Dezemberimpressionen

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ernstblumenstein
Sphinx
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Dezemberimpressionen

Beitragvon ernstblumenstein » 25.11.2011, 12:46

Einleitung. Diesen Text habe ich damals so empfunden. Irgendwie war Sehnsucht nach meiner Kindheit, die ich auf dem Land verbrachte, darin enthalten. Trotz dem ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwung in der Stadt, von dem auch ich profitierte, beschlich mich schon damals eine kritische Einstellung zum Konsumverhalten.

Neuschnee war gefallen, Kinder schlittelten an den spärlich verschneiten Hängen und Züge erhielten Verspätungen. Pakethaufen in den Poststellen, bitte erst am Weihnachtstag öffnen. Zehnder mochte die Strassenbahnen nicht, die lärmend durch die Stadt fuhren, um den Menschenstrom, der sich jeden Morgen aus dem düsteren Bahnhof ergoss, aufzunehmen. All diese verdriesslichen Gesichter, ausgenommen sonntags. Früh am morgen die Arbeiter, Rollkragenpullover, Lederjacken, es roch nach Tabak und nach Bier. Müde Gesichtszüge, im allgemeinen schlecht rasiert, dunkle, dem Winter angepasste Kleider. Später dann Angestellte, Beamte, Sekretärinnen und Studenten, Aktentaschen, Krawatten, Zeitungen und Parfumdüfte. Auch hier belangloses Geplauder, hinter den Masken dieselben müden Gesichter. Zehnder war seit Jahren verheiratet, seine Ehe kinderlos geblieben. Er holte am Morgen die Zeitung, bevor er zur Arbeit fuhr.

Es war Adventszeit, Menschen belagerten Schaufenster, stellten Geschenkbudgets auf, um sie alsbald wieder zu verwerfen oder zu ändern. Sie belagerten selbst abends noch Geschäfte. War es der Wohlstand, der die Menschen, die an ihm vorbei eilten, kälter erscheinen liess? Zehnder liebte es, abends kurz durch die Stadt zu gehen, ziellos würde man sagen.
Auf diesen Stadtgängen war er in der Lage, mit klarem Kopf auch über sogenannte Neben-sächlichkeiten nach zudenken. Zehnder spürte, dass sich die Menschen in dieser Stadt veränderten. Auch Städte ändern sich, nein alles ändert sich, dachte er und bog in eine dunkle Seitengasse ein. Kalte Nachtluft schlug ihm ins Gesicht. Es gab hier nur wenige Auslagen, auch weniger Passanten und das war gut so. Er fühlte sich wieder besser und die Einsamkeit, die ihm mitten auf den belebten Trottoirs der Bahnhofstrasse entgegen schlug, dieses beklemmende Gefühl, verlor er hier in dieser Gasse. Ein älteres Ehepaar ging an ihm vorbei, hochgestellte Kragen verbargen ihre Gesichter. Er hörte Worte wie „wir werden ihn zur Vernunft bringen, schliesslich“... Zehnder setzte seinen Weg fort, erreichte den Platz, wo sich die Seitengasse wieder zur Verkehrsader ausbreitete und nach rechts abbog. Lärm brandete auf, grelle Lichter der sich jagenden Autos zuckten an Fassaden und Balkonen hoch.

Adventszeit, und überall Geschenksideen. Man schenkt aus Liebe, aus Zuneigung oder wie du mir, so ich dir, kurzum, man schenkt vielleicht, um beschenkt zu werden. Zehnder musste an die Weihnachtsgeschichte denken, die ihm seine Mutter in seiner Jugendzeit jeweils vorgelesen hatte. Das waren schöne Stunden gewesen, jene Stunden damals zwischen sechs und sieben Uhr abends. Weihnachtszeit, irgendwo brannten im zweiten Stock auf einem Fenster-sims Kerzen, drei vielleicht oder vier. Zehnder betrachtete deren Flackern, das wahrscheinlich Adventsstimmung in die dahinter liegende Stube ver-breitete. Es müssen dort ältere Menschen leben, dachte er. Im Wohnblock läge ein schmales Treppenhaus, versehen mit einem dunklen Holzgeländer. Ein Läufer liefe von Stockwerk zu Stockwerk und es würde nach Bodenwichse riechen. Blankgeputzte Messingstäbe würden den Läufer festhalten und der Hausmeister müsste des öfteren nachsehen, ob all die Stäbe auch überall richtig in den Halterungen lägen.

Zum Glück gibt’s noch solche Treppenhäuser, dachte er, verborgene und ruhige Menschen auch, die die Sinnlichkeit noch pflegen. Was an der grossen Glocke hängt, ist Oberflächlichkeit und vor allem Effekthascherei schlechthin. Zehnder liebte es, abends durch die Stadt zu gehen, ziellos würde man sagen.

Zürich 1967

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