Stofftiere bringen kein Glück

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Pentzw
Melpomene
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Stofftiere bringen kein Glück

Beitragvon Pentzw » 14.06.2020, 22:21

I. Gezerre

a) am Bahnhof

"Aua".
Ihr Zahnfleisch ist entzündet. Das liegt bestimmt bloß an der verschlissenen, alten Bürste, denkt sie. „Ich muss einfach mal wieder die Zahnbürste erneuern!“, beschwichtigt sie sich. Das Wetter ist warm, der Himmel wolkenlos, warum sich also grämen?
Weiter, Richtung Bahnhof!
Ob sie jemanden trifft, der mit ihr nach Nürnberg fährt?
Obwohl der Reiseanlass weniger erfreulich und es im Grunde leichtsinnig ist, jemanden mitzunehmen, wegen vermeintlicher Ansteckungsgefahr, wer wußte denn, warum sie dazu beordert worden ist, in der Großstadt einen Termin beim Gesundheitsamt wahrzunehmen? Geht das nicht auch in der Kleinstadt? Ob sie überhaupt krank ist? Nein, nicht! Es bestünde kein Verdacht, nur reine Vorsichtsmaßnahme, hieß es nach Anfrage. Wenn man halt diesen Ärzten trauen könnte? Letztlich weiß man nie, woran man ist. Aber vielleicht ist es auch besser so!
Sie schaut ihren offenen Hals hinunter.
Recht attraktiv fühlt sie sich heute, hat sie doch von ihrer Mitbewohnerin Loulou ein buntes Halsband geschenkt bekommen, daß über ihren dicken Hals schwenkt, baumelt und rutscht.
„Süße! Du siehst so etwas von verführerisch aus!“
Ja. Leider aber einen dicken Hals hat sie, weil zugenommen hat in letzter Zeit allüberall. Bailey, Liköre und sonstige zuckerhaltige Getränke anstatt des bitteren Schnaps fordern ihren Tribut. Ihre Dicke, ihre Schwemme, ihr Kokon ist nur insofern vorteilhaft, als sie dadurch jünger aussieht oder anders betrachtet, weniger alt. Ältere Menschen sehen je älter aus, je dünner sie sind, man meint doch, sie stehen kurz vor dem Tod. Das Skelett und der Tod, das ist nicht nur sinnbildlich, sondern geradezu greifbar?
Dumm nur, krank oder nicht, daß sie dafür eine längere Zugfahrt zurücklegen muss, immerhin, blöd ist sie nicht, könnte sie sich doch mit einem Mitfahrer lustig die Zeit vertreiben, verscheuchen, versüßen, verkürzen.
Sie pfeift gerade vor sich hin. Das Wetter ist aber wirklich zu schön!
Sie führt ihre Wohllaune, Euphorie und Über-den-Dingen-Schweben auf den zweiten glücklichen Umstand zurück, daß sie mit ihrer Karte in der Hand nicht nur die Hälfte des Fahrpreises zahlen muss. Zudem besteht nämlich die Möglichkeit, sogar umsonst fahren zu können, überzeugte sie noch jemanden, daß er mit ihr heimfahre.
Ah, dort ist sie schon fast am Bahnhof. Hinter der nächsten Kurve wird sie sehen, was sie erwartet.
Am Taxistand vorbei beginnt sie, trotz Bestaunens eines Fahrers, sich langsam tastend und tapsend an die Ecke heranzuschleichen. Erst einen Blick werfen, um das Terrain zu erkunden. Druckt erst einmal einer vor dem Terminal herum und auf einen solchen Mitfahrer könnte sie gerne verzichten, würde dieser sie bestimmt ansprechen, wenn sie sich auf die Bank davor hinsetzt ohne Anstalten des Lösens einer Karte. „Kannst Du nicht zwei Personen mit Deiner Karte mitnehmen?“ Dass diese Möglichkeit existiert, wissen mittlerweile nämlich alle.
Der Nachteil liegt nur darin, da viele der notorischen, stadtbekannten Schmarotzer eher eine Stunde Herumstehens in Kauf nehmen, auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit, als sich eine Karte zu lösen und wie sie sich selbst sehr gut kennt, kann sie nicht nein sagen, wenn sie angesprochen wird.
Aber umsonst will sie keinen mitnehmen. Nimmt sie sich zumindest fest vor!
Es hat sie also zu all dem schönen Wetter nun der Rausch des Geldes am Wickel.
Sie sieht jemanden.
Lieber die halbe Stunde, die sie Zeit bis zum Zug hat, totschlagen, hinter dieser Ecke kauernd, als mit jemanden fahren, der sie nervt. Zu hoffen ist, dieser Trittbrettfahrer verdünnisiert sich bald und verzieht sich in die Bahnhofshalle, um sich einen Flachmann, einen Burger oder einen Kaffee zu erstehen, so daß der Weg frei wäre, jemanden anderen zu fragen. Zu dieser Tageszeit ist ohnehin ein starkes Gedränge. Ja, sie sieht jetzt, daß sich sogar zwei kleine Schlangen von vier Personen aufgereiht haben.
Die hat sie gar nicht gesehen, so fixiert war sie auf den Unsympatisant, tzz.
Also, da kann man immerhin zwei Mal vier Personen fragen - eine günstige Gelegenheit, eine mathematische Chance und nahezu Jackpot im Vergleich zur Null-Pfennig-und-Heller-Aussicht bei einem Schmarotzer, bei einem klebrigen, labernden Mitfahrer, dessen Gesprächsstoff einem sattsam bekannt, dessen Selbstmitleid einem schrecklich gleichgültig und seine Übellaunigkeit einem auf dem Keks geht, steckt man schon selbst genug bis zum Hals im Sumpf. Und sich in gegenseitigem Selbstmitleid zu suhlen, ist eh Feuer ins Öl schütten.
Nein – heute ist ihr Tag!
Am schlimmsten, stellte sie sich vor, stünde Fido dort.
Aber Moment mal, genau hat sie denjenigen, der ihr nicht ganz koscher vorgekommen ist, nicht wahrgenommen.
Sie lukt wieder um die Ecke.
Und tatsächlich, dort steht er, dessen Hemd genau so aus der Hose hängt wie seine Zunge aus dem Mund.
Spricht er einem mit seiner lispelnden Stimme an, müssen viele spontan lächeln, mag es an einer Behinderung, seiner fremdländischen Sprachherkunft oder medikamentösen Behandlung liegen. Von daher rührt aber auch seine Erfolglosigkeit her, daß er mitgenommen wird oder hat er mal eine Karte für zwei Personen, sich jemand ihm anschließt. Wer gibt sich heutzutage noch gerne mit einem Kasper, schrägen Ausländer oder vermeintlichen Spinner und Psychopaten ab?
Weil, vielen lästig ist er und wenn er abgeblitzt, rückt er demjenigen ohne Umschweife noch gleich bittend und bettelnd so nah auf die Pelle, um einen Euro zu ergattern, daß jener kaum ablehnen kann, zumindest ihm dies zuzugestehen. Bei keinem scheut er mit dem Du. Im Gleichklang des Lispelns lächeln die meisten darüber oder schütteln den Kopf in der Annahme, es müsse sich um den Dorftrottel handeln. Die meisten postieren und begeben sich möglichst weit weg von ihm.
Aber warten hatte keinen Zweck und Gina gibt es schließlich auf, länger herumzustehen. Wahrscheinlich würde er sogar bis zum nächsten Zug und darüber hinaus auf der Sitzbank dort vor den Terminals verharren.
"Ein Vollmedikamentöser! Bedauerliches Individuum“, denkt Gina mitleidig und etwas befriedigt, denn auch sie schluckt bereits solche bunten, lustigen, trügerischen Pillen, Tabletten und Dragees. Nichtsdestoweniger kommt sie sich entschieden als Auf-Rote-Rosen-Gebettete, Glückskind und Privilegierte vor – bei einem Schlechter-als-man-selbst-Draufseienden und bei dieser schönen, bunten Halskette!
Sie baumelt lustig hin und her, funkelt, blitzt und glitzert wie ein Kaleidoskop, als sie sich nun den um den Fahrkartenautomaten Stehenden nähert.
Zu ihrem Glück muss sie sich mit Fido nicht gleich abtun, denn wen sieht sie?

Unsereiner kommt gerade vis-a-vis um das Bahnhofsgebäude gebogen, so daß wir drei Personen zusammenstoßen. Meine Person zieht allerdings mitnichten das Interesse Ginas auf sich. Es ist noch ein Vierter im Bunde, recht besehen ein Gegenstand, aber nicht nur sofort zu einer Person gemacht, weil als solcher behandelt, sondern sogar noch zum Mittelpunkt des Geschehens erkoren.
Gina tut so, als wäre sie auf niemanden sonst lieber getroffen.
Beluntschi!
Genau, ihn habe ich unterm Arm geklemmt. Ich will ihn nach Hause bringen. Zwar nicht in eine geliebte Hundehütte, sondern – äh, ich weiß noch nicht, was ich mit ihm anstellen werde, ehrlich gesagt – und alles ist offen! (Beluntschi ist ein Stoffhund – für die Neueinsteiger. Siehe vorhergehende Kapitel, wobei dieses Kapitel hier ohne diese gut lesbar und verständlich ist.)
Hätte ich ihn nur in meinen Rucksack verstaut, anstatt so.
„Ach, mein liebster Beluntschi, mein...“
So tritt sie gleich zu mir heran, streichelt den Wuschelkopf des Hundes und intoniert, stimmt an und läßt alle Facetten menschlicher Stimmen verlautbaren: Grummeln, Grunzen, Röhren, Kichern, Giggeln, Tschirpen, Tirilieren, Maunzen, Miauen, Bellen, Brummen, Knurren, kurzum Geräusche in allen Stimmlagen, Tonhöhen und Frequenzen, einfach alle wie auch immer mit dem Mund, Brust und sonstigem Bereich des menschlichen Körpers, der zu einem Klangkörper taugt, zu bildende Kehlkopf-, Schnalz-, Gaumen- Zungen-, Zahnlaute, einfach alle.
Fido bricht darüber, über Ginas Verhalten der totalen Zuneigung, in entfesseltes Lachen aus.
Ich meinerseits pikiere mich darüber: ist solch ein ungeniertes Lachen eines Fremden über eines anderen Fremden Verhalten gerechtfertigt?
„Ihr kennt Euch wohl?“
„Ja, natürlich. Aber wir sind nicht lädiert! (=liiert).“ Dies hat Fido gesagt.
„Euer Glück!", sage ich, aber meine Aussage erreicht sie nicht. So sind sie im Streicheln des Stoffhundes vertieft.
„Vorsicht!" Fido zupft meines Dafürhaltens zu sehr an Beluntschis Ohren. "Du reißt ihm noch die Lauscher heraus!"
„Was, ich einem Tier Schmerzen zufügen! Ihn verletzen. Niemals!"
„Mann, sei nicht so cholerisch!“, will ich ihn beschwichtigen. Dies macht ihn aber nur wütender.
„Ich habe nicht die Cholera! Ich bin erst letzte Woche bei einer Generaluntersuchung beim Amtsarzt gewesen und gestern habe ich das Ergebnis erhalten. Total gesund, keine Krankheit. Also keine Cholera!"
„Okay, okay Mann, ist ja gut."
So erhitzt, aufgebracht und wütend ist er, daß ich lieber davon absehe, ihm den Unterschied zwischen cholerisch und Cholera zu erklären. Zwar haben beide Worte, gemäß den Regeln der deutschen und anderer Grammatiklehren, zwei gleiche Vokale und müssten von daher verwandt sein. Aber das eine Latein, das andere eingedeutscht- ach, dies zu erklären, zu mühselig. Ich schweige lieber und fange Ginas Blick ein.
Sie blinzelt, wohl nicht wegen der Sonne.
„Freust Dich, deinen Lieblingshund wiederzusehen!“
„Ja, ich bin ganz cholerisch deswegen.“
„Ich verstehe.“
„Tja, Gina. Was einem fehlt, vermißt man am meisten.“
„Ohja."
Ob er wirklich fehlt?
Hm.
Oder entfacht sich Liebe so stichflammenartig nur aufgrund der Zufallsbegegnung?
Schon hat sie sich wieder auf Beluntschi gestürzt und zerrt mit Fido an ihm herum, daß ich ihn schon in Fetzen gehen sehe.
„Vorsicht, daß ihr nicht in eurer Zuneigung mit dem Kopf kollabiert.“
Was in meiner Absicht liegt, geschieht, denn Gina lacht und tritt dabei etwas von Beluntschi zurück. Donnerwetter - was ein Wort doch alles bewirken kann. Wenn auch ein falsches! Höchstwahrscheinlich sogar deshalb!

Mittlerweile hat sich um uns ein Auflauf gebildet, weil das Getue von Gina und Fido solches Aufsehen erregt hat. Alle stimmen ins Lachen ein, was verständlich ist. Überkandidelten Getue ist infektiös. Dann aber beginnt manch einer auch damit, über das Fell des Stofftiers zu streicheln und ähnlich irre Laute auszustoßen. Ich befürchte, Beluntschi wird wie ein Huhn gerupft werden, versuche es zu verhindern, indem ich schon einen Schritt vorwärts mache, aber wieder zurückweiche, da die ausgestoßenen Töne doch zu schrill sind. Da die Ohren zuzuhalten, zu auffällig gewesen wäre, wende ich mich zumindest ab.
Angstschweiß feuchtet meine gefaltete Stirn: Ist dies eigentlich Tierquälerei, was die da treiben? Würde ich dafür verantwortlich gemacht werden?
(Leser, der Du Dich fragst, wo ich lebe, sei Dir geantwortet: Du weist nicht, in welchem Land ich lebe.)
Was kann ich in dieser verzwickten Lage nur tun?
Es werden auch immer mehr Leute...
Zug, wo bist du?
Aber weit und breit ist keiner zu sehen.
Obwohl der Blick auf die Uhr anzeigt, daß er überfällig ist.
Ich trete hin und her mit meinen Füßen vor Ungehaltenheit und leichter Verzweiflung.
Wenn jetzt die Uhr noch vorgeht?
Plötzlich kommt mir eine Idee.
Vielleicht kann ich den Hund abgeben?
Nein, ein Geschenk verschenkt man nicht weiter, zumal nicht an die Geschenkte selbst.
Und Fido?
Nein, trotz Stoff wäre es Tierquälerei. Dafür liebe ich ihn zu sehr, auch wenn er ein Menetekel, ein Symbol, eine Narbe meiner Niederlage darstellt.
Und doch!
Wahrscheinlich würde Fido ihn wie ein Lebewesen behandeln, beschützen, pflegen und hegen. Er gilt zwar als gaga, aber ich verstehe, worin die Ursache dieses Mißverhalten ruht. Er kann die zwanghafte Zurückhaltung seiner Mitmenschen nicht ertragen, so das er sich bewegen und aufgrund seiner Herkunft spaßig sein m u s s. Vielleicht fehlt ihm eine Aufgabe im Leben, die ihn mit der Versorgungspflicht und Hinwendung zu einem Kuscheltier gegeben sein würde?
Ich komme nicht weiter zum Denken, denn immer furchtbarer leide ich an diesem zunehmenden Menschenauflauf, an diesem Gekreische von Gina, von Fido und den Fremden, Hinzugekommenen.
Schamesrot wechselt zu purpurner Farbe der Wut.
Dieser geistlose Senf, den sie von sich geben, ausgestoßen in allen Tönen, so daß neu Hinzukommende, Sich-Nähernde, Von-Weitem-Beobachtende denken müssen, hier probe ein Chor, oder spiele die Heilsarmee auf, oder es handele sich um das Straßen-Spektakel einer avantgardistischen, spontanen, street-off-enen (=straßen-offenen) Schauspielgruppe.
Was soll schließlich an einem Stoffhund so Tolles dran sein?
Daran ist nichts besonderes, aber drinnen – was ich aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß.

Pentzw
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Re: Stofftiere bringen kein Glück

Beitragvon Pentzw » 17.07.2020, 19:28

b) auf dem Klo

Der Zug kommt nun doch - ich bin erlöst. Als wir einsteigen, werden wir von allen Seiten mit Tschüssi, Herzchen, Küsschen, Winke-Winke und allem Möglichen außer einem winkendem Taschentuch verabschiedet. Wir finden einen Viererplatz und noch halte ich den Hund in Armen. Damit dies so bleibe, nehme ich ihn sogar aufs Klo mit, wohin es mich drängt. "Du hast noch Beluntschi!", ruft mir Gina zu, der ich schon fast aus dem Abteil bin. Aber ich will ihn nicht wieder hergeben. "Ja, auch Beluntschi muss hin- und wieder!" "Seit wann?" "Was, hat er nicht bei dir müssen?" "Nö" "Na so etwas, bei mir geht er regelmäßig aufs Klo wie ich", und ich drehe mich um, um es zu tun. Es sind noch etliche andere Fahrgäste im Waggon und absehbar ist, was geschehen würde, wenn sie ihn in ihren Händen hielte und wieder mit ihrem Getüttle anfinge.
In der kleinen Kabüse ist es so eng, daß ich den Hund nicht ablegen kann, sondern in Händen halten muss. Ich muss mich schwer abquälen, drücke und drücke, wobei ich allerdings dessen Bauch verknautsche und dabei gegen etwas Hartes stoße. "Beluntschi, seit wann haben Stoffhunde harten Stuhlgang", frage ich ihn und komme mir darüber blöd vor, was ich schnell wieder vergesse. Oder sind es Gallensteine - bei diesem Ärger, Hin-und-Her, auf die Straße-Geworfen-Werden und was nicht alles, wäre es nicht wenig verwunderlich gewesen.
Auch so ein blöder Gedanke.
Ich drehe ihn in der engen Kabine mit einigem Bemühen, um einen Weg zu diesen harten Dingern zu finden. Zuerst mache ich das Falsche, aber Naheliegenste, weil Ästhetischte, nämlich durch den Mund in den Bauch zu gelangen. Aber die aus hartem Kunststoff geformten Hackerchen verwehren mir den Zugriff.
Na klar, da ist der letzte Weg, um ins Innere eines Stofftieres zu gelangen.
Ich kreisele ihn planlos in meinen Händen, bis ich auf die widersinnigste, widerlichste und theoretisch unappetitlichste Alternative stoße: durch seinen Hintern dort hineinzugelangen. Ich merke erst, daß es hier entlang geht, als ich schon mit der ganzen Faust drinnenstecke. Wenn ich jetzt nicht rauskomme, hängenbleibe - eine Vorstellung, die mich schaudert und die Stirn feuchtet, gerade da ich an eine der adretten Schaffnerinnen denken muss, die neuerdings auf der Bildfläche des Zugbordes erscheinen... plötzlich spüre ich zwischen meinen Fingerspitzen ein zelluloid-artiges Etwas, das mich zunächst beängstigt, weil es sich fremd, abweisend und leicht kühl anfühlt. Aber ich schiebe es beherzt in meine Faust, ist mir doch klar, daß alles bloß in meiner Einbildung stattfindet - von wegen Skorpion, Schlange oder sonstiges Ungetier. Es handelt sich einfach nur um ein Stück Abfall, jawohl! Die Gefahr vom Kopf her gebannt, abgeklärt und vorüber und schon komme ich trotz leicht vergrößerter Faust wieder heraus.
Na, flutscht doch – und was sehe ich nun in meinen Händen liegen?
Ein kleines Plastikbeutelchen. Alles halb so wild, denke ich. Nichtsdestoweniger, was immer darin stecken mag, es fühlt sich nicht wie weiches, biegsames Material gleich Baumwolle oder so an – da ist etwas viel Härteres drinnen.
Ich halte den Beutel gegen das Licht, das hier drinnen sehr schummrig ist und zudem wackelt ja die Klo-Kombüse aufgrund ihrer Enge und der rasanten Zuggeschwindigkeit wie eine Boje auf See. Der Inhalt des Beutels ist eine Alu-Folie, wie ich zu sehen glaube und es ertaste. Und was ist in der Alu-Folie? Aha, ein pralinenartiger dicker Drop, diskussartig, oder doch eher ein kleines quaderförmiges Ding, also so ein kleines schäpses, schräges Plättchen halt.
Ich betaste es erneut und spüre durch das Aluminium den sehr harten Kern, der aber nicht wie ein Bonbon, Dragee, Drop oder eventuell Praline zerstört und zerstäubt werden kann – was ist es aber dann?
Ich lange in die Folie hinein und ziehe es heraus. Dann entfalte ich das Alu.
Nun, was ist wohl im Beutelchen drinnen?
Raten Sie dreimal!
Wie aber kommen diese Drogen dahinein?
Klar, das kann nur ein Versteck von Gina sein, die ihre Giftchen vor den neidvollen Menschen um sie herum zu verstecken sucht.
Was ist jetzt zu tun?
Bekommt Gina die Dinger zu sehen und ich und Leser werden ahnen, was dann geschehen wird, wird sie Tod und Teufel in Bewegung setzen, um - als maßlose Süchtlerin aller Arten von Betäubung, Stimulierung und Beruhigung - daran zu kommen. Und ich fühle es als meine Pflicht, es zu verhindern.
Oder?
Willst Du es wohl selbst einstecken, was?
Könnte es also kein Pflichtgefühl sein, was hinter meiner Handlungsabsicht steckte?
Nicht Um-sie-sich-kümmern?
Quatsch! Doch, doch...

