Die Firma oder Tretminenexplosionen in Ägypten
Eine Sie schreibt ...
Claudia liegt mit einer schweren Grippe in einem breiten Bett in einem Hotelzimmer irgendwo in Ägypten. Neben sich ein Glas Rotwein. Sie schlägt ein leeres Buch auf und schreibt.
Ein langer Flug mit ausgehalfterten Stewardessen, die sich zu Begleitern auf Langstreckenflügen hochgedient haben, liegt hinter ihr. Bei manchen Stewardessen waren sogar die Namensschilder schon unlesbar, so lange fliegen die schon für die gleiche Fluggesellschaft. Die ersten Falten im Gesicht, rundliche Formen am Körper, die sich unter den blauen Uniformen abzeichnen.
Claudia steht auf und holt sich noch ein Glas Rotwein, schaut sich im Hotelzimmerspiegel an, findet sich schrecklich mit der roten Nase und den Flecken auf dem Hals und legt sich schnell wieder hin. Der Kopf ist noch so matt. Sie wollte das Schreiben noch hinausschieben. Aber der Drang war stärker.
Eingecheckt im Hotel ist Claudia mit ihrem Partner unter der Bezeichnung Manager und Designerin. In dieser künstlich funkelnden Hotelhalle, die allem den Hohn entgegenschreit. Denn warum steht in einem islamischen Land ein Christbaum? Hier werden die europäischen Touristen angeflogen, um dem Alltag von zu Hause zu entfliehen. Und was finden Sie? Doch wieder Ihregleichen. Man fährt vom Flughafen eine Stunde lang durch die Wüste, die einer großen Müllhalde gleicht. Nicht fertig gebaute Betongerippe strecken ihre grauen Pfeiler in den Himmel. 100 % Trostlosigkeit auf der Strecke bis man an die Pforte des Paradies gelangt. Ein künstlicher Steinhaufen mit einem ebenso künstlichen Wasserfall lädt ein zum Rechtsabbiegen. Sanfte Lagunen eingebettet in postmoderne Bullaugenarchitektur prangen inmitten der Wüste.
Claudia putzt sich die Nase. Das zehnte naßgeschneutzte Papiertaschentuch landet neben dem Bett. Die ägyptische Putzkolonne wird es schon wegräumen. Schließlich haben die Männer fünf Euro Trinkgeld bekommen. Vielleicht reicht das ja in Ägypten für die halbe Anzahlung auf eine Eigentumswohnung direkt gegenüber dem Flughafen.
Die Empfangshalle der Firma in Deutschland
Betritt man das mittelgroße Gebäude, ist es zunächst eng. Der große Spiegel soll die Enge verzerren. Steigt man die Stufen empor, hat ein Großgewachsener Angst, sich den Kopf anzuschlagen. Schließlich steht man in dem großen Raum. Und man meint, man sei in einer Disko gelandet. Weißer Marmor, schwarze Lederpolster, designte Aschenbecher, die Theke schwungvoll aufgebauscht. Auf Metallfüßen ruht ein Buch. Helmut Newton in der großen Sonderausgabe. Schwarz-weiß-Fotos riesig im Überformat. Heute am 350. Tag des Jahres ist eine Seite aufgeschlagen, die ein Siliconbusenwunder zeigt. Männer finden das geil. Claudia nicht. Sie poppelt in der Nase und hofft, daß da oben endlich mal Ende der Veranstaltung ist.
Die Empfangssekräterin putzt ihre Zähne mit Colgate Sensation White, um das Nikotin, das sie allstündlich in sich hineinstopft, zu übertünchen. Jeden Tag trägt sie ein andere Outfit. Im Sommer Miniröcke, im Winter Fellstiefel. KIK Textildiscount machts möglich. Ihr Smart ist geleast und eigentlich schaut sie gar nicht so glücklich, denn wenn einer der Angestellten eine Briefmarke von ihr will, reagiert sie mit einem Sauertopfgesicht und vertröstet denjenigen auf später. Schließlich hätte sie jetzt gerade zu viel zu tun. Aber wer hat das nicht in der Firma, viel zu tun? Aber sie, die Sekräterin ist etwas Besonderes. Schließlich hat sie sich von der kleinen Tippse auf dem Gericht in eine schicke Werbeagentur hochgedient. Den schlechten Hauptschulabschluß sieht jetzt keiner mehr. Außerdem kann sie um 17.30 Uhr gehen. Das kann keiner in der Firma außer ihr.
