Migrantin I, II

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Pentzw
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Migrantin I, II

Beitragvon Pentzw » 01.11.2017, 22:49

ZEITUNGSÜBERSCHRIFT AUS DER ZÜRICHER NEUEN NACHRICHTEN

VIETNAMESEN LASSEN SICH SEHR GUT IN DIE GESELLSCHAFT INTEGRIEREN

Sie träumte etwas, wachte auf, träumte wieder, wachte wieder auf, verfiel erneut dem Schlaf und wälzte sich hin und her.
Warum schläft sie nur so unruhig?
Weil sie sich in einem fremden Bett befand? Nächtigte. Ja, tat sie so etwas, dann trat die Ruhe einer Nacht nicht ein. Dabei kannte sie als Buddistin so etwas kaum: Nervosität: Wo immer sie sich befand, gelang es ihr doch mittels Bewusstseinsanstrengung sich in einem Zustand der Indolenz und nach außen Starre zu versetzen.
Alle Fenster des Schlafzimmers waren mit Vorhängen bespannt. Die flachen Schrägfenster mit blauen Tüchern belegt, so dass eine abgedunkelte Atmosphäre entstand, die eine gewisse Intimität und Zurückgezogenheit zuließen. Es war tagsüber niemals hell, richtig hell und licht. Die Vorhänge waren in die Spalte zwischen Rahmen und Fenster geklemmt. Man konnte also das Fenster nicht aufmachen, ohne die Tücher sich lösten und herunterfielen und dann Umstände machten, sie wieder zwischenrein zu klemmen.
Dieser Raum war durchgehend in Düsternis gehalten.

„Ich habe Sicherheit“, sagt sie, oder: „Ich bin versichert“, womit sie meint, ihr Mann würde geradestehen, wenn sie arbeitslos würde, so dass sie also nicht hungern müsse. Deswegen trennt sie sich nicht von ihrem Mann.
Okay, aber jetzt, sonntagsnachmittags, traut sie sich nicht auf die Straße.
„Nicht wegen der Deutschen. Wegen der Vietnamesen.“ Ihren Landsleuten. „Ich würde mich schämen.“ Wenn sie sie sähen, nicht mit ihrem Mann, sondern mit ihrem Freund.
„Du schämst Dich, wenn Du mit mir unterwegs bist?“ „Ja!“ „Sie wissen doch nicht, dass ich nicht Dein Mann bin.“ „Nein, hier in dieser Stadt nicht, aber sie würden mich fragen. Und dann? Dann sage ich die Wahrheit.“ „Ja, ich bin Dein Lehrer. Hast du schon einmal gesagt.“ „Ja. Aber meine Leute wissen dann Bescheid. Sie sind nicht dumm. Sie werden die Wahrheit merken.“ „Ja.“
Es wäre nicht zu erklären, dass sie sich ihrem Mann gegenüber entfremdet hat nach 8 Jahren Ehe, wovon 4 gut gewesen sind. Was konnte sie dafür, dass er nur noch rauchte, trank und sich weigerte, sich zu waschen, so dass er anfing zu stinken. Sie ist seine Frau, so war sie angetreten, nicht seine Krankenschwester. Wie sehr sie es gemocht hätte, ihnen zu waschen, sie vollbrachte nicht, es ging einfach nicht, sie schaffte es nicht. Damit war alles vorbei, nur noch die Fassade einer Ehe wurde aufrechterhalten, was dahinter sich abspielte musste vor den anderen, die den gleichen Weg begingen, verborgen bleiben und verheimlicht werden: Sie stünde da als Gescheiterte, Betrügerin und Versagerin! Diese Schande, neben eines einsamen Lebens neben ihrem Gatten und der Wunde, nichts tun zu können an ihren Umständen und Schicksal, konnte sie nicht auch noch ertragen.
Und also wegen der Sicherheit konnte sie zum Beispiel sonntags nicht gemeinsam mit ihrem Freund über den Marktplatz gehen, wann die Sonne herunterschien. Sie hielten sich stattdessen in dieser düsteren, lichtarmen Wohnung ihrer übers Wochenende verreisten Tochter auf.
Schönes Leben in Sicherheit!
Aber stimmt schon. Hungern würde sie niemals müssen. Das war all das wert, dieses Versteckspielen.
Und ihr beider Blick fiel durch den Vorhangspalt auf die nach dem Regen und den Sonnenstrahlen jetzt rot, gelb und blau leuchtenden Pflastersteine. Alte Straßen, worüber lustig und traurig und mürrisch und beschämt meist in Familien Einheimische zum Wochenmarkt liefen und trotteten.