Als ich zurückkomme, summe ich vor mich hin - aus Verlegenheit, aus Täuschung, um mir nichts anmerken zu lassen, eben aus dem Bemühen heraus, wieder einen lockeren Eindruck zu vermitteln, als wäre inzwischen nichts weiter passiert - bis ich verstumme, den Ginas Gesichtsausdruck ist ernst, so ernsthaft, daß ich sie unwillkürlich frage: "Ist etwas vorgefallen?"
Zuerst blickt sie eine geschlagene Minute aus dem Fenster, bis sie sich mir abrupt zuwendet, den Ellenbogen auf die Tischplatte setzt, sich vorbeugt und bitterernst fragt: „Was hast Du eigentlich in meinem Zimmer gesucht?"
Ich falle aus allen Wolken.
Natürlich ist mir sofort klar, daß sie die Nacht meint, wo ich ihren Stoffhund versehentlich zerrissen, aus dem Bett gezerrt und zum Fenster hinausgeworfen habe. Aber das ist natürlich nicht der Inhalt der Anklage, sie will etwas anderes erfahren. Der Hund ist nur ein Vorwand.
Ich frage sie leichthin: "Wie kommst Du auf diesen absurden Gedanken? Äh, dass ich Deinem Zimmer gewesen sein soll!", und summe weiter, unterbreche mich aber einen Moment, und füge hinzu: "Das glaubst Du wohl selbst nicht? Was soll ich schon in deinem Zimmer gesucht haben, sag mir mal das!"
"Zum Beispiel meinen Stoffhund Beluntschi aus dem Fenster hinauswerfen!"
Auch das weiß sie also!
Na, dann weiß sie wohl zu viel, wenn auch nicht alles.
Da ich schließlich auch nicht vom hintern Mond bin, kapiere ich sofort, dass Leugnen nur alles verschlimmern wird, wobei, was ist schon daran, in ihrem Zimmer herumgeschnüffelt zu haben, und in solchen Fällen ist Zugeben, Nicken und Jasagen die beste Methode, um sich aus dem Schlamassel zu ziehen, wie ich weiß und ich weiß zwar nicht, wie ich da wieder herauskomme, aber dies wird sich, wie meistens in einem solchen Fall, schon ergeben und meist kommt nur etwas Harmloses heraus.
"Ja, stimmt, jetzt, wo Du’s sagst, erinnere ich mich. Ich war in Deinem Zimmer."
Pause.
Sie erwartet eine Erklärung, ganz klar.
Nun, sagen wie es ist, dann wird es sich schon zeigen, genauer gesagt, hier ganz langsam vorangehen, Schritt für Schritt erklären, vielmehr zunächst wahrheitsgetreu schildern, bis eine Ausflucht, eine Spalte in der plötzlich sich auftuenden Fluchttür, eine einleuchtende Erklärung am heiteren Himmel erscheint.
"Ja, an diesem Abend bin ich zu Dir hochgegangen..."
Pause.
Sich nur an Fakten zu halten, dann wird es schon irgendwie.
"Aber da warst Du nicht in Deinem Zimmer."
"Das weiß ich", sagt Gina prompt und bleibt nach wie vor ernst, wenn auch nicht mehr so wie vorhin und ich spüre, meine Strategie hat Erfolg und ich überlege: was nur sagt man in so einem Fall?
ICH WAR ZU DIR HOCHGEKOMMEN, WEIL ICH FEUER FÜR MEINE ZIGARETTE BRAUCHTE UND UNSER FEUERZEUG LEIDER LEER GEWESEN WAR.
Nicht sehr überzeugend.
Mit härteren Bandagen muss ich kommen, mit etwas Überraschendem, das wird funzen. - Ja, ich muss eine Platte auflegen, die ihr unbekannt und überraschend ankommt. - Eine kleine Schwäche eingestehen, dann braucht es nicht die Offenbarung der alles in allem himmelschreiend-peinlichen großen Schwäche - so geht man vor, dies weiß jeder Schüler, der Schwierigkeit hat, sich in eine Schule einzufügen, wo er doch immer ins Fettnäpfchen tritt und nicht weiß, warum.
Ich spüre jetzt das Plättchen in der Hosentasche.
Warum jetzt merke ich es?
Wahrscheinlich, weil ich mich so unbehaglich fühle und da ist jede Erbse für einen Prinzen ein harter Brocken.
Mensch, genau, da ist die Lösung, kommt es mir - und gleichzeitig empfinde ich noch etwas Bedauern, weil ich damit das Haschisch mit Gina teilen muss und es doch nicht gut für sie ist. Manchmal muss man halt Dinge opfern und fallenlassen, damit einem nicht noch Wichtigeres, wertvollere Dinge und Angelegenheiten verlustigt gehen.
"Na, ich habe so einen dringenden Bedarf nach“, spiele, spiele jetzt, "nach, na ja, einem Joint gehabt." Dabei rauche ich so gut wie niemals Haschisch, Marihuana, Ganja und dergleichen, wirklich, so gut wie gar nicht. Eigentlich gar nicht.
Sie lacht süffisant, schmalzig und widerlich
Doch ich spüre Erleichterung, Entwarnung, Erlösung.
Sie hat es geschluckt.
"Aha, ich wusste nicht, daß Du rauchst", und ihre Augen weiten sich in Erinnerung des Rauchens, ihrem letzten Joint, Highsein und Wohlbefinden.
Jetzt das Eisen schmieden, solange es noch heiß ist.
"Ja, sehr selten zwar, aber manchmal überkommt es mich unbändig - wie an diesem Abend."
Ist das nicht dünn?
Aber nicht für eine Kifferin wie Gina!
Jetzt mein genialster Schachzug: "Aber bitte, sag es nicht Loulou!"
Sie lacht noch mehr und streckt die Hände von ihrem Körper von sich. "In solchen Dingen kann ich Schweigen wie ein Grab."
"Schwörst Du das?"
"Echt! Ich tu’s!", und sie besiegelt dies mit einem eindeutigen Zeichen.
Ein dumme Frage zwar, aber naja und vor allem: erfolgreich!
Nicht gerade ein Ruhmesblatt, aber was macht man nicht alles, wenn es einem an den Kragen geht?
Damit ist jedoch noch nicht die blöde Sache mit dem Stoffhund erledigt. Habe ich erhofft, daß Gina vor lauter Freude über unsere Eintracht daran nicht mehr denken wird, dann habe ich mich sauber getäuscht.
"Und - warum hast du dann den Stoffhund aus dem Fenster geworfen?"
Tja.
Aber eine Schnauf-, Denk- und Ruhepause habe ich ergattert, so daß es mir erlaubt scheint, danach zu fragen, woher sie dies denn wisse. Sie berichtet, daß sie es von diesem Barkeeper, Bartender oder Mixer weiß, als es sie an jenem Abend in die Sisha-Bar gezogen hat. Er habe in der Nacht beobachtet, als er gerade die Bar schloß und sich auf den Weg nach Hause machte, wie sich so ein langer Typ mit schwarzen Haaren aus dem Fenster des II. Stockes gebeugt und ein Stofftier hinunter auf die Straße geschleudert habe.
Auweh!
Ich ducke mich.
Nicht nur innerlich.
Ich ziehe die Schultern ein und hoch bis beinahe zu den Ohren...

Pentzw
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Gezerre um

Beitragvon Pentzw » 18.07.2020, 21:32

c) um ein Fundstück

Aber mir fällt nichts mehr ein, keine Entschuldigung, keine Erklärung, keine überzeugende Geschichte, blockiert, phantasie- und ideenlos bin ich. Deswegen werde ich in diese Verwicklung hineingezogen, unter der ich heute noch bitterlich leide. In die Ecke gedrängt, aus Ausweglosig- und Hilflosigkeit heraus tue ich schließlich das Aluminiumpäckchen hervor, in der nicht zugestandenen, dumpfen Erwartung, besser dem Wissen, dass, wenn Gina damit in Kontakt komme, alle Fragen ein Ende haben. Für sie ist dies d i e Antwort auf alle Fragen, letztlich auch, wie ich dazukomme, ihr Stofftier nachts in ihrem Zimmer mir nichts, dir nichts auf die nächtliche, schmutzige, befahrene Straße zu werfen.
Es ist einfach zu viel für mich! Ich habe es tun müssen...
Später wird mir auch klar, warum nun Gina so hemmungslos zugreift. Sie ist auf dem Weg zum Bezirksgesundheitsamt, das sie auf Herz und Nieren testen wird, weil man beabsichtigt, sie auf eine Suchttherapie zu schicken. Wird sie später noch getestet werden - der zweite Test würde nach einigen Tagen erfolgen - dann hat sie keine Chance, keinen Freiraum und Gelegenheit mehr, wenn sie sich nicht ins eigene Fleisch schneiden will, Drogen zu sich zu nehmen. Es ist ihre letzte Möglichkeit, bevor sie monatelang, wer weiß wie viel länger noch, auf Eis gelegt sein würde. Gina will sich zum letzten Mal einige schönen Stunden gönnen - das ist's! Für mich ist es nur der Fluchtweg, aus einer extrem beängstigenden, peinlichen Situation, in die ich blindlings geschlittert und geraten bin, herauszukommen. Insofern sollte man es gutseinlassen, sogar meinen, das ist das beste für beide und da es schon geschehen ist, sei’s drum und Schwamm drüber!
Natürlich ahne ich dumpf, daß das alles keinen Zweck hat, weil, auch nach dem dicksten, heftigsten und umwerfendsten Rausch würde sie wieder nüchtern werden und erneut nachhaken, nachfragen und um Antwort drängen. Beklemmend, peinlich die Vorstellung und unaushaltbar die daraus sich ergebenden Konsequenzen, kommt mir nur ein Gedanke: wo ist der Fluchtweg? Aber mir fällt keiner ein. Ich muss jetzt weitergehen...
Um es ihr zu zeigen, hebe ich das starke Stück hoch, stark, weil sich Haschischplätten sehr hart anfühlen.
„Woher hast Du das?", ist sie sofort Feuer und Flamme.
"Ich habe es grade in Deinem Stoffhund gefunden. Wer hat es wohl darin aufbewahrt?" Ich bin mir sicher, daß es nur eine Person sein kann und zwar diejenige, die mir gerade gegenübersitzt.
"Achnee. Nein, ich nicht. Das muss irgendjemand anderes hineingetan haben, als es unterwegs war. Gell, Beluntschi, mein Liebling!“, und sie beugt sich vor, streichelt ihm über den Schädel und krault ihm unter der Kehle.
Obwohl ich ihr nicht glaube, überlege ich und spreche quasi zu mir selbst laut.
"Hm, ja, ich habe ihn auf die Straße geworfen, dann hat ihn jemand gefunden. Dahinein aus welchen Gründen auch immer hat er sein Haschisch getan und verstecken wollen..."
"Genau, einer, durch dessen Hände mein Beluntschi gegangen ist, hat dieses Ding hineingesteckt! Gell, mein liebes Hündchen, was hat mir dir angetan, diese Tierquäler, die vor nichts zurückschrecken...", wobei sie ihm über die Schnauze fährt.
Bevor es zu noch drolligeren Verrenkungen und Gehätschle mit dem obligaten Tönen auf und ab der Tonleiter, die nur peinlich sind, kommt, rede ich schnell weiter. Deswegen nur werde ich dies gesagt haben, was ich jetzt sage: "Wenn... Hm, wüßten wir nur wer, könnten wir das Fundstück dem Besitzer zurückgeben!" Ein völlig unrealistische Annahme natürlich. Wie sollten wir das erfahren?
Ginas Augen verengen sich bei dieser Vorstellung, die mit dem Gedanken verbunden sein mochten, ich muss wohl völlig den Verstand verloren haben. Niemals würde sie es freiwillig zurückgeben. So einen gefundenen Goldbatzen geben nur Verrückte, bis zur Dummheit Ehrliche oder skrupellose Ignoranten zurück. Wahrscheinlich zählt sie mich zu letzteren.
Und ehe ich mich versehe, greift Gina zu mir herüber und versucht mir das Stück aus der Hand zu nehmen mit den Worten: "Lass mal sehen." Sie will natürlich nicht bloß sehen, sondern besitzen.
Mist!

Aber dazu kommt es nicht. In diesem Moment merke ich, daß dort, wo sich das kleine Klo befindet, bei dem ich vorhin gewesen bin, polternd die Tür zum hinteren Wagon aufgeht und ich verstecke schnell das Haschisch unter der Tischplatte. Dafür nimmt Gina den Stoffhund.
Soll sie!
Das andere hinter uns, was kann dies bedeuten?
Dreierlei.
a) es ist jemand von der letzten Station, der eingestiegen ist und sich bislang für keinen Platz entscheiden konnte oder wollte oder das gleiche, er sich auf der Suche nach einem Bekannten, Freund, Freundin befindet, der just am anderen Ende des Zuges sitzt, in das er ungünstigerweise eingestiegen ist.
b) jemand, der auch aufs Klo ging oder schlimmstmöglichster Fall:
c) Kontrolleure.
Nicht daß wir keine Karten besitzen, schließlich habe ich einen gültigen Fahrausweis. Genauso Gina. Aber wir sind gerade dabei, uns über ein Haschischblättchen zu beugen, um es uns gegenseitig aus den Händen zu zerren, zu reißen und zu zerfleddern und wer ist so gewitzt und geistesgegenwärtig, um es schnell in seiner Tasche verschwinden zu lassen, oder im Hemdtäschchen oder zurückzustopfen in den Allerwertestes des Stoffhundes?
Keiner? Wir nicht!
Noch mehr Mist!
Und dazu noch giftiger Mist!

Zwar habe ich das Haschisch in Händen, aber ich brauche auch das Stofftier.
Ich höre ein Geräusch der auf- und zugehenden Klotür und erkenne, die vermeintlichen Personen sind noch beschäftigt. Mir bleibt nur wenig Zeit.
So greife ich geschwind zu Gina hinüber, weil ich, der näher zur Bedrohung sitzt und zudem meine Sieben Sinne noch beieinander hat, Monsterschritte immer näher herankommen höre. Liegt es daran, daß ich nicht viel reden und erklären kann, so von wegen: "Geb schnell her!" oder "Gib mir Beluntschi schon!" oder "Kontrolleure kommen!" - alles hätte die Aufmerksamkeit erregt, die der Nachbarn und der nahekommenden Katastrophe.
Es wird schlimmer als ich vermute. Gelbwesten sind es. Also dies sind Menschen, die eine gelbe Weste tragen, auf der in Schwarzen Buchstaben „Sicherheitskräfte" stehen.
Schnell wende ich wieder meinen Oberkörper zu Gina hin. Ich greife ein paar Mal ins Leere, da Gina das lauschige Tierchen immer wieder zurückzieht. Sie hat nicht die leisteste Ahnung, in welcher Gefahr wir uns befinden. Schließlich zische und raune ich in meiner Panik eindringlichst: „Mensch, gib schon her. Siehst Du nicht, was hinter uns...“
Schon mein Verhalten, sprich das Sich-Vorbeugen, das Ins-Leere-Greifen – ist alles sehr verdächtig.
Immerhin erstarrt sie jetzt im Schreck, als sie auch die Lawine sieht, die auf uns zurollt und lockert endlich ihren Griff. Ich kann unseren Talismann, na endlich, schließlich an mich nehmen.
Aber es wird schon zu spät sein.
Sowie ich die Plättchen in den Anus des Hundes stopfen will, legt sich eine widerlich kalte Hand um mein Handgelenk, mit einem genauso abstoßenden Ton begleitet: "Lassen Sie doch mal sehen!"
Aber ich reisse mich los, reise das Tier einfach nach links zur Fensterseite hin, wo der eisigkalte Geldhemdler schlecht ranreicht und sage: "Was geht Sie unser Stofftier überhaupt an? Sie dürfen hier nur kontrollieren, oder?“ Dabei stopfe ich das prekäre Teil mehr schlecht als recht hastig und flüchtig in den After.
Der Gelbwestler verzieht grienend seine Schnute und schnaubt und stößt aus, als wolle er die ganze Welt auslöschen: "Ich bin noch zu ganz anderen Dingen berechtigt, das kannst Du mir glauben. Und nun Bürschchen, wollen wir mal sehen. Geb schon her! " Dabei macht er mit der Hand und drei Fingern diese Gib-Her-Bewegung, langsam, bedrohlich und furchterregend.
„Wenn Sie unbedingt wollen!“
Ich unterbreite ihm die Fahrkarte auf den Tisch und sage: „Bittesehr, hier sind sie!“
Er schaut einen kurzen Moment seine Gefährtin an, mit einem Blick, der schwer zu beschreiben ist: „Der traut sich was“, und macht schließlich Nägel mit Köpfen, indem er ruckartig nach dem Hund greift.
Aber ich bringe das begehrte Objekt schnell hinter meinen Rücken und setze dem Zudringling meine breite Brust entgegen - lachhaft! – gegenüber der anderen, die mit schinkenartigen Fettpölsterchen garniert ist, plus fettestem Hängebauch, mag diese Tatsache noch so wie ein Klischee klingen, aber es ist wahr.
Apropos Klischee. Ich habe einmal eine Beschreibung eines typischer Stasispitzels gelesen, die ziemlich auf diese Gelbwesten-Typen zutreffen, also vor allem was die Kondition und imposante körperliche Beschaffenheit in der Weite und Schwere anbetrifft, nur ein Punkt war noch hinzugesetzt, daß diese wie wild nach Pornoheftchen gewesen sein sollen, was ich hiermit von den westlichen Gelbwesten mangels Kenntnisse noch nicht behaupten kann - wenngleich eben alles andere durchaus und unumwunden zutrifft!
Spaß habe ich noch gehabt bei dem Gerangel mit Gina, weil nichts auf dem Spiel gestanden ist, aber mit diesem Wildfremden... Befremdlich, beklemmend sogar wird es, zumal er signalisiert, kein Jotachen Spaß verstehe er. Er beugt sich rücksichtslos mit seiner Wampe über die Tischplatte, daß zu befürchtet sei, sie krache gleich zusammen samt dem Metallgestell darunter und stürze wie ein Kartenhaus ein und schlage auf meine Beine. Geschickter als Gina hat er gleich mit dem ersten Klammergriff seiner Klauen das Stofftier umfasst. Ich traue mich natürlich nicht entgegenzuzerren, ohne Beluntschi etwas Schlimmes zuzufügen.
Ich gebe mich geschlagen, lasse locker und der Gelbwestler nimmt den Stoffhund befriedigt in seine Arme. „Na, warum nicht gleich so!“ Er fingert unverzüglich im Anus herum, wo er wohl gesehen hat, daß ich dorthinein etwas gestopft habe. Ist aber für ihn nicht gar so leicht. Sein erweiterter Bauch hindert ihn daran, exakt an das Wesentliche, Eigentliche, Zu-Suchende zu gelangen. Wäre witzig gewesen, wenn...
"Na, verarschen kennen wir uns selbst!", sagt er weich, lüstern und selbstsicher dazu. Ein ausländischer Akzent, wobei ich Ausland ein Land um und außerhalb von Bayern meine: ein „Pälzer“.
"Nun, ei-ei-ei, was haben wir denn da?" Und damit zieht er das Plättchen hervor. Er legt es auf den Tisch, setzt sich ungefragt neben Gina in den Sitz, wobei er sich mit ausfahrenden Ellenbogen rüde Platz verschafft. Dann beginnt er das Aluminiumplättchen auszufalten, wie jemand, der gerade einen Obstkuchen vom Bäcker gekauft hat und nun zum Schmaus das auf einem Teller gelegte Stückchen vom Einwickelpapier und schließlich Folie zu befreien, indem er Teil für Teil, dreieckige Spitze für Spitze aufklappt, zu Seite legt und glättet.
„Lecker, lecker!“, ruft er, als er tatsächlich auf dem Tisch einen braunen Batzen sieht, entkleidet und entblößt in seiner nackten Schönheit. Nur ein Kuchen ist es dennoch nicht. Dies juckt diesen derben Feinschmecker, Gourmand und Weckfresser natürlich überhaupt nicht. Er hebt schwungvoll seinen Kopf hoch und wirft seiner Partnerin einen triumphierenden Blick zu.
Damit kommt zutage, was unsereiner befürchtet und Gina erhofft hat, deren Augen nun fast aus den Höhlen treten, deren Zunge sich über die feuchten Lippen fahren und deren Kehlkopf einen deutlichen, beweglichen Knollen bildet, weil ihr wohl der Speichel rinnt wie ein Rinnsal.
Sie wird nicht zum Zuge kommen!
Schade.
Immerhin, besser als diesen Knechten es zu überlassen, wäre es schon gewesen...
Darüber entscheiden nunmehr diese und es ist klar, wofür sie sich entscheiden.