Claudia zieht sich eine Schlafbrille ins Gesicht, um weitere Tretminenexplosionen in der Nase zu vermeiden.
Die Firma Greiner und Partner gibt es seit 20 Jahren. 20 Jahre Schweinebauchwerbung. Das sind die Prospekte, die ungesehen im Müll landen. Die von Aldi, Lidl, Woolworth, Möbel Hofmeister, usw. Vor 10 Jahren wurde die Firma in der Branche noch belächelt. Heute lecken sich hochrenommierte Exklusivagenturen die Finger nach den Etats der Firma. Das konnte keiner vorhersehen. Die wirtschaftlich schlechte Lage hat einen Verdrängungswettbewerb in Gang gesetzt.
Die Firma hat drei Chefs. Alles Männer. Frauen haben in der Chefetage von größeren Agenturen nichts zu suchen.
Chef Nr. 1 fährt einen Jaguar. Schwarz nicht britisch green. Claudia hätte den Klassiker vorgezogen. Aber wenn der Chef meint? Chef Nr. 1 hat einen kleinen Schmerbauch, raucht nicht, trinkt keinen Alkohol. Zum Mittag ißt er geschälte Shrimps in Pfeffersauce, um sich die Finger nicht schmutzig zu machen. Tritt er auf Angestellte beim Mittagessen im Restaurant, gibt er ihnnen einen Prosecco aus. Danach hofft er auf ein Dankesküsschen. Das macht er immer so, da seine Ehe schlecht läuft. Chef Nr. 1 ist eine richtige Schwatzbacke. Wenn er von früheren dummen Angestellten spricht, erwähnt er sie namentlich. Man muß also auf der Hut sein, was man ihm erzählt. Chef Nr. 1 spielt Golf. Wenn ihm die Tage zu lang in der Agentur werden, reist er schon mal nach Kapstadt, um dort zu versuchen, kleine Bälle in kleine Löcher zu treffen.
Der Manger war joggen. Claudia nicht, sie ist zu krank. Claudia fragt sich, wo der drei quadratkilometer große Hotelkomplex am 24. Dezember seinen Müll hinstreut. Wahrscheinlich in die Wüste. Die Beduinen freuen sich dann, ein paar Schalen von ausgebeinten Shrimps zu finden. Fröhliche Weihnachten. In der Kneipe tönen englische Weihnachtslieder für die englischen, deutschen und holländischen Touristen. Ob Ägypter das hören möchten?
Claudia klaut Klopapier auf der öffentlichen Toilette des Hotels, da das Zimmer nicht gemacht wurde. Scheißen und Pissen ist schließlich auch essentiell.
Claudia beschließt, kleine Virenbomben auf den Joggingpfad rund ums Hotel zu legen. Heute morgen waren da noch ganz viele unterwegs. Morgen vielleicht nicht mehr. Grippetretminenfallen.
Chef Nr. 2 ist Tscheche. Wenn er durch die Agentur rennt, ziehen alle den Kopf ein, so laut poltert er. Auf Weihnachtsfeiern gönnt er sich als Nichtraucher ausnahmsweise eine dicke Havanna, legt dann den Arm um blonde ehemalige Ostblockmädels und erzählt, wie er sich nach seiner ersten Zigarre, die eigentlich eine Zigarette hätte sein sollen, in der alten Zinkwanne erbrach. Die Ostblockmädels blöken dann die Zähne, so daß man nur noch das Zahnfleisch sieht und lächeln gequält.
Chef Nr. 3 ist der Hit. Alle stehen auf ihn. Vielleicht auch deswegen, da er schon ausgetreten ist und in der Toskana seinen Ruhestand feiert. Streckt er dann trotzdem dünn hochgewachsen mit langen grauen Haaren, Lederjacke und Cowboystiefeln bekleidet seinen Kopf in die Agentur, rennen alle um 11.00 Uhr morgens durch das Haus, um ihm ein Glas Weißwein zu kredenzen. Wenns dann ein Württemberger ist, rümpft er die Nase. Seine Frau ist eine dieser dünnen Mitfünfzigerinnen, die rauchen und platinblondgefärbte Haare haben. Man hätte ihm doch etwas mit einem Quäntchen mehr Grips gewünscht. Abgetackerte Blondinen in dem Alter können nichts gutes verheißen. Aber auf Weihnachtspartys tanzt er noch mit dem kleinen Wrack. Vielleicht steht er ja auf Nullgripsblondinen. Wahrscheinlich hat sie dem ehemaligen Schönling drei Kinder geschenkt und hat sich danach das Fett absaugen lassen. Geld war genug vorhanden. Grund genug, eine Zigarette nach der anderen zu rauchen.
