Stofftiere bringen kein Glück

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Pentzw
Melpomene
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Stofftiere bringen kein Glück

Beitragvon Pentzw » 14.06.2020, 22:21

I. Gezerre

a) am Bahnhof

Sie fühlt sich schon seit einigen Stunden unwohl, als ob sie hohes Fieber hätte und gleichzeitig merkt sie, daß ihr Zahnfleisch entzündet ist. „Ich muss halt einfach mal wieder die Zahnbürste mit einer neuen austauschen“, beschwichtigt sie sich. Das Wetter ist warm, der Himmel wolkenlos, warum sich also grämen?
Weiter, Richtung Bahnhof!
Mit der Karte in der Tasche, zumal, wenn sie noch einen mitnehmen kann, denn das Ticket ist letztlich für zwei Personen gültig, wäre alles perfekt, sonnenklar und umwerfend und der Tag gerettet. Mal schauen, wer so am Bahnhof herumschlich an Bekannten, und wenn nicht bekannt, was soll’s, sie traut sich auch einen Wildfremden ansprechen. Jedermann, der in die gleiche Richtung fährt, überlegt es sich gut, wenn er hört, daß er nur den halben Preis bezahlen müsse, wenn er mit ihr führe. Dieses mit einem Papier vorm Kartenautomaten-in-der-Luft-Schwenken, diese Offenheit, ob jemand mitfahren würde, erfüllt sie mit Zuversicht. Ha, sie sieht sich schon dastehen, mit ihrem Zettelchen hin- und herwedeln, wenn sie das Angebot einer Schar von Menschen offenbart hat, worin sich bestimmt einer befände, der auf das Angebot eingehen würde. Ha, wie sie das liebt, diese Schreck-, Sturm-, Stillmomente, wenn einer überlegt, sich die Karte in seiner Hand befindet, musternd, überprüfend, grübelnd, bis die Entscheidung getroffen ist, ob er mitfahren würde – das ist schön, das ist befreiend und abenteuerlich!
Obwohl der Anlass weniger erfreulich ist, diese Reise anzutreten, es ist im Grunde leichtsinnig, jemanden mitzunehmen, wer wußte denn, warum sie dazu beordert worden ist, in der Großstadt einen Termin beim Gesundheitsamt wahrzunehmen? Geht das nicht auch in der Kleinstadt? Und überhaupt: Ist sie krank? Nein, nicht! Es bestünde kein Verdacht, nur reine Vorsichtsmaßnahme. Wenn man halt diesen Gaunern, Halsabschneidern und Blutekeln von Ärzten trauen könnte? Letztlich weiß man nie, woran man ist. Aber vielleicht ist es auch besser so!
Sie schaut ihren offenen Hals hinunter.
Recht attraktiv fühlt sie sich heute, hat sie doch von ihrer Mitbewohnerin Loulou ein buntes Halsband geschenkt bekommen, daß über ihren dicken Hals schwenkt, baumelt und rutscht.
„Süße! Du siehst so etwas von verführerisch aus!“
Ja, leider aber einen dicken Hals hat sie, weil zugenommen in letzter Zeit allüberall; Bailey, Liköre und sonstige zuckerhaltige Getränke anstatt des bitteren Schnaps und dies fordert nun ihren Tribut. Ihre Dicke, ihre Schwemme, ihr Kokon ist nur insofern vorteilhaft, als sie dadurch jünger aussieht oder anders betrachtet, weniger alt. Ältere Menschen sehen je älter aus, je dünner sie sind, man meint doch, sie stehen kurz vor dem Tod. Das Skelett und der Tod, ist das nicht nur sinnbildlich, sondern geradezu greifbar?
Dumm ist bei diesem Umstand nur, krank oder nicht, daß sie dafür eine längere Zugfahrt zurücklegen muss, immerhin, dumm ist sie nicht, würde sie sich doch mit einem Mitfahrer lustig die Zeit vertreiben, verscheuchen, versüßen, verkürzen.
Sie pfeift gerade vor sich hin. Das Wetter ist aber wirklich zu schön!
Erneut und erneut führt sie ihr Wohlgelauntsein auf den zweiten glücklichen Umstand zurück, daß sie mit ihrer Karte in der Hand nicht nur die Hälfte des Fahrpreises zahlen muss. Zudem besteht nämlich die Möglichkeit, sogar umsonst fahren zu können, überzeugte sie noch jemanden, daß er mit ihr heimfahre.
Ah, dort sind wir schon fast am Bahnhof. Hinter der nächsten Kurve wird sie sehen, was sie wartet.
Am Taxistand vorbei beginnt sie, trotz Bestaunens eines Fahrers, sich langsam tastend und tapsend an die Ecke heranzuschleichen. Erst einen Blick werfen, um das Terrain zu erkunden. Druckst erst einmal einer vor dem Terminal herum, würde dieser sie bestimmt ansprechen, wenn sie sich auf die Bank davor hinsetzt ohne Anstalten des Lösens einer Karte. „Kannst Du nicht zwei Personen mit Deiner Karte mitnehmen?“ Dass diese Möglichkeit existiert, wissen mittlerweile sowieso alle.
Der Nachteil liegt nur darin, daß viele der notorischen, stadtbekannten Schmarotzer eher eine Stunde Herumstehens in Kauf nehmen, auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit, als sich eine Karte zu lösen und wie sie sich selbst sehr gut kennt, kann sie nicht nein sagen, wenn sie angesprochen wird.
Aber umsonst will sie keinen mitnehmen. Nimmt sie sich zumindest fest vor!
Es hat sie also zu all dem schönen Wetter der Rausch des Geldes am Wickel.
Lieber würde sie noch die halbe Stunde, die sie Zeit hat, hinter der Ecke kauern, hoffend, einer der bekannten Trittbrettfahrer verdünnisiert sich bald, und verzieht er sich nur in die Bahnhofshalle, um sich einen Flachmann, einen Burger oder einen Kaffee zu erstehen, so daß der Weg frei wäre, jemanden anderen zu fragen. Zu dieser Tageszeit ist ohnehin ein starkes Gedränge, ja sie sieht, daß sich sogar zwei kleine Schlangen von vier Personen aufgereiht haben. Da kann man immerhin zwei Mal vier Personen fragen - eine günstige Gelegenheit, zieht man die Möglichkeit in Betracht, keinen Heller und Pfennig ergattert zu haben, sofern an einem nicht so ein labernder Mitfahrer klebt, dessen Gesprächsstoff einem sattsam bekannt, dessen Selbstmitleid einem schrecklich gleichgültig und dessen Übellaunigkeit einem auf dem Nerv geht, kurzum einem schier alles zum Hals heraushängt, steckt man nur selbst bis zum Hals im Sumpf, nur der andere dies nicht wissen will oder kann, gleichgültig oder schadenfreudig wie sie doch alle sind. Und sich in gegenseitigem Selbstmitleid zu suhlen, ist eh Feuer ins Öl schütten.
Nein – heute ist ihr Tag, ein Tag des Geldes, des Ersparens, womöglich des Gewinnens, denkt sie an die Aussicht, von Nürnberg aus einen Rückfahrer zu bekommen, was ihr sogar ein Plus von Einnahmen bescheren würde – wenngleich diese Möglichkeit sehr unwahrscheinlich ist. Bein einem Unbekannten könnte sie immerhin den Vorschlag anbringen, sofern er zaudert: „Einen Euro, symbolisch, kannst Du mir schon geben fürs Mitfahren!“
Obwohl, was ist heutzutage schon ein Euro? Weniger als Nichts. Wenngleich für sie sehr viel!
Schlecht ist zudem ein Konkurrent. Mit so einem würde sie selbstverständlich nicht wetteifern. Dazu ist der Tag zu schön, um sich Stress zu machen.
Am schlimmsten, stellte sie sich vor, stünde Fido dort.
Und tatsächlich, dort steht er, dessen Hemd genau so aus der Hose hängt wie seine Zunge aus dem Mund.
Spricht er einem mit seiner lispelnden Stimme an, müssen viele spontan lächeln, mag es auch an einer Behinderung, seiner fremdländischen Sprachherkunft oder medikamentösen Behandlung liegen. Von daher sein Erfolglosigkeit, einem Mitfahrer anzuwerben, wohingegen er oft genug einen Euro zugesteckt bekommt. Ist ja auch etwas!
Weil, vielen lästig ist er, ist er abgeblitzt, daß er denjenigen ohne Umschweife noch gleich bittend und bettelnd so nah auf die Pelle rückt, um einen Euro zu ergattern und jener nicht ablehnen kann. Bei keinem scheut er mit dem Du. Im Gleichklang des Lispelns lächeln die meisten darüber oder schütteln sachte den Kopf in der Annahme, es müsse sich um den Dorftrottel handeln. Trotzdem warten, postieren und begeben sich daraufhin viele möglichst weit weg von ihm zum Zugsteig.
Gina gibt es auf, länger herumzustehen und darauf zu rechnen, daß sie zum Zuge käme, sowie Fido einen Passanten zum Mitfahren überredet hätte. Wahrscheinlich würde er sogar bis zum nächsten Zug und darüber hinaus auf der Sitzbank dort vor den Terminals sitzen bleiben.
"Ein Vollmedikamentöser! Bedauerliches Individuum“, denkt Gina mitleidig und etwas befriedigt, denn auch sie schluckt bereits solche bunten, lustigen, trügerischen Pillen, Tabletten und Dragees. Nichtsdestoweniger kommt sie sich entschieden als Auf-Rote-Rosen-Gebettete, Glückskind und Privilegierte vor – bei einem Schlechter-als-man-selbst-Draufseienden und bei dieser schönen, bunten Halskette!
Diese baumelt lustig hin und her, funkelt, blitzt und glitzert wie ein Kaleidoskop, als sie sich ihm nun nähert.
Zu ihrem Glück muss sie sich mit Fido nicht gleich abtun, denn wen sieht sie?

Unsereiner kommt gerade von der anderen Seite her um das Bahnhofsgebäude gebogen, so daß wir drei Personen zusammenstoßen. Meine Person zieht allerdings mitnichten das Interesse Ginas auf sich. Es ist noch ein Vierter im Bunde, derjenige, der sofort im Mittelpunkt des Geschehens steht.
Gina tut so, als wäre sie auf niemanden sonst lieber getroffen.
Beluntschi!
Genau, ich habe ihn unterm Arm geklemmt. Ich will ihn nach Hause bringen. Zwar nicht in eine geliebte Hundehütte, sondern – äh, ich weiß noch nicht, was ich mit ihm anstellen werde, ehrlich gesagt – und alles ist offen! (Beluntschi ist ein Stoffhund – für die Neueinsteiger. Siehe vorhergehende Kapitel, wobei dieses Kapitel hier ohne die vorhergehenden gut lesbar ist.)
Aber ich hätte ihn in meinen Rucksack verstauen sollen, anstatt so.
„Ach, mein liebster Beluntschi, mein...“
So tritt sie gleich zu mir heran, streichelt den wuscheligen Kopf des Hundes und intoniert, stimmt an und läßt alle Facetten menschlicher Stimmen verlautbaren: Grummeln, Grunzen, Röhren, Kichern, Giggeln, Tschirpen, Tirilieren, Maunzen, Miauen, Bellen, Brummen, Knurren, kurzum Geräusche in allen Stimmlagen, Tonhöhen und Frequenzen, einfach alle wie auch immer mit dem Mund, Brust und sonstigem Bereich des menschlichen Körpers, der zu einem Klangkörper taugt, zu bildende Kehlkopf-, Schnalz-, Gaumen- Zungen-, Zahnlaute, einfach alle.
Fido bricht darüber, über Ginas Verhalten der totalen Zuneigung, in entfesseltes Lachen aus.
Ich pikiere mich darüber. Kann jemand Fremdes über jemand Fremden Verhaltens so ungeniert lachen?
„Ihr kennt Euch wohl?“
„Ja, natürlich. Aber wir sind nicht lädiert!(=liiert).“ Dies hat Fido gesagt.
„Euer Glück!", sage ich, aber meine Aussage erreicht sie nicht. So sind sie im Streicheln des Stoffhundes vertieft.
„Vorsicht!" Fido zupft meines Dafürhaltens zu sehr an Beluntschis Ohren. "Du reißt ihm noch die Lauscher heraus!"
„Was, ich einem Tier Schmerzen zufügen! Ihn verletzen. Niemals!"
„Mann, sei nicht so cholerisch!“, will ich ihn beschwichtigen. Dies macht ihn aber nur wütender.
„Ich habe nicht die Cholera! Ich bin erst letzte Woche bei einer Generaluntersuchung beim Amtsarzt gewesen und gestern habe ich das Ergebnis erhalten. Total gesund, keine Krankheit. Also keine Cholera!"
„Okay, okay Mann, ist ja gut."
So erhitzt, aufgebracht und wütend ist er, daß ich lieber davon absehe, ihm den Unterschied zwischen cholerisch und Cholera zu erklären. Zwar haben beide Worte, gemäß den Regeln der deutschen und anderer Grammatiklehren, zwei gleiche Vokale und müssten von daher verwandt sein. Aber das eine Latein, das andere eingedeutscht ach, dies zu erklären, zu mühselig. Ich schweige lieber und fange Ginas Blick ein.
Sie blinzelt, wohl nicht wegen der Sonne.
„Freust Dich, deinen Lieblingshund wiederzusehen!“
„Ja, ich bin ganz cholerisch deswegen.“
„Ich verstehe.“
„Tja, Gina. Was einem fehlt, vermißt man am meisten.“
„Ohja."
Ich bezweifle zwar, daß er ihr fehlt, nur aufgrund der Zufallsbegegnung entfacht sich Liebe plötzlich stichflammenartig.
Gina hat sich schon wieder auf Beluntschi kapriziert und zerrt mit Fido an ihm herum, daß ich ihn schon in Fetzen gehen sehe.
„Vorsicht, daß ihr nicht in eurer Zuneigung mit dem Kopf kollabiert.“
Was in meiner Absicht liegt, geschieht, denn Gina lacht und tritt dabei etwas von Beluntschi zurück. Was ein Wort doch alles bewirken kann, Donnerwetter! Wenn auch ein falsches Wort! Höchstwahrscheinlich sogar deshalb!

Mittlerweile hat sich um uns ein Auflauf gebildet, weil das Getue von Gina und Fido solches Aufsehen erregt hat. Sie stimmen ins Lachen ein, was verständlich ist. Überkandidelten Getue ist infektiös. Dann aber beginnt manch einer auch damit, über das Fell des Stofftiers zu streicheln und ähnlich irre Laute auszustoßen. Ich wende mich ab, aber die Ohren zuzuhalten, wäre auffällig gewesen.
Ist dies eigentlich Tierquälerei, was die da treiben? Würde ich dafür verantwortlich gemacht werden?
Angstschweiß feuchtet meine gefaltete Stirn.
(Leser, Du fragst Dich, wie komme ich darauf? Dann wirst Du nicht wissen, in welchem Land ich lebe.)
Was kann ich in dieser verzwickten Lage nur tun?
Es werden auch immer mehr Leute...
Zug, wo bist du?
Aber weit und breit ist keiner zu sehen.
Obwohl der Blick auf die Uhr anzeigt, daß er überfällig ist.
Ich trete hin und her mit meinen Füßen vor Ungehaltenheit und leichter Verzweiflung.
Wenn jetzt die Uhr noch vorgeht?
Plötzlich kommt mir eine Idee.
Vielleicht kann ich den Hund abgeben?
Nein, ein Geschenk verschenkt man nicht weiter, zumal nicht an die Geschenkte selbst.
Und Fido?
Nein, trotz Stoff wäre es Tierquälerei. Dafür liebe ich ihn zu sehr, auch wenn er ein Menetekel, ein Symbol, eine Narbe meiner Niederlage darstellt.
Immer furchtbarer leide ich an diesem zunehmender Menschenauflauf, an diesem Gekreische von Gina, von Fido und den völlig Fremden.
Schamesrot wechselt zu purpurner Farbe.
Und dann dieser geistlose Senf, den sie dazu abgeben, ausgestoßen in den höchsten, nein allen Tönen, so daß neu Hinzukommende, Sich-Nähernde, Von-Weitem-Beobachtende denken müssen, hier probe ein Chor, oder spiele die Heilsarmee auf, oder es handele sich um das Straßen-Spektakel einer avantgardistischen, spontanen, street-off-enen (=straßen-offenen) Schauspielgruppe.
Was soll schließlich an einem Stoffhund so Tolles dran sein?
Daran ist nichts besonderes, aber drinnen – was ich aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß.

