In der besten aller Republiken - Verteilungskämpfe

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Pentzw
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In der besten aller Republiken - Verteilungskämpfe

Beitragvon Pentzw » 01.05.2019, 12:25

Verteilungskämpfe

Mit einer Gewerkschafterin zu einer Sitzung fahren

Ich fahre mit einer Freundin nach München, die dort als Freiwillige ein Ehrenamt bei der Gewerkschaft innehat. Sie beraten und entscheiden wohl darüber, wie hoch und in welchem Umfange die nächsten Forderungen des öffentlichen Dienstes sein sollen.
Ich erzähle ihr, dass ich letzthin einen Beschäftigten bei einer Telefongesellschaft englischer Provenienz getroffen habe. Wenn er sein Namensschild nicht am Revers trägt, wenn eine Kontrolle kommt, bekommt er Sanktionen. Derjenige, der ihn damit erwischt, bekommt eine satte Belohung.
„Das ist tariflich nicht erlaubt in Deutschland“, sagt die Gewerkschafterin, die gerade mit mir nach München fährt, wo die Delegierten einen Mindestzuschuss, Gehaltserhöhung und Forderung gegenüber den Arbeitgebern von mindestens 200 Euro pro Monat beschließen werden. Das ist die Hälfte der Grundsicherung eines armen Schluckers in der Republik.
„Verteilungskämpfe wird es geben!“, prophezeit sie.
Sie gluckst mit den Augen und die Augen treten langsam aus ihren Höhlen, als hätte sie Nierenprobleme.
Verteilungskämpfe - als wäre zu wenig da!? Wobei es auch aus ihrem Magen gluckst, immer wieder, als hätte der Alkohol Wein, ein sehr dicker, lieblicher Saft, der in ihr steckte und nicht zu wenig, gerade erst zu goren angefangen.
Ich darf mich nicht mit ihr vergleichen. Gleichen Alters würde sie heute so viel Rente bekommen, dass sie Steuern abführen müsste und unsereiner nicht einmal das Niveau der Grundsicherung erreichen mit meinen spärlichen Einzahlungen; sie hat lediglich eine Ausbildung, wohingegen ich zwei akademische Abschlüsse. Wer steht denn nun gut da: derjenige, der in Bildung investiert hat oder der andere, der sich mit einem Minimum an Fortbildung, Ausbildung und Schulen seinen Weg durchs Berufsleben geebnet hat?
Dabei langt die Gewerkschaft mit ihren aktuellen Forderungen wieder einmal, mehr den je, gehörig zu. Es ist genug vorhanden. Gewerkschaft? Achja, diejenigen Interessensgruppe, die nur eins will: Mehr.
Gewerkschaften?
(„Das ist eine Ausnahmeperson in diesem Verein“, höre ich den Entschuldigungssatz. Aber die Gewerkschaft hat die Tendenz, alle über einen Kamm zu scheren und ihre Mitglieder gleichzumachen.)
Ein Jahr lang kam ich selbst in den Genuss, im öffentlichen Dienst arbeiten zu dürfen und da trat ich auch der Gewerkschaft bei. Nachdem mein Dienst endete, ließ mich diese Organisation nur wieder willig frei, aus ihren Armen und ziehen. „Ihre Unterschrift der Kündigung entspricht nicht derjenigen ihres Beitrittes.“
Wie darf man das verstehen?
Sie hielten mich wohl für verrückt geworden, dass ich inzwischen eine Persönlichkeitsänderung vollzogen hatte? - Oder wollte ich betrügen, eine Person vortäuschen, dass eine andere aus ihrem Verein austreten will, womöglich eine Aktion der Gegenpartei, einer aus der Arbeitgeberorganisation oder welche Erklärung gibt es noch?
Heute, nach Jahrzehnten glaube ich einfach, sie wollten mir den Ausstritt so schwer wie möglich machen. Sie hofften, ich würde die Fahrt von gut 30 Kilometer mit dem Auto zur Zentrale scheuen und einstweilen die Mitgliedschaft aufrechterhalten, weil ich die Umstände scheute.

Drei Minuten zu spät kommen wir an vor dem Gewerkschaftshaus Münchens, sie überlässt mir ihr Auto, das ich inzwischen bis 16 Uhr irgendwo parken soll. „Das Geld fürs Parken!“ „Kriegst du später. Ich habe keine Zeit mehr“, und verschwindet im Gebäude. Ich frage nach einer Möglichkeit, Theresienwiese und im Parkhaus des Geschäftes Sowieso. Ich ahne, erstere Option ist die billigere, aber da muss ich rumsuchen, ich nehme das, was ich deutlich vor mir sehe. Es wird für den Tag 30 Euro kosten, eine horrente Summe, soll ich nicht doch lieber nach der Theresienwiese umschauen?
Was machst du dir für einen Kopf, für andere, kriegst bei dieser Herumsucherei nur graue Haare!
Spätnachmittags, pünktlich, warte ich im Gewerkschaftshaus über eine halbe Stunde auf den vereinbarten Termin, bis meine Bekanntin aus ihrer Versammlung, ihrem Seminar, Kurs kommt. „Gib mir das Geld, ich muss die Parkgebühren bezahlen.“ „Wie viel?“ „Dreißig Euro!“, genervt, gestresst, sich schon eine Zigarette angezündet, klaubt sie diesen Betrag, in einzelnen Fünf-Euro-Scheinen, aus ihrem Portemonnaie.
Ich hole das Auto, es stellt sich aber heraus, das ich nur etwa die Hälfte zahlen muss. Ich überlege mir, ob ich ihr den Restbetrag korrekterweise wieder geben oder ihn für mich behalten soll? Ich entscheide mich zunächst für letzteres, etwas, was ich bislang noch niemals getan habe.
Ich bin froh, dass sie nicht nachfragt, ob sie doch nicht Wechselgeld bekäme, so gestresst ist sie heute. Ich wäre in eine sehr ungute Situation geraten, nämlich lügen zu müssen. Unpünktlichkeit, Lüge, Betruf, Täuschung usw. sind Eigenschaften, die man mir anerzogen hat. Aber auch weniger gute Eigenschaften: Gehorsam, Willfährigkeit und immer Bereit-sein-für-den-anderen –heutzutage fatal.
„Ich habe mir schon überlegt, ob ich nicht einen Tag früher mit Dir nach München fahren sollte...“
„Du meinst, da im Hotel übernachten.“ „Genau.“ Wir haben dies ein paar Mal gemacht, in Berlin, in Potsdam, sie weiß, dass mir das gut täte, ich bin immer froh, aus meinem grauen Alltag herauszukommen. Sie wohl auch. Nur habe ich nicht das nötige Kleingeld, sie umso mehr. Aber es ist nicht ernst gemeint. Sie grinst feist. Ich denke, na schön, sie nimmt mich nicht ernst. Das ist nur so daher gesagt, cest la vie. Oder vielmehr hat es Methode. Dem anderen seine Wahrnehmung abstreiten, so dass er irritiert ist und beginnt an seiner eigenen Urteilsfähigkeit zu zweifeln, wonach er leicht irritier- und lenkbar wird.
Menschen, die das Helfen zu ihrem Beruf gemacht haben, müssen Bescheid wissen in der Psyche des human sapiens. Und das tat sie, um ihre Interessen zielgerade durchsetzen zu können.
Was hat sich geändert seit der Steinszeit, mit Beginn des menschlichen Imperalismus über die ganze Erde? Er verdrängt seine Konkurrenten mittels seiner Schlauheit, seines besseren Gehirns und domestiziert andere Tier zu seinem Nutzen. Die Erde war ein riesiger Stall von Sklaven anderer Spezies, umsoweniger die Sklaverei der dümmeren der gleichen Spezies abgenommen hat.
Zuhause sagt sie mir dann frank und frei ins Gesicht, daß sie keinen kennen und es wohl keinen gebe, der so etwas machen würde, einen Tag opfern, mit einem Navi laborierend und händelnd sich abmühen, bis in die Münchener Innenstadt zu fahren, den ganzen Tag zu warten und herumzubummeln, bis diejenige, die er begleitete, mit ihren Dingen fertiggeworden sei.
Nicht nur, dass sie mich nicht für ernst nahm. Sie hielt mich schon die ganzen Jahre für verrückt, gestand sie mir, als ob dies etwas Neues für mich gewesen wäre. Also, geahnt habe ich es, aber so direkt ins Gesicht gesagt zu bekommen, bringt mich doch fast zu schlucken. So hat es mittlerweile und jetzt so ausgesprochen gewisse Signalwirkung.
Ich dachte nach. „Verrückt“ hieß nicht „unzurechnungsfähig“, sonst hätte sie mich bestimmt nicht als Begleiter und Händler bzw. Lenker des Navigators erwählt. „Verrückt“ konnte in diesem Zusammenhang doch nur gemeint sein, wenn jemand Zeit und Energie opfert, jemanden anderen „entschädigungslos“ einen Tag zu opfern und ihm zu helfen wie hier bei der Fahrt von Nürnberg nach München.
Wer will schon als verrückt gelten?
Ich bin jetzt froh, dass ich das Geld behalten habe.
Ich habe den Rubikon überschritten.
Ich hatte danach, wie üblich in solchen Fällen, keine Schuldgefühle.

Verteilungskämpfe am Terminal

Wie alles anfing

Mit meiner damaligen Freundin hatte ich mir eine Karte geteilt, es war eine Bahnkarte, bei der gleichzeitig zwei Personen fahren konnten. Wir fuhren öfter am WE aufs Land, nahmen unsere Fahrräder mit, die auch von dieser Karte gedeckt war. Anstelle von zwei Fahrrädern hätte man auch noch vier Jugendliche mitnehmen können. Sie überließ mir diese Karte bei der Trennung, die noch vierzehntätige Gültigkeit besaß. Mir kam die Idee, vielleicht kannst du ja statt mit deiner Freundin auch mit einem Fremden fahren. Nur wenn, wann, und wie an einen kommen? Ich stand gerade vor einem Ticketschalter. Ein Fremder wählte die Route, die auch beschreiben wollte und also fragte ich ihn, ob er nicht mit mir fahren wolle. Die Möglichkeit bestünde aufgrund dieses meines Tickets. Ich dachte, dass er ruhig umsonst mitfahren, vielleicht symbolisch mir einen Euro geben könne. Das empfand er jedoch als Affront. „Ich bin noch niemals meinen Zahlungsverpflichtungen nicht nach gekommen.“ Sagte er etwas beleidigt und stolz zugleich und gab mir einen Betrag, den ich wiederum insoweit zurückzahlte, dass ich ihm die Hälfte dessen, was er hätte bezahlen müssen, berechnete. So konnten er und ich billiger dorthin fahren, wohin wir fuhren. Das war eine runde Sache für beide Beteiligten.
Die Menschen hierzulande sind stolz geworden, oder reich, jedenfalls niemand will sich etwas schenken lassen. Eine positive Entwicklung.
Auf dem Rückweg stand ich vor der gleichen Ausgangsposition. Zeit hatte ich ja, warum sollte ich nicht wieder jemanden fragen? Ich stand vor den Terminals der Bundesbahn und blickte dem ein oder anderen Kunden über seine Schultern, um zu sehen, welche Reiseziel er eingeben würde. Deckte es sich mit meinem, würde ich diejenige Person ansprechen: „Entschuldigen, wollen wir nicht zusammen nach Nürnberg fahren. Ich habe da eine Karte, die ist für zwei Personen gültig und da können wir... Wenn Sie wollen?“ Flopp. Wieder klappte es. Erstaunlich. Aber klar, auch wenn die Leute hierzulande reich geworden waren insoweit, dass sie sich nicht gerne mehr etwas schenken lassen wollten, so waren sie wiederum nicht derartig reich, dass sie die horrenten und überdimensionierten Ticketpreise der Bahn so ohne weiteres schluckten. Bot sich eine Möglichkeit, diese zu umgehen, hier in meinem Falle zu halbieren, warum nicht? Teuer genug sind die Pendlerpreise, auf Dauer gesehen sowieso, das sagte einem jede Milchmädchenrechnung.
Und so bekam ich wieder leicht einen Mitfahrer.
Ich kam ins Grübeln.
Warum dies nicht öfter tun?

Rotkäppchen und Gelb-Westen

Plötzlich steht er da. Ein Bediensteter der Bundesbahn. „Wir sind nicht so doof, wie sie meinen. Das ist Steuerhinterziehung.“ „Ich tue nichts Verbotenes!“ Eine heftiger verbaler Austausch findet statt. Daneben stehen etliche Jugendliche, schwarz-häutig, Zufall?, die ich mit meiner Karte mitnehmen wollte. Hemmungslos brüllt, echauffiert und gestikuliert der mit einer roten Kappe bewehrte Bedienstete. Er verschwindet wieder, läuft zum Hauptschalter in der Mitte der Halle hin, kommt aber bald wieder zurück. „Ich rufe die Bundespolizei.“ „Rufen Sie, genau. Machen Sie das!“ Macht er aber nicht. Die Situation ist unangenehm, bedrängend, beängstigend. Er ist so wenig im Recht wie ich. Er hat letztlich keine rechtliche Handhabe, die Karte ist nun einmal übertragbar für zwei Erwachsene sowie vier Jugendliche, plus einem Hund. Es gibt keine Einschränkungen, wie oft und mit wem man fährt. Also tue ich nichts Unrechtes. Wäre die Bahnpreise nicht so hoch, würde auch keiner mitfahren, aber so ist es eine sogenannte Win-Win-Situation, vorteilhaft für den Angesprochene, der über die hohen Tarife stöhnt und den Kopf schüttelt. Die meisten freuen sich, wenn sie ein paar Euro sparen können dabei.
Dann ist er wochen-, monatelang nicht zu sehen. Ich begebe mich auch vornehmlich in andere Städte, Bereiche, weil ich einer eskalierenden Konfrontation aus dem Wege gehe. Ich fühle mich zwar nach reifer Überlegung nach wie vor im Recht und erkenne keine Unrechtmäßigkeit in meinem Tun, aber nichtsdestotrotz habe ich keine Lust, mich weiter mit ihm auseinanderzusetzen. Auch zur Bundespolizei zu gehen, um ihn anzuzeigen, mein Recht klar darzustellen, vermeide ich, weil ich eigentlich meine Ruhe haben will. Ich lese wahnsinnig gerne, brauche dafür viel Zeit, die ich beim Fahren mit einer Begleitperson habe und muss meine Zeit nicht mit dem Herumschlagen bei Behörden vergeuden.
Okay, mein Weg führt nun einmal über den Nürnberger Bahnhof, dort muss ich mir eine Mitfahrperson acquirieren, um nach Erlangen, nach Bamberg und dort schließlich hauptsächlich herumzufahren. Also lässt es sich nicht vermeiden, ihm zu begegnen, das passiert nicht allzu oft, weniger oft und häufig als man denkt, wie gesagt, monatelang nicht, aber hin und wieder denn doch. Sinnvollerweise halte ich mich denn dann im Hintergrund, gehe zu einem, wenn auch weniger häufiger von potentiellen Fahrgästen besuchten Terminals. Meine Ruhe ist mir aber am wichtigsten.

Einmal kam es zu einer Situation, dass Sicherheitsleute auftauchten, weil sich irgend eine Person anonym darüber beschwert hatte, dass sie beim Ticket-Lösen oder Tarif-Erkunden am Terminal dauernd von den verschiedensten Leuten angesprochen wird oder von einem, den er als hartnäckig empfunden hat und er sich dabei gestört fühlte, in Ruhe, das richtige Ticket auszulösen.
„Verschwinden Sie von hier!“ Es handelt sich um eine Frau und einen Mann. „Wir haben hier das Recht, bayerisches Gesetz durchzusetzen. Und wenn wir ihnen sagen, Sie sollen sich von diesem Ort hier, in dem wir Hausrecht haben, wegbegeben, dann müssen Sie dem folgeleisten.“
Die Sicherheitsleute erkennt man daran, dass sie nicht wie das Rotkäppchen eine rote Kappe, einen einheitlichen, steifgebügelten Anzug mit einem Namensschildchen wie Rotkäppchen und seine anderen Klone tragen, sondern eine an einen Bauarbeiter erinnernde Gelbe Weste, auf der am Rücken in roten Lettern „Sicherheitspersonal der deutschen Bundesbahn“ geschrieben steht.
„Ich befinde mich hier auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland, noch immer. Bundesrecht bricht Landesrecht!“ Und ich gehe zum nächsten Monitor ein paar Meter weiter. Doch die beiden folgen mir. „Nun gut, Sie scheinen sich in den Gesetzen auszukennen. Aber wir haben hier das Hausrecht. Das geht vor!“ „Ich habe eine gültige Fahrkarte. Ich bin hier Kunde. Also darf ich mich wohl auch hier aufhalten.“ Der Mann verliert die Nerven, sagt etwas, was nicht stimmig klingt. Ich krause die Stirn. Die Frau erfasst den Faux paux ihres Kollegen und schaltet sich mit den Worten ein. „Sie haben also gehört, was mein Kollege gesagt hat. Begeben Sie sich auf das Gleis, von dem ab ihr Zug fährt.“ „Ich muss also eine halbe Stunde in der Kälte draußen stehen, obwohl ich eine Karte besitze, die mich berechtigt, den Bereich der Bundesbahn zu betreten, wo immer ich will...“ „Wenn Sie nicht der Anweisung Folge leisten, verbanne wir Sie für diesen Tag aus diesem Bereich. Sie dürfen bis 24 Uhr sich dann nicht mehr hier aufhalten.“ Der Mann hat sich wieder gefasst. „Das möchte ich schriftlich haben...“ „Wenn Sie dies schriftlich haben wollen, dann bekommen Sie Hausverbot für ein ganzes Jahr.“ Welch eine Logik! Na, ich mache mich auf dem Weg zum kalten – und es ist Winter – Bahnsteig. Aber nach ein paar Meter wende ich mich um, gehe zu ihnen hin und frage ob ich einen Stockwerk tiefer mich zum Discounter zum Einkaufen gehen darf. Jovial sagt er Mann, die Frau akkurat neben ihn stehend und zurückgezogen an einer Wand sich postiert: „Das dürfen Sie! Das gehört nicht mehr zum Bereich der deutschen Bundesbahn.“ Ich kann nur eine Viertelstunde einkaufen, dann stehe ich frierend am Bahnsteig, um auf meinen Zug zu warten.
(Die zwei Gelbwesten sind Zwillinge, die gleichen, die mir als Lehrer den Tafeldienst verweigert haben, nachdem und weil sie mich 1987 als Grünen eingeschätzt haben. Die hatten sich im Deutschunterricht verweigert und würden nunmehr etwas voller Schreibfehler zu Papier bringen. Denn als ich um ein schriftliches Hausverbot bat, schraken sie zurück und der Bruder erwiderte, Chuzpe hatte er, dass er mir in diesem Falle gleich eines für ein Jahr ausstellen würde. „Haus“ soll hier der Bhf darstellen, zumindest irgendwelche für die sogenannte Deutsche Bahn definierten Bereiche des Bahnhofsbereiches.)

Wilde Kämpfe vorm Schalter

Rotkäppchens Name ist „Rührer“, wie auf seinem Revers-Schildchen steht, das er stolz auf seiner Brust trägt, hinter einem trenchcoatartigen Überzieher verdeckt, der hinter ihm her flattert wie Graf Dracula seiner, huscht und läuft er durch die zugigen Bahngleis-Unterführungen. In der Hand hält er meist ein knatterndes, schepperndes, großes Walkie-Talkie, also kein handy-förmiges oder smart-phone-artiges Telefon, welches wahrscheinlich extra auf eigener Frequenz der Bahnhofshalle läuft, womit keine Kosten verursacht werden und ein besserer Empfang herrscht.
Der Name Rührer ist Programm.
Sobald er hinter Säulen, aus Tunneln oder Ausgängen plötzlich auftaucht, erschrecken eine Menge Leute und ein Pulk stiebt auseinander wie Tauben, wenn man ihnen zu Nahe kommt und die Einzelnen suchen Schutz und Versteck hinter allem, ziehen sich die Kapuzen über den Kopf, den Krakenrevers höher, die Schildmütze herunter.
Rührer macht seinem Namen Ehre. Die Mitfahranbieter schauen sich panisch um sich, sobald sie auf jemanden Anzusprechenden zugehen von ihren Standorten aus von etlichen Meter Abstand zu den Terminals. Sie spähen links und rechts und hinter sich, ob nicht der böse Wolf hinter ihnen lauert, bereit ein furchtbares Gröhlen, Bellen, Hellen und furchteinflößendes Grinsen und Grollen anzunehmen, wo es jedermann urplötzlich den Appetit verschlägt, die Lust vergeht, in Stehstarre übermannt oder in Fluchtpose verfällt.

Einmal: „Would You like to go to Bamberg…” Der Engländer ist unschlüssig, ob er das Angebot einer Mitfahrgelegenheit annehmen oder lieber alleine fahren soll. Hinter uns erscheint plötzlich wütenden Gesichtes und funkelnden Auges die Wolfs-Visage, eine verzerrte Wolfs-Grimasse, genau auf der Höhe zwischen unsere sich in Unterhaltung zugewandten Köpfen, taucht wieder ab, als er nach einem - äh, was, wie – bemerkt hat, dass sich die beiden Herren in Englisch verständigen, ein Idiom, den er wohl nicht versteht und wenn er einen davon, mich, auf Deutsch anpöbelt, der andere, Fremde, sehr ungastfreundschaftlich befremdet sein wird. Da er weiß, dass dieses Geschäftsgebaren nicht einem modernen Leistungsunternehmen geziemt, hat sich der Störenfried rechtzeitig wieder zurückgezogen, nur eine Meter hinter uns platziert mit seinem überdimensionalen krächzenden Walkie-Talkie, aus der gebrochene Stimmen dringen, einschüchternd und warnend, dass er, der Ordnungsmann, bereit stehe. Der Tourist, der Geschäftsmann oder Universitäts- oder Internationalen-Gesellschaft-Beschäftigte entschließt sich schließlich, eine Einzelkarte zu lösen. Damit hat er die Chance verpasst, billiger an seinen Bestimmungsort zu gelangen; der Bahnbedienstete hat ein paar Euro mehr für die Aktionäre dieser Gesellschaft gerettet, deren Vertreter er darstellt; und ich bin nicht näher meinem Ansinnen gekommen, mir ein paar dringend benötigte Sommerschuhe zu kaufen.

Einmal: Grimmiger Wolfsblick durchbohrt mich. Ich gehe auf ihn zu: „Wie heißen sie überhaupt?“, und lese das erste Mal den Namen an seinem Schildchen. „Aha, Rührer, heißen Sie! Den Namen muss ich mir merken.“ „Das wird Ihnen nichts nützen!“, sagt er ungerührt, nicht einen Schritt zurückgewichen ist er oder sonstwie eine körperliche Bewegung vollzogen. „Das wird man ja sehen!“, sage ich. „Alles ist auf Video aufgezeichnet, was hier geschieht. Und das 10 Jahre lang gespeichert.“ „Wir tun nichts Ungesetzliches!“, und ich gehe mit einer leeren Flasche in der Hand Richtung Flaschenautomat, um den Pfandbonus einzulösen. „Betrug ist nun einmal Betrug!“, brüllt er laut, mir dicht auf den Fersen – und in den hier beginnenden Restaurant-, Imbiss- und Bäckereibereich befindet er sich plötzlich auf nicht hausrechtlichem Boden. Da wir uns schon zwei Schritte über der imaginären roten Linie befinden, wildert er im fremden Terrain und hat ihr kein Anrecht, seine vermeintlichen Rechte lautstark einzuklagen, sodaß ihn prompt eine Verkäuferin mit Namen anspricht: „Aber Herr Rührer!“, was machen Sie denn, klingt es mir in den Ohren. Ich gehe weiter Richtung Automaten. Ich bin ihn los, abgeschüttelt habe ich ihn und mir kommt eine Idee, wie ich den Berserker zur Strecke bringen, den Schreihals das Maul stopfen - gut gesprochen, ihn einigermaßen zum Schweigen bringen könnte.

Der Samurei

Ein japanisches Dorf im 16., 17. Jahrhundert wird von einer Räuberbande belagert. Jene überfällt immer wieder diese, raubt, mordet und vergewaltigt und verschwindet wieder für einige Zeit. Der Dorfrat beschließt, diesem Treiben ein Ende zu setzen und einen erfahrenen Kämpfer, einen Samurei zu engagieren. Dieser ortet die Umgebung, die Möglichkeiten. Das Dorf ist von einem dichten Wald umgeben, aus denen die Räuber hervorstechen und gegen den Dorfwall anrennen.
Der Samurei nimmt den Auftrag an.
Er verspricht den Dorfbewohnern, sie von der Räuberplage zu befreien.
Als die Räuber wieder kommen, wird ein Plan durchgeführt. Die Dorfbewohner sind imstande, die Räuber jedes Mal abzuschütteln, aufzuhalten, wenn auch unter Verlusten. Nur lassen sie jedes Mal einen Reiter durchkommen, der als einziger in das Dorf einfällt und von den unberittenen Dörflern durchs Dorf gejagt und gedrillt wird, bis er ermordet werden kann.
So geschieht es jedesmal. Jedesmal kommt nur ein Reiter durch, der gestreckt wird. Natürlich fallen dabei einige Dörfler diesem Unterfangen zum Opfer, aber die Anzahl der Räuber mindert sich, sie durchschauen nicht den Trick, können ihr Treiben nicht aufgeben, rennen immer wieder gegen das Dorf an, verlieren immer wieder einen Reiter und wissen danach nicht Bescheid, was mit ihnen geschehen ist.
Schließlich kommt der letzte, der Räuberhäuptling durch, auch er wird von der stark dezimierten Dorfschar endlich gestreckt. Das Dorf ist recht verwüstet, der Boden darin von den wild herumreitenden Räubern auf Pferden ganz durchweicht, es ist ein hartes Werk gewesen, solch gut bewaffneten quirligen Reiter zur Strecke zu bringen – doch mit Hilfe des Samureis ist es gelungen. Am Ende sind alle am Ende ihrer Kräfte, aber der Auftrag ist erfüllt.
Der Samurei kann weiterziehen, der Samurei, der ein professioneller Krieger ist, der nicht mehr gebraucht wurde nach dem Fürstenbefriedungen, dem Bürgerkrieg, wonach eine Zeit angefangen hat, wo man solche Krieger nicht mehr brauchen konnte. Er hat bei solchen Aufgaben wie mit dem Dorf seine Bestätigung und sein Auskommen gefunden – immer noch treu und ritterhaft hilft er von Räubern überfallenden und gedemütigten Dörflern vor solchen Verbrechern zu schützen, damit die Landbevölkerung nicht ausgebeutet, erniedrigt und ein zu schweres Leben und Los führen und erdulden muß.

Genau so werde ich es machen: ich locke den vermeintlichen Räuber ins fremde Territorium, wo er mit Schimpf und Schande, Anklagen und Vorhaltungen von den Verkäufern und Verkäuferinnen empfangen wird. Damit erhoffe ich, ihn mürbe zu machen. Forthin habe ich stets eine leere Flasche bereit, mit der ich schließlich durch das für ihn fremde Terrain schreiten werde, sobald er hinter mir her ist, um einen Pfandbonus einzulösen. (Was natürlich Blödsinn ist! Was ich aber erst später, nach etlichen Malen, wo ich mich selbst zum Deppen gemacht habe, bewusst wird. Ich nicke dabei einsichtig: sei Dir bewusst, jeder Kampf, sei er noch so siegreich, kostet, fordert seinen Tribut, ist nachhaltig!

Tasche verloren und Rotkäppchen grinst darüber

Letzthin habe ich meine Tasche, meinen Rucksack verloren. Ich habe ihn mitten am Bahnhof auf den Boden an einem Geländer abgestellt, während ich schnell um die Ecke gegangen bin, um an einen Ticket-Schalter nachzusehen, ob eine Mitfahrgelegenheit sich biete. Als ich nach wirklich wenigen Sekunden zurückgekommen bin und nach dem Rucksack gespäht habe, war er verschwunden. Ich habe ein paar herumstehende Äthiopier gefragt, wo er sei, ob sie einen überhaupt gesehen hätten, aber die verstanden entweder kein Deutsch oder haben nichts gesehen, jedenfalls nichts geantwortet und mich nur konsterniert angeblickt. Schnell bin ich zu verschieden Ausgängen des Bahnhofs gegangen, davor herumgeschaut, ob ich den vermeintlichen Dieb sehe mit dem Rucksack in der Hand oder während er gerade darin herumsucht und –kramt, aber ich habe niemanden entdeckt. Als ich mit der Rolltreppe einen Stockwerk hinunter gefahren bin, um zum Fundbüro des Bahnhofs zu schauen, hat es vom Elevator aus, zwanzig Meter, ausgesehen, als hätte dieses am Samstag geschlossen. Ich bin zur zentralen Information gerannt, diese haben behauptet, das Fundbüro habe offen, wahrscheinlich sei der diensthabende Angestellte gerade ausgetreten, sie haben dort angerufen, es hat sich aber niemand gemeldet. „Sie kommen bestimmt wieder in wenigen Minuten zurück.“ Ich bin dann noch einmal hinuntergegangen und habe die Tür offen vorgefunden, meine Tasche auch gekriegt. Welche Panik habe ich doch ausgestanden, da ich, wie sonst unüblich, darin meine Schlüssel deponiert hatte. Ansonsten trage ich diese immer in meiner Hosentasche, nur just an diesem Tag in dem Rücksack, welch ein fataler Irrtum, Fehlverhalten, Umstand das gewesen ist.
Ein paar Minuten später steht plötzlich das Rotkäppchen hinter mir und grinst breit und frech, bildete ich mir ein. Hatte er meine Kopflosigkeit am Terminal der Überwachungskameras beobachtet und sich einen Ast gelacht über mein Schusseligkeit, Deppertsein und Verwirrung?
Verärgert über mich, diesem Kerl dieses entwaffnende Schauspiel geboten zu haben, renne ich an ihm vorbei, um eine zu rauchen. Normalerweise unterbreche ich mein Tun, Geschäftstreiben und Hin- und Her niemals, zumindest nicht, um extra eine Zigarette zu rauchen. Dass ich dies getan hab daraufhin, dass Rotkäppchen mich über mein desolates Verhalten beobachtet haben könnte, empfinde ich als schwere persönliche Niederlage.
Aber bilde ich mir dies bloß ein?
Wenn auch, nur die Einbildung, die Macht der Einbildung, die zersetzende Auswirkung der Vorstellung, dass es hätte sein können, macht mich sehr, sehr wütend, unzufrieden, schwer, geistlos, was weiß ich, aber erinnere Dich daran: jeder Sieg implementiert stets eine Niederlage!

08. Juni 2019

18Uhr10 Nürnberg – Bayreuth

„Ich stelle gerade das Fahrrad ab. Dann schreibe ich einen Strafanzeige!“, sagt ein Fahrgast. Die Stimme klingt rau und fest. Als wir uns setzen: „Wie oft fahren Sie die Strecke?“ Ich deutete auf meinen essenden Mund. „Ich komme gleich!“, sagt er, steht auf, geht Richtung Fahrrad, kommt gleich wieder, setzt sich hin, er ist wohl sehr um sein Vehikel besorgt, zieht ein Buch aus der Tasche und ließt das englischsprachige Fachbuch: „Body Basic Bewareness-Therapie.“ Immer wieder dazwischen murmelt er etwas, als spräche er zu sich.

Ich verschanze mich. Lesend. Vor meinem Blickfeld habe ich ein Buch aufgebaut, damit ich nicht mit diesem Spinner reden muss. Ich lese Rosa Luxemburgs „Briefe aus dem Gefängnis.“

Ein ältere Dame, wirklich trifft dieser Ausdruck zu, Christa, aus Hersbruck, sie bewegt sich tänzelnd, beschwingt und offen mit einem riesigen Rollkoffer durch die Bahnhofshalle von einem Terminal zum anderen; sie spricht sehr gut Englisch, wobei sich eine sehr deutliche Aussprache, auch ihrer Muttersprache hat und tritt stets als sehr freundliche, nette, verbindliche Person auf, ohne anbiedernd zu wirken, wie viele andere, die von hier sind und herumstreichen und die Leute ohne Umschweife mit „Du“ anreden. Sie muss eine gute Erziehung, Bildung und Lebenslauf gehabt haben ihrem Erscheinungsbild nach zu schließen, aber wie es das Schicksal so will, ist sie mittlerweile behindert und bewegungsradiusmäßig stark eingeschränkt.
Dabei ist es schon ein Wunder, dass sie trotz Schmerzen aus dem Bett kommt, wie sie sagt: „Wenn Du wüsstest, wie ich leide!“ Trotzdem macht sie sich öfter auf den Weg in die große Stadt, um mit ihren Behinderten-Ausweis, der es ihr ermöglicht, kostenlos eine Beigeleitung mitzunehmen, durchs Land zu fahren und ein paar müde Knöpfe zu ergattern.
Ich treffe sie sehr aufgeregt an. Sie wirft mit Fäkalienwörtern um sich, da ihr Rotkäppchen mit der Bundespolizei gedroht hat. „Der Depp hat mit der Polizei gedroht!“ Es klingt für einen Außenstehenden sehr fränkisch, lustig und erheiternd, was es wohl für Christa weniger und alles andere ist.

Äthiopier I – wir sind Freunde

Im öffentlichen Nahverkehr werde exorbitante Preise erhoben. Ein mehr oder minder längerfristiges Ticket für eine Person ist kaum erhältlich, für zwei sind es die Regeln. Kinder von 14 bis 18 zählen als Erwachsene, wofür sie auch dafür den Preis entrichten müssen. Müssen die Leute ohnehin meist für zwei Personen Karten erstehen, solche, die mindestens fürs ganze Wochenende gelten, greifen sie zur Selbsthilfe oder versuchen ihr Recht in Anspruch zu nehmen, wenn eine Person solch eine Karte gekauft hat und eine zweite zum Mitfahren zu gewinnen. Angesichts der horrenden Preise ist es nicht verwunderlich, dass sie in den überwiegenden Fällen von Angesprochenen auf Zustimmung stoßen und erfolgreich sind und sie teilen sich eben die Kosten.
Hat also eine Person eine solche Karte erwirkt und versucht jemanden zum Mitfahren und zur Kostenteilung zu finden, sind aber sofort Angestellte dieses Unternehmens zur Stelle, um ihn daran zu hintern. Sie gehen dabei sehr unhöflich zu Werke, meist im lauten Tonfall und beschimpfen diese mit Steuerbetrügern und anderes mehr.
Wie gesagt, einer als das „Rotkäppchen“ bezeichnet wird, tut sich dabei besonders hervor! Dabei ist er nicht der einzige mit diesem Outfit, Uniform und Erscheinungsbild. Dieses sieht sehr korrekt, wenig uniformiert und kundenfreundlich aus, am Revers hängt ja auch der Name des Betreffenden. Aber wehe Du wirst von Ihnen dabei gesehen und beobachtet, dass Du Dein Ticket, dass mindestens für zwei Erwachsene gilt, einem zweiten zur Mitfahrt anbietest! Wie es eigentlich legitim ist!

Es hatte gestern wieder einen getroffen, einen jungen Äthiopier, der von Rotkäppchen quer durch die ganze Bahnhofs-Halle gejagt wurde und heute morgen sitzt er vor dem Terminal eines Provinz-Bahnhofes auf der Bank. Hier kreuzt sich öfter mein Weg, da meine Freundin vor Ort wohnt und des Morgens treffe ich also Daniel, den vorgestern Hunderfünzigprozentige vor sich hergejagt hat quer durch die fünzig Meter lange Bahnhofshalle bis zum Ausgang, durch den Daniel schließlich, als Rettungsschirm genutzt, entwischen konnte.
Er, den ich ein paar Stunden später wieder getroffen habe, hat mir geantwortet, als ich ihm nach seinem Befinden gefragt habe, wie geht es Dir: „Gut!“ Es klang wie: was sonst! Er hat noch mehr gelacht als sonst, der sich durch sein stetes helles, Menschen zugewandtes Lächeln auf seinem Gesicht von dunkel dreinblickenden Zeitgenossen wohltuend heraushebt und unterscheidet.
Aber ob er sich wirklich wohl fühlte, wage ich zu bezweifeln. Warum habe ich das Gefühl, als ich mit ihm rede, er will jederzeit wegrennen und schaut sich unsicher um?
Zu dem Mitleid paart sich aber mittlerweile etwas Skepsis, oder Nachdenklichkeit, oder Erforschenmüssen!
Denn ich erinnere mich, dass ich ihm auch gestern schon begegnet bin, einige Tage nach dem Gejagtwerden vom Rotkäppchen, als er mit einer Landsmännin, einer Äthiopierin mit Kinderwagen in Nürnberg unterwegs gewesen war.
Ich habe den Fehler gemacht, dass ich ihr lehrerhaft das Deutsch verbessern wollte, als sie mit Kind in den Lift vom Paterre zum Bahnsteig hinter mir einsteigen wollte: „Wir einsteigen auch.“ Ich korrigierte: „Wir möchten auch einsteigen.“ „Wir dich fragen müssen, ob wir einsteigen dürfen? Du bist wohl großer Herr? Wir müssen Dich zuerst fragen?“ „Ich wollte nur Dein Deutsch verbessern.“ „Du erlauben uns einsteigen zu dürfen?“ „Wer nicht Deutsch kann in diesem Land und lernen will, der ist dumm.“
Nebenan stand der Äthiopier. Ich suchte um Sprachhilfe nach: „Übersetz ihr mal, was ich ausdrücken will.“, merkte aber sofort, dass dieser noch weniger die Verkehrssprache beherrschte, der keinen Sprachkurs besucht hat und in einer kleinen Stadt in der Nähe einer Niederlassung der amerikanischen Armee weit außerhalb der Metropole wohnt, wo sie wohl den Teufel tun, um ihn zu integrieren, bekommen die amerikanischen Soldaten selbst kaum und unzureichend Sprachhilfe.
Er übernachtet meist bei Freunden in der Großstadt. Unter diesen Umständen wird er sich kaum richtig waschen, ankleiden und herrichten können, er riecht ziemlich streng und ungewaschen.
Er sitzt neben mir auf der Bank und verzehrt sein Frühstück, gegrillte Hähnchenflügel wahrscheinlich.
Seine Zähne befinden sich in einem himmelschreienden Zustand, Missstand, Unordnung, gehörten wenigstens einigermaßen justiert, da sie in nicht geordneter Reiche gewachsen sind. Diejenigen des Mittelbereichs stehen fünf Millimeter auseinander, das Zahnfleisch mit schwarzen Schatten erscheint und reicht unten und oben weit in den Mund hinein, wenn er lacht und er lacht oft. Die Beißzähne sind von den anderen Zähnen jeweils durch zwei Schneissen versetzt nach vorne herausgewachsen, als ob er in seiner Kindheit statt Wohlernährendes an Schilf-, Bambus—oder sonst etwas Derartiges aus seinem Land gekaut hätte.
Aber zunächst einmal braucht er einen Sprachkurs. Wie geht das nur, dass er ohne einen solchen, der als Integrationskurs tituliert wird, hierzulande leben und über die Runden kommen kann? Dabei ist er nicht der einzige.
Gleichzeitig kommt mir meine Lage in den Sinn, der ich ohne einen solchen dahinlebe, wiewohl ich gerade für solch eine Maßnahme extra eine Zusatzausbildung gemacht habe, neben meinen anderen ganz normalen zwei Universitätsausbildungen, wovon ich nicht einmal das erste, meistnachgefragteste ausüben darf, nämlich Sozialpädagogik, weil mich das örtliche Gesundheitsamt für „zu sensibel“ für die Betreuung von psychisch Kranken, wofür ich mich interessiert und beworben habe, eingestuft hat. „Wenn ich mit Ihnen beim Amtsgericht erscheine, was glauben Sie, was die denken (was ich mir einbilde, mit so einem aufzutauchen und ihn als Berufsbetreuer vorzuschlagen)?“ (Da habe ich mir schon gedacht: wo leben wir mittlerweile, dass ein Betreuer von seelisch kranken Menschen zu viel Einfühlungsvermögen mitbringt, statt dass er, na was wohl, Härte, Stringenz, Durchsetzungsvermögen, verbales Herumkommandieren, um es einmal euphemistisch auszudrücken, mit sich mitbringt oder wie oder was? Und die Freiheit der psychisch Kranken ist zudem so beschränkt, dass sie nicht einmal ihre eigenen Betreuer auswählen dürfen!)
Nun, wir beide, Daniel und ich, sind, wie man so sagt, aus dem System gefallen!
Wie werden gejagt wie gehetzte Hunde, zu denen wir gemacht werden, weil wir schauen müssen, das nötigste an Mittel zusammenzubekommen, um nicht wie die letzten Penner daherzukommen. Gejagt werden wir von anderen, die uns verfolgen durch den ganzen Bahnhofsbereich und uns beschimpfen, anklagen und herunterputzen vor Hunderten von Menschen, die dieses Schauspiel ungerührt mitverfolgen oder nicht sehen wollen.
Warum schreitet keiner ein, erhebt das Wort, schlägt sich auf die Seite der Getriebenen? Und das in der sich selbst schmückenden, lobenden, auf die Schultern klopfenden „Stadt der Menschenrechte!“?
Aber einige sehen es doch, sehen und spüren, dass hierzulande mittlerweile ein Geist auferstanden ist, den jeder auf dieser Welt sehr wohl kennt, der in einem schneidenden, schärfsten, hysterischen Tonfall frank und frei in dichten Menschenansammlungen andere Menschen zu Menschen zweiter Klasse degradiert.
Just Engländer, die zum Dokumentationszentrum über die Nazizeit Deutschlands wollen, zur Aufmarscharena der Parteitage der NSDAP, zum „Dokumentationszentrum der Nazidiktatur“ oder so ähnlich heißt es beschwichtigend, verlogen und beschönigend und ratlos im Menü des Terminal herrumsuchen müssen, weil ihre Sprache, die Weltsprache Englisch, wahrscheinlich von den Angestellten im Zentralinformationszentrum nicht gut genug gesprochen wird und weil der Bestimmungsort aus unerfindlichen Gründen nicht in dem Betriebsmenü der Bahn auftaucht. Während ich ihnen helfe, die richtigen Tickets zu lösen, verfolgen einige konsterniert dieses Treiben des Rotkäppchens, der, mit seiner schneidenden Stimme wie weiland der Erzfeind dieser Nation, einen Schwarzen vor sich her durch die Halle treibt.
Was denken sie sich wohl?
Was denken sie, wenn sie in der Trambahn Nummer Vier sitzen und am „Platz der Opfer des Faschismus“, ehemaliger Hitler-Platz, vorbeifahren und sich dieser Szene mit dem Uniformierten und schluddrigen, stets lächelnden und freundlichen Afrikaner erinnern werden?
Es geschieht oft, dass gerade Britten diesen Ort heimsuchen wollen, wahrscheinlich weil sie nicht wenig von den Bomben der Deutschen über ihre Städten in Erinnerung haben und ich schließe gerne nach getanener Hilfe mit der Bemerkung ab: „And Greetings to Sir Winston Churchill!“, ein Witz, den sie sehr wohl verstehen.
Aber diesesmal ist mir nicht zum Witzeln zumute?
Warum werden heutzutage wieder Menschen zu Jägern anderer Menschen?
Weil sie im Dienst von staatlichen Betrieben, die mittlerweile halbprivatisiert sind, für die Dividenden deren sogenannten Shareholder andere vor sich hertreiben, niederbrüllen und bezichtigen, sie betrögen den Staat, indem sie keine Steuern bezahlten. Das ist sachlich schon ein ungeheuerlicher Vorwurf, denn keiner von uns bekommt durch das Geld beim Herumfahren so viel zusammen, dass er nicht unter den über 9000 Euro legitimierten Steuerfreibetrag käme, keiner, und würde er sich noch so ins Zeug werfen, am Riemen halten und schier permanent auf Trebe sein, käme auf diesen Betrag, niemand.
Daniel hat zuende gegessen. Er hat fettige Hände, die er, er dreht sich um, an der Gebäudemauer abstreifen und reinigen will. „Komm, dort vorne ist ein Klo!“, fordere ich ihn auf, sich die Hände zu waschen. „Ich pass indes auf Deine Plastiktasche auf!“, die er stets mit sich herumführt und worin seine Habseligkeiten sind. Sein Lächeln wird noch breiter, er erhebt sich und geht die paar Meter zum Eingang des Klos. Schön, dass wenigstens in diesem Bahnhof ein Bereich ist, wo man unentgeltlich austreten kann, etwas waschen und sich erfrischen kann. Durchaus eine Seltenheit!

Schwarze Frau will Konditorin werden

Die schwarze Frau weist mir einen freien Platz zu, in dem Zweiersitz im Zug. Ich bin mit einer kopftuchtragenden jungen Frau eingestiegen, die sich vor mir auf einen Vierersitz niederlässt, wo keine weitere Sitzgelegenheiten mehr ist.
Die schwarze Frau hat ihre Sitz-Lade vor sich herunter gelassen, auf dem ein Plastiktablett steht, in dem sich Reste eines frittierten Hähnchens befinden, das sie mir großherzig anbietet. Dankend lehne ich ab, aber nicht deswegen, weil es nur ein kleines unappetitliches Stückchen ist; mir ist nicht nach Essen momentan.
So kommen wir gleich ins Gespräch. Sie sei Feinkonditorin in Ausbildung. Sie komme von ihrem Arbeitplatz und fahre nach Plauen zurück, ein Weg, der einfach zwei Stunden benötigt. Insgesamt ist sie also vier Stunden unterwegs. Schon das klingt unglaublich, es muss bestimmt mehr Zeit in Anspruch nehmen, denn sie arbeitet in einer Kleinstadt, hier schon einmal umzusteigen in einen Bus und dann noch in Nürnberg und oftmals werden Züge gekoppelt, die auch nicht fristgerecht eintreffen, Zeitverzögerungen sind normal. Aber bitte, wenn sie es sagt. Ich kann es trotzdem nicht glauben.
Sie zeigt mir ihre Monats-Schülerkarte, die Strecke steht so drauf, wie gesagt, sie kostet über 400 Euro pro Monat. „Wie viel verdienst Du?“ „Über 600 Euro.“ Was bleibt da noch übrig? Zuhause hat sie zwei Kinder, Kindergartenkinder, vermute ich den Bildern nach zu urteilen, die sie mir auf ihren Smart-Phone stolz zeigt. Zudem einen Mann, Vater beider Kinder, der gleichfalls aus Nigeria kommt. Dieser wird sich wohl neben der Mutter um die Kinder kümmern, wenn die Mutter derartig lange tagsüber unterwegs ist. Viel werden sie nicht von ihr haben, etwas vier Stunden am Tag, denn geschlafen werden muss auch, so etwa 8 Stunden.
Kann das alles wahr sein?.
Ich kann es nicht glauben.

Körperliche Verdrängung

Die körperliche Verdrängung um bessere Plätze und Einsichtsmöglichkeiten auf den Ticket-PC ist wie gesehen habe auch bei mir da. Ein großer breiter Türke allen voran hat mich geschnitten und da ich mit festen, dicken, schweren Schuhwerken bewehrt bin, habe ich ihn mit diesen in die Seiten hinein in seine Schuhe/Füß0e gestoßen, was schon (längerfristig) schmerzhaft sein dürfte – bislang ist dies aber nur das erste Mal gewesen – als Schuss vor dem Bug schiffstechnisch-kriegerisch ausgedrückt. Den Pakistani musste ich bereits mit der Bundespolizei drohen, leider.

24.05.2019 Behinderte werden auch attackiert
So/Nürnberg /13Uhr 30

Am Bhf Nürnberg tummeln sich in Scharen hauptsächlich die schwarzafrikanischen, jugendlichen Äthiopier, die kaum Deutsch sprechen können.
Einem von ihnen, Jamal, habe ich ein Ticket verkauft, so dass er mir 50 Cent schuldig geblieben ist. „Ist verjährt“, „zu spät“, in diesem Sinne, meint er.
Letzthin kommt er unter Druck zu mir, bittend, mit mir mitzufahren: „Gib mir erst die 50 Cent“, sage ich. „Später. Erst muß ich eine Karte kaufen.“ Ich laufe ihm dummerweise zum Automaten hinterher, er hat einen 5er-Schein in der Hand, mit dem er eine Karte lösen will, der jedoch wieder ausgelassen wird und ich ziehe sogar in meinem Schwachsinn, meiner Gutgläubigkeit, Schwäche, was weiß ich, 4.50 Euro heraus, um ihm das passende Wechselgeld zu geben. „Gib mir erst die 50 Cent, dann fahre ich mit.“ „Später. Erst muß ich eine Karte kaufen.“ Hinter uns stehen „Sicherheitsmenschen“, ein Gelbwestler und ein paar blaue Bahnhofsangestellte, das Geschehen misstrauisch beäugend.
Jamal springt zum zweiten Automaten, auch hier gelingt es ihm nicht, eine Karte zu lösen.“ Er wird jetzt von einem hinter ihm Stehenden, auch dunkelhäutig, zur Minna gemacht. „Wo bleibst Du? Bist Du jetzt so weit?“ Nach einer Woche, ich ihn wiedersehend, läuft er an mir vorbei, als kennte er mich nicht, wie gehabt.
Wie sehr ich mich ärgere, mich auf ihn eingelassen zu haben, wodurch ich dem „Sicherheitspersonal“ aufgefallen bin. Meine Gutmütigkeit, mein Glauben auf Vergebung, der Möglichkeiten des Einlenkens eines mich Betrogen-Habenden ärgert mich sehr. „Sei stark! Werde nicht weich! Akzeptiere den Fehdehandschuh!“

Ansbacher, betrunken, in Pumphosen, herabflatternden, braunen orientalischen Hosen herumtorkelnd, mit Plastiktüten voll gestopft mit Pfandflaschen rempelt mich an, wobei er gleichzeitig „Entschuldigung“ murmelt. Ich habe ihn schon ein paar Mal darauf hingewiesen, er soll mich nicht immer körperlich berühten, attackieren, aber es hilft wohl nichts. Er lispelt stark, ist mir eigentlich sympathisch, doch er fängt wohl an, abzustürzen.

Veränderung

Allmählich verändert sich die Szene. Nicht nur, dass nach der Flüchtlingswelle nunmehr ganze Scharen von Schwarzen, die sogar längere Leerfahrten in Kauf nahmen, um ein paar Euro zu verdienen, auftraten, sondern das Verhalten der Einheimischen untereinander. Vielleicht infolge des rapiden Anwachsens der Konkurrenz?
Ein älterer Pakistani ist vom Rotkäppchen, einen besonders scharfen Bahnarbeiter, zu zwei Jahren vom Bahnhof Nürnberg verbannt worden. Trotzdem kommt dieser immer wieder an diesen Ort. Er hat höllische Angst vorm „Rotkäppchen“, der furchtbar aggressiv werden kann, laut herumbrüllt, mit Polizei, Tod und Teufel droht. Jener ist der Schrecken aller, die mit ihrer Karte versuchen Mitfahrer zu gewinnen. Und er ist der einzige von den Bahnhofsangestellten, der sich hinterrücks anschleicht, lange vor den Automaten steht, um das Verhalten zu kontrollieren und mit allem droht, was ihm einfällt: Hausverbot, Strafanzeige wegen Betrugs, „Betrug ist Betrug“ und Einsatz der Bundespolizei, die rechtlich für dieses Terrain Bahnhof verantwortlich ist.
Der Pakistani, der es nicht lassen kann, in Nürnberg immer wieder zu landen und hier Mitfahrer zu acquirieren, steht von daher unter Dauerstress. Er hat am meisten Angst, von „Rotköppchen“ gepastet zu werden, der ihn dann gehörig in die Mangel nimmt. Seine Angst geht so weit, dass er mit Speichel um den Mund herumläuft und jeden anspricht, um sich zu beruhigen, wobei er denjenigen körperlich versucht festzuhalten, am Arm packt, ja sogar in seinem angespannten Zustand andeutungsweise in den Bauch schlägt: „Hör mal!“ Dabei ist sein Deutsch mehr als rudimentär, er kann keinen Satz bilden, was er sagen will, versteht kaum einer, erst nach mühevollen, langen Minuten des Erklärens kommt man hinter seinen Aussagen.

Äthiopier II – wir sind Konkurrenten

Ich war in Ansbach, auf diesem Halb-Provinzbahnhof, herumgestanden.
Es kam ein Paar mit jeweils zwei Fahrrädern, ich konnte mit meinem einem Ticket aber nur eine Person, wenngleich die zwei Fahrräder mitnehmen.
In meinem naiven Gemeinschaftssinn winke ich einen etwas abseits stehenden Äthiopier heran, der gedankenverloren an einem des durchsichtig überdachten Bahnhofsbereiches aufragenden, eisernen Stützpfeiler gelehnt in seinem Smart Phone surft.
Er hat zwei Karten, womit er die beiden samt ihren Fahrrädern mitnehmen kann, mich lässt er einfach stehen, überlässt mir keineswegs, als zuerst die Kunden angesprochen Habender, wenigsten einen Fahrgast, nein, er nimmt alle beide für sich in Anspruch, die ihm treuselig und nichtsahnend hinterher zum Zug nachdackeln.
Ich fühle mich übertölpelt von dieser Unterbietung, Ausbootung und Ausstechung. Mit meiner freundschaftlichen, ihm Die-Hand gereicht-habenden Geste hat er mich kaltschneuzig über den Tisch gezogen. Frustriert dackle auch ich zum Zug hin, der sofort losfährt.
Das mitgenommene Paar sitzt mit ihren zwei Fahrrädern im Fahrzeug-, Kinderwagen und Rollstuhlbereich, sich freudig unterhaltend, wohingegen der Äthiopier etwas entfernt allein in den normalen Gastsesseln sich postiert hat, Rücken zu ihnen und erneut seelenruhig in seinem Smart-Phone surft. Ich zische ihn von hinten an, er dreht sich herum, während ich verärgert die Klotür aufmache: „Das war nicht in Ordnung. Du hättest mir einen Fahrgast überlassen können!“ Aber er reagiert nicht, denn das ist die Cruz, es ist nicht einmal sicher, ob er mich überhaupt versteht oder nicht verstehen will, ich habe noch kein Wort mit ihm gewechselt. Ich kartle sicherheitshalber in Englisch mit der selben Aussage nach. Aber es ist noch weniger wahrscheinlich, dass er diese Sprache spricht. Ausländer sind dir stets im Vorteil, weil sie sich stets dumm stellen können, ha, was sagst Du, was weiß ich, ich verstehe die Sprache hier nicht.

Später dann möchte ich einen Fahrschein verticken, wozu ich bei den herumstehenden Äthiopiern im Bahnhof Nürnberg nachfrage, indem ich ihnen eine Karte anbiete. Sie prüfen sie, nehmen sie aber nicht an, wobei sie ein jeder zuvor reihum im Kreis in die Hände genommen hat, von Hand zu Hand gegangen war und einer schlägt sie mir wie absichtslos aus der Hand, so dass sie auf den Boden fällt, ich mich bücken muss vor den um mich eingekreist Habenden.
Auch der freundliche Äthiopier Daniel steht daneben und lächelt dabei wie immer, dieses Mal teilnahmslos.
Der sie mir aus der Hand geschlagen hat, war es Absicht, war es Zufall, war just derjenige, der mich in Ansbach über den Tisch gezogen hatte.

Am Spätabend, als das Geschäft gelaufen war und wir uns zu einer Erholungspause am Fuße der Treppe zu einem Bahnsteig trafen, ich und just zufällig der Mir-die-Karte-aus-der-Hand-gestossen-Habende und der Mir-die-Kunden-Weggeschnappt-Habende, hat dieser noch die Chuzpe oder Frechheit, als wir uns einig sind im Small-Talk, dass der Abend gelaufen sei, mich zu fragen, und oh, und plötzlich kann er astreines Deutsch sprechen, ob ich ihm nicht die besagte, wenige Stunden zuvor mir aus der Hand geschlagen habende Karte kostenlos überreiche, übergebe und überlasse: dieser Schnorrer in Person und ich in meinem erneut Freund-sein-Wollen hätte sie ihm beinahe überreicht und geschenkt. Aber rechtzeitig zog ich die Karte zurück, vielmehr zögerte ich, als ich schon nach meinem Geldbeutel in meiner Hosentasche griff und im Begriffe war, ihm diese Tageskarte zu schenken, mich fragend, wie blöd musst Du sein, diesem Oberabstauber und Schnorrer in Reinkultur noch die gebratenen Äpfel vor die Füße zu legen, nachdem er dir ein paar Mal eine mit der Rute übergezischt hat?
Polizeiverständnis für die Amtssprache

Ein Polizist klärt mich über die Bedingungen einer Fahrkarten-Nutzung auf.
„Das ist eindeutig!“, sage ich, „daß man da auch eine Person fahren darf.“
„Das kann man auch so sehen!“, sagt er, nämlich anders.
Das hat man nun davon, wenn man Menschen zu Ordnungshütern macht, die nicht ihre eigene Sprache verstehen, sobald sie schriftlich niedergelegt ist. Sollte so jemand nicht wenigstens dies können? Zumindest einen mittleren Bildungsabschluss haben? Neben diesem Polizisten steht eine Polizistin, die sich aber nicht in die Diskussion, wie dieser Satz zu verstehen ist, einlässt. Stattdessen sortiert sie das Terrain, achtet darauf, daß niemand zu nahe kommt, um sich da einzumischen oder was auch immer ihr Auftrag sein mag, wahrscheinlich einer, der nicht schriftlich vorgeschrieben worden ist oder doch, und dann sie ihn falsch verstanden hat.
„Wo steht das, was sie behaupten, Herr Polizist?“ Eine überflüssige Frage, weil er ja nicht richtig lesen und verstehen kann. „Das steht im Internet!“. Wir stehen vor einem Terminal. „Zeigen Sie mir es bitte einmal mal!“ Er macht das nicht, ich hoffe aufgrund eines wenigstens geringen Selbstzweifels – daß er etwas falsch verstehen kann, was in der Schrift fixiert ist.
„Unwissenheit schützt vor Strafe nicht!“, schaltet sich jetzt die Polizistin ein, ein Spruch, den man in Grund- und Hauptschulen dieses Landes eingetrichtert bekommt hat, wohl auch im östlichen Teil desselben, woher diese Dame zu kommen scheint ihrem Akzent nach zu urteilen.
Daß der Inhalt dieses Spruches höchstwahrscheinlich nur auf Untergebene wie ich einer bin angewandt wird, darauf kann man „Gift nehmen!“, auch so ein Spruch. Und richtig, die Herren Rechtsstaatler, Richter, sie stehen hinter der Ordnungsmacht, denn der feine Polizist mahnt mich: „Die Rechtslage sieht so aus: die Justiz, das Amtsgericht, die Richter stehen hinter dieser Richtlinie! (wie ich sie verstehe)“
Wobei seine Interpretation des Zusatzsatzes der Beschreibungen der Richtlinie bezüglich der Karte über die Nutzungsrechte derselben meint, daß da überhaupt keine Person fahren darf: „Die Karte gilt an Werktagen von Montag bis Freitag – ohne Ausschließzeit von Betriebsbeginn bis 9 nur für eine Person“ und da die Titulierung dieser Karte ausdrücklich eine Ausschlussfrist nennt und diese Karte eine „Zwei-Personen-Karte“ heißt, heißt dies, daß auch eine einzelne Person vor 9 Uhr fahren darf (wie ich es verstehe).
Aber der Herr Polizist sieht dies anders, liest dies anders und außerdem stehen da noch im Internet – wo nur? – Ausführungsbestimmungen, wo dies näher erläutert wird, nur, wenn ich oder er nicht ein gestörtes Sprachverständnis besitzen, helfen auch die best-formuliertesten, umfangreichsten Erläuterungen und Ausführungen nichts.
Doch dafür gibt es die Herren Juristen, die sowieso das beste aller Sprachverständnisse besitzen und wie der Polizist behauptet, es auch so verstehen wie er! Und wenn ich dies nicht weiß, sagt die Polizistin, dann schützt mich das auch nicht vor Strafe. Punktum.
Bildung ist die Lösung! So wird es überall in der Welt propagiert. Nun, ich darf sagen, ich habe eine sehr gute Bildung über mich ergehen lassen müssen, aber wenn ich sie anwende, wie hier, dann sagt man mir: falsch! Erst wirst du jahrzehntelang gedritzt mit sogenannter „Bildung“, dann erklärt man dir, daß diese falsch ist.
Was lernt man daraus?
Bildungsvermittlung ist auch nur ein Geschäftsmodell und hilft dir nichts, aus deiner Armut herauszukommen. Die Definitionshohheit behalten sich die Damen und Herren, die dich arme Sau in die Schule, Hochschule und Universität getrieben, gelockt und verführt haben.

Bildungsbürger auf Reise

Ein etwas desorientierter Herr spricht mich an.
„Ich muss zum Flughafen, dort in ein Hotel, um morgen in der Frühe weiter mit dem Flugzeug zu reisen.“ Der Flug geht wohl sehr früh, so daß er keine nahtlose Verbindung von seinem Heimatort bis zur Startrampe hat buchen können. Er muss die Nacht im Hotel verbringen. Das Hotel ist leider auch nicht unmittelbar am Flughafen, nämlich eine Station mit der S-Bahn davor. Dorthin muss er zunächst fahren. Mit einem dicken Koffer, versteht sich: zwei Wochen ist eine lange Zeit für sesshafte Normalbürger gehobener Klasse.
„Kein Problem, ich bringe sie hin!“
Er begleicht auch sofort den Preis, den ich ihm nenne.
„Nach Nordzypern also?“
„Ja!“
„In den türkischen Bereich von Zypern.“
„Ja.“
„Anladim!“, sage ich.
„Ich verstehe nicht?“, sagt er.
„Na, das heißt auf türkisch: ich verstehe!“
„Achso!“, sagt er.
„Genau!“, denke ich mir, sage es aber lieber nicht.
„Wenigstens ein paar Wörter türkisch müsste man vielleicht können“, meine ich dezent.
„Ja. Sie haben recht!“
„Teschekür!“, sage ich.
„Wie bitte?“
„Das heißt auf türkisch: danke!“
„Wie noch einmal?!“
Ich wiederhole.
Er scheint sich fast die Zunge zu brechen bei der Aussprache des Wortes Danke auf türkisch. Ich verstehe es, mir ist es anfangs auch nicht anders ergangen. Nur war ich froh und glücklich, dieses Wort aussprechen zu dürfen, befand ich mich doch inmitten Zentralanatoliens in einer höhlenartigen Behausung von kurdischen Türken, die uns zu sich eingeladen hatten.
Aber der Herr vom Bodensee, Angst vor einem Ritt über den Bodensee?, zweifelt, klagt und lamentiert jetzt.
„Dabei war das die Idee meiner Frau.“
„Aha, zwei Wochen Zypern im türkischen Teil!“
„Ja. Sie hat alles arrangiert, bis sie sich nicht mehr wohl gefühlt hat und absagen musste. Dann war alles aber bereits gebucht. Und jetzt fahre nur ich.“
„Während ihre Frau zuhause bleibt im schönen Konstanz!“
„Ja, sie hat es an den Bronchien. Asthma!“
Ich denke mir, daß es doch ein guter Tausch für eine Asthmaleidende von der feuchten Bodensee-Region zum trockenen Zypern wäre? Die hohe Luftfeuchtigkeit ist nicht gut für die Lunge. Und Zypern liegt in einer wärmeren, trockeneren Region dieser Erde.
„Aber na klar!“, denke ich, als ich mir den Herren da vom Bodensee genauer anschaue: der graue, nicht zu lange Bart ist vorbildlich und schön akkurat geschnitten, er selbst strahlt im Grunde seines Herzens Ruhe aus, sprich das Leben hat es bisher gut mit ihm gemeint, kurzum ein gesitteter Bildungsbürger – nun aber etwas nervös geworden auf dem unsicheren Weg in den Orient, wenn auch zunächst einmal nur auf dem hier schon steinigem Weg zu einem Flughafen-Hotel.
Ich kann es mir ja vorstellen! Mann und Frau aus gutem Hause haben ihr Leben lang bestens harmonisiert und funktioniert in Beruf, Ehe und vor allem in den Rollen der Erzieher bestens ausgebildeter Kinder, die nun flügge geworden sind, wohl in London, Paris, Tokio, weiß der Teufel wo, Karriere machen und nun stehen sich die übrig- und zurückgebliebenen Eltern Angesichts zu Angesichts gegenüber, fragen sich, wie sie zueinander gekommen sind, beginnen sich zu langweilen, überdrüssig zu werden und versuchen wenigstens auf leisen Wegen etwas auf Distanz zu gehen. Die Kinder haben noch keine eigenen Kinder, der nächste Lebensabschnitt, nämlich Oma und Opa spielen zu können, also in die Rolle von Großvater und Großmutter zu schlüpfen steht noch nicht vor der Tür, wie die Zeit bis dorthin überbrücken? Weil eine Trennung kommt in ihrem Alter, in diesem traditionellem Umfeld, in deren gesellschaftlicher Position und bei deren familiärer Tradition nicht in Frage.
Die Ehefrau, die gewieftere, weiß Rat. Sie arrangierte eine Reise, zunächst für sie beide gebucht. Springt aber dann vorzeitig ab, oder wird plötzlich krank, das Unterbewusstsein, keiner weiß es, hat schließlich das letzte Wort – na denn lieber Mann: „Güle, güle!“
Es braucht einige Zeit, um zur Station zu kommen, wo das Hotel des Mannes ist. Zeit, lang oder kurz, ist ein relativer Begriff, eine Frage der Lange- oder Kurzweiligkeit, ich habe kein Problem, ich lese einen spannenden Roman. Der Mann, der ein Redebedürfnis hat, stößt von daher bei mir auf Granit. So sucht er bei anderen Fahrgästen Anschluß, fragt immer wieder, wie weit es denn noch bis zur betreffenden Haltstelle ist. Steht zwischendrin auf, schaut auf das Schienennetz der U- und S-Bahnen über der Eingangstür der S-Bahn, setzt sich wieder, sagt sich, lächelnd, weil er über sich selbst beschämt zu sein scheint, sich bewusst, daß er nervös ist, aus welch unerfindlichen Gründen auch immer: „Es sind nur noch zwei Stationen.“ Aber natürlich, diese zwei Stationen können auch noch eine schöne Ewigkeit dauernd.
Immerhin, bevor er aufsteht und sich von mir verabschiedet, sagt er etwas schuldbewusst: „Ich weiß gar nicht mehr, wie dieses türkische Wort für „danke“ ausgesprochen wird!“
„Teschekür!“
„Aha, genau. Teschekür!“
Dann sage ich noch „Güle, güle!“
„Wie bitte!“
Er ist irritiert, denn die Phonetik dieses Wortes hat eine zweideutig-schön-schaurige Konnotation, sprich erinnert an etwas, worüber man die Nase verzieht. „Das heißt Auf Wiedersehen!“
Er wiederholt es, beschämt, aber gefasst – er stellt sich also dem Abenteuer!

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Pentzw
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Beitragvon Pentzw » 01.05.2019, 20:35

Wilde Kämpfe vorm Schalter

Rotkäppchens Name ist „Rührer“, wie auf seinem Revers-Schildchen steht, das er stolz auf seiner Brust trägt, hinter einem trenchcoatartigen Überzieher verdeckt, der hinter ihm her flattert wie Graf Dracula seiner, huscht und läuft er durch die zugigen Bahngleis-Unterführungen. In der Hand hält er meist ein knatterndes, schepperndes, großes Talkie-Walkie, also kein handy-förmiges oder smart-phone-artiges Telefon, welches wahrscheinlich extra auf eigener Frequenz der Bahnhofshalle läuft, womit keine Kosten verursacht werden und ein besserer Empfang herrscht.
Der Name Rührer ist Programm.
Sobald er hinter Säulen, aus Tunneln oder Ausgängen plötzlich auftaucht, erschrecken eine Menge Leute und ein Pulk stiebt auseinander wie Tauben, wenn man ihnen zu Nahe kommt und die Einzelnen suchen Schutz und Versteck hinter allem, ziehen sich die Kapuzen über den Kopf, den Krakenrevers höher, die Schildmütze herunter.
Rührer macht seinem Namen Ehre. Die Mitfahranbieter schauen sich panisch um sich, sobald sie auf jemanden Anzusprechenden zugehen von ihren Standorten aus von etlichen Meter Abstand zu den Terminals. Sie spähen links und rechts und hinter sich, ob nicht der böse Wolf hinter ihnen lauert, bereit ein furchtbares Gröhlen, Bellen, Hellen und furchteinflößendes Grinsen und Grollen anzunehmen, wo es jedermann urplötzlich den Appetit verschlägt, die Lust vergeht, in Stehstarre übermannt oder in Fluchtpose verfällt.

Einmal: „Would You like to go to Bamberg…” Der Engländer ist unschlüssig, ob er das Angebot einer Mitfahrgelegenheit annehmen oder lieber alleine fahren soll. Hinter uns erscheint plötzlich wütenden Gesichtes und funkelnden Auges die Wolfs-Visage, eine verzerrte Wolfs-Grimasse, genau auf der Höhe zwischen unsere sich in Unterhaltung zugewandten Köpfen, taucht wieder ab, als er nach einem - äh, was, wie – bemerkt hat, dass sich die beiden Herren in Englisch verständigen, ein Idiom, den er wohl nicht versteht und wenn er einen davon, mich, auf Deutsch anpöbelt, der andere, Fremde, sehr ungastfreundschaftlich befremdet sein wird. Da er weiß, dass dieses Geschäftsgebaren nicht einem modernen Leistungsunternehmen geziemt, hat sich der Störenfried rechtzeitig wieder zurückgezogen, nur eine Meter hinter uns platziert mit seinem überdimensionalen krächzenden Talkie-Walkie, aus der gebrochene Stimmen dringen, einschüchternd und warnend, dass er, der Ordnungsmann, bereit stehe. Der Tourist, der Geschäftsmann oder Universitäts- oder Internationalen-Gesellschaft-Beschäftigte entschließt sich schließlich, eine Einzelkarte zu lösen. Damit hat er die Chance verpasst, billiger an seinen Bestimmungsort zu gelangen; der Bahnbedienstete hat ein paar Euro mehr für die Aktionäre dieser Gesellschaft gerettet, deren Vertreter er darstellt; und ich bin nicht näher meinem Ansinnen gekommen, mir ein paar dringend benötigte Sommerschuhe zu kaufen.

Einmal: Grimmiger Wolfsblick durchbohrt mich. Ich gehe auf ihn zu: „Wie heißen sie überhaupt?“, und lese das erste Mal den Namen an seinem Schildchen. „Aha, Rührer, heißen Sie! Den Namen muss ich mir merken.“ „Das wird Ihnen nichts nützen!“, sagt er ungerührt, nicht einen Schritt zurückgewichen ist er oder sonstwie eine körperliche Bewegung vollzogen. „Das wird man ja sehen!“, sage ich. „Alles ist auf Video aufgezeichnet, was hier geschieht. Und das 10 Jahre lang gespeichert.“ „Wir tun nichts Ungesetzliches!“, und ich gehe mit einer leeren Flasche in der Hand Richtung Flaschenautomat, um den Pfandbonus einzulösen. „Betrug ist nun einmal Betrug!“, brüllt er laut, mir dicht auf den Fersen –und in den hier beginnenden Restaurant-, Imbiss- und Bäckereibereich befindet er sich plötzlich auf nicht hausrechtlichem Boden. Da wir uns schon zwei Schritte über der imaginären roten Linie befinden, wildert er im fremden Terrain und hat ihr kein Anrecht, seine vermeintlichen Rechte lautstark einzuklagen, sodaß ihn prompt eine Verkäuferin mit Namen anspricht: „Aber Herr Rührer!“, was machen Sie denn, klingt es mir in den Ohren. Ich gehe weiter Richtung Automaten. Ich bin ihn los, abgeschüttelt habe ich ihn und mir kommt eine Idee, wie ich den Berserker zur Strecke bringen, den Schreihals das Maul stopfen - gut gesprochen, ihn einigermaßen zum Schweigen bringen könnte.


Der Samurei

Ein japanisches Dorf im 16., 17. Jahrhundert wird von einer Räuberbande belagert. Jene überfällt immer wieder diese, raubt, mordet und vergewaltigt und verschwindet wieder für einige Zeit. Der Dorfrat beschließt, diesem Treiben ein Ende zu setzen und einen erfahrenen Kämpfer, einen Samurei zu engagieren. Dieser ortet die Umgebung, die Möglichkeiten. Das Dorf ist von einem dichten Wald umgeben, aus denen die Räuber hervorstechen und gegen den Dorfwall anrennen.
Der Samurei nimmt den Auftrag an.
Er verspricht den Dorfbewohnern, sie von der Räuberplage zu befreien.
Als die Räuber wieder kommen, wird ein Plan durchgeführt. Die Dorfbewohner sind imstande, die Räuber jedes Mal abzuschütteln, aufzuhalten, wenn auch unter Verlusten. Nur lassen sie jedes Mal einen Reiter durchkommen, der als einziger in das Dorf einfällt und von den unberittenen Dörflern durchs Dorf gejagt und gedrillt wird, bis er ermordet werden kann.
So geschieht es jedesmal. Jedesmal kommt nur ein Reiter durch, der gestreckt wird. Natürlich fallen dabei einige Dörfler diesem Unterfangen zum Opfer, aber die Anzahl der Räuber mindert sich, sie durchschauen nicht den Trick, können ihr Treiben nicht aufgeben, rennen immer wieder gegen das Dorf an, verlieren immer wieder einen Reiter und wissen danach nicht Bescheid, was mit ihnen geschehen ist.
Schließlich kommt der letzte, der Räuberhäuptling durch, auch er wird von der stark dezimierten Dorfschar endlich gestreckt. Das Dorf ist recht verwüstet, der Boden darin von den wild herumreitenden Räubern auf Pferden ganz durchweicht, es ist ein hartes Werk gewesen, solch gut bewaffneten quirligen Reiter zur Strecke zu bringen –doch mit Hilfe des Samureis ist es gelungen. Am Ende sind alle am Ende ihrer Kräfte, aber der Auftrag ist erfüllt.
Der Samurei kann weiterziehen, der Samurei, der ein professioneller Krieger ist, der nicht mehr gebraucht wurde nach dem Fürstenbefriedungen, dem Bürgerkrieg, wonach eine Zeit angefangen hat, wo man solche Krieger nicht mehr brauchen konnte. Er hat bei solchen Aufgaben wie mit dem Dorf seine Bestätigung und sein Auskommen gefunden –immer noch treu und ritterhaft hilft er von Räubern überfallenden und gedemütigten Dörflern vor solchen Verbrechern zu schützen, damit die Landbevölkerung nicht ausgebeutet, erniedrigt und ein zu schweres Leben und Los führen und erdulden muß.

Genau so werde ich es machen: ich locke den vermeintlichen Räuber ins fremde Territorium, wo er mit Schimpf und Schande, Anklagen und Vorhaltungen von den Verkäufern und Verkäuferinnen empfangen wird. Damit erhoffe ich, ihn mürbe zu machen. Forthin habe ich stets eine leere Flasche bereit, mit der ich schließlich durch das für ihn fremde Terrain schreiten werde, sobald er hinter mir her ist, um einen Pfandbonus einzulösen.

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Re: In der besten aller Republiken - Das Gespenst in der Stadt der Menschenrechte

Beitragvon Pentzw » 02.07.2019, 17:50

Genau so werde ich es machen: ich locke den vermeintlichen Räuber ins fremde Territorium, wo er mit Schimpf und Schande, Anklagen und Vorhaltungen von den Verkäufern und Verkäuferinnen empfangen wird. Damit erhoffe ich, ihn mürbe zu machen. Forthin habe ich stets eine leere Flasche bereit, mit der ich schließlich durch das für ihn fremde Terrain schreiten werde, sobald er hinter mir her ist, um einen Pfandbonus einzulösen. (Was natürlich Blödsinn ist! Was ich aber erst später, nach etlichen Malen, wo ich mich selbst zum Deppen gemacht habe, bewusst wird. Ich nicke dabei einsichtig: sei Dir bewusst, jeder Kampf, sei er noch so siegreich, kostet, fordert seinen Tribut, ist nachhaltig!


Tasche verloren und Rotkäppchen grinst darüber

Letzthin habe ich meine Tasche, meinen Rucksack verloren. Ich habe ihn mitten am Bahnhof auf den Boden an einem Geländer abgestellt, während ich schnell um die Ecke gegangen bin, um an einen Ticket-Schalter nachzusehen, ob eine Mitfahrgelegenheit sich biete. Als ich nach wirklich wenigen Sekunden zurückgekommen bin und nach dem Rucksack gespäht habe, war er verschwunden. Ich habe ein paar herumstehende Äthiopier gefragt, wo er sei, ob sie einen überhaupt gesehen hätten, aber die verstanden entweder kein Deutsch oder haben nichts gesehen, jedenfalls nichts geantwortet und mich nur konsterniert angeblickt. Schnell bin ich zu verschieden Ausgängen des Bahnhofs gegangen, davor herumgeschaut, ob ich den vermeintlichen Dieb sehe mit dem Rucksack in der Hand oder während er gerade darin herumsucht und –kramt, aber ich habe niemanden entdeckt. Als ich mit der Rolltreppe einen Stockwerk hinunter gefahren bin, um zum Fundbüro des Bahnhofs zu schauen, hat es vom Elevator aus, zwanzig Meter, ausgesehen, als hätte dieses am Samstag geschlossen. Ich bin zur zentralen Information gerannt, diese haben behauptet, das Fundbüro habe offen, wahrscheinlich sei der diensthabende Angestellte gerade ausgetreten, sie haben dort angerufen, es hat sich aber niemand gemeldet. „Sie kommen bestimmt wieder in wenigen Minuten zurück.“ Ich bin dann noch einmal hinuntergegangen und habe die Tür offen vorgefunden, meine Tasche auch gekriegt. Welche Panik habe ich doch ausgestanden, da ich, wie sonst unüblich, darin meine Schlüssel deponiert hatte. Ansonsten trage ich diese immer in meiner Hosentasche, nur just an diesem Tag in dem Rücksack, welch ein fataler Irrtum, Fehlverhalten, Umstand das gewesen ist.
Ein paar Minuten später steht plötzlich das Rotkäppchen hinter mir und grinst breit und frech, bildete ich mir ein. Hatte er meine Kopflosigkeit am Terminal der Überwachungskameras beobachtet und sich einen Ast gelacht über mein Schusseligkeit, Deppertsein und Verwirrung?
Verärgert über mich, diesem Kerl dieses entwaffnende Schauspiel geboten zu haben, renne ich an ihm vorbei, um eine zu rauchen. Normalerweise unterbreche ich mein Tun, Geschäftstreiben und Hin- und Her niemals, zumindest nicht, um extra eine Zigarette zu rauchen. Dass ich dies getan hab daraufhin, dass Rotkäppchen mich über mein desolates Verhalten beobachtet haben könnte, empfinde ich als schwere persönliche Niederlage.
Aber bilde ich mir dies bloß ein?
Wenn auch, nur die Einbildung, die Macht der Einbildung, die zersetzende Auswirkung der Vorstellung, dass es hätte sein können, macht mich sehr, sehr wütend, unzufrieden, schwer, geistlos, was weiß ich, aber erinnere Dich daran: jeder Sieg implementiert stets eine Niederlage!


08. Juni 2019

18Uhr10 Nürnberg – Bayreuth

„Ich stelle gerade das Fahrrad ab. Dann schreibe ich einen Strafanzeige!“, sagt ein Fahrgast. Die Stimme klingt rau und fest. Als wir uns setzen: „Wie oft fahren Sie die Strecke?“ Ich deutete auf meinen essenden Mund. „Ich komme gleich!“, sagt er, steht auf, geht Richtung Fahrrad, kommt gleich wieder, setzt sich hin, er ist wohl sehr um sein Vehikel besorgt, zieht ein Buch aus der Tasche und ließt das englischsprachige Fachbuch: „Body Basic Bewareness-Therapie.“ Immer wieder dazwischen murmelt er etwas, als spräche er zu sich.

Ich verschanze mich. Lesend. Vor meinem Blickfeld habe ich ein Buch aufgebaut, damit ich nicht mit diesem Spinner reden muss. Ich lese Rosa Luxemburgs „Briefe aus dem Gefängnis.“

Ein ältere Dame, wirklich trifft dieser Ausdruck zu, Christa, aus Hersbruck, sie bewegt sich tänzelnd, beschwingt und offen mit einem riesigen Rollkoffer durch die Bahnhofshalle von einem Terminal zum anderen; sie spricht sehr gut Englisch, wobei sich eine sehr deutliche Aussprache, auch ihrer Muttersprache hat und tritt stets als sehr freundliche, nette, verbindliche Person auf, ohne anbiedernd zu wirken, wie viele andere, die von hier sind und herumstreichen und die Leute ohne Umschweife mit „Du“ anreden. Sie muss eine gute Erziehung, Bildung und Lebenslauf gehabt haben ihrem Erscheinungsbild nach zu schließen, aber wie es das Schicksal so will, ist sie mittlerweile behindert und bewegungsradiusmäßig stark eingeschränkt.
Dabei ist es schon ein Wunder, dass sie trotz Schmerzen aus dem Bett kommt, wie sie sagt: „Wenn Du wüsstest, wie ich leide!“ Trotzdem macht sie sich öfter auf den Weg in die große Stadt, um mit ihren Behinderten-Ausweis, der es ihr ermöglicht, kostenlos eine Beigeleitung mitzunehmen, durchs Land zu fahren und ein paar müde Knöpfe zu ergattern.
Ich treffe sie sehr aufgeregt an. Sie wirft mit Fäkalienwörtern um sich, da ihr Rotkäppchen mit der Bundespolizei gedroht hat. „Der Depp hat mit der Polizei gedroht!“ Es klingt für einen Außenstehenden sehr fränkisch, lustig und erheiternd, was es wohl für Christa weniger und alles andere ist.


Der junge Äthiopier Daniel oder ein Gespenst geht um

Im öffentlichen Nahverkehr werde exorbitante Preise erhoben. Ein mehr oder minder längerfristiges Ticket für eine Person ist kaum erhältlich, für zwei sind es die Regeln. Kinder von 14 bis 18 zählen als Erwachsene, wofür sie auch dafür den Preis entrichten müssen. Müssen die Leute ohnehin meist für zwei Personen Karten erstehen, solche, die mindestens fürs ganze Wochenende gelten, greifen sie zur Selbsthilfe oder versuchen ihr Recht in Anspruch zu nehmen, wenn eine Person solch eine Karte gekauft hat und eine zweite zum Mitfahren zu gewinnen. Angesichts der horrenden Preise ist es nicht verwunderlich, dass sie in den überwiegenden Fällen von Angesprochenen auf Zustimmung stoßen und erfolgreich sind und sie teilen sich eben die Kosten.
Hat also eine Person eine solche Karte erwirkt und versucht jemanden zum Mitfahren und zur Kostenteilung zu finden, sind aber sofort Angestellte dieses Unternehmens zur Stelle, um ihn daran zu hintern. Sie gehen dabei sehr unhöflich zu Werke, meist im lauten Tonfall und beschimpfen diese mit Steuerbetrügern und anderes mehr.
Wie gesagt, einer als das „Rotkäppchen“ bezeichnet wird, tut sich dabei besonders hervor! Dabei ist er nicht der einzige mit diesem Outfit, Uniform und Erscheinungsbild. Dieses sieht sehr korrekt, wenig uniformiert und kundenfreundlich aus, am Revers hängt ja auch der Name des Betreffenden. Aber wehe Du wirst von Ihnen dabei gesehen und beobachtet, dass Du Dein Ticket, dass mindestens für zwei Erwachsene gilt, einem zweiten zur Mitfahrt anbietest! Wie es eigentlich legitim ist!

Es hatte gestern wieder einen getroffen, einen jungen Äthiopier, der von Rotkäppchen quer durch die ganze Bahnhofs-Halle gejagt wurde und heute morgen sitzt er vor dem Terminal eines Provinz-Bahnhofes auf der Bank. Hier kreuzt sich öfter mein Weg, da meine Freundin vor Ort wohnt und des Morgens treffe ich also Daniel, den vorgestern Hunderfünzigprozentige vor sich hergejagt hat quer durch die fünzig Meter lange Bahnhofshalle bis zum Ausgang, durch den Daniel schließlich, als Rettungsschirm genutzt, entwischen konnte.
Er, den ich ein paar Stunden später wieder getroffen habe, hat mir geantwortet, als ich ihm nach seinem Befinden gefragt habe, wie geht es Dir: „Gut!“ Es klang wie: was sonst! Er hat noch mehr gelacht als sonst, der sich durch sein stetes helles, Menschen zugewandtes Lächeln auf seinem Gesicht von dunkel dreinblickenden Zeitgenossen wohltuend heraushebt und unterscheidet.
Aber ob er sich wirklich wohl fühlte, wage ich zu bezweifeln. Warum habe ich das Gefühl, als ich mit ihm rede, er will jederzeit wegrennen und schaut sich unsicher um?
Zu dem Mitleid paart sich aber mittlerweile etwas Skepsis, oder Nachdenklichkeit, oder Erforschenmüssen!
Denn ich erinnere mich, dass ich ihm auch gestern schon begegnet bin, einige Tage nach dem Gejagtwerden vom Rotkäppchen, als er mit einer Landsmännin, einer Äthiopierin mit Kinderwagen in Nürnberg unterwegs gewesen war.
Ich habe den Fehler gemacht, dass ich ihr lehrerhaft das Deutsch verbessern wollte, als sie mit Kind in den Lift vom Paterre zum Bahnsteig hinter mir einsteigen wollte: „Wir einsteigen auch.“ Ich korrigierte: „Wir möchten auch einsteigen.“ „Wir dich fragen müssen, ob wir einsteigen dürfen? Du bist wohl großer Herr? Wir müssen Dich zuerst fragen?“ „Ich wollte nur Dein Deutsch verbessern.“ „Du erlauben uns einsteigen zu dürfen?“ „Wer nicht Deutsch kann in diesem Land und lernen will, der ist dumm.“
Nebenan stand der Äthiopier. Ich suchte um Sprachhilfe nach: „Übersetz ihr mal, was ich ausdrücken will.“, merkte aber sofort, dass dieser noch weniger die Verkehrssprache beherrschte, der keinen Sprachkurs besucht hat und in einer kleinen Stadt in der Nähe einer Niederlassung der amerikanischen Armee weit außerhalb der Metropole wohnt, wo sie wohl den Teufel tun, um ihn zu integrieren, bekommen die amerikanischen Soldaten selbst kaum und unzureichend Sprachhilfe.
Er übernachtet meist bei Freunden in der Großstadt. Unter diesen Umständen wird er sich kaum richtig waschen, ankleiden und herrichten können, er riecht ziemlich streng und ungewaschen.
Er sitzt neben mir auf der Bank und verzehrt sein Frühstück, gegrillte Hähnchenflügel wahrscheinlich.
Seine Zähne befinden sich in einem himmelschreienden Zustand, Missstand, Unordnung, gehörten wenigstens einigermaßen justiert, da sie in nicht geordneter Reiche gewachsen sind. Diejenigen des Mittelbereichs stehen fünf Millimeter auseinander, das Zahnfleisch mit schwarzen Schatten erscheint und reicht unten und oben weit in den Mund hinein, wenn er lacht und er lacht oft. Die Beißzähne sind von den anderen Zähnen jeweils durch zwei Schneissen versetzt nach vorne herausgewachsen, als ob er in seiner Kindheit statt Wohlernährendes an Schilf-, Bambus—oder sonst etwas Derartiges aus seinem Land gekaut hätte.
Aber zunächst einmal braucht er einen Sprachkurs. Wie geht das nur, dass er ohne einen solchen, der als Integrationskurs tituliert wird, hierzulande leben und über die Runden kommen kann? Dabei ist er nicht der einzige.
Gleichzeitig kommt mir meine Lage in den Sinn, der ich ohne einen solchen dahinlebe, wiewohl ich gerade für solch eine Maßnahme extra eine Zusatzausbildung gemacht habe, neben meinen anderen ganz normalen zwei Universitätsausbildungen, wovon ich nicht einmal das erste, meistnachgefragteste ausüben darf, nämlich Sozialpädagogik, weil mich das örtliche Gesundheitsamt für „zu sensibel“ für die Betreuung von psychisch Kranken, wofür ich mich interessiert und beworben habe, eingestuft hat. „Wenn ich mit Ihnen beim Amtsgericht erscheine, was glauben Sie, was die denken (was ich mir einbilde, mit so einem aufzutauchen und ihn als Berufsbetreuer vorzuschlagen)?“ (Da habe ich mir schon gedacht: wo leben wir mittlerweile, dass ein Betreuer von seelisch kranken Menschen zu viel Einfühlungsvermögen mitbringt, statt dass er, na was wohl, Härte, Stringenz, Durchsetzungsvermögen, verbales Herumkommandieren, um es einmal euphemistisch auszudrücken, mit sich mitbringt oder wie oder was? Und die Freiheit der psychisch Kranken ist zudem so beschränkt, dass sie nicht einmal ihre eigenen Betreuer auswählen dürfen!)
Nun, wir beide, Daniel und ich, sind, wie man so sagt, aus dem System gefallen!
Wie werden gejagt wie gehetzte Hunde, zu denen wir gemacht werden, weil wir schauen müssen, das nötigste an Mittel zusammenzubekommen, um nicht wie die letzten Penner daherzukommen. Gejagt werden wir von anderen, die uns verfolgen durch den ganzen Bahnhofsbereich und uns beschimpfen, anklagen und herunterputzen vor Hunderten von Menschen, die dieses Schauspiel ungerührt mitverfolgen oder nicht sehen wollen.
Warum schreitet keiner ein, erhebt das Wort, schlägt sich auf die Seite der Getriebenen? Und das in der sich selbst schmückenden, lobenden, auf die Schultern klopfenden „Stadt der Menschenrechte!“?
Aber einige sehen es doch, sehen und spüren, dass hierzulande mittlerweile ein Geist auferstanden ist, den jeder auf dieser Welt sehr wohl kennt, der in einem schneidenden, schärfsten, hysterischen Tonfall frank und frei in dichten Menschenansammlungen andere Menschen zu Menschen zweiter Klasse degradiert.
Just Engländer, die zum Dokumentationszentrum über die Nazizeit Deutschlands wollen, zur Aufmarscharena der Parteitage der NSDAP, zum „Dokumentationszentrum der Nazidiktatur“ oder so ähnlich heißt es beschwichtigend, verlogen und beschönigend und ratlos im Menü des Terminal herrumsuchen müssen, weil ihre Sprache, die Weltsprache Englisch, wahrscheinlich von den Angestellten im Zentralinformationszentrum nicht gut genug gesprochen wird und weil der Bestimmungsort aus unerfindlichen Gründen nicht in dem Betriebsmenü der Bahn auftaucht. Während ich ihnen helfe, die richtigen Tickets zu lösen, verfolgen einige konsterniert dieses Treiben des Rotkäppchens, der, mit seiner schneidenden Stimme wie weiland der Erzfeind dieser Nation, einen Schwarzen vor sich her durch die Halle treibt.
Was denken sie sich wohl?
Was denken sie, wenn sie in der Trambahn Nummer Vier sitzen und am „Platz der Opfer des Faschismus“, ehemaliger Hitler-Platz, vorbeifahren und sich dieser Szene mit dem Uniformierten und schluddrigen, stets lächelnden und freundlichen Afrikaner erinnern werden?
Es geschieht oft, dass gerade Britten diesen Ort heimsuchen wollen, wahrscheinlich weil sie nicht wenig von den Bomben der Deutschen über ihre Städten in Erinnerung haben und ich schließe gerne nach getanener Hilfe mit der Bemerkung ab: „And Greetings to Sir Winston Churchill!“, ein Witz, den sie sehr wohl verstehen.
Aber diesesmal ist mir nicht zum Witzeln zumute?
Warum werden heutzutage wieder Menschen zu Jägern anderer Menschen?
Weil sie im Dienst von staatlichen Betrieben, die mittlerweile halbprivatisiert sind, für die Dividenden deren sogenannten Shareholder andere vor sich hertreiben, niederbrüllen und bezichtigen, sie betrögen den Staat, indem sie keine Steuern bezahlten. Das ist sachlich schon ein ungeheuerlicher Vorwurf, denn keiner von uns bekommt durch das Geld beim Herumfahren so viel zusammen, dass er nicht unter den über 9000 Euro legitimierten Steuerfreibetrag käme, keiner, und würde er sich noch so ins Zeug werfen, am Riemen halten und schier permanent auf Trebe sein, käme auf diesen Betrag, niemand.
Daniel hat zuende gegessen. Er hat fettige Hände, die er, er dreht sich um, an der Gebäudemauer abstreifen und reinigen will. „Komm, dort vorne ist ein Klo!“, fordere ich ihn auf, sich die Hände zu waschen. „Ich pass indes auf Deine Plastiktasche auf!“, die er stets mit sich herumführt und worin seine Habseligkeiten sind. Sein Lächeln wird noch breiter, er erhebt sich und geht die paar Meter zum Eingang des Klos. Schön, dass wenigstens in diesem Bahnhof ein Bereich ist, wo man unentgeltlich austreten kann, etwas waschen und sich erfrischen kann. Durchaus eine Seltenheit!


10.Juni.2019

Ich lese, Carcia Loras hat Franko nach dem Niederschlag der anarcho-syntikalistischen Bewegung getötet. Zitat von Benjamin Prado „Nicht nur das Feuer“, Luchterhand Verlag, Seite 165: „Und dann...bist du nach Spanien zurückgekehrt...“ J. Es war so, als hätte ich den Tag mit der Nacht vertauscht... Müsste ich all das, was ich vorfand, in einem Wort zusammenfassen, dann wäre dieses Wort „Dunkelheit“. ... wie in einem Brunnen hinabzusteigen. Überall herrschte Dunkelheit, in den Geschäften, in den Häusern, in den Augen der Menschen... in der Art zu sprechen oder zu schweigen. Sie waren nicht mehr sie selbst.“ „Was willst du damit sagen, nicht mehr sie selbst?“ ... „Es war unglaublich, alles hatte sich verändert, selbst normale Wörter hatten plötzlich eine schreckliche Bedeutung, eine Bedeutung, die sie vorher nicht hatten: Spaziergang, Straßengraben, Kaffee.“
„Kaffe?“
„Das sagten die Militärs, wenn sie meinten, dass man einen Gefangen hinrichten sollte. Als man den General Queipo de Llano aus Granada anrief, um ihn zu fragen, was man mit dem Dichter Ferico Garcia Lorca machen solle, antwortete er: „Kaffee, geht ihm jede Menge Kaffee.“Na ja, glaube nicht, dass ich dir ein Geheimnis verrate, heutzutage kennt jeder diese Geschichte.“
„Aber warum hatten die Leute Angst? Der Krieg war doch vorbei.“
„Das Regime Francos führte große Säuberungsaktionen durch, die sowohl unschuldige Zivilisten als auch unbewaffnete Soldaten trafen, vermutlich, weil das ihre Vorstellung von Frieden war und es Krimellen immer leichter fällt, die Waffe zu zücken, als sie jeder ins Halfter zu stecken. Es muss schrecklich gewesen sein, ohne daß ein Ende in Sicht gewesen wäre. Sie erschossen sie im Morgengrauen, sie steckten sie ins Gefängnis und ließen sie krepieren. Arme Schweine. Habt ihr in der Schule nicht Miguel Hernández gelesen? Nein? Miguel Hernández ist ein großer Dichter wie Garcia Lorca und gehört zu denen, die man im Gefängnis verrecken ließ...“
Sie erschießen heutzutage niemanden mehr, lassen niemanden im Gefängnis krepieren. Aber sie machen Jagd auf Menschen, die etwas vom großen Geld, das sie verdienen wollen, abbekommen wollen, damit sie sich im Winter Schuhe kaufen können, die wärmen Kleider, die sie schützen.
Der Krieg ist wohl vorbei, aber Hitler wütet noch, in der Stadt, in der er am wütigsten war, in Nbg, das sich heute mit dem Attribut „Stadt der Menschenrechte“ schmückt. Und Hitler heißt nicht mehr Hitler, er heißt euphemistisch „Rotkäppchen“ und damit bekommt die Kinder-Metapher vom süßen, lieben, treuen Rotkäppchen eine radikale Sinnveränderung, eine Assoziation, einen Geschmack, der nach Schwefel, Verfolgung und Hass schmeckt.
Pervers!

Und ich, feige wie ich geworden bin, male mir aus, ich gehörte zu einen jener, die es vor den Schergen Francos nach Lateinamerika geschafft haben, entkommen waren, nur nicht umgekommen waren, Hauptsache überlebt zu haben...


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Veränderungen der Szene und ein anderer Äthiopier

Beitragvon Pentzw » 18.08.2019, 23:11

Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle

Ein Bekannter aus Bamberg, lang aufgeschossen, sagt, wir könnten doch den Nervigen mal einem Besuch zu Hause abstatten: „Schließlich weiß ich, wo er wohnt, was ich ihm schon gesagt habe, da er mir auch blöd gekommen ist, als ich mit Wechselgeld in der Hand von ihm hier in der Bahnhofshalle angemacht worden bin, von wegen, warum ich mein Kleingeld so ostentativ zu Schau herumtrage, genauso wie Dir, als Du den Kunden angesprochen hattest und er dazwischengefunkt hat: „Mit dem würde ich nicht fahren!“
Ich erwidere, man solle nicht alles so ernst nehmen, womit es sich wohl hat.
Ein paar Tage später erzählt mir eine Lady, unmotiviert, ich sehe sie das erste Mal, von einem jüdischen Sonstwem, „der immer dann hier Geld einzutreiben versucht, wenn er in die Synagoge will ( ist es der Nervige oder der schlaksige Progomhetzer?)
Der Bamberger spricht mich ein anderes Mal an, dass er jetzt zur Arbeit müsse.
„Arbeit? Wer arbeitet heutzutage noch?“
„Na ich, ich verkaufe ansonsten Fernsehgeräte.“
Wie muss man sich das vorstellen? Er (verscherblt, geht wohl nicht, weil er vom Wortinhalt her als kaputt gelten müsste) verkauft also Fernsehgeräte bei Elektrohäusern und in Kaufhäusern, also nicht an die Firmen und Großhändler selbst, sondern er darf sich einen Stand aufbauen, wo er dann als Gastverkäufer der laufenden Kundschaft seine Fernsehgerät anpreisen (andrehen) kann.

Das Betatschen anderer vorm Terminalm wie dieser Inder aus Neumarkt – mangels Sprachkenntnisse tun sie das? – stößt mich ab. Allerdings habe ich das in meiner Gier gestern auch getan, als ich jemanden um Feuer bat, indem ich seinen Arm festhielt und zu mir etwas herzog in dem Moment, als er mir sein Feuerzeug zum Entzünden einer Zigarette hinhielt. Darüber war ich danach gleich über mich schockiert.
Aber auch in der hiesigen Sprache Sprechende berühren einem sinnlos, was ich unausstehlich empfinde, wenn sie nur mit einem sprechen wollen – als trauten sie nicht der Fähigkeit, sich ausdrücken zu können. Jener Hochaufgeschossene aus Bamberg, dieser über zwei Meter hohe Fernsehverkäufer, tut es auch.
„So, ich fahre wieder nach Bamberg zur Arbeit!“, sagt er weiterhin „Wer arbeitet heutzutage noch?“, erwiderte ich in meiner Wut, begrabscht worden zu sein
Seit einiger Zeit übersieht er mich.


Veränderung

Allmählich verändert sich die Szene. Nicht nur, dass nach der Flüchtlingswelle nunmehr ganze Scharen von Schwarzen, die sogar längere Leerfahrten in Kauf nahmen, um ein paar Euro zu verdienen, auftraten, sondern das Verhalten der Einheimischen untereinander. Vielleicht infolge des rapiden Anwachsens der Konkurrenz?
Ein älterer Pakistani ist vom Rotkäppchen, einen besonders scharfen Bahnarbeiter, zu zwei Jahren vom Bahnhof Nürnberg verbannt worden. Trotzdem kommt dieser immer wieder an diesen Ort. Er hat höllische Angst vorm „Rotkäppchen“, der furchtbar aggressiv werden kann, laut herumbrüllt, mit Polizei, Tod und Teufel droht. Jener ist der Schrecken aller, die mit ihrer Karte versuchen Mitfahrer zu gewinnen. Und er ist der einzige von den Bahnhofsangestellten, der sich hinterrücks anschleicht, lange vor den Automaten steht, um das Verhalten zu kontrollieren und mit allem droht, was ihm einfällt: Hausverbot, Strafanzeige wegen Betrugs, „Betrug ist Betrug“ und Einsatz der Bundespolizei, die rechtlich für dieses Terrain Bahnhof verantwortlich ist.
Der Pakistani, der es nicht lassen kann, in Nürnberg immer wieder zu landen und hier Mitfahrer zu acquirieren, steht von daher unter Dauerstress. Er hat am meisten Angst, von „Rotköppchen“ gepastet zu werden, der ihn dann gehörig in die Mangel nimmt. Seine Angst geht so weit, dass er mit Speichel um den Mund herumläuft und jeden anspricht, um sich zu beruhigen, wobei er denjenigen körperlich versucht festzuhalten, am Arm packt, ja sogar in seinem angespannten Zustand andeutungsweise in den Bauch schlägt: „Hör mal!“ Dabei ist sein Deutsch mehr als rudimentär, er kann keinen Satz bilden, was er sagen will, versteht kaum einer, erst nach mühevollen, langen Minuten des Erklärens kommt man hinter seinen Aussagen.


Ein anderer Äthiopier

Ich war in Ansbach, auf diesem Halb-Provinzbahnhof, herumgestanden.
Es kam ein Paar mit jeweils zwei Fahrrädern, ich konnte mit meinem einem Ticket aber nur eine Person, wenngleich die zwei Fahrräder mitnehmen.
In meinem naiven Gemeinschaftssinn winke ich einen etwas abseits stehenden Äthiopier heran, der gedankenverloren an einem des durchsichtig überdachten Bahnhofsbereiches aufragenden, eisernen Stützpfeiler gelehnt in seinem Smarth Phone surft.
Er hat zwei Karten, womit er die beiden samt ihren Fahrrädern mitnehmen kann, mich lässt er einfach stehen, überlässt mir keineswegs, als zuerst die Kunden angesprochen Habender, wenigsten einen Fahrgast, nein, er nimmt alle beide für sich in Anspruch, die ihm treuselig und nichtsahnend hinterher zum Zug nachdackeln.
Ich fühle mich übertölpelt von dieser Unterbietung, Ausbotung und Ausstechung. Mit meiner freundschaftlichen, ihm Die-Hand gereicht-habenden Geste hat er mich kaltschneuzig über den Tisch gezogen. Frustriert dackle auch ich zum Zug hin, der sofort losfährt.
Das mitgenommene Paar sitzt mit ihren zwei Fahrrädern im Fahrzeug-, Kinderwagen und Rollstuhlbereich, sich freudig unterhaltend, wohingegen der Äthiopier etwas entfernt allein in den normalen Gastsesseln sich postiert hat, Rücken zu ihnen und erneut seelenruhig in seinem Smarth-Phone surft. Ich zische ihn von hinten an, er dreht sich herum, während ich verärgert die Klotür aufmache: „Das war nicht in Ordnung. Du hättest mir einen Fahrgast überlassen können!“ Aber er reagiert nicht, denn das ist die Cruz, es ist nicht einmal sicher, ob er mich überhaupt versteht oder nicht verstehen will, ich habe noch kein Wort mit ihm gewechselt. Ich kartle sicherheitshalber in Englisch mit der selben Aussage nach. Aber es ist noch weniger wahrscheinlich, dass er diese Sprache spricht. Ausländer sind dir stets im Vorteil, weil sie sich stets dumm stellen können, ha, was sagst Du, was weiß ich, ich verstehe die Sprache hier nicht.

Später dann möchte ich einen Fahrschein verticken, wozu ich bei den herumstehenden Äthiopiern im Bahnhof Nürnberg nachfrage, indem ich ihnen eine Karte anbiete. Sie prüfen sie, nehmen sie aber nicht an, wobei sie ein jeder zuvor reihum im Kreis in die Hände genommen hat, von Hand zu Hand gegangen war und einer schlägt sie mir wie absichtslos aus der Hand, so dass sie auf den Boden fällt, ich mich bücken muss vor den um mich eingekreist Habenden.
Auch der freundliche Äthiopier Daniel steht daneben und lächelt dabei wie immer, dieses Mal teilnahmslos.
Der sie mir aus der Hand geschlagen hat, war es Absicht, war es Zufall, war just derjenige, der mich in Ansbach über den Tisch gezogen hatte.

Am Spätabend, als das Geschäft gelaufen war und wir uns zu einer Erholungspause am Fuße der Treppe zu einem Bahnsteig trafen, ich und just zufällig der Mir-die-Karte-aus-der-Hand-gestossen-Habende und der Mir-die-Kunden-Weggeschnappt-Habende, hat dieser noch die Chuzpe oder Frechheit, als wir uns einig sind im Small-Talk, dass der Abend gelaufen sei, mich zu fragen, und oh, und plötzlich kann er astreines Deutsch sprechen, ob ich ihm nicht die besagte, wenige Stunden zuvor mir aus der Hand geschlagen habende Karte kostenlos überreiche, übergebe und überlasse: dieser Schnorrer in Person und ich in meinem erneut Freund-sein-Wollen hätte sie ihm beinahe überreicht und geschenkt. Aber rechtzeitig zog ich die Karte zurück, vielmehr zögerte ich, als ich schon nach meinem Geldbeutel in meiner Hosentasche griff und im Begriffe war, ihm diese Tageskarte zu schenken, mich fragend, wie blöd musst Du sein, diesem Oberabstauber und Schnorrer in Reinkultur noch die gebratenen Äpfel vor die Füße zu legen, nachdem er dir ein paar Mal eine mit der Rute übergezischt hat?


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Re: In der besten aller Republiken - Verteilungskämpfe

Beitragvon Pentzw » 21.11.2019, 19:17

Polizeibegegnungen

Ein Polizist klärt mich über die Bedingungen einer Fahrkarten-Nutzung auf.
„Das ist eindeutig!“, sage ich, „daß man da auch eine Person fahren darf.“
„Das kann man auch so sehen!“, sagt er, nämlich anders.
Das hat man nun davon, wenn man Menschen zu Ordnungshütern macht, die nicht ihre eigene Sprache verstehen, sobald sie schriftlich niedergelegt ist. Sollte so jemand nicht wenigstens dies können? Zumindest einen mittleren Bildungsabschluss haben? Neben diesem Polizisten steht eine Polizistin, die sich aber nicht in die Diskussion, wie dieser Satz zu verstehen ist, einlässt. Stattdessen sortiert sie das Terrain, achtet darauf, daß niemand zu nahe kommt, um sich da einzumischen oder was auch immer ihr Auftrag sein mag, wahrscheinlich einer, der nicht schriftlich vorgeschrieben worden ist oder doch, und dann sie ihn falsch verstanden hat.
„Wo steht das, was sie behaupten, Herr Polizist?“ Eine überflüssige Frage, weil er ja nicht richtig lesen und verstehen kann. „Das steht im Internet!“. Wir stehen vor einem Terminal. „Zeigen Sie mir es bitte einmal mal!“ Er macht das nicht, ich hoffe aufgrund eines wenigstens geringen Selbstzweifels – daß er etwas falsch verstehen kann, was in der Schrift fixiert ist.
„Unwissenheit schützt vor Strafe nicht!“, schaltet sich jetzt die Polizistin ein, ein Spruch, den man in Grund- und Hauptschulen dieses Landes eingetrichtert bekommt hat, wohl auch im östlichen Teil desselben, woher diese Dame zu kommen scheint ihrem Akzent nach zu urteilen.
Daß der Inhalt dieses Spruches höchstwahrscheinlich nur auf Untergebene wie ich einer bin angewandt wird, darauf kann man „Gift nehmen!“, auch so ein Spruch. Und richtig, die Herren Rechtsstaatler, Richter, sie stehen hinter der Ordnungsmacht, denn der feine Polizist mahnt mich: „Die Rechtslage sieht so aus: die Justiz, das Amtsgericht, die Richter stehen hinter dieser Richtlinie! (wie ich sie verstehe)“
Wobei seine Interpretation des Zusatzsatzes der Beschreibungen der Richtlinie bezüglich der Karte über die Nutzungsrechte derselben meint, daß da überhaupt keine Person fahren darf: „Die Karte gilt an Werktagen von Montag bis Freitag – ohne Ausschließzeit von Betriebsbeginn bis 9 nur für eine Person“ und da die Titulierung dieser Karte ausdrücklich eine Ausschlussfrist nennt und diese Karte eine „Zwei-Personen-Karte“ heißt, heißt dies, daß auch eine einzelne Person vor 9 Uhr fahren darf (wie ich es verstehe).
Aber der Herr Polizist sieht dies anders, liest dies anders und außerdem stehen da noch im Internet – wo nur? – Ausführungsbestimmungen, wo dies näher erläutert wird, nur, wenn ich oder er nicht ein gestörtes Sprachverständnis besitzen, helfen auch die best-formuliertesten, umfangreichsten Erläuterungen und Ausführungen nichts.
Doch dafür gibt es die Herren Juristen, die sowieso das beste aller Sprachverständnisse besitzen und wie der Polizist behauptet, es auch so verstehen wie er! Und wenn ich dies nicht weiß, sagt die Polizistin, dann schützt mich das auch nicht vor Strafe. Punktum.
Bildung ist die Lösung! So wird es überall in der Welt propagiert. Nun, ich darf sagen, ich habe eine sehr gute Bildung über mich ergehen lassen müssen, aber wenn ich sie anwende, wie hier, dann sagt man mir: falsch! Ich bin jahrzehntlang gedritzt mit sogenannter guter „Bildung“, aber dann erklärt man dir, daß diese falsch ist.
Was lernt man daraus?
Bildungsvermittlung ist auch nur ein Geschäftsmodell und hilft dir nichts, aus deiner Armut herauszukommen. Die Definitionshohheit behalten sich die Damen und Herren, die dich arme Sau in die Schule, Hochschule und Universität getrieben, gelockt und verführt haben.

Er ist nicht der einzige Staatsdiener, mit dem ich Bekanntschaft schließen musste.
Zwei, einer ein Polizist, der andere Berufssoldat, beide verschwägert und verwandt, Cousins, hatten, wie jedes Jahr einmal einen „freien“ Tag, den sie nicht in ihrer Stadt „feierten“, sondern in der nächstgelegenen.
Stark betrunken schlossen sie sich an meine Fahrt an, der persönliche Vorteil überwog den vermeintlich „gesetzwidrigen“ Nachteil – man sparte sich Geld, schließlich hatte man seinen freien Tag, einmal im Jahr, da wird man doch mal über die Stränge schlagen dürfen!
Das taten sie denn und zeigten ihr wahres Gesicht.
„Da stinkt’s!“, sagte der Polizist und verzog angewidert seine Nase auf dem Bahnsteig.
„Ja, nach den jüdischen Pfeffersäcken von Nürnberg.“
Die Herren Mitfahrer, die ich nach Bamberg eskortierte, hatten schon etwas Spaß gehabt in Nürnberg, dieses schöne Christkindlers-Markt-Ambiente genossen, guten Glühwein mit aromatischen Gewürzen gesüffelt, die die „Pfeffersäcke“ aus fernen Ländern herbeigeschafft hatten, wofür sie diese nun beschimpften, verunglimpften und schmähten – alles zu ihrem Vergnügen, man musste mal so richtig auf den Putz hauen, halt ausbrechen, so richtig, exzessiv und assimäßig, ganz wie gesetzlose Desperados. Uniformen trugen sie an diesem ihren freien Tag nicht, also treib die Sau durchs Dorf!
Das würde Schwierigkeiten geben, merkte ich jetzt erst: Betrunkene. Meine Gäste hatten für sich einen Vierersitz besetzt, vielmehr hatte ich sie dazu aufgefordert, weil bei Betrunkenen sei vorsichtig und ich setzte mich gegenüber.
Ich zog arglos meinen Zeichenblock und meine Wachsmalkreide heraus und malte, was ich sah: diese zwei Schnapsnasen.
„Das hilft Dir auch nichts jetzt!“ Der Polizist war sogleich im Verhörmodus, was ihm wohl im Blut lag, da konnte der Alkohol leider nichts gegen ausrichten.
Der Berufssoldat wollte mir jedoch eine Chance geben. Väterlich, jovial und als spräche er mit einem Rekruten fragte er mich etwas.
Warum?
Entweder merkte er, daß Dutzende Ohren gespannt zuhörten.
Oder er spürte, daß ich etwas in der Birne hatte.
Möglicherweise wollte er sich deswegen mit mir messen.
Nur lag es bei ihm, die Meßlatten hochzuhalten.
Er fragte mich, wie der Autor des Theaterstückes „Jedermann“ hieße.
Er war beeindruckt und ich hätte ihm auch gern eine Frage aus dem Kanon unserer hochgeschätzten Kultur gestellt. Ich dachte, wenn ich ihm jetzt eine Frage stellte, käme von seinem Cousin die bellende Stimme: „Wir stellen hier die Fragen!“
Was ich nur dachte, dachte ich, während ich aus dem Fenster schaute in eine Abend-Nacht-Wald-Wand und dachte, daß ich schon Angst bekam.
Die Zeit rumbringen! Die Zeit zog sich so hin! Wann erreichten wir endlich unseren Bestimmungsort!
Ein sehr düster dreinblickender Mann saß mir gegenüber, eine graue Eminenz: sehr dunkle Haare, eine dunkel-getönte Brille, ein messerscharfes Oberlippen-Bärtchen und eine Couvert-Aktentasche unterm Arm. Jetzt auch war sie zwischen den Armen geklemmt, mussten wichtige Papiere enthalten. Legt man nicht normalerweise seine Taschen ab?
Er kam mir wirklich „spanisch“ vor und wie die Inquisition in Person, aber – ole! – Vorwärtsverteidigung – und getraute mich nach der Uhrzeit zu fragen: „Haben Sie eine Uhrzeit?“ Der Kopf, der auch in die dunkle Waldfront gestiert hatte, drehte sich mir träge zu und ein verächtlicher Blick traf und schlug mich nieder. Klar, ich hatte Schiss gekriegt, weswegen ich nach der Urzeit fragte.
Die Nachricht ließ mich aufatmen.
Betrunken wankend meine Mitfahrer aus dem Abteil, aus dem Zug, ich hinterher und als ich ausstieg, bekam ich weiche Knie, so daß ich beinahe noch den Boden geküsst hätte.


Bildungsbürger auf Reise

Ein etwas desorientierter Herr spricht mich an.
„Ich muss zum Flughafen, dort in ein Hotel, um morgen in der Frühe weiter mit dem Flugzeug zu reisen.“ Der Flug geht wohl sehr früh, so daß er keine nahtlose Verbindung von seinem Heimatort bis zur Startrampe hat buchen können. Er muss die Nacht im Hotel verbringen. Das Hotel ist leider auch nicht unmittelbar am Flughafen, nämlich eine Station mit der S-Bahn davor. Dorthin muss er zunächst fahren. Mit einem dicken Koffer, versteht sich: zwei Wochen ist eine lange Zeit für sesshafte Normalbürger gehobener Klasse.
„Kein Problem, ich bringe sie hin!“
Er begleicht auch sofort den Preis, den ich ihm nenne.
„Nach Nordzypern also?“
„Ja!“
„In den türkischen Bereich von Zypern.“
„Ja.“
„Anladim!“, sage ich.
„Ich verstehe nicht?“, sagt er.
„Na, das heißt auf türkisch: ich verstehe!“
„Achso!“, sagt er.
„Genau!“, denke ich mir, sage es aber lieber nicht.
„Wenigstens ein paar Wörter türkisch müsste man vielleicht können“, meine ich dezent.
„Ja. Sie haben recht!“
„Teschekür!“, sage ich.
„Wie bitte?“
„Das heißt auf türkisch: danke!“
„Wie noch einmal?!“
Ich wiederhole.
Er scheint sich fast die Zunge zu brechen bei der Aussprache des Wortes Danke auf türkisch. Ich verstehe es, mir ist es anfangs auch nicht anders ergangen. Nur war ich froh und glücklich, dieses Wort aussprechen zu dürfen, befand ich mich doch inmitten Zentralanatoliens in einer höhlenartigen Behausung von kurdischen Türken, die uns zu sich eingeladen hatten.
Aber der Herr vom Bodensee, Angst vor einem Ritt über den Bodensee?, zweifelt, klagt und lamentiert jetzt.
„Dabei war das die Idee meiner Frau.“
„Aha, zwei Wochen Zypern im türkischen Teil!“
„Ja. Sie hat alles arrangiert, bis sie sich nicht mehr wohl gefühlt hat und absagen musste. Dann war alles aber bereits gebucht. Und jetzt fahre nur ich.“
„Während ihre Frau zuhause bleibt im schönen Konstanz!“
„Ja, sie hat es an den Bronchien. Asthma!“
Ich denke mir, daß es doch ein guter Tausch für eine Asthmaleidende von der feuchten Bodensee-Region zum trockenen Zypern wäre? Die hohe Luftfeuchtigkeit ist nicht gut für die Lunge. Und Zypern liegt in einer wärmeren, trockeneren Region dieser Erde.
„Aber na klar!“, denke ich, als ich mir den Herren da vom Bodensee genauer anschaue: der graue, nicht zu lange Bart ist vorbildlich und schön akkurat geschnitten, er selbst strahlt im Grunde seines Herzens Ruhe aus, sprich das Leben hat es bisher gut mit ihm gemeint, kurzum ein gesitteter Bildungsbürger – nun aber etwas nervös geworden auf dem unsicheren Weg in den Orient, wenn auch zunächst einmal nur auf dem hier schon steinigem Weg zu einem Flughafen-Hotel.
Ich kann es mir ja vorstellen! Mann und Frau aus gutem Hause haben ihr Leben lang bestens harmonisiert und funktioniert in Beruf, Ehe und vor allem in den Rollen der Erzieher bestens ausgebildeter Kinder, die nun flügge geworden sind, wohl in London, Paris, Tokio, weiß der Teufel wo, Karriere machen und nun stehen sich die übrig- und zurückgebliebenen Eltern Angesichts zu Angesichts gegenüber, fragen sich, wie sie zueinander gekommen sind, beginnen sich zu langweilen, überdrüssig zu werden und versuchen wenigstens auf leisen Wegen etwas auf Distanz zu gehen. Die Kinder haben noch keine eigenen Kinder, der nächste Lebensabschnitt, nämlich Oma und Opa spielen zu können, also in die Rolle von Großvater und Großmutter zu schlüpfen steht noch nicht vor der Tür, wie die Zeit bis dorthin überbrücken? Weil eine Trennung kommt in ihrem Alter, in diesem traditionellem Umfeld, in deren gesellschaftlicher Position und bei deren familiärer Tradition nicht in Frage.
Die Ehefrau, die gewieftere, weiß Rat. Sie arrangierte eine Reise, zunächst für sie beide gebucht. Springt aber dann vorzeitig ab, oder wird plötzlich krank, das Unterbewusstsein, keiner weiß es, hat schließlich das letzte Wort – na denn lieber Mann: „Güle, güle!“
Es braucht einige Zeit, um zur Station zu kommen, wo das Hotel des Mannes ist. Zeit, lang oder kurz, ist ein relativer Begriff, eine Frage der Lange- oder Kurzweiligkeit, ich habe kein Problem, ich lese einen spannenden Roman. Der Mann, der ein Redebedürfnis hat, stößt von daher bei mir auf Granit. So sucht er bei anderen Fahrgästen Anschluß, fragt immer wieder, wie weit es denn noch bis zur betreffenden Haltstelle ist. Steht zwischendrin auf, schaut auf das Schienennetz der U- und S-Bahnen über der Eingangstür der S-Bahn, setzt sich wieder, sagt sich, lächelnd, weil er über sich selbst beschämt zu sein scheint, sich bewusst, daß er nervös ist, aus welch unerfindlichen Gründen auch immer: „Es sind nur noch zwei Stationen.“ Aber natürlich, diese zwei Stationen können auch noch eine schöne Ewigkeit dauernd.
Immerhin, bevor er aufsteht und sich von mir verabschiedet, sagt er etwas schuldbewusst: „Ich weiß gar nicht mehr, wie dieses türkische Wort für „danke“ ausgesprochen wird!“
„Teschekür!“
„Aha, genau. Teschekür!“
Dann sage ich noch „Güle, güle!“
„Wie bitte!“
Er ist irritiert, denn die Phonetik dieses Wortes hat eine zweideutig-schön-schaurige Konnotation, sprich erinnert an etwas, worüber man die Nase verzieht. „Das heißt Auf Wiedersehen!“
Er wiederholt es, beschämt, aber gefasst – er stellt sich also dem Abenteuer!

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