Claudia niest mal wieder eine ihrer Tretminenexplosionen.
Weihnachtsessen mit dem Manager.
Während sie das drittklassige Essen hineinwürgen - die Shrimps sind verkocht und die Gänseleberpastete schmeckt wie Fensterkitt - schreiben sie ihre SMS in den Äther, da sie sich nichts zu sagen haben. Claudia schreibt eine SMS an eine Kollegin bei Greiner, daß sie krank sei. Kurz darauf erfolgt die Antwort. Ohje, du Arme, du hast die Greiner-Grippe. Ein Teil ist schon dahingeschieden, der Rest liegt im Krankenhaus. Claudia wundert sich ein wenig. War sie nicht auf dem Weg zur Besserung?
Die Angestellten der Firma sind die fleißigen Ameisen. Sie halten den Betrieb mit ihren Überstunden am Laufen.
Es gibt drei Klassen von Menschen in der Firma. Da sind die männlichen Jungen, die Cappys und Arschhängerhosen tragen. Die hören dann den ganzen Tag am Bildschirm Techno. Die Frauen der Generation tragen bauchrei und sind so fett, daß man das Präsentierte eigentlich nicht sehen möchte.
Die zweite Klasse sind die Dicken Kinderlosen. Die treffen sich jeden Mittag in der Kantine, machen sich Broccoli und Kartoffeln ohne Sauce warm und wundern sich, daß sie immer noch dick sind. Die unterhalten sich dann untereinander in Babysprache, da sie mit 40 immer noch keine Kinder haben.
Die dritte Klasse sind die mit Kindern. Die stehen mittags und alle Stunde vor der Tür und rauchen ein. Vor Zigaretten und Kinderstreß sind die ganz dünn. Zu ihren Kindern sagen sie: Vermehre dich nicht, verhalte dich still und genieß dein Erbe. Claudia gehört dieser Kaste an.
Claudia löscht das Licht. Genug geschrieben. Im Halbschlaf überlegt sie kurz, was sie jetzt anfangen wird, nun da kaum einer mehr in der Firma ist.
Die ersten Sonnenstrahlen kitzeln Claudia. Sie steht auf. Siehe da, der schwere Kopf ist weg. Sie duscht, steigt in leichte Klamotten und zieht ihre Joggingschuhe an. Kurz verweilt sie an der Bettseite des Managers. Er röchelt schwer. Im Gesicht hat er schwarze Beulen. Das muß noch nichts heißen. Claudia zuckt mit den Achseln. Draußen vor der Tür herrscht gähnende Leere. Schnellen Fußes rennt Claudia in die Halle. Der Christbaum blinkt nicht. Keine dunkelhäutigen Ägypter an den Tresen. Keine dummen Touristen. Claudia geht durch die Eingangstür. Keine Uniformierten. Niemand kontrolliert sie, ob sie eine Bombe im Gepäck mitsichträgt. Sie läuft sowieso ohne Gepäck. Schließlich will sie joggen. Endlich wieder rennen. Der Krankheit entfliegen. Gespenstische Stille herrscht auf dem Joggingtrail. Dabei war er doch so betriebsam, als sie noch im Bett lag. Sie ist allein auf der Strecke. Der Wind trägt sie von hinten. Und sie rennt und rennt. Immer weiter. Passiert das Tor zum vermeintlichen Paradies. Vorbei an dem künstlichen Wasserfall, den künstlichen Steinen. Die ersten Müllhalden bauen sich schon in der Wüste auf. Müll des 3 quadratkilometer großen Hotelkomplexes. Die Schweinegedärme stinken vor sich hin im Morgenlicht. Halbe Rinderkadaver scheinen sich zu sonnen. Und so viel Klopapier. Man könnte weinen. Claudia rennt weiter, sie hat jetzt den richtigen Drive. Die Krankheit ist überwunden. Sie hofft darauf, in der Wüste auf eine Spur zu treffen. Auf Spuren von geschälten Shrimps, die sie schließlich zu einem Beduinenstamm führen.
ENDE
Die Firma oder Tretminenexplosionen in Ägypten
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