Pentzw
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Re: Stofftiere bringen kein Glück

Beitragvon Pentzw » 17.07.2020, 19:28

b) auf dem Klo

Der Zug kommt nun doch - ich bin erlöst. Als wir einsteigen, werden wir von allen Seiten mit Tschüssi, Herzchen, Küsschen, Winke-Winke und allem Möglichen außer einem winkendem Taschentuch verabschiedet. Wir finden einen Viererplatz und noch halte ich den Hund in Armen. Damit dies so bleibe, nehme ich ihn sogar aufs Klo mit, wohin es mich drängt. "Du hast noch Beluntschi!", ruft mir Gina zu, der ich schon fast aus dem Abteil bin. Aber ich will ihn nicht wieder hergeben. "Ja, auch Beluntschi muss hin- und wieder!" "Seit wann?" "Was, hat er nicht bei dir müssen?" "Nö" "Na so etwas, bei mir geht er regelmäßig aufs Klo wie ich", und ich drehe mich um, um es zu tun. Es sind noch etliche andere Fahrgäste im Waggon und absehbar ist, was geschehen würde, wenn sie ihn in ihren Händen hielte und wieder mit ihrem Getüttle anfinge.
In der kleinen Kabüse ist es so eng, daß ich den Hund nicht ablegen kann, sondern in Händen halten muss. Ich muss mich schwer abquälen, drücke und drücke, wobei ich allerdings dessen Bauch verknautsche und dabei gegen etwas Hartes stoße. "Beluntschi, seit wann haben Stoffhunde harten Stuhlgang", frage ich ihn und komme mir darüber blöd vor, was ich schnell wieder vergesse. Oder sind es Gallensteine - bei diesem Ärger, Hin-und-Her, auf die Straße-Geworfen-Werden und was nicht alles, wäre es nicht wenig verwunderlich gewesen.
Auch so ein blöder Gedanke.
Ich drehe ihn in der engen Kabine mit einigem Bemühen, um einen Weg zu diesen harten Dingern zu finden. Zuerst mache ich das Falsche, aber Naheliegenste, weil Ästhetischte, nämlich durch den Mund in den Bauch zu gelangen. Aber die aus hartem Kunststoff geformten Hackerchen verwehren mir den Zugriff.
Na klar, da ist der letzte Weg, um ins Innere eines Stofftieres zu gelangen.
Ich kreisele ihn planlos in meinen Händen, bis ich auf die widersinnigste, widerlichste und theoretisch unappetittlichste Alternative stoße: durch seinen Hintern dort hineinzugelangen. Ich merke erst, daß es hier entlang geht, als ich schon mit der ganzen Faust drinnenstecke. Wenn ich jetzt nicht rauskomme, hängenbleibe - eine Vorstellung, die mich schaudert und die Stirn feuchtet, gerade da ich an eine der adretten Schaffnerinnen denken muss, die neuerdings auf der Bildfläche des Zugbordes erscheinen... plötzlich spüre ich zwischen meinen Fingerspitzen ein zelluloid-artiges Etwas, das mich zunächst beängstigt, weil es sich fremd, abweisend und leicht kühl anfühlt. Aber ich schiebe es beherzt in meine Faust, weil mir klar wird, daß alles bloß in meiner Einbildung stattfindet - von wegen Skorpion, Schlange oder sonstiges Ungetier. Es handelt sich einfach nur um ein Stück Abfall, jawohl! Die Gefahr vom Kopf her gebannt, abgeklärt und vorüber und schon komme ich trotz leicht vergrößerter Faust wieder heraus.
Na, flutscht doch – und was sehe ich nun in meinen Händen liegen?
Ein kleines Plastikbeutelchen. Alles halb so wild, denke ich. Nichtsdestoweniger, was immer darin stecken mag, es fühlt sich nicht wie weiches, biegsames Material gleich Baumwolle oder so an an – da ist etwas viel Härteres drinnen.
Ich halte den Beutel gegen das Licht, das hier drinnen sehr schummrig ist und zudem wackelt ja die Klo-Kombüse aufgrund ihrer Enge und der rasanten Zuggeschwindigkeit wie eine Boje auf See. Der Inhalt des Beutels ist eine Alu-Folie, wie ich zu sehen glaube und es ertaste. Und was ist in der Alu-Folie? Aha, ein pralinenartiger dicker Drop, diskusartig, oder doch eher quadratisches, oder kleines quaderförmiges Ding, also so ein kleines schäpses, schräges Plättchen halt.
Ich betaste es erneut und spüre durch das Aluminium den sehr harten Kern, der aber nicht wie ein Bonbon, Dragee, Drop oder eventuell Praline zerstört und zerstäubt werden kann – was ist es aber dann?
Ich lange in die Folie hinein und ziehe es heraus. Dann entfalte ich das Alu.
Nun, was ist wohl im Beutelchen drinnen?
Raten Sie dreimal!
Wie aber kommen diese Drogen dahinein?
Klar, das kann nur ein Versteck von Gina sein, die ihre Giftchen vor den neidvollen Menschen um sie herum zu verstecken sucht.
Was ist jetzt zu tun?
Bekommt Gina die Dinger zu sehen und ich und Leser werden ahnen, was dann geschehen wird, wird sie Tod und Teufel in Bewegung setzen, um - als maßlose Süchtlerin aller Arten von Betäubung, Stimulierung und Beruhigung - daran zu kommen. Und ich fühle es als meine Pflicht, es zu verhindern.
Oder?
Willst Du es wohl selbst einstecken, was?
Könnte es also kein Pflichtgefühl sein, was hinter meiner Handlungsabsicht steckte?
Nicht Um-sie-sich-kümmern?
Quatsch! Doch, doch...

Als ich zurückkomme, summe ich vor mich hin - aus Verlegenheit, aus Täuschung, um mir nichts anmerken zu lassen, eben aus dem Bemühen heraus, wieder einen lockeren Eindruck zu vermitteln - bis ich verstumme, den Ginas Gesichtsausdruck ist ernst, so ernsthaft, daß ich sie unwillkürlich frage: "Ist etwas vorgefallen?"
Zuerst blickt sie eine geschlagene Minute aus dem Fenster, bis sie sich mir abrupt zuwendet, den Ellenbogen auf die Tischplatte setzt, sich vorbeugt und bitterernst fragt: „Was hast Du eigentlich in meinem Zimmer gesucht?"
Ich falle aus allen Wolken.
Natürlich ist mir sofort klar, daß sie die Nacht meint, wo ich ihren Stoffhund versehentlich zerrissen, aus dem Bett gezerrt und zum Fenster hinausgeworfen habe. Aber das ist natürlich nicht der Inhalt der Anklage, sie will etwas anderes erfahren. Der Hund ist nur ein Vorwand.
Ich frage sie leichthin: "Wie kommst Du auf diesen absurden Gedanken? Äh, dass ich Deinem Zimmer gewesen sein soll!", und summe weiter, unterbreche mich aber einen Moment, und füge hinzu: "Das glaubst Du wohl selbst nicht? Was soll ich schon in deinem Zimmer gesucht haben, sag mir mal das!"
"Zum Beispiel meinen Stoffhund Beluntschi aus dem Fenster hinauswerfen!"
Auch das weiß sie also!
Na, dann weiß sie wohl zu viel, wenn auch nicht alles.
Da ich schließlich auch nicht vom hintern Mond bin, kapiere ich sofort, dass Leugnen nur alles verschlimmern wird, wobei, was ist schon daran, in ihrem Zimmer herumgeschnüffelt zu haben, und in solchen Fällen ist Zugeben, Nicken und Jasagen die beste Methode, um sich aus dem Schlamassel zu ziehen, wie ich weiß und ich weiß zwar nicht, wie ich da wieder herauskomme, aber dies wird sich, wie meistens in einem solchen Fall, schon ergeben und meist kommt nur etwas Harmloses heraus.
"Ja, stimmt, jetzt, wo Du’s sagst, erinnere ich mich. Ich war in Deinem Zimmer."
Pause.
Sie erwartet eine Erklärung, ganz klar.
Nun, sagen wie es ist, dann wird es sich schon zeigen, genauer gesagt, hier ganz langsam vorangehen, Schritt für Schritt erklären, vielmehr zunächst wahrheitsgetreu schildern, bis eine Ausflucht, eine Spalte in der plötzlich sich auftuenden Fluchttür, eine einleuchtende Erklärung am heiteren Himmel erscheint.
"Ja, an diesem Abend bin ich zu Dir hochgegangen..."
Pause.
Sich nur an Fakten zu halten, dann wird es schon irgendwie.
"Aber da warst Du nicht in Deinem Zimmer."
"Das weiß ich", sagt Gina prompt und bleibt nach wie vor ernst, wenn auch nicht mehr so wie vorhin und ich spüre, meine Strategie hat Erfolg und ich überlege: was nur sagt man in so einem Fall?
ICH WAR ZU DIR HOCHGEKOMMEN, WEIL ICH FEUER FÜR MEINE ZIGARETTE BRAUCHTE UND UNSER FEUERZEUG LEIDER LEER GEWESEN WAR.
Nicht sehr überzeugend.
Mit härteren Bandagen muss ich kommen, mit etwas Überraschendem, das wird funzen. - Ja, ich muss eine Platte auflegen, die ihr unbekannt und überraschend ankommt. - Eine kleine Schwäche eingestehen, dann braucht es nicht die Offenbarung der alles in allem himmelschreiend-peinlichen großen Schwäche - so geht man vor, dies weiß jeder Schüler, der Schwierigkeit hat, sich in eine Schule einzufügen, wo er doch immer ins Fettnäpfchen tritt und nicht weiß, warum.
Ich spüre jetzt das Plättchen in der Hosentasche.
Warum jetzt merke ich es?
Wahrscheinlich, weil ich mich so unbehaglich fühle und da ist jede Erbse für einen Prinzen ein harter Brocken.
Mensch, genau, da ist die Lösung, kommt es mir - und gleichzeitig empfinde ich noch etwas Bedauern, weil ich damit das Haschisch mit Gina teilen muss und es doch nicht gut für sie ist. Manchmal muss man halt Dinge opfern und fallenlassen, damit einem nicht noch Wichtigeres, wertvollere Dinge und Angelegenheiten verlustigt gehen.
"Na, ich habe so einen dringenden Bedarf nach“, spiele, spiele jetzt, "nach, na ja, einem Joint gehabt." Dabei rauche ich so gut wie niemals Haschisch, Marihuana, Ganja und dergleichen, wirklich, so gut wie gar nicht. Eigentlich gar nicht.
Sie lacht süffisant, schmalzig und widerlich
Doch ich spüre Erleichterung, Entwarnung, Erlösung.
Sie hat es geschluckt.
"Aha, ich wusste nicht, daß Du rauchst", und ihre Augen weiten sich in Erinnerung des Rauchens, ihrem letzten Joint, Highsein und Wohlbefinden.
Jetzt das Eisen schmieden, solange es noch heiß ist.
"Ja, sehr selten zwar, aber manchmal überkommt es mich unbändig - wie an diesem Abend."
Ist das nicht dünn?
Aber nicht für eine Kifferin wie Gina!
Jetzt mein genialster Schachzug: "Aber bitte, sag es nicht Loulou!"
Sie lacht noch mehr und streckt die Hände von ihrem Körper von sich. "In solchen Dingen kann ich Schweigen wie ein Grab."
"Schwörst Du das?"
"Echt! Ich tu’s!", und sie besiegelt dies mit einem eindeutigen Zeichen.
Ein dumme Frage zwar, aber naja und vor allem: erfolgreich!
Nicht gerade ein Ruhmesblatt, aber was macht man nicht alles, wenn es einem an den Kragen geht?
Damit ist jedoch noch nicht die blöde Sache mit dem Stoffhund erledigt. Habe ich erhofft, daß Gina vor lauter Freude über unsere Eintracht daran nicht mehr denken wird, dann habe ich mich sauber getäuscht.
"Und - warum hast du dann den Stoffhund aus dem Fenster geworfen?"
Tja.
Aber eine Schnauf-, Denk- und Ruhepause habe ich ergattert, so daß es mir erlaubt scheint, danach zu fragen, woher sie dies denn wisse. Sie berichtet, daß sie es von diesem Barkeeper, Bartender oder Mixer weiß, als es sie an jenem Abend in die Sisha-Bar gezogen hat. Er habe in der Nacht beobachtet, als er gerade die Bar schloß und sich auf den Weg nach Hause machte, wie sich so ein langer Typ mit schwarzen Haaren aus dem Fenster des II. Stockes gebeugt und ein Stofftier hinunter auf die Straße geschleudert habe.
Auweh!
Ich ducke mich.
Nicht nur innerlich.
Ich ziehe die Schultern ein und hoch bis beinahe zu den Ohren...

Pentzw
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Gezerre um

Beitragvon Pentzw » 18.07.2020, 21:32

c) um ein Fundstück

Aber mir fällt nichts mehr ein, keine Entschuldigung, keine Erklärung, keine überzeugende Geschichte, blockiert, phantasie- und ideenlos bin ich. Deswegen werde ich in diese Verwicklung hineingezogen, unter der ich heute noch bitterlich leide. In die Ecke gedrängt, aus Ausweglosig- und Hilflosigkeit heraus tue ich schließlich das Aluminiumpäckchen hervor, in der nicht zugestandenen, dumpfen Erwartung, besser dem Wissen, dass, wenn Gina damit in Kontakt komme, alle Fragen ein Ende haben. Für sie ist dies d i e Antwort auf alle Fragen, letztlich auch, wie ich dazukomme, ihr Stofftier nachts in ihrem Zimmer mir nichts, dir nichts auf die nächtliche, schmutzige, befahrene Straße zu werfen.
Es ist einfach zu viel für mich! Ich habe es tun müssen...
Später wird mir auch klar, warum nun Gina so hemmungslos zugreift. Sie ist auf dem Weg zum Bezirksgesundheitsamt, das sie auf Herz und Nieren testen wird, weil man beabsichtigt, sie auf eine Suchttherapie zu schicken. Wird sie später noch getestet werden - der zweite Test würde nach einigen Tagen erfolgen - dann hat sie keine Chance, keinen Freiraum und Gelegenheit mehr, wenn sie sich nicht ins eigene Fleisch schneiden will, Drogen zu sich zu nehmen. Es ist ihre letzte Möglichkeit, bevor sie monatelang, wer weiß wie viel länger noch, auf Eis gelegt sein würde. Gina will sich zum letzten Mal einige schönen Stunden gönnen - das ist's! Für mich ist es nur der Fluchtweg, aus einer extrem beängstigenden, peinlichen Situation, in die ich blindlings geschlittert und geraten bin, herauszukommen. Insofern sollte man es gutseinlassen, sogar meinen, das ist das beste für beide und da es schon geschehen ist, sei’s drum und Schwamm drüber!
Natürlich ahne ich dumpf, daß das alles keinen Zweck hat, weil, auch nach dem dicksten, heftigsten und umwerfendsten Rausch, würde sie doch wieder nüchtern werden und erneut nachhaken, nachfragen und um Antwort drängen. Beklemmend, peinlich die Vorstellung und unaushaltbar die daraus sich ergebenden Konsequenzen, kommt mir nur ein Gedanke: wo ist der Fluchtweg? Aber mir fällt keiner ein. Ich muss jetzt weitergehen...
Um es ihr zu zeigen, hebe ich das starke Stück hoch, stark, weil sich Haschischplätten sehr hart anfühlen.
„Woher hast Du das?", ist sie sofort Feuer und Flamme.
"Ich habe es grade in Deinem Stoffhund gefunden. Wer hat es wohl darin aufbewahrt?" Ich bin mir sicher, daß es nur eine Person sein kann und zwar diejenige, die mir gerade gegenübersitzt.
"Achnee. Nein, ich nicht. Das muss irgendjemand anderes hineingetan haben, als es unterwegs war. Gell, Beluntschi, mein Liebling!“, und sie beugt sich vor, streichelt ihm über den Schädel und krault ihm unter der Kehle.
Obwohl ich ihr nicht glaube, überlege ich und spreche quasi zu mir selbst laut.
"Hm, ja, ich habe ihn auf die Straße geworfen, dann hat ihn jemand gefunden. Dahinein aus welchen Gründen auch immer hat er sein Haschisch getan und verstecken wollen..."
"Genau, einer, durch dessen Hände mein Beluntschi gegangen ist, hat dieses Ding hineingesteckt! Gell, mein liebes Hündchen, was hat mir dir angetan, diese Tierquäler, die vor nichts zurückschrecken...", wobei sie ihm über die Schnauze fährt.
Bevor es zu noch drolligeren Verrenkungen und Gehätschle mit dem obligaten Tönen auf und ab der Tonleiter, die nur peinlich sind, kommt, rede ich schnell weiter. Deswegen habe ich es auch gesagt.
"Wenn... Hm, wüßten wir nur wer, könnten wir das Fundstück dem Besitzer zurückgeben!" Ein völlig unrealistische Annahme natürlich. Wie sollten wir das erfahren?
Ginas Augen verengen sich bei dieser Vorstellung, die mit dem Gedanken verbunden sein mochten, ich muss wohl völlig den Verstand verloren haben. Niemals würde sie es freiwillig zurückgeben. So einen gefundenen Goldbatzen geben nur Verrückte, bis zur Dummheit Ehrliche oder skrupellose Ignoranten zurück. Wahrscheinlich zählt sie mich zu letzteren.
Und ehe ich mich versehe, greift Gina zu mir herüber und versucht sie mir das Stück aus der Hand zu nehmen mit den Worten: "Lass mal sehen." Sie will natürlich nicht bloß sehen, sondern besitzen.
Mist!

