In der besten aller Republiken - Verteilungskämpfe

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Pentzw
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In der besten aller Republiken - Verteilungskämpfe

Beitragvon Pentzw » 01.05.2019, 12:25

Eine Gewerkschafterin begleiten

Ich fahre mit einer Freundin nach München, die dort als Freiwillige ein Ehrenamt bei der Gewerkschaft innehat. Sie beraten und entscheiden wohl darüber, wie hoch und in welchem Umfange die nächsten Forderungen des öffentlichen Dienstes sein sollen.
Ich erzähle ihr, dass ich letzthin einen Beschäftigten bei einer Telefongesellschaft englischer Provenienz getroffen habe. Wenn er sein Namensschild nicht am Revers trägt, wenn eine Kontrolle kommt, bekommt er Sanktionen. Derjenige, der ihn damit erwischt, bekommt eine satte Belohung.
„Das ist tariflich nicht erlaubt in Deutschland“, sagt die Gewerkschafterin, die gerade mit mir nach München fährt, wo die Delegierten einen Mindestzuschuss, Gehaltserhöhung und Forderung gegenüber den Arbeitgebern von mindestens 200 Euro pro Monat beschließen werden. Das ist die Hälfte der Grundsicherung eines armen Schluckers in der Republik.
„Verteilungskämpfe wird es geben!“, prophezeit sie.
Sie gluckst mit den Augen und die Augen treten langsam aus ihren Höhlen, als hätte sie Nierenprobleme.
Verteilungskämpfe - als wäre zu wenig da!? Wobei es auch aus ihrem Magen gluckst, immer wieder, als hätte der Alkohol Wein, ein sehr dicker, lieblicher Saft, der in ihr steckte und nicht zu wenig, gerade erst zu goren angefangen.
Ich darf mich nicht mit ihr vergleichen. Gleichen Alters würde sie heute so viel Rente bekommen, dass sie Steuern abführen müsste und unsereiner nicht einmal das Niveau der Grundsicherung erreichen mit meinen spärlichen Einzahlungen; sie hat lediglich eine Ausbildung, wohingegen ich zwei akademische Abschlüsse. Wer steht denn nun gut da: derjenige, der in Bildung investiert hat oder der andere, der sich mit einem Minimum an Fortbildung, Ausbildung und Schulen seinen Weg durchs Berufsleben geebnet hat?
Dabei langt die Gewerkschaft mit ihren aktuellen Forderungen wieder einmal, mehr den je, gehörig zu. Es ist genug vorhanden. Gewerkschaft? Achja, diejenigen Interessensgruppe, die nur eins will: Mehr.
Gewerkschaften?
(„Das ist eine Ausnahmeperson in diesem Verein“, höre ich den Entschuldigungssatz. Aber die Gewerkschaft hat die Tendenz, alle über einen Kamm zu scheren und ihre Mitglieder gleichzumachen.)
Ein Jahr lang kam ich selbst in den Genuss, im öffentlichen Dienst arbeiten zu dürfen und da trat ich auch der Gewerkschaft bei. Nachdem mein Dienst endete, ließ mich diese Organisation nur wieder willig frei, aus ihren Armen und ziehen. „Ihre Unterschrift der Kündigung entspricht nicht derjenigen ihres Beitrittes.“
Wie darf man das verstehen?
Sie hielten mich wohl für verrückt geworden, dass ich inzwischen eine Persönlichkeitsänderung vollzogen hatte? - Oder wollte ich betrügen, eine Person vortäuschen, dass eine andere aus ihrem Verein austreten will, womöglich eine Aktion der Gegenpartei, einer aus der Arbeitgeberorganisation oder welche Erklärung gibt es noch?
Heute, nach Jahrzehnten glaube ich einfach, sie wollten mir den Ausstritt so schwer wie möglich machen. Sie hofften, ich würde die Fahrt von gut 30 Kilometer mit dem Auto zur Zentrale scheuen und einstweilen die Mitgliedschaft aufrechterhalten, weil ich die Umstände scheute.

