Die Migrantin I, II, III, IV,V,VI,VII

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Pentzw
Hippokrene
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Die Migrantin I, II, III, IV,V,VI,VII

Beitragvon Pentzw » 01.11.2017, 22:49

„VIETNAMESEN LASSEN SICH SEHR GUT IN DIE GESELLSCHAFT INTEGRIEREN“ - ZEITUNGSÜBERSCHRIFT AUS DER ZÜRICHER NEUEN NACHRICHTEN


Sie träumte etwas, wachte auf, träumte wieder, wachte wieder auf, verfiel erneut dem Schlaf und wälzte sich hin und her.
Warum schläft sie nur so unruhig?
Weil sie in einem fremden Bett nächtigte? Ja, befand sie sich in einem fremden nBett, dann trat die Ruhe einer Nacht nicht ein. Dabei kannte sie als Buddhistin so etwas kaum: Nervosität: Wo immer sie sich befand, gelang es ihr mittels Bewusstseinsanstrengung sich in einem Zustand der Indolenz und äußeren Gleichgültigkeit (Starre) zu versetzen.
Alle Fenster des Schlafzimmers waren mit Vorhängen, vor den flachen Schrägfenster blaue Tücher bespannt, so dass eine abgedunkelte Atmosphäre entstand, die eine gewisse Intimität und Zurückgezogenheit zuließen. Es war tagsüber niemals hell, richtig hell und licht hierdrinnen. Der Stoff war in die Spalte zwischen Rahmen und Glas geklemmt. Man konnte also das Fenster nicht aufmachen, ohne die Tücher sich lösten und herunterfielen und dann Umstände machten, sie wieder zwischenrein zu klemmen.
Dieser Raum war durchgehend und zwangsweise in Düsternis gehalten.

„Ich bin versichert“, sagt sie, meint, sie habe Sicherheit, die darin besteht, dass ihr Mann würde geradestehen, sobald sie arbeitslos würde, so dass sie also nicht hungern müsse. Deswegen trennt sie sich nicht von ihrem Mann.
Okay, aber jetzt, sonntags nachmittags, traut sie sich nicht auf die Straße.
„Nicht wegen der Deutschen. Wegen der Vietnamesen.“ Ihren Landsleuten. „Ich würde mich schämen.“ Wenn sie sie sähen, nicht mit ihrem Mann, sondern mit ihrem Freund.
„Du schämst Dich, wenn Du mit mir unterwegs bist?“ „Ja!“ „Sie wissen doch nicht, dass ich nicht Dein Mann bin.“ „Nein, hier in dieser Stadt nicht, aber sie würden mich fragen. Und dann? Dann sagte ich die Wahrheit.“ „Ja, ich bin Dein Lehrer. Hast du schon einmal gesagt.“ „Ja. Aber meine Leute wissen dann Bescheid. Sie sind nicht dumm. Sie werden die Wahrheit merken.“ „Ja.“
Es wäre nicht zu erklären, dass sie sich ihrem Mann gegenüber entfremdet hat nach 8 Jahren Ehe, wovon 4 gut gewesen sind. Was konnte sie dafür, dass er nur noch rauchte, trank und sich weigerte, sich zu waschen, so dass er anfing zu stinken.
Okay, sie weiß wie alles anfing, wo der Zeitpunkt ist, der Schritt, der Stolperschritt ihres Scheiterns.
Sie ist seine Frau, ja, so war sie angetreten, aber nicht seine Krankenschwester. Klar, sie wusste, letztere Rolle gehörte auch zu einer funktionierenden Ehe.
Wie sehr sie es gewollt hätte, ihn zu waschen und zu pflegen, sie vollbrachte es aber nicht, es ging einfach nicht, sie schaffte es nicht. Sie hatte es versucht! Er hatte sich aber gewehrt, sei kein Kind, sie wusste, diese Widerspenstigkeit ist letztlich nur ein Spiel, aufrecht durch das schmachvolle Tal der Hilflosigkeit zu schreiten, hätte sich durchsetzen müssen, durchgreifen, aber...
Damit war ihre Ehe gescheitert, das Ende der Ehe erreicht, alles vorbei, nur noch die Fassade einer legalen wurde aufrechterhalten, was dahinter sich abspielte, musste vor den anderen, die den gleichen Weg begingen, verborgen bleiben und verheimlicht werden: Sie stünde da als Gescheiterte, Betrügerin und Versagerin! Diese Schande, zu dem einsamen Lebens neben ihrem Gatten und dazu die immerfort schwärende Wunde, nichts tun zu können an ihren Umständen und Schicksal, konnte sie nicht auch noch ertragen.
Und also wegen der Sicherheit konnte sie zum Beispiel sonntags nicht gemeinsam mit ihrem Freund über den Marktplatz gehen, wann die Sonne herunterschien. Sie hielten sich stattdessen in dieser düsteren, lichtarmen Wohnung ihrer übers Wochenende verreisten Tochter auf.
Schönes Leben in Sicherheit!
Aber stimmt schon. Hungern würde sie niemals müssen. Das war all das wert, dieses Versteckspielen.
Und ihr beider Blick fiel durch den Vorhangspalt auf die nach dem Regen und den Sonnenstrahlen jetzt rot, gelb und blau leuchtenden Pflastersteine. Alte Straßen, worüber lustig und traurig und mürrisch und beschämt meist in Familien Einheimische zum Wochenmarkt liefen und trotteten.

Sie starrten wieder an die leeren Wände der Küche, die funktional eingerichtet war mit Spül-, Waschmaschine, Abzugshaube. Fehlte hier nicht etwas? Farbe, Buntheit, Verspieltheit und Freude.
„Ich weiß, ich habe schon gesagt. Aber sie will an den Wänden keine Bilder hinhängen.“
„Gefallen Ihr keine Farbe, keine Flächen, Figuren und...“
„Doch. Aber sie weiß nicht, wie lange sie hier wohnen wird. Nach der Ausbildung – was dann? Und sie ist eine Frau.“
Komisches Argument. Welche Frau kann nicht malen, tapezieren, wenn sie will? Zumal diese Mädchen eine Ausbildung als technische Zeichnerin machte. Gehörte zur abstrakten Auffassung von Raum, Maß und Ecken nicht auch ein einigermaßen gutes Verständnis von den Gegebenheiten und welcher Lehrer hierfür wäre besser als Erfahrung?
„Und Freunde?“
„Sie hat keine.“
Bilder von einem jungen Mädchen, das lachend und blinzelnd in die Kamera schaute, hingen an der hohen Kühltruhe-Tür. Hinter dem Mädchen sah man das Meer, wie sie sich leger auf die Balustrade einer Vorrichtung lehnte. Oder über ihr erstreckten sich der hohe Turm einer imposanten Kathedrale. Einmal saß sie auf den Armen einer großen Plastik von einer Frau mit großer Schürzen umhängt und einem Füllhorn von Obst in einem Korb, den sie um sich gehängt trug. Es musste das Mädchen sein, die Besitzerin und Inhaberin dieser Wohnung.
Wer aber hatte alle diese Fotos gemacht, worauf dieses glückliche Wesen abgelichtet war?
Sein Blick erhaschte auf dem Boden neben dem Eisschrank einen Stock, der mit einer Vorrichtung mannshoch bis zum aufgesetzten Kühlfach reichte, worauf diese Fotos geklebt waren.
Sie stand vor den verschiedenen Sehenswürdigkeiten, auf Brücken, die auf Flüsse verwiesen oder vor Berge, hinter denen gerade die Sonne unterging und lachte froh und heiter.
Wie nett. Ein frohgemutes junges Mädchen im Urlaub.
Sein Blick fiel wieder auf den Stecken neben dem Kühlschrank. Die raffinierte Vorrichtung darauf war Leichtmetall. Allmählich ging ihm die Bedeutung dieser auf: man konnte darauf eine Kamera, ein Web-Cam oder derartiges leichtes Gerät verschrauben.
Nun veränderte sich die Ausstrahlung der Fotos auf dem Kühlschrank-Tür: alles Selfies.

Pentzw
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Migrantin II

Beitragvon Pentzw » 09.01.2018, 21:02

Tschechien und die neue Ehe

Die Nutten traten sich die Füße platt in einer Reihe an einer etwas abseitigen Straße aufgestellt, nicht auf der großen Durchgangs- und Hauptstraße gen Osten, aber jeder wusste, wo und jeder, jeder wurde dorthin gewiesen, wenn er nach irgend etwas, selbst einer Bank oder Tankstelle, fragte. Man ging automatisch davon aus, daß ein Fremder nur deswegen sich hier in diesen abgelegen Ort verirrt haben könnte, ganz klar, Fremde suchten nach ihm, jenen Stellen, an denen sich selbst ehrbare Hausfrauen, deren Männer das Glück hatten, einen LkW-Fahrer-Job ergattert zu haben, nicht zu schade waren, sich feilzubieten. Sprachen sie von Bank, Tankstelle, konnte man als Einheimischer nur lächeln, weil man es besser wusste, derjenige war nur daran interessiert, vie solcher Stellen auf dem schnellsten Wege zum Ziel, einer Prostituierten, zu kommen. Also erklärte man ihm selbst gleiche den nächsten Weg. Für manchen Touristen mitunter schon ein peinliches Erwachen, wenn er plötzlich vor den Hundert Meter auf dem Bürgersteig aufgereihten Schönheiten stieß anstatt einer sachlichen Gebäudes zu zweckdienlichen Diensten errichtet.

Aber die Frau, von der ich spreche, stand nicht dort. Sie hätte keine Chance gehabt gegenüber den Einheimischen, die an der großen Durchgangs- und Hauptstraße gen Osten prälierten, promenierten und defilierten. Sie war als Verkäuferin nach Europa gekommen, von Vietnam aus, zwei junge Kinder bei der Familie zurücklassend. Ihre Familie, ihr Clan, ihre Dynastie war stark, zuverlässig und verzweigt, als höchstes Gut und Gebot, Abfangjäger, Trapez und Doppelter Boden. Dieses starke Netzwerk und diese Seilschaft, hatte es ihr ermöglicht, eine zweite Existenz aufzubauen. Gerade nachdem ihr nicht geliebter, liebloser Mann bei einem Mopedunfall ums Leben gekommen war: Es musste weitergehen, das Leben fortgesetzt werden, so oder so, natürlich materiell gut, abgesichert, soweit es ging und machbar war. Zumal sie zwei Kinder hatte.

So kam sie von Nordvietnam nach Tschechien, kurz nach dem endgültigen Riss im Eisernen Vorhang, dem Fall der Mauer und Scheitern des zweiten Deutschlands, wo bereits einige ihrer Landsleute im Zuge der kommunistischen Internationaler Solidarität gesiedelt und hängen geblieben waren. Sie fasste hier Fuß mit Hilfe von Landsmännern aus der ehemaligen DDR, die an Tschechien grenzte, und von wo man aus dort gute Geschäftsbuden und Textilien-Verkaufsstände unterhalten konnte: so schnell wieder abge- wie aufgebaut und was man brauchte, war nur die Möglichkeit, sich an den großen Einfallstraßen von Westen nach Osten zu etablieren und zu stellen, um seine Waren feilzubieten. Meist schlief man gleich in diesen Verschlägen.
Keiner von diesen früheren Vietnamesen wollte in sein früheres Heimat- und gleichzeitig Entwicklungsland zurück, allenfalls schaute man, von den neuen in die alten kapitalistischen Bundesländer Deutschlands zu flüchten, sich niederlassen und verstreuen zu können. Nein, mochte jetzt diese Heimat noch so sehr prosperieren, aber es würde trotzdem Generationen dauern, bis Osten und Westen sich nivelliert, angeglichen und auf gleicher Stufe gestellt hatten.
Ein Unterschied zu West- und Deutschland bestand schon. Zwar waren die Teile von Nord und Süd nach der Vertreibung der Amerikaner von den Kommunisten überrannt, vereinnahmt und beherrscht worden, aber immerhin hatten sich vereint. Nicht nur hatten diese das getan, was Osten und Westen in Europa noch bevorstand, sondern den obsiegten Sozialismus längst überwunden, überschritten und absorbiert. Trotz dieses Sozialismus blühte die Einzelwirtschaft und wenn nicht so wie gewünscht, setzte man alle Hebel in Bewegung, um als Einzelhändler oder als in einer dieser Branche Beschäftigter sein Glück im entferntesten Winkel dieser Erde zu suchen und zu machen.
Familienunternehmen waren sowieso die Präferenz schlechthin in diesen Kulturkreis.
Niemand sorgte sich letztlich um einem, kein Staat, keine Familie, außer die Familie, der Familienclan.