Sie starrten wieder an die leeren Wände der Küche, die funktional eingerichtet war mit Spül-, Waschmaschine, Abzugshaube. Fehlte hier nicht etwas? Farbe, Buntheit, Verspieltheit und Freude.
„Ich weiß, ich habe schon gesagt. Aber sie will an den Wänden keine Bilder hinhängen.“
„Gefallen Ihr keine Farbe, keine Flächen, Figuren und...“
„Doch. Aber sie weiß nicht, wie lange sie hier wohnen wird. Nach der Ausbildung – was dann? Und sie ist eine Frau.“
Komisches Argument. Welche Frau kann nicht malen, tapezieren, wenn sie will?
„Und Freunde?“
„Sie hat keine.“
Sein Blick erhaschte neben dem Kühlschrank auf dem Boden einen Stock, der mit einer Vorrichtung mannshoch bis zum aufgesetzten Kühlfach reichte, worauf Fotos geklebt, die die Inhaberin der Wohnung lächelnd in die Kamera schauend und blinzelnd aufgefangen hatten.
Sie stand vor den verschiedenen Sehenswürdigkeiten, auf Brücken, die auf Flüsse verwiesen oder vor Berge, hinter denen gerade die Sonne unterging und lachte froh und glücklich.
Wie nett. Ein frohgemutes junges Mädchen im Urlaub.
Sein Blick fiel wieder auf den Stecken neben dem Kühlschrank. Die raffinierte Vorrichtung darauf war Leichtmetall. Allmählich ging ihm die Bedeutung dieser auf: man konnte darauf eine Kamera, ein Web-Cam oder derartiges leichtes Gerät verschrauben.
Nun veränderte sich die Ausstrahlung der Fotos auf dem Kühlschrank-Tür: alles Selfies.

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Pentzw
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Migrantin II

Beitragvon Pentzw » 09.01.2018, 21:02

Tschechien

Die Nutten traten sich die Füße platt in einer Reihe an einer etwas abseitigen Straße aufgestellt, nicht auf der großen Durchgangs- und Hauptstraße gen Osten, aber jeder wusste, wo und jeder, jeder wurde dorthin gewiesen, wenn er nach irgendetwas, selbst einer Bank, fragte, weil die Einheimischen nur ihren Dialekt sonst vielleicht noch Russisch verstanden, was sich auf dem absteigenden Ast befand und automatisch davon ausgegangen wurde, Fremde suchten nach ihm, jenem Ort, wo sich selbst ehrbare Hausfrauen, deren Männer das Glück hatten, einen LkW-Fahrer-Job ergattert zu haben, nicht zu schade waren, sich feilzubieten.

Aber die Frau, von der ich spreche, stand nicht dort. Sie hätte keine Chance gehabt gegenüber den Einheimischen, die an der großen Durchgangs- und Hauptstraße gen Osten prälierten, promenierten und defilierten.
Sie war als Verkäuferin nach Europa gekommen, von Vietnam aus, zwei junge Kinder bei der Familie zurücklassend. Ihre Familie, ihr Clan, ihre Dynastie war stark, zuverlässlich und verzweigt, als höchstes Gut und Gebot, Abfangjäger, Trapez und Doppelter Boden. Dieses starke Netzwerk und Seilschaft, hatte es ihr ermöglicht, eine zweite Existenz aufzubauen. Gerade nachdem ihr nicht geliebter, liebloser Mann bei einem Mopedunfall ums Leben gekommen war: Es musste weitergehen, das Leben fortgesetzt werden, so oder so, natürlich materiell gut, abgesichert, soweit es ging und machbar. So kam sie nach Tschechien, kurz nach dem Riss im Eisernen Vorhang, dem Fall der Mauer und Scheitern des zweiten Deutschlands, aus Nordvietnam, wo einige aus kommunistischen Internationaler Solidarität des sich aufgelösten und der kapitalistischen Bundesrepublik angeschlossen hatten, übrig-, hängen- und nicht erliegen geblieben waren.
Zwar die Teile von Nord und Süd nach der Vertreibung der Amerikaner von den Kommunisten überrannt, vereinnahmt und beherrscht worden waren, aber immerhin sich vereint hatten. Nicht nur dies hatten diese beiden Teile getan, was Osten und Westen in Europa noch bevorstand, sondern den obsiegten Sozialismus längst überwunden, überschritten und absorbiert, so dass es nachgerade opportun war, entweder als Einzelhändler oder als in dieser Branche Beschäftigter weiterhin sein Glück selbst im entferntesten Winkel dieser Erde zu suchen und zu machen. Niemand sorgte sich um einem, außer die Familie, der Familienclan.
Unter vielen anderen Gleichen, vor allem weiblichen, die anfangs zu sechst in einem Zimmer mit Stockbetten hausten, kam sie in dieses Grenzland zwischen früherer Ostzone, Tschechien, ein neuer Staat, der Name drückte es bereits aus, gab es ihm doch vorher nicht. Tagsüber stand sie an windiger, breiter von Verkaufsbuden gesäumten Straßen, um billige Asia-Textilien-Produkte an Westlern zu verkaufen. Das Geld stimmte, trotz wirtloser, rauer Umstände und Bedingungen.
Zur Zerstreuung gingen sie hin und wieder, natürlich nur in Gruppen, abends in die Bars, Casinos, um sich die Welt anzuschauen. „Angel Dir einen reichen Westler, lass Dich ehelichen und hole Dir später deine zwei Töchter nach. Sie haben dort eine besser Zukunft.“ So hatte der verpönte Vater gesprochen, mit dem sie sich aber nach dem Tod der Mutter entschieden entzweite, da dieser seine Geliebte zur Ehefrau gemacht hatte. Warum hatte er seine Geliebte nur heiraten müssen, dumm von ihm, jetzt war die ganze Familie, alle gegen ihn. Kann man so eine Geliebte nicht Geliebte sein lassen, musste man dieses Verhältnis absegnen und legitimieren? Diese Schwiegermutter bedeutete den Verlust an Erbmasse für alle leiblichen Kinder:, wonach sie kein Wort mehr mit ihrem leiblichen Vater sprachen.