Aber dazu kommt es nicht. In diesem Moment merke ich, daß dort, wo sich das kleine Klo befindet, bei dem ich vorhin gewesen bin, polternd die Tür zum hinteren Wagon aufgeht und ich verstecke instintiv da Haschisch unter der Tischplatte. Dafür nimmt Gina den Stoffhund.
Soll sie!
Das andere hinter uns, was kann dies bedeuten?
Dreierlei.
a) es ist jemand von der letzten Station, der eingestiegen ist und sich bislang für keinen Platz entscheiden konnte oder wollte oder das gleiche, er sich auf der Suche nach einem Bekannten, Freund, Freundin befindet, der just am anderen Ende des Zuges sitzt, von wo aus er unglücklicherweise eingestiegen ist.
b) jemand, der auch aufs Klo ging oder schlimmstmöglichster Fall:
c) Kontrolleure.
Nicht daß wir keine Karten besitzen, schließlich habe ich wie Gina einen gültigen Fahrausweis. Aber wir sind gerade dabei, uns über ein Haschischblättchen zu beugen, um es uns gegenseitig aus den Händen zu reissen und wer ist so schnell und geistesgegenwärtig, um es hurtig in seiner Tasche verschwinden zu lassen, oder im Hemdtäschchen oder wieder schnell zurückzustopfen in den Allerwertestes des Stoffhundes?
Keiner? Wir nicht!
Noch mehr Mist!
Und dazu noch giftiger Mist!

Zwar habe ich das Haschischplättchen in Händen, aber ich brauche auch das Stofftier.
Ich höre ein Geräusch der auf- und zugehenden Klotür und erkenne, die vermeintlichen Personen sind noch beschäftigt. Mir bleibt nur wenig Zeit.
So greife ich geschwind zu Gina hinüber, weil ich, der näher zur Bedrohung sitzt und zudem meine Sieben Sinne noch beieinander hat, Monsterschritte immer näher herankommen höre. Liegt es daran, daß ich nicht viel reden und erklären kann, so von wegen: "Geb schnell her!" oder "Gib mir Beluntschi schon!" oder "Kontrolleure kommen!" - alles hätte die Aufmerksamkeit erregt, die der Nachbarn und der nahekommenden Katastrophe.
Es wird schlimmer als ich vermutete. Gelbwesten sind es, die sich neuerdings als "Sicherheitskräfte" schimpfen dürfen. Schnell wende ich wieder meinen Oberkörper zu Gina hin. Bis ich endlich Beluntschi habe, bedarf es einiger ins Leere gehender Griffe, da Gina das lauschige Tierchen immer wieder zurückzieht. In meiner Panik zische ich eindringlich und raune ihr penetrant zu: „Mensch, gib schon her. Siehst Du nicht, was hinter uns...“ Sie erstarrt im Schreck, als sie auch die Lawine sieht, die auf uns zurollt und lockert endlich ihren Griff. Ich kann unseren Talismann, ha-ha, schluck-schluck, schließlich an mich nehmen.
Aber es wird schon zu spät sein.
Sowie ich die Plättchen in den Anus des Hundes stopfen will, legt sich ein widerlich kalte Hand um mein Handgelenk, mit einem genauso abstoßenden Ton begleitet: "Lassen Sie doch mal sehen!"
Aber ich reisse mich los, reise das Tier einfach nach links zur Fensterseite hin, wo der eisigkalte Geldhemdler schlecht ranreicht und sage: "Was geht Sie unser Stofftier überhaupt an? Sie dürfen hier nur kontrollieren, oder?“ Dabei stopfe ich das prekäre Teil mehr schlecht als recht hastig und flüchtig in den After.
Der Gelbwestler verzieht grienend seine Schnute und schnaubt und stößt aus, als wolle er die ganze Welt auslöschen: "Ich bin noch zu ganz anderen Dingen berechtigt, das kannst Du mir glauben. Und nun Bürschchen, wollen wir mal sehen. Geb schon her! " Dabei macht er Hand und drei Fingern diese Gib-Her-Bewegung, langsam, bedrohlich und furchterregend.
„Wenn Sie unbedingt wollen!“
Ich unterbreite ihm die Fahrkarte auf den Tisch und sage: „Bittesehr, hier sind sie!“
Er schaut einen kurzen Moment seine Gefährtin an, mit einem Blick, der schwer zu beschreiben ist: „Der traut sich was“, und macht schließlich Nägel mit Köpfen, indem er ruckartig nach dem Hund greift.
Aber ich bringe das begehrte Objekt schnell hinter meinen Rücken und setze dem Zudringling meine breite Brust entgegen - lachhaft! – gegenüber der anderen, die mit schinkenartigen Fettpölsterchen garniert ist, plus fettestem Hängebauch, mag diese Tatsache noch so wie ein Klischee klingen, aber es ist wahr.
Apropos Klischee. Ich habe einmal eine Beschreibung eines typischer Stasispitzel gelesen, die ziemlich auf diese Gelbwesten-Typen zutreffen, also vor allem was die Kondition und imposante körperliche Beschaffenheit in der Weite und Schwere anbetrifft, nur ein Punkt war noch hinzugesetzt, daß diese wie wild nach Pornoheftchen gewesen sein sollen, was ich hiermit von den westlichen Gelbwesten mangels Kenntnisse noch nicht behaupten kann - wenngleich eben alles andere durchaus und unumwunden zutrifft!
Spaß habe ich noch gehabt bei dem Gerangel mit Gina, weil nichts auf dem Spiel gestanden ist, aber mit diesem Wildfremden... Befremdlich, beklemmend sogar wird es, zumal er signalisiert, kein Jotachen Spaß verstehe er. Er beugt sich rücksichtslos mit seiner Wampe über die Tischplatte, daß zu befürchtet sei, sie krache gleich zusammen samt dem Metallgestell darunter und stürze wie ein Kartenhaus ein und schlage auf meine Beine. Geschickter als Gina hat er gleich mit dem ersten Klammergriff seiner Klauen das Stofftier umfasst. Ich traue mich natürlich nicht entgegenzuzerren, ohne Beluntschi etwas Schlimmes zuzufügen.
Ich gebe mich geschlagen, lasse locker und der Gelbwestler nimmt den Stoffhund befriedigt in seine Arme. „Na, warum nicht gleich so!“ Er fingert unverzüglich im Anus herum, wo er wohl etwas gesehen hat, daß ich dorthinein etwas gestopft habe. Ist aber für ihn nicht gar so leicht. Sein erweiterter Bauch hindert ihn daran, exakt an das Wesentliche, Eigentliche, Zu-Suchende zu gelangen. Wäre witzig gewesen, wenn...
"Na, verarschen kennen wir uns selbst!", sagt er weich, lüstern und selbstsicher dazu. Ein ausländischer Akzent, wobei ich Ausland ein Land um und außerhalb von Bayern meine: ein „Pälzer“.
"Nun, ei-ei-ei, was haben wir denn da?" Und damit zieht er das Plättchen hervor. Er legt es auf den Tisch, setzt sich ungefragt neben Gina in den Sitz, wobei er sich mit ausfahrenden Ellenbogen rüde Platz verschafft. Dann beginnt er das Aluminiumplättchen auszufalten, wie jemand, der gerade einen Obstkuchen vom Bäcker gekauft hat und nun zum Schmaus daS auf einem Teller gelegte Stückchen vom Einwickelpapier und schließlich Folien zu befreien, indem er Teil für Teil, dreieckige Spitze für Spitze aufklappt, zu Seite legte und glättet.
„Lecker, lecker!“, ruft er, als er tatsächlich auf dem Tisch einen braunen Batzen sieht, entkleidet und entblößt in seiner nackten Schönheit. Nur ein Kuchen ist es dennoch nicht. Dies juckt diesem Feinschmecker, Gourmand und Weckfresser natürlich überhaupt nicht. Er hebt schwungvoll seinen Kopf hoch und wirft einen triumphierenden Blick seiner Partnerin zu.
Damit kommt zutage,was unsereiner befürchtet und Gina erhofft hat, deren Augen nun fast aus den Höhlen treten, deren Zunge sich über die feuchten Lippen fahren und deren Kehlkopf einen deutlichen, beweglichen Knollen bildet, weil ihr wohl der Speichel rinnt wie ein Rinnsal.
Sie wird nicht zum Zuge kommen!
Schade.
Immerhin, besser als diesen Knechten es zu überlassen, wäre es schon gewesen...
Darüber entscheiden nunmehr diese und es ist klar, wofür sie sich entscheiden.

Pentzw
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Gezerre

Beitragvon Pentzw » 20.07.2020, 22:42

d) um die Wahrheit

„Es ist ein Irrtum!“ Sie schauen mich mit gerunzelter Stirn und hochgezogenen Brauen an. So schnell will ich mich nicht geschlagen geben.
„Der Schein trügt. Ich, ich habe das Plättchen gerade im Klo entdeckt. Es gehört nicht mir!“
Stirn und Brauen verengen sich noch mehr.
„Aha! Im Klo!“ Er wendet sich seiner Begleiterin zu: „Also im Scheißhaus!“ Beide verschlucken ihr Lachen. Dann wendet sich mir der Dicke wieder voll zu und geht auf die Vollen: „Hat wohl jemand vorher geschissen!“ Plusterndes Lachen, die andere mit. Beinahe hätte ich eingestimmt, war wirklich ein guter Witz.
Ich fühlte mich gehemmt, weil ich unter den Augen so vieler Personen beschossen, angeklagt und an den Pranger gestellt worden bin. Ihre Frivolität, sich so ordinär zu benehmen, überraschte mich umsomehr, als ich annahm, es befänden sich viele Zeugen um uns. Leider hatte ich von meinem Sitzplatz aus keinen guten Aus-, Über- und Einblick in andere Bereiche des Wagons, hätte ich gehabt, hätte ich gewußt, du brauchst dich nicht zu schämen, denn in der Tat war kaum jemand anwesend, dessen ich mir aber nicht bewußt war, wie gesagt.
Das mit dem Scheißen - nein, das kann ich nicht stehen lassen, klingt zu unglaubwürdig und ist überhaupt eine Unverschämthei sondersgleichen. Statt zu protestieren, duckte ich mich jedoch und antwortete kleinlaut: „Das nun nicht! Aber ich hab’s halt aufm Klo gefunden und und bevor es ein Jugendlicher findet und damit Unfug macht, nicht, habe ich gedacht, nehm es lieber mit.“
„Ach, Du wolltest, daß ein unschuldiger Jugendlicher davor bewahrt wird, drogenabhängig zu werden, indem Du das gefundene Haschisch konsumierst.“
„Nein, nur mitnehmen!"
„Achso, bloß mitnehmen!“
„Äh, so in etwa!“
„Verarschen können wir uns selber!“ Da ist es wieder. Ich schaue einen Moment aus dem Fenster, überlege und denke, die Wahrheit, die Wahrheit ist das beste.
„Aber. Naja, ich sag’s Ihnen ehrlich. So war’s wirklich. Das Plättchen war in diesem Stofftier versteckt und...“
Noch bevor ich meinen Satz beenden kann, lacht der Pfälzer wieder hellauf: „Das glaube ich nämlich auch!“
„Aber ich wusste das nicht.“
Dann bleibt ihm doch die Spucke weg.
Aber die Strohblonde schaltet sich ein: „In diesem Hund da, sinnig, ja!“
Damit lachen sie beide unisono.
Aber der Dicke hält gleich inne. „Wem gehört aber dieser Stofftier?“ Ich bin schon froh, daß er nicht wieder sagt: „Verarschen kennen wir uns selbst!“
Ich kann nicht sagen, eigentlich gehört er Gina und sie hat ihn mir geschenkt. Dann wird Gina herangezogen. Das kann ich nicht machen. Gina steckt schon bis zum Hals in allen möglichem Scheiß, mit Verlaub.
Also, was?
„Naja, er gehört mir. Eigentlich gehört er mir nicht. Ich habe ihn gefunden, vorhin am Bahnhof. Herrenloser Hund. Er hat mir leid getan, ich habe eine Viertelstunde gewartet, solange, bis der Zug kam, dann habe ich ihn an mich genommen. Sonst wäre er vom Wind auf den Asphalt geweht und schmutzig geworden, das kann man doch diesem schönen Hündchen nicht zumuten, oder?“
Die beiden schauen mich an, als ob ich von einem anderen Stern, vom anderen Ufer, nicht von dieser Welt komme.
„Wenn dieses Ding, das wäre doch zu schade...“, ich hebe ihn noch zwanzig Zentimeter bis über meinen Kopf hoch, damit ihn wirklich alle sehen. Ich spekuliere dabei auf die Mitfahrenden hier, bei denen ich wahrscheinlich am meisten Verständnis, Mitleid und Emphatie ergattern kann. „Von jemanden mißhandelt worden wäre und in den Schmutz gezogen? Nicht auszudenken!“
An den zwei perplexen Gesichtern erkenne ich endlich: nicht so viel Süßholz raspeln, kommt bei diesen Sauerminen nicht an.
Dabei will ich nur Mitleid!
Mitleid!
Wer’s glaubt?
Der Dicke schaut die etwas weniger Dicke undurchdringlich an. Allmählich kapiere ich, daß jedesmal wenn der Mann am Ende mit seinem Latein ist, die andere ihm helfend in die Presche springt. Von daher zuckt jene nur beiläufig, als wären solche Entdeckungen, vielmehr Ausreden und surrealen Märchen an der Tagesordnung. Ich beisse mir auf die Unterlippe, spüre gleichfalls einen Speichel-Schluck-Reflex, der meine Kehle zum Tanzen bringt, allerdings aus anderen Gründen als bei Gina.
„Na, das wird die Justiz klären müssen. Sie verstehen, wir müssen nur unsere Pflicht tun.“
„Ja, ich verstehe!“
Sie nehmen mir diese hanebüchene Story nicht einmal übel, sehr professionell. Sie zeigen sich im Gegenteil tief beeindruckt, vermitteln mir das Gefühl, ich sei ein großer Geschichtenerzähler. Aber ich merke es.
Sie merken, daß ich es merke und ändern die Strategie, indem sie mit einemmal recht freundlich tun. Fast hätte man meinen können, ihre Erheiterung rühre daher, daß wir genau uns so verhalten haben, wie sie vermutet haben. Verdächtige, Delinquenten und suspekte Personen werden gepastet, welche dann irgend einen haarsträubenden Mist erzählen. Ihre unverhohlene Genugtuung rührt bestimmt daher, daß wir uns, besser ich mich genauso verhalte, wie sie beauftragt sind, die Kontrolle darüber zu erlangen, wenn sich solche Leute wie ich nun mal so verhalten, nämlich verlogen und widerspenstig.
Nur kurzzeitig irritiert mich das, bis ich es durchschaut habe.
Sie können sich ihre Freundlichkeit, Erheiterung und Genugtuung sonstwohin stecken!
Aber ich habe resigniert. Die nehmen mir im Leben nicht die Wahrheit ab. Die nicht. An ihrer Stelle, zugegeben, würde ich vielleicht sogar auch so handeln. (Nein, ich an ihrer Stelle könnte das nachvollziehen. Deswegen bin ich auch nicht an ihrer Stelle. Genau das ist der Punkt. Letztlich ist die eine Version so glaubwürdig wie die andere und die Letzte ist die Wahrheit, wenngleich sie auch unrealistisch klingt. Dabei verstehe ich sie auch nicht ganz.)
Ihre scheinheilige Freundlichkeit signalisiert nur, daß sie uns die Angst vor dem Unangenehmen, dem uns Blühendem abnehmen wollen, indem sie herüberbringen: alles halb so schlimm, ihr kriegt eine kleine empfindliche Strafe, das ist es auch! Danach verhaltet euch, wie ihr wollt, unseretwegen auch wieder gegen die Regeln, ihr seid es dann gewohnt, bestraft zu werden und merkt, alles halb so schlimm, es ist fast so, als ob ihr nur euren Arbeitgeber gewechselt habt, nämlich den des Staates, für den ihr buckelt, tut und euch abmüht, um das Geld zu verdienen, daß ihr ihm in den Rachen stecken müsst. (Zensur: oder in den Arsch wie einer fetten Gans!) Statt Urlaub in Italien, halt Balkonien in Frankonien oder so ähnlich. Anderen geht es auch nicht besser (außer – vielleicht -uns natürlich, den Kontrolleuren, den Staatsvertretern, den Sicherheitsmännequens.).
Wie zwei Weckfresser verziehen sie gleichzeitig ein Lächeln bis über beide Ohren und verharren dabei - bis schließlich der Dicke sein schweres Walkie-Talkie herausholt, immer noch aufgehängt im feisten Grinsmodus und mit spitzen Fingern auf einen Knopf tippt, als wär’s derjenige zum Jackpot und sich das Unding an die Ohren hält. Nahezu ein Pfeifen produziert er, zumindest ein eigenartiges sirrendes Geräusch mit den Zähnen. Kreisende Augäpfel drehen sich in den Höhlen, als wäre ihm schwindlig oder er falle gleich in Ohnmacht oder was immer er Bizarres ausdrücken will, dieser Witzbold.
Als Empfang hergestellt ist, tritt er pietätvoll zwei Schritte zurück, öffnet hinter sich mit seinen Händen gekonnt die Raumtür und beginnt, schlagartig mit seinem imaginären Gegenüber zu feixen, zu lachen und zu kichern, daß es so schaurig, unheimlich und überirdisch wie in einer Gespensterbahn klingt.
Natürlich ist es nicht unschwer zu erraten, was und wer und weshalb all dies - man würde uns vielleicht wie den Bundespräsidenten mit einer Ehreneskorte dort empfanden, wo dieser Zug hier halten wird, in der wir auf frischer Tat ertappt worden sind. Vielleicht wird auch uns zu Ehren noch die Blaskapelle aufspielen.
Davon allerdings gehe ich nicht aus.
Im Gegenteil!

Pentzw
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Re: Stofftiere bringen kein Glück

Beitragvon Pentzw » 25.07.2020, 08:37

e) um ein bißchen Mitleid

Einen Moment der Stille entsteht.
Wir lauschen?
Was wird kommen?
Was wird bald geschehen?
Uns beiden?
Mehr ich als sie lauscht und schweigt, im Gegensatz zu ihr, die immer noch nicht den Ernst der Lage erfasst zu haben scheint, weil sie, wenn auch verhalten und durch mein Stillsein beeindruckt, Faxen macht. Auch die Gelbwesten, die leicht verächtlich lächeln, gehen nicht auf sie ein, so daß sie doch etwas nachdenklich wird. Jene haben sie auf den Vierertisch gegenüber niedergelassen, einer spielt mit seinem Smart-Phone, die andere, die mir diagonal gegenübersitzende, schaut mich unverwandt prüfend an.
Will die mich provozieren?
Was will sie eigentlich?
Das Anglotzen nervt!
Ansonsten hätte ich nur mit den Axeln gezuckt, oder einfach ein Buch herausgezogen und gelesen, oder gelangweilt aus dem Fenster geglotzt, wenn es hochgekommen wäre frivol reagiert. Nun aber fühle ich mich doch ins Unrecht gesetzt, in die Defensive, unter Druck gesetzt, zu handeln, zu reagieren, zu tun und machen, als würde etwas geschehen müssen, da wir ja so etwas von schuldig wären – was wir ja nicht sind, vor allem ich nicht, das weiß ich genau.
Und Gina? Versteckt womöglich ihre Suchtmittel in einen Stoffhund, der von mir aus ihrem Zimmer geworfen worden ist, durch allerlei Odysseen wieder ausfindig gemacht wird und schenkt es einem Bekannten, einem Gast, dem Freund ihrer Mitbewohnerin, mir, ohne daran zu denken oder es vergessen hat, daß in diesem Geschenk ein schweres Delikt versteckt ist, das, wenn von der Polizei entdeckt, wie jetzt, dem Besitzer ungeheuerliche Schwierigkeiten brächten. Dass sie dem vermeintlich Beschenkten mit diesem verbotenem Suchtmitteln heimlich eine Freude hat machen wollen, ist auch nicht auszuschließen, so suchtmäßig sie angeschlagen ist und von daher außerstande zu erkennen, wie die Uhren der Realität ticken. Aber von mir hätte sie wenigsten wissen müssen, daß ich darauf nicht stehe oder nicht!? So lange kennen wir uns auch wieder nicht...
Aber das ist kein Trost!
Gut, vielleicht hat sie mir eine Freude machen wollen, mich beglücken, mit einem Geschenk, welches in ihren Augen zumindest eines darstellte, das leider seine Wirkung verfehlt hat, mit anderen Worten ganz schön in die Hosen gegangen ist. Jetzt kann ich sie aber nicht fragen. Aber wahrscheinlicher ist doch ihr Vergessen, daß sich in dem abhandengekommenen Stofftier ein Versteck befunden, welches sie selbst gewählt, aber in dem ganzen Trubel, der Schmach ihrer Liebesbegegnung und Freude auf das Widerauftauchen ihres abhandengekommenen Ach-So-Vermißt-Habenden-Lieblingstiers vergessen hat.
Seufz – wer weiß es schon?
Und die andere abstrusere, unwahrscheinlichere, phantastischere Möglichkeit: jemand hat in dieses Stofftier Drogen versteckt? Aus Versehen? Hm? Aus übler Absicht? Hm? Quasi ein schlechter Scherz! Hmhm. Oder hat Gina einen Intimfeind? Hmmm. Den sie wahrscheinlich selber nicht kennt.
Jedenfalls musste dieser Spur nachgegangen werden, wozu ich sie momentan nicht befragen kann. Sie kann darauf Gift nehmen, daß ich das nachholen werde!
Aber, über was Ursache ist zu spekulieren, spielt momentan überhaupt keine Rolle. Ich sitze sauber in der Tinte. Die Frage ist: wie komme ich aus dieser unbescholten, möglichst – haha, ein zynisches Auflachen – wieder heraus, ohne mich großartig bekleckert zu haben: Strafe, Vorstrafe, Geldstrafe und und nicht auszudenken.
Später, eine Spur Rachsucht spielt mit, werde ich Gina zwar noch wie eine Zitrone ausquetschen, schwöre ich mir. Aber jetzt nicht.
Meine Lage. Meine beschissene Lage. Alles sehr beklemmend.
Damit fällt wieder mein Blick auf die mich anglotzende Kuh!
Dies und das Schweigen, das ich nicht mehr aushalte, lässt mir die Worte heraussprudeln: "Was passiert jetzt?" Im gleichen Moment kommts mir: blöde Frage, das kommt so rüber, als hätte ich die Hosen voll, fürchtete mich und bekenne meine Schuld damit.
Diese Sicherheits-Frau mir gegenüber verzieht ihren Mund zu einem grellen Lächeln, als hätte sie nur auf diese Frage gewartet. Ihre Schminke kriegt Falten dabei, ihr Lippenrot wird brüchig. Aber alles kein Trost.
Meine Stimme hat doch fest geklungen, oder, alles andere als durch einen dissonanten Furchtton durchsetzt? Jedenfalls muss die Gelbwesten-Tussi einen solchen herausgehört haben, weil sie sich so ausgelassen freut, scheint mir, verhalten zwar in der Freude, aber aus dem Innersten blinkt es mir entgegen: Du sitzt ganz schön in der Patsche, Kleiner; Dir blüht noch einiges; Du kannst Dich auf eine saftige Strafe gefasst machen.
Als ob ich in letzter Zeit nicht genug an die Justiz geblecht hätte – dies zu erzählen führte jetzt zu weit. Ärgerlich, wirklich sauärgerlich ist in diesem Fall, daß ich hier eindeutig unschuldig wie die Lilie auf dem Felde bin. Aber meine Erfahrung sagt mir, daß Dir dies nichts helfen wird. Die Herren Richter werden nicht viel Federlesens machen, wenn Du Dich als Besitzer dieses haschischträchtigen Stoffhundes outest. Du stehst dafür grade und musst dafür bezahlen. Punktum. Die machen sich keinen Kopf und versuchen Dir zu glauben, von wegen dies und das. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche!
Der mit dem Smart-Phone-Spielende tut so, als wäre er nicht auch gefragt worden, als ginge ihm dies überhaupt nichts mehr an und am Allerwertesten vorbei, als kennte er solche Szenen zur Genüge und zum Überdruß. Nicht mehr interessant, weiterspielen eben.
Die Gegenspielerin verharrt in ihrem Grinsen und läßt mich nicht mehr länger hängen und sich herab, verzögert aber immerhin, schließlich zu antworten: "Wir fahren geradeweg Richtung Hauptbahnhof Nürnberg!" Als ob ich das nicht wisse und komme aus Hintertupfing, Buxtehude, Deppen-, Düsseldorf, Lausitz oder Braunau. Frau, mein Akzent muss mich eindeutig verraten, daß ich von hier bin, warum redetest Du so drumherum?
Absichtlich?
Um den Druck zu erhöhen, um ihn auszukosten, um ihn qualvoll in die Länge zu ziehen? Und da ich so gespannt bin, unter extremster Nervenanspannung leide und wer kann es mir verübeln, reagiere ich zwar nicht so wie sie es gewünscht und heraufbeschworen hat, aber in der gleichen Intensität, allerdings in anderer Richtung und zeige die Nebenseite der Angst, nämlich Wut: "Meinen Sie, dies wüsste ich nicht!" Gut, ich gebe zu, ich hätte einen Zahn weniger aufdrehen und sagen können: "Das weiß ich selbst!" Aber nein, es entfährt mir halt diese wiederum anstachelnde Antwort, die wie ein Befehl klingt. Das Buschfeuer ist damit entfacht!
Sie knöpft weiter etwas ihre Bluse auf. Wölbungen wallen daraus hervor, Frau!
Sie versucht mich also anzumachen!
Natürlich gelingt es ihr. Bei meiner permanenten Notstandslage wundert es nicht. Ich versuche dem zu entkommen. Fixiere das Außen des Zuges, was aber nur vorbeisausende Bäume sind. Also sehe ich keinen Wald mehr vor lauter Bäumen.
Ich schließe die Augen und warte sehnsüchtig auf die Ankunft des Zuges.
Immer wieder zwischendrein blinzele ich durch meine Sehschlitze in den Zugspiegel.
Sie knöpft etwas mehr ihre Bluse auf. Wedelt mit einem Blatt vor ihrer Nase und sagt bösartig: „Ganz schön warm hier!“ Der Dicke lacht: „Da sagst Du was!“ Der kennt dieses Spielchen in- und auswendig.
Zuerst habe ich vermutet gehabt, der Pfälzer da, der „Verarschen-kennen-wir-uns-selbst“ ist der Provokateur, aber die Platin-Blonde ist wirklich gefährlich, nämlich die Anmachtussi vom Dienst - da sag einer einmal, die Kontrolleure und Provokateure und Intriganten haben nichts dazugelernt. Wie lockt man eine Grille aus ihrem Loch: mit Kitzeln.
Ich schaue Gina an. Engelchen. Wenigstens ist an Dir nichts Künstliches. Man liebt ja auch durch den Kopf.
Das sagt sich so leicht.
Rechts im Blickfeld, in der Spiegelung des Fensters, bewegt sich etwas. Na, jetzt legt sie die Beine übereinander. Ist zwar eng der Sitzplatz, aber es gelingt ihr. Und deswegen sieht man um so mehr vom Schinken, puh. Zwar nur ein voraussehbarer logischer Schritt – was nicht heißt, daß er weniger effektiv wäre. Meine Endorphine, Serotonine und andere Glückshormone zirkulieren schon im Achterbahn-Modus - Mist!
Aber was sehe ich dann da? - Berechenbare Sexmaschine femininer Art, von welcher Weichenstell-Kombüse aus wirst Du ferngesteuert? - Dort, eine Markierung am Oberarm, auf chinesisch, Liebe: hier übertragen in lateinischer Schrift – Ai. (Meine Tastatur kann leider dieses chinesische Pikto- oder Ideogramm nicht wiedergeben).
Ob sie überhaupt weiß, was dieses Zeichen bedeutet?
„Ai!“, stoße ich jetzt laut aus, um einen Übergang zur Erklärung der Bedeutung dieser beiden Vokale hinsichtlich des chinesischen Schriftzeichen auf dem Oberarm der Platin-Blonden herzuleiten.
Das ist zwar nur mehr grotesk! Aber glücklicherweise geht jetzt meine Besserwisserei, mein Belehrenwollen, mein Lehrerkomplex im Verhalten Ginas unter.
„Kann ich wenigstens meinen Beluntschi wieder haben?“
Der Pfälzer versteht sofort und reicht ihn ihr.
Und ich, wo bleibe ich?
Ich beuge mich zu Gina vor, sie sich mir entgegen.
„Aber ich kriege ihn wieder!“ „Na klar!“
Wir fahren in den Hauptbahnhof ein...
...

Pentzw
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Gezerre

Beitragvon Pentzw » 07.08.2020, 13:17

f) um ein Taschentuch

Als wir uns auf den Weg machen, wird mir Beluntschi in die Hand gedrückt. Warum nicht Gina, bleibt mir zunächst unklar, doch bald geht mir ein Licht auf, nämlich, dass es eine Art Strafe, Beschämung und Irritierung sein soll.
Wir werden irgendwohin eskortiert, ich vermute zu einem Büro. Spießrutenlauf durch die Massen? Mitnichten. Ich merke erstaunt, all die Glotzer schauen auf Beluntschi, nicht auf die Abgeführten. Denken diese, Beluntschi spielt eine wichtige Rolle in einem gefährlichen Krimi? Er ist Träger von tausenden von Tonnen illegalen Rauschgifts oder in ihm wurden Waffen entdeckt? Jedenfalls ist er derjenige, der auf die Bevölkerung verdächtig wirkt, nicht wir. Es ist nicht so, daß ich fast eifersüchtig auf Beluntschi werde, weil er es ist deswegen, im Gegenteil, ich gönne es ihm. Es befreit uns vor bohrenden Blicken.
Einmal inmitten dieser langen Wanderung durch die ewigen Hallen des Bahnhofsgebäudes bekomme ich das Gefühl nicht los, daß die Leute nur mich anschauen, just als wir aus irgendeinem Grund halt machen müssen. Na klar, die halten mir für Vom-anderen-Ufer oder ein Gender Zwölften-Grades-Wurzel-aus-Sechs oder so ähnlich – mit diesem riesigen Stoffhund in Händen!
Schnell drücke ich Beluntschi der lieben Gina in die Hände. Weniger verdächtig!
Ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Wieder verfolge ich perplex, wie er die Aufmerksamkeit magnetisch auf sich zieht. - Allmählich beginnt sich mein Bild von Beluntschi zu wandeln. Vom Symbol einer sehr peinlichen, aus dem Ruder gegangenen Störungs-Handlung meinerseits, zum Blitzableiter für eine falsche Verdächtigung der Behörden und deren sehr unangenehmen Folgen durch Neugierigen-Blicke, Schandtaten-Stalkern-Aufdringlichkeiten und einfach Gelangweilten-Interessierten-Maßlos-Bohr-Blicken andererseits. Es ist nicht leicht, von vielen Menschen als vermeintlicher Übeltätiger, ich weiß nicht, was: Obdachloser, Kleinkrimineller, Missbraucher von jungen Mädchen im Zug, gar jungen Buben im Klo angesehen zu werden, was immer gegenwärtig die nationalen Paranoia-Haß-Objekte sein mögen. Wenigstens als Terroristen aus dem Dschihadisten-Milieu werden wir nicht eingestuft, vermute ich. Ich bin mir aber nicht sicher, ob wir vielleicht ins Schema passen: Hass-Terroristen aus dem rechten Spektrum? – schließlich sind diese mittlerweile mit allen Wassern gewaschen.
Es geht durch etliche dicke Verbunds-Glas-Türen, die zig-fach gesichert sind, wo davor Pin-Nummern-Maschinen oder Responder-Anlagen angebracht sind. Je weiter es geht, desto weniger Bedienstete, Personal, Menschen begegnen wir. Zum Schluß wird eine dicke Stahltür mit klobigen, großen, antiquierten Schlüsseln geöffnet. Selbst als das Schloß geöffnet worden ist, muß noch eines, eines, das kleiner ist, mit den entsprechenden kleineren Schlüsseln bewegt werden.
Man fragt sich, ob diese Angelegenheit wirklich so wichtig ist?
In einem schlichten Büro müssen wir uns jeder auf einem Stuhl vor einem altmodischen Pult niederlassen, hinter dem sich ein Blau-Uniformierter mit roter Kappe setzen wird. Aber liebevoll dreht dieser uns seinen Rücken zu, daß ich gleich verwundert aufblicke und mit allem rechne.
Aber damit habe ich nicht gerechnet. Er hängt liebevoll, behutsam und hingebungsvoll seine grelle Rot-Käppchen-Mütze über einen braunen Holz-Garderobenständer Marke „Hirschgeweih“. Und ohne Witz, er streichelt noch einmal mit einer Hand über die Kappe, bevor er sich uns zuwendet, sich setzt und uns völlig außer Acht lässt, weil er mit weiteren Schlüssel-Aktionen beschäftigt ist.
Was hat das zu sagen? Ich überlege einige Sekunden, bis...
Der Bahnbediensteten ergreift erneut seinen Schlüsselbund, öffnet eine Schublade, entnimmt dieser einen kleineren Bund von Schlüsseln, womit er mit einem davon eine weitere Schublade öffnet. Aus dieser zieht er einem Stapel Papiere, wahrscheinlich hochwichtige, geheime und verschlußsachemäßige. Eingestuft im oberster Prioritäts-Bereich der komplizierten, umständlichen und nerventötenden Zugänglichkeit. Dann legt er ihn gewichtig als wäre er fünf Kilo schwer langsam --auf einen grünen Büroableger auf dem Tisch.
Ja, oja, denke ich, warum bin ich nicht gleich daraufgekommen? Ordnung muss sein und jedes Ding an seinen Ort und damit ist das Leben gemeistert, weil Ordnung das halbe Leben bedeutet! Solche Sprüche hat man uns in der Schule eingetrichtert, mit einemmal, was damals nicht in meinen Schädel ging, erhellt sich diese Kenntnis wie ein Sonnenaufgang. Damit denke ich schuldbewußt, daß ich bei mir Zuhause vielleicht auch mehr Ordnung in die wüste Bude bringen sollte. Dazu öffne ich meinen Rucksack, ziehe mein Tagebuch hervor und beginne eine Strategie, die Reihenfolge der Aufräumaktion zu konzeptionieren. Ich muss schließlich die Zeit wie aus einer Zwangshandlung heraus sinnvoll gestalten, weil ich es bald nicht mehr nervlich aushalte, wie ich es bedrohlich spüre.
Ich reihe Erledigungen auf, die gemacht, längst hätten gemacht werden müssen – bis ich über ein Hindernis stoße, daß ich mich blockiert, mir den Kopf zerreißt und Schmerzen bereitet – was soll ich mit all den Schuhen im Keller tun, über die ich stets stolpere, sobald ich ihn betrete, wo der Keller schon in allen Ecken, Ritzen und Nischen vollbestellt ist?
Während ich also tatsächlich, ich kann nicht anders, Tätigkeiten aufstelle, die gemacht werden müssen, denke ich nun aber plötzlich andererseits, zumal ich nicht mehr ein- noch auskomme - als Rettungsvision sozusagen - wie blöd du doch bist und ach, so laß es doch; aber schnell auch, sowie ich aufblicke und wieder meinen Gegenüber beobachten muss, daß ich es machen muss, muss, muss, einen Plan aufstellen, damit zuhause endlich Ordnung, Aufgeräumtsein und Sauberkeit einkehrt. Es treibt mich bei dem Anblick dieser Rituale, Prozedere oder wie man diese Brimborien benennen soll, weniger ein schlechtes Gewissen, als vielmehr die Pein eines unendliches Gefühl der Öde, Langeweile und Verlorenheit.
Ich mache zwar auf Lachen zum bösen Spiel, denn ein erstarrtes Gelangweilten-Lächeln schneidet mein Gesicht in zwei Hälften Damit aber wird eine Panikattacke sondergleichen verursacht: jeden Moment verzerrt, versperrt, wenn nicht zerspringt ein Gesichtsnerv.
Ich versuche mich zu entspannen, rücke im Stuhl unruhig hin und her, um sich meine Glieder entschalffen zu lassen, drehen den Kopfnacken um 90 Grad hin und her, damit ich keine Steife bekommen, streiche mit den Armen vom Oberschenkel herunter bis an den Füßen, damit sich mein Kreislauf aktiviert und lasse mich dann leidlich entspannt zurückfallen in den Stuhl.
Ja, ich weiß, denke ich bitter. So viel Zeit habe ich nicht wie die – das steht fest. Und dann denke ich trotzig: Soviel Zeit möchte ich auch gar nicht haben!
Die Gelbwesten, nicht vergessen, sind immer noch da, ganz obligatorisch und nicht wegzudenken in diesem Rahmen und unersetzlich wie sie nun einmal sind und sich gebärden, haben sie sich hinter dem Bahnvertreter positioniert. Dort stehen sie zwar nicht stramm, wie man vielleicht denken mag, aber doch ziemlich angespannt, weil auch ihnen die Situation auf die Nerven geht und schauen leider in ihrem Nicht-Tun-Können immer wieder auf uns arme Würmer. Von oben herab: wir sitzen, die stehen.
Mühselige Frage ist Warum?
Um uns besser im Visier zu haben.
Und gleich wird sich herausstellen, wie wichtig dies ist.
Der Bahnbedienstete räuspert sich.
Jetzt aber, hoffe ich inbrünstig, jetzt aber, geschieht doch hoffentlich etwas.
Da es dies nicht tut, habe ich Gelegenheit über Sinn und Zweck dieser Umstandskrämerei nachzudenken.
Steckt dahinter vielleicht auch Absicht, um eventuelle Widerholungstäter damit abzuschrecken? Ich vergreife mich in der Aussage: daß wir uns mitten schon im Strafprozeß befinden. Denkt jemand daran, er wird erneut von den Gelbwesten gepastet und muß sich diese Quälerei erneut antun, dann schreckt jeder halbwegs normale Mensch und seine Sieben-Sachen-im-Kopf-Habende zurück. Es sei denn er ist Masochist!

Plötzlich glaube ich den Bahnbeschäftigten zu erkennen – es ist ziemlich schwer, dies zu können, da er im Gegenlicht sitzt, sprich hinter ihm ein riesiges Panoramafenster sich erstreckt. Ich lange mir dabei an die Stirn, noch unschlüssig und denke: „Den kennst Du doch!“ Da er aber in der Nase bohrt, bin ich mir nicht ganz sicher, sein Gesicht ist verdeckt. Auch erwidert er mein kameradschaftliches „Servus!“ nicht.
Nein, doch, ich bin mir sicher, daß er mir bekannt ist!
Mensch, jetzt erinnere ich mich, daß der schon in der Schule stundenlang in der Nase gebohrt hat, ungeniert vor allen anderen Klassenkameraden. Das macht er heute noch! Der Unterschied zu damals, wo man diesem unappetitlichem Bohren unausgesetzt ausgeliefert war, wollte man nicht von der Schule gehen, sich nicht ein blaues Auge holen, ist der, daß es wie tröstlich vorübergehend ist. Das Schönste dabei, daß ich die Dauer dieser Folter mitbestimmen kann und diese soll so kurz wie möglich sein. Ich glaube, spreche da auch im Namen Ginas. Ob die dies überhaupt schon wahrgenommen hat? So wie die in den Verhätschelungen, Geknuddle und Getue mit dem Beluntschi vertieft sein dürfte. Ich will mir diesen peinlichen Anblick ersparen und fixiere wieder mein widerliches Gegenüber.
So habe ich mir immer Außerirdische vorgestellt. Klebrig, widerlich, schleimig – kurzum Gebilde, die man sich weder gern anschauen wollte, noch überhaupt anfassen – so abstoßend sind sie – genau wie hier dieser Kamerad.
Hm, er will mich nicht kennen. Fast fühle ich mich abgestoßen. Ich nehme doch Zuflucht mit einem Blick auf meine Begleiterin.
Gina – keine Überraschung – hält wieder einmal Beluntschi in ihren Armen und wiegt ihn, als wäre es ihr eigenes frischgeborenes Kind. Ihr ergeht es halt wie mir, totgelangweilt. Da ich solch ein idyllisches Bild auch nicht stören will, unterlasse ich das juckende Verlangen, ihr mit dem Ellenbogen in die Seite zu stoßen, so daß ich wieder meine Freunde und Kupferstecher ins Auge fasse.
Die zwei Sicherheitspersonen wippen mit den Füßen, der Dicke spielt wieder mit seinem Smart-Phone und lächelt verträumt, oder sieht er Pornos an; die andere mustert mich wieder ungeniert mit gelangweiltem Grinsen. Aber an das habe ich mich schon so gewöhnt. Es finde – schon erstaunlich – nicht einmal mehr lästig.
Aber.
Hm.
Könnten doch längst mal die Fliege machen!
Da ich dem Bahnbediensteten, der sich Zeit lässt mit dem Reden zu beginnen und immer noch in einem Nasenloch bohrt, während er mit der anderen Hand in einem Schwall Papier blättert – wenn die von der anderen Hand besudelt werden, nicht auszudenken; und ich nehme mir vor, kein Protokoll zu unterschreiben, weil ich mich bestimmt mit irgendetwas anstecken werde. Ich versuche, Argumente dafür zu finden, nicht unterschreiben zu müssen, werde aber immer wieder in meiner Aufmerksamkeit von diesem abstoßenden Anblick vor mir abgeschreckt, unterbrochen und irritiert. Angriff ist die beste Verteidigung, heißt es doch, und so nehme ich all meinen Mut zusammen und reiche dem Bohrenden ein Taschentuch.
Aber mit welch aggressiver, entrüsteter Geste er es von sich weist. Als hätte ich ihn sexuell belästigt, wäre drauf und dran gewesen ihn in den Schritt zu langen oder was?
Klar, ein Bundesbahnoffizieller wird bedroht, angefeindet und belästigt, so daß es der Sicherheitswesten Order ist, einzugreifen, den Angreifer abzuwehren, die Gefahr zu bändigen, womöglich Vorkehrungen zu treffen, daß dies nicht noch einmal geschehen könne und so gehen sie einen Schritt auf mich zu. Ich hebe die Hände. Sie nicken. Dann versuche ich mich mit den Händen an Gina zu klammern. Allmählich fühle ich mich im falschen Film.
Gina ist inzwischen aus ihrem Ersatz-Baby-Ozean-Schlaf aufgewacht, oder aufgeschreckt, jedenfalls ganz Auge, denn sie stößt einen unterdrückten Igitt-igitt-Laut aus. Ist wirklich Zeit geworden, daß sie die Situation richtig erfasst, in dem wir stecken!
Mir wird immer übler zumute.
Statt ihrer Hand, einem Teil, einem Glied oder einer Partie ihres Körpers, drückt sie mir Beluntschi in die Hände. Geht auch! Ich umarme ihn fest mit beiden Armen.
Aber natürlich will ich mich nicht geschlagen geben. Was mein Auge erblicken muß, grenzt an Erregung öffentlichen Ärgernisses. Und dies von einem Hüter der Wahrung des öffentlichen Friedens!
Als mir dieser Zusammenhang eindringlich-grauenvoll bewußt wird, sinke ich erst einmal resigniert in mich zusammen – statt wieder in die Offensive zu gehen. Ich glaube, alle meine Glieder senken sich auf den Mittelpunkt meines Körpers hin, auf den Nabel, sie erschlaffen, ziehen sich ein und legen sich zusammen wie die Flügel eines Schmetterlings, der aufgehört hat, fliegen zu können.
„Es ist doch immer dasselbe!", denke ich. „Immer sind es die Kontrolleure, die Sicherheitsautoritäten, schon von Kindheitsbeinen an die Lehrer, die Polizisten, die Pfarrer undsoweiter, die den größten Scheiß produzieren. Warum ist das so?“
Wie lange ich so regungslos verharrt haben mochte, weiß ich nicht, aber plötzlich überkommt mich Wut und Trotz.
"Nicht aufgeben! Handeln!“
So bin ich letztlich!!!
Ich ziehe Beluntschi ganz nah an mich heran, drehe ihn mit dem Kopf zum Bahnbediensteten.
Während ich das Haupt mit der einen Hand steif halte, bilde ich mit der anderen freien Hand mit dem Mittelfinger eine Spitze. Ich lasse den aufrecht Finger erst einige Sekunde zwanzig Zentimeter vor mir stehen. Um sich seine Wirkung entfalten zu lassen!
Wird dieses aufrechte Ding vom Objekt meines Ärgernisses überhaupt wahrgenommen?
Nein!
Nun gut, weiter. Aber vorsichtig, was ich zu tun beabsichtige soll klamm und heimlich stattfinden. Nur für mich und dem Vis-á-Vis sichtbar. Vor allem: nur für ihn herausfordernd! Wird das, was ich tue, von den anderen als Provokation gesehen, wird es einiges setzen, denn die anderen haben härtere Mittel als ich in Händen: Bestrafung, Ahndung, Züchtigung.
Ich fahre in Zeitlupe mit meinem Finger in eines der Nasenlöcher Beluntschis, aber so, daß es vom Gegenüber aus sichtbar ist. Bislang rührt sich dieser kein bisschen, ist nur mit dem Sichten der Papiere, dem Beschreiben, Beschriften, dem Umblättern und Lesen seines Papierkonvoluts beschäftigt.
Die Aktion als solches stellt natürlich kein Problem dar.
Selbst vom gesundheitlichen Standpunkt aus. - Beluntschi ist aus Stoff und er ist nicht schmierig, schleimig und feucht. Wie etwa die Nase des Offiziellen. Er ist nur ein Symbol, ein Spiegelbild und was ich tue und was mit ihm geschieht ist lediglich eine Allegorie, die durch meine demonstrative Handlung deutlich gemacht werden soll.
Der Anspruch ist zu hoch?
Tatsächlich, es scheint so.
Denn, derjenige, der es verstehen sollte im Grunde, versteht es überhaupt nicht.
Der Bahnbedienstete rührt sich nicht. Steif ist über sein Leseobjekt gebeugt.
Vielleicht etwas Schaben, denke ich. Ein minimales, kaum hörbares Geräusch verursachen!
Dieser Effekt, ich freue mich, weckt immerhin kurz Aufmerksamkeit.
Er schaut auf.
Schon beginne ich innerlich zu jubilieren.
Voreilig.
Er grunzt zufrieden bei diesem Anblick und vertieft sich wieder in seine Meditationsübung über seinen Schriftkram.
Wie ist diese seine Botschaft zu verstehen? Würden alle Menschen auf der Welt in der Nase bohren, wäre es eine bessere Welt?
Ich denke darüber nach.
Woraus ich erlöst werde, glücklicherweise. Denn wen es am meisten betroffen gemacht hat, hätte es gar nicht sollen und an diese Person habe ich keinem bisschen gedacht. Der Sicherheitsmann. Der Pornograph. Der.
Gerade der! Der es nötig hat.
Der gerade daran Lust empfindet, wenn er sieht, wie andere sich gegenseitig bis zum Anschlag in den Öffnungen des menschlichen Körpers bohren.
Hat man bislang noch daran gezweifelt, daß er leidenschaftlich gerne Pornos sieht und diese Unterstellung basiere auf einem Vorurteil, so beweist seine scheinbare Abneigung des Nasenbohrens gerade dies! Das kann man in jedem einschlägigen Psychologiebuch nachlesen, warum das so ist. Mir fällt der Begriff zwar nicht ein, irgendetwas mit „paradox“ oder „double-bind“. Menschen, die sich gerne nach außen über gewisse Dinge entrüsten, pflegen im geheimen gerade diese.
Eine psychische Tatsache!
Genau, man sieht es auch und gerade hier!!!
Er, der durch mein Verhalten die „Sicherheit“ bedroht sieht, nur welche, stellt sich die Frage, fühlt sich angesichts dessen alarmiert und nimmt mir meinen geliebten Beluntschi weg. Wortlos.
Ich habe keine Worte mehr.
Resignierter als zuvor versinke ich erneut in mich, in meinen schlaffen Körper.

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kein Gezerre

Beitragvon Pentzw » 17.08.2020, 11:05

g) nur mal um einen Buchstaben

Ich glaube, ich habe geträumt unterdessen, denke ich mir, als ich aufblicke und sehe, was ich kaum für möglich halte. Steht doch dort ein weiteren Bahnbediensteteter neben dem Nasenbohrer.
Wie ist der hereingekommen? Hereingebeamt worden!? Mir ist er nicht aufgefallen, wie er sich hereingeschlichen hat. Natürlich hat er sich nicht vorgestellt, wer sind wir auch? Obwohl er nicht mehr von unserer Seite weichen wird. Ich nenne ihn deswegen Schleicher, Julius Schleicher.
Er steht neben dem Pult, fast wie eine Holzfigur. Wie ein Schilderhäuschen-Wachmann, Gewehr bei Fuß, in blauer Uniform mit einer flotten Haube auf dem Kopf und unentwegt den ganzen Tag neben diesem merkwürdigen Häuschen stehen, deren Funktion niemand mehr erklären kann. Nur einst steht fest, daß es das Symbol für das ist, wofür sich solche Menschen zu Marinonetten machen.
Julius Schleicher da steht kaum lockerer da, auch wenn sich die neuen Zeiten selbst bei der Bahn bemerkbar gemacht haben soll.
So wie vor einem Schildhaus steht er genau neben dem Pult, auf der Stirnseite und nicht an der Ecke oder etwas weiter hinten versetzt und ist auch mit der gleichen Uniform versehen wie der Nasenbohrer, nur daß er in der Hand einen quaderförmigen, schwarzen Koffer hält – das. um im Bilde zu bleiben. quasi sein Dienstgewehr ist.
Er wirkt irgendwie entschieden anachronistisch.
Obwohl ich nie im Entferntesten etwas mit der Bahn zu tun hatte, außer hin und wieder erfolgten Ticket-Kontrollen im Zug, kommt mir dieser Koffer bekannt vor. Als hätte ich ihn schon bei dem ein oder anderen Bahnbediensteten gesehen, nur vor sehr sehr langer Zeit, womöglich in meiner Kindheit oder in einem Film. Ich habe damals wohl vermutet, daß dies einer Allzweck-Dienst-Koffer sei, in dem Werkzeuge, Utensilien, der Henkelmann mit Vesper undsoweiter sich befinden mussten, möglicherweise gar so ein Stopp-und-Go-Schild, den man braucht, wenn ein Zug vor einem ungesicherten Geleis vor Autofahrern, Wanderern oder Radfahrern händisch dirigiert werden, oder auch bei Bahngleisarbeiten, wenn den Arbeitern Signal gegeben werden musste, damit sie von den Gleisen springen können, bevor sie ein Zug überrollt. Ich weiß ja nicht, was Bahnbeamte so tun die liebe lange Zeit. Und ich sage es gleich vorneweg: bei diesem Exemplar wusste ich es am allerwenigsten. Herumschleichen einfach, naja, vielleicht einer Oma beim Hingefallensein aufheben, Auskunft erteilen, Weg weisen und vor allem Verdächtige wie uns observieren, beobachten, verfolgen.
[Wenn man noch einmal dieses Berufsbild des Lotsen-Dienstes an offenen Bahnschranken bemühen darf, dann kann ich mir dies eigentlich in seinem Aufgabenbereich nicht mehr vorstellen. Das hat womöglich eine Beamtengeneration vor ihm, oder zwei, getan oder tun müssen, wo die Bahn noch nicht so elektrifiziert gewesen ist. Und da haben ja viele von den Beamten in Häusern direkt neben solchen Schranken und Bahnhöfen gehaust und gelebt, wo sie alle paar Stunden oder einmal am Tag, je länger zurück, desto weniger häufig, aus dem Bett oder der guten Stube springen mussten, daß Stellwerk betätigen und dann sich vor den Gleisen mit diesem Schild aufgebaut haben, um die Bevölkerung vor einen nahenden Zug zu schützen und zu warnen.
Ja, ich glaube, dieser Schleicher hat diesen schwarzen Koffer von seinem Vater, dieser wahrscheinlich schon von seinem Großvater geerbt, so wie er diesen Job, diese Stellung, diese Privileg-Arbeitsstelle vom seinem Großvater geerbt haben musste, worin keiner einen Sinn sehen konnte, zumindest anfänglich, oberflächlich und von weitem. Mochte er durchaus noch sinnvollere Tätigkeiten verüben, jedenfalls herumstehen und zu grinsen nimmt eindeutig Stunden in Anspruch und dafür fehlt einem Nichtfachmann, Nichtbahnerer oder auch Mensch mit gesundem Menschenverstand der Sinn und Zweck.
Na gut, soll er Verfolger, Spion, Agent Provokateur, etwas in dieser Richtung, sein.]

In der Folgezeit steht Julius Schleicher also steif neben dem Pult, uns zugewandt, mehr oder minder schmunzelt er vage, jedenfalls bilckt er eher ernsthaft drein. Man beachte, zu keinem Zeitpunkt, in keiner Situation sehe ich ihn sein Köfferchen abstellen. Das kann man sich fast nicht vorstellen, aber wo immer er stehen und gehen wird, hält er eisenfest diesen Koffer in seiner Hand. Und selten, daß er einmal mit jemanden sich unterhält, nicht einmal ein paar Kommandos, Befehle, Order tun wird, weiß der Bahnchef, dies kurz und bündig tut und dann weitergehen oder herumstehen wird, ohne weiteres Bla-Bla. Für mich Außenstehenden, ihn von weitem Beobachtenden, vielmehr Beobachten-Müssenden, so fixiert wie das Kaninchen auf die Schlange, kann ich nicht anderes als Nichts erkennen, sehe keinerlei Sinn, Aufgabe und Nutzen in seinem Herumstehen, ständigem eisernen Kofferhalten und leicht amüsiert bis leicht Wichtigtuerisch-Ernst-Dreinblicken.
Julius Schleicher Herumstehen, nahe dort, wo immer wir uns in der nächsten Zeit aufhalten werden, kommt uns mit dieser seiner penetranten Erscheinung, seinem eigentümlichenAufzug und seiner sinnlosen Verhaltensweise mehr als unangenehm an. Er bleibt uns ein Buch mit sieben Siegeln. Es sei gut damit, gesagt zu haben, in den nächsten Stunden wird diese Spukgestalt, komischer Geist und merwürdiger Heiliger sich in Ginas und meiner Nähe aufhalten, ohne mit uns in Kontakt zu kommen oder kommen zu wollen.
Warum schleicht aber er dauern um uns herum?

Auf einen Schlag kommen zwei Polizisten hereingestürmt, ersterer stellt sich als Oberhauptkommissar Knoll vor. Immerhin, der Mann hat Stil, stellt sich mit Namen vor.
Er ist mir fremd. Aber Mensch, der Name, der kommt dir doch bekannt vor! Ich krame in meiner Erinnerung herum, während ich verfolge, wie er sich mit seiner Kollegin an einem kleinen Nebentisch in der Ecke Raum verschafft. Dorthin setzt sich aber nur die Mitpolizistin, er bleibt stehen. Die andere zieht eine Papieranhäufung heraus und setzt sich so in Position. Sie ist zum Schreiben bereit. Wahrscheinlich Protokoll!
Das ist alles sehr schnell gegangen. Diese Polizisten sind sehr fix.
Und wie aus der Pistole geschossen beginnt die Fragestunde der Behördenvertreter, der Polizei, der Bahn, synchron, worüber ich dankbar bin, daß diese die Daten gleichzeitig niederschreiben.
Aber nur einer hat das Wort: Knoll!
Mit dem, was nun geschieht, mit der Ausfragerei bezüglich Personalien, Tathergang, eventuellem Motiv eröffnet sich mir ein Film, in dem ich einen dicken, behäbigen, netten, adretten Mann die Hauptrolle spielen sehe.
Das ist des Polizisten Großvater.
Denn in dem jungen Polizisten sehe ich immer wieder seinen Großvater. Ich schließe ein paar Mal die Augen, sowie ich sie wieder aufschlage und den Polizisten wahrnehme, erkenne ich die Ähnlichkeit mit jenem, älteren, senioren Mann.
Aber irgendwo unterscheidet er sich von diesem?
Tatsächlich, der junge Polizist ist auch bieder, wohlsituiert, trägt einen dicken Ehering und erfreut sich in seiner freundlichen, lächelnden Art der besten Gesundheit und des Wohlbefindens.
Zur totalen Ähnlichkeit fehlt ihm nur die Wampe des Opas.
Ich will diesen Eindruck wegwischen, zwei Menschen unterscheiden sich doch stets vonaeinander. Und was hat nur dieser junge Kerl mit diesem ist unseren älteren Nachbar gewesen. Aber nein, Knoll, denke ich immer wieder. Erneut taucht der dicke, freundliche Herr von Nebenan auf. Opa Knoll.
Und nun dieses Exemplar. Der Enkel des Nudelvertreters. Polizist. Staatsmafiosi. Der Name macht's: nomen est omen. Knoll!
Er wird mir bestimmt ein Knöllchen verpassen, wozu er sich jetzt entsprechend gebärdet und belfert, bellt und kommandiert: „Protokoll!“
Seine Begleiterin zieht einen kleinen, dicken Notizblock heraus, dann einen Stapel Papier und zückt einen Kulli. Alles Routine, scheint’s! Schon hundertmal durchexerziert.
„Schreiben Sie, bitte: Name..."
Ein Knöllchen oder zwei oder viele werde ich erhalten. Mit einer saftigen Geldstrafe.
Ob der sich insgeheim für seinen abgeschmetterten Opa an mich rächen wird? Dieser wollte nämlich Bürgermeister werden, wurde aber nicht gewählt. "Nudelvertreter" hieß es! Pah!
Ein Witzchen zu machen, ist nicht angemessen, als er davon spricht, daß, wenn ich wieder – als wäre ich ein Gewohnheitsverbrecher – nein, da sage ich denn: „Einmal Knöllchen, mehr nicht!“ Aber darüber kann er nicht lachen, sondern vertieft sich in das Diktieren des von der anderen Person zu verfassenden Protokolls.
„Zur Tataufnahme.“
Ich gebe unumwunden zu, der Besitzer des Stofftieres zu sein, da es mir von der vorhergehenden Eigentümerin geschenkt worden ist. Da habe ich mich verplappert, eigentlich wollte ich es unter Tisch fallen lassen. Gina soll straffrei aus dieser Affaire kommen, auch wenn ich mir nicht über ihre Unschuld im Klaren bin.
Aber die übereifrigen Beamten kommen mir zupass.
„Da haben die Juristen zu tun!", sagen sie.
„Heißt Schenkung auch Übertragung des Eigentumsrechts?“, sage ich neunmalklug, aber sie gehen nicht darauf ein. „Seien’S doch still!, denn...“ Ich sehe zur Schreiberin und verstehe, denn diese muss sich natürlich konzentrieren können. Mir soll’s recht sein. Bin ich also der Besitzer, aus, amen, fertig.
„Und sie haben nicht das Rauschgift in das Stofftier getan. Nein!“
„Natürlich nicht.“
„Ich aber auch nicht!“, sagt Gina überflüssiger-, gefährlicher- und leichtsinnigerweise.
„Hm!“ Der Polizist reibt sich das Kinn. Diese Bemerkung hat ihn verwirrt. Er stellt sich laut eine Frage: „Wer aber könnte und sollte es sonst hineingetan haben?“
Stille.
„Eine sehr gute Frage. Die habe ich mir auch schon gestellt", sage ich wiederum.
Schweigen.
Also wischt er sich die Frage wieder schnell weg und sagt: „Da werden die Juristen etwas zu tun haben...“
Vielleicht. Eine Vermutung hören? Will er nicht, denn er fragt weiter. „Wo ist das corpus delicti?“
Der Sicherheitsmann hat es mittlerweile meinem Bekannten, Mich-jedoch-nicht-Kennen-Wollenden oder Tatsächlich-nicht-Kennenden Bundesbahn-Angestellten, dem Nasenbohrer, überreicht, welcher dieses nun dem Polizisten in die Hand drückt.
Dieser beschreibt das Ding. Dazu stellt er es mitten auf den Pult.
„Sie erlauben!“
„Aber selbstverfreilich!“, spricht der Nasenbohrer und macht sich schmal, räumt sogar sein Konvolut in die Ecke.
Und nun umwandert Knoll den Pult langsam und bedächtig, und damit den Stoffhund, da er auf dem Pult sitzt. Damit muss er auch uns umkreisen. Und als er hinter uns ist, und da Beluntschi uns seinen Allerwertesten entgegenreckt, macht der Polizist eine Kniebeuge und schaut zwischen Gina und uns genau dorthin, wo das wahre Etwas versteckt worden ist.
„Alles im grünen Bereich?“, frage ich. Er stößt undefinierbare Silben aus: „Ja, Mann!“, oder so ähnlich. Naja, was soll er in einem solchen Fall schon sagen? Ob er darauf in der Polizeischule vorbereitet worden ist? Zweifel.
Klar, aber also alles ordnungsgemäß, es muß ja auch von allen Perspektiven beäugt, betrachtet, taxiert und schließlich niedergelegt werden in dem anzufertigenden Protokoll, damit alles seine Ordnung hat und mit rechten Dingen zugeht.
Je länger das dauert, desto unsicherer und nervöser werde ich. Ich befürchte allmählich, daß sie mir vielleicht doch meinen Stoffhund wegnehmen, konfiszieren und finde das nicht gut. Damit sie nicht auf dumme Gedanken kommen, verfalle ich auf die beste Strategie in so einem Fall: ablenken durch reden, reden und fragen, fragen...
„Wird das nicht als Geringfügigkeit durchgehen?“
Alle schauen mich an. Alles hätten sie von diesem einwandfreien technicus terminus der Jurisprudenz, der eigentlich längst schon zur Allgemeingut deutscher Umgangssprache gehört und wenn mit Textzitaten in einem Sprachlexikon belegt, zu Hundertprozent in diesem Zusammenhang des leichten Rauschmittelbesitzes. Kann sogar sein, daß dies auch schon ernsthaft in Bayern diskutiert wird.
Schweigen.
Also muß ich sie auf die Springe helfen: „Ich meine, dies bisschen Haschisch!"
„Kommt drauf an, was es ist. Ist es wirklich „nur“ Haschisch und ich sage dies bewußt unter Vorbehalt, vielleicht...“
„Riechen Sie einmal dran, dann wissen sie es.“ Darauf will er sich nicht einlassen, könnte schließlich eine infektiöse Substanz sein, trotz Anschein. Ob sein Widerwille auch darauf gegründet hat, daß es sich in einem Anus befunden hat?
„Das entscheidet das Labor!“
„Also, Herr Oberhauptwachtmeister...“
Darauf hat er bestanden, angeredet zu werden, als ich dies das erste Mal tat. Darauf hat er gleich und sofort hingewiesen und drauf bestanden. Von mir aus.
„Also, ich habe es...(hineingetan)!“, wollte ich schon sagen.
„Ja?“
„Ach nichts!“
„Gut!“
Sollte doch noch Gina behelligt werden, würde ich sagen, ich hätte es hineingestopft und hoffen, daß es als Eigenbedarf durchgehen wird – im Falle es handele sich wirklich um leichte Drogen, worüber ich mir so gut wie sicher bin, daß es sich so verhält. Aber vielleicht auch glaubt der Herr Richter, sofern es zur Anklage kommt, was sich ja auch noch erst herausstellen muss, wenn ich nicht freiwillig mit einer Geldbuße einverstanden bin, denn darauf kommt es den Staatsfritzen offenbar am meisten an, sofern man sich nicht mit dem ganzen Prozedere eines Prozeß abplagen, sich aussetzen und unterziehen will, mit einer geringen Spende an eine charitative Institution, Drogenverein, Hospiz oder Obdachlosenasyl-Heim einverstanden erklärt.
„Was also?“
„Ach nichts!“
„Um so besser...“ Das freut ihn wahrscheinlich deshalb, weil er weitermachen kann, da ihm das Diktieren leidenschaftlich ankommt, scheint mir.
Ich beuge mich interessiert über das Schreiben, um der Protokollantin genau auf die Finger zu schauen. Alles genau durchlesen und wehe, ich finde einen Schreibfehler – dann weigere ich mich zu unterschreiben. Erst nicht auszudenken, was ich mache, sollte ein Grammatikfehler zu finden sein...
Von einem objektiven Standpunkt aus gesehen ist das natürlich sehr kleinkariert und traurig, dieses mein Mißtrauen. Eine sehr jämmerliche Vorstellung, die ich da abziehe, was zeigt, wie stark ich mich in der Bredouille befinde. Würde ich mich weigern zu unterschreiben und die Polizisten nicht einlenken – ha, die haben immer den längeren Arm.
Da aber Beamte heutzutage eine gute Schulbildung genossen haben, finde ich keinen Rechtschreibfehler, nur einen dubiosen Buchstaben. Meine Bekrittelung hat keine Folgen, außer daß die Beamtin gerne widerspruchslos diesen verbessert. Wir leben ja schließlich in einer Demokratie!
Die Gelbwesten haben sich inzwischen verdünnisiert.
Dies stelle ich jetzt erst fest. Mit Befriedigung.
„Wollen sie das bitte unterschreiben?“
„Aber gerne, jetzt schon!“ und ich ärgere mich über meine Besserwisserei. Naja, diese schulische Laufbahn, die ich durchlaufen habe.
Ich tue es.
„Der Bundesbahn-Vertreter spricht Ihnen ein eintägiges Aufenthaltsverbot im Bahnhofsbereich von Nürnberg aus...“
Der Bekannte von früher fügt hinzu: „Sofern es den Bereich des Bahnhofs betrifft, über den die deutsche Bundesbahn das Hausrecht besitzt.“
Oje, welcher Bereich oder Bereiche sind das wohl?
„Äh, wo ist das?“
Die Polizisten nehmen dies zum Anlaß, sich vom gepflasterten Deutsche-Bundesbahn-Acker zu machen. Aber bevor ich mich noch mit meinem ehemaligen Bekannten, dem Nasenbohrer, unterhalten kann - vielmehr muss, mir reicht es nämlich, will nicht wissen, was ich tun darf und was nicht - wende ich mich an die Polizisten.
„Können wir gehen?“
„Ja, sie kriegen Bescheid.“
Und weg sind sie.
Noch einmal: und warum habe ich es so eilig?
Sich von jemanden, der eigentlich auf gleicher Stufe steht, sagen lassen zu müssen, was man tun oder nicht tun, wo man hin oder nicht hin darf, will ich mir ersparen. Das verstößt mir zu sehr gegen die Würde des Menschen. Und ist diese Würde des Menschen nicht an erster Stelle in dieser Verfassung des Territoriums niedergelegt, auf dem wir uns gerade befinden?
Ich fasse Gina wie ein kleines Kind an der Hand, in der anderen halte ich das Stofftier und mache uns von hier weg. Flucht ist manchmal der beste Weg! Ja, ich kann die Flüchtlinge schon verstehen, die sich sogar von Afrika aufmachen, unter Todesqualen die Wüste durchqueren, unter Todesgefahren die Meere durchschiffen und und.
Nichts wie weg von hier.
Als ich mich kurz umdrehe, sehe ich wen uns folgen: Julius Schleicher.

Pentzw
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Gezerre

Beitragvon Pentzw » 22.08.2020, 21:41

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Re: Stofftiere bringen kein Glück

Beitragvon Pentzw » 30.08.2020, 15:11

h) in der Menge

Wir haben für einen Tag Hausverbot erhalten. Wir müssen schleunigst dieses Gebäude verlassen. Wo ist der Ausgang? Es gibt viele davon. Leicht zu erreichen. Schnell würden wir dieses Haus verlassen haben – denken wir. Aber wir rechnen nicht mit den Hausbesuchern. Da es sich offenbar um ein Durchgangshaus handelt, sind die Besucher zahlreich, dicht gedrängt mäandern sie durch das Gebäude, bilden Kluster, Pulks, Schwärme und nicht zu überblickende Anhäufungen von Menschen.
Wie sollen wir da das Haus verlassen, wenn uns immer wieder jemand den Weg abschneidet? Oder wenn wir in einen solchen Schwarm geraten, der uns in die verschiedensten Richtungen mitzieht? Sowie wir wieder Land unter den Füßen und Licht am Horizont haben, entscheiden wir uns stur für eine Richtung. Durch einen werden wir schon gelangen. Aber da kommt schon wieder eine Gruppe auf uns zu und drängt uns auf die Seite, in eine Ecke, in der wir, zu dritt, angstbesessen kauern.
Verschnaufpause, Planpause.
„Was tun?“
„Gute Frage, haha!“
„Was gibt es da zu lachen, Gina?“, wundere ich mich sehr über sie. „Denk lieber mal nach, wie wir hier wieder herauskommen. Wird uns die Polizei jetzt sehen und uns am Kragen packen, weil wir nicht für heute sofort das Haus verlassen haben, dann oweh, oweh!“
„Worauf Du Dich verlassen kannst!“
Eigentlich lässt sich darüber kein Witz machen, finde ich.
Ich male mir aus, wie mich die Sicherheitstussi mit einem Sicherheitsgriff unschädlich und außer Gefecht setzt, wie sie dies wohl bewerkstelligt; in nullkommnix wird sie mich mit ihren Händen angrapschen, mit ihren Armen umfassen wie ein Schimpansenweibchen und dann... dann werde ich glücklicherweise von den Ereignissen, sprich einer Menschenmeute, -horde, -kohorte hinwegritten, -gezogen, - gespült.
Jedesmal, wenn sich ein Durchgang auftut, wir uns bereits auf den Sprung dahin machen, schließt sich dieser wieder mit dichtgedrängten Menschenleibern. Am besten wir bleiben, wo wir sind. Aber das dürfen wir nicht! Wir müssen es versuchen. Sollte uns das Sicherheitspersonal erwischen, nicht auszudenken; bei der Polizei müssen wir glaubhaft machen, daß wir versucht haben, zu entkommen. Nur wie man das dann beweisen kann? Alles sehr verworren, aussichts- und perspektivlos.
Also los, losrennen! Immer in Bewegung sein, dies ist die beste Rechtfertigung, Art und Weise, Weg.
Der Wille ist wichtiger als die Handlung, der Weg wichtiger als das Ziel.
Bevor wir uns richtig erheben können, noch in Hockhaltung, kommen plötzlich einige einfarbig-uniformierte, stark nach Bierdunst riechende junge Kerle und Mädel mäandernd und schwankend auf uns zu. Einer mit vom Bierschweiß glänzendem Gesicht und fast wie Kraushaare verfilzte Haare, der sich nur noch durch Abstützen auf die Schulter eines Mitkämpfers aufrecht halten kann, mandelt sich am meisten auf. Das Unterhemd schaut in einem Zipfel über seinen Hosenbund heraus. Er ist der verwegensten von ihnen. Aber auch der lächerlichste so gesehen.
Entsprechend ringt er nach Worten, die nicht aus seinem Mund kommen wollen.
Noch stehen sie vor uns, als wüssten sie nicht, was nun. Der Krauskopf zieht in einer Verlegenheitsgeste eine Zigarettenschachtel hervor, die er sich mit den anderen dreien teilt. Zum Glück zünden sie sich nicht gleich an, in diesem Haus herrscht Rauchverbot und wenn dies übertreten werden würde, hätten wir sofort sogenannte "Sicherheitskräfte" am Hals. Ich sehe sie schon eine Leuchtrakete anzünden, um die Ordnungshüter, von denen es hier nur so wimmelt, direkt anzulocken.
Schon erblicke ich wieder Julius Schleicher mit dem schwarzen Koffer in unserer Nähe stehen und uns fixieren. Na, jetzt geht es gleich los, oder was macht er dann? Immer noch weiter dastehen? Ich kann es nicht glauben. Fast hoffe ich, daß sie sich die Zigaretten anzünden, um dieses Rätsel zu lösen.
„Na, wer bist denn Du, mein Zottelbär!“ Spucke übersäen Beluntschi. Dazu ist er einen Schritt herausgetreten von seinen Gruppe und hat sich etwas zu ihm hingebeugt. Zuvor hat er sich den grellen Schal mit einem Handstreich von der Brust von hinten um den Nacken geschlagen und salopp gewischt. Eine sehr verwegene Mut-Geste, soll’s wohl sein.
Er scheint immerhin Respekt vor Beluntschi zu haben. Denn er bückt sich ihm zu.
Gina versucht ihn unter ihre Arme zu verstecken und erwidert: „Siehst Du das nicht mehr in Deinem Tran: das ist kein Bär, das ist ein Hund, du Suffkopf!“
Mir wird schwach zumute, befürchte ich doch, daß solch ein Tonfall, eine Rede und Aussage Wut hervorruft.
Das Bier scheint dem Bier-und-Fußball-Freund aber schon längst aus den Ohren herausgelaufen zu sein, weil er die Schmähung gar nicht wahrnimmt. Bevor er weiterredet, nippt er an seiner Bierdose. Dann fragt er bierselig und freundlich: „Ist das Euer Maskottchen? Von welchem Fußballverein seid ihr? Ich habe noch nie von einem Club gehört, der einen Hund als ihr Maskottchen hochgehalten hat.“
„Ja, wir sind, wir sind...“ Was soll ich sagen. Eine Welt ohne Fußball, undenkbar. Und wenn man in dieser einen so großen Stoffhund mit sich herumträgt, muss er für eine Mannschaft stehen, das geht nicht anders – in einer Welt, wo Fußball regiert.
„Nun...“
„Trinkt der auch Bier?“
Mit diesem Stichwort gehen die Jungs bedrohlich nahe an uns heran. Einer hebt eine Flasche hoch und meint: „Laß mal den Hund einen Schluck machen, vom wahren Lebenssaft!“
Die Vorstellung, daß Beluntschi vom stinkendem Bier besudelt werden soll, versetzt mich ganz schön in Panik. Würde man sie allerdings nicht gewähren lassen, wären die jungen Hupfer ganz schön böse, das ist klar.
Die schwarze Spukgestalt, verdeckt von einer Säule dort, nur sein Koffer lugt etwas hervor - bewegt er sich nicht sehr?
Gina lallt jetzt dazwischen: "Mann, Dein Sport geht mir sonstwo vorbei!" Dabei macht sie ein Zeichen, welches ihre Worte untersteicht, untermalt, herzeigt.
Der Rädelsführer stößt jetzt ein anklagendes Gelächter aus. „Was keine Fußballer? Der Stoffhund ist nur Bettvorleger oder was?“ Dabei krümmt er sich vor Spaß und sein Schal fällt ihm wieder vom Hals auf die Brust, so daß die beiden Enden bei seinem Herumspringen, Fest-auf-die-Schenkelklopfen und Schwanken lustig hin- und herwedelt.
Er wird - stopp! - auf einmal wieder furchtbar ernst.
Jetzt wird's Zeit, daß ich dazwischenfunke.
"Horch!", wobei ich einen nur ihm sichtbaren scheelen Blick auf Gina werfe und wahnsinnig die Augen rollen lasse. Er wird hellhörig und jetzt rede ich um mein Leben.
"Ja, wir sind vom Fußballverein "Die tollwütigen Hunde" aus..."
Bevor er mich unterbrechen kann, sage ich schnell: "Aus dem Hundsrück!"
"Aus dem Hundsrück!?"
Klingt ja merkwürdig. Wo nur dieser Hundsrück liegt? Der Rücken des Hundes heißt dies wohl. Der Bergkamm muss also einem Hund ähneln. Wahrscheinlich einem Wolf, unserem heimischen Hund. Hoffentlich kennen die den Ort dieses Berggebietes nicht und vergleichen ihn mit dem Rücken Belutschis.
Angestrengt vermeide ich, nicht zu ihm hinzuschauen.
Er sieht einem Wolf nicht ähnlich. Aber egal, beispielsweise wer von einer baierischen Mannschaft ist heutezutag noch ein Bayer? Also, könnten wir genauso hier einen Pinguin, einen Pandabären, einen Haiwalfisch in Händen halten und sagen: Das ist das Maskottchen von unseren Klub der "Tollwütigen Hunde" aus dem Hunsrück!" Darüber schert sich keiner mehr, niemand würde stutzig sein, alle kaufen sie einem alles ab, wenn es nur der größte, stinkendste und widerlichste Mist ist.
'Hunsrück'. So wird das geschrieben. Wenn sich dieses "Hun" nun auf Huhn bezieht, dann muß der Rücken ganz anders aussehen. Dann habe ich voll daneben gelegen, dann... Auch Quatsch, keiner kennt diesen fremden Dialekt. Daß diese Brüder ihn anders geschrieben kennen, ist nicht anzunehmen, schließlich sind wird durch die gleichen Schulen gegangen.
Wenn sie aber nicht richtig aufgepasst haben, oder ich?
Schnell weiterreden.
"Ja, wir sind eine neue aufstrebende Mannschaft. Nächstes Jahr kommen wir in Euere Liga." Ob das wohl stimmt?
Meine Panik steigert sich.
Wissen sie, wo der Hunsrück überhaupt liegt?
Man soll seinen Gegner nicht unterschätzen, Junge.
Existiert eine solche Mannschaft vielleicht schon und wenn ja, kann ich sagen, es ist eine zweite...
Reden, reden, reden, mein Bester!
"Und da erkunden wir das Terrain unserer Gegner, vorausschauend, vorsorglich, Du verstehst!"
Er schaut wieder seine Kumpels an. Keiner weiß etwas Genaues. Immerhin kennen sie alle den Hunsrück, ein Mittelgebirge. Irgendwo im der Mitte des Landes oder so.
Nehmen sie mir den "tollwütigen Hund" nicht ab? Vielleicht wäre das Attribut "tollkühn" angemessener gewesen?
Reden, reden, reden, Sohnemann!
"Ihr kennt ja die roten Teufel vom Betzenberg." "Ja, Kaiserslautern." "Genau, im Pfälzer Wald. Solche Namen sollen beim Gegner Angst und Schrecken verbreiten, damit sie geschwächt aufs Feld kommen. Ergo haben wir unseren Hund dabei. Zur Spurenaufnahme!"
Nicht so abstrakt reden, Kleiner!
"Also, so haben wir unseren Hund hier dabei, der mal zunächst die Spur aufnehmen soll sozusagen."
"Der schnuppert hier herum!"
"Ja, macht sich vertraut mit Euerem Geruch."
Obwohl Bier überall auf der Welt annähernd gleich riecht.
"Der schnüffelt hier herum!", schreit er aus. Er wendet sich um: "Habt Ihr das gehört? Ein Fremder dringt in unser Revier ein! Sollen wir das dulden?" Gemurre brandet auf.
Mir wird ganz klar, daß ich das nicht so hätte sagen sollen. Hilfesuchend wende ich mich an Gina, weil Frauen immer beruhigend, zumindest anziehend wirken, eine Trumpfkarte in dieser Männergesellschaft, um von meiner verstiegenen Bemerkung abzulenken. In so einem Fall ist das beste, einfach weiterreden, den anderen gar nicht zum Denken und Handeln kommen zu lassen. So rede ich um mein Leben.
"Und das ist unsere ... Managerin. Wir im Norden sind ja bekanntlich schon etwas weiter, fortschrittlicher als hier im tiefen Süden, in den dunkeln Wäldern, hohen Bergen, dichten Nebeln. und tiefen Wolkenteppichen." Schnell bemerke ich: "Frauenquote und so!", und blinzle ihnen zu, was nicht notwendig gewesen ist, weil Gina ihre Nase in das weiche Fell Beluntschis gesteckt hat und kaum etwas um sich herum wahrnimmt.
Mein Akzent. Mannomann, hoffentlich bin ich lange genug weggewesen von hier, daß man ihn nicht als einheimisch erkennt.
Tatsächlich! Jetzt hat er mich! Oder?
Der Wortführer verzieht den Mund, Nase und Stirn, nickt aber bedächtig. Ist nicht alles rein, koscher und schöner Schein, aber wir sind in der Fußballwelt, im Fußballhimmel und Ball-Paradies aufgenommen, schließlich verkörpern wir auch einen Fußballverein. Glücklicherweise spielen sie selbst wirklich nur in der Zweiten Bundesliga und wer weiß schon, welche Neulinge, Aufsteiger, Aufstreber da aus den Hinterwälder kommen mit ihren obskuren Marotten, Maskottchen und Kuscheltieren?
Plötzlich löst sich behäbig einer von diesen klobigen, dicken, bewehrten Hintermännern und mausert sich plötzlich zu einer Frau, einer Fanfrau, Fanin, Fan female, einem femininen Fan, wie immer auch, vom Rudel hinterm Leittier hervorkommend, beginnt sie den Vordermann mit ihren Armen beiseite zu schieben, indem sie dazu brüllt: "Geh weg!"
Wahrscheinlich glaubt sie mir nicht.
Bevor sie zum Reden kommt, verfolgen zwei Polizisten einen Horde Fans, die mit einem Mal ihre Richtung auf uns zu ändern, wahllos zwischen uns hindurchrennen, wobei der Leithammel beinahe umgerannt wird, dahinter kommen die Polizisten, die immerhin geordnet zwischen Gina und mir hier gegenüber den Fußballnarren dort hindurchpreschen, knapp an Gorillin vorbei, so daß sie zurückweicht. Da das Leittier gewankt hat, quasi angeschlagen ist, Schwäche gezeigt hat, muss es sich als solches beweisen. Er pumpt die Brust wie einen Ballon auf, plustert seine Backen wie ein Hamster auf, streckt die geballten Fäuste wie eine Rakete in die Luft und schreit hinterher: "Finger weg von meiner Ehefrau!"
Damit meinte er die zurückweichende Brüllerin.
Es ist zwar vergebliche Liebesmühe, da dies den Verfolgern kaum zu Ohren zu kommen sein durfte, außerdem haben sie besseres zu tun, aber der Brüllochse hat sich als Held bewährt, seine Familie, wenn nicht sogar Herde, zumindest sein Weib verteidigt.
Jetzt ist er wieder obenauf, wir sitzen unten auf dem Boden, so daß wir schauen sollten, wieder auf die Beine zu kommen, zumal ich fürchte, das Alpha-Tier ist aufgerüttelt, erregt, wütig und...

© Werner Pentz

Pentzw
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Gezerre

Beitragvon Pentzw » 01.11.2020, 18:57

i) um ein Wort herum

Aber großspurig wirft der Maulaffe erneut seinen Schal nach hinten um den Hals, was ihm beim ersten Mal nicht gelingt, dann aber spricht er: „Hört mal her, ihr Sucker!“
“Was heißt das: Soccer?“, frage ich.
Er stutzt. Hat er richtig verstanden? Er hat doch „Sucker“ gesagt, meint er. Wollte der andere behaupten, er habe nicht die Wahrheit gesagt und nicht „Soccer“ gesagt? Vielleicht auch nicht, jedenfalls so habe ich es verstanden. Oder so wollte ich seinen Ausdruck verstehen. Weil „Sucker“, nein, das klingt nicht gut. Das ist ein unschönder Ausdruck.
„Soccer“ ist der Ausdruck für Fußballfans und der ist okay.
Er blitzt mich aber so hart an, daß ich an diesem Wort zweifle, welches ich gehört haben müßte.
Gedanken kommen mir wie: könnten sie vermuten, daß wir nichts mit Fußball am Hut haben?
Wenn, hm.
Angenommen, daß: dann hat er nicht „Soccer“, sondern „Sucker!“ gesagt!
Unerhört. Frechheit. Dem sollte man gleich...
Ist es dieser Anglizismus, den ich vermute, daß er ist, der zu gut Deutsch "Daumenlustscher" bedeutet, dann, dann kann er was erleben. Nur was, frage ich mich sofort. Darauf weiß ich momentan keine Antwort.
Mein Gehirn schaltet sich wieder ein, meine Vernunft, mein gesunder Menschenverstand. Ich blicke dabei merwürdigerweise auf Beluntschi!
'Ach, Beluntschi, jetzt hast Du uns wieder in eine saublöde Situation gebracht. Einmal Himmel, dann Hölle. Du bist unser Verhängnis.'
Zunächst warum Himmel? Die Erinnerung streift mich kurz, als ich die Situation erinnere, wie wir durch die Menschenmenge gegangen sind, nachdem wir abgeführt worden sind. Alle haben auf uns geblickt. Ich habe mich glücklich, stolz und in den Mittelpunkt gerückt gefühlt.
'Ich bin stolz auf Dich gewesen, Beluntschi. Jetzt aber? - Jetzt bist Du die Ursache, weswegen wir wieder im Schlamassel sitzen, in der Bredoullie, im Desaster. Weißt Du denn nicht, nein, Du weißt es leider nicht, kannst es natürlich nicht wissen, daß betrunkene Hooligans, Soccer, Fußballverrückte saugefährlich werden können!?' So wie bei den Sicherheitsfritzen, als sie uns beim Haschischplättchen-Zerren entdeckten und dazu ausfragten und so will ich jetzt bei diesem „Soccer“ oder „Sucker“ auch verfahren: Wahrheit, nichts als die nackte Wahrheit und dies Schritt für Schritt, in kleinen Täubchenschrittchen. Damit fahre ich stets am besten.
Immer noch springt der junge Hupfer, mittlerweile seine Begleiter und Angetraute auch, hin und her und es kommt wie es kommen muß: er verspritzt sein Bier auf uns und was noch schlimmer ist: auf Beluntschi. Ich sehe Gina an. Hat sie’s wahrgenommen? Ja, sie hat. Und jetzt kommt die Strafe, Retourkutsche, die Vergeltung.
Gina wird rot im Gesicht.
Sie erhebt sich, stößt mir den Teddyhund in die Arme: „Halt mal kurz!“, und geht zum Sucker hin und haut ihm mit voller Wucht einen auf den Pelz. Glücklicherweise nur auf den kurzärmligen Mantel, einer Joppe, deren Ärmel fehlen und die über und über mit Vereinsabzeichen, Stickern, Emblemen und Aufnähern übersät ist. Wegen dieser seiner dicken Montur müsste er eigentlich Sacker heißen.
Der Schlag hat es in sich, denn er klatscht laut vernehmlich durch die Halle, daß man meint, eine Bombe explodiert gerade. Wahrscheinlich zeigt er keinerlei wirkliche Wirkung, mehr Lärm um nichts, so dick wie der Fußballfan bewehrt ist. Tatsächlich wenden sich sofort etliche aufgeregte bierrote Gesichter um und beginnen zu stieren, mit den Augen zu glänzen und zu schmunzeln und zu lachen. Endlich ist was los! Eine Schlägerei! Darauf haben wir insgeheim gehofft, gewartet, uns bis zum Wochenende hin gesehnt.
Aber halt mal, jetzt wird es erst richtig spannend. Da ist doch eine Frau beteiligt! Mannomann, eine Tussi greift einen Macker an. Das sieht man auch nicht alle Tage.
Einige nähern sich schon, um das einmalige, rare Schauspiel hautnah zu erleben und zu begaffen.
Gina brüllt jetzt laut, nachdem sie sich mit diesem Schlag begnügt hat. „Du Rotzbengel. Hast wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank. Meinen Beluntschi zu besudeln. Verpiss Dich! Aber dalli!“
Erklärbar sind diese Worte von oben herab, von Alt auf Jung hinunter, da ja Gina mindestens vier Generationen älter als der Jungmann da ist. Damit sind ihre Worte vollauf gerechtfertigt, finde ich.
Denn ich verspüre schon etwas Muffensausen, wer weiß, vielleicht eskaliert noch die Situation und es regnet auf uns Schläge herab, andere greifen ein, wollen schlichten, werden wiederum selbst angegriffen, die ganzen verschiedenen Gruppen mischen sich ein, vermengen sich in einer Keilerei, es kommt zu einer Massenschlägerei und das ganze Haus ist mit einem einziges Hauen und Stechen, Rufen und Schreien, Stoßen und Beißen erfüllt und was dann?
Na dann, Sicherheitsfritzen, Polizei, Feuerwehr, das ganze Sicherheitsensemble, die Ordnungsfuzzis und Helfer aller Arten, Lagen und Wegen. Als Folge werden Ermittlungen angestellt, die Schritte verfolgt bis zur Zerstörung, bis zur Eskalation, bis zur Ursache, bis zu den Verursachern, den Urhebern, kurzum bis zu uns.
Zum zweitenmal an einem Tag Hausfriedensbruch begangen! Bereits schon Hausverbot gehabt, aber erneut Unruhe gestiftet in diesem friedlichen Haus. Wir kommen in den Ruf von Serientätern. Und was blüht für solch ein Vergehen: ist es eine Ordnungswidrigkeit, ein Verbotsübertritt, ein Verbrechen? Hausfriedensbruch, Landfriedensbruch, Aufruhr öffentlichen Ärgernisses, Unruhestiftung, Bürgerkrieg und und und?
Plus Serientäterbonus nicht vergessen!
Ich sehe schon die Zeitungsschlagzeilen vor mir, dick und fett gedruckt und ganzseitig.
Hund Verursacher von Massenschlägerei! Oder besser (wenn das Blättchen seriös ist): Stoff-Hund Grund für Massenschlägerei.
Experten sind sprachlos, schockiert und ratlos, da sie bislang noch keine so wütende Menge erlebt haben wegen eines Plüschtieres. Die Verwüstungen, Verletzungen und Schäden sind in so einem Zusammenhang noch nicht aufgetreten. Fußballfans haben sich zu Hunderten gekeilt – wegen eines Maskottchens, eines Stoffhundes, das oder der aber, wie sich herausgestellt hat, in Wahrheit keines Fußballvereins Maskottchen ist.
HABEN SICH FUSSBALLFANS FÜR NICHTS UND WIEDER NICHTS DIE KÖPFE EINGESCHLAGEN?
Es wäre ein einmaliger Fall, der seinesgleichen suchte!
Sollte dies der Fall sein, wirft das ein schlechtes Licht auf die heimische Fußballszene.
Befragungen Beteiligter ergaben, daß sie aber einer Hochstaplerei aufgesessen sind. Und dies von Auswärtigen! ...
Ich kann nicht mehr weiterdenken, denn ich schlucke bei der Vorstellung von öffentlicher Herabsetzung unseres Beluntschis. Ich schlucke noch mehr bei der Vorstellung von unserer Demoralisierung, Degradierung, In-Schmutz-Ziehung von uns Stoffhund-Besitzern. Schließlich kriege ich gar einen Schluckkrampf, als ich dran denke, was die Justiz aus diesem Ereignis für einen Fall aufbauen wird, der uns mit aller Härte des Gesetzes treffen wird.
Oder vielleicht Beluntschi selbst. Ich sehe ihn auf der Anklagebank, im heiligen Gerichtssaal unserer unabhängigen Justiz und höre das Plädoyer des Staatsanwalts.
"Der Angeklagte ist nicht nur der Drogendealerei überführt worden. Als wäre dies nicht schon genug. Er hat auch noch wie eine Bombe in den friedlichen Auflauf vergnügungsseeliger Fußballfans eingeschlagen. Hat Aufruhr und Entsetzen hervorgerufen. Ein Rebell, ein Revoluzzer, ein Anarchist. Ein Entzünder schlimmster Massenunruhen. So einer gehört nicht nur zu einer saftigen Strafe verurteilt, sondern am Ende und am besten gleich weggesperrt, hinter Schloß und Riegeln der Mauern einer undurchdringlichen Psychiatrie-Haftanstalt. Auf lebenslänglich."
Wahrscheinlich aber ich werde letztlich zur Rechenschaft gezogen, als Besitzer, Eigentümer dieses gefährlichen Subjektes, Objektes, egal. Man muss Beluntisch ja wohl als nicht straffähig einordnen, diesen Hund aus Stoff, dafür muß natürlich der Kopf des Besitzers herhalten, der voll und ganz strafmündig ist...
Ich werde aus diesem Horrorszenario rüde herausgerissen vom plötzlichen lautstarken Lachen des jungen Hupfers. Macht sich lustig über die Attacke dieser Alten. Er denkt wohl: Was juckt’s einer starken Eiche, wenn sich das Wildschwein dran wetzt oder so!
Gerade noch ist mir das Herz in die Hosen gefallen, jetzt aber ein Stein vom Herzen, Erleichterung fühle ich, Befriedigung über diese Wende der Handlung. Über das Schicksal! Gelobt sei es!
Der Junge kann aber nicht aufhören, springt weiter hin und her, zumindest wankt er bedrohlich auf und ab und spotzt die Wort aus: „Na, na. Wer wird denn gleich? Wegen ein bisschen Bier! Tztzt!“ Wieder fühle ich Erleichterung. Er hätte ja richtig unverschämt werden, provozieren, ungehobelt und stichelnd und stänkernd sein können. Aber in diesem Rahmen entpuppt er sich als guter Spießbürger. Was vorher geschehen ist, muß einfach als Ein-bisschen-Zu-viel-Getrunken-Haben abgeschrieben werden. Halb so schlimm alles.
Damit erkenne ich meine Chance. Unter einem Arm Beluntschi geklemmt, packe ich Gina mit dem anderen und dränge sie fort: „Komm Gina, laß den jungen Spund. Wir hauen ab.“ Gina pöbelt zwar noch nach. Diess beobachtet man bei allen, wenn solche Radaubrüder von ihren Freunden weggezerrt werden, weil sie wissen, sie sind sicher. So ziehe ich die keifende, fuchtelnde und umsich schlagende Gina hinter mir her und schließlich tauchen wir in der Menge unter.
Damit stehen wir wieder genau dort, wo wir schon vor einer guten halben Stunde gestanden sind. Das Spiel von neuem. Wie bei einem Computerspiel im Endlos-Schleif-Modus.
Und da sehe ich wieder Julius Schleicher. Den Mensch mit dem schwarzen Koffer. Den Bahnbedienstetem, die graue Eminenz aus der grauen Vergangenheit, die Tradition der Deutschen Bundesbahn in Person.
Weiter ziehe ich Gina.

© Werner Pentz


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