Pentzw
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Gezerre

Beitragvon Pentzw » 20.07.2020, 22:42

d) um die Wahrheit

„Es ist ein Irrtum!“ Sie schauen mich mit gerunzelter Stirn und hochgezogenen Brauen an.
So schnell will ich mich nicht geschlagen geben.
„Der Schein trügt. Ich, ich habe das Plättchen gerade im Klo entdeckt. Es gehört nicht mir!“
Stirn und Brauen verengen sich noch mehr.
„Aha! Im Klo!“ Er wendet sich seiner Begleiterin zu: „Also im Scheißhaus!“ Beide verschlucken ihr Lachen. Dann wendet sich mir der Dicke wieder voll zu und geht auf die Vollen: „Hat wohl jemand vorher geschissen!“ Plusterndes Lachen, die andere mit. Beinahe hätte ich eingestimmt, ist wirklich ein guter Witz.
Ich fühle mich beschämt. Wieviel Augen und Ohren haben mitgesehen und mitgehört? Die Frivolität des sogenannten Sicherheitspersonal, sich so ordinär auszudrücken, schlägt mich umsomehr, als ich annehme, es befinden sich viele Zeugen um uns herum. Leider habe ich von meinem Sitzplatz aus keinen guten Überblick über die Bereiche des Wagons und hätte ich gehabt, hätte ich gewußt, du brauchst dich nicht zu schämen, denn kaum ist jemand anwesend, was ich aber später erst erkennen kann. Ich wage es kaum, nur aus den Augenwinkel zu schauen, so entblößt fühle ich mich.
Das mit dem Fäkalieren - nein, das kann ich nicht stehen lassen, diese Unverschämtheit sondersgleichen. Statt zu protestieren, ducke ich mich jedoch und antworte kleinlaut: „Das nun nicht! Aber ich hab’s halt aufm Klo gefunden und und bevor es ein Jugendlicher entdeckt und damit Unfug macht, nicht, habe ich gedacht, nehm es lieber mit.“
„Ach, Du wolltest, daß ein unschuldiger Jugendlicher davor bewahrt wird, drogenabhängig zu werden, indem Du das gefundene Haschisch konsumierst.“
„Nein, nur mitnehmen!"
„Achso, bloß mitnehmen!“
„Äh, so in etwa!“
„Verarschen können wir uns selber!“ Da ist es wieder. Ich schaue einen Moment aus dem Fenster, überlege und denke, die Wahrheit, die Wahrheit ist das beste.
„Aber. Naja, ich sag’s Ihnen ehrlich. So war’s wirklich. Das Plättchen war in diesem Stofftier versteckt und...“
Noch bevor ich meinen Satz beenden kann, lacht der Pfälzer wieder hellauf: „Das glaube ich nämlich auch!“
„Aber ich wusste das nicht.“
Dann bleibt ihm doch die Spucke weg.
Aber die Strohblonde schaltet sich ein: „In diesem Hund da, sinnig, ja!“
Damit lachen sie beide unisono.
Aber der Dicke hält gleich inne. „Wem gehört aber dieser Stofftier?“ Ich bin schon froh, daß er nicht wieder sagt: „Verarschen kennen wir uns selbst!“
Ich kann schlecht sagen, er gehört eigentlich Gina und sie hat ihn mir geschenkt. Dann wird Gina herangezogen. Das kann ich ihr unmöglich antun. Gina steckt schon bis zum Hals in allen möglichem Scheiß, mit Verlaub.
Also, was?
„Naja, er gehört mir. - Eigentlich gehört er mir nicht. Ich habe ihn gefunden, vorhin am Bahnhof. Herrenloser Hund. Er tat mir leid, ich habe eine Viertelstunde gewartet, solange, bis der Zug kam, dann habe ich ihn an- und mitgenommen. Sonst wäre er vom Wind auf den Asphalt geweht, schmutzig geworden, das kann man doch diesem schönen Hündchen nicht zumuten, oder?"
Ich halte ihn jetzt ostentativ in die Höhe. Ich bekomme jedoch das Gefühl, daß dies wenig Eindruck macht auf sie. Aber vielleicht liegt die Gleichgültigkeit meiner Zuhörer und Zuseher, kurzum meines illustren Publikums, an etwas anderem, möglicherweise an meiner leicht geschraubten und von daher diesen Adressaten wenig beeindruckenden Rede, aber ich quassele jetzt weiter, um Kopf und Kragen sozusagen: "Noch schlimmer: am Ende wäre er gar vom Zug überfahren worden. Stellen Sie sich dies einmal vor!“
Am liebsten würde ich noch sagen, stellen sie sich mal dieses Blutbad vor, aber ich halte mich zurück, weil ich nicht glaube, sie haben dafür genügend Phantasie. Aber es wäre ein guter Ausgleich zu meiner eloquenten Gymnasiastenrede gewesen, nicht wahr?
Die beiden schauen mich an, als ob ich von einem anderen Stern komme.
„Weil um dieses Ding da, wäre es doch zu schade...“, ich hebe ihn nun in einen Akt der Verzweiflung gar zwanzig Zentimeter bis über meinen Kopf hoch, damit ihn wirklich alle sehen. Ich spekuliere dabei auf die Mitfahrenden hier, bei denen ich wahrscheinlich am meisten Verständnis, Mitleid und Emphatie ergattern kann. „Von jemanden mißhandelt worden wäre und in den Schmutz gezogen? Nicht schön, oder?!“
Ich hoffe bei dieser Gestik, daß die Schönheit Beluntschis bei Dritten anrührig wirkt. Als ich jedoch die zwei perplexen Gesichter vor mir wahrnehme, ist mir klar, daß dies Perlen vor die Säue schmeißen heißt. So viel Süßholz raspeln, kommt bei diesen Sauerminen nicht an.
Dabei will ich nur Mitleid!
Mitleid!
Wer’s glaubt?
Der Dicke schaut die etwas weniger Dicke undurchdringlich an. Allmählich kapiere ich, daß jedesmal wenn der Mann am Ende mit seinem Latein ist, die andere ihm helfend in die Presche springt. Von daher zuckt jene nur beiläufig, als wären solche Entdeckungen, vielmehr Ausreden und surrealen Märchen an der Tagesordnung. Ich beiße mir auf die Unterlippe, spüre gleichfalls einen Speichel-Schluck-Reflex, der meine Kehle zum Tanzen bringt, allerdings aus anderen Gründen als bei Gina.
„Na, das wird die Justiz klären müssen. Sie verstehen, wir müssen nur unsere Pflicht tun.“
„Ja, ich verstehe!“
Sie nehmen mir diese hanebüchene Story nicht einmal übel, sehr professionell. Sie zeigen sich im Gegenteil tief beeindruckt, vermitteln mir das Gefühl, ich sei ein großer Geschichtenerzähler. Aber ich falle nicht darauf herein.
Sie spüren, daß ich sie durchschaue und ändern die Strategie, indem sie mit einemmal recht freundlich tun. Fast hätte man meinen können, ihre Erheiterung rühre daher, daß wir genau uns so verhalten haben, wie sie vermutet haben. Verdächtige, Delinquenten und suspekte Personen werden gepastet, welche dann irgend einen haarsträubenden Mist erzählen. Ihre unverhohlene Genugtuung rührt bestimmt daher, daß wir uns, besser ich mich genauso verhalte, wie sie beauftragt sind, die Kontrolle darüber zu erlangen, wenn sich solche Leute wie ich nun mal so verhalten, nämlich verlogen und widerspenstig.
Nur kurzzeitig irritiert mich das, bis ich es durchschaut habe.
Sie können sich ihre Freundlichkeit, Erheiterung und Genugtuung sonstwohin stecken!
Aber ich habe resigniert. Die nehmen mir im Leben nicht die Wahrheit ab. Die nicht. An ihrer Stelle, zugegeben, würde ich vielleicht sogar auch so handeln. (Nein, ich an ihrer Stelle könnte das nachvollziehen. Deswegen bin ich auch nicht an ihrer Stelle. Genau das ist der Punkt. Letztlich ist die eine Version so glaubwürdig wie die andere und die Letzte ist die Wahrheit, wenngleich sie auch unrealistisch klingt. Dabei verstehe ich sie auch nicht ganz.)
Ihre scheinheilige Freundlichkeit signalisiert nur, daß sie uns die Angst vor dem Unangenehmen, dem uns Blühendem, diesen Nun-Furchtbarem abnehmen wollen, indem sie herüberbringen: alles halb so schlimm, ihr kriegt eine kleine empfindliche Strafe, das ist es auch! Danach verhaltet euch, wie ihr wollt, unseretwegen auch wieder gegen die Regeln, ihr seid es dann gewohnt, bestraft zu werden und merkt, alles halb so schlimm, es ist fast so, als ob ihr nur euren Arbeitgeber gewechselt habt, nämlich den des Staates, für den ihr buckelt, tut und euch abmüht, um das Geld zu verdienen, daß ihr ihm in den Rachen stecken müsst. (Zensur: oder in den Arsch wie einer fetten Gans!) Statt Urlaub im Ausland, halt Balkonien in Frankonien oder so ähnlich. Anderen geht es auch nicht besser (außer – vielleicht uns natürlich, den Kontrolleuren, den Staatsvertretern, den Sicherheitsmännequens.).
Wie zwei Weckfresser verziehen sie gleichzeitig ein Lächeln bis über beide Ohren und verharren dabei. Das trockene Knistern des Walkie-Talkie untermalt schaurig, weil nach Regen, der auf Blech trifft, ähnelnd, die Stille. Der Zug rumpelt schwergewichtig über die Gleise, es dröhnt und donnert, als er über eine eiserne Brücke kracht und es schwankt scheinbar leicht, als er plötzlich auf dem hochhaushohen Vidukt zum Stehen kommt. Wie wir verharrt der Zug, bevor er in den Bahnhof einfährt, wie wir, die eben angesichts unseres Verderbens, dem polizeilich, sicherheitsrelevanten Gerangel, Hinundher und Gezerre, jedenfalls um was auch immer, nur nicht um der Wahrheit willen, ausgesetzt sind. Diese zufällige Hängepartie, in der sich der Zug, die Sicherheitsmenschen und wir, Gina und ich befinden, muss auch einmal durchbrochen werden, aber leider findet kein Anruf auf den Walkie-Talki statt, keiner auf dem Smart-Phone von Gina oder auf meinem Handy und es wird keiner schnell durch dieses Abteil schreiten, sich drängeln und zur Seite schieben, so daß wir bis an unser Lebensende, so oder so, also sie oder wir, und die ganze Welt um uns herum da auf dieser Brücke baumeln werden und bleiben - so kommt's mir vor.
Wer diesen Durchhängezustand nicht mehr aushält ist der fette, feiste, adipöse Sicherheitsmensch – ich gönne es ihnen, den "Kranken", daß sie für etwas tauglich sind, bzw. gemacht werden, oder für etwas Sinnvolles eingesetzt werden, wenngleich sie sich doch etwas zurückhaltender verhalten sollten mittlerweile, finde ich inzwischen wirklich entschieden - und schließlich mit seinen fetten Wurstfingern zu seinem um seine Schulter hängendes schweres Walkie-Talkie grabscht, er immer noch im feisten Grinsmodus und mit spitzen Fingern auf einen Knopf tippt, als wär’s derjenige zum Jackpot und sich das Unding an die Ohren hält. Nahezu ein Pfeifen produziert er, der Mann, nicht das Telefonmonster, zumindest ein eigenartiges sirrendes Geräusch mit den Zähnen. Kreisende Augäpfel drehen sich langsam in den Höhlen, als wäre ihm leicht schwindlig oder er drohe gleich in Ohnmacht zu fallen oder was immer er Bizarres ausdrücken will, dieser Witzbold.
Als Empfang hergestellt ist, tritt er pietätvoll zwei Schritte zurück, öffnet hinter sich mit seinen Händen gekonnt die Raumtür und beginnt, schlagartig mit seinem imaginären Gegenüber zu feixen, zu lachen und zu kichern, daß es so schaurig, unheimlich und überirdisch wie in einer Gespensterbahn klingt.
Natürlich ist es nicht unschwer zu erraten, was und wer und weshalb all dies - man würde uns vielleicht wie den Bundespräsidenten mit einer Ehreneskorte dort empfanden, wo dieser Zug hier halten wird, in der wir auf frischer Tat ertappt worden sind. Vielleicht wird auch uns zu Ehren noch die Blaskapelle aufspielen.
Davon allerdings gehe ich nicht aus.
Im Gegenteil!

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Re: Stofftiere bringen kein Glück

Beitragvon Pentzw » 25.07.2020, 08:37

e) um ein bisschen Mitleid

Einen Moment der Stille entsteht.
Was wird kommen?
Was wird uns beiden bald geschehen?
Wiewohl ich still bin, hat Gina noch nicht den Ernst der Lage erfasst, weil sie Faxen macht. Die Gelbwesten, die leicht verächtlich lächeln, gehen nicht auf sie ein. Sie lassen Sich auf den Vierertisch gegenüber nieder, einer spielt mit seinem Smart-Phone, die andere, die mir diagonal gegenübersitzende, schaut mich unverwandt prüfend an.
Will die mich provozieren?
Was will sie eigentlich?
Das Anglotzen nervt!
In jedem anderen Fall hätte ich mit den Axeln gezuckt, ein Buch herausgezogen und gelesen, oder gelangweilt aus dem Fenster geglotzt.. Nun aber fühle ich mich unter Druck gesetzt, so das ich mich gezwungen fühle zu handeln, zu reagieren, zu tun und machen, als würde etwas geschehen müssen, da wir ja so etwas von schuldig sind – was wir ja nicht sind, vor allem nicht ich.
Und Gina? Versteckt womöglich ihre Drogen in ihren Stoffhund, der von mir aus ihrem Zimmer geworfen worden ist, durch allerlei Odysseen wieder ausfindig gemacht wird und schenkt es einem Bekannten, einem Gast, dem Freund ihrer Mitbewohnerin, mir, ohne daran zu denken oder es vergessen hat, daß in diesem Geschenk ein schweres Delikt versteckt ist, das, wenn von der Polizei entdeckt, wie jetzt, dem Besitzer ungeheuerliche Schwierigkeiten brächten. Dass sie dem vermeintlich Beschenkten mit diesem verbotenem Suchtmitteln heimlich eine Freude hat machen wollen, ist auch nicht auszuschließen, so suchtmäßig sie angeschlagen ist und von daher außerstande zu erkennen, wie die Uhren der Realität ticken. Aber von mir hätte sie wenigsten wissen müssen, daß ich darauf nicht stehe oder nicht!?
Naja, allzu lange kennen wir uns auch wieder nicht.
Gut, vielleicht hat sie mir eine Freude machen wollen, mich beglücken wollen mit einem Geschenk, welches in ihren Augen eines darstellte, das leider seine Wirkung verfehlt hat und mir stattdessen nur Scherereien gebracht hat.
Jetzt kann ich sie aber nicht fragen. Ausfragen. Ins Verhör nehmen. Um Auskunft bitten. Wie immer!?
Vielleicht hat sie alles längst schon diesbezüglich vergessen: daß sich in dem abhandengekommenen Stofftier ein Versteck befunden, welches sie selbst gewählt, aber in dem ganzen Trubel, der Schmach ihrer Liebesbegegnung und Freude auf das Widerauftauchen ihres abhandengekommenen Ach-So-Vermißt-Habenden-Lieblingstiers vergessen hat.
Und die andere abstrusere, unwahrscheinlichere, phantastischere Möglichkeit: jemand hat in dieses Stofftier Drogen versteckt? Aus Versehen? Hm? Aus übler Absicht? Hm? Quasi ein schlechter Scherz! Hmhm. Hat Gina einen Intimfeind? Hmmm. Den sie wahrscheinlich selber nicht kennt.
Dies nachzugehen kann ich momentan nicht. Ich schwöre mir, dies nachholen!
Aber, über was Ursache ist zu spekulieren, spielt momentan überhaupt keine Rolle. Ich sitze sauber in der Tinte. Die Frage ist: wie komme ich aus dieser möglichst unbescholten wieder heraus, ohne mich großartig bekleckert zu haben: Strafe, Vorstrafe, Geldstrafe und und nicht auszudenken.
Später werde ich Gina noch wie eine Zitrone ausquetschen.
Meine Lage. Meine beschissene Lage. Meine desolate Lage.
Mein Blick fällt auf die mich anglotzende Kuh!
Der Anblick war nicht auszuhalten. Es lässt mir die Worte sagen: "Was passiert jetzt?" Im gleichen Moment kommts mir: blöde Frage, das kommt so rüber, als hätte ich die Hosen voll, fürchtete mich und bekenne meine Schuld damit.
Sie verzieht ihren Mund zu einem grellen Lächeln, als hätte sie nur auf diese Frage gewartet. Ihre Schminke kriegt Falten dabei, ihr Lippenrot wird brüchig. Aber alles kein Trost.
Ist irgendetwas mit meiner Stimme nicht in Ordnung? War sie mit einem dissonanten Furchtton durchsetzt? Jedenfalls muss die Gelbwesten-Tussi einen solchen herausgehört haben, weil sie sich zu freuen scheint, zwar verhalten im Ausdruck, aber aus dem Innersten blinkt es mir entgegen: Du sitzt ganz schön in der Patsche, Kleiner; Dir blüht noch einiges; Du kannst Dich auf eine saftige Strafe gefasst machen.
Ärgerlich, wirklich sauärgerlich ist in diesem Fall, daß ich hier eindeutig unschuldig wie die Lilie auf dem Felde bin. Aber meine Erfahrung sagt mir, daß Dir dies nichts helfen wird. Die Herren Richter werden nicht viel Federlesens machen, wenn Du Dich als Besitzer dieses haschischträchtigen Stoffhundes outest. Du stehst dafür grade und musst dafür bezahlen. Punktum. Die machen sich keinen Kopf und versuchen Dir zu glauben, von wegen dies und das.
Der mit dem Smart-Phone-Spielende tut so, als ginge ihm dies überhaupt nichts mehr an, als kennte er solche Szenen zur Genüge und zum Überdruß. Nicht interessant, spielen eben.
Seine Partnerin, verharrt im Grinsen, läßt uns nicht mehr länger hängen und sich herab, mit einem allerdings furchteinflößenden Ton, und verkündet: "Wir fahren geradeweg Richtung Hauptbahnhof Nürnberg!" Als ob ich das nicht wisse und käme aus Hintertupfing, Buxtehude, Deppen-, Düsseldorf, Lausitz oder Braunau. Frau, mein Akzent muss mich eindeutig verraten, daß ich von hier bin - muß das hier erwähnt werden?
Warum macht sie dies?
Um den Druck zu erhöhen, um die Beklemmung auszukosten, um die Furcht qualvoll in die Länge zu ziehen?
Wer kann es mir verübeln, ich reagiere zwar nicht so wie sie es gewünscht und heraufbeschworen hat, aber in der gleichen Intensität, allerdings in anderer Richtung und zeige Wut: "Meinen Sie, dies wüsste ich nicht!"
Gut, ich gebe zu, ich hätte einen Zahn weniger aufdrehen und sagen können: "Das weiß ich selbst!"
Das Buschfeuer ist damit entfacht! Ab jetzt ist diese Frau um einiges unterkühlter als bisher. Ihr Blick sagt nun jedesmal: "Na warte, Kleiner!"
Trotzdem unterlässt sie ihre Anmachtour mitnichten.
Sie knöpft weiter etwas ihre Bluse auf. Wölbungen wallen daraus hervor.
Natürlich gelingt ihr ihre Absicht. Bei meiner permanenten Notstandslage wundert es nicht. Ich versuche dem zu entkommen. Fixiere die Außenwelt des Zuges - schwierig dort Hält zu finden, da nur vorbeisausende Bäume zu sehen sind. Ich sehe keinen Wald mehr vor lauter Bäumen.
Ich schließe die Augen.
Ab und an blinzele ich durch meine Sehschlitze durch die Fenster. Vielmehr versuche es, aber sie sind zu Spiegeln geworden und wer oder was spiegelt sich darin?
Sie knöpft etwas mehr ihre Bluse auf. Wedelt mit einem Blatt vor ihrer Nase und sagt bösartig: „Ganz schön warm hier!“ Der Dicke lacht: „Da sagst Du was!“ Der kennt dieses Spielchen in- und auswendig.
Zuerst habe ich vermutet gehabt, der Pfälzer da, der „Verarschen-kennen-wir-uns-selbst“ ist der Provokateur, aber die Platin-Blonde ist wirklich gefährlich, nämlich die Anmachtussi vom Dienst - da sag einer einmal, die Kontrolleure und Provokateure und Intriganten haben nichts dazugelernt. Wie lockt man eine Grille aus ihrem Loch: mit Kitzeln.
Ich schaue Gina an. Engelchen. Wenigstens ist an Dir nichts Künstliches. Man liebt ja auch durch den Kopf.
Das sagt sich so leicht.
Rechts im Blickfeld, in der Spiegelung des Fensters, bewegt sich wieder etwas. Na, jetzt legt sie die Beine übereinander. Ist zwar eng der Sitzplatz, aber es gelingt ihr. Und deswegen sieht man um so mehr vom Schinken, puh. Zwar nur ein voraussehbarer logischer Schritt – was nicht heißt, daß er weniger effektiv wäre. Meine Endorphine, Serotonine und andere Glückshormone zirkulieren schon im Achterbahn-Modus - Mist!
Aber was sehe ich dann da? - Berechenbare Sexmaschine femininer Art, von welcher Weichenstell-Kombüse aus wirst Du ferngesteuert? - Dort, eine Markierung am Oberarm, auf chinesisch, Liebe: hier übertragen in lateinischer Schrift – Ai. (Meine Tastatur kann leider dieses chinesische Pikto- oder Ideogramm nicht wiedergeben).
Ob sie überhaupt weiß, was dieses Zeichen bedeutet?
„Ai!“, stoße ich jetzt laut aus, um einen Übergang zu einem Gespräch herzustellen, das darin münden soll auf die Erklärung der Bedeutung dieser beiden Vokale hinsichtlich des chinesischen Schriftzeichen auf dem Oberarm der Platin-Blonden herzuleiten.
Das wirkt hier alles nur mehr grotesk und ist es auch und wäre es weiterhin, wenn nicht jetzt meine Besserwisserei, mein Belehrenwollen, mein Lehrerkomplex im Verhalten Ginas unterginge, die da jetzt die Frage stellt: „Kann ich wenigstens meinen Beluntschi wieder haben?“
Der Pfälzer versteht sofort und reicht ihn ihr.
Und ich, wo bleibe ich?
Ich beuge mich zu Gina vor, sie sich mir entgegen.
„Aber ich kriege ihn wieder!“ „Na klar!“
Wir fahren in den Hauptbahnhof ein...

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Gezerre

Beitragvon Pentzw » 07.08.2020, 13:17

f) um ein Taschentuch

Als wir uns auf den Weg machen, wird mir Beluntschi in die Hand gedrückt. Warum nicht Wird er Gina gegeben? Allmählich geht mir ein Licht auf, nämlich, dass es eine Art Strafe, Beschämung und Irritierung sein soll.
Wir werden irgendwohin eskortiert, ich vermute zu einem Büro und es bedeutet Spießrutenlauf durch die Massen. Mitnichten. Im ersten Moment argwöhnte ich dies. Bis ich erstaunt merte, all die Glotzer schauen auf Beluntschi, nicht auf die Abgeführten.
Denken diese, Beluntschi spielt eine wichtige Rolle in einem gefährlichen Krimi? Er ist Träger von tausenden von Tonnen illegalen Rauschgifts oder in ihm wurden Waffen entdeckt?
Jedenfalls ist er derjenige, der auf die Bevölkerung verdächtig wirkt, nicht wir. Es ist nicht so, daß ich neidisch auf Beluntschi werde, weil er im Mittelpunkt der vielfachen Aufmerksamkeit steht, im Gegenteil, ich gönne es ihm. Es befreit mich vor bohrenden Blicken.
Während dieser langen Wanderung durch die ewigen Hallen des Bahnhofsgebäudes bekomme ich das Gefühl nicht los, daß die Leute mich aber so wahrnehmen, als hielten sie mich für übergeschnappt, überkandidelt, wenn nicht einer Vom-anderen-Ufer oder ein Gender Zwölften-Grades-Wurzel-aus-Sechs oder einfach jemand, der nicht genau weiß, welchen Geschlechtes er angehört – mit diesem riesigen Stoffhund in Händen!?
Schnell drücke ich Beluntschi der lieben Gina in die Hände.
Sie ist eine Frau. Mit einem Stoffhund in den Armen wirkt sie weniger verdächtig als ich!
Sofort staune und verfolge perplex, wie sich die Aufmerksamkeit aller Umunsseienden magnetisch und so ausschließlich auf Beluntschi konzentriert.
So bin ich raus, außen vor, gelobt sei’s!
Allmählich beginnt sich mein Bild von Beluntschi zu wandeln. Vom Symbol einer sehr peinlichen, aus dem Ruder gegangenen Störungs-Handlung meinerseits, zum Blitzableiter für eine falsche Verdächtigung der Behörden und deren sehr unangenehmen Folgen durch Neugierigen-Blicke, Schandtaten-Stalkern-Aufdringlichkeiten und einfach Gelangweilten-Interessierten-Maßlos-Bohr-Blicken andererseits. Es ist nicht leicht, von vielen Menschen als vermeintlicher Übeltätiger, ich weiß nicht, was: Obdachloser, Kleinkrimineller, Missbraucher von jungen Mädchen im Zug, gar jungen Buben im Klo angesehen zu werden, was immer gegenwärtig die nationalen Paranoia-Haß-Objekte sein mögen. Wenigstens als Terroristen aus dem Dschihadisten-Milieu werden wir nicht eingestuft, vermute ich. Ich bin mir aber nicht sicher, ob wir vielleicht ins Schema passen: Hass-Terroristen aus dem rechten Spektrum? – schließlich sind diese mittlerweile mit allen Wassern gewaschen.
Es geht durch etliche dicke Verbunds-Glas-Türen, die zig-fach gesichert sind, wo davor Pin-Nummern-Maschinen oder Responder-Anlagen angebracht sind. Je weiter es geht, desto weniger Bedienstete, Personal, Menschen begegnen wir. Zum Schluß wird eine dicke Stahltür mit klobigen, großen, antiquierten Schlüsseln geöffnet. Selbst als das Schloß geöffnet worden ist, muß noch eines, eines, das kleiner ist, mit den entsprechenden kleineren Schlüsseln bewegt werden.
Man fragt sich, ob diese Angelegenheit wirklich so wichtig ist?
In einem schlichten Büro müssen wir uns jeder auf einem Stuhl vor einem altmodischen Pult oder Tisch, genau ist dieses antiquierte Möbelstück nicht zu klassifizieren, niederlassen, hinter dem sich ein Blau-Uniformierter mit roter Kappe setzen wird. Als er in diesen Raum tritt, dreht er uns zunächst seinen entzückenden Rücken zu, daß ich gleich verwundert aufblicke und mit allem rechne.
Aber damit habe ich nicht gerechnet. Er hängt liebevoll, behutsam und hingebungsvoll seine grelle Rot-Käppchen-Mütze über einen braunen Holz-Garderobenständer Marke „Hirschgeweih“. Und ohne Witz, er streichelt noch einmal mit einer Hand über die Kappe, bevor er sich uns zuwendet, sich setzt und uns völlig außer Acht lässt, weil er mit weiteren Schlüssel-Aktionen beschäftigt ist.
Was hat das zu sagen?
Leider komme ich nicht zu einem Schluß...
Der Bahnbedienstete ergreift erneut einen Schlüsselbund, öffnet eine Schublade, entnimmt dieser einen kleineren Bund von Schlüsseln, womit er mit einem davon eine weitere Schublade öffnet. Aus dieser zieht er einem Stapel Papiere, wahrscheinlich hochwichtige, geheime und verschlußsachmäßige, eingestuft im oberster Prioritäts-Bereich der komplizierten, umständlichen und nerventötenden Zugänglichkeit. Dann legt er ihn gewichtig, als wäre er fünf Kilo schwer, langsam auf einen grünen Büroableger des Tisches.
Ja, oja, denke ich, warum bin ich nicht gleich daraufgekommen? Ordnung muss sein und jedes Ding an seinen Ort und damit ist das Leben gemeistert, weil Ordnung das halbe Leben bedeutet! Solche Sprüche hat man uns in der Schule eingetrichtert, mit einemmal, was damals nicht in meinen Schädel ging, erhellt sich mir diese Erkenntnis wie ein Sonnenaufgang. Damit denke ich schuldbewußt, daß ich bei mir Zuhause vielleicht auch mehr Ordnung in die wüste Bude bringen sollte. Automatisch öffne ich meinen Rucksack, ziehe mein Tagebuch hervor und lege mir eine Strategie vor: die Reihenfolge, Systematik und Logistik der Aufräumaktion. Ich muss schließlich diese tote Zeit hier wie aus einer Zwangshandlung heraus sinnvoll gestalten, weil ich es bald nicht mehr nervlich aushalte, was ich sehen, erdulden und erleiden muß.
Ich reihe Erledigungen auf, die gemacht, längst hätten gemacht werden müssen – bis ich über ein Hindernis stoße, daß mich blockiert, mir den Kopf spannt und Schmerzen bereitet – was soll ich mit all den Schuhen im Keller tun, über die ich stets stolpere, sobald ich ihn betrete, wo der Keller schon in allen Ecken, Ritzen und Nischen vollbestellt ist?
Während ich also tatsächlich, ich kann nicht anders, Tätigkeiten aufstelle, die so dringend anstehen, wie sie es zu keinem anderen Zeitpunkt jemals taten, denke ich nun aber plötzlich andererseits, zumal ich nicht mehr ein- noch auskomme - als Rettungsvision sozusagen - wie blöd du doch bist und ach, so laß es doch; aber schnell auch, sowie ich aufblicke und wieder meinen Gegenüber beobachten muss, daß ich es machen muss, muss, muss, einen Plan aufstellen, damit zuhause endlich Ordnung, Aufgeräumtsein und Sauberkeit einkehrt. Es treibt mich beim Anblick dieser Rituale, Prozedere oder wie man diese Brimborien benennen soll, welche er vor mir vollführt, weniger ein schlechtes Gewissen, als vielmehr die Pein eines unendliches Gefühl der Öde, Langeweile und Verlorenheit um.
Ich mache zwar auf Lachen zum bösen Spiel, denn ein erstarrtes Gelangweilten-Lächeln schneidet mein Gesicht in zwei Hälften, damit aber wird eine Panikattacke sondergleichen verursacht: jeden Moment verzerrt, versperrt, wenn nicht zerspringt ein Gesichtsnerv.
Ich versuche mich zu entspannen, rücke im Stuhl unruhig hin und her, um sich meine Glieder entschlaffen zu lassen, drehe den Kopfnacken um 90 Grad hin und her, damit ich keine Steife bekomme, streiche mit den Armen vom Oberschenkel herunter bis an den Füßen, damit sich mein Kreislauf aktiviert und lasse mich dann leidlich entspannt zurückfallen in den Stuhl.
Ja, ich weiß, denke ich bitter. So viel Zeit habe ich nicht wie die – das steht fest. Und dann denke ich trotzig: Soviel Zeit möchte ich auch gar nicht haben!
Die Gelbwesten, nicht vergessen, sind immer noch da, ganz obligatorisch und nicht wegzudenken in diesem Rahmen und unersetzlich wie sie nun einmal sind und sich gebärden, haben sie sich hinter dem Bahnvertreter positioniert. Dort stehen sie zwar nicht stramm, wie man vielleicht denken mag, aber doch ziemlich angespannt, weil auch ihnen die Situation auf die Nerven geht und schauen leider in ihrem Nichts-Tun-Können immer wieder auf uns arme Würmer von oben herab: wir sitzen, die stehen.
Mühselige Frage warum?
Um uns besser im Visier zu haben.
Und gleich wird sich herausstellen, wie wichtig dies ist.
Der Bahnbedienstete räuspert sich.
Jetzt aber, hoffe ich inbrünstig, jetzt aber, geschieht doch hoffentlich etwas.
Da es dies nicht tut, habe ich Gelegenheit über Sinn und Zweck dieser Umstandskrämerei nachzudenken.
Steckt dahinter vielleicht die Absicht, eventuelle Widerholungstäter abzuschrecken? Ich vergreife mich in der Aussage: daß wir uns mitten schon im Strafprozeß befinden. Denkt jemand daran, er wird erneut von den Gelbwesten gepastet und muß sich diese Quälerei erneut antun, dann schreckt jeder halbwegs normale Mensch und seine Sieben-Sachen-im-Kopf-Habende zurück.

Plötzlich glaube ich den Bahnbeschäftigten zu erkennen – es ist ziemlich schwer, dies zu können, da er im Gegenlicht eines riesigen Panoramafenster sitzt. Ich lange mir an die Stirn, noch unschlüssig und denke: „Den kennst Du doch!“ Da er aber in der Nase bohrt, bin ich mir nicht ganz sicher, da sein Gesicht von einem Teil seiner Hände verdeckt ist. Auch erwidert er mein kameradschaftliches „Servus!“ nicht.
Nein, doch, ich bin mir sicher, daß er mir bekannt ist!
Mensch, jetzt erinnere ich mich, daß der schon in der Schule stundenlang in der Nase gebohrt hat, ungeniert vor allen anderen Klassenkameraden. Das macht er heute noch! Der Unterschied zu damals, wo man diesem unappetitlichem Bohren unausgesetzt ausgeliefert war, wollte man nicht von der Schule gehen, sich nicht ein blaues Auge holen, ist der, daß es wie tröstlich vorübergehend ist. Das Schönste dabei, daß ich die Dauer dieser Folter mitbestimmen kann und diese soll so kurz wie möglich sein. Ich glaube, ich spreche da auch im Namen Ginas. Ob die dies überhaupt schon wahrgenommen hat? So wie die in den Verhätschelungen, Geknuddle und Getue mit dem Beluntschi vertieft sein dürfte. Ich will mir diesen peinlichen Anblick ersparen und fixiere wieder mein widerliches Gegenüber.
So habe ich mir immer Außerirdische vorgestellt. Klebrig, widerlich, schleimig – kurzum Gebilde, die man sich weder gern anschauen wollte, noch überhaupt anfassen – so abstoßend sind sie – genau wie hier dieser Kamerad.
Hm, er will mich nicht kennen. Fast fühle ich mich beleidigt. Ich nehme doch Zuflucht mit einem Blick auf meine Begleiterin.
Gina – keine Überraschung – hält wieder einmal Beluntschi in ihren Armen und wiegt ihn, als wäre es ihr eigenes frischgeborenes Kind. Ihr ergeht es halt wie mir, totgelangweilt. Da ich solch ein idyllisches Bild auch nicht stören will, unterlasse ich das juckende Verlangen, ihr mit dem Ellenbogen in die Seite zu stoßen, so daß ich wieder meine Freunde und Kupferstecher ins Auge fasse.
Die zwei Sicherheitspersonen wippen mit den Füßen, der Dicke spielt wieder mit seinem Smart-Phone und lächelt verträumt, oder sieht er Pornos an; die andere mustert mich ungeniert mit anzüglichem Grinsen. Aber an das habe ich mich schon so gewöhnt. Ich finde es – schon erstaunlich – nicht einmal mehr lästig.
Aber trotzdem könnten die doch längst mal die Fliege machen!
Ich fixiere mich wieder auf den Bahnbediensteten, der sich Zeit lässt, mit dem Reden zu beginnen und immer noch in einem Nasenloch bohrt, während er mit der anderen Hand in einem Schwall Papier blättert – wenn die von der anderen Hand besudelt werden, nicht auszudenken; und ich nehme mir vor, kein Protokoll zu unterschreiben, weil ich mich bestimmt mit irgendetwas anstecken werde. Dann versuche ich, Argumente dafür zu finden, nicht unterschreiben zu müssen, werde aber immer wieder in meiner Aufmerksamkeit von diesem abstoßenden Anblick vor mir erschreckt, unterbrochen und irritiert. Ich mäuß etwas tun und Angriff ist die beste Verteidigung, heißt es doch, und so nehme ich all meinen Mut zusammen und reiche dem Bohrenden ein Taschentuch.
Aber mit welch aggressiver, entrüsteter Geste er es von sich weist. Als hätte ich ihn sexuell belästigt, wäre drauf und dran gewesen, ihn in den Schritt zu langen oder was?
Klar, ein Bundesbahnoffizieller wird bedroht, angefeindet und belästigt, so daß es der Sicherheitswesten Order ist, einzugreifen, den Angreifer abzuwehren, die Gefahr zu bändigen, womöglich Vorkehrungen zu treffen, daß dies nicht noch einmal geschehen könne und so gehen sie einen Schritt auf mich zu. Ich hebe die Hände. Sie nicken. Dann versuche ich mich, mit den Händen an Gina zu klammern. Allmählich fühle ich mich im falschen Film.
Gina ist inzwischen aus ihrem Ersatz-Baby-Ozean-Schlaf aufgewacht, oder aufgeschreckt, jedenfalls ganz Auge, denn sie stößt einen unterdrückten Igitt-igitt-Laut aus. Ist wirklich Zeit geworden, daß sie die Situation richtig erfasst, in dem wir stecken!
Mir wird immer übler zumute.
Statt ihrer Hand, einem Teil, einem Glied oder einer Partie ihres Körpers, drückt sie mir Beluntschi in die Hände. Geht auch! Ich umarme ihn fest mit beiden Armen.
Aber natürlich will ich mich nicht geschlagen geben. Was mein Auge erblicken muß, grenzt an Erregung öffentlichen Ärgernisses. Und dies von einem Hüter der Wahrung des öffentlichen Friedens!
Als mir dieser paradoxe Zusammenhang in seiner bedeutsamen Dimension eindringlich-grauenvoll bewußt wird, sinke ich erst einmal resigniert in mich zusammen. Ich glaube, alle meine Glieder senken sich auf den Mittelpunkt meines Körpers hin, auf den Nabel, sie erschlaffen, ziehen sich ein und legen sich zusammen wie die Flügel eines Schmetterlings, der aufgehört hat, fliegen zu können.
„Es ist doch immer dasselbe!", denke ich. „Stets sind es die Kontrolleure, die Sicherheitsautoritäten, schon von Kindheitsbeinen an die Lehrer, die Polizisten, die Pfarrer, die den größten Scheiß produzieren. Warum ist das so?“
Wie lange ich so regungslos geblieben bin, weiß ich nicht, aber plötzlich verspüre ich nur noch Wut, Trotz und Empörung.
"Nicht aufgeben! Handeln!“
Ich ziehe Beluntschi ganz nah an mich heran, drehe ihn mit dem Kopf zum Bahnbediensteten.
Während ich das Haupt mit der einen Hand steif halte, bilde ich mit dem Mittelfinger der anderen freien Hand ein aufrechtes Glied. Ich lasse diesen Fingerzeig gut zwanzig Sekunden und zwanzig Zentimeter vor mir stehen. Um sich seine Wirkung entfalten zu lassen!
Wird dieses aufrechte Ding vom Objekt meines Ärgernisses überhaupt wahrgenommen?
Kaum!
Nein!
Unmöglich!
Pferde mit Scheuklappen sehen nur i h r e n Weg!
Sehr, sehr viel Vorsicht ist nun geboten bei dem, was ich nun zu tun beabsichtige. Nur für mich und dem Vis-á-Vis sichtbar soll es sein. Vor allem: nur für ihn herausfordernd! Wird das, was ich tue, von anderen Wahrgenommen, wird es einiges setzen, denn diese werden es als Provokation sehen und sie verfügen über härtere Mittel und Möglichkeiten als ich: Drohung, Bestrafung, Ahndung, Züchtigung.
Ich ziehe das Stofftier bis zu meinem Schoß herunter, verdeckt von der Schreibtischplatte. Ich schätze mal, daß der Gegenüber nur noch den Kopf sehen kann. Mehr braucht es auch nicht. Ich fahre in Zeitlupe mit meinem Finger in eines der Nasenlöcher Beluntschis. Wie gesagt, nur dem Gegenenüber sichtbar – sofern er herschaut. Bislang rührt sich dieser kein bisschen, ist nur mit dem Sichten der Papiere, dem Beschreiben, Beschriften, dem Umblättern und Lesen seines Papierkonvoluts beschäftigt.
Das, was ich tue, stellt als solches natürlich kein Problem dar, selbst vom hygienischen Standpunkt aus nicht. Beluntschi ist aus Stoff und er ist nicht schmierig, schleimig und feucht.
Wie etwa die Nase des Offiziellen - äh! - Nein, Beluntschi ist nur Symbol, Spiegelbild und was ich tue und was mit ihm geschieht, ist lediglich eine Allegorie. Die deutlich genug sein sollte!
Ist der Anspruch zu hoch?
Leider scheint es so!
Denn, derjenige, der es verstehen sollte im Grunde, versteht es überhaupt nicht.
Der Bahnbedienstete rührt sich nicht. Steif bleibt er über sein Leseobjekt gebeugt. Obwohl ich jetzt mit Bluntschis Kopf ein bisschen wackle, dann einige Zentimeter von links nach rechts bewege wie die Puppe im Kasperltheater.
Nichts rührt sich bei ihm dort drüben.
Vielleicht sollte ich ein Geräusch verursachen, ein Schabgeräusch, das ihn, nur ihn aufnerksam machen lässt, denke ich. Ein minimales, kaum hörbares Geräusch verursachen...
Dieser Effekt, ich freue mich, hat seine Wirkung. Er schaut auf.
Schon schöpfe ich Hoffnung.
Voreilig.
Er grunzt zufrieden bei diesem Anblick und vertieft sich wieder in seine Meditationsübung.
Wie ist das möglich? Und wie ist diese seine Botschaft zu verstehen? Würden alle Menschen auf der Welt in der Nase bohren, wäre es eine bessere Welt?
Ich denke darüber nach.
Woraus ich erlöst werde. Denn wen es am meisten betroffen gemacht hat, hätte es gar nicht sollen und an diese Person habe ich als letztes gedacht. Der Sicherheitsmann. Der Pornograph. Der.
Gerade der! Der es nötig hat.
Der insbesondere daran Lust empfindet, wenn er sieht, wie andere sich gegenseitig bis zum Anschlag in den Körperöffnungen herumbohren.
Hat man bislang noch daran gezweifelt, daß er leidenschaftlich gerne Pornos sieht und hat gemeint, diese Unterstellung basiere nur auf einem Vorurteil, so beweist seine scheinbare Abneigung des Nasenbohrens gerade dies! Das kann man in jedem einschlägigen Psychologiebuch nachlesen, warum das so ist. Mir fällt der Begriff zwar nicht ein, irgendetwas mit „paradox“ oder „double-bind“. Menschen, die sich gerne nach außen über gewisse Dinge entrüsten, pflegen im geheimen gerade diese.
Eine psychische Tatsache!
Genau, man sieht es auch und gerade hier!!!
Er, der durch mein Verhalten die „Sicherheit“ bedroht sieht, nur welche, stellt sich die Frage, fühlt sich angesichts dessen alarmiert und nimmt mir meinen geliebten Beluntschi weg. Wortlos.
Ich selbst habe keine Worte mehr.
Resignierter als zuvor versinke ich erneut in mich, in meinen schlaffen Körper.

Pentzw
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kein Gezerre

Beitragvon Pentzw » 17.08.2020, 11:05

g) nur mal um einen Buchstaben

Ich glaube, ich habe geträumt unterdessen, denke ich mir, als ich aufblicke und sehe, was ich kaum für möglich halte. Steht doch dort ein weiteren Bahnbediensteter neben dem Nasenbohrer.
Wie ist der hereingekommen? - Hereingebeamt worden!? Mir ist er nicht aufgefallen, wie er sich hereingeschlichen hat. Natürlich hat er sich nicht vorgestellt, wer sind wir auch? Obwohl er nicht mehr von unserer Seite weichen wird. Ich nenne ihn deswegen Schleicher, Julius Schleicher.
Er steht neben dem Pult, fast wie eine Holzfigur. Wie ein Schilderhäuschen-Wachmann, Gewehr bei Fuß, in blauer Uniform, mit einer flotten Haube auf dem Kopf und unentwegt den ganzen Tag neben diesem merkwürdigen Häuschen stehen, deren Funktion niemand mehr erklären kann. Nur einst steht fest, daß es das Symbol für das ist, wofür sich solche Menschen zu Marinonetten machen.
Julius Schleicher da steht kaum lockerer da, selbst wenn sich die neuen Zeiten bei der Bahn irgendwo bemerkbar gemacht haben sollten.
So wie vor einem Schildhaus steht er genau neben dem Pult, auf der Stirnseite und nicht an der Ecke oder etwas weiter hinten versetzt und ist auch mit der gleichen Uniform versehen wie der Nasenbohrer, nur daß er in der Hand einen quaderförmigen, schwarzen Koffer hält – das. um im Bilde zu bleiben. quasi sein Dienstgewehr ist.
Er wirkt irgendwie entschieden anachronistisch.
Obwohl ich nie im Entferntesten etwas mit der Bahn zu tun hatte, außer hin und wieder erfolgten Ticket-Kontrollen im Zug, kommt mir dieser Koffer bekannt vor. Als hätte ich ihn schon bei dem ein oder anderen Bahnbediensteten gesehen, nur vor sehr, sehr langer Zeit, womöglich in meiner Kindheit oder in einem Film. Ich habe damals wohl vermutet, daß dies einer Allzweck-Dienst-Koffer sei, in dem Werkzeuge, Utensilien, der Henkelmann mit Vesper undsoweiter sich befinden mussten, möglicherweise gar so ein Stopp-und-Go-Schild, das man braucht, wenn ein Zug vor einem ungesicherten Geleis vor Autofahrern, Wanderern oder Radfahrern händisch dirigiert werden, oder auch bei Bahngleisarbeiten, wenn den Arbeitern Signal gegeben werden mussten, damit sie von den Gleisen springen können, bevor sie ein Zug überrollt. Ich weiß ja nicht, was Bahnbeamte so tun die liebe lange Zeit. Und ich sage es gleich vorneweg: bei diesem Exemplar wusste ich es am allerwenigsten. Herumschleichen einfach, naja, vielleicht einer Oma beim Hingefallensein aufheben, Auskunft erteilen, Weg weisen und vor allem Verdächtige wie uns observieren, beobachten, verfolgen.
[Wenn man noch einmal dieses Berufsbild des Lotsen-Dienstes an offenen Bahnschranken bemühen darf, dann kann ich mir dies eigentlich in seinem Aufgabenbereich nicht mehr vorstellen. Das hat womöglich eine Beamtengeneration vor ihm, oder zwei, getan oder tun müssen, wo die Bahn noch nicht so elektrifiziert gewesen ist. Und da haben ja viele von den Beamten in Häusern direkt neben solchen Schranken und Bahnhöfen gehaust und gelebt, wo sie alle paar Stunden oder einmal am Tag, je länger zurück, desto weniger häufig, aus dem Bett oder der guten Stube springen mussten, daß Stellwerk betätigen und dann sich vor den Gleisen mit diesem Schild aufgebaut haben, um die Bevölkerung vor einen nahenden Zug zu schützen und zu warnen.
Ja, ich glaube, dieser Schleicher hat diesen schwarzen Koffer von seinem Vater, dieser wahrscheinlich schon von seinem Großvater geerbt, so wie er diesen Job, diese Stellung, diese Privileg-Arbeitsstelle vom seinem Großvater geerbt haben musste, worin keiner einen Sinn sehen konnte, zumindest anfänglich, oberflächlich und von weitem. Mochte er durchaus noch sinnvollere Tätigkeiten verüben, jedenfalls herumstehen und zu grinsen nimmt eindeutig Stunden in Anspruch und dafür fehlt einem Nichtfachmann, Nichtbahnerer oder auch Mensch mit gesundem Menschenverstand der Sinn und Zweck.
Na gut, soll er Verfolger, Spion, Agent Provokateur, etwas in dieser Richtung, sein.]

In der Folgezeit steht Julius Schleicher also steif neben dem Pult, uns zugewandt, mehr oder minder schmunzelt er vage, jedenfalls bilckt er eher ernsthaft drein. Man beachte, zu keinem Zeitpunkt, in keiner Situation sehe ich ihn sein Köfferchen abstellen. Das kann man sich fast nicht vorstellen, aber wo immer er stehen und gehen wird, hält er eisenfest diesen Koffer in seiner Hand. Und selten, daß er einmal mit jemanden sich unterhält, nicht einmal ein paar Kommandos, Befehle, Order tun wird, weiß der Bahnchef, dies kurz und bündig tut und dann weitergehen oder herumstehen wird, ohne weiteres Bla-Bla. Für mich Außenstehenden, ihn von weitem Beobachtenden, vielmehr Beobachten-Müssenden, so fixiert wie das Kaninchen auf die Schlange, kann ich nicht anderes als Nichts erkennen, sehe keinerlei Sinn, Aufgabe und Nutzen in seinem Herumstehen, ständigem eisernen Kofferhalten und leicht amüsiert bis leicht Wichtigtuerisch-Ernst-Dreinblicken.
Julius Schleicher Herumstehen, nahe dort, wo immer wir uns in der nächsten Zeit aufhalten werden, kommt uns mit dieser seiner penetranten Erscheinung, seinem eigentümlichenAufzug und seiner sinnlosen Verhaltensweise mehr als unangenehm an. Er bleibt uns ein Buch mit sieben Siegeln. Es sei gut damit, gesagt zu haben, in den nächsten Stunden wird diese Spukgestalt, komischer Geist und merwürdiger Heiliger sich in Ginas und meiner Nähe aufhalten, ohne mit uns in Kontakt zu kommen oder kommen zu wollen.
Warum schleicht aber er dauern um uns herum?

Auf einen Schlag kommen zwei Polizisten hereingestürmt, ersterer stellt sich als Oberhauptkommissar Knoll vor. Immerhin, der Mann hat Stil, stellt sich mit Namen vor.
Er ist mir fremd. Aber Mensch, der Name, der kommt dir doch bekannt vor! Ich krame in meiner Erinnerung herum, während ich verfolge, wie er sich mit seiner Kollegin an einem kleinen Nebentisch in der Ecke Raum verschafft. Dorthin setzt sich aber nur die Mitpolizistin, er bleibt stehen. Die andere zieht eine Papieranhäufung heraus und setzt sich so in Position. Sie ist zum Schreiben bereit. Wahrscheinlich Protokoll!
Das ist alles sehr schnell gegangen. Diese Polizisten sind sehr fix.
Und wie aus der Pistole geschossen beginnt die Fragestunde der Behördenvertreter, der Polizei, der Bahn, synchron, worüber ich dankbar bin, daß diese die Daten gleichzeitig niederschreiben.
Aber nur einer hat das Wort: Knoll!
Mit dem, was nun geschieht, mit der Ausfragerei bezüglich Personalien, Tathergang, eventuellem Motiv eröffnet sich mir ein Film, in dem ich einen dicken, behäbigen, netten, adretten Mann die Hauptrolle spielen sehe.
Das ist des Polizisten Großvater.
Denn in dem jungen Polizisten sehe ich immer wieder seinen Großvater. Ich schließe ein paar Mal die Augen, sowie ich sie wieder aufschlage und den Polizisten wahrnehme, erkenne ich die Ähnlichkeit mit jenem, älteren, senioren Mann.
Aber irgendwo unterscheidet er sich von diesem?
Tatsächlich, der junge Polizist ist auch bieder, wohlsituiert, trägt einen dicken Ehering und erfreut sich in seiner freundlichen, lächelnden Art der besten Gesundheit und des Wohlbefindens.
Zur totalen Ähnlichkeit fehlt ihm nur die Wampe des Opas.
Ich will diesen Eindruck wegwischen, zwei Menschen unterscheiden sich doch stets vonaeinander. Und was hat nur dieser junge Kerl mit diesem ist unseren älteren Nachbar gewesen. Aber nein, Knoll, denke ich immer wieder. Erneut taucht der dicke, freundliche Herr von Nebenan auf. Opa Knoll.
Und nun dieses Exemplar. Der Enkel des Nudelvertreters. Polizist. Staatsmafiosi. Der Name macht's: nomen est omen. Knoll!
Er wird mir bestimmt ein Knöllchen verpassen, wozu er sich jetzt entsprechend gebärdet und belfert, bellt und kommandiert: „Protokoll!“
Seine Begleiterin zieht einen kleinen, dicken Notizblock heraus, dann einen Stapel Papier und zückt einen Kulli. Alles Routine, scheint’s! Schon hundertmal durchexerziert.
„Schreiben Sie, bitte: Name..."
Ein Knöllchen oder zwei oder viele werde ich erhalten. Mit einer saftigen Geldstrafe.
Ob der sich insgeheim für seinen abgeschmetterten Opa an mich rächen wird? Dieser wollte nämlich Bürgermeister werden, wurde aber nicht gewählt. "Nudelvertreter" hieß es! Pah!
Ein Witzchen zu machen, ist nicht angemessen, als er davon spricht, daß, wenn ich wieder – als wäre ich ein Gewohnheitsverbrecher – nein, da sage ich denn: „Einmal Knöllchen, mehr nicht!“ Aber darüber kann er nicht lachen, sondern vertieft sich in das Diktieren des von der anderen Person zu verfassenden Protokolls.
„Zur Tataufnahme.“
Ich gebe unumwunden zu, der Besitzer des Stofftieres zu sein, da es mir von der vorhergehenden Eigentümerin geschenkt worden ist. Da habe ich mich verplappert, eigentlich wollte ich es unter Tisch fallen lassen. Gina soll straffrei aus dieser Affaire kommen, auch wenn ich mir nicht über ihre Unschuld im Klaren bin.
Aber die übereifrigen Beamten kommen mir zupass.
„Da haben die Juristen zu tun!", sagen sie.
„Heißt Schenkung auch Übertragung des Eigentumsrechts?“, sage ich neunmalklug, aber sie gehen nicht darauf ein. „Seien’S doch still!, denn...“ Ich sehe zur Schreiberin und verstehe, denn diese muss sich natürlich konzentrieren können. Mir soll’s recht sein. Bin ich also der Besitzer, aus, amen, fertig.
„Und sie haben nicht das Rauschgift in das Stofftier getan. Nein!“
„Natürlich nicht.“
„Ich aber auch nicht!“, sagt Gina überflüssiger-, gefährlicher- und leichtsinnigerweise.
„Hm!“ Der Polizist reibt sich das Kinn. Diese Bemerkung hat ihn verwirrt. Er stellt sich laut eine Frage: „Wer aber könnte und sollte es sonst hineingetan haben?“
Stille.
„Eine sehr gute Frage. Die habe ich mir auch schon gestellt", sage ich wiederum.
Schweigen.
Also wischt er sich die Frage wieder schnell weg und sagt: „Da werden die Juristen etwas zu tun haben...“
Vielleicht. Eine Vermutung hören? Will er nicht, denn er fragt weiter. „Wo ist das corpus delicti?“
Der Sicherheitsmann hat es mittlerweile meinem Bekannten, Mich-jedoch-nicht-Kennen-Wollenden oder Tatsächlich-nicht-Kennenden Bundesbahn-Angestellten, dem Nasenbohrer, überreicht, welcher dieses nun dem Polizisten in die Hand drückt.
Dieser beschreibt das Ding. Dazu stellt er es mitten auf den Pult.
„Sie erlauben!“
„Aber selbstverfreilich!“, spricht der Nasenbohrer und macht sich schmal, räumt sogar sein Konvolut in die Ecke.
Und nun umwandert Knoll den Pult langsam und bedächtig, und damit den Stoffhund, da er auf dem Pult sitzt. Damit muss er auch uns umkreisen. Und als er hinter uns ist, und da Beluntschi uns seinen Allerwertesten entgegenreckt, macht der Polizist eine Kniebeuge und schaut zwischen Gina und uns genau dorthin, wo das wahre Etwas versteckt worden ist.
„Alles im grünen Bereich?“, frage ich. Er stößt undefinierbare Silben aus: „Ja, Mann!“, oder so ähnlich. Naja, was soll er in einem solchen Fall schon sagen? Ob er darauf in der Polizeischule vorbereitet worden ist? Zweifel.
Klar, aber also alles ordnungsgemäß, es muß ja auch von allen Perspektiven beäugt, betrachtet, taxiert und schließlich niedergelegt werden in dem anzufertigenden Protokoll, damit alles seine Ordnung hat und mit rechten Dingen zugeht.
Je länger das dauert, desto unsicherer und nervöser werde ich. Ich befürchte allmählich, daß sie mir vielleicht doch meinen Stoffhund wegnehmen, konfiszieren und finde das nicht gut. Damit sie nicht auf dumme Gedanken kommen, verfalle ich auf die beste Strategie in so einem Fall: ablenken durch reden, reden und fragen, fragen...
„Wird das nicht als Geringfügigkeit durchgehen?“
Alle schauen mich an. Alles hätten sie von diesem einwandfreien technicus terminus der Jurisprudenz, der eigentlich längst schon zur Allgemeingut deutscher Umgangssprache gehört und wenn mit Textzitaten in einem Sprachlexikon belegt, zu Hundertprozent in diesem Zusammenhang des leichten Rauschmittelbesitzes. Kann sogar sein, daß dies auch schon ernsthaft in Bayern diskutiert wird.
Schweigen.
Also muß ich sie auf die Springe helfen: „Ich meine, dies bisschen Haschisch!"
„Kommt drauf an, was es ist. Ist es wirklich „nur“ Haschisch und ich sage dies bewußt unter Vorbehalt, vielleicht...“
„Riechen Sie einmal dran, dann wissen sie es.“ Darauf will er sich nicht einlassen, könnte schließlich eine infektiöse Substanz sein, trotz Anschein. Ob sein Widerwille auch darauf gegründet hat, daß es sich in einem Anus befunden hat?
„Das entscheidet das Labor!“
„Also, Herr Oberhauptwachtmeister...“
Darauf hat er bestanden, angeredet zu werden, als ich dies das erste Mal tat. Darauf hat er gleich und sofort hingewiesen und drauf bestanden. Von mir aus.
„Also, ich habe es...(hineingetan)!“, wollte ich schon sagen.
„Ja?“
„Ach nichts!“
„Gut!“
Sollte doch noch Gina behelligt werden, würde ich sagen, ich hätte es hineingestopft und hoffen, daß es als Eigenbedarf durchgehen wird – im Falle es handele sich wirklich um leichte Drogen, worüber ich mir so gut wie sicher bin, daß es sich so verhält. Aber vielleicht auch glaubt der Herr Richter, sofern es zur Anklage kommt, was sich ja auch noch erst herausstellen muss, wenn ich nicht freiwillig mit einer Geldbuße einverstanden bin, denn darauf kommt es den Staatsfritzen offenbar am meisten an, sofern man sich nicht mit dem ganzen Prozedere eines Prozeß abplagen, sich aussetzen und unterziehen will, mit einer geringen Spende an eine charitative Institution, Drogenverein, Hospiz oder Obdachlosenasyl-Heim einverstanden erklärt.
„Was also?“
„Ach nichts!“
„Um so besser...“ Das freut ihn wahrscheinlich deshalb, weil er weitermachen kann, da ihm das Diktieren leidenschaftlich ankommt, scheint mir.
Ich beuge mich interessiert über das Schreiben, um der Protokollantin genau auf die Finger zu schauen. Alles genau durchlesen und wehe, ich finde einen Schreibfehler – dann weigere ich mich zu unterschreiben. Erst nicht auszudenken, was ich mache, sollte ein Grammatikfehler zu finden sein...
Von einem objektiven Standpunkt aus gesehen ist das natürlich sehr kleinkariert und traurig, dieses mein Mißtrauen. Eine sehr jämmerliche Vorstellung, die ich da abziehe, was zeigt, wie stark ich mich in der Bredouille befinde. Würde ich mich weigern zu unterschreiben und die Polizisten nicht einlenken – ha, die haben immer den längeren Arm.
Da aber Beamte heutzutage eine gute Schulbildung genossen haben, finde ich keinen Rechtschreibfehler, nur einen dubiosen Buchstaben. Meine Bekrittelung hat keine Folgen, außer daß die Beamtin gerne widerspruchslos diesen verbessert. Wir leben ja schließlich in einer Demokratie!
Die Gelbwesten haben sich inzwischen verdünnisiert.
Dies stelle ich jetzt erst fest. Mit Befriedigung.
„Wollen sie das bitte unterschreiben?“
„Aber gerne, jetzt schon!“ und ich ärgere mich über meine Besserwisserei. Naja, diese schulische Laufbahn, die ich durchlaufen habe.
Ich tue es.
„Der Bundesbahn-Vertreter spricht Ihnen ein eintägiges Aufenthaltsverbot im Bahnhofsbereich von Nürnberg aus...“
Der Bekannte von früher fügt hinzu: „Sofern es den Bereich des Bahnhofs betrifft, über den die deutsche Bundesbahn das Hausrecht besitzt.“
Oje, welcher Bereich oder Bereiche sind das wohl?
„Äh, wo ist das?“
Die Polizisten nehmen dies zum Anlaß, sich vom gepflasterten Deutsche-Bundesbahn-Acker zu machen. Aber bevor ich mich noch mit meinem ehemaligen Bekannten, dem Nasenbohrer, unterhalten kann - vielmehr muss, mir reicht es nämlich, will nicht wissen, was ich tun darf und was nicht - wende ich mich an die Polizisten.
„Können wir gehen?“
„Ja, sie kriegen Bescheid.“
Und weg sind sie.
Noch einmal: und warum habe ich es so eilig?
Sich von jemanden, der eigentlich auf gleicher Stufe steht, sagen lassen zu müssen, was man tun oder nicht tun, wo man hin oder nicht hin darf, will ich mir ersparen. Das verstößt mir zu sehr gegen die Würde des Menschen. Und ist diese Würde des Menschen nicht an erster Stelle in dieser Verfassung des Territoriums niedergelegt, auf dem wir uns gerade befinden?
Ich fasse Gina wie ein kleines Kind an der Hand, in der anderen halte ich das Stofftier und mache uns von hier weg. Flucht ist manchmal der beste Weg! Ja, ich kann die Flüchtlinge schon verstehen, die sich sogar von Afrika aufmachen, unter Todesqualen die Wüste durchqueren, unter Todesgefahren die Meere durchschiffen und und.
Nichts wie weg von hier.
Als ich mich kurz umdrehe, sehe ich wen uns folgen: Julius Schleicher.

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Gezerre

Beitragvon Pentzw » 22.08.2020, 21:41

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Re: Stofftiere bringen kein Glück

Beitragvon Pentzw » 30.08.2020, 15:11

h) in der Menge

Wir haben für einen Tag Hausverbot erhalten. Wir müssen schleunigst dieses Gebäude verlassen. Wo ist der Ausgang? Es gibt viele davon. Leicht zu erreichen. Schnell würden wir dieses Haus verlassen haben – denken wir. Aber wir rechnen nicht mit den Hausbesuchern. Da es sich offenbar um ein Durchgangshaus handelt, sind die Besucher zahlreich, dicht gedrängt mäandern sie durch das Gebäude, bilden Kluster, Pulks, Schwärme und nicht zu überblickende Anhäufungen von Menschen.
Wie sollen wir da das Haus verlassen, wenn uns immer wieder jemand den Weg abschneidet? Oder wenn wir in einen solchen Schwarm geraten, der uns in die verschiedensten Richtungen mitzieht?
Endlich haben wir einigermaßen wieder Land unter den Füßen und Licht am Horizont haben, da wir in eine Ecke gedrängt worden sind, schauen wir uns angestrenkt um, entdecken aber keinen Durchgang. So entscheiden wir uns stur und blind für eine Richtung. Wir werden schon irgendwo durchkommen und herauskommen! Aber schon kommt wieder eine Gruppe auf uns zu und drängt uns auf die Seite, erneut in eine Ecke, in der wir, zu dritt, angstbesessen kauern. Wir begeben uns in Hockhaltung.
Verschnaufpause, Planpause.
„Was tun?“
„Gute Frage, haha!“
„Was gibt es da zu lachen, Gina?“, wundere ich mich sehr über sie. „Denk lieber mal nach, wie wir hier wieder herauskommen. Wird uns die Polizei jetzt sehen und uns am Kragen packen, weil wir nicht für heute sofort das Haus verlassen haben, dann oweh, oweh!“
„Worauf Du Dich verlassen kannst!“
Eigentlich lässt sich darüber kein Witz machen, finde ich.
Wenn ich mir ausmale, wie mich die Sicherheitstussi mit einem Sicherheitsgriff unschädlich und außer Gefecht setzt, kann mir zwar nichts vorstellen, aber sie wird es wohl bewerkstelligen, jedenfalls in nullkommanichts wird sie mich mit ihren Händen angekrabscht haben, mit ihren Armen umfassen wie ein Schimpansenweibchen und dann, dann auf einen hohen Baum klettern, auf einen Brotauffenbaum, mich dort in ihr Nest ziehen und dann .. dann werde ich glücklicherweise von den Ereignissen, sprich einer Menschenmeute, -horde, -kohorte hinwegritten, -gezogen, - gespült.
Jedesmal, wenn sich ein Durchgang auftut, wir uns bereits auf den Sprung dahin machen, schließt sich dieser wieder mit dichtgedrängten Menschenleibern. Am besten wir bleiben, wo wir sind. Aber das dürfen wir nicht! Wir müssen es versuchen. Sollte uns das Sicherheitspersonal erwischen, nicht auszudenken; bei der Polizei müssen wir glaubhaft machen, daß wir versucht haben, zu entkommen. Nur wie man das dann beweisen kann? Alles sehr verworren, aussichts- und perspektivlos.
Also los, losrennen! Immer in Bewegung sein, dies ist die beste Rechtfertigung, Art und Weise, weg.
Der Wille ist wichtiger als die Handlung, der Weg wichtiger als das Ziel.
Bevor wir uns richtig erheben können, noch in Hockhaltung, kommen plötzlich einige buntfarben-uniformierte, jeder eine riesige Bierfahne vor sich hertragende jungen Kerle und ein Mädel mäandernd und schwankend auf uns zu. Einer mit vom Bierschweiß glänzendem Gesicht und fast wie Kraushaare verfilzten Haare, der sich nur noch durch Abstützen auf die Schulter eines Mitkämpfers aufrecht halten kann, mandelt sich am meisten auf.
„Schaut Euch mal diese ulkigen Typen da auf dem Boden an! Hihie!“
Ulkiger noch als wir ist er, den ihm schaut das Unterhemd in einem Zipfel über seinen Hosenbund heraus. Der Verwegenste von ihnen ist er. Aber auch der Lächerlichste so gesehen.
Er schafft es, sich von seiner Stütze zu befreien und einen Schritt vor sich zu setzen.
Dann ringt er nach Worten, die nicht aus seinem Mund kommen wollen.
Was will der nur?
Noch steht er und seine Mitfans so vor uns, als wüssten sie nicht, was nun.
Aber weil er nichts aus dem Mund bringt, eben keine Worte, will er sich diesen stopfen. Dieser Führer, dieser Krauskopf zieht nun in einer Verlegenheitsgeste eine Zigarettenschachtel hervor, die er sich mit den anderen Fünfen teilt, wozu er sich umdreht. Aber anzünden tun sie sie nicht – noch – zum Glück, denn in diesem Haus herrscht Rauchverbot und wenn dies übertreten werden würde, hätten wir sofort sogenannte "Sicherheitskräfte" am Hals. Ich sehe diese verhinderten Hasadeure vor mich schon eine Leuchtrakete anzünden, um die Ordnungshüter, von denen es hier nur so wimmelt, direkt anzulocken.
Und unversehens erblicke ich wieder Julius Schleicher mit dem schwarzen Koffer in unserer Nähe stehen.
Er fixiert uns!
Mit düsterer Miene, finsterem Blick und irr verzerrtem Stirnrunzeln.
Na, jetzt geht es gleich los, und was macht er dann?
Wenn Feuer aufflammt!?
Immer noch weiter dastehen?
Wohl kaum. Ich kann es nicht glauben. Fast hoffe ich, daß sie sich die Zigaretten anzünden, um dieses Rätsel zu lösen.
„Na, wer bist denn Du, mein Zottelbär!“ Spucke übersät Beluntschi. Der Verursacher dessen ist wieder einen Schritt herausgetreten aus seiner Meute und hat sich etwas zu ihm herabgebeugt. Zuvor hat er sich seinen schrillen Schal mit einem Handstreich von der Brust aus nach hinten um den Nacken geschlagen und salopp gewischt. Eine sehr verwegene Mut zeigende Geste soll’s wohl sein.
Er scheint immerhin Respekt vor Beluntschi zu haben. Denn er bückt sich ihm zu.
Gina versucht ihn unter ihre Arme zu verstecken und erwidert: „Siehst Du das nicht mehr in Deinem Tran: das ist kein Bär, das ist ein Hund, du Suffkopf!“
Mir wird schwach zumute, befürchte ich doch, daß solch ein Tonfall, eine solche Rede und Aussage Wut hervorruft.
Das Bier scheint dem Bier-und-Fußball-Freund aber schon längst aus den Ohren herausgelaufen zu sein, weil er die Schmähung gar nicht wahrnimmt. Bevor er weiterredet, nippt er an seiner Bierdose. Dann fragt er bierselig und freundlich: „Ist das Euer Maskottchen? Von welchem Fußballverein seid ihr? Ich habe noch nie von einem Club gehört, der einen Hund als sein Maskottchen hochgehalten hat.“
„Ja, wir sind, wir sind...“ Was soll ich sagen. Eine Welt ohne Fußball, undenkbar! Und wenn man in dieser einen so großen Stoffhund mit sich herumträgt, muss er für eine Mannschaft stehen, das geht nicht anders – in einer Welt, wo Fußball regiert.
„Nun...“
„Trinkt der auch Bier?“
Mit diesem Stichwort schließen die Hinteren zum Vorderen auf und rücken so bedrohlich nahe an uns heran. Einer hebt eine Flasche hoch und meint: „Laß mal den Hund einen Schluck machen, vom wahren Lebenssaft!“
Die Vorstellung, daß Beluntschi vom stinkendem Bier besudelt werden soll, versetzt mich ganz schön in Panik. Würde man sie allerdings nicht gewähren lassen, wären die jungen Hupfer ganz schön böse, das ist klar.
Die schwarze Spukgestalt, verdeckt von einer Säule dort, nur sein Koffer lugt etwas hervor - bewegt er sich nicht sehr? Wird er uns vielleicht retten, zu Hilfe kommen – nie im Leben! Allenfalls wird er die Sanis rufen, sobald wir mausetot waren, oder blutig zusammengeschlagen oder oder...
Gina lallt jetzt dazwischen: "Mann, Dein Sport geht mir sonstwo vorbei!" Dabei macht sie ein Zeichen, welches ihre Worte unterstreicht, untermalt, herzeigt.
Der Rädelsführer stößt jetzt ein anklagendes Gelächter aus. „Was keine Fußballer? Der Stoffhund ist nur Bettvorleger oder was?“ Dabei krümmt er sich vor Spaß und sein Schal fällt ihm wieder vom Hals auf die Brust, so daß die beiden Enden bei seinem Herumspringen, Fest-auf-die-Schenkelklopfen und Schwanken lustig hin- und herwedeln.
Er wird - stopp! - auf einmal wieder furchtbar ernst.
Jetzt wird's Zeit, daß ich dazwischenfunke.
"Horch!", wobei ich einen nur ihm sichtbaren scheelen Blick auf Gina werfe und wahnsinnig die Augen rollen lasse. Er wird hellhörig und jetzt rede ich um mein Leben.
"Ja, wir sind vom Fußballverein "Die tollwütigen Hunde" aus..."
Bevor er mich unterbrechen kann, sage ich schnell: "Aus dem Hundsrück!"
"Aus dem Hundsrück!?"
Klingt ja merkwürdig. Wo nur dieser Hundsrück liegt? Der Rücken des Hundes heißt dies wohl. Ein Bergkamm irgendwo in Norddeutschland da oben oder in Osten da links ab muss also einem Hund ähneln. Wahrscheinlich einem Wolf, unserem heimischen Hund.
Hoffentlich kennen die den Ort dieses Berggebietes nicht und vergleichen ihn mit dem Rücken Belutschis.
Angestrengt vermeide ich, nicht zu ihm hinzuschauen.
Er sieht einem Wolf nicht ähnlich. Aber egal, beruhige ich wieder schnell. Denn beispielsweise wer von einer baierischen Mannschaft ist heutezutag noch ein Bayer? Also, könnten wir genauso hier einen Pinguin, einen Pandabären, einen Haiwalfisch in Händen halten und sagen: Das ist das Maskottchen von unseren Klub der "Tollwütigen Hunde" aus dem Hunsrück!" Darüber schert sich keiner mehr, niemand würde stutzig sein, alle kaufen sie einem alles ab, wenn es nur der größte, stinkendste und widerlichste Mist ist.
'Hunsrück'. So wird das geschrieben. Wenn sich dieses "Hun" nun auf Huhn bezieht, dann muß der Rücken ganz anders aussehen. Dann habe ich voll daneben gelegen, dann... Auch Quatsch, keiner kennt diesen fremden Dialekt. Daß diese Brüder ihn anders geschrieben kennen, ist nicht anzunehmen, schließlich sind wird durch die gleichen Schulen gegangen.
Wenn sie aber nicht richtig aufgepasst haben, oder ich?
Schnell weiterreden.
"Ja, wir sind eine neue aufstrebende Mannschaft. Nächstes Jahr kommen wir in Euere Liga."
Ob das wohl stimmt?
Meine Panik steigert sich.
Wissen sie, wo der Hunsrück überhaupt liegt?
Man soll seinen Gegner nicht unterschätzen, Junge.
Existiert eine solche Mannschaft vielleicht schon und wenn ja, kann ich sagen, es ist eine zweite...
Reden, reden, reden, mein Bester!
"Und da erkunden wir das Terrain unserer Gegner, vorausschauend, vorsorglich, Du verstehst!"
Er schaut wieder seine Kumpels an. Keiner weiß etwas Genaues. Immerhin kennen sie alle den Hunsrück, ein Mittelgebirge. Irgendwo in der Mitte des Landes, so ungefähr.
Nehmen sie mir den "tollwütigen Hund" nicht ab? Vielleicht wäre das Attribut "tollkühn" angemessener gewesen?
Reden, reden, reden, Sohnemann!
"Ihr kennt ja die roten Teufel vom Betzenberg." "Ja, Kaiserslautern." "Genau, im Pfälzer Wald. Solche Namen sollen beim Gegner Angst und Schrecken verbreiten, damit sie geschwächt aufs Feld kommen. Ergo haben wir unseren Hund dabei. Zur Spurenaufnahme!"
Nicht so abstrakt reden, Kleiner!
"Also, so haben wir unseren Hund hier dabei, der mal zunächst die Spur aufnehmen soll sozusagen."
"Der schnuppert hier herum!"
"Ja, macht sich vertraut mit Euerem Geruch."
Obwohl Bier überall auf der Welt annähernd gleich riecht.
"Der schnüffelt hier herum!", schreit er aus. Er wendet sich um: "Habt Ihr das gehört? Ein Fremder dringt in unser Revier ein! Sollen wir das dulden?" Gemurre brandet auf.
Mir wird ganz klar, daß ich das nicht so hätte sagen sollen. Hilfesuchend wende ich mich an Gina, weil Frauen immer beruhigend, zumindest anziehend wirken, eine Trumpfkarte in dieser Männergesellschaft, um von meiner verstiegenen Bemerkung abzulenken. In so einem Fall ist das beste, einfach weiterreden, den anderen gar nicht zum Denken und Handeln kommen zu lassen. So rede ich um mein Leben.
"Und das ist unsere ... Managerin. Wir im Norden sind ja bekanntlich schon etwas weiter, fortschrittlicher als hier im tiefen Süden, in den dunkeln Wäldern, hohen Bergen, dichten Nebeln und tiefen Wolkenteppichen." Schnell bemerke ich: "Frauenquote und so!", und blinzle ihnen zu, was nicht notwendig gewesen ist, weil Gina ihre Nase in das weiche Fell Beluntschis gesteckt hat und kaum etwas um sich herum wahrnimmt.
Mein Akzent. Mannomann, hoffentlich bin ich lange genug weggewesen von hier, daß man ihn nicht als einheimisch erkennt.
Tatsächlich! Jetzt hat er mich! Oder?
Der Wortführer verzieht den Mund, Nase und Stirn, nickt aber bedächtig. Ist nicht alles rein, koscher und schöner Schein, aber wir sind in der Fußballwelt, im Fußballhimmel und Ball-Paradies aufgenommen, schließlich verkörpern wir auch einen Fußballverein. Glücklicherweise spielen sie selbst wirklich nur in der Zweiten Bundesliga und wer weiß schon, welche Neulinge, Aufsteiger, Aufstreber da aus den Hinterwälder kommen mit ihren obskuren Marotten, Maskottchen und Kuscheltieren?
Plötzlich löst sich behäbig einer von diesen klobigen, dicken, bewehrten Hintermännern und mausert sich plötzlich zu einer Frau, einer Fanfrau, Fanin, Fan female, einem femininen Fan, wie immer auch, vom Rudel hinterm Leittier hervorkommend, beginnt sie den Vordermann mit ihren Armen beiseite zu schieben, indem sie dazu brüllt: "Geh weg!"
Wahrscheinlich glaubt sie mir nicht.
Bevor sie zum Reden kommt, verfolgen zwei Polizisten einen Horde Fans, die mit einem Mal ihre Richtung auf uns zu ändern, wahllos zwischen diesen Fans hindurchrennen, sie auch beiseiteschieben dabei: wobei der Leithammel beinahe umgerannt wird, dahinter kommen die Polizisten, die immerhin geordnet zwischen Gina und mir hier gegenüber den Fußballnarren dort hindurchpreschen, knapp an dem Goriallweibchen vorbei, so daß sie zurückweicht. Da das Leittier gewankt hat, quasi angeschlagen ist, Schwäche gezeigt hat, muss es sich als solches beweisen. Er pumpt die Brust wie einen Ballon auf, plustert seine Backen wie ein Hamster auf, streckt die geballten Fäuste wie eine Rakete in die Luft und schreit hinterher: "Finger weg von meiner Ehefrau!"
Damit meinte er die zurückweichende Mauläffin.
Es ist zwar vergebliche Liebesmühe, da dies den Verfolgern kaum zu Ohren zu kommen sein durfte, außerdem haben sie besseres zu tun, aber der Brüllochse hat sich als Held bewährt, seine Familie, wenn nicht sogar Herde, zumindest sein Weib verteidigt.
Jetzt ist er wieder obenauf, wir sitzen unten auf dem Boden, so daß wir schauen sollten, wieder auf die Beine zu kommen, zumal ich fürchte, das Alpha-Tier ist aufgerüttelt, erregt, wütig und...

Pentzw
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Gezerre

Beitragvon Pentzw » 01.11.2020, 18:57

i) um ein Wort

Aber großspurig wirft der Maulaffe erneut seinen Schal nach hinten um den Hals, was ihm beim ersten Mal nicht gelingt, dann aber spricht er: „Hört mal her, ihr Sucker!“
“Was heißt das: Soccer?“, frage ich.
Er stutzt. Hat er richtig verstanden? Er hat doch „Sucker“ gesagt, meint er. Wollte der andere behaupten, er habe nicht die Wahrheit gesagt und nicht „Soccer“ gesagt? Vielleicht auch nicht, jedenfalls so habe ich es verstanden. Oder so wollte ich seine Wortwahl verstehen. Weil „Sucker“, nein, das klingt nicht gut. Das ist ein unschöner Ausdruck.
„Soccer“ ist gleichzusetzen mit Fußballer im weitesten Sinn, glaube ich, also sowohl Fußbalspieler und Fußballfans, und dasist okay.
Er blitzt mich aber so hart an, daß ich an diesem Wort zweifle, welches ich gehört haben müßte.
Gedanken kommen mir wie: könnten sie vermuten, daß wir nichts mit Fußball am Hut haben?
Wenn, hm.
Angenommen, daß: dann hat er nicht „Soccer“, sondern „Sucker!“ gesagt!
Unerhört. Frechheit. Dem sollte man gleich...
Ist es dieser Anglizismus, den ich vermute, daß er ist, der zu gut Deutsch "Daumenlustscher" bedeutet, dann, dann kann er was erleben. Nur was, frage ich mich sofort. Darauf weiß ich momentan keine Antwort.
Mein Gehirn schaltet sich wieder ein, meine Vernunft, mein gesunder Menschenverstand. Ich blicke dabei merkwürdigerweise auf Beluntschi!
'Ach, Beluntschi, jetzt hast Du uns wieder in eine saublöde Situation gebracht. Einmal Himmel, dann Hölle. Du bist unser Verhängnis.'
Zunächst warum Himmel? Die Erinnerung streift mich kurz, als ich die Situation erinnere, wie wir durch die Menschenmenge gegangen sind, nachdem wir abgeführt worden sind. Alle haben auf uns geblickt. Ich habe mich glücklich, stolz und in den Mittelpunkt gerückt gefühlt.
'Ich bin stolz auf Dich gewesen, Beluntschi. Jetzt aber? - Jetzt bist Du die Ursache, weswegen wir wieder im Schlamassel sitzen, in der Bredoullie, im Desaster. Weißt Du denn nicht, nein, Du weißt es leider nicht, kannst es natürlich nicht wissen, daß betrunkene Hooligans, Soccer, Fußballverrückte saugefährlich werden können!?' So wie bei den Sicherheitsfritzen, als sie uns beim Haschischplättchen-Zerren entdeckten und dazu ausfragten und so will ich jetzt bei diesem „Soccer“ oder „Sucker“ auch verfahren: Wahrheit, nichts als die nackte Wahrheit und dies Schritt für Schritt, in kleinen Täubchenschrittchen. Damit fahre ich stets am besten.
Immer noch springt der junge Hupfer, mittlerweile seine Begleiter und Angetraute auch, hin und her und es kommt wie es kommen muß: er verspritzt sein Bier auf uns und was noch schlimmer ist: auf Beluntschi. Ich sehe Gina an. Hat sie’s wahrgenommen? Ja, sie hat. Und jetzt kommt die Strafe, Retourkutsche, die Vergeltung.
Gina wird rot im Gesicht.
Sie erhebt sich, stößt mir den Teddyhund in die Arme: „Halt mal kurz!“, und geht zum Sucker hin und haut ihm mit voller Wucht einen auf den Pelz. Glücklicherweise nur auf den kurzärmligen Mantel, einer Joppe, deren Ärmel fehlen und die über und über mit Vereinsabzeichen, Stickern, Emblemen und Aufnähern übersät ist. Wegen dieser seiner dicken Montur müsste er eigentlich Sacker heißen.
Der Schlag hat es in sich, denn er klatscht laut vernehmlich durch die Halle, daß man meint, eine Bombe explodiert gerade. Wahrscheinlich zeigt er keinerlei wirkliche Wirkung, mehr Lärm um nichts, so dick wie der Fußballfan bewehrt ist. Tatsächlich wenden sich sofort etliche aufgeregte bierrote Gesichter um und beginnen zu stieren, mit den Augen zu glänzen und zu schmunzeln und zu lachen. Endlich ist was los! Eine Schlägerei! Darauf haben wir insgeheim gehofft, gewartet, uns bis zum Wochenende hin gesehnt.
Aber halt mal, jetzt wird es erst richtig spannend. Da ist doch eine Frau beteiligt! Mannomann, eine Tussi greift einen Macker an. Das sieht man auch nicht alle Tage.
Einige nähern sich schon, um das einmalige, rare Schauspiel hautnah zu erleben und zu begaffen.
Gina brüllt jetzt laut, nachdem sie sich mit diesem Schlag begnügt hat. „Du Rotzbengel. Hast wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank. Meinen Beluntschi zu besudeln. Verpiss Dich! Aber dalli!“
Erklärbar sind diese Worte von oben herab, von Alt auf Jung hinunter, da ja Gina mindestens vier Generationen älter als der Jungmann da ist. Damit sind ihre Worte vollauf gerechtfertigt, finde ich.
Denn ich verspüre schon etwas Muffensausen, wer weiß, vielleicht eskaliert noch die Situation und es regnet auf uns Schläge herab, andere greifen ein, wollen schlichten, werden wiederum selbst angegriffen, die ganzen verschiedenen Gruppen mischen sich ein, vermengen sich in einer Keilerei, es kommt zu einer Massenschlägerei und das ganze Haus ist mit einem einziges Hauen und Stechen, Rufen und Schreien, Stoßen und Beißen erfüllt und was dann?
Na dann, Sicherheitsfritzen, Polizei, Feuerwehr, das ganze Sicherheitsensemble, die Ordnungsfuzzis und Helfer aller Arten, Lagen und Wegen. Als Folge werden Ermittlungen angestellt, die Schritte verfolgt bis zur Zerstörung, bis zur Eskalation, bis zur Ursache, bis zu den Verursachern, den Urhebern, kurzum bis zu uns.
Zum zweitenmal an einem Tag Hausfriedensbruch begangen! Bereits schon Hausverbot gehabt, aber erneut Unruhe gestiftet in diesem friedlichen Haus. Wir kommen in den Ruf von Serientätern. Und was blüht für solch ein Vergehen: ist es eine Ordnungswidrigkeit, ein Verbotsübertritt, ein Verbrechen? Hausfriedensbruch, Landfriedensbruch, Aufruhr öffentlichen Ärgernisses, Unruhestiftung, Bürgerkrieg und und und?
Plus Serientäterbonus nicht vergessen!
Ich sehe schon die Zeitungsschlagzeilen vor mir, dick und fett gedruckt und ganzseitig.
Hund Verursacher von Massenschlägerei! Oder besser (wenn das Blättchen seriös ist): Stoff-Hund Grund für Massenschlägerei.
Experten sind sprachlos, schockiert und ratlos, da sie bislang noch keine so wütende Menge erlebt haben wegen eines Plüschtieres. Die Verwüstungen, Verletzungen und Schäden sind in so einem Zusammenhang noch nicht aufgetreten. Fußballfans haben sich zu Hunderten gekeilt – wegen eines Maskottchens, eines Stoffhundes, das oder der aber, wie sich herausgestellt hat, in Wahrheit keines Fußballvereins Maskottchen ist.
HABEN SICH FUSSBALLFANS FÜR NICHTS UND WIEDER NICHTS DIE KÖPFE EINGESCHLAGEN?
Es wäre ein einmaliger Fall, der seinesgleichen suchte!
Sollte dies der Fall sein, wirft das ein schlechtes Licht auf die heimische Fußballszene.
Befragungen Beteiligter ergaben, daß sie aber einer Hochstaplelei aufgesessen sind. Und dies von Auswärtigen! ...
Ich kann nicht mehr weiterdenken, denn ich schlucke bei der Vorstellung von öffentlicher Herabsetzung unseres Beluntschis. Ich schlucke noch mehr bei der Vorstellung von unserer Demoralisierung, Degradierung, In-Schmutz-Ziehung von uns Stoffhund-Besitzern. Schließlich kriege ich gar einen Schluckkrampf, als ich dran denke, was die Justiz aus diesem Ereignis für einen Fall aufbauen wird, der uns mit aller Härte des Gesetzes treffen wird.
Oder vielleicht Beluntschi selbst. Ich sehe ihn auf der Anklagebank, im heiligen Gerichtssaal unserer unabhängigen Justiz und höre das Plädoyer des Staatsanwalts.
"Der Angeklagte ist nicht nur der Drogendealerei überführt worden. Als wäre dies nicht schon genug. Er hat auch noch wie eine Bombe in den friedlichen Auflauf vergnügungsseliger Fußballfans eingeschlagen. Hat Aufruhr und Entsetzen hervorgerufen. Ein Rebell, ein Revoluzzer, ein Anarchist. Ein Entzünder schlimmster Massenunruhen. So einer gehört nicht nur zu einer saftigen Strafe verurteilt, sondern am Ende und am besten gleich weggesperrt, hinter Schloß und Riegeln der Mauern einer undurchdringlichen Psychiatrie-Haftanstalt. Auf lebenslänglich."
Wahrscheinlich aber ich werde letztlich zur Rechenschaft gezogen, als Besitzer, Eigentümer dieses gefährlichen Subjektes, Objektes, egal. Man muss Beluntischi ja wohl als nicht straffähig einordnen, diesen Hund aus Stoff, dafür muß natürlich der Kopf des Besitzers herhalten, der voll und ganz strafmündig ist...
Ich werde aus diesem Horrorszenario rüde herausgerissen vom plötzlichen lautstarken Lachen des jungen Hupfers. Macht sich lustig über die Attacke dieser Alten. Er denkt wohl: Was juckt’s einer starken Eiche, wenn sich das Wildschwein dran wetzt oder so!
Gerade noch ist mir das Herz in die Hosen gefallen, jetzt aber ein Stein vom Herzen, Erleichterung fühle ich, Befriedigung über diese Wende der Handlung. Über das Schicksal! Gelobt sei es!
Der Junge kann aber nicht aufhören, springt weiter hin und her, zumindest wankt er bedrohlich auf und ab und spotzt die Wort aus: „Na, na. Wer wird denn gleich? Wegen ein bisschen Bier! Tztzt!“ Wieder fühle ich Erleichterung. Er hätte ja richtig unverschämt werden, provozieren, ungehobelt und stichelnd und stänkernd sein können. Aber in diesem Rahmen entpuppt er sich als guter Spießbürger. Was vorher geschehen ist, muß einfach als Ein-bisschen-Zu-viel-Getrunken-Haben abgeschrieben werden. Halb so schlimm alles.
Damit erkenne ich meine Chance. Unter einem Arm Beluntschi geklemmt, packe ich Gina mit dem anderen und dränge sie fort: „Komm Gina, laß den jungen Spund. Wir hauen ab.“ Gina pöbelt zwar noch nach. Diess beobachtet man bei allen, wenn solche Radaubrüder von ihren Freunden weggezerrt werden, weil sie wissen, sie sind sicher. So ziehe ich die keifende, fuchtelnde und umsich schlagende Gina hinter mir her und schließlich tauchen wir in der Menge unter.
Damit stehen wir wieder genau dort, wo wir schon vor einer guten halben Stunde gestanden sind. Das Spiel von neuem. Wie bei einem Computerspiel im Endlos-Schleif-Modus.
Und da sehe ich wieder Julius Schleicher. Den Mensch mit dem schwarzen Koffer. Den Bahnbedienstetem, die graue Eminenz aus der grauen Vergangenheit, die Tradition der Deutschen Bundesbahn in Person.
Weiter ziehe ich Gina.

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Gezerre am Platz des Faschismus

Beitragvon Pentzw » 02.12.2020, 23:01

j) am Platz des Faschismus

Mit einem Mal gibt es einen Ruck und wir stehen. Gina hat etwas entdeckt, was ein paar Meter über sie an der aus Mosaiksteinen besetzten Wand buntfarben schillert. Ein großes Y-Zeichen, selbst umringt von einem Kreis sowie einem anderen, der von tanzenden, sich an den Händen fassender Menschen gebildet wird: von einem langmähnigen Mann, einer mit einem langen, bunten Kleid bewehrten Frau sowie zwei Kindern, einem Jungen und einem Mädchen.
Der Mittelpunkt bildet das sie beschützende Zeichen.
Gina, die Kifferin und Rastaffa-Begeisterte, ist enthusiastisch hin- und hergerissen.
Was aber um uns herum geschieht, hat nichts mehr mit der Bedeutung dieses Zeichens zu tun. Hier herrscht kein Love, Peace und Freedom mehr. Hier herrscht wieder Getümmel, Gedränge, Geschubse, Geschreie, Gejohle, kurzum all das, was den friedensbewegten Menschen vor dreißig Jahren ein Gräuel.
Diese Zeiten sind endgültig vorbei, sagt ein schriller, hoher Ton, der nun durch Raum sirrt.
Plötzlich stört nämlich ein Pfiff diesen, der, wenn man sich ihm kontemplativ hingibt, meditative Ergriffen- und Erhabenheit ausströmt. Insofern müßte solch ein ekliger Ton unter Ruhestörung öffentlichen Friedens eingeordnet sein. Aber das sage mal den Ordnungshütern!
Ich vermute zunächst, ein Polizist pfeift nach seiner abgerichtete Hundehorde, die sich in die Menschenmenge gestürzt hat, hier und dort an dem ein oder anderen Schinken zerrt und die Kanaillie vorantreibt, vor sich herhetzt und vertreibt.
Erneut tönt es, nur näher: "He, verarschen kennen wir uns selbst!"
Ich drehe mich nicht um, sondern versuche noch schneller vorwärtszukommen. "Einer ist immer der A...", schallt es laut lachend hinter mir her. Dieser Killerhund riecht schon Blut. Wahrscheinlich ein Flash-Back, eine Erinnerungsimpuls oder ein Jagdinstinkt-Reflex, die ihn übermächtig zum Raubtier macht, dieser Mensch. Siedelten dort, wo er herkommt, nicht einmal die Neandertaler?
Es ist der Dicke, aber er ist nicht allein, er ist einer unter vielen Dicken, hünenhafte, dampfwalzenartige und bullige. Unter ihnen wie eine Juwel die Platinblonde. Was hat sie gerochen? Außer Blut? Meine Endorphine? Was treibt sie voran? Ihre Osterogene? Beide ihre Lust am Quälen? Beide der Beherrscherimpuls. Macht über andere!
Zum Glück ist deren Macht zunächst begrenzt, denn sie werden immer wieder von hin- und herwogenden Menschenansammlungen an ihrem Fortkommen gehindert.
Das verschafft uns zunächst etwas Zeit.
Die wir auch brauchen.
Die ich aber nicht nutze.
Denn mit einem Schlag bin ich von einer sonderbaren Gestalt in Bann geschlagen.
In einem Winkel, zehn Meter schräg gegenüber der Tür zum Schreibwarenladen bemerke ich den Bahnbediensteten. Sehr aufrecht stehend. Vorbildhaft wie stets. Als hätte er wirklich im Rücken einen steifen Stock stecken.
Wie nur ist er dorthin gekommen? Es scheint so, daß ich ihn niemals gehen sehe, daß er immer wieder von einem Ort, von einer Stelle zur anderen gebeamt wird.
Der Bahn ist heutzutage ja alles zuzutrauen!
Denn ich nehme nur wahr, wenn er steht, sehr aufrecht und stocksteif und uns beobachtet, wobei er doch stets seinen Standort wechselt oder besser, auf welche mysteriöse Art und Weise auch immer, gewechselt hat.
Und...
Eieijaei, etwas Neues entdecke ich an ihm jetzt! Sein Kopf ruht auf einem Hals, der mit einem einfachen, weißen Stehkragen abgeschlossen und aufgestützt ist. Es passt nicht sonderlich elegant zum Charakter seines Anzuges, seines einfarbigen blauen. Aber die Blüte seines Hauptes, so aufgeköpft oder hochgeknöpft durch diese künstlichen Apparaturen, plus seinem verhaltenen Lächeln, strahlt einen unvergleichlichem Liebreiz, zumal er um dessen Stirn, Schläfen und Ohr sowie die feinen und ernsten Brauen von einem rechtwinklig einspringelndem Haargeringel dunkel und weich umrahmt ist.
Ein wahrhaft hübsches und sogar nettes Bürschchen, muss man schon sagen!
Er muß für seine Toilette jeden Morgen ganz schön Aufhebens machen, und zwar an Mitteln und Zeit. Und was kommt dabei heraus? Wie ein Sonnyboy, wie ein Milchbubi, wie der Liebling einer sehr besorgten Mutter oder strengen Ehefrau wirkt er. Wahrscheinlich aber ist er einer Mutter einziger, zumindest das Nesthäkchen, den Balg, den sie nicht aus dem Haus läßt. Natürlich, der lebt immer noch bei seiner Mutter, obwohl er – schwer zu bestimmen zwar sein Alter – gut über Vierzig sein dürfte.
Plötzlich, als merkte er, daß ich ihn erkannt und zu ihm gesprochen habe im Sinne: Na, Du feiges Muttersöhnen, das Du bist – was? - verfinstert sich seine Stirn, sein Mund hebt sich empor, von den Lippen nach einer Seite hin geht ein erbittertes Zerren, die die Wange zu zerreißen droht und seine Brauen sind so schwer gerunzelt, daß unter seinem Druck die Augen zentimeterlang eingesunken scheinen, aber darunter hervor böse Blitze des Hasses herüberblinken.
Er scheint zu zittern vor Erregung, wippt auf seinen Fußballen bedrohlich auf und ab und setzt diese mit einem Mal ab, um gesetzten Schrittes mit außerordentlicher Anmut, sehr leicht, zart und stolz zugleich auf uns zuzuschreiten, als liefe er nicht, sondern schwebte auf uns zu und entsetzt über diesen Anblick, der das fundamentale Gesetz der Physik, nämlich die Schwerkraft überwinden scheint, klammere ich mich an die Schulter Ginas, die darüber aufschreit: „Was ist los?“
Und als hätten sich beide Parteien abgesprochen - wird mir erneut bewußt - kommen gleichzeitig die Gelbwesten noch immer auf uns zugesteuert, suchen und Bahnen sich vielmehr ihren Weg durch den undurchdringlichen Dschungel chaotischer Menschansammlungen, -aufkommen und –drängeleien.
Jetzt wird’s ernst.
Aber entfliehen, zielgerichtet zu entkommen, ist uns verwehrt, denn wir selbst werden von einer großen Meute weggetrieben, die sich auf einen Lift zubewegt, uns mitreißt, stößt und anrumpelt, so daß wir auf diesem schwebend wie Engel ein Stockwerk höher entfliehen. Das dürfte unsere Verfolger ein zu großes Hindernis darstellen, als daß sie sich uns behände und rasch genug nähern, umzingeln und in die Zange nehmen könnten. Es sei denn, sie nehmen den Fußweg, eine Treppe irgendwo anders, die auch in den ersten Stock führt, wobei sie ganz schnell rennen müssten, so daß sie uns am Ende des Liftes grinsend in Empfang nehmen könnten.
So wird sich dieser Lift als Falle entpuppen!
Aber niemand erwartet uns, als wir am obersten Liftende weggespült werden in eine gleichfalls drängende und um sich stoßende Menge hinein, die hier wolllüstig ein Bad nimmt, so scheint’s, schließlich grinsen einige freudig und erregt, aber leider ist das Badwässerchen eine dumpfe Ausdünstung von Bier, Schnaps und sonstigem ekligen Alkoholgeruch, daß es einem davon fast das Hemd auszieht.
Dann werden wir wieder weitergedrängt, wieder auf einen Lift zu, der diesmal aber abwärts führt. Auf einem U-Bahn-Steig angekommen, verharrt die Menge, in der wir eingesperrt sind. Es kommt eine U-Bahn und wir werden in diese hineingedrängt. Es geht los.
Als Antwort auf meine Frage, wohin dieser Zug hier führt, sagt einer zum „Reichsparteitags-Gelände". Ohne eine erfolgende Reaktion wird dann diese meine Frage ignoriert: "Von welche Partei?"
Er schnauft aus. Noch kein Schnauben aber, nichtsdestoweniger mag dies heißen, ich habe mich einer Bildungslücke schuldig gemacht. Das will ich natürlich wieder wett machen.
Und tatsächlich deutet mir ein verhaltenes, irres, wenn auch leicht pikiertes Grunzen eines anderen Mitfahrers darauf hin, daß dies
a) jeder eigentlich zu seinem Wissen zu zählen hätte,
- was ich schon ahnte -
b) es dort sonderbar, mitunter ungemütlich sein dürfte, oder
c) das Grunzen selbst auf eine riesige Schlachtbank für Schweine hindeutet,
d) oder auf eine riesige Arena, in der Unmengen von diesen Tieren dichtgedrängt dastehen, wie eingepfercht,
was mich natürlich noch umso mehr verwirrt, weil wer je hat schon davon gehört, das Schweine eine Partei gründen könnten und wenn, wozu? Was aber ist nicht möglich im Zeitalter der Digitalisierung, der Roboter und künstlichen Intelligenz?
Diese Vorstellung elektrisiert, panikisiert und lässt mich dahingehend drängen, daß ich sofort und bei nächster sich bietender Gelegenheit aus diesem Gefährt auszubrechen, auszusteigen und uns in Sicherheit zu bringen versuche, beinahe ohne Rücksicht auf Verluste. Gina ist dabei Leidtragende, kann sie auch nur sein, da ich sie einfach hinter mir herziehe wie eine Ziege an der Leine oder fast wie einen leicht störrischen Esel, die dazu Stöße des Schmerzens und dagegen Stöße des körperlichen Widerstandes ausführt, untermalt mit der illustren Formulierung: „Aua, wohin des Wegs?" Das nehme ich billigend in Kauf. Dass mir nur nicht Belluntschi Federn lassen muß!
"In die Freiheit!", rufe ich ihr zu und als wir also heraus sind, auch aus der Unterführung, stehen wir auf einem Platz, dessen Schild den „Platz der Opfer des Faschismus“ ausweist.
Eigentlich habe ich mir die Freiheit etwas anders vorgestellt. Ob wir hierhergehören, sei dahingestellt, aber ob wir, wenn zwar durchaus Opfer, doch gleich Opfer des Faschismus genannt werden dürfen, erscheint mir zweifelhaft und einer langwährenden Überlegung wert, die mir aber mitnichten zu Ende zu führen gelingt, da Gina darauf drängt, etwas zu unternehmen: „Und wie weiter!“
„Du musst zum Bezirksgesundheitsamt!“
„Ja, das muss ich!“ Aber diese Einsicht hilft ihr auch nicht weiter, geschweige denn eine Perspektive zu vermitteln. Planlos schaut sie um sich.
„Und wo ist das?“
„Hä?“
„Na, hast Du eine Adresse?“
Da sie recht unsicher dreinschaut, verdeutliche ich meine Frage: „Na, Straße, Hausnummer halt!“
„Aäh, klar, klar!“
Sie erscheint mir schwer mitgenommen, nicht mehr ganz Frau ihrer Sinne, woher das kommen mag? Natürlich, Drogen. Na denn, da hilft nur der Doktor und ich sehe ein, daß es jetzt wirklich Zeit wird und ich mache auf Druck.
Unzufrieden, ungeduldig und unwillig schaue ich ihr zu, wie sie umstandskrämerisch in ihrer langen Hängetasche so herumkramt, daß selbst ihr Arm bis zur Achsel darin verschwindet. Aber als sie etwas zum Greifen hat, hat sie obendrein noch Mühe dieses Etwas aus ihrer Tasche zu ziehen, unverständlich noch mehr, als ich sehe, um was es sich Sperriges dabei wohl gehandelt hat: nichts mehr als einen weißen Zettel, einen bloßen, einfachen Din-A-4-Bogen. Hat man da noch Worte?
Ich bin kurz davor, vor Ungeduld zu platzen, als sie dieses etwas verkrüppelte, eselsohrige Papiermanuskript umständlich auseinanderfaltet und die Daten, nämlich die Straße mit Hausnummer zuerst zu entziffern und endlich doch vorzulesen. Diese Informationen sollen den Ort, die Lokalisation der Einrichtung vermitteln.
Daß wir damit noch nicht einen Schritt dazu näher herangekommen sind, wird klar, da uns nämlich der Straßenname nichts weiter sagt als der bloße Name selbst. Noch einmal bemüht sich Gina, diesen Namen vorzulesen, als hätte sie den falschen vorgelesen gehabt und als würde die Erkenntnis über den Bezugspunkt dieser Straße quasi aus dem Papier mit herauszulesen sein. Da es dies nicht tut und eben nicht hilft, schlägt sie ein paar Mal sogar mit dem Handrücken auf den Papierfetzen, unterbrochen von erneutem Vorlesen.
Aha, Fakt ist, wir beide haben nicht den blassesten Schimmer, wie wir unser Ziel erreichen können, da wir überhaupt keinen Orientierungspunkt haben, selbst der Umstand hilft nicht weiter, als Gina meint, es sei in der Nähe des Bahnhofes, denn, nur wo dieser selbst liegt von hier aus weiß keiner von uns.
Hilflos wenden wir uns instinktiv an Vorbeigehende. Leider Gina und ich jeder an einen anderen. Als wir die jeweils erhaltende Information austauschen, stellen wir verdutzt fest, daß die Richtungen diametral entgegengesetzt sind.
Einer der Befragten hat sich geirrt!
Natürlich der, der am wenigstens vertrauensselig einzuschätzen ist. Nur habe ich nur meinen einen Informationspartner zudem nur flüchtig wahrgenommen, nicht aber auch Ginas seiner, und meiner war solala seriös, würde ich einmal gesagt haben. Also noch einmal das gleich Spiel. Aber ich bitte Gina, daß sie sich diesesmal zurückhält und mir dieses Unterfangen gänzlich alleine überlässt. Auch will ich, zur Verifizierung der statistischen Erhebung, insgesamt zwei Personen fragen, so daß wir insgesamt Werte von vier haben und wenn die ungerade Zahl eine Richtung bestätigt, haben wir es.
Nur was, wenn wir statt zwei Angaben, vier verschiedene bekommen? Und zudem reicht, die Anzahl der erhobenen Daten aus, um die Aussage als wahr ansehen zu dürfen. Mit anderen Worten, bräuchten wir statt von vier eher von vierzig Personen Auskünfte, um sicher gehen zu können?
Alle diese mühsamen Überlegungen führen zu nichts, handeln ist angesagt. Warten wir es also ab, was wohl herauskommt, wenn ich noch mindestens zwei Personen nach dem Weg frage. Mit mehr lässt sich ohnehin schwer rechnen, da dieser Platz um diese Abendzeit wenig bis gar nicht frequentiert ist. Die Vierzig Probanden können uns mal, das steht fest!
Während wir auf die erwünschten Passanten warten, habe ich Gelegenheit, mir den Kopf über unsere Situation zu zerbrechen und ich komme dabei zu dem bitteren Ergebnis, es sollte hier eigentlich der Platz so genannt werden: „Platz der Opfer der Statistik", naja, früher hieß er schon anders, dieser Platz, und in Zukunft wird er bestimmt wieder umbenannt werden und ich bin mir zu 99 Prozent sicher, daß dies in meinem erwähnten oder ähnlichem Sinne geschehen wird.

© Werner Pentz

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Kapitel IV Stofftiere kriegt man nicht mehr los

Beitragvon Pentzw » 07.01.2021, 17:00

a) Stoffhund soll weg

Auf dem Heimweg begegne ich Fido am Bahnhof. Wir haben die selbe Richtung nach Hause, nur ich steige ein paar Stationen vor ihm aus. Sowie er mir entgegentritt, kommt: „Ich werde verfolgt!“ Gehetzt schaut er sich links und rechts um.
„Von wem?“
«Von der FBI!“
„Aha!“
Immer wieder kommt er mit diesem Spruch, den ich ihm schon beim zweiten Mal Zusammentreffens nicht mehr abgenommen habe. Da man jedem Menschen eine Chance geben muss, hat es so lange gedauert.
Was er damit wohl beabsichtigt? Denn niemand glaubt ihm das. Naja, dafür bekommt er für umsonst schöne bunte Medikamente, vulgo Drogen genannt. Auch etwas wert. Das nennt sich dann Sozialstaat.
«Komm, laß uns etwas in Deckung gehen.“
„Gute Idee!“
Und wir stellen uns abseits in eine Ecke.“
„Hast Du Tabak?“
«Ja, bitte!"
Meine Angewohnheit, die bröseligen Tabakreste meiner Freunde wiederzuverwenden und in einem leeren Beutel zu sammeln, um ihn dann zu rauchen und damit zu sparen, bedeuten für Fidos klumpige Finger, daß die zu drehende Zigarette sich in seinen Händen zu Hunderten von Atomen auflöst und seinen Schoß übersät. Seine feuchten Lippen, seine zähe, weiße, medikamentöse Flüssigkeit in den Lippenecken und seine zu viele Spucke tun ein weiteres, daß die verhaute Zigarette sich nicht nur nicht zu einem schönen Zylinder drehen läßt, sondern auch das Papier durch die Feuchtigkeit zerstört wird. Das Zigarettenpapier flattert zu Boden, der Filter kugelt hinterher und mit einer wegwerfenden Gestik des Ärgers wischt sich Fido die vielen Brösel von Schoß und Schenkel. Er gibt also das Drehen auf.
„Und ich habe mich heute schon gewaschen, Mist!“ Das ist sein zweiter immer wiederkehrender, unvermeidlicher Spruch. Das irritiert noch mehr wie seine Paranoia vor Geheimdiensten. Denn zu erwähnen, man habe sich heute schon gewaschen, ist das denkbar Absonderlichste, geht man davon aus, daß dieses Prozedere der Körperwaschung sich eigentlich von selbst versteht und zumindest unumgänglich und zwingend ist, sobald man sich auf die Straße und unter Menschen begibt.
Aber mit anderen Zigaretten, mit gekauften, maschinellen kann ich ihn auch nicht erfreuen und so sage ich lax hin: „Ich habe leider keine anderen!“
Klar, ich hätte damit rechnen können, daß er jetzt sagt: „Dreh mir eine!", aber das tut er nicht. Gerade deswegen habe ich dies gesagt, damit er gerade dies nicht sagt und nicht auf diese Idee kommt.
Zudem, der Zug kommt.
Diese rotierenden, stählernen Räder auf den klobigen Schienen würden jeden Gegenstand, zumal aus Textil, Stoff und Baumwolle bestehenden unter sich zermalmen. Erschreckende Vorstellung! Schnell übergebe ich Beluntschi Fido. Ja, dieser Stoffhund hat mir so viel Unglück gebracht, daß ich ihn jetzt aus aus einer spontanen Laune heraus am liebsten vor den Zug geworfen hätte.
Soll sich Fido ruhig eine Zeitlang damit belustigen.
Er hält ihn sich vor das Gesicht, wie eine Handpuppe, schäkert, zwinkert, flirtet und tüttelt mit ihm, daß ich instinktiv die Augen verdrehen muss.
Fido mangelt es eindeutig an Zusprache, Nähe und einem Spielgefährten. Aber Mensch, was liegt näher? Für den wäre dies vielleicht eine Lösung seines offensichtlichen Problems eines fehlenden Partners.
Für mich ist Beluntschi eine Last, ein Pech, ein Unglück. Für Fido bedeutet er wahrscheinlich das Gegenteil.
Damit hätte ich auch mein Problem gelöst.
Nur wenn ich ihn abstoße - bekomme ich dann Schwierigkeiten?
Der anstehende Gerichtsprozeß!
Ohne Beluntschi.
Das weiß ich nicht, ob er noch gebraucht wird.
Schön, wenn jetzt Kontrolleure kämen – ach, die wissen auch nicht Bescheid...
Alles in allem, was ich jetzt abwiege: ist nicht davon auszugehen, daß Beluntschi selbst vor Gericht erscheinen muß – ach Quatsch ist doch, daß das Gericht ihn begutachten, sich eine Vorstellung machen will von ihm, zum Beispiel hinsichtlich des Verstecks des verräterischen corpus delicti.
Ich musste mit allem rechnen.
Überleg Dir’s scharf!
Gibt es einen gewieften Rechtsanwalt, der demonstrieren wollte, daß ich nicht Bescheid wissen konnte, weil der Hintereingang Beluntschis, der Rektus nämlich, viel zu tief lag, als daß ich die verbotene Frucht sehen oder sie mir ins Auge hätte springen müssen? Ein scharfer Staatsanwalt im wahrsten Sinne des Wortes könnte mir dies unterstellen und behaupten, es hätte mir auffallen müssen, daß im Stofftier ein Gegenstand steckte und sich befand – und dann mußte da das Stofftier vorhanden sein, zur Verfügung stehen, um untersucht zu werden, insbesondere in dem betreffenden Körperteil geschaut und gefingert werden – wie, mag ich mir gar nicht vorstellen! vor den Augen der Öffentlichkeit!?!? (Ist der Autor nicht anal-erotisch fixiert?)
Nein, unvorstellbar! Zu diesem Zweck würde der Richter bestimmt die Öffentlichkeit ausschließen, oder?

b) der Clown

Ich schaue wieder das drollige Bild von Beluntschi und Fido an. Da haben sich aber zwei gefunden.
Morgens, wenn er die Augen auftut, würde er sein Blick auf einen knuddeliger, lächelnden Stoffhund fallen und Beluntschi mit „Bambino mio" begrüßen, aber halt, so ist er nicht drauf! Ihm jetzt einen latenten Vaterkomplex zu unterstellen, besser Mutterkomplex... Aber doch, doch, gut vorstellbar, daß Fido schon als Kind gern mit Puppen gespielt hat. Er kommt ja aus einem anderen Kulturkreis.
Aber egal, irgendwie hat er an ihm einen Narren gefressen, das sieht man.
Wie nun verfahren?
Drei Dinge sagt er gerne, vielleicht nur um seinem Gegenüber zu schockieren, aber das spielt hier keine Rolle. Gesagt ist gesagt und die Psychologie muß außen vorbleiben.
a) „Ich werde vom FBI verfolgt.“
b) „Und ich habe mich heute schon gewaschen.“
c) „Aufregend, aufregend, spannend, spannend.“
Letzteres habe ich ihn das letzte Mal, als ich zufällig vor ihm im Zug saß von hinten aus der Abteilung für Kinderwagen, Fahrrädern und sonstigen klobigen Gegenständen herausgehört, wohin er von der Zugbegleiterin platziert worden war, auf daß er niemanden störe, vermute ich mal. Immer wieder vor sich hin sagend hörte ich ihn: "Aufregend, aufregend...", wobei er recht unangenehm das G wie ein K aussprach. Ich verstand ihn gut: Niemand wollte mit ihm reden und er konnte die Ruhe um sich nicht ertragen. Er ist ein zwanghafter Spaßvogel, Hanswurst und Clown.
Nun, angesichts all dieser Komponenten, das lässt sich sagen, Verfolgungswahn, Reinlichkeitswahn und Zwangs-Spaßigkeit handelt es sich schlichtweg um „Zwang". Die Frage war, inwiefern konnte dieses psychische Potential genutzt werden. Konkret, inwiefern können diese zwanghaften Störungen in entsprechend gewünschte Kanäle umgeleitet, sprich nutzbar gemacht werden? Ja, wie kann das zusammengehen mit einem gewünschten neuem Verhalten, welches tagestauglich und normal-handlungsanweisend verwertet, aufgebaut und integriert worden ist?
Mir kommt eine Idee.
Ich beuge mich zu ihm vor.
„Hör mal!“ Dabei wende ich den Kopf zurück, um nach hinten zu schauen, dann den Kopf nach vorne, um nach vorne den Gang entlang zu spähen, bevor ich mich ihm wieder entgegenneige.
„Du Fido, ich steck in der Klemme. Ich geb Dir mal dieses Stofftier, aber psst - das ist total geheim. Du musst wissen, dieser Hund wird vom Geheimdienst verfolgt, also von einem feindlichen Geheimdienst. Und jetzt pass gut, sehr gut auf: Du mußt auf ihn aufpassen wie auf einen Schoßhund (ich weiß, daß es Wie-Auf-Deine-Eigenen-Augäpfel heißt, aber ob er das versteht?)“
„Ja!“, haucht er mir entgegen.
Das versteht er also gut und das ist die Brücke, daß er sich den Hund zur Brust nimmt. Darin sind wir uns also einig. Aber das Wichtigste kommt jetzt. Dieses Wissen muß ihm in Fleisch und Blut übergehen. Beluntschi zu behalten, für ihn zu sorgen und aufzubewahren muß ihm zum Zwang werden.
„Und also, wenn ich ihn wieder brauche, werde ich mich an Dich wenden. Solange musst Du ihn sehr gut behandeln, nicht!“
„Ja, mach ich. Aber...“
Jetzt kommt es!
„Denn, Du verstehst kein Wort zu viel, bleib in Deckung und halte Dich bereit, bis ich dich rufe, das hier ist eine geheime Sache, mit unseren Feinden ist nicht zu spaßen. Du verstehst!? Der FBI oder so in etwa!"
„Ja...“
„Ja, mit dem Gegner ist nicht zu spaßen! Die sind mächtiger als wir ahnen. Und schlimmer als Ihr Italiener, also die Mafia aus Sizilien oder Kalabrien.“
Fido verdreht seine Augen so in den Höhlen, daß nur noch Weiß herausglänzt.
Genau, somit werde ich Beluntschi dauerhaft loshaben. Fido wird alt und grau werden, bis ich mir wieder so ein Kuckucksei ins Nest hole, jawohl.
Ich brauche aber noch mehr Handlungsanweisung, einen Tipp, um ihm zu sagen, was er mit diesem Stofftier die ganze Zeit tun soll. Er geht davon aus, daß ich ihn wiederhaben will. Mach es ihm glaubwürdig.
„Du darfst mit dem Hund so viel Spaß haben, wie du willst, gell.“
„Ja, ja!“, freut er sich.
„Aber zerren, kneten und zupfen ist nicht drin, wenigstens nicht zu sehr, kapische!“
„Kapischko!“
„Ich brauch ihn wieder lebend, äh, ganz und unversehrt, weil er noch eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hat. Du weißt gar nicht, welche Bedeutung der Hund hat für das ganze Spiel, für die Welt, für die Menschheit!“
„Welche?“
Verflixt, auf den Mund gefallen ist er nicht.
„Ich kann Dir nur so viel verraten, darf Dir mehr nicht sagen, daß er dem Sohn einer höchstwichtigen Persönlichkeit aus dem öffentlichen Leben, äh der Politik gehört. Und seine Feinde planen einen Anschlag auf Beluntschi, um über den Sohn, der verletzt sein wird bis in Mark und Bein, den Vater und diesen wichtigen Politiker zu treffen."
„Ich versteh!"
Und er dreht den Kopf Beluntschis zu sich her, um ihn ganz tief in seine braunen Augen zu schauen. Ob er darin seine Wichtigkeit entdecken will?
Irgend einen Blödsinn schwafele ich noch von wegen in einer Demokratie geht das Spiel halt so: verletzte niemanden körperlich, aber psychisch hau voll drauf. Und so ein Hund und so ein Sohn sind ultrawichtig für Menschen, äh, sicher, eine Binsenweisheit, nun, aber eben selbst und gerade für Politiker. Besonders für solch seltene Exemplare wie dieser Politiker, der nicht korrupt ist! So behaupte ich kühn und unglaubwürdig.
Daß Fido mir dies nicht abnimmt und zweifelt, ersieht man daran, daß er sich nun mit keinem Wort auf den angeblich bedauernswerten Politiker bezieht. Fido ist weit schlauer als ich denke.
„Ohja, das verstehe ich. Ich mag Kinder.“
„Wie Tiere!"
„Genau!“
„Wie Beluntschi!“
„Wie Beluntschi!“, und er drückt ihn sich fest in die Brust. „Ich pass auf Dich auf, mein Beluntschi. Wirst sehen!"
„Ich hoffe, äh, ja glaube Dir, und glaube, daß er bei Dir in den besten Händen ist."
Frido strahlt vor Freude über dieses dicke Lob.
Waschzwang. - Sein oft gebrauchter Hinweis: "Ich habe mich heute schon gewaschen!" - Wie kann ich diesen nutzen und einbeziehen in meiner Handlungsstrategie für Fido und dem Hund?
„Du musst auch Beluntschi jeden Tag waschen!“
Er schaut irritiert drein. Mustert dann den struppigen, stoffeligen, mauscheligen Körper des Stofftieres von oben bis unten, bis er im Blick direkt in die Augen Beluntschis verharrt, als ob darin die Wahrheit läge und aus ihnen die Notwendigkeit einer tagtäglichen Putz- und Waschaktivität spräche, wendet den langen Blick von Beluntschi schließlich auf mich und ich vermeine in der Irritation darin auch Skepsis zu lesen.
Bin ich zu weit gegangen? Jetzt wird es gefährlich.
„Also, ich meine, ihn nicht direkt mit Wasser, Seife, Lappen und allem zu waschen, wie man das mit sich macht, mit seinem Körper. Wie Du das doch jeden Tag machst, nicht!“ Dabei bemühe ich mich, ihn durchdringend anzublicken.
„Ja, ich habe mich gewaschen!“
„Siehst Du. Und Beluntschi ist ein Staubfänger. Das heißt, Du musst ihn mit einem nicht pitschnassen, aber feuchten Lappen jeden Tag abreiben, damit er vom Dreck gereinigt ist.“
Weiter versuche ich, in meinem Blick die nötige Strahlkraft aufrechtzuerhalten.
Die Frage steht im Raum? Wie überzeugend bin ich?
Das klingt doch logisch. Natürlich ist es so schlimm bei weitem nicht. So staubig wird es bei Fido auch wieder nicht sein, daß er jeden Tag vom Staub befreit werden muss – wenngleich, wer weiß, Fido als Messi einzuschätzen, dürfte auch nicht ganz daneben liegen - aber es schadet auf keinen Fall.
Fidos Gesicht überzieht ein breites Lächeln, das Erkennen, Einsicht und letztlich Einlenken signalisiert. „Aber natürlich, das werde ich machen!“
„Genau, wie Du das ja auch jeden Tag mit Dir und Deinem Körper machst, nicht wahr!“
„Aber klar!“
Meine Freude wird jetzt etwas eingetrübt, da ich einen leicht ranzigen, muffeligen Geruch an Fidos Körper wahrnehme. Nur nicht die Nase rümpfen, sonst nimmt er mir das übel. Ich werfe mich in meinen Sitz zurück, atme groß ein und aus und werfe mich wieder vor.
„Schau her!“
Seine Augen öffnen sich ganz weit. Wie erstaunte Kinderaugen. Hat er noch nie einen Waschlappen gesehen, denke ich dabei, als ich meine Hände so bewege, als hätte ich einen in der Hand.
„Siehst Du, da ist der Waschlappen!“ Ist zwar keiner, aber man musste ihn sich vorstellen.
„Ja!“
„Nun, und nun faltest Du ihn zusammen. So siehst Du, siehst Du, wie ich es mache!“
„Ja!“
Ich falte den Waschlappen.
„Jetzt hast du zwei Seiten. Hast zwar schon vorhergehabt, äh, aber jetzt stehen sie ein bißchen voneinander weg. Das hat seinen Zweck!“
„Welchen!“
„Und zwar der, daß Du dann die eine Seite feucht machst, indem Du sie in Wasser eintunkst, und trotzdem bleibt die andere trocken.“
„Ja!“
„Ich berühre nur eine Seite des Waschlappens mit dem Wasser. Also hier musst Du Dir den Wasserzuber vorstellen!“
„Den was?“
Sofort kapiere ich, daß er, so unglaublich es klingt, wohl keine Wasserschüssel besitzt.
„Also, wenn nicht das, dann tröpfelst Du mit dem Wasserhahn ein paar Tropfen auf diese Seite.“ Und ich demonstriere es ihm. Und schaue auf meine Wirkung.
Große kindliche Augen blicken mich an. Als ob er nicht genau weiß, ob ich Spaß mache. Aber plötzlich stößt er lachend aus: „Aufregend, aufregend!“ und schaut sich nach Zuschauern um, die wohl auch meine Demonstration als Jux empfinden sollten. Gleichzeitig schlackert er mit seinen leider kleinen Ohren und bewegt die Kopfhaut so, als ob es ein Toupé wäre. Das soll lachhaft sein und meine Ernsthaftigkeit ungewollt in Zweifel ziehen. Das kann ich nicht dulden, da ich nachvollziehen kann, das mein stummes Verhalten nach außen hin wirklich ein bißchen lächerlich, lachhaft ist.
Ich rufe ihn zur Ordnung: „Das ist kein Spaß, Fido. Denk an das FBI!" Er nickt schuldbewußt den Kopf. Na also!
Ich muss trotzdem von dieser Demonstration loskommen. Das wirkt nicht. Das geht in die falsche Richtung. Fido ist wie ein kleines Kind. Also mache ich schnell.
„So, jetzt ist die eine Seite feucht. Mit dieser schruppelst Du den Körper des Hundes ab. So wie ich jetzt.“
Ich tue es. Imaginär.
„So, und so, und so!“
Immer mehr weiden sich die Augen Fidos. Seine Augen suchen aber Kontakt mit Umunssitzende.
Du musst rasch zu einem Ende kommen. Das haut nicht hin, denke ich panikartig und etwas enttäuscht. Ein bißchen enttäuscht von mir selbst allerdings.
„So, und nun nimmst Du die andere Seite! Drehst sie also so herum.“
Was ich vorgebe zu tun.
„Und mit dieser Seite trocknest Du dann Beluntschi ab.“
Dies mache ich.
„So, siehst Du. So einfach ist das.“ Und ich versuche die Wirkung meiner Vorstellung in seinen Augen zu erkennen. Zweifel überfallen mich.
Aber Fido sagt: „Ja!“ Und grinst komisch. Allerdings weiß ich nicht, ob wegen der Anschaulichkeit oder wegen des Brimborium, das ich da veranstaltet habe mit meiner Pantomine. Aber ich bin fertig. Ende der Veranstaltung. Vorhang fällt.
Ich werfe mich erschöpft in meinen Sitz zurück und stöhne aus: „Uff, geschafft!“
Ich denke positiv, auch wenn ich mir unschlüssig bin, ob das überhaupt Sinn macht, was ich beabsichtige.
Ich beruhige mich aber. Mag mein Vorschlag und meine Handlungsanweisung bezüglich Pflege des Teddyhundes ein bißchen überzogen und überspannt wirken, aber er wird es schon verstanden und, was wichtiger, geschluckt haben. Und das Gute ist, daß der Nebeneffekt der sein wird, daß er sich seinem eigenen Körper mehr Sorgfalt entgegen bringt. Vom Pflegen des geliebten Teddyhundes zu seines eigenen Körper ist es nicht mehr weit hin. Ja, das Reinigungsgebot bezüglich Beluntschis wird ihn dazu anhalten, seinen eigenen Körper auch zu pflegen. Bildlich vorgestellt: hat er schon einmal den Waschlappen in der Hand, um den Teddy abzuputzen, wird er es auch gleich mit sich selbst machen.
Hoffentlich führt er diese zwei Tätigkeiten nicht mit einem Waschlappen durch!?
Aber schnell wische ich diese Vorstellung auf die Seite.
So gesehen darf ich richtiggehend stolz sein darauf, daß ich mit der Überlassung des Hundes in Fidos Hände zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen habe: mich des Unheilsbringers entledigt und Fido einen Lebenspartner zugeschanzt zu haben, der ihm Aufgabe und Instrument sein wird, gegen seine eigene Schluddrigkeit, Verwahrlosung und Antriebslosigkeit anzuspielen und anzukämpfen.
Welch doppelt gute Tat!

© Werner Pentz

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c) Pinocchio schlägt zu

Beitragvon Pentzw » 19.01.2021, 23:27

Nach einer derart langen Zeit, daß ich mir schon Hoffnung gemacht habe, die Behörden haben den Fall mit den bei mir gefundenen illegalen Drogen als „wegen Geringfügigkeit“ eingestellt, flattert mir ein gelber Brief ins Haus. Gerichtsverhandlung am soundsovielsten – mit dem Stofftier!
Das kann doch nicht möglich sein. Wozu das?
Natürlich, was ich bereits befürchtet habe. Sie wollen untersuchen, inwiefern die Behauptung, von dem Haschischplättchen im Magen-Darm-Trakt des Stoffhundes vorgeben nicht gewußt zu haben, der Wahrheit entspricht bzw. entsprechen kann. Untersuchung des Hundes auf Herz und Nieren sozusagen!
Aber, wie man weiß, ich habe Beluntschi schon längst nicht mehr, ich habe ihn in die treuen Hände von Fido, dem Zwangsneurotiker, wenn nicht Psychiotiker gegeben. Ob überhaupt noch der geringste Fusel von dem Stofftier übriggeblieben ist bei dessen obskurer Behandlung, wovon auszugehen ist, ist die Frage. Die alles entscheidende Frage ist aber, wie hoch wird die Belohnung von etlichen Tausend Euro sein, die der Staat für sich kassieren wird, sofern er zum Erkenntnis kommt, ich hätte von dem Haschisch im Bauch des Stofftieres gewusst, während ich es in Besitz gehabt hatte.
Man merkt schon: ein Zirkelschluß schier und erkennt daraus, daß die Strafe hoch sein wird, weil wer steckt sich nicht gerne die Taschen voll, wenn er kann. Von überhaupt nicht bestrafen und Strafgeld einsacken, kann kaum auszugehen sein – cui bono! – was heißt, wem nützt es und daß dies Ausdruck schon vor Tausenden Jahren existierte, beweist nur dessen Realitätsgehalt. Die Justiz wird wohl zu seinem Zweck entscheiden.
Ich raufe mir die Haare, ich ärgere mich schier zu Tode über die Verfolgung dieses eigentlich längst verjährtes Vorfallchens, finde ich. Aber es hilft nichts. Ergo: Beluntschi musste wieder her!
Auf zu Fido!
Aber halt. Ich weiß gar nicht, wo der haust. Okay, die Stadt kenne ich, in der er wohnt, dort wo auch Loulou, meine Freundin, und Gina, meine Bekanntin wohnen.
Die werden schon wissen, wo Fido zu finden ist. Andernfalls treffe ich ihn mit ziemlicher Sicherheit am Bahnhof, auf der Sitzbank vor den Terminals, wo er wieder einmal vergebens auf jemanden wartet, der ihn erbarmungswürdiger oder besser –halber mit in die große Stadt nimmt, dort, wo man leichter mit Betteln ein paar Eurochen macht.

Vergebens, darauf zu hoffen, ihm zufällig am Bahnhof zu begegnen und die Zeit bis zum Gerichtstermin läuft immer schneller ab, habe ich mir seine Adresse geben lassen. Unterwegs mit dem Bus komme ich in ein üppiges Villenviertel. Eine Nobeladresse ist das ja und noch mehr Bauklötze staune ich, als ich vor Fidos Obdach stehe. Ein einladender, breiter, langer Eingang mit je zwei bis drei Meter langen Marmorstein-Podesten führt zu dem halbkreisförmig hochführenden Stufen der Haustüre. Wie zu einem Schloß!
Voller Erwartung klingele ich. Die Tür springt auf leichtem Druck hin auf und eine geöffnete Flurtür im Inneren heißt den Gast Willkommen. Dorthin hinein gehe ich und stehe in einem weitläufigen Flurgang, von denen jeweils Türen zu den Zimmer abgehen. Dieser Flucht entlanglaufend, schaue ich die jeweiligen Türen an und rätsle, welche wohl Fidos sei?
Tatsächlich stehe ich vor einer Tür, die verdächtig nach Fido, dem Spaß-Zwangsneurotiker, riecht. An der Tür ist ein Hampelmann mit einer Kordel angebracht. Ich ziehe daran, in der irrigen Annahme, daß dieser wohl ein Klingel oder so etwas oder aus welcher verrückten Annahme auch immer oder weil er mich schlicht gereizt, diesen Hampelmann in Bewegung zu setzen. Tatsächlich streckt er lustig sämtliche Glieder von sich, aber aus dem Mitte der Gesichtes, aus der Nase heraus fährt eine riesig große Nase – na logo, Pinocchio – und mir direkt ins Gesicht, just dort, wo sich meine befindet. Wie eine von Kirchweih-Feten beschaffene Luftschlange, in die Kinder gerne hineinpusten, besteht diese aus einem dehnbaren Gummimaterial, so daß mir dieses lange Unding nicht gleich meinen Zinken bricht.
Aber erschrocken springe ich zurück. Ich reibe daran und taste ihn ab hinsichtlich der Möglichkeit eines Knorpelbruches und putze mir sie schließlich mit einem Taschentuch. Plötzlich finde ich mich am Ende der Flurflucht wieder, dicht vor der spaltoffenen Tür.
Von Beklommenheit überwältigt, zögere ich jedoch, sie zu öffnen und einen Blick hinter die Tür zu werfen. In diesem Moment geht das Licht aus. Immerhin ist es ein Dämmerlicht. Schließlich dringt Licht durch den Türspalt.
Zu Angst und Beklommenheit hast Du keinerlei Anlaß, rufe ich mich zur Räson. Jemand klingelt, jemand betätigt den Öffner, womöglich hatte jeder einen solchen in seinem Zimmer oder zumindest hat ein Mitbewohner diesen irgendwo hier im Flur betätigt, dann hat er vermutet, der Gast wird schon wissen, wohin und zu wem er will - schnell zurück zur Glotze, verliere nicht den Anschluß des Krimis, sonst fehlt Dir ein missing link zur Erkennung des Mörders oder so – und ist wieder in seine Domizil zurückgegangen.
Nichtsdestotrotz ist das ziemlich ungehörig, hier einfach rumzustehen!
Oder auch nicht!
Was aber kann ich schon machen? Oder besser: was darf ich tun?
Wirre Gedanken gehen mir durch den Kopf, sämtliche Optionen meiner Lage werden abgeklopft: an einer beliebigen Tür kannst Du nicht einfach so klopfen; dies ist Privatbereich; denk an die Unverletzlichkeit der Wohnung als verfassungsgemäßes Grundrecht der freiheitlich-demokratischen Grundordnung des staatlichen Territoriums, auf dem Du Dich befindest; genau, nicht in einem öffentlichen Raum bewegst Du Dich hier; Du willst nur zu einer Person in diesem Privatbereich; teilt dieser auch seinen mit anderen, so muß er sich durchaus gestört fühlen, drängst Du Dich ihm auf durch Anklopfen seines Noch-Mehr-Privatraumes; es kommt durch ein Anklopfen an die Tür zu dessen Privatsphäre bei diesem womöglich zu einen Schreckmoment und...; jedenfalls muß Du Deinem Gastgeber, der von seiner Funktion ja noch überhaupt keinen blassen Schimmer nicht hat, Zeit lassen, sich aus seiner Privatbereich zu rühren und zu begeben, um Dich Gast zu begrüßen; außerdem hast Du bereits geklingelt; aber das ist unvermeidlich gewesen...; kurzum, bleib ein Weilchen stehen, früher oder später wird schon jemand in Erscheinung treten.
Aber mit der Zeit, mit dem Verstreichen einer Sekunde auf die andere, komme ich mir genauso deplatziert wie, und das ist dann sogar noch schlimmer, blöd vor.
Doch unternehme ich nichts.
Ein Anstandswarten von gut einer Minute führt auch zu nichts und niemanden
Unterdessen kreiseln meine Gedanken weiter. Worum sie sich drehen, dient nur dem Zweck, gegen meine Angst und dem befremdlichen Am-falschen-Ort-Befinden-Gefühl anzukämpfen. Aber vor allem, eine Entschuldigung und Einsicht und Verständnis dafür aufzubringen, daß noch nach etlichen Minuten keiner nach dem Rechten schaut, verflixt!
So denke ich.
Und so denke ich weiter: Klingelt es, dann betätigen die Personen in ihren Zimmern einen Knopf oder treten in den Flur zum dementsprechenden Schalter, um die Eingangstür zu öffnen und verschwinden rasch wieder in ihren Höhlen. Tun sie dies, denken sie, öffnen kann man ja mal, auch wenn der Besuch nicht für Dich ist. Derjenige, der gemeint ist und besucht wird, wird es schon wissen, nachschauen und schließlichen den Gast empfangen..
Ist das möglich?
Ja, denn ich warte immer noch.
Ein Geruchsschwall und ein Duft von einem Essen ist jetzt aber von irgendwo her zu riechen. Wie ein Wolf fange ich an zu schnuppern, drehe mich im Kreis, bis ich direkt vor meiner Schnauze durch den nur einen Spalt weit geöffneten Tür die Quelle des Spenders verorte. Ja, aus dieser nur einen Spalt weit offenen Tür vor meiner Nase, kommt der Bratenduft oder was auch immer. Leider ist mein Geruchssinn mangels Erfahrung eines guten Kochs nicht ausgeprägt und entwickelt. Wenig Variationseinschätzungsskalen besitze ich leider, um sagen zu können, was heute auf den Tisch kommt.
Na, dort, an dem sozusagen öffentlichsten Raum, der Küche, wäre es am opportunsten zu klopfen.
Ich gehe drauf zu.
Zwar ist sie offen, doch wage ich nicht, sie ohne vorher anzuklopfen weiter auf zu öffnen.
Erst als mein Klopfzeichen unbeantwortet bleibt, öffne ich die Tür und schaue wie erwartet in einen leeren Raum.
Niemand.
Also, der Raum ist leer von einem Menschen.
Denn es befindet sich darin durchaus vielfältige, mannigfaltige und unzählige Dinge. Diese Unzähligkeit, diese Fülle und Diversität verursacht wohl meinen Mangel an Einschätzungsfähigkeit hinsichtlich dessen, um welche Art von Raum es sich handelt. Schließlich hätte es sich genausogut um einen Handwerker-Raum handeln, um einen Maler, einen Schreiner, einen Buchbinder, was immer.
Auch Handwerker kochen sich schließlich manchmal an ihrem Arbeitsplatz, nicht wahr?
Da ich erneut eine geschlagene Minute hier vergeblich zubringe, habe ich Gelegenheit, mich hier vertraut zu machen, daß heißt zunächst einmal die vielen ungeordnet durcheinander gestellten Dinge wahrzunehmen und langsam, sehr langsam den Raum zu spezifizieren.
Mein Blick fällt natürlich zunächst auf den kochenden Topf. Auf dem Topf befindet sich ein Deckel. Im Deckel befindet sich ein Loch, aus dem lustig pfeifend der Dampf in einer quierlichen Fontäne wie aus dem Rücken von Mobi Dick entweicht.
Das Kochgerät steht auf einem der zwei nebeneinander stehenden Elektroplatten. Diese wiederum stehen auf einen der Mauer entlang führenden Dreiviertelt den Raum angebrachte Holzplatte, kurzum einem u-förmigen Hufeisen.
Vor der freien Wand, an ihr andockend, steht ein Holztisch.
Über der Hufeisen-Form-Holzplatte an der Wand sind Regale angebracht, auf denen kunterbunt beisammen und nebeneinander und übereinander und zwischeneinander Töpfe, Dosen, Einweggläser und Geschirr die Menge stehen.
Daneben und dazwischen befinden sich weitere Dinge auf provisorisch, nicht festgemachten Regalen, die die u-förmige Holzplatte bedecken, die diversesten kleinen Döschen und Konserven, die man sich nur denken kann.
In den Holzplatten sind zwei eingelassene Chrom-Abwaschbecken, daneben steht ein Plastik-Geschirr-und-Besteck-Abtrocken-Gitter.
Neben dem Tisch wummern zwei sehr alte Kühlschränke vor sich hin.
In einer Ecke stehen Plastiktonnen, rot, gelb und schwarz zur Entsorgung des Abfalls, des Verpackungsmaterials und Wegwerf-Zeugs aller Art.
All dies, scheint mir, deutet darauf hin und spricht dafür, daß es sich hier um eine Küche handeln muß. Die Dinge zumindest stehen im Dienste der Funktion einer Küche. Zu diesem Ergebnis komme ich - komme ich zum Schluß und sage ich mir – man decke ganz allein in einer fremden Wohnung stehend und nicht wissend, wohin, mit wem er es zu tun hat undsoweiter...

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