Viele reiche Westler machten große Augen und Hof nach allen Regeln der geschäftlichen Kunst, hechelten den seidenweißen Asiatinnen nach. In diesem Fall sollte es eine geschäftliche Übereinkunft einerseits, andererseits ein romantisches Umgarnen andererseits werden, dritterseits, man bedenke diese leichten Mädchen Tschechiens, vor allem Zigeunerinnen mit dunklerem Teint und obgleich die Asiatinnen blank-weiß waren, verstanden sie jedoch die europäische Umgangssprache nicht, womit sind den dunkleren Konkurentinnen im Hintertreffen waren – womit die Eifersucht und Konkurrenz ins Lebensspiel kam. Ihr selbst bedeutete Sex kaum etwas, so hatte sie hin und wieder mal eine vergnügliche Nacht mit gutem, reichlichem Essen und Sex, einmal sogar sehr guten Sex, als sie sich mit ihrer Freundin von zwei besonders protzigen Weißen hatte abschleppen lassen und zu viert im Bett gelandet waren, kunterbunt durcheinander, Menage à quatre...
Jener Mann war vernarrt in ihr, Übersäte sie mit Blumen, Aufmerksamkeiten, Nachrichten - mit ihren anderen Landsleuten lachte sie nur über seine besessene Art des Bemühens, Umgarnens, Umflittern. Er führte sie aus, trug sein Anfragen vor, sie wog es ab, wurde allmählich biegsam, weil der Mann so bedrängend war. Saßen sie zusammen an einer Theke, er spielte mit den Geldautomaten, dann überkam sie Ruhe, während sie ungestört in das Treiben des jonglierenden Barkeepers versunken war.
Erwachen!
Schwarze, dunkel-geschminkte Augen und ein rabenschwarzen, teuren, asymmetrischen Kurzhaarschnitt. Der Ausschnitt stand großzügig offen. Die klebrig-patzig-geschminkten Lippen, geradeheraus, schamlos-direkt wirkten herausfordernd, anmachend, erschütternd notgeile Typen aus dem Westen. Diese scharlachroten Münder, inmitten dieser stets zu einem verzerrten lüsternen Grinsen geöffneten Gesichter und die fuchtelnden knochigen Hände mit Zeichen und Gesten, die Massage und Ähnliches auf den Hotelzimmern anboten, machten sie nervös. Dadurch begann ihr Blick auf ihn sich zu wandeln.
Eifersucht?
Vor sich selbst sagte sie sich, sie kenne keine. Doch dieses Getränkespendieren, wo er doch ständig unter Geldnot leitet, wie er oft beklagt, würden ihn den Ruin bringen – sie beginnt, sich für Verantwortung zu empfinden, die Erzieherin in ihr erwacht und sie macht ihn Vorschriften, Vorschläge, wie er besser mit seinem Geld haushalten könne, formuliert Einschränkungen und Restrinktionen, die sich gewaschen haben und ihn zum Lächeln animieren. Er fühlt sich ernst genommen, wahrgenommen von einer Person, endlich die ersehnte Wende in seinem leeren Leben – na also, es kann losgehen!


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