Drei Minuten zu spät kommen wir an vor dem Gewerkschaftshaus Münchens, sie überlässt mir ihr Auto, das ich inzwischen bis 16 Uhr irgendwo parken soll. „Das Geld fürs Parken!“ „Kriegst du später. Ich habe keine Zeit mehr“, und verschwindet im Gebäude. Ich frage nach einer Möglichkeit, Theresienwiese und im Parkhaus des Geschäftes Sowieso. Ich ahne, erstere Option ist die billigere, aber da muss ich rumsuchen, ich nehme das, was ich deutlich vor mir sehe. Es wird für den Tag 30 Euro kosten, eine horrente Summe, soll ich nicht doch lieber nach der Theresienwiese umschauen?
Was machst du dir für einen Kopf, für andere, kriegst bei dieser Herumsucherei nur graue Haare!
Spätnachmittags, pünktlich, warte ich im Gewerkschaftshaus über eine halbe Stunde auf den vereinbarten Termin, bis meine Bekanntin aus ihrer Versammlung, ihrem Seminar, Kurs kommt. „Gib mir das Geld, ich muss die Parkgebühren bezahlen.“ „Wie viel?“ „Dreißig Euro!“, genervt, gestresst, sich schon eine Zigarette angezündet, klaubt sie diesen Betrag, in einzelnen Fünf-Euro-Scheinen, aus ihrem Portemonnaie.
Ich hole das Auto, es stellt sich aber heraus, das ich nur etwa die Hälfte zahlen muss. Ich überlege mir, ob ich ihr den Restbetrag korrekterweise wieder geben oder ihn für mich behalten soll? Ich entscheide mich zunächst für letzteres, etwas, was ich bislang noch niemals getan habe.
Ich bin froh, dass sie nicht nachfragt, ob sie doch nicht Wechselgeld bekäme, so gestresst ist sie heute. Ich wäre in eine sehr ungute Situation geraten, nämlich lügen zu müssen. Unpünktlichkeit, Lüge, Betruf, Täuschung usw. sind Eigenschaften, die man mir anerzogen hat. Aber auch weniger gute Eigenschaften: Gehorsam, Willfährigkeit und immer Bereit-sein-für-den-anderen –heutzutage fatal.
„Ich habe mir schon überlegt, ob ich nicht einen Tag früher mit Dir nach München fahren sollte...“
„Du meinst, da im Hotel übernachten.“ „Genau.“ Wir haben dies ein paar Mal gemacht, in Berlin, in Potsdam, sie weiß, dass mir das gut täte, ich bin immer froh, aus meinem grauen Alltag herauszukommen. Sie wohl auch. Nur habe ich nicht das nötige Kleingeld, sie umso mehr. Aber es ist nicht ernst gemeint. Sie grinst feist. Ich denke, na schön, sie nimmt mich nicht ernst. Das ist nur so daher gesagt, cest la vie. Oder vielmehr hat es Methode. Dem anderen seine Wahrnehmung abstreiten, so dass er irritiert ist und beginnt an seiner eigenen Urteilsfähigkeit zu zweifeln, wonach er leicht irritier- und lenkbar wird.
Menschen, die das Helfen zu ihrem Beruf gemacht haben, müssen Bescheid wissen in der Psyche des human sapiens. Und das tat sie, um ihre Interessen zielgerade durchsetzen zu können.
Was hat sich geändert seit der Steinszeit, mit Beginn des menschlichen Imperalismus über die ganze Erde? Er verdrängt seine Konkurrenten mittels seiner Schlauheit, seines besseren Gehirns und domestiziert andere Tier zu seinem Nutzen. Die Erde war ein riesiger Stall von Sklaven anderer Spezies, umsoweniger die Sklaverei der dümmeren der gleichen Spezies abgenommen hat.
Zuhause sagt sie mir dann frank und frei ins Gesicht, daß sie keinen kennen und es wohl keinen gebe, der so etwas machen würde, einen Tag opfern, mit einem Navi laborierend und händelnd sich abmühen, bis in die Münchener Innenstadt zu fahren, den ganzen Tag zu warten und herumzubummeln, bis diejenige, die er begleitete, mit ihren Dingen fertiggeworden sei.
Nicht nur, dass sie mich nicht für ernst nahm. Sie hielt mich schon die ganzen Jahre für verrückt, gestand sie mir, als ob dies etwas Neues für mich gewesen wäre. Also, geahnt habe ich es, aber so direkt ins Gesicht gesagt zu bekommen, bringt mich doch fast zu schlucken. So hat es mittlerweile und jetzt so ausgesprochen gewisse Signalwirkung.
Ich dachte nach. „Verrückt“ hieß nicht „unzurechnungsfähig“, sonst hätte sie mich bestimmt nicht als Begleiter und Händler bzw. Lenker des Navigators erwählt. „Verrückt“ konnte in diesem Zusammenhang doch nur gemeint sein, wenn jemand Zeit und Energie opfert, jemanden anderen „entschädigungslos“ einen Tag zu opfern und ihm zu helfen wie hier bei der Fahrt von Nürnberg nach München.
Wer will schon als verrückt gelten?
Ich bin jetzt froh, dass ich das Geld behalten habe.
Ich habe den Rubikon überschritten.
Ich hatte danach, wie üblich in solchen Fällen, keine Schuldgefühle.

Verteilungskämpfe

Wie alles anfing

Mit meiner damaligen Freundin hatte ich mir eine Karte geteilt, es war eine Bahnkarte, bei der gleichzeitig zwei Personen fahren konnten. Wir fuhren öfter am WE aufs Land, nahmen unsere Fahrräder mit, die auch von dieser Karte gedeckt war. Anstelle von zwei Fahrrädern hätte man auch noch vier Jugendliche mitnehmen können. Sie überließ mir diese Karte bei der Trennung, die noch vierzehntätige Gültigkeit besaß. Mir kam die Idee, vielleicht kannst du ja statt mit deiner Freundin auch mit einem Fremden fahren. Nur wenn, wann, und wie an einen kommen? Ich stand gerade vor einem Ticketschalter. Ein Fremder wählte die Route, die auch beschreiben wollte und also fragte ich ihn, ob er nicht mit mir fahren wolle. Die Möglichkeit bestünde aufgrund dieses meines Tickets. Ich dachte, dass er ruhig umsonst mitfahren, vielleicht symbolisch mir einen Euro geben könne. Das empfand er jedoch als Affront. „Ich bin noch niemals meinen Zahlungsverpflichtungen nicht nach gekommen.“ Sagte er etwas beleidigt und stolz zugleich und gab mir einen Betrag, den ich wiederum insoweit zurückzahlte, dass ich ihm die Hälfte dessen, was er hätte bezahlen müssen, berechnete. So konnten er und ich billiger dorthin fahren, wohin wir fuhren. Das war eine runde Sache für beide Beteiligten.
Die Menschen hierzulande sind stolz geworden, oder reich, jedenfalls niemand will sich etwas schenken lassen. Eine positive Entwicklung.
Auf dem Rückweg stand ich vor der gleichen Ausgangsposition. Zeit hatte ich ja, warum sollte ich nicht wieder jemanden fragen? Ich stand vor den Terminals der Bundesbahn und blickte dem ein oder anderen Kunden über seine Schultern, um zu sehen, welche Reiseziel er eingeben würde. Deckte es sich mit meinem, würde ich diejenige Person ansprechen: „Entschuldigen, wollen wir nicht zusammen nach Nürnberg fahren. Ich habe da eine Karte, die ist für zwei Personen gültig und da können wir... Wenn Sie wollen?“ Flopp. Wieder klappte es. Erstaunlich. Aber klar, auch wenn die Leute hierzulande reich geworden waren insoweit, dass sie sich nicht gerne mehr etwas schenken lassen wollten, so waren sie wiederum nicht derartig reich, dass sie die horrenten und überdimensionierten Ticketpreise der Bahn so ohne weiteres schluckten. Bot sich eine Möglichkeit, diese zu umgehen, hier in meinem Falle zu halbieren, warum nicht? Teuer genug sind die Pendlerpreise, auf Dauer gesehen sowieso, das sagte einem jede Milchmädchenrechnung.
Und so bekam ich wieder leicht einen Mitfahrer.
Ich kam ins Grübeln.
Warum dies nicht öfter tun?