Unter vielen anderen Gleichen, vor allem weiblichen, die anfangs zu sechst in einem Zimmer mit Stockbetten hausten, kam sie in dieses Grenzland zwischen früherer Ost- und Westzone, Tschechien, ein neuer Staat, der Name drückte es bereits aus, gab es ihn doch vorher nicht. Tagsüber stand sie an windiger, breiter von Verkaufsbuden gesäumten Straßen, um billige Asia-Textilia-Produkte an Westler zu verkaufen und zu verscherbeln, die wohlbeleibt und mit ihren komfortablen PKWs hier vorbeipromenierten.
Zur Zerstreuung gingen sie hin und wieder, natürlich nur in Gruppen, abends in die Bars, Casinos, um sich die Welt anzuschauen. „Angel Dir einen reichen Westler, lass Dich ehelichen und hole Dir später deine zwei Töchter nach. Sie haben dort eine besser Zukunft. So hatte der verpönte Vater gesprochen, mit dem sie sich aber nach dem Tod der Mutter entschieden entzweite, da dieser seine Geliebte zur Ehefrau gemacht hatte. Warum hatte er seine Geliebte nur heiraten müssen, dumm von ihm, jetzt war die ganze Familie, alle gegen ihn. Kann man so eine Geliebte nicht Geliebte sein lassen, musste man dieses Verhältnis absegnen und legitimieren? Diese Schwiegermutter bedeutete den Verlust an Erbmasse für alle leiblichen Kinder, so dass sie kein Wort mehr mit ihrem leiblichen Vater sprachen.

*

Viele reiche Westler machten große Augen und Hof nach allen Regeln der galanten, vor allem aber geschäftlichen Kunst, hechelten den seidenweißen Asiatinnen nach wie ausgehungerte Hunde einem Knochen.
In ihrem Fall sollte es eine geschäftliche Übereinkunft einerseits, andererseits ein romantisches Umgarnen werden, zudem eine Reaktion auf Eifersucht, bedenke man diese leichten Mädchen Tschechiens, vor allem Zigeunerinnen mit dunklerem Teint und obgleich die Asiatinnen blank- und samten-weiß waren und eindeutig von den Weißen favorisiert wurden, wurden sie doch nicht so schnell in die Lage versetzt und bekamen die nötige Hilfestellung von ihnen, um zügig mit den europäischen Verkehrs- und Umgangssprachen vertraut zu werden, womit sie eklatant und unüberhörbar gegenüber den dunkleren Konkurrentinnen im Hintertreffen lagen – so dass ein treibender Druck ins Liebesspiel trat.
Ihr selbst bedeutete Sex kaum etwas, so hatte sie hin und wieder mal eine vergnügliche Nacht mit gutem, reichlichem Essen und Sex gehabt, einmal eine sogar sehr aufregende Orgie, als sie sich hatte mit ihrer Freundin von zwei besonders mit dicken glitzernden Rollex-Uhren protzenden Weißen abschleppen lassen und zu viert im Bett landeten, kunterbunt durcheinander, Menage à quatre... – man lebt nur einmal!
Noch war aber alles ein Spiel. Sie lachte viel mit ihren Landsleuten über die ein oder andre Art des Sich Bemühens dieser notgeilen Männer aus dem Westen.
Einer übersäte, überschüttete und überdeckte sie mit besonders viel Aufmerksamkeit, wo und wie es nur ging, mit liebevollen Nachrichten, Zettelchen an der Rezeption, beim Barkeeper oder auf dem Abtreter vor ihrer Tür, von SMS und hinterlassenen Nachrichten und langwährenden Ansprachen und Aufsprachen auf ihrer Sprachbox – bot viele Anlässe über diese besessene Art des Bemühens, Umgarnens, Umflittern zu lachen und zu prusten.
Dieser eine bombardierte sie nachgerade mit Präsenten. Wenn er sie ausführte, selbst wenn sie sich nur in einer Hotelbar verabredet hatten, versäumte er es niemals, mit einer kleine Aufmerksamkeit aufzuwarten, einen kleinen Blumenstrauß, eine Tafel Schokolade, eine kleine Phantasiefigur auf einem Zahnstocher. Er lud sie ein, ließ sich natürlich auch nicht nehmen, die Zeche zu bezahlen und versäumt nicht, immer drängender seine Anfragen vorzutragen, die sie bedächtig abwog, unmerklich wurde sie allmählich biegsam und zuglänglicher, erschien der Mann doch so bedrängend und vielversprechend. Doch in diesem Fall lässt sie sich nicht so schnell über den Tisch ziehen hinsichtlich einer schnellen Nummer, oder wie das doch so ähnlich heißt im Deutschen, ahnt sie, dass sich hier der Einsatz und die Geduld lohnt.
Allmählich wurde es sogar romantisch, zu romantisch gar. Saßen sie zusammen an einer Theke, er spielte am Geldautomaten, dann überkam sie Ruhe, während sie ungestört in das mit dem Chrom-Becher jonglierenden Treibens des Barkeepers versunken war. Mit den Augen einer Dorfpomeranze gesehen versprachen das Glitzern des Cocktail-Chrombechers eine glänzende Zukunft, in der sie schon mit einem Bein stand: die große weite Welt genau vor sich.
Erwachen!
Vorsicht! Vorsicht! Vorsicht!
„Da kommt ja dein Galan!“, sagt ihre Freundin, hinter vorgehaltener Hand so stark kichernd, als müsste sie sich übergeben. „Aber er ist wirklich ein schickes Exemplar!“ Galant rutscht sie vom Barhocker und wegzueilen, um die Arena freizumachen für die nächste Runde.
Wahrscheinlich, dass die dies heute die wichtigste würde sein. Sie nahm sich zusammen, straffte den Rücken. Sie musste acht geben, da es um nichts geringeres als ihre Zukunft ging, sich den Prinzipien einer rechten Gesprächshaltung, so, wie sie es gelernt hat und ihr ihr Vater immer wieder eingebleut hat, zu unterwerfen: Überlege zweimal, bevor du antwortest und überlege das drittemal, ob du deine Antwort allgemein und unverbindlich wie möglich ausfallen lassen kannst.
Es übermächtigt sie Wohlgefallen, sowie er näher kommt, tatsächlich, hat sie allen Anlass, ihn mit vollem Liebe zu taxieren, wie eine Mutter ihr Kind, das liegt an ihrer Erziehung, Mensch, wie lange ist es schon her, wo sie auf ähnliche Art ihre Kinder gemustert hat, als sie ihnen das Anziehen beibrachte, überwachte und kontrollierte? Obwohl nur ein paar Monate, fühlen sie sich wie Jahre an.
Anzug, Hose, mit Bügelfalte – oho, er bügelt sogar sehr akkurat seine Hosen - und erst seine braunen, spitz-zulaufenden Halbschuhe, die glänzten wie Sonnenstrahlen auf dem Meer. In seiner Anzugtasche, wie die Krone eines Königs, steckte ein buntes Papier- oder Stofftüchen. Silvoll!
Oft half, bevor man antwortete und Zeit gewinnen wollte, die Worte des anderen mit anderen Worten zu wiederholen, der dann meist seine Aussage bestätigte und angehalten war, noch etwas zu ergänzen und weitere Worte anzufügen. Wie hieß es bei Tao Te King: „Viele Worte, manch Verlust. Am besten, man behält sie in der Brust!“
Dann das Parfüm! Man richt zwar das beizende Rasierwasser durch, aber das Parfüm ist betörend, ein dezenter Geruch, vielleicht auch benutzt er eine Creme. – andererseits, auch wenn er noch so nach Rasierwasser gerochen hätte, hätte es sie nicht gestört, sie liebt starke Gerüche.
Er ist sich etwas wert, das kann man erkennen, obwohl er ein bisschen nach Bier riecht, aber das gehört wohl dazu. Er setzt sich zu ihr auf den Barhocker, ohne nicht vorher formal-höflich „Guten Abend“ gegrüßt zu haben, obwohl sie schon zigmal miteinander geplaudert haben, aber er wahrt immer noch die Distanz, ist nicht zu plump vertraulich, ihr scheint überhaupt, daß sie es letztlich ist, die die markanten Schritte zu mehr Vertraulichkeit macht, sie den Takt ihrer Beziehung angibt, er wirkt nachgerade schüchtern und ist zurückhaltend.
Er lässt sich also auf den Barhocker neben sie nieder, wobei er ein Bein über das andere legt, zu ihr hingewendet, ganz charmante Aufmerksamkeit. Diese Haltung muss zwar unbequem sein, wie Freuen, die auf Pferden reiten, die setzen sich auch so hin in etwa, aber er bleibt den ganzen Abend so sitzen. Hat er allerdings zu viel intus, dann wechselt er in eine bequemere Position, nämlich Beine auf das Geländer der Theke am Boden und oft schwer-trunken die Oberarme auf die Bar gelegt. Aber das ist nur zur weit fortgeschrittener Stunde der Fall, vorerst tritt er stets respektvoll und doch locker auf, ein interessanter Typ von Mann auf jeden Fall.
Am besten gefällt ihr, daß er den Eindruck macht, als habe er alle Hände voll zu tun, muss plötzlich ein Geschäftgespräch via Telefon führen, etwas dringend in sein Notizblock niederschreiben, das imponiert ihr (dabei steckt er in geschäftlichen Kalamitäten: sein Geschäftspartner will abspringen). Während er gebeugt auf seinen Knien schreibt, erkennt sie mit Wohlgefallen, daß selbst neben der Akkuratesse seines Aufzuges, Hemd, Hose, Schuhe, auch die Kleinigkeiten stimmten: der Kraken ist nicht verrutscht, steht immer dort heraus, wo er zu stehen hat, über den dünnen Pullover neben dem Hals, und noch niemals hatte sie ihn ohne Krawatte oder einer Fliege gesehen, Symbole und Ausdruck für Geschäftskultur, ein Kaufmann durch und durch, versteht auch hin und wieder ein paar Englische Brocken ins Gespräch zu werfen, (er hast die Engländer in Wahrheit) nicht zu oft, das es protzig und angeberisch geklungen, oder sie ihn nicht mehr verstanden hätte in ihrem spärlichen Deutsch. Sie selbst versteht ja kein Wort Englisch, vermutet zumindest, daß das eine oder andere unverständliche Wort ein Anglizismus ist. Er gibt vor, viele Freunde in der Tschechei zu haben (die Bedeutung dieses Ausdrucks ist ihr nicht geläufig, aber in ihrem Umfeld gängig), er hat für jeden Menschen ein paar nette Worte übrig, erweckt den Eindruck, er habe viele Bekannte, spricht ein paar davon (plump) vertraulich an und schlägt ihnen auf die Schulter, wirkt trotzdem zurückhaltend (kurzangebunden, barsch), dummer- und irrtümlicherweise versteht sie leider zu wenig von der Sprache. Will sie ihre verbessern, besseres Deutsch sprechen, lacht er nur und meint. „Schatzi, so wie Du sprichst, passt das schon!“ und lacht noch mehr. Eigenartig, aber das „Das-passt-schon“ versteht sie mittlerweile. Damit gibt sie sich zufrieden.
Später stellt sich und findet sie heraus, daß er Englisch nicht mag und was seinen Umgang mit anderen Menschen anbelangt, nur mit denen, mit denen er Geschäfte macht, Bekannt- und Freundschaft pflegt, Tschechen sind ihm am suspektesten. Ausländer mag er letztlich kein bisschen und sollten dort bleiben, woher sie kamen, zumindest nicht nach Deutschland kommen, außer natürlich wenn sie familiär gebunden wären, was hier hieß, mit einem Deutschen oder, wenn es sein muss, was er auch nur sehr reserviert anspricht, mit einer Deutschen. Selbst hier machte er Ausnahmen, findet, es sollte keine Dunkelhäutigen deutsches Blut „beeinflussen“ und von daher geheiratet werden, nicht weil er etwas gegen deren Hautfarbe hätte.
Sie denkt nach über seine Worte, fragt ihn noch einmal, er brabbelt etwas, von wegen sie täten ihm später leid, diese dunkelhäutigen Kinder, denn die hätten dann unter den Vorurteilen der Engstirnigen und „der Mehrheit“ zu leiden. „Schade um sie!“
Sie wiegt den Kopf wie ein Vogel, der einem von links und rechts und oben und unten beäugt und sagt sich über diese Argumentation: klingt vernünftig. Sie selbst kennt sich mit Kindern ja aus und weiß ganz genau, wie brutal, gemein und sadistisch die sein können. Kinder kennen kein Pardon.
„Die müssen dann die Suppe auslöffeln!“, sagt er und hebt sein Pilsglas, um ein Bierchen zu zischen. Aber restlos. Er kann erstaunlich viel trinken. Er setzt es ab, seufzt und atmet aus, als hätte ein Verdurstender gerade nach 60 Tagen wieder Kontakt mit Flüssigkeit gehabt,, sagt, auch wenn sie ihn manchmal mahnt, weil sie den Eindruck hat, er habe sich schon zu viel hinter die Binsen gekippt. „Eins geht immer noch!“ , und lacht dazu überwältigend. Sie denkt. „Männer!“
„Was ist aber mit mir?“, sagt sie. „Wie mit Dir?“
„Wenn wir heiraten!?“
„Na, wir wollen doch keine Kinder haben!“, sein Pilsglas hat er schon an die Lippen gesetzt, nach dieser Antwort kann er befriedigt ansetzen.
„Ja!“, sagt sie. „Weißt Du, wenn sehr viel Licht ist, wie im Sommer, ja, dann werde ich ganz schnell dunkel!“
Er beäugt sie plötzlich mit weitaufgerissenen Augen.
Sie war käseweiß, eine Asiatin!
„Aber im Winter bin ich wie jetzt. Weiß!“
„Genau!“, prostet er ihr wieder zu. „Auf die weiße Hautfarbe!“
Also, sie bekäme schnell eine etwas dunklere Haarfarbe im Sommer, bei starker Sonneneinstrahlung, wurde aber genauso schnell wieder käseweiß im Herbst, sowie die Einstrahlung nachließ.
„Na wenn schon!“, denkt er. Wo er wohnte, da war es meist ziemlich dunkel, neblig und düster. Da bestand kein Problem, dass sie ihn mit einer Negerin als Lebenspartnerin schief anschauen würden, denn andernfalls – Pfüdie Gott!
Er nahm wieder einen großen Schluck.
Sie macht ihn auf einen interessanten Aspekt ihrer Augen aufmerksam.
Ihr Augen seien sehr dunkel. Dunkelbraun mit einem Schuss Gelb. Aber eher sehr, sehr dunkles Gelb.
Er rückt näher an sie heran, grinst breit. „Ja, und um die Iris, die dunkel wir das Schwarze Meer ist, ist ein noch dunkler Ring. Du bist wie ein kleiner Affe aus dem Urwald!“, sagt er und lacht.
Sie auch, sie findet den Ausdruck „Affe“ sehr lustig. Sie klatscht dabei lustig in die Hände.
Sie ist sozusagen ein anderer Mensch, verkörpert eine besondere Gattung , vielleicht ein besonders eigenartiger Mensch ist sie, die Vietnamesin, Vertreterin der asiatischen Rasse.
Sie fasst das als Kompliment auf, lächelt, freut sich und legt ihre Hand auf seine Knie. (Vielleicht hätte man es auch anders interpretieren können, weniger schmeichelhaft, fast rassistisch?)
Schwarze, dunkel-geschminkte Augen blitzten und rabenschwarze, gel-glänzende asymmetrischen Kurzhaarschnitte winkten. Der Busen-Ausschnitt stand großzügig offen. Die klebrig-patzig-geschminkten Lippen, geradeheraus, schamlos-direkt wirkten herausfordernd, anmachend, erschütternd notgeile Typen aus dem Westen bis ins sexuelle Knochenmark. Diese scharlachroten Münder, inmitten dieser stets zu einem verzerrt lüsternen Grinsen geöffneten Gesichter und die fuchtelnden, mit Gold- und Silberreifen behängten, knochigen Arme und Hände mit Zeichen und Gesten, die Massage und Ähnliches auf den Hotelzimmern anboten, machten sie nervös.
Steckte Eifersucht dahinter? Vor sich selbst sagte sie sich, sie kenne keine.
Was immer, aber es begann sich ihr Blick auf ihn zu wandeln.
Diese großzügige Getränkespendieren, wo er doch ständig unter Geldnot leitet, wie er oft beklagt, würden ihn den Ruin bringen – wie ein kleines Kind erscheint er, dem man ohne dass er murrte, das Spielzeug wegnehmen konnte. Und diese Weiber nutzen es schamlos aus, er lässt sich, immer wenn sie ihn sehen, einen Drink spendieren. „Oh, Albert! Süßer!“ Sie kann es nicht mehr hören, sie hasst diese Zigeunerinnen mittlerweile. Sie muss ihn oft in die Rippen stoßen, damit er merkt, was er da wieder Falsches tut. Kurz, mehr als Verantwortung beginnt sie zu empfinden, die Erzieherin in ihr erwacht und sie macht ihm Vorschriften, Vorschläge, wie er besser mit seinem Geld haushalten könne, formuliert Ein- und Beschränkungen, die sich gewaschen haben, ihn zum Lächeln animieren. Er fühlt sich ernst genommen, wahrgenommen, endlich die ersehnte Wende in seinem leeren Leben, wieder in festen Händen zu sein – na also, es kann losgehen!

Wenngleich es sie befremdete, als das erste Mal in seine Wohnung kam. Als er paar Lampen andrehte, wobei er lachte, alle Lampen hatten billige, rote Schirmr, war sein Bett mir japanischen Wandschirmen verstellt. Sie schaute und verzogt das Gesicht. „Ich dachte, Du machst so etwas.“ „Ja, schon!“ Das Licht war in rotes Schummerlicht getaucht, in einigen Ecken blinkten rote kleine Lichter, die auf einer Girlande aufgereicht waren, die sich durchs ganze Zimmer zog. Sie registrierte freudig, seine Mühen, die er sich gemacht hatte. Dasd das Zimmer immer derart geschmückt sein würde, davon ging sie nicht aus. Daß sich vieles ändern musste, wusste sie genau.

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Migrantin III

Beitragvon Pentzw » 24.01.2018, 22:24

Die Macht der Familie

Er suchte eine Frau, weil seine Ehefrau bereits gestorben war.
Ihr Ehemann war vor ein paar Jahren mit dem Moped in Vietnam tödlich verunglückt. Deswegen ging sie ins Ausland. Sie könnte sich auch eine neue Ehe vorstellen. Sehr gut sogar, damit würde sie ihre zwei Kinder aus Vietnam nach Europa nachholen können. Sie müssten heiraten. Welche Hindernisse bestanden da?
Am geschicktesten im europäischen Land, in einem Nachbarland zu Deutschland, in Holland den „Bund der Ehe“ eingehen, wie er es lächelnd hinter vorgehaltenen Händen formulierte, wobei das Schönste sein würde, dass sie ihren Namen behalten könnte. Die Prozedur dort war am einfachsten, der finanzielle Aufwand am geringsten, sagte er.
War er seriös? Ein Heiratsschwindler? Wie sah sein finanzieller Hintergrund aus? Manager und zweiter Inhaber einer Firma war er, die Schmuckwaren in tschechische Haushalte lieferte, die von den arbeitsbegierigen Hausfrauen und Müttern zu Weihnachts-, Oster- und sonstigen Schmuckwerken wie Girlanden, Kugeln, Sternen, Christkind-Figuren oder Engeln verarbeitet wurden. Das Geschäft florierte, ging gut und war konkurrenzlos, zumal die Geschäftsinhaber nahe an der tschechischen Grenze beheimatet und wohnhaft waren, so dass keine großen Anfahrtswege zu ihren fleißigen Bienen in Kauf genommen werden mussten. Er verdiente gelinde gesagt sehr, sehr gut. Behauptete er.
Das schien also in Ordnung zu sein.
Sein Charakter? Er hatte zwei Kinder, eine Tochter, ein Sohn. Nur die Tochter pflegte noch familiären Kontakt zu ihm, aber, wie sie sich sagen ließ, sehr deutsch, normal in westlichen Familien heutzutage, auf spärlichster Flamme gehalten. Dann hatte er ein Haus gemietet, sehr geräumig, mit Garten, das er alleine bewohnte. Dahinein könnte sie ziehen, Raum genug für zwei weitere Personen war auch da. Sobald ihre Kinder über 16 waren, die ältere würde 18 sein, war ein Nachzug möglich, denkbar und wünschenswert, per Gesetz auch durchaus früher. Würde sich das Eheleben bewähren, könnte dies ohne weiteres in die Tat umgesetzt werden. Behördlicherseits stand dies nichts im Wege, wenn sie einen gültigen Trauschein vorweisen konnte. Sie hatte von Bekannten gehört, die auf die gleiche Weise liiert waren, dass da keinerlei oder zumindest keine nennenswerten Hürden zu überwinden gewesen waren. Allerdings würde sie und ihre Kinder nur eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis erhalten und keinen deutschen Pass. Sei’s drum, sie liebte ihr Land sowieso, ihre Herkunftsfamilie würde dort noch leben, später würde sie sowieso dorthin zurückziehen wollen, das wusste sie.
Auch wenn ihr Vater Schwierigkeiten machte seit dem Tod ihrer Mutter. Trug er sich doch ernsthaft mit dem Gedanken, das Verhältnis mit seiner Freundin zu legitimieren und seine Geliebte in den ehelichen Stand zu befördern. Das musste unbedingt verhindert werden. Aber das würden die anderen Kinder und sie schon hinkriegen.
Natürlich, so recht um eine große Liebe zu dem Deutschen handelte es sich nun nicht. Aber von Liebe hatte sie ohnehin keine Spur und Ahnung.
Die Familie, in die sie hineingeboren wurde, ist ein Muss, ein Schicksalsgemeinschaft, unhinterfrag- und unkündbar. Ohne Familie konnte man nicht in der vietnamesischen Gesellschaft überleben, würde zugrunde gehen wie ein Primelchen ohne ausreichend Dünger und Feuchtigkeit.
Im Grunde verhielt sich dies auch bei ihrer eigenen gegründete Familie so, dass es sich um einen Zwangsakt, um ein Muss gehandelt hatte, was ihr im Nachhinein immer mehr zu Bewusstsein kam, wohinein sie gezwungen worden war, einen nahezu Fremden, einen aus dem Dorf, ja, trotzdem irgendeinen zu heiraten, den sie kaum kannte, ihren ehemaligen vietnamesischen Mann. Eine gute Partie, sicher. Aber von Zärtlichkeit und Liebe keine Spur. Er zwang sie zum Geschlechtsverkehr ohne Verhütung. Ein, zwei Kinder, dennoch keine Kondome. Sie vereinbarten stets, er solle aufpassen, konnte sich aber nicht beherrschen und zusammenreißen. So kamen noch drei, die sämtliche abgetrieben werden mussten, eins davon ein Sohn. Er und ihre Familie wollten es so. Eines Tages verunglückte der Ehemann mit dem Moped beim tagtäglichen Arbeitsweg tödlich. Ohne Mann, dies ist kein Leben für eine junge Frau. Zumal für eine Vietnamesin!
Also, wieder heiraten, ja oder nein? Zumal einen Ausländer, einen Deutscher und diese Nationalität hatte in Vietnam einen sehr guten Ruf. Wenn nicht überhaupt im asiatischen Bereich galten Deutsche als sehr arbeitsfleißig, zuverlässig und wegen anderer Eigenschaften hochgeschätzt.
Ja, die Familie!
Diese traf sich hin und wider.
Heute war so ein Zusammentreffen.
Alle mussten sich anstrengen, um fest auf beiden Beinen stehen zu können und dabei hurtig und schnell die Vorbereitungen für die Familienzusammenkunft zu bewerkstelligen bei dem Unterfangen, das Essen, das im großen, neuem Haus vorbereitet wurde, über den Steg des kleinen Rinnsals, Flüsschens, Bächchens zum kleineren, älteren Haus zu tragen, dieser Weg schon schwierig und herausfordernd genug, weht heute ein stärkerer Nordostwind, Ankündigung des kalt-kontinentallen Klimas Nordvietnams, eine Schwierigkeit, die belohnt wurde durch die Benutzung des älteren, bunteren und pittoreskeren Geschirrs.

Bevor es überhaupt zu einem Zusammensitzen gekommen war, gab es schon Streit und eine heftige Auseinandersetzung, der während dieses Hin- und Hers ausgetragen wurde. Die Worte, die hier fielen, waren schon tausendmal gesagt und genauso oft zurückgegeben worden.
„Musst Du denn diese Person gleich heiraten?“
„Muss ich!“
„Aber bislang ging es auch!“
„Wenn sich zwei Personen lieben, gehört es dazu, dass sie dies nach außen hin demonstrieren. Dieses Nach-Außen-Hin-Demonstrieren nennt man Ehe! Ha, ha, ha.“ War sie denn ein kleines Kind? So wie der mit ihr sprach, schon.
„Auch ich musste meine Beziehung nach außen hin demonstrieren! Obwohl ich keine Liebe zu diesem Mann empfand.“
Ein sattsam bekannter Vorwurf, der darauf abzielte, dass sie von ihrem Vater dazu gezwungen worden war, einen Mann zu ehelichen und nach außen hin zu verkünden, wir gehören zusammen, ohne ihn zu lieben.
Der Vater schluckte darüber und sagte im Basta-Ton: „Mag sein. Aber diese Frau wird meine Frau und alle sollen es wissen.“
„Bist Du nicht schon zu alt dazu?“ ; „Und was Mutter dazu sagen würde?“
Letztes Argument verfing in dieser nüchternen Familienwelt überhaupt nicht und ersterem setzte er in noch entschiedenerem Ton entgegen: „Ich liebe diese Frau. Deshalb wird sie meine Ehefrau. Und wie es sich für eine frische Ehe gehört, werden wir uns ein Nest, ein Haus bauen! Darin werden wir wie Mann und Frau, die wir sind, leben!“
„Aber hast Du nicht schon drei Häuser gebaut!?“
„Habe ich!“
„Und jetzt noch ein viertes!“
„Damit wirst Du sehen, dass ich noch lange nicht alt bin!“
Das sass. Sie schwieg. Natürlich waren sämtliche Geschwister gegen diese Ehe. Eine Eingeheiratete würde einen Anspruch auf Besitz haben, der von ihrem Anteil abfiel. Ihr Erbe minderte sich damit. Auch im Namen der Mutter, die dafür viel geschuftet hatte, war das ein Affront. Mutter hat bestimmt nicht für die Konkubine oder einer vermeintlichen Nachfolgerin gebuckelt - allein deshalb fühlten sie sich im Recht, gegen die Eindringling Front aufzubauen.
Aber der Vater blieb hart.

Ein weiteres Problem, ein fast gewichtigeres stand auf der Tagesordnung. Es war zwar der Gedenktag an ihre verstorbene Mutter, wenngleich willkürlich festgelegt, weil die Europäerin zufällig wieder zu Gast in ihrem Zuhause war, weshalb die Familie zudem heute so viel Umstände machte.
Allen war jedoch klar, es ging um ein zu lösendes Problem.
Sie hatten eine taube Schwester. Diese war unabsichtlich schwanger geworden. Sie wolle das Kind nicht, ihr Argument, es würde aggressiv werden, sich mit der Mutter, die sie nicht hören konnte, zwangsweise entfremden.
Aber so leicht war das nicht. Dafür würde der Familienrat zusammentreten und darüber entscheiden.
Zufällig geschah dies aus Anlass des Jahrestages der verstorbenen Mutter, dass man sich nicht im neuen, großen Haus versammelte, sondern in der kleinen, älteren Hütte, die man liebevoll als ein Symbol und bestauntes Relikt vergangener und andauernder Familiengeschichte konservierte, nachbesserte und aufrechterhielt. Dort zu tagen, war schon etwas besonderes, nicht nur, weil es recht durch die Ritzen und Ecken des lehm-, sandstein- und tonverkleisterten Gebildes zog, dass es einem manchmal schauderte. Was nun geschah, verstärkte das Schaudern noch.
Zunächst ließ sich jeder einzelne nieder, indem der eine auf den anderen achtete, sich zurücknahm und zurückhaltend andeute, erb habe den Vortritt. So fand das Sichsetzen nicht gleichzeitig stattfand: von dem Vater, seiner neuen Angetrauten, zwei weiteren Schwestern, einer behinderten Schwester, der Europäerin und zuletzt dem Haushund, der sich auf den Schoß seiner geliebten Stummen kuschelte, die er und sie ihn am besten verstanden, ohne Worte.
Heute gab es besonderen Reis: braunen, von den hohen Bergen, welcher nur dort in diesen windigen, rauen Höhen wachsen konnte: eine Delikatesse. Er war sehr anbauintensiv, dementsprechend teuer. Es schmeckte köstlich: Reisfladen, mit dem man Gehaktes packte und umwickelte.
Zunächst aß man stumm, als befände man sich in der Stille vor dem Sturm. Nur ahnte diejenige, die dieser am meisten zusetzen würde, nichts davon. Arglos genoss sie die schmackhafte Köstlichkeit.
Die Europäerin, wie sie mittlerweile schon scherzhaft bezeichnet wurde, hatte noch für sich überlegt: „Ich werde keine Kinder mehr haben, mit dem Deutschen nicht, unwahrscheinlich, dass der seine Meinung ändern würde, war ja schon komplett, bedient und vollständig, zumal aus dem Alter heraus, selbst Nachzügler zu wünschen.“ Schade, weil sie sich gerne einen Sohn gewünscht hätte, und es tat ihr bei ihren Abtreibungen besonders um einen männlichen Fötus leid, den sie dabei verloren hatte.
Die Stumme Schwester wusste gar nicht, wie ihr geschah und fühlte sich nahezu übertölpelt, als plötzlich die Sprache auf ihre Umstände kam– hätte sie Zeit zum Nachdenken gehabt, hätte sie sich bestimmt gefragt: war man einzig hier zusammengekommen war, um über ihr Schicksal zu entscheiden? Ihr Hund, der an ihrer Seite geschmiegt war und ansonsten, sofern er nicht nach Happen seinen Schnauzen hob, hob jetzt auch auf einmal den Kopf.
Als einziges Instrument, um sich verständlich zu machen, bedeutete die Taubstimme mit Fingern erregt, sie möchte partout kein Kind haben, wozu sie sich jedes Mal, wie auch alle anderen Redner, mit ihrem Oberkörper etwas nach vorne aufrichtete, um, nach Gesagtem, zurückzuweichen in die bequeme Ausgangsstellung des Normalsitzes. Schwierig zu erklären, was sie ausdrücken wollte, so dass sie umständlich deutlich machen musste, dass sie kaum mit dem Nachkömmling reden konnte, Folge waren Missverständnisse und Enttäuschung bei diesem –grotesk sichtbar, dass sie diese Umstand einer Mutter-Kind-Beziehung ihren Familienmitgliedern hier selbst kaum verständlich machen konnte. Tatsächlich verstanden auch die wenigsten, was sie sagen wollte.
„Aber ihr könnt Euch doch mit Zeichen verständigen!“, sagte eine Schwester, eine Aussage, über die man hätte lange nachdenken müssen, ob diese Verständigungsform funktionieren würde. Keiner kannte nur eine einzige Handsprache, um dies beurteilen zu können. So entstand erst einmal Gemurmele, die die Ratlosigkeit ausdrückte.
Die Stumme sah ihr Kind, wenn es etwas falsch gemacht hatte oder die Fragen auftauchten, durfte dies das Kind oder nicht, dass die Erwachsenen sich vor Entscheidungen drückten, einfach um besser dazustehen und sie zu ihrer Mutter schickten, deren sie zunächst einmal per Gebärdensprache klar machen sollte, um was es sich drehte. Sollte dies gelingen, dann müsste die Mutter oft genug ihr Nein verkünden, was das Kind sich schließlich gegen sie und damit verbunden die Finger-, Gesichts- und Muskelbewegungen einer Gebärdensprache verleiden würde. sie würde diese letztlich dann hassen und damit auch die Mutter, die ewige Verbieterin, Kontrolleurin und Nein-Sagerin.
Das wollte Taube auf keinen Fall: wieder erregte sie sich ungebührlich mit ihrer Mitteln, was, die es nicht verstanden, sich gerne übersetzen ließen, um so tun zu können, als würde sie die erregte Stimmung, die Wut und Abwehr der behinderten, bemitleidenswerten Schwester nicht verstehen. Sie gewannen zumindest Zeit zu antworten und zu reagieren.
Eine verstand die andren aber um so mehr und um so früher, diejenige, die deren Gedanken nahezu von den Lippen ablesen konnte: gefrorenes Lächeln, gekräuseltes Lächeln, angedeutetes Lächeln, zittriges Flattern der Lippen, Zähne verbissen auf Lippen, einen Schneidezahn sichtbar beißend auf Lippen. Jegliches Muskelzucken hatte seine eigene Bedeutung. Auch die Bewegungen der Augenbrauen, nur geringste Zuckungen, konnte sie deuten. Dies war oft Grund dafür, dass sie bereits antwortete, bevor die anderen etwas sagen konnten, weil sie diesen ja stets um einen Schritt vorauswar. Sie mussten die Stumme deswegen immer wieder bremsen. Am schnellsten reagierte sie natürlich, wenn es sie besonders traf, es extreme Gefühle aufrührte.
„Sie meint, das Kind würde sie nicht verstehen, das Kind würde sie an den Schultern rütteln und ankeifen, Mutter hörst Du mich nicht. Das Kind würde furchtbar aggressiv werden!“ Die Europäerin übersetzte es jetzt den anderen.
Die Stumme Schwestern nickte heftig dazu, dass sie sie richtig wiedergegeben hatte.
„Hm, wenn diese meine Schwester ein kleines Baby hätte, das wäre doch zu schön. Ich liebe diese kleinen, putzigen, molligen Wesen da, diese Kleinkinder. Hm. Und wenn ich zweimal im Jahr nach Vietnam zu Besuch käme, wäre es doch ein Schönes, wenn ich so ein kleines Ding in den Armen halten könnte.
Der anderen Reaktion: Kopfschütteln, verlegenes Achselzucken oder nervöses Greifen nach einem Happen, all das wusste sie zu deuten und wurde sich mit einem schnellen Überblick rasch im Klaren, dass sie chancenlos war und dass alle Versammelten gegen sie waren. Und andere Personen gab es nicht: keine Schlichterstelle, keinen externen Weisen wie Pastor, Politiker oder Älterer, denen man aufgrund ihrer Lebenserfahrung oder zurückhaltenden Art und nüchternen Vernunft vertrauen, die Entscheidungsmacht mit einräumen und befragen und um Antwort angehen konnte.
So war für sie bald klar, wie die Zeichen standen, verlor schnell die Contenance, versuchte mit immer heftigeren Gesten, ihren Standpunkt, ihren Willen und Wunsch kundzutun und verständlich zu machen.
Der Hund, obzwar er nicht den Kopf aufhob, noch nicht, wedelte aber ständig nervös mit dem Schwanz.
Sie merkte, sie stieß jetzt nur auf stumme, abweisende, fast eisige Gesichter. Panik übernahm ihr Gemüt und sie nahm als einzige Möglichkeit der Flucht, die ihr noch blieb und als letztes Argument, das mangelnde Geld heran. Das war aber eine Speerspitze, die jetzt gegen sie selbst gerichtet wurde.
„Du hast gar nicht das Geld, dass du eine Abtreibung vornehmen kannst. Und von uns bekommst Du es bestimmt nicht. Nicht für so etwas.“ Ihr konservativer Vater wieder, der so engstirnig war, dass er den familiären Schaden und die familiäre Schande nicht ertragen konnte, mit einer Konkubine zu leben und stattdessen sein Verhältnis mit dieser in den geheiligten und sanktionierten Rahmen einer ehelichen Gemeinschaft einzubetten hatte.
„Aber für die Erziehung des Kindes ist wohl Geld da?“ Natürlich war demnach für das eine genauso wenig da wie für das andere.
„Das würde sich schon ergeben, das Geld, in Laufe der Zeit!“
Da sprach die Logik des Fatalismus, lass mal geschehen, was geschehen soll, beizeiten würde man sich damit zurechtfinden können. Punktum.
Als sich die werdende, widerwillige Mutter mit dieser unüberwindlichen Mauer umgeben und eingegraben sah, brach sie in letzter Anwallung von Freiheit oder Verzweiflung in Panik aus, stürzte aus der alten Haupthütte ins Freie und rannte vor Ärger und Wut, soweit sie die Füße trugen.
Nur ein Hund, einer ihrer Lieblingstiere, folgte ihr, sprang sie immer wieder an, weil er die Hektik, Schnelligkeit und das Geradeaus wie ein besonderes Spiel auffasste. Sie achtete nicht auf ihn, jetzt nicht, wie sehr sie sonst wie kein anderer im Dorf aufmerksam war gegenüber besonders Hunden, die sie neben Hühnern, Ziegen, Schafen als besonders intelligente Tiere wahrnahm. So lief sie schnell voran, der Hund genauso schnell hinter.
Sie durchquerte in ihrer Aggressivität das frisch gesteckte Reisfeld, hätte sie doch auch durch das bereits einen Meter in Blust stehende Reisfeld laufen können, nein, die frischen, noch nicht einmal den Kopf aufgerichteten Reispflänzchen mussten ihrer Wut zum Opfer fallen. Der Hund, dem eingebleut worden war, nicht im Reisfeld herumzutollen, blieb zurück und bellte ihr warnend nach.
Apropos Opfer: wenn sie jetzt weiterlief, was sie ungebremst tat und durch diese Bambuspflanzen-Wäldchen rennen würde, lief sie womöglich geradewegs in den Rachen eines Tigers, die hier in den Weiten der hügeligen Landschaft und terrassenförmigen Reisfeldern herumstreiften. Aber sie lief weiter.
Stolperte plötzlich über irgendetwas und landete mit dem Kopf im sumpfig-wassrigem Untergrund, lag erschöpft da und weigerte sich aus Lebenshass sich überhaupt nur einen Joda und Millimeter zu bewegen. Ein ausgemachter Unsinn. Aber sie wollte einfach sterben, vielleicht gelang es ihr mit dieser Haltung und Einstellung?
Tausende von Insekten grabbelten, schwirrten, flitzen, fleuchten und rannen über, um und in sie hinein, dass es in Ohren, Nasen und jeder Körperöffnung kitzelte, juckte und brannte. Mochte dies schon unerträglich sein, so war es letztlich die Feuchtigkeit der Luft, besonders die über den nassen Reisfelder stehende Nebelwand, die sie als unerträglich, klebrig und zum Davonlaufen empfand und sie jetzt hieß, aufzustehen.
Als sie stand, schaute sie nach Osten: der Weg der Freiheit; dann Westen: der Weg zur Familie zurück. Westen, Osten, Westen...
Jetzt wurde ihr bewusst, dass sie noch einen weiteren Nachteil gegenüber einer Raubkatze hatte: sie hörte sie nicht. Sie konnte sie gar nicht hören. Sie war ja taub, um Gottes Willen! Nicht das Schnauben, nicht das Brüllen der Raubkatze würde sie vernehmen können, während er im Ansatz zum Hechtsprung auf sie zusausen würde. Vielleicht nur ein Ausschnitt, sein schwarz-gelbes geschecktes Fell, dann nur mehr einen Schlag, ein gewaltiges Gewicht, das sie zu Boden reißen würde, verbunden mit dem eintretenden furchtbaren Biss des Tieres, wenn sie Glück hatte an ihrer Kehle, dann reißen, zerren, krallen und damit elendigliches Verbluten, bis immer weniger von ihr übrig blieb.
Gäbe es doppelte Angst, dann hätte sie besten Grund dafür.
Welche Chance hatte die Stumme? Würde sie nein sagen, würde sie verstoßen werden. Na, gibt es in der westlichen Gesellschaft oft auch. Aber für sie gibt es hierzulande keine Auffangfamilien, keine wie immer, religiös, charitativ oder sonst wie beseelten Gemeinden und Gemeinschaften. Wer keine Familie hatte, war zum Alleinsein verurteilt und verdammt. Familien traten zusammen und gingen auseinander, ohne mit anderen Familien Kontakt zu haben. Jeder der menschlichen Parzellen lebte möglichst isoliert für sich und getrennt nebeneinander.
Mögen manche christliche Familien beispielsweise an Weihnachten einen Fremden einladen, einen Hilfsbedürftigen, einen Gestrandeten, einen Verwitweten oder Verwaisten und ihn vorübergehend verköstigen – so etwas gab nicht in einer buddhistischen Gesellschaft, jeder konnte nur sein Heil in sich selbst suchen und finden.
Was würde geschehen, wenn sie nach Osten lief: einsame Tage würden verbleiben....wer aus der Familie verstoßen wurde, sie freiwillig verließ oder diese ausstarb, hatte in der asiatischen Gesellschaft keine Ersatzfamilie zur Auswahl oder zur Rettung.
Davon abgesehen hätte sie zudem keine Möglichkeit, ihr Kind loszuwerden. Niemand würde ihren eine Münze geben, um dies zu ermöglichen. Also, auch das war kein Ausweg.
Langsam schritt sie wieder zurück, woher sie gekommen war, Richtung ihres kleinen Heimatdorfes.
Wenn sie ihr Baby austrug, wäre für das Kind so oder so gesorgt. Sie konnte arbeiten, was ihr wichtig war, weil sie es gerne tat. Den Tag über, die neue Oma, der Papa, wenn er Zeit fand und nicht zu sehr mit dem neuen Hausbau in Anspruch genommen wurde (denn natürlich wollte er für seine neue Ehe ein neues, eigenes Haus errichten), die andere Schwester, die auch ein kleineres Kind besaß, der verwitwete Onkel und die nahen Verwandten im Dorf würden dafür schon sorgen, dass das Kind über Tage oder bis sie von der Schule nach Hause kam, behütet, versorgt, bekümmert und ausreichend unter Aufsicht stehen würde.
Sie sah die Häuseransammlung von ferne hinter einer dünnen grauen Riesenwolke, eingelullt in den schnittigen, scharfen Abendregen, der wie eine Wand und nur an den Rändern durchsichtig war wegen der starken Lichteinstrahlung des Mondes.
Noch ein Moment. Wo war sie dabei? Es war nicht zu sagen.
Nun, sollte diese Familie ihr Kind haben, sie würde nur ein Achtel Verantwortung für das neue Familienmitglied tragen.
Diese Familie - aber besser als von einem Raubtier verschlungen zu werden oder in Einsamkeit in einer der großen Städte ein Leben vor sich hinzufristen, dass ohne Leben, Mitmenschen und Aufregungen, solche oder jene, sein würde.
Ja, die Familie!
Und dann ging sie darauf zu. Wurde Zeit, der Nordost-Wind war schon spürbar kälter geworden. Der Winter klopfte an die Tür.

