Schlüsselkind

In diesem Forum kann sich jeder mit seinem Text der Kritik des Publikums stellen. Selbstverständlich auf eigene Gefahr ...
Patina
Prometheus
Beiträge: 354
Registriert: 17.09.2003, 19:31

Schlüsselkind

Beitragvon Patina » 11.12.2005, 20:19

Die Haustür stand offen. Markus nahm zwei Treppen aufeinmal in den ersten Stock. Er stapfte den Schnee von den Schuhen. Steckte den Schlüssel ins Schloß und öffnete die Tür. Er warf seine Jacke auf den Boden, stellte seine Schuhe neben die alten Stiefel der Mutter und ging in die Küche. Er fand ein paar Zigarettenstummel im Aschenbecher. Es roch leicht nach abgestandenem Rauch. Auf dem Tischchen thronten zwei Mandarinen. Darunter ein beschriebenes Blatt mit Mutters Handschrift:
„Lieber Markus, vergiß bitte nicht, die Mandarinen zu essen. Sie sind jetzt wichtig, weil du so erkältet bist. Grüße und Küsse von Mama“

Markus öffnete die Kühlschranktür, nahm sich einen Lebkuchen, biß kräftig hinein und tapste kauend ins Schlafzimmer der Mutter. Die Schokoladenkrümmel verstreute er hinter sich. Er holte sich die Leiter, stellte sie vor den Schlafzimmerschrank und stieg hoch. Schon zu seinem Geburtstag im August hatte die Mutter die Geschenke dort oben aufbewahrt. Warum auch nicht die Weihnachtsgeschenke? Die meisten Geschenke kannte er sowieso schon, da die Mutter sie mit ihm gemeinsam letztes Wochenende gekauft hatte. Aber da lag etwas, was er schon von unten gesehen hatte. Er nahm die Pappschachtel. Darin war eine Spielzeugente, die nach Gebrauchsanweisung alles mögliche konnte. Aber das Beste war, sie qaukte, wenn man ihr den Hals herumdrehte.

Markus wollte gerade die Ente aus der Halterung zerren, als das Telefon klingelte. Schnell wie der Wind stieg Markus die Leiter hinunter, als schon der Anrufbeantworter ertönte: “Hallo, Markus und Anna sind nicht...“
Markus griff schnell zum Hörer und tippte auf das Hörersymbol.
„Markus, bist du schon daheim?“
„Ja, Musik ist ausgefallen.“
„Hast du deine Mandarinen schon gegessen?“
„Nee, aber einen Lebkuchen.“
„Iß die Mandarinen!“
„Ja ja, ist ja gut Mama, aber ich hab ein Geheimnis.“
„Hast du eine Freundin?“
„Ohh, Mama, nö, ganz falsch!“
Die Mutter überlegte kurz:
„Hast du dir wieder diese blöden YuGiOhh-Karten von deinem Taschengeld gekauft?“
Die Mutter sah vor ihrem inneren Auge, wie sich das Gesicht von Markus verschmitzt verzog. Er war ein kleiner frecher, aber cleverer Teufel.
„Nö Mama, das bleibt mein Geheimnis. So, ich muß jetzt lernen. Tschüß Mama!“
Die Mutter starrte den Hörer an. Markus hatte tatsächlich aufgelegt. Dieses kleine Würstchen würde ihr noch ganz schön auf der Nase herumtanzen, wenn es älter würde. So frech mit 11 Jahren. Die Mutter schüttelte den Kopf.

Markus war die Lust vergangen, seine Weihnachtsgeschenke im voraus auszupacken. Er setzte sich in sein Zimmer und paukte Englischvokabeln. Schließlich war er ein ehrgeiziges kleines Bürschchen. Er wollte seine Mutter mit einer „Eins“ überraschen.

Als die Mutter nach Hause kam, paukte Markus immer noch. Das erste, was die Mutter sah, waren die Schokoladenkrümmelspuren ins Schlafzimmer. Sie folgte der Spur und begann zu lachen.

„Markus! Markus, wo bist du?“ Er stürzte mit leicht rotem Kopf aus seinem Zimmer.
„Sag mal, Markus, was suchst du in meinem Schlafzimmer?“
Er drehte die Augen leicht schuldbewußt nach oben. Die Mutter lächelte verschmitzt. Das Gesicht von Markus entspannte sich ein wenig, war aber immer noch mißtrauisch.
„Meinst du ich habe sowas in meiner Kindheit nicht gemacht? Meine Mutter versteckte die Weihnachtsgeschenke in jenem Winter im Schlafzimmerschrank. Sie war eines Abends weg und ich fand die Marionette, die ich mir so gewünscht hatte. Ich spielte mit ihr und legte sie zurück in die Schachtel. An Weihnachten war ich enttäuscht, da ich all meinem Geschenke schon kannte.“

Markus strahlte nun. Er hatte mit seiner Mutter etwas gemeinsames gefunden. Er entwischte schnell in die Küche und ließ die ungeschälte Mandarinen in seinen Hosentaschen entschwinden.

Edekire
Pegasos
Beiträge: 1100
Registriert: 10.02.2004, 21:55
Wohnort: berlin

Re: Schlüsselkind

Beitragvon Edekire » 16.12.2005, 22:13

Hallo Patina,

Mir gefällt der Text ziemlich gut. Ich finde er lebt sehr von dem Charme des Jungen, der auch überzeugend wirkt. Man nimmt ihn dir ab.

ein paar sachen finde ich nicht so toll:
Schließlich war er ein ehrgeiziges kleines Bürschchen.


Das geht daraus hervor, das er von selber lernt und die Mutter mit einer 1 überaschen will, daher eine überflüssige erklärung

Als die Mutter nach Hause kam, paukte Markus immer noch


DA es eine eher objektive Beschreibung ist würde ich eher "lernen" sagen. Pauken ist einfach ein etwas negative wertung, die nicht so rect damit zusammn passt, das der Junge das von selber macht. Ausserdem vermeidet es die Wortwiederholung zum vorgehenden Absatz.

Markus strahlte nun. Er hatte mit seiner Mutter etwas gemeinsames gefunden. Er entwischte schnell in die Küche und ließ die ungeschälte Mandarinen in seinen Hosentaschen entschwinden.


Der Letzte Satz ist toll. Der Satz dafor kommt mir ebenfalls zu erklärend vor. Vielleicht wenn du einfach das "gefunden" streichst. Dann klingt es natürlicher, auch wenn es Erklärend bleibt.

DAs ist auch schon, was ich zu sagen habe.

Schön :-)

Lg

Frl. Ede
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
sarah kane

Patina
Prometheus
Beiträge: 354
Registriert: 17.09.2003, 19:31

Re: Schlüsselkind

Beitragvon Patina » 19.12.2005, 14:01

Hi Ede,
habs nochmal überarbeitet. Der Perspektivwechsel ist jetzt auch draußen. So klingts glaub besser.
Danke!


Die Haustür stand offen. Markus nahm zwei Treppen aufeinmal in den ersten Stock. Er stapfte den Schnee von den Schuhen. Steckte den Schlüssel ins Schloß und öffnete die Tür. Er warf seine Jacke auf den Boden, stellte seine Schuhe neben die alten Stiefel der Mutter und ging in die Küche. Dort fand Markus ein paar Zigarettenstummel im Aschenbecher. Es roch leicht nach abgestandenem Rauch. Auf dem Tischchen thronten zwei Mandarinen. Darunter ein beschriebenes Blatt mit Mutters Handschrift:
„Lieber Markus, vergiß bitte nicht, die Mandarinen zu essen. Sie sind jetzt wichtig, weil du so erkältet bist. Grüße und Küsse von Mama“

Markus nahm sich einen Lebkuchen, biß kräftig hinein und tapste kauend ins Schlafzimmer der Mutter. Die Schokoladenkrümmel verstreute er hinter sich. Er holte sich die Leiter, stellte sie vor den Schlafzimmerschrank und stieg hoch. Schon zu seinem Geburtstag im August hatte die Mutter die Geschenke dort oben aufbewahrt. Warum auch nicht die Weihnachtsgeschenke? Die meisten Geschenke kannte er sowieso schon, da die Mutter sie mit ihm gemeinsam letztes Wochenende gekauft hatte. Aber da lag etwas, was er schon von unten gesehen hatte. Er nahm die Pappschachtel. Darin war eine Spielzeugente, die nach Gebrauchsanweisung alles mögliche konnte. Aber das Beste war, sie qaukte, wenn man ihr den Hals herumdrehte.

Markus wollte gerade die Ente aus der Halterung zerren, als das Telefon klingelte. Schnell stieg Markus die Leiter hinunter, als schon der Anrufbeantworter ertönte: “Hallo, Markus und Anna sind nicht...“
Markus griff schnell zum Hörer und tippte auf das Hörersymbol.
„Markus, bist du schon daheim?“
„Ja, Musik ist ausgefallen.“
„Hast du deine Mandarinen schon gegessen?“
„Nee, aber einen Lebkuchen.“
„Iß die Mandarinen!“
„Ja ja, ist ja gut Mama, aber ich hab ein Geheimnis.“
„Hast du eine Freundin?“
„Ohh, Mama, nö, ganz falsch!“
Die Mutter überlegte kurz:
„Hast du dir wieder diese blöden YuGiOhh-Karten von deinem Taschengeld gekauft?“
Markus lächelte verschmitzt. Die Mutter war völlig auf dem Holzweg. Markus legte auf.

Markus war die Lust vergangen, seine Weihnachtsgeschenke im Voraus auszupacken. Er setzte sich in sein Zimmer und paukte Englischvokabeln. Er wollte seine Mutter mit einer „Eins“ überraschen.

Als die Mutter nach Hause kam, lernte Markus immer noch. Das erste, was die Mutter sah, waren die Schokoladenkrümmel, die ins Schlafzimmer führten. Sie folgte der Spur und begann zu lachen.

„Markus! Markus, wo bist du?“ Er stürzte mit rotem Kopf aus seinem Zimmer.
„Sag mal, Markus, was suchst du in meinem Schlafzimmer?“
Er drehte die Augen leicht schuldbewußt nach oben. Die Mutter lächelte ironisch. Das Gesicht von Markus entspannte sich ein wenig, war aber immer noch mißtrauisch.
„Meinst du ich habe sowas in meiner Kindheit nicht gemacht? Meine Mutter versteckte die Weihnachtsgeschenke in jenem Winter im Schlafzimmerschrank. Sie war eines Abends weg und ich fand die Marionette, die ich mir so gewünscht hatte. Ich spielte mit ihr und legte sie zurück in die Schachtel. An Weihnachten war ich enttäuscht, da ich all meinem Geschenke schon kannte.“

Markus strahlte nun. Er hatte mit seiner Mutter etwas Gemeinsames gefunden. Er entwischte schnell in die Küche und ließ die ungeschälten Mandarinen in seinen Hosentaschen entschwinden.


Zurück zu „Texte“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste