Aus dem Leben eines Obdachlosen - Erzählung

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Pentzw
Melpomene
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Aus dem Leben eines Obdachlosen - Erzählung

Beitragvon Pentzw » 11.02.2021, 20:20

Am Tag als meine Mutter starb

1. Vormittags

„Ihre Frau Mama liegt im Sterben!“ So die Altenpflegerin, die an mir vorbeihetzt. „Die Kollegin hat dies gesagt, die 30 Jahre Erfahrung hat", äußert sie, während ich sie von hinten entschwinden sehe.
Es ist arktisch kalt, jeder ist in Bewegung, ich auch, der versucht in Zugwagons zu gelangen, wo es wärmer ist als draußen, wo der Kältetod lauert. Für mich ist heute ein Glückstag, denn ein Passant hat mir eine Karte in die Hand gedrückt, mit der ich noch jemanden mitnehmen und etwas Geld machen kann.
Jubelstimmung bricht bei mir aus.
Es ist schwierig jemanden zu finden.
Ein Dunkelhäutiger mit einem Karren für Kartons. Ich vermute, er bringt diesen Schlepproller zu einem Bekannten, von dem er sich ihn über die Feiertage ausgeliehen hat. Weil sein Bild so, so symbolisch wirkt, traue ich ihn nicht zu fragen. Er bestätigt mir, daß er aus Westafrika ist und begeistert wechsle ich ein paar Französisch-Konversations-Floskeln. Er spricht anfänglich wenig Deutsch, Französisch aber sehr gut. Aber in den folgenden brenzlichen Situationen hat er die richtigen gemeinsamen deutschsprachigen Worte parat. Es hat vielleicht an mir gelegen, der allzu übertrieben und umständlich und unterstützt mit zackigen Handbewegungen geredet und gestikuliert hat. Hat ihn womöglich eingeschüchtert.
Als wir dummerweise einmal umsteigen müssen, drückt er sich unmißverständlich aus. Ich fühle mich nicht getäuscht, es hat womöglich an mir gelegen. Hauptsache im Zug, in der Wärme und ein paar Kröten in der Tasche.
Bald erschöpfen sich meine Französisch-Bemühungen und Deutsch zu sprechen, kann ich schon und die Reise dauert noch eine halbe Stunde, so daß ich mich entspannt in den Sitz zurücklehne.
Ist die Mutter jetzt schon tot?
Eigentlich egal.
Für mich ist sie längst gestorben.
Sie haben mich nicht mehr zu ihr gelassen.
Es ist nur ein Ein-Personen-Besuch erlaubt worden. Den hat sich die Schwester ausbedungen. Wie sie sich alles unter den Nagel gerissen hat. Ich habe zwar Einspruch erhoben, da meine Mutter jedes Jahr eine fehlerhafte Unterschrift geleistet hat, aber das Gericht hat dies nicht nachvollzogen. Das hat mir die letzten Penunzen aus der Tasche gezogen. Denn die Justiz lässt sich üppig bezahlen. Als ich zudem die Stromkosten nicht mehr bezahlen konnte, Mitbewohner des Hauses haben diesen angezapft, meine Schwester hat sich geweigert, dies nachzuprüfen und die Elektrikergebühren konnte ich mir nicht leisten, so daß ich auf der Straße gelandet bin. Jetzt hat die Schwester alles in Hand.
Einer unter hundertausenden Obdachlosen-Schicksalen.
Wen interessiert’s?

2. Mittags

Mutter liegt im Sterben, war gerade bei ihr in Gedanken.
Mutter und nicht nur sie, sondern viele andere ältere Menschen auch, habe ich die letzte Zeit mit meiner Flöte erfreuen können, wonach sie mich immer freundlich und herzlich verabschiedet hat: „Ich danke Ihnen recht herzlich!“
Letztmals, als sie sich nicht mehr bedanken konnte, ist sie kälter, schon eingefallenen Gesichtes gewesen, nur mehr schmaläugig und nach kurzer Zeit ist sie wieder eingeschlafen; das Kinn ruhte auf der Brust, das mager und skelettartig gewesen ist. Dünne blaue Äderchen mäanderten darüber.
Hospitalismus führt zu erhöhter Sterblichkeit bei Kindern. Bei älteren Menschen könnte dies auch der Fall sein, da so viele im Stockwerk meiner Mutter in letzter Zeit der Corona-Pandemie hingeschieden sind, sind sie vorher schon wie verlorene Waisenkinder behandelt worden.
Gerne hätte ich Mutter weiter besucht, Schnelltests vorm Seniorenheim hätten doch eine Gefahr ausschließen können? Leider bin ich nicht resolut genug gewesen, diese Idee anzusprechen. Stattdessen fühlte ich mich ohnmächtig und ausgebootet.

Kälter als Tod ist mir hier draußen im Freien. Man weiß nicht, ob die Menschen die weißen Rauchfahnen aus einer freien oder vergifteten Lunge pusten.

Mein Begleiter David kommt aus Burkano Faso und hat eine Möbelkarre bei sich, während wir uns an einem Zwischenbahnhof vor Kälte zittrig die Beine in den Boden stehen. In Bamberg angekommen, verabschiede ich mich, um mir Bücher aus der Innenstadt zu holen und sowie ich zurückgelange, steht er noch immer vor der Bahnhofshalle. Wie ich seinem Notizzettel entnehme, ist sein Treffen in Hallstadt, einem Vorkaff von Bimbam-Berg (die vielen Glockenspiele sind faszinierend). Wir handeln einen Preis mit einer Taxifahrerin aus und ab der Fisch.
Leider habe ich ihm versprochen, auf ihn zu warten. Jetzt durchlebe ich die „Ich komme dann“, aber nichts da und wieder: „Aber sicher komme ich 13 Uhr“, und wieder nichts da.
X-mal wird telefoniert und blinder Alarm gemeldet, bis er schließlich überraschend mit einem Bus erscheint, nachdem ich mit meinem Stehvermögen, den Nerven und der ganzen Welt in Widerstreit geraten bin.
Zu schlechter Letzt passiert mir etwas noch nicht bislang Geschehenes: ich lasse eine Mineralwasserflasche am Bahnsteig stehen.
Zurückgekommen ist er mit seinem Möbelpacker-Karren, auf dem eine ältere, hölzerne Nähmaschine liegt, die er gebraucht erstanden hat. Ein Schmunzeln überwältigt mich bei diesem antagonistischen Anblick eines Gerätes, das auf dem Kopf gestellt und vier etwas dunkelfarbigere, kurze Beine herausragen lässt. Solch ein ein ähnliches braunes, hölzernes 50Jahre-Möbelstück, allerdings ein Nachtischschränkchen, habe ich einst mein Eigen genannt, ein Erbstück meiner Mutter.

Bevor wir losfahren, bitte ich ihn wieder um Geld. Er sagt, in Nürnberg stünde ein Automat. Wir haben noch Zeit, dort drüben sei ein Selbstbedienungs-Terminal, zudem von seiner Bank, entgegne ich. „Lieber in Nürnberg."
In Nürnberg: „EC-Karten-Pin-Eingabe – falsch." Dies dreimal. Bei letzten dritten Mal, als es die Karte erneut ausstößt und also nichts mehr geht, beginne ich innerlich zu lachen.
Das Prozedere mit den Anrufen seiner Frau und seinem Sohn steigert nur meine Heiterkeit. Zuerst will die Frau zum Bahnhof hierhergefahren kommen, aber nach einem weiteres Anruf sagt er, wir müssten zur Haltestelle Plärrer. Dort warte sein Sohn.
„Helfen Sie mir bitte!“, sagt er mitleiderregend.
Wir passieren den Plärrer. Ich sage nichts dazu. Ich bin auf alles vorbereitet. Er meint, es sei die übernächste Haltestelle, Sündersbühl. Bühl heißt soviel wie Halde, Hügel, Sand- oder Heidewölbung und „Sünder“ spricht für sich. Ob es zu einem Offenbarungseid kommt?
Unterdessen äußere ich mich begeistert über seine Möbel-Karre. Mensch, denke ich, so eine könnte Dir auch einmal dienlich sein, nachdem Du Dich dumm, bucklert, körperversehrt und zerschunden malocht hast und Du wieder in den Privileg einer Wohnung kommen solltest. Er sagt, er habe sogar zwei besessen, aber eine sei ihm in der U-Bahn, als er eingedöst sei, gestohlen worden.
Ein schlaksiger Junge erwartet uns, in der Hand ein paar Scheine. Er weicht ein paar Schritte zurück, als er sieht, wie sein Vater mit dem Antiquität, das mit dicken Gummibändern fixiert und umspannt ist, mit dem Rücken voran aus der selbstfahrenden U-Bahn tritt.
Hat der Anblick des Vaters in der Rolle des Möbelpackers den Jungen schiniert? Es hat so ausgesehen, als wolle er Reißaus nehmen, als er ein paar Schritte zurückgetreten und sich beinahe umgewendet hat.
(Ich habe mich in der Öffentlichkeit in der modernen Kleinstadt im Beisein meiner biederen Familie, vor allem Mutters und Vaters, auch immer geschämt.)
Der Sohn wird mit einem zusetzenden Tonfall angeschnauzt? Weil er die zu entrichtenden 8 Euro nicht parat hat? Aber ich überreiche ihnen, als habe ich es geahnt, im gleichen Moment zwei Euro Rückgeld.
Dabei bekomme ich gar nicht mit, daß nunmehr die Gegen-U-Bahn einfährt, die mich sofort zum Bahnhof zurückchauffiert hätte. Aber es ist zu spät.
Stattdessen verfolge ich mit hypnotisierten Blicken, wie die beiden - der Ältere scheint den Sohn mit „Schimpfworten“ zu übersäen - durch die U-Bahnhalle zum Lift gehen, auf den ich mich gleichfalls gebannt angezogen hinbewege. Sowie die Türen des Aufzugs schließen, winkt mir mein Gast noch einmal freundschaftlich zu und ich zurück.

3. Abends

Der Wind fegt rau über den Gehsteig, so daß er weißes Schneepulver wie Sand über Dünen hinweg gleich Vorhängestores treibt.
Ausgefrorene Hände reiben sich klamm um- und aneinander, um sich zu wärmen.
Harscher Schneereif, Schneeschorf, erkaltetes schrundiges Weiß bildet sich zusehends mit der anziehenden Kälte.
Eine verwaistes Etwas schlingert über die Eisfläche, bleibt liegen, bäumt sich auf, bewegt sich wieder fort und kommt auf mich zu, eine verlorene Puppe.
Wer hat sie verloren?
Ich drehe mich weg, weil ich den Anblick schwer ertragen kann.
Einen Moment später schlägt die Puppe gegen meine Füße wie ein verlorenes Tier, das einen neuen Herrn und Begleiter sucht. Es ein Kobold, eine Fasnachtspuppe, keine Schmuse- sondern Schreckfigur. Ich hebe es auf: ein Spielgefährte für einsame Stunden und das neue Kopfkissen für des Nachts zugleich.
Ich stopfe es in meinen Rucksack.
„Hier ist mein Messer,
mein Brotbeutel,
hier meine Puppe!“
Plötzlich muß ich mich an eine Mauer lