dem anderen mühsam versuchend das Gleichgewicht zu halten, hopst Lars über den Strand. „Machst du Turnübungen?“ fragt ihn eine Stimme hinter seinem Rücken. Er dreht sich um. Die Stimme gehört zu einem jungen Mädchen mit kakelbuntem Bikini und tiefblauen Augen. Aber dafür hat Lars gerade keinen Blick. „Ah, Maria“, jammert er, „du bist schuld!“ „Wieso? Woran denn?“ „Na an meinem Fuß... Ah, das tut so weh!“

Lars schaut auf. Da steht sie und schaut ihm direkt ins Gehirn. Der Schmerz löst sich in Nichts auf. Sie ist da. Er ist da. Das Meer ist da. Kleine Kinder essen Eis, Mütter schieben Kinderwagen vor sich her, Möwen kreischen, ein Schiff läuft in den Hafen ein – und irgendwo liegt eine überfahrene Katze auf der Straße und die Sonne scheint ihr auf den blutigen Pelz.

1.Absatz: Khadija
2.Absatz: Edekire
3.Absatz: Flocke
4.Absatz: Sandro
5.Absatz: Dirk
...words strain,
Crack and sometimes break, under the burden,
Under the tension, slip, slide, perish,
Decay with imprecision, will not stay in place,
Will not stay still.

Glaukos
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Re: Wiener Textwerkstatt - zum Ersten...

Beitragvon Glaukos » 10.10.2005, 00:12

Hallo Flocke,

mhm ... also wenn ich hier schon namentlich aufgeführt werde, möchte ich doch, dass wenigstens meine Schreibweise verwendet wird ;-)
Das sieht nämlich so aus:



Ein alter Herr trat zu den beiden, las deren Aufdrucke und lächelte. „Früher, da hieß es noch: Gott ist tot ...“ Und lachte süßlich dazu. „Übrigens, ihr seid ein schönes Paar ...“
„Na, danke“, sagte die junge Frau und verzog das Gesicht zu einem schiefen Lächeln.
„Na, bitte“, sagte der junge Mann. Und sein Lächeln wirkte schon viel echter.
„Hier habe ich geheiratet, vor diesem Altar“, sagte der alte Mann. Das war natürlich schlichtweg gelogen. Aber vielleicht glaubten ihm die beiden ... und Glauben, der war ja so wichtig geworden.


Will sagen, vor Punkt-Punkt-Punkt kommt eigentlich eine Leerzeile, und am Ende einer direkten Rede, die in einen Prosasatz eingeknüpft ist und mit einem Komma endet, wir der Satz in den Anführungszeichen nicht mit Interpunktion geschlossen ...


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