Pentzw
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Migrantin IV

Beitragvon Pentzw » 19.02.2018, 21:12

„Na Schatzi, du siehst so müde aus. bist’de nicht zur Ruhe gekommen heute nacht?“
Lachen.
„Aber sie hat doch einen 20 Jahre älteren Ehemann. Der lässt sie schon schlafen. Der kann so eine junge Frau schon längst nicht mehr befriedigen!“
Die beiden Männer biegen sich vor Lachen.
Nächsten Tag, morgens.
„Na, du siehst so unzufrieden aus. Komm, wir gehen mal in der Pause ein kurzes Weilchen in die Ecke dort hinterm Kartonberg, um ficki ficki zu machen. Das muntert dich auf und bringt dich wieder auf Trab.“
Gelächter.
„Komm, ich lade Dich Kaffee ein?“
„Warum?“
Der andere fällt ihm ins Wort.
„Weil du dann wieder fit bist, glaub mir. Wir können auch, wenn du jetzt nicht in Stimmung bist, nach der Arbeit mal einen Trinken gehen. Die Stadt ist langweilig und klein, aber ich führe dich in ein schnuckeliges, kleines Lokal, Pub. Ich kenne da eins in einer kleinen Nebenstraße. Gut versteckt. Da siehst uns keiner! Du weißt schon warum!“
Prustendes Kichern.
„Aha! Warum sollte ich?“
„Du so schöne, junge Frau, brauchst a bissla Abwechslung.“
„Genau, du ruinierst Dir nur Deine Gesundheit. Du musst in die frische Luft. Da ist ein Spaziergang genau das richtige. Und abends, nach der Arbeit sowieso! Da muss man mal unter lustige Leute und sonst wohin, wo einem keiner kennt. Nicht?!“
„Ich denke nach!“
„Mach das, Schatzi!“
Unterdrücktes Kichern.
Sicherlich, sie war nicht „froh“ in ihrem Leben, aber zu einer Hure wollte sie sich auch nicht degradieren und herabwürdigen lassen, sie war schließlich eine verheiratete, stolze Frau. Nein, mit jungen, fremden Männer vergnügen, kam nicht in die Tüte! Auch wenn so ziemlich jede Arbeiterin sich dem hingab, zumindest redeten sie gerne als ob, kam es bei ihr nicht in Frage!
Aber was sollte sie sonst tun? Irgendetwas brauchte sie, war sie doch wirklich stets sehr müde, verschlafen und konnte kaum noch aus ihren Augen lugen. Sie schlief in der Nacht oder am Tag, je nach Schicht, nach Wechselschichten, die sich kunterbunt abwechselten ohne Systematik, Ordnung und Struktur über die Monate hin gesehen. Sie wachte etliche Male auf, trank etwas, legte sich wieder hin, wachte wieder auf. So etwas war ihr nie passiert. Nicht in Vietnam.

Sie war Putzfrau, Gärtner, gute Nachbarin, hatte öfter die alten, armen, dahinsiechenden Frauen in dem Heim vor Ort mit bunten Plastiksträußen erfreut und nunmehr war ihre eine neue Aufgabe zugefallen, jeden Sonntag Vormittag, die Bierkästen, bereits am Samstag beim Discounter eingekauft, im Kofferraum und Hintersitz sich stapelnd, zum Freiwilligen Feuerwerk-Haus mitsamt dem Spender hin und ihn am Sonntag Abend herzufahren, nachdem sich die alten und jungen Herren zum Besäufnis versammelten und wieder nach Hause verstreut hatten – er war der letzte, der abschloss - angetrunken, vollgepumpt mit odligem Bier, ein Dunst, der nach Kuhweide und Ochsenstall roch, um sich verströmend, mit ihrem Auto, da ihm wegen Alkohol am Steuer sein Führerschein entzogen worden war.
Aber seitdem sie die Funktion der Altenpflegerin an ihm - andere Aufgaben kein Problem - nicht erfüllte und konnte, begann er, zusehends nervöser werdend, auf sie herumzuhacken, wobei er bei den kleinsten Widrigkeiten wie eine Rakete in die Luft ging. Besoffen fuchtelte er ihr bedrohlich und gefährlich mit den Händen zwischen dem Lenkrad herum, weil er befürchtete, sie kriegte hier nicht die Kurve oder scherte dort nicht schnell genug ein, um einen Blechschaden zu vermeiden, was aber ging es ihm an, wenn es nicht sein eigenes Auto war? Strikte Gütertrennung war angesagt zwischen ihnen, so dass sie ihr Auto durch ihr sauerverdientes Geld selbst erworben hatte und seines gab er nicht aus den Händen, schon gleich gar nicht seinem Frauchen da, die nervös im Fahrersitz herumnestelte und das Lenkrad völlig unkoordiniert hin- und herbewegte, dass man sich die schlimmsten Unfälle vorstellen musste. Er schrie wie am Spieß, sie zitterte wie Espenlaub – die beste Voraussetzung für einen Zusammenstoß, einen Aufprall, ein Schleudern, ein Schlenkern, ein Abkommen-von-der-Fahrbahn – ihr liefen die Schweißperlen die Stirn herab, ihm entwichen die beizenden Alkholausdünstungen – die beste chemische Explosivmischung! Sonntags mit Bier in höchsten Dosen abgefüllt und sein offenes scharf-riechendes Bein, das nicht zuwachsen und verheilen wollte, vor allem mit dieser seiner körperlichen Hygienenachlässlichkeit des Sich-Zu-Wenig-Waschens und Kleiderwechselns, war der Gipfel der Abneigung erreicht!
Und wupps fuhr sie schon zu weit rechts ran, Zweige und Äste schürften den Kotflügel entlang auf und diesen ab – aber, obwohl nicht seine Karosserie, ging er wie dieses lustige Zigaretten-Männchen aus der Werbung aus den sechziger, siebziger Jahren gleich in die Luft und an die Decke.
Wegen des betrunkenen Zustandes und ihrem Recht auf Autobesitz - sowieso konnte es nicht anders sein, sie musste fahren! Zudem war er nachgerade von Polizisten umringt. Das freiwillige Feuerwehrhäuschen war der Treffpunkt von merkwürdigerweise vielen Polizisten, abgesehen von den jungen Spunden und sonstigem Dorfvolk.
Dort hatte er sich auch durch die freiwillige ehrenamtliche Tätigkeit ein Loch in das Bein beim Anlegen einer Leiter geholt, woheraus er wie aus einer Sickergrube stank, selbst ihre vietnamesischen Kinder mit Nasenrümpfen, Widerwillen und vorgehaltener Hand reagierten darauf angewidert und angeekelt. Im Grunde hatten diese vor ihm ja Respekt, er ließ sich nicht lumpen, war der beste denkbare Schwiegervater und stopfte die gierigen Mäuler dieser Gören und erfüllte ihre gierigen, unbefriedigenden, maßlosen Wünsche.
Kinder halt. Ein Fass ohne Boden, wie er immer lachend sagte und woran sie ersehen konnte, wie sehr er sie liebte und mochte. Aber sie, sie nun einmal nicht so sehr ihn, dass sie ihn waschen, kämmen, umsorgen und pflegen hätte können, wie es ihre Aufgabe gewesen wäre als Ehefrau gegenüber ihrem pflegebedürftigen alten Ehemann.
Das konnte sie nicht.
In seinem Schlafzimmer prangte der Schimmelpilz Zentimeter dick an den Wänden, der Verputz, heruntergefallen, staute sich in den Ecken am Boden, Wanzen flogen im Zimmer herum, Spinnen krabbelten am Boden entlang, Silberlinge und Assel krochen in die Ritzen hinein und heraus, nur nicht, dass sich auch Mäuse hier eingenisteten hätten, aber sein Sohn, der Eigentümer, rührte nicht den kleinsten Finger. Ihr waren hier sowieso die Hände gebunden, konnte nichts ausrichten mangels Know-How. Sie hatte nunmehr Arbeit, war erschöpft, hatte wenig Zeit – von daher keine Kraft, Zeit und Energie. Das musste er selbst regeln, aber saß nur vor der Glotze mit einem Krug Bier, einer Stange Zigaretten und einer Tüte Salz- und Pfeffer/Paprika/Curry-Kartoffel-Chips und wettete auf die unsinnigsten Dinge, Geschehnisse und Ereignisse, holte sich aber aus der Glotze auch Anregungen für Präsente von den unsäglichen endlosen Geschenk-Werbe-Sendungen, die ihren Kindern zu Gute kamen. Deswegen hatte er kein Geld, verlangte sowieso von ihr, sie solle sich selber um ihr Einkommen kümmern, in seiner Geldbörse war ständig Ebbe.
Da sie nichts von ihm bekam außer Vorwürfe, Gleichgültigkeit und eine hochgereckte Nase, musste sie in etwas flüchten, was ihr Spaß machte.
Auf dem Balkon einer Freundin stand ein Bauer mit einem Vogel darinnen. Der Wind wehte von der nahen Mittelgebirgskette bis hierher stark an diesem Abend, die Federn des bunten Vogels sträubten sich deshalb, er plusterte sich auf, so dass diese noch weiter ausstanden und begann mit seinem Schnabel an dem Federbett seines Hinterteils herumzupicken.
„Ist das nicht süß?“, sagte ihre Freundin, auch Vietnamesin.
„Oja! Oja! Oja!“ Sie war ganz entzückt. Die Freundin, deren deutscher Mann bald starb, erinnerte sich an diese Entzückung ihrer Landsmännin und da sie wieder in ihre Heimat zurückzuziehen beabsichtigte - was wollte sie hier in diesem Land ohne einem originären Landsmann? – schenkte sie ihr den Vogel.
Die Beschenkte fand an ihm derartig großen Gefallen, dass sie sich einen zweiten zulegte. Leider war es statt einem ordentlichem Pärchen ein gleichgeschlechtliches - das ging nicht, aber das zweite Männchen, wie das bei den aktuellen Geschäftsgebaren üblich war, ließ sich nicht zurückgeben und wurde auch nicht zurückgenommen– das lohnte nicht für das Geschäft, Tierliebe hin oder her. Würde sie den Zweiten frei lassen, ginge der sub- und tropische Kanarienvogel an den harschen kontinentalen Klimaverhältnissen hierzulande elendiglich und jämmerlich zu Grunde - also verschenken. Nur an wem? Dem gierigen Geschäftsmann gönnte sie den Vogel nicht, er würde ihn nur wieder verkaufen. Im näherer Verwand-, Bekannt- und Freundschaftskreis existierte kein Abnehmer. Was tun?
Inzwischen löste sich das Problem von selbst, denn ein Männchen hatte dem anderen die Augen ausgepickt. Man musste das Leben, wie sagen die hierzulande immer, im besten Licht betrachten, positiv sehen und denken. Also war jetzt der Weg frei für ein schmuckes Weibchen. Sie surfte, suchte danach, so violett-blaue gefielen ihr besonders, aber leider deckte sich die virtuelle Welt nicht mit der realen. So suchte sie weiter, bei Vogelzüchtern, bei Vogelzucht-Veranstaltungen, Ausstellungen, sie war ganz vernarrt in exotische Vögel. Sie hörte sich so gerne deren Pipmatz-Gesang, für andere Pipmatz-Geschrei an, nahm sie auf Handy auf, spielte es überall, selbst in ihrer Arbeit jedem, der mit ihr ein Wort wechselte, ab. Es machte sie diese ihre Vögel etwas froh, lenkte sie ab von der Langeweile und Enge des fränkischen Dorflebens, der ländlichen Provinz, sicherlich hätte sie sich über ein Buch beugen können, endlich einmal ihre Deutschkenntnisse versuchen zu verbessern, aber ohne Lehrer, allein vor einem toten Buch - das war zu langweilig. Abwechslung verschafften ihr einzig noch die Kinder, gewiss auch anstrengend, aber letztlich das einzige, was in ihrem Leb en sie gut gemacht hatte, Kinder zu gebären und auf die Welt zu bringen, das, was ihr so sehr Freude bereitete, gleichviel wie Mühe, aber wofür lebte man schließlich, sie wie die Mehrheit der Menschen: für die Nachkommenschaft, sprich Familie. Übrigens die Vögel machten das auch. Sie legten bunte, kleine Eicherchen, die sie bald ausbrüten würden. Welch eine Freude, wenn es bald soweit sein würde, dass sie Kinderchen, Nachwusch, kleine gerade erste geborene Lebewesen bekommen würde, helfen füttern, ernähren und pflegen und ihr eigen nennen dürfte. Fast wie wenn sie wieder eine Familie hätte.
Und sie freute sich schon auf den nächsten Vogel, die nächsten Käfige hatte sie sich schon besorgt und diesesmal würde es kein Kanarienvogel, sondern ein Wellensittich sein, der diese Vogelbauer bewohnte, aber keine Angst, sagte sie zu ihrem Mann, der, wenn er einmal in ihren Wohnbereich eindrang, vor dem Gekreisch noch verrückter wurde als er ohnehin schon war, Papageien mochte sie nicht, waren ihr zu groß und korpulent, aber gerade diese kleinen, bunten, quirligen Pipmatze hatten ihren weiblichen Mutterinstinkt geweckt.

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Migrantin V

Beitragvon Pentzw » 21.02.2018, 21:18

Und Misshelligkeiten

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.
Sie konnte mit ihrem Freund auch nicht mehr im Fahrzeug durch die Gegend kutschieren. Würde sie bei überhöhter Geschwindigkeit geblitzt werden, was keiner ausschließen kann, käme eine Gebührenanzeige mit einer Fotographie von ihr und ihrem Beifahrer ins Haus geflattert. Woher sie das wusste? Schon einmal geschehen, als sie zu schnell fuhr. Glücklicherweise saß sie aber nur alleine am Steuer.
Ihre Adresse gab sie nicht preis, nicht ihrem Freund. Sie würde vielleicht unerwünscht Post ins Haus geschickt bekommen. Gerne gab sie, stellte ihre Fähigkeiten zur Verfügung, so zum Beispiel stopfte, flickte und nähte sie im Handumdrehen Handschuhe, Unterwäsche, Gummistrapse von Unterhosen, aber nur vor Ort. Dies zugeschickt zu bekommen, weil der Freund gerade nicht alle zu nähenden Dinge zur Hand hatte, verbot sie.
Fotographien, die ein Besuch einer Cousine aus dem Ausland machte, auf der sie mit ihrem Freund abgebildet war, verbot sie gleichfalls, ihm zuzuschicken. „Die Aufnahmen sind zu schlecht geworden.“
Die Tatsache, einen Freund zu haben, musste wie immer nur möglich kaschiert und verborgen werden. So fuhr sie über Weihnachten, Neujahr, als ihr alles zu viel wurde, kurzerhand zu ihrer Cousine ins Ausland, allerdings ohne ihren Freund. Sie schämte sich wohl davor, dass es alle wussten, sei habe einen Freund und sei keine treue, verlässliche Ehefrau. So wurde auch eine ins Auge gefasste, zumindest darüber gesprochene Reise in ihr Heimatland mit ihm, unmöglich. Was sollte sie ihrer Familie erzählen, wenn sie mit einem Fremden kam und nicht mit ihrem Ehemann?
Ihr Ehemann indessen tat so, als kümmerte ihn dies alles nicht. Er tat so, als glaubte er ihr, wenn sie erzählte, sie würde mit einer Reisegruppe ins Ausland auf ein paar Tage Erholungsurlaub fahren und stattdessen mit ihrem Freund wegfuhr. Oder sie würde ihre Tochter in der 100 Kilometer entfernten Großstadt besuchen, dort ein paar Tage übernachten. Er fragte nicht nach. Besuche aus dem Ausland, von ihrer Cousine zum Beispiel, interessierten ihn nicht, weil er etwas gegen Ausländer hatte. Auch wenn ihre Cousine eine Vietnamesin wie sie war, so war doch deren Ehemann ein Ausländer.
Sie hatte auch eine paar Freunde in der Hauptstadt ihres neuen Landes, in Berlin, aber mit ihrem Freund dort ein paar Tage zu übernachten, kam aus den gleichen Gründen nicht in Frage.
Als diesen kennenlernte, hatte sie ihn eindringlich gefragt, ob er eine Freundin habe. Da dieser keine vorgab zu haben, erbot sie sich, ihm eine zu vermitteln, eine Schwester käme zum Beispiel in Frage. Da jedoch diese kein bisschen Deutsch sprach, auch kein Englisch, erschien es ihr aussichtslos zu vermitteln. Also nahm sie ihn zum Freund, zumindest einmal verreiste sie mit ihm, der oft ins Ausland zu einem Kurzurlaub fuhr. Sie schloss sich ihm kurzerhand an. Als er mit ihr schlafen wollte, sagte sie nicht nein und gab sich pass erstaunt, dass er dies beabsichtigte. Es lag für ihn nahe, weil sie gemeinsam ein Hotelzimmer gebucht und genommen hatten. „Willst Du mich ficken!“, hatte sie klagend gefragt. Aber es geschah. Es gestaltete sich sehr schmerzhaft, da sie unten sehr ng war, hatte sie doch seit Jahren keinen Verkehr mehr gehabt. Sie weinte danach, als er sie genommen hatte, vielleicht aus Schmerz, vielleicht aus dem Grund des Ehebruchs. Möglicherweise hatte es sie sich nicht eingestanden, dass es dazu kommen könnte, aber es geschah und sie fühlte sich elend danach. Weinen befreite.
Dabei war der Verkehr gefährlich, eine nicht beabsichtigte Befruchtung konnte passieren, was ein Perspektive eröffnete, die sie die Sicherheit einer verheirateten Ehefrau kosten würde und ihr Freund hatte nicht einmal eine Festanstellung. Sie selbst war zwar von einer Leiharbeiterin bei einer Firma fest übernommen worden, aber nur befristet. Der befristete Arbeitsvertrag wurde zwar jedes Mal verlängert, weil sie gut und schnell arbeitete, aber nur immer fristweise, von einem Vertrag von sechs Monaten zu einem Jahr, dann – man würde sehen. Wenn man aber nicht in ein normales Arbeitsverhältnis mit Kündigungsschutz und allen Rechten eines normalen Arbeitnehmers eingebettet war, drohte Unsicherheit, materieller Abstieg und Verlust eines regelmäßigen Lebensrhythmus. Nur ihr Mann konnte sie in einem solchen Fall auffangen, er war für sie verantwortlich per Gesetz, war verpflichtet, ihr einen notwendigen Lebensunterhalt zu gewähren. Er gab zwar nichts von seinem Einkommen, seiner guten Rente ab, ja drängte sie, wenn sie sich krank fühlte oder überfordert durch Stress auf der Arbeitsstelle, vehement dazu, in den Betrieb zu gehen und ihrer Verpflichtung nachzukommen. Er hatte ja selbst zu tun, mit seinem Einkommen über die Runden zu gelangen, bei seinem erhöhten und exorbitanten Rauch-, Trink- und Wettkonsum. Nicht selten lieh er sich von ihr Geld bis zum Zwanzigsten, weil er mit seinem Geld nicht bis zum Monatsende zu Potte kam. Nach Hause, nach Vietnam schicken konnte er sie zwar auch nicht, dagegen wehrte sie sich vehement, appellierte häufig an sein Versprechen, seine Nachrichten, „ohne sie nicht mehr leben zu können“ und „sie immer lieben zu würden“, aber recht wäre es ihm schon mittlerweile. Er fühlte sich ja von ihr links liegen gelassen und vernachlässigt mit seinem nicht heilen wollendem Loch im Bein, das er sich bei einer freiwilligen ehrenamtlichen Tätigkeit im Freiwilligen Feuerwehrhaus zugezogen hatte, sie mied ihn geradezu, vor allem näheren körperlichen Kontakt, wobei er merkte, wie sie angewidert die Nase verzog, als ob er stänke wie die Pest. Vielleicht tat er dies auch, aber er brachte es nicht auf die Reihe, regelmäßig sich selbst zu waschen und körperlicher Hygiene zu genügen mit seiner schwächenden Nikotin- und Alkoholsucht. Außerdem, sie war doch seine Frau, sie war verpflichtet, sich in Not und Krankheit um ihn zu kümmern! Er war sehr ärgerlich, sauer und erbost, nur gut, dass es die zwei Töchter gab, die ihn respektierten und Ehrfurcht vor ihm hatten und die er gerne mit diversen Geschenken überhäufte, Smart-Phones, Stereoanlage, neuem Bett und all das, was er seiner Frau nicht gewillt war zu geben. Die Kinder, obwohl nicht seine eigenen, bildeten den Kitt, der sie verband und die ihm in seinen späten Lebensjahren Perspektive, Befriedung und wohltuende Verantwortung vermittelten. Seinem Sohn gegenüber empfand er sowieso nichts mehr, war letztlich von ihm abhängig, hatte dieser das Haus gekauft, übernommen und auf sich übertragen lassen. Gegenüber dem empfand er nur ein beschämendes Abhängigkeitsverhältnis. Aber die Töchter seiner Frau, ja! Die gaben ihm etwas, viel, für die konnte er in seiner oft sich bewusst seienden Beschränkung noch etwas bewirken, bezwecken, geben und helfen, wunderbar!
Jederzeit konnte sie die Verbindung zu ihrem Freund kappen. Er wusste nicht, wo sie wohnte, sie hatten nur Kontakt über das Telefon und E-Mail. Eines Tages, sie wollte allein sein, auf Nummer sicher gehen, besorgte sie sich einen neune Telefonanschluß´und löste ihre E-Mailadresse auf. Jetzt lag es nur noch an ihr, mit diesem je wieder Verbindung aufzunehmen. Mal sehen.

ZEITUNGSÜBERSCHRIFT AUS DER ZÜRICHER NEUEN NACHRICHTEN:
VIETNAMESEN LASSEN SICH SEHR GUT IN DIE GESELLSCHAFT INTEGRIEREN

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Die Migrantin VI

Beitragvon Pentzw » 16.03.2018, 17:22

Opfer

Das sind Kinder, die ohne Freunde aufwachsen: keine Kindergarten-, keine Schul-, Jugend- und Nachbar- oder Kleinstadtfreundinnen begleiten sie auf ihrem Weg vom Kind zum Erwachsenen. Die Schule ist auch nur eine Art Werkstatt, in die man hineingeht, um sich Fertigkeiten, Geschicklichkeiten, Fähigkeiten, Schreibmaschine zu schreiben, einen Brief zu verfassen oder einen Winkel anzulegen, lernt. Andere Menschen im gleichen Alter sind da, die das selbe Bestreben haben und das Selbe lernen wollen. Untereinander findet nur so viel Austausch, Liebe, Interesse, Kommunikation statt, um dem Ziel, einer guten Ausbildung näher zu kommen, erreichbar ist. Man weiß stets im Unbewussten, der andere wird mal dein Konkurrent sein. Und von den Einheimischen aus gesehen, wird die Zugewanderte ohnehin verdächtigt, jederzeit wieder abzuwandern, lohnt es ich da engeren Kontakt aufzunehmen – und für die Zugewanderte ist es so, dass sie auf eine Gemeinschaft prallt, die schon vorher aufgestellt und zusammengekommen ist und sie vielleicht mal reinspitzen lässt, von sich öffnen zu sprechen, wäre ein zu großes Wort.
Ihre große Tochter machte ihr wieder Schwierigkeiten. Sie saß tagelang niedergeschlagen in ihrer Sozialwohnung im Düstern und starrte die Wohnungswände an. Die Sozialempfänger , die Nachbarn, hier waren meist eingefleischte Einheimische, seit Generationen hier verwurzelt und die ließen am wenigsten jemanden in ihren Kreis herein: qua früher erworbener Rechte, eher hier geboren und großgeworden zu sein. Die Tochter fühlte sich isoliert und einsam. Sie verharrte in katatonischer Lähmung. Ihre Stirn bildete bereits dicke Falten.
Mit der Kleineren verhielt es sich anders, schon deshalb, weil sie in einer größeren Stadt lebte: sie ging nach der Schule stracks nach Hause und zog sich einen Videofilm nach dem anderen oder spielte mit diversen Spielkonsolen bis in die frühen Morgenstunden hinein. Sie war völlig auf dem Suchttripp aufgestiegen.
Immer wieder impfte sie es ihnen ein, dass sie lernen sollten, nur so kämen sie voran. Sie werden schon sehen, sagte sie, eines Tages werdet ihr die Früchte ernten, meine Worte im Nachhinein gehört haben und sagen: ja, sie hatte recht. Und immer wieder machte sie es ihnen klar, was auf dem Spiel stand im Leben: Armut oder Wohlstand, Isolierung oder Anerkennung. Zerstreutheit oder Befriedigung. Dieses Insistieren in den Mut, Glauben und Charakter ihrer Kinder kostete sie selbst sehr viel Mühe, Energie und Glauben, nicht zuletzt, weil sie von ihrem Arbeitsdasein, ihrer Wechselschicht so ausgepowert war, als nächstes, weil sie mit ihrem Zweiten Eheleben so hadern musste, weil es so einsam war, weil ihr Ehemann sie wieder so sehr zur Mücke gemacht hatte. Dann glaubte sie selbst nicht, was sie in die Ohren der Jüngern predigte, aber diese Missionierung ohne Glauben, diese Harmonie der Leere, diese Aussagen ohne Perspektiven missionierten sie selbst, renkten sie wieder in die Welt ein, erfüllten sie mit Hoffnung...
Das letzte Mal hatte aber ihre jüngste Tochter sogar widersprochen, was noch niemals vorgekommen und sie sich selbst niemals hätte leisten können und getraut hätte in Vietnam ihren Eltern und Familienmitgliedern gegenüber. Sie hatte aber geistesgegenwärtig den Finger auf den Mund legen können, die Tochter damit irritiert und ihr zugeflüstert: „Denk erst einmal darüber nach, was Dir Deine Mutter sagt!“ Das war schon grenzwertig, hart an der Klippe der Verzweiflung, des Fatalismus vorbei, vor dem sie selbst große Angst hatte. Weil sie sich heute oft selbst überlegte, ob es richtig gewesen war, ihre Familie, ihr Land, ihre Heimat zu verlassen! Nur um den Preis, irgendwann einmal ein besseres, eigenständigeres, abwechslungsreicheres Leben für ihre Töchter herausschlagen zu können – für sich selbst war sie momentan nur mehr total resigniert. Ihre Opferdasein war nur ihren Töchtern geweiht – Amen.
Sicher, ihre Kinder werden später kaum alte Freundinnen haben, mit denen sie die
Zeit mit langwährenden Telefongesprächen und endlos sich in die Nachmittag hineinziehenden Kaffeekränzchen, Shoppingtouren, Telefon-Sitzungen Zeit verbringen bzw. totschlagen werden. Aber sie werden sich leichter von einem Standort, einem Ort, einem Land, ja Kontinent zum anderen wenden können, leichteren Herzens umziehen, bessere Berufschancen wahrnehmen können, mehr und neuere Reize aufnehmen, interessantere, exotischere, unbekanntere Freundinnen haben – die Menschen sind ja so breitgefächert. Und immer, wohin sie auch umziehen, werden sie nicht auf die asiatische, ja vietnamesische Kultur, Küche und Kontakte verzichten müssen, denn ihre Rasse ist schon längst über die ganze Welt verstreut!?

„Die bist ein süßes kleines Schlitzäuglein. Die gehörst mir. Ich weiß, du hast keinen Papa und keine Mama, aber ich werde dir beides sein. Ich bin dein Beschützer. Nur mir kannst Du vertrauen, als einzigen auf der Welt. Wir werden eine einzige fest Burg in dieser von Gift stürmischen Welt-See sein.“
Die Tochter wurde belästigt, niemand im Haus und dem ganzen Block, obwohl sich jeder kannte und die Hälfte miteinander verwandt waren, wusste, wer dahinter steckte.
Mit der Zeit steigerte sich des Belästigers Liebe ins Schwärmen. Das war nachgerade unheimlich. Wer prosaisch und nüchtern erscheint, ist normal, wer romantisch und abgehoben, krank.
Was dachte dieser Nachbar? Wurde er gierig, weil er gedacht hat: dort nahe meiner Wohnungstür lebt eine schwache, unschuldige Frau und Mädchen, deren es an jeden Familienzusammenhang fehlt? Die kann ich an mich reißen, binden und ketten, so hilflos und alleinstehend wie die ist. Sie ist das geborene Opfer, das gefundene Fressen, die gebratene Taube, die mir in den Mund fliegt, sofern ich ihn nur öffne.
„Ich stehe auf Deine weiße Haut!“
Keiner, keiner – in so einem Fall höchst ungewöhnlich, machte Hinweise an die Polizei oder gab welche weiter, wenn der nächste Nachbar nur mal so einen Verdacht formuliert hatte, und der Misteriosität noch die Krönung aufgesetzt, kommen die üblichen Verdächtigungen, Denunziationen, Begleichung alter Rechnungen, indem ein nachbarschaftlicher Unsympathisant beargwöhnt und angeschwärzt wird, nicht zustande: „Er hat die Wohnung verdunkelt. Seltsame klagende Laute, oft Winseln, wie wenn ein Lebewesen gequält werden würde, sind hinter seiner Tür zu hören, manchmal zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten, nach 24 Uhr nachts, aber meistens in den morgendlichen Dämmerstunden gegen 4, 5 Uhr. Ist das nicht verdächtig?“
Nein, solche Hinweise, selbst anonymer Art, fehlten total, eine eisige Mauer des Schweigens umgab die Angelegenheit. Gab es einen Päderasten, eine Bestie, einen Vergewaltiger, der allen bekannt war? Warum schwiegen die Leute? Weil dieser früher öfter gedroht, sich ein Opfer ergriffen, andere in diesem Falle bedroht und attackiert hatte – und nun - keiner wollte Ärger kriegen, alle schwiegen - gaben die Nachbarn eingeschüchtert und ängstlich Ruhe?
Noch begnügte er sich mit anonymen Schreiben, machte sie einem Spaß daraus, vorzulugen und sich sofort wieder zurückzuducken, eine Art Vorspiel und würde also jederzeit zuschlagen, nur eine Frage der Zeit, sowie er sich vor Verfolgung sicher sein konnte und bereits jetzt lauerte er hinter seiner Tür, hinter der Tür zum Keller, im Fahrradschuppen – eine erwartungsvolle Stille, Knistern und Flimmern im Treppenhaus herrschte – lag er schon zum Sprung bereit, klapperte dort nicht ein Fenster, ging zwei Stockwerke oben nicht gerade eine Wohnungstür zu?
Die Tochter, sich von der Polizei und Öffentlichkeit in Stich gelassen fühlend, geriet in eisige Panik, nicht aber die Mutter, diese bewahrte die Contenance, den kühlen Kopf, den nüchternen Verstand, im Gegensatz zur Kleinen, die vor Angst und Schrecken zu Beruhigungstabletten griff – nach einem Monat folgenloser polizeilicher Überwachung und Ermittlung und erneut belästigender Botschaften, wohingegen dann Mutter bald sich nach einer anderen Unterkunft für die Tochter umsah, auch wieder in sozialbenachteiligten Bezirken zwar. Aber die Bauwohn-Genossenschaft, und eine andere Möglichkeit hatte sie nicht, konnte ihnen nichts anderes bieten letztlich als in dem entgegengesetzten Außenbezirk der Stadt. Und tatsächlich, nach dem Umzug hörten hinfort die bedrohlichen Briefe auf, zugeschickt zu werden.

Pentzw
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Die Migrantin VII

Beitragvon Pentzw » 06.06.2018, 14:45

Die Entführung

Klebeband auf den Mund, sehr stark und streng, kalte Fischhand drückt den Nacken herunter schmerzend, krudes Schieben vorwärts, nur gut, das man den Weg erkennt; Autotürenöffnen, lautes Zuschlagen, dann eine Binde um die Augen streng zugezogen und gebunden; Gerümple, leicht miefig; langes Warten, bis diese dunkle Odyssee zuende ist. Stillstand.
Die erste Nacht wird sie gefesselt in den Knöcheln am Rücken in einem großen Pickup gelassen und verbringen, der in einem Art Carport stand, was ein heruntergekommenen Bauernhofschuppen war, in dem nicht nur altes Bauernhof-Gerät und –Werkzeug herumstand, sondern im Freien draußen gackernde Hühner herumscheuchten.
So lag sie gefesselt in diesem neuen Fahrzeug, leicht nach Plastik und sonstigem frisch Verklebten, Verschweißten riechend und miefelnd, trotzdem wird das Riechorgan mit der Zeit überlappt vom Odel, der Gülle, dem Ammoniak, dem Heu und der Hühnerscheiße.
Morgens glücklicherweise Start des Pickups, man propfte ihr den Mund, in dem sie ein paar Schokoriegeln zugesteckt bekommt, eine Cola-Dose danebengestellt, das war’s.
Der Pick-up fuhr mit einem seltsamen dicken Mann los. Er hatte bürstenartiges, wegstehendes, vom Nacken bis in den Hals und Rücken hineinwachsendes Haar, wahrscheinlich wie ein Bär ein Fell.
Ja, seltsam war er, zu dick war er, einige fette, glänzende Pickel prangten ihm im Gesicht, was man von der Seite her wahrnehmen konnte und preisgegeben wurde, wenn er beim Einfahren nach links seinen Schädel in die entsprechende Richtung drehte, pickelnarbige, igitt, igitte, er musste sich diese wohl hier von dem Bauernhof geholt haben, wo sie früher Schweinekoben gehabt haben, wie sie, wie sie gehört hatte, die Leute hierzulande nur von dem allesfressendem Schweinen gelebt hatten. Kühe wurden nicht geschlachtet, denn die lieferten Milch. Stiere, Rinder gab es so gut wie überhaupt nicht.
Der Mann war unrasiert, ungekämmte die struppeligen Haare standen ihm zu Berge, außerdem roch er nach Mief, nach miefigen Zigarettenqualm nämlich, nach stinkenden Überresten Gegessenem und noch Schlimmeren. Seine Zähne waren extrem ungerade, aber sein Atem roch immerhin nicht nach Alkohol. Aber dieser beizende Geruch, den sein Körper und seine Haut verströmte, war ihr ungewohnt und unangenehm. Als ob er auf Diät wäre, nicht alles essen durfte, was man halt so isst, oder als ob er krank sei und von daher dieser eigenartige scharfe Geruch herrührte.
Binde um den Kopf gelöst, Fahrtstopp, herausgeführt, -gestoßen aus dem Auto, dabei Binde heruntergezerrt, als Halstuch nun dienend.
„Das Du mir ja nicht schreist! Sonst schlitze ich Dir Deine Schlitzaugen aus. Verstanden!“ Stummes Nicken. Heftiges, hektisches, extrem ängstliches.
Häuser wie in der Art von Siedlung, in der sie lebt, geradezu auf eines davon, nur zwei Schwellen zu übersteigen, Großes-Haus-Tür-Öffnen krachen, nicht geölt, älteres Baujahr die Tür, durch einen fliesenbelegten, kalten Flur, dann links in den Keller eine steile Treppe hinab, ein mittelalterliches Hängeschloss wird geöffnet, sie in den Raum hineingestoßen, indem in der hintersten linken Ecke ein Holzverschlag ist, in dem man einmal Kartoffeln, Äpfeln und später Kohlen deponiert hatte; in der sie nun hineingestoßen, festgebunden von der an einer an der Wand befestigten Kette, die ihr über das Handgelenk geklemmt und sie schließlich auf den Achsel-Schultern hinuntergedrückt wird, um auf einen bequemen Leichtmetall-Stuhl Platz zu nehmen. Der Entführer dreht sich um und verschwindet wieder. Das Licht brennt immerhin. Geht aber nach einigen langen Minuten aus. So!

Dunkelheit ist gewöhnungsbedürftig. Zunächst ist nur sie da, die Dunkelheit, dann hört man nach einer langen, langen Zeit hinter einer dicken Mauer und einer Geräuschabdämmung Murmeln, Klicken, ja, Laufen stattfinden. Da laufen Menschen hin- und her, an dem – wo war sie wieder – Kellerfenster vorbei – einzelne Menschen, daher das Klicken zu hören, mindestens zwei Menschen zusammen, daher das Gemurmle, Fetzen von Gespräch. Da führt ein Bürgersteig vorbei. Na klar!
Es befindet sich noch eine Kerze hierunten mit Streichhölzern, so dass sie – mit viel Büchern versorgt – die Nächte um die Ohren damit schlagen kann. Sie freut sich darüber, dass ihr Entführer daran gedacht hat, ihr Kerzen und Feuerzeug hier unten hinzulegen.
Der Entführer ist bestimmt ein guter Mensch!
Sie würde deswegen, darüber ist sich in anderer Hinsicht noch im Klaren, bestimmt kein Feuer als Zeichen des Eingeschlossenseins entfachen können, um andere auf ihre Situation aufmerksam zu machen, wie sie sich doch, bevor Hilfe käme, sich selbst dabei dem Erstickungstod ausliefern würde.
Damit konnte sie sich also nicht aus ihrer misslichen Lage befreien, mit Kerzen, mit Feuerzeug, aber immerhin mit Büchern. Denn damit konnte sie aus ihrem Gefängnis entfliehen, in Gedanken, in ihrer Phantasie, das kam einer tatsächlichen Flucht gleich. Wunderbar!
Sie betrachtete ihren Karzer, Zwinger und Verhau genauer.
Der Kellerraum war zudem unterbrochen, unterteilt durch ein Holzgatter, das sich zu einem kleinen, hölzernen Nebenraum oder Raum innerhalb des relativ großen Kellerraumes gestaltete. Hierin war sie eingesperrt, worin sie an einer langen Kette hing, die mit der Mauer verbunden war. Das Eisenteil, an dem dieses Gliederband befestigt war, war jüngst eingebaut worden, es roch nämlich noch nach Zement und Mörtel. Sie zog an dieser Apparatur, aber war zu fest in das Steinwerk verankert. Diese Eisenpanele, an der die Kette befestigt war, war mit drei dicken Schrauben versenkt, diese wiederum mit Dübeln, die in den Stein eingeführt, nachdem drei Löcher hineingebohrt worden waren. Es war an dem Eisenteil ein Ring angegliedert, mit dem man denn das dicke, letzte Glied der Kette verbinden konnte. So arretierte man einmal Kettenhunde.
Aber in diesem Fall war alles extra für den Zweck, eine Person hier festzuhalten, angefertigt worden.
An einer Deckenecke war ein Videogerät installiert, das sie im Visier hielt. Sie wurde also von außerhalb von anderem, wahrscheinlich dem ekligen, dicken Mann beobachtet und überwacht.
Neben ihrem Plastikstuhl lagen drei kleine Matratzen älterer Machart, nicht eine einzige lange nämlich, mit dem man ein Bett belegen, sondern altmodische drei Matratzenteile, auf denen sie schlafen und zudem den Vorteil besaßen, daß man tagsüber eine bequeme Sesselsitzgelegenheit daraus bauen konnte.
Das war Ihres, darin und damit würde sie hausen müssen, mit allen Konsequenzen – oh, sie war ein kluges, aufgewecktes, vorausplanendes Mädchen – und von daher machte sie sich am meisten Sorgen über die Fäkalierung. Würde sie, es, die Scheiße, der Urin regelmäßig abgeholt, weggewischt, ausgeleert undswoeiter werden?
Aber natürlich.
Ansonsten würde der baldige Gestank, den die Nachbarn riechen würden, bald misstrauisch machen und ihr Versteck liefe Gefahr, entdeckt zu werden.
Die Entfernung der Fäkalien würde also kein Problem darstellen.
Konnte sie sich ausreichen duschen, damit sie nicht verwahrlost und verkrustet und versifft werden würde? (Bald würden sich diese Sorgen von selbst lösen, nur einen Tag hätte sie warten müssen, um sich dieser Bürden entledigt zu sehen)
Nun die wichtigste Fragen? Die am meisten sie beängstigenden.
Was würde er mit ihr machen?
Vergewaltigen, misshandeln, quälen, verkommen lassen, nur hin und wieder nach ihr sehen, so dass sie lange, lange allein sein würde, nicht genug zu essen und zum Leben haben würde?
Eine Stimme hörte sie: „Mach keinen Wind.“ Die andere: „Mir ist bange.“ „Ich lass die Katze aus dem Sack.“ Die andere Stimme war jetzt weiter weg zu hören und sprach etwas, was in der dunklen Stille verschluckt und unhörbar wurde. Die erste Stimme: „Die Glocke ertönt nur ein...“ Die letzte Silbe war nicht mehr zu hören.


Zunächst – für die Mitlebenden, verschwand sie doch eines Tages. Man hatte alle Vorkehrungen getroffen, die getroffen werden konnten. Nicht? Was konnte man schon mehr tun, als bei einer Stalkersituation einen Wohnungswechsel durchzuführen – nach Adresse Unbekannt?
Ohne Vorwarnung, ohne Ankündigung, ohne Begründung, als habe der Täter sicher gehen wollen, dass die Luft rein wäre oder er sie nicht mit seinen unflätigen Schreiben sozusagen die Luft verpeste, hatte er zugeschlagen, sich das Opfer gegriffen und es an einem sicheren Ort versteckt.
Jetzt war sie
verschwunden, ein Mädchen war entführt worden. Also.
Da sie Einzelgängerin war und es erst am Montag auf ihrer Praktikumsstelle bemerkt wurde, wußte man nicht, an welchem Tag es geschehen war. Am Freitag schon, Samstag oder Sonntag? Es hätte auch geschehen können auf dem Weg zur ihrer Arbeitsstelle am Montag, so daß man sofort hätte handeln sollen und nachschauen, zu ihr in die Wohnung fahren und eventuelle Zeugen befragen, ob ihnen an diesem Morgen irgendetwas aufgefallen war. Auch Aufrufe an die Öffentlichkeit, daß sich jemand melden sollte, dem etwas Außergewöhnliches ins Auge gestochen war, wurden dadurch schwierig, daß man nicht wusste, wann die Entführung stattgefunden hatte. Es wäre einfach und günstiger gewesen, zu wissen wann, weil die Umstände dieser Entführung sicherlich nicht einfach und reibungslos und unbemerkt hatte stattgefunden. Mit Sicherheit war irgendjemanden irgendetwas Besonders aufgefallen, wodurch man Hinweise auf ihren Verbleib, ihrer jetzigen Gefangenschaft und Unterkunft hätte ableiten können, ungefähr zumindest.
So war alles unklar, welchen Ort, welcher Vorort, oder außerhalb der Stadt wurde sie gequält und festgehalten? Nichts war bekannt.
Wo befand sie sich nun?
Ein schlauer Kriminalist hätte bestimmt diese Idee in Erwägung gezogen. Sie war nämlich wieder in den Bezirk zurückgekehrt, wo sie das erste Mal angemacht wurde. Der Verbrecher hatte Wind davon bekommen, wohin sie gezogen war und er kam ja von diesem ursprünglichen Bezirk.

Die Vorwürfe: „Wir sind Migranten, Vietnamesen, ‚Asiaten, da ist es nicht schlimm, wenn entführt und Perverser Mann macht ficki, fick mit kleinem Mädchen!“ Wutschnauben, Holzschlagen, Fußstampfen, Weinen, Knochenfäuste in die Augenhöhlen gestoßen, sich den Kopf abwendend gegen eine Mauer gelehnt, denn Handelle über den Kopf gehalten, wird geflennt, geschluchzt und geschrieen, dass sich die Balken biegen.
Mit einem Mal wusste sie Bescheid, lag es glasklar vor ihr, Wahrheit.
Wie konnte schließlich der Täter dahinterkommen, wo sich ihre Tochter neu einquartiert hatte? Wie konnte er so gut Bescheid wissen, über deren Gewohnheiten, denn darüber musste er informiert gewesen sein, dass sie bei der Stadt arbeitete und bestimmte Tageszeiten einhielt, um rechtzeitig in ihre Arbeit zu gelangen, einzukaufen und wann sie nach Hause zu kommen pflegte.
Ihre Mann steckte mit dem Täter unter einer Decke, jener war es, der die Tochter hatte entführen lassen –um sie zu treffen, als Vergeltung all der Enttäuschung über seine Ehefrau und ihrer Untätigkeit, Weigerung und Unfähigkeit, ihn in seiner körperlichen Notlage und Bedürftigkeit beizustehen, zu versorgen und zu pflegen.
Nunmehr hatte er einer seiner dubiosen Kumpels beauftragt, ihre älteste Tochter zu krallen, zu verschleppen und zu verstecken. Daher das Ausbleiben einer Lösegeldzahlung, was ja sowieso ein Witz gewesen wäre, da sie kaum etwas Besitz besaß, nein, wahrscheinlich steckte schlicht und ergreifend eine Vergeltungsaktion und Rachemaßnahme des gekränkten, beleidigten, gedemütigten Herren Ehemannes dahinter, jawohl!
Das Wissen der neuen Wohnung, der neuen Adresse, er hat es verraten an einem geilen Bock, einem Kinderschänder, einem Perversling, wovon, die Zeitungen berichteten von solchen Abartigen tagtäglich, es im Westen nur so wimmelte – einzig um ihr eine auszuwischen, so sind doch die Männer letztlich, wollen stets das letzte Wort haben, die Faust auf den Tisch hauen, sagen, wo es lang geht und die Frauen haben zu gehorchen, nichts zu melden, nicht zu widersprechen – wie ihr eigensinniger Vater auch, der eine dreißig Jahr Jüngere, man stelle sich dies nur mal vor, bei seinem über 70 Jahren auf dem Buckel, geehelicht hatte, und jetzt sogar in diesem Alter noch, wie es in Vietnam von Ehepartnern erwartet wird, von seiner jungen Gemahlin ein Kind erwarten durfte.
Er steckte dahinter – mit Sicherheit!
Auch wenn sie die Unglaublichkeit dieser Frechheit dieses abscheulichen Verbrechens kaum fassen und glauben konnte – er war es!
Oh, sie würde ihn mit behänden, spitzen, akkorderprobten, kleinmotorisch geübten Fingern in der Tigerkrallenweise eines asiatischen Traditionskämpfers die Augen ausstechen, diese Methode, ihre einzige, klein- wie er großwüchsig war, um ihn zu erreichen, zu bestrafen, zu übertölpeln.
Kommt das Wort von Tölpel? Tölpel ist doch eine dummer, unbeholfener, erfolgloser Kerl. Nein, sie konnte sich durchaus helfen, durchsetzen, ans Ziel gelangen, lag die Meßlatte noch so unerreichbar hoch, wenn es sein müsste, sie schon durchaus!

© werner pentz


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