Rotkäppchen und Gelb-Westen


Plötzlich steht er da. Ein Bediensteter der Bundesbahn. „Wir sind nicht so doof, wie sie meinen. Das ist Steuerhinterziehung.“ „Ich tue nichts Verbotenes!“ Eine heftiger verbaler Austausch findet statt. Daneben stehen etliche Jugendliche, schwarz-häutig, Zufall?, die ich mit meiner Karte mitnehmen wollte. Hemmungslos brüllt, echauffiert und gestikuliert der mit einer roten Kappe bewehrte Bedienstete. Er verschwindet wieder, läuft zum Hauptschalter in der Mitte der Halle hin, kommt aber bald wieder zurück. „Ich rufe die Bundespolizei.“ „Rufen Sie, genau. Machen Sie das!“ Macht er aber nicht. Die Situation ist unangenehm, bedrängend, beängstigend. Er ist so wenig im Recht wie ich. Er hat letztlich keine rechtliche Handhabe, die Karte ist nun einmal übertragbar für zwei Erwachsene sowie vier Jugendliche, plus einem Hund. Es gibt keine Einschränkungen, wie oft und mit wem man fährt. Also tue ich nichts Unrechtes. Wäre die Bahnpreise nicht so hoch, würde auch keiner mitfahren, aber so ist es eine sogenannte Win-Win-Situation, vorteilhaft für den Angesprochene, der über die hohen Tarife stöhnt und den Kopf schüttelt. Die meisten freuen sich, wenn sie ein paar Euro sparen können dabei.
Dann ist er wochen-, monatelang nicht zu sehen. Ich begebe mich auch vornehmlich in andere Städte, Bereiche, weil ich einer eskalierenden Konfrontation aus dem Wege gehe. Ich fühle mich zwar nach reifer Überlegung nach wie vor im Recht und erkenne keine Unrechtmäßigkeit in meinem Tun, aber nichtsdestotrotz habe ich keine Lust, mich weiter mit ihm auseinanderzusetzen. Auch zur Bundespolizei zu gehen, um ihn anzuzeigen, mein Recht klar darzustellen, vermeide ich, weil ich eigentlich meine Ruhe haben will. Ich lese wahnsinnig gerne, brauche dafür viel Zeit, die ich beim Fahren mit einer Begleitperson habe und muss meine Zeit nicht mit dem Herumschlagen bei Behörden vergeuden.
Okay, mein Weg führt nun einmal über den Nürnberger Bahnhof, dort muss ich mir eine Mitfahrperson acqurieren, um nach Erlangen, nach Bamberg und dort schließlich hauptsächlich herumzufahren. Also lässt es sich nicht vermeiden, ihm zu begegnen, das passiert nicht allzu oft, weniger oft und häufig als man denkt, wie gesagt, monatelang nicht, aber hin und wieder denn doch. Sinnvollerweise halte ich mich denn dann im Hintergrund, gehe zu einem, wenn auch weniger häufiger von potentiellen Fahrgästen besuchten Terminals. Meine Ruhe ist mir aber am wichtigsten.

Einmal kam es zu einer Situation, dass Sicherheitsleute auftauchten, weil sich irgend eine Person anonym darüber beschwert hatte, dass sie beim Ticket-Lösen oder Tarif-Erkunden am Terminal dauernd von den verschiedensten Leuten angesprochen wird oder von einem, den er als hartnäckig empfunden hat und er sich dabei gestört fühlte, in Ruhe, das richtige Ticket auszulösen.
„Verschwinden Sie von hier!“ Es handelt sich um eine Frau und einen Mann. „Wir haben hier das Recht, bayerisches Gesetz durchzusetzen. Und wenn wir ihnen sagen, Sie sollen sich von diesem Ort hier, in dem wir Hausrecht haben, wegbegeben, dann müssen Sie dem folgeleisten.“
Die Sicherheitsleute erkennt man daran, dass sie nicht wie das Rotkäppchen eine rote Kappe, einen einheitlichen, steifgebügelten Anzug mit einem Namensschildchen wie Rotkäppchen und seine anderen Klone tragen, sondern eine an einen Bauarbeiter erinnernde Gelbe Weste, auf der am Rücken in roten Lettern „Sicherheitspersonal der deutschen Bundesbahn“ geschrieben steht.
„Ich befinde mich hier auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland, noch immer. Bundesrecht bricht Landesrecht!“ Und ich gehe zum nächsten Monitor ein paar Meter weiter. Doch die beiden folgen mir. „Nun gut, Sie scheinen sich in den Gesetzen auszukennen. Aber wir haben hier das Hausrecht. Das geht vor!“ „Ich habe eine gültige Fahrkarte. Ich bin hier Kunde. Also darf ich mich wohl auch hier aufhalten.“ Der Mann verliert die Nerven, sagt etwas, was nicht stimmig klingt. Ich krause die Stirn. Die Frau erfasst den Faux paux ihres Kollegen und schaltet sich mit den Worten ein. „Sie haben also gehört, was mein Kollege gesagt hat. Begeben Sie sich auf das Gleis, von dem ab ihr Zug fährt.“ „Ich muss also eine halbe Stunde in der Kälte draußen stehen, obwohl ich eine Karte besitze, die mich berechtigt, den Bereich der Bundesbahn zu betreten, wo immer ich will...“ „Wenn Sie nicht der Anweisung Folge leisten, verbanne wir Sie für diesen Tag aus diesem Bereich. Sie dürfen bis 24 Uhr sich dann nicht mehr hier aufhalten.“ Der Mann hat sich wieder gefasst. „Das möchte ich schriftlich haben...“ „Wenn Sie dies schriftlich haben wollen, dann bekommen Sie Hausverbot für ein ganzes Jahr.“ Welch eine Logik! Na, ich mache mich auf dem Weg zum kalten – und es ist Winter – Bahnsteig. Aber nach ein paar Meter wende ich mich um, gehe zu ihnen hin und frage ob ich einen Stockwerk tiefer mich zum Discounter zum Einkaufen gehen darf. Jovial sagt er Mann, die Frau akkurat neben ihn stehend und zurückgezogen an einer Wand sich postiert: „Das dürfen Sie! Das gehört nicht mehr zum Bereich der deutschen Bundesbahn.“ Ich kann nur eine Viertelstunde einkaufen, dann stehe ich frierend am Bahnsteig, um auf meinen Zug zu warten.

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Beitragvon Pentzw » 01.05.2019, 20:35

Wilde Kämpfe vorm Schalter

Rotkäppchens Name ist „Rührer“, wie auf seinem Revers-Schildchen steht, das er stolz auf seiner Brust trägt, hinter einem trenchcoatartigen Überzieher verdeckt, der hinter ihm her flattert wie Graf Dracula seiner, huscht und läuft er durch die zugigen Bahngleis-Unterführungen. In der Hand hält er meist ein knatterndes, schepperndes, großes Talkie-Walkie, also kein handy-förmiges oder smart-phone-artiges Telefon, welches wahrscheinlich extra auf eigener Frequenz der Bahnhofshalle läuft, womit keine Kosten verursacht werden und ein besserer Empfang herrscht.
Der Name Rührer ist Programm.
Sobald er hinter Säulen, aus Tunneln oder Ausgängen plötzlich auftaucht, erschrecken eine Menge Leute und ein Pulk stiebt auseinander wie Tauben, wenn man ihnen zu Nahe kommt und die Einzelnen suchen Schutz und Versteck hinter allem, ziehen sich die Kapuzen über den Kopf, den Krakenrevers höher, die Schildmütze herunter.
Rührer macht seinem Namen Ehre. Die Mitfahranbieter schauen sich panisch um sich, sobald sie auf jemanden Anzusprechenden zugehen von ihren Standorten aus von etlichen Meter Abstand zu den Terminals. Sie spähen links und rechts und hinter sich, ob nicht der böse Wolf hinter ihnen lauert, bereit ein furchtbares Gröhlen, Bellen, Hellen und furchteinflößendes Grinsen und Grollen anzunehmen, wo es jedermann urplötzlich den Appetit verschlägt, die Lust vergeht, in Stehstarre übermannt oder in Fluchtpose verfällt.

Einmal: „Would You like to go to Bamberg…” Der Engländer ist unschlüssig, ob er das Angebot einer Mitfahrgelegenheit annehmen oder lieber alleine fahren soll. Hinter uns erscheint plötzlich wütenden Gesichtes und funkelnden Auges die Wolfs-Visage, eine verzerrte Wolfs-Grimasse, genau auf der Höhe zwischen unsere sich in Unterhaltung zugewandten Köpfen, taucht wieder ab, als er nach einem - äh, was, wie – bemerkt hat, dass sich die beiden Herren in Englisch verständigen, ein Idiom, den er wohl nicht versteht und wenn er einen davon, mich, auf Deutsch anpöbelt, der andere, Fremde, sehr ungastfreundschaftlich befremdet sein wird. Da er weiß, dass dieses Geschäftsgebaren nicht einem modernen Leistungsunternehmen geziemt, hat sich der Störenfried rechtzeitig wieder zurückgezogen, nur eine Meter hinter uns platziert mit seinem überdimensionalen krächzenden Talkie-Walkie, aus der gebrochene Stimmen dringen, einschüchternd und warnend, dass er, der Ordnungsmann, bereit stehe. Der Tourist, der Geschäftsmann oder Universitäts- oder Internationalen-Gesellschaft-Beschäftigte entschließt sich schließlich, eine Einzelkarte zu lösen. Damit hat er die Chance verpasst, billiger an seinen Bestimmungsort zu gelangen; der Bahnbedienstete hat ein paar Euro mehr für die Aktionäre dieser Gesellschaft gerettet, deren Vertreter er darstellt; und ich bin nicht näher meinem Ansinnen gekommen, mir ein paar dringend benötigte Sommerschuhe zu kaufen.

Einmal: Grimmiger Wolfsblick durchbohrt mich. Ich gehe auf ihn zu: „Wie heißen sie überhaupt?“, und lese das erste Mal den Namen an seinem Schildchen. „Aha, Rührer, heißen Sie! Den Namen muss ich mir merken.“ „Das wird Ihnen nichts nützen!“, sagt er ungerührt, nicht einen Schritt zurückgewichen ist er oder sonstwie eine körperliche Bewegung vollzogen. „Das wird man ja sehen!“, sage ich. „Alles ist auf Video aufgezeichnet, was hier geschieht. Und das 10 Jahre lang gespeichert.“ „Wir tun nichts Ungesetzliches!“, und ich gehe mit einer leeren Flasche in der Hand Richtung Flaschenautomat, um den Pfandbonus einzulösen. „Betrug ist nun einmal Betrug!“, brüllt er laut, mir dicht auf den Fersen –und in den hier beginnenden Restaurant-, Imbiss- und Bäckereibereich befindet er sich plötzlich auf nicht hausrechtlichem Boden. Da wir uns schon zwei Schritte über der imaginären roten Linie befinden, wildert er im fremden Terrain und hat ihr kein Anrecht, seine vermeintlichen Rechte lautstark einzuklagen, sodaß ihn prompt eine Verkäuferin mit Namen anspricht: „Aber Herr Rührer!“, was machen Sie denn, klingt es mir in den Ohren. Ich gehe weiter Richtung Automaten. Ich bin ihn los, abgeschüttelt habe ich ihn und mir kommt eine Idee, wie ich den Berserker zur Strecke bringen, den Schreihals das Maul stopfen - gut gesprochen, ihn einigermaßen zum Schweigen bringen könnte.


Der Samurei

Ein japanisches Dorf im 16., 17. Jahrhundert wird von einer Räuberbande belagert. Jene überfällt immer wieder diese, raubt, mordet und vergewaltigt und verschwindet wieder für einige Zeit. Der Dorfrat beschließt, diesem Treiben ein Ende zu setzen und einen erfahrenen Kämpfer, einen Samurei zu engagieren. Dieser ortet die Umgebung, die Möglichkeiten. Das Dorf ist von einem dichten Wald umgeben, aus denen die Räuber hervorstechen und gegen den Dorfwall anrennen.
Der Samurei nimmt den Auftrag an.
Er verspricht den Dorfbewohnern, sie von der Räuberplage zu befreien.
Als die Räuber wieder kommen, wird ein Plan durchgeführt. Die Dorfbewohner sind imstande, die Räuber jedes Mal abzuschütteln, aufzuhalten, wenn auch unter Verlusten. Nur lassen sie jedes Mal einen Reiter durchkommen, der als einziger in das Dorf einfällt und von den unberittenen Dörflern durchs Dorf gejagt und gedrillt wird, bis er ermordet werden kann.
So geschieht es jedesmal. Jedesmal kommt nur ein Reiter durch, der gestreckt wird. Natürlich fallen dabei einige Dörfler diesem Unterfangen zum Opfer, aber die Anzahl der Räuber mindert sich, sie durchschauen nicht den Trick, können ihr Treiben nicht aufgeben, rennen immer wieder gegen das Dorf an, verlieren immer wieder einen Reiter und wissen danach nicht Bescheid, was mit ihnen geschehen ist.
Schließlich kommt der letzte, der Räuberhäuptling durch, auch er wird von der stark dezimierten Dorfschar endlich gestreckt. Das Dorf ist recht verwüstet, der Boden darin von den wild herumreitenden Räubern auf Pferden ganz durchweicht, es ist ein hartes Werk gewesen, solch gut bewaffneten quirligen Reiter zur Strecke zu bringen –doch mit Hilfe des Samureis ist es gelungen. Am Ende sind alle am Ende ihrer Kräfte, aber der Auftrag ist erfüllt.
Der Samurei kann weiterziehen, der Samurei, der ein professioneller Krieger ist, der nicht mehr gebraucht wurde nach dem Fürstenbefriedungen, dem Bürgerkrieg, wonach eine Zeit angefangen hat, wo man solche Krieger nicht mehr brauchen konnte. Er hat bei solchen Aufgaben wie mit dem Dorf seine Bestätigung und sein Auskommen gefunden –immer noch treu und ritterhaft hilft er von Räubern überfallenden und gedemütigten Dörflern vor solchen Verbrechern zu schützen, damit die Landbevölkerung nicht ausgebeutet, erniedrigt und ein zu schweres Leben und Los führen und erdulden muß.

Genau so werde ich es machen: ich locke den vermeintlichen Räuber ins fremde Territorium, wo er mit Schimpf und Schande, Anklagen und Vorhaltungen von den Verkäufern und Verkäuferinnen empfangen wird. Damit erhoffe ich, ihn mürbe zu machen. Forthin habe ich stets eine leere Flasche bereit, mit der ich schließlich durch das für ihn fremde Terrain schreiten werde, sobald er hinter mir her ist, um einen Pfandbonus einzulösen.

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Re: In der besten aller Republiken - Das Gespenst in der Stadt der Menschenrechte

Beitragvon Pentzw » 02.07.2019, 17:50

Genau so werde ich es machen: ich locke den vermeintlichen Räuber ins fremde Territorium, wo er mit Schimpf und Schande, Anklagen und Vorhaltungen von den Verkäufern und Verkäuferinnen empfangen wird. Damit erhoffe ich, ihn mürbe zu machen. Forthin habe ich stets eine leere Flasche bereit, mit der ich schließlich durch das für ihn fremde Terrain schreiten werde, sobald er hinter mir her ist, um einen Pfandbonus einzulösen. (Was natürlich Blödsinn ist! Was ich aber erst später, nach etlichen Malen, wo ich mich selbst zum Deppen gemacht habe, bewusst wird. Ich nicke dabei einsichtig: sei Dir bewusst, jeder Kampf, sei er noch so siegreich, kostet, fordert seinen Tribut, ist nachhaltig!


Tasche verloren und Rotkäppchen grinst darüber

Letzthin habe ich meine Tasche, meinen Rucksack verloren. Ich habe ihn mitten am Bahnhof auf den Boden an einem Geländer abgestellt, während ich schnell um die Ecke gegangen bin, um an einen Ticket-Schalter nachzusehen, ob eine Mitfahrgelegenheit sich biete. Als ich nach wirklich wenigen Sekunden zurückgekommen bin und nach dem Rucksack gespäht habe, war er verschwunden. Ich habe ein paar herumstehende Äthiopier gefragt, wo er sei, ob sie einen überhaupt gesehen hätten, aber die verstanden entweder kein Deutsch oder haben nichts gesehen, jedenfalls nichts geantwortet und mich nur konsterniert angeblickt. Schnell bin ich zu verschieden Ausgängen des Bahnhofs gegangen, davor herumgeschaut, ob ich den vermeintlichen Dieb sehe mit dem Rucksack in der Hand oder während er gerade darin herumsucht und –kramt, aber ich habe niemanden entdeckt. Als ich mit der Rolltreppe einen Stockwerk hinunter gefahren bin, um zum Fundbüro des Bahnhofs zu schauen, hat es vom Elevator aus, zwanzig Meter, ausgesehen, als hätte dieses am Samstag geschlossen. Ich bin zur zentralen Information gerannt, diese haben behauptet, das Fundbüro habe offen, wahrscheinlich sei der diensthabende Angestellte gerade ausgetreten, sie haben dort angerufen, es hat sich aber niemand gemeldet. „Sie kommen bestimmt wieder in wenigen Minuten zurück.“ Ich bin dann noch einmal hinuntergegangen und habe die Tür offen vorgefunden, meine Tasche auch gekriegt. Welche Panik habe ich doch ausgestanden, da ich, wie sonst unüblich, darin meine Schlüssel deponiert hatte. Ansonsten trage ich diese immer in meiner Hosentasche, nur just an diesem Tag in dem Rücksack, welch ein fataler Irrtum, Fehlverhalten, Umstand das gewesen ist.
Ein paar Minuten später steht plötzlich das Rotkäppchen hinter mir und grinst breit und frech, bildete ich mir ein. Hatte er meine Kopflosigkeit am Terminal der Überwachungskameras beobachtet und sich einen Ast gelacht über mein Schusseligkeit, Deppertsein und Verwirrung?
Verärgert über mich, diesem Kerl dieses entwaffnende Schauspiel geboten zu haben, renne ich an ihm vorbei, um eine zu rauchen. Normalerweise unterbreche ich mein Tun, Geschäftstreiben und Hin- und Her niemals, zumindest nicht, um extra eine Zigarette zu rauchen. Dass ich dies getan hab daraufhin, dass Rotkäppchen mich über mein desolates Verhalten beobachtet haben könnte, empfinde ich als schwere persönliche Niederlage.
Aber bilde ich mir dies bloß ein?
Wenn auch, nur die Einbildung, die Macht der Einbildung, die zersetzende Auswirkung der Vorstellung, dass es hätte sein können, macht mich sehr, sehr wütend, unzufrieden, schwer, geistlos, was weiß ich, aber erinnere Dich daran: jeder Sieg implementiert stets eine Niederlage!


08. Juni 2019

18Uhr10 Nürnberg – Bayreuth

„Ich stelle gerade das Fahrrad ab. Dann schreibe ich einen Strafanzeige!“, sagt ein Fahrgast. Die Stimme klingt rau und fest. Als wir uns setzen: „Wie oft fahren Sie die Strecke?“ Ich deutete auf meinen essenden Mund. „Ich komme gleich!“, sagt er, steht auf, geht Richtung Fahrrad, kommt gleich wieder, setzt sich hin, er ist wohl sehr um sein Vehikel besorgt, zieht ein Buch aus der Tasche und ließt das englischsprachige Fachbuch: „Body Basic Bewareness-Therapie.“ Immer wieder dazwischen murmelt er etwas, als spräche er zu sich.

Ich verschanze mich. Lesend. Vor meinem Blickfeld habe ich ein Buch aufgebaut, damit ich nicht mit diesem Spinner reden muss. Ich lese Rosa Luxemburgs „Briefe aus dem Gefängnis.“

Ein ältere Dame, wirklich trifft dieser Ausdruck zu, Christa, aus Hersbruck, sie bewegt sich tänzelnd, beschwingt und offen mit einem riesigen Rollkoffer durch die Bahnhofshalle von einem Terminal zum anderen; sie spricht sehr gut Englisch, wobei sich eine sehr deutliche Aussprache, auch ihrer Muttersprache hat und tritt stets als sehr freundliche, nette, verbindliche Person auf, ohne anbiedernd zu wirken, wie viele andere, die von hier sind und herumstreichen und die Leute ohne Umschweife mit „Du“ anreden. Sie muss eine gute Erziehung, Bildung und Lebenslauf gehabt haben ihrem Erscheinungsbild nach zu schließen, aber wie es das Schicksal so will, ist sie mittlerweile behindert und bewegungsradiusmäßig stark eingeschränkt.
Dabei ist es schon ein Wunder, dass sie trotz Schmerzen aus dem Bett kommt, wie sie sagt: „Wenn Du wüsstest, wie ich leide!“ Trotzdem macht sie sich öfter auf den Weg in die große Stadt, um mit ihren Behinderten-Ausweis, der es ihr ermöglicht, kostenlos eine Beigeleitung mitzunehmen, durchs Land zu fahren und ein paar müde Knöpfe zu ergattern.
Ich treffe sie sehr aufgeregt an. Sie wirft mit Fäkalienwörtern um sich, da ihr Rotkäppchen mit der Bundespolizei gedroht hat. „Der Depp hat mit der Polizei gedroht!“ Es klingt für einen Außenstehenden sehr fränkisch, lustig und erheiternd, was es wohl für Christa weniger und alles andere ist.


Der junge Äthiopier Daniel oder ein Gespenst geht um

Im öffentlichen Nahverkehr werde exorbitante Preise erhoben. Ein mehr oder minder längerfristiges Ticket für eine Person ist kaum erhältlich, für zwei sind es die Regeln. Kinder von 14 bis 18 zählen als Erwachsene, wofür sie auch dafür den Preis entrichten müssen. Müssen die Leute ohnehin meist für zwei Personen Karten erstehen, solche, die mindestens fürs ganze Wochenende gelten, greifen sie zur Selbsthilfe oder versuchen ihr Recht in Anspruch zu nehmen, wenn eine Person solch eine Karte gekauft hat und eine zweite zum Mitfahren zu gewinnen. Angesichts der horrenden Preise ist es nicht verwunderlich, dass sie in den überwiegenden Fällen von Angesprochenen auf Zustimmung stoßen und erfolgreich sind und sie teilen sich eben die Kosten.
Hat also eine Person eine solche Karte erwirkt und versucht jemanden zum Mitfahren und zur Kostenteilung zu finden, sind aber sofort Angestellte dieses Unternehmens zur Stelle, um ihn daran zu hintern. Sie gehen dabei sehr unhöflich zu Werke, meist im lauten Tonfall und beschimpfen diese mit Steuerbetrügern und anderes mehr.
Wie gesagt, einer als das „Rotkäppchen“ bezeichnet wird, tut sich dabei besonders hervor! Dabei ist er nicht der einzige mit diesem Outfit, Uniform und Erscheinungsbild. Dieses sieht sehr korrekt, wenig uniformiert und kundenfreundlich aus, am Revers hängt ja auch der Name des Betreffenden. Aber wehe Du wirst von Ihnen dabei gesehen und beobachtet, dass Du Dein Ticket, dass mindestens für zwei Erwachsene gilt, einem zweiten zur Mitfahrt anbietest! Wie es eigentlich legitim ist!

Es hatte gestern wieder einen getroffen, einen jungen Äthiopier, der von Rotkäppchen quer durch die ganze Bahnhofs-Halle gejagt wurde und heute morgen sitzt er vor dem Terminal eines Provinz-Bahnhofes auf der Bank. Hier kreuzt sich öfter mein Weg, da meine Freundin vor Ort wohnt und des Morgens treffe ich also Daniel, den vorgestern Hunderfünzigprozentige vor sich hergejagt hat quer durch die fünzig Meter lange Bahnhofshalle bis zum Ausgang, durch den Daniel schließlich, als Rettungsschirm genutzt, entwischen konnte.
Er, den ich ein paar Stunden später wieder getroffen habe, hat mir geantwortet, als ich ihm nach seinem Befinden gefragt habe, wie geht es Dir: „Gut!“ Es klang wie: was sonst! Er hat noch mehr gelacht als sonst, der sich durch sein stetes helles, Menschen zugewandtes Lächeln auf seinem Gesicht von dunkel dreinblickenden Zeitgenossen wohltuend heraushebt und unterscheidet.
Aber ob er sich wirklich wohl fühlte, wage ich zu bezweifeln. Warum habe ich das Gefühl, als ich mit ihm rede, er will jederzeit wegrennen und schaut sich unsicher um?
Zu dem Mitleid paart sich aber mittlerweile etwas Skepsis, oder Nachdenklichkeit, oder Erforschenmüssen!
Denn ich erinnere mich, dass ich ihm auch gestern schon begegnet bin, einige Tage nach dem Gejagtwerden vom Rotkäppchen, als er mit einer Landsmännin, einer Äthiopierin mit Kinderwagen in Nürnberg unterwegs gewesen war.
Ich habe den Fehler gemacht, dass ich ihr lehrerhaft das Deutsch verbessern wollte, als sie mit Kind in den Lift vom Paterre zum Bahnsteig hinter mir einsteigen wollte: „Wir einsteigen auch.“ Ich korrigierte: „Wir möchten auch einsteigen.“ „Wir dich fragen müssen, ob wir einsteigen dürfen? Du bist wohl großer Herr? Wir müssen Dich zuerst fragen?“ „Ich wollte nur Dein Deutsch verbessern.“ „Du erlauben uns einsteigen zu dürfen?“ „Wer nicht Deutsch kann in diesem Land und lernen will, der ist dumm.“
Nebenan stand der Äthiopier. Ich suchte um Sprachhilfe nach: „Übersetz ihr mal, was ich ausdrücken will.“, merkte aber sofort, dass dieser noch weniger die Verkehrssprache beherrschte, der keinen Sprachkurs besucht hat und in einer kleinen Stadt in der Nähe einer Niederlassung der amerikanischen Armee weit außerhalb der Metropole wohnt, wo sie wohl den Teufel tun, um ihn zu integrieren, bekommen die amerikanischen Soldaten selbst kaum und unzureichend Sprachhilfe.
Er übernachtet meist bei Freunden in der Großstadt. Unter diesen Umständen wird er sich kaum richtig waschen, ankleiden und herrichten können, er riecht ziemlich streng und ungewaschen.
Er sitzt neben mir auf der Bank und verzehrt sein Frühstück, gegrillte Hähnchenflügel wahrscheinlich.
Seine Zähne befinden sich in einem himmelschreienden Zustand, Missstand, Unordnung, gehörten wenigstens einigermaßen justiert, da sie in nicht geordneter Reiche gewachsen sind. Diejenigen des Mittelbereichs stehen fünf Millimeter auseinander, das Zahnfleisch mit schwarzen Schatten erscheint und reicht unten und oben weit in den Mund hinein, wenn er lacht und er lacht oft. Die Beißzähne sind von den anderen Zähnen jeweils durch zwei Schneissen versetzt nach vorne herausgewachsen, als ob er in seiner Kindheit statt Wohlernährendes an Schilf-, Bambus—oder sonst etwas Derartiges aus seinem Land gekaut hätte.
Aber zunächst einmal braucht er einen Sprachkurs. Wie geht das nur, dass er ohne einen solchen, der als Integrationskurs tituliert wird, hierzulande leben und über die Runden kommen kann? Dabei ist er nicht der einzige.
Gleichzeitig kommt mir meine Lage in den Sinn, der ich ohne einen solchen dahinlebe, wiewohl ich gerade für solch eine Maßnahme extra eine Zusatzausbildung gemacht habe, neben meinen anderen ganz normalen zwei Universitätsausbildungen, wovon ich nicht einmal das erste, meistnachgefragteste ausüben darf, nämlich Sozialpädagogik, weil mich das örtliche Gesundheitsamt für „zu sensibel“ für die Betreuung von psychisch Kranken, wofür ich mich interessiert und beworben habe, eingestuft hat. „Wenn ich mit Ihnen beim Amtsgericht erscheine, was glauben Sie, was die denken (was ich mir einbilde, mit so einem aufzutauchen und ihn als Berufsbetreuer vorzuschlagen)?“ (Da habe ich mir schon gedacht: wo leben wir mittlerweile, dass ein Betreuer von seelisch kranken Menschen zu viel Einfühlungsvermögen mitbringt, statt dass er, na was wohl, Härte, Stringenz, Durchsetzungsvermögen, verbales Herumkommandieren, um es einmal euphemistisch auszudrücken, mit sich mitbringt oder wie oder was? Und die Freiheit der psychisch Kranken ist zudem so beschränkt, dass sie nicht einmal ihre eigenen Betreuer auswählen dürfen!)
Nun, wir beide, Daniel und ich, sind, wie man so sagt, aus dem System gefallen!
Wie werden gejagt wie gehetzte Hunde, zu denen wir gemacht werden, weil wir schauen müssen, das nötigste an Mittel zusammenzubekommen, um nicht wie die letzten Penner daherzukommen. Gejagt werden wir von anderen, die uns verfolgen durch den ganzen Bahnhofsbereich und uns beschimpfen, anklagen und herunterputzen vor Hunderten von Menschen, die dieses Schauspiel ungerührt mitverfolgen oder nicht sehen wollen.
Warum schreitet keiner ein, erhebt das Wort, schlägt sich auf die Seite der Getriebenen? Und das in der sich selbst schmückenden, lobenden, auf die Schultern klopfenden „Stadt der Menschenrechte!“?
Aber einige sehen es doch, sehen und spüren, dass hierzulande mittlerweile ein Geist auferstanden ist, den jeder auf dieser Welt sehr wohl kennt, der in einem schneidenden, schärfsten, hysterischen Tonfall frank und frei in dichten Menschenansammlungen andere Menschen zu Menschen zweiter Klasse degradiert.
Just Engländer, die zum Dokumentationszentrum über die Nazizeit Deutschlands wollen, zur Aufmarscharena der Parteitage der NSDAP, zum „Dokumentationszentrum der Nazidiktatur“ oder so ähnlich heißt es beschwichtigend, verlogen und beschönigend und ratlos im Menü des Terminal herrumsuchen müssen, weil ihre Sprache, die Weltsprache Englisch, wahrscheinlich von den Angestellten im Zentralinformationszentrum nicht gut genug gesprochen wird und weil der Bestimmungsort aus unerfindlichen Gründen nicht in dem Betriebsmenü der Bahn auftaucht. Während ich ihnen helfe, die richtigen Tickets zu lösen, verfolgen einige konsterniert dieses Treiben des Rotkäppchens, der, mit seiner schneidenden Stimme wie weiland der Erzfeind dieser Nation, einen Schwarzen vor sich her durch die Halle treibt.
Was denken sie sich wohl?
Was denken sie, wenn sie in der Trambahn Nummer Vier sitzen und am „Platz der Opfer des Faschismus“, ehemaliger Hitler-Platz, vorbeifahren und sich dieser Szene mit dem Uniformierten und schluddrigen, stets lächelnden und freundlichen Afrikaner erinnern werden?
Es geschieht oft, dass gerade Britten diesen Ort heimsuchen wollen, wahrscheinlich weil sie nicht wenig von den Bomben der Deutschen über ihre Städten in Erinnerung haben und ich schließe gerne nach getanener Hilfe mit der Bemerkung ab: „And Greetings to Sir Winston Churchill!“, ein Witz, den sie sehr wohl verstehen.
Aber diesesmal ist mir nicht zum Witzeln zumute?
Warum werden heutzutage wieder Menschen zu Jägern anderer Menschen?
Weil sie im Dienst von staatlichen Betrieben, die mittlerweile halbprivatisiert sind, für die Dividenden deren sogenannten Shareholder andere vor sich hertreiben, niederbrüllen und bezichtigen, sie betrögen den Staat, indem sie keine Steuern bezahlten. Das ist sachlich schon ein ungeheuerlicher Vorwurf, denn keiner von uns bekommt durch das Geld beim Herumfahren so viel zusammen, dass er nicht unter den über 9000 Euro legitimierten Steuerfreibetrag käme, keiner, und würde er sich noch so ins Zeug werfen, am Riemen halten und schier permanent auf Trebe sein, käme auf diesen Betrag, niemand.
Daniel hat zuende gegessen. Er hat fettige Hände, die er, er dreht sich um, an der Gebäudemauer abstreifen und reinigen will. „Komm, dort vorne ist ein Klo!“, fordere ich ihn auf, sich die Hände zu waschen. „Ich pass indes auf Deine Plastiktasche auf!“, die er stets mit sich herumführt und worin seine Habseligkeiten sind. Sein Lächeln wird noch breiter, er erhebt sich und geht die paar Meter zum Eingang des Klos. Schön, dass wenigstens in diesem Bahnhof ein Bereich ist, wo man unentgeltlich austreten kann, etwas waschen und sich erfrischen kann. Durchaus eine Seltenheit!


10.Juni.2019

Ich lese, Carcia Loras hat Franko nach dem Niederschlag der anarcho-syntikalistischen Bewegung getötet. Zitat von Benjamin Prado „Nicht nur das Feuer“, Luchterhand Verlag, Seite 165: „Und dann...bist du nach Spanien zurückgekehrt...“ J. Es war so, als hätte ich den Tag mit der Nacht vertauscht... Müsste ich all das, was ich vorfand, in einem Wort zusammenfassen, dann wäre dieses Wort „Dunkelheit“. ... wie in einem Brunnen hinabzusteigen. Überall herrschte Dunkelheit, in den Geschäften, in den Häusern, in den Augen der Menschen... in der Art zu sprechen oder zu schweigen. Sie waren nicht mehr sie selbst.“ „Was willst du damit sagen, nicht mehr sie selbst?“ ... „Es war unglaublich, alles hatte sich verändert, selbst normale Wörter hatten plötzlich eine schreckliche Bedeutung, eine Bedeutung, die sie vorher nicht hatten: Spaziergang, Straßengraben, Kaffee.“
„Kaffe?“
„Das sagten die Militärs, wenn sie meinten, dass man einen Gefangen hinrichten sollte. Als man den General Queipo de Llano aus Granada anrief, um ihn zu fragen, was man mit dem Dichter Ferico Garcia Lorca machen solle, antwortete er: „Kaffee, geht ihm jede Menge Kaffee.“Na ja, glaube nicht, dass ich dir ein Geheimnis verrate, heutzutage kennt jeder diese Geschichte.“
„Aber warum hatten die Leute Angst? Der Krieg war doch vorbei.“
„Das Regime Francos führte große Säuberungsaktionen durch, die sowohl unschuldige Zivilisten als auch unbewaffnete Soldaten trafen, vermutlich, weil das ihre Vorstellung von Frieden war und es Krimellen immer leichter fällt, die Waffe zu zücken, als sie jeder ins Halfter zu stecken. Es muss schrecklich gewesen sein, ohne daß ein Ende in Sicht gewesen wäre. Sie erschossen sie im Morgengrauen, sie steckten sie ins Gefängnis und ließen sie krepieren. Arme Schweine. Habt ihr in der Schule nicht Miguel Hernández gelesen? Nein? Miguel Hernández ist ein großer Dichter wie Garcia Lorca und gehört zu denen, die man im Gefängnis verrecken ließ...“
Sie erschießen heutzutage niemanden mehr, lassen niemanden im Gefängnis krepieren. Aber sie machen Jagd auf Menschen, die etwas vom großen Geld, das sie verdienen wollen, abbekommen wollen, damit sie sich im Winter Schuhe kaufen können, die wärmen Kleider, die sie schützen.
Der Krieg ist wohl vorbei, aber Hitler wütet noch, in der Stadt, in der er am wütigsten war, in Nbg, das sich heute mit dem Attribut „Stadt der Menschenrechte“ schmückt. Und Hitler heißt nicht mehr Hitler, er heißt euphemistisch „Rotkäppchen“ und damit bekommt die Kinder-Metapher vom süßen, lieben, treuen Rotkäppchen eine radikale Sinnveränderung, eine Assoziation, einen Geschmack, der nach Schwefel, Verfolgung und Hass schmeckt.
Pervers!

Und ich, feige wie ich geworden bin, male mir aus, ich gehörte zu einen jener, die es vor den Schergen Francos nach Lateinamerika geschafft haben, entkommen waren, nur nicht umgekommen waren, Hauptsache überlebt zu haben...


copyright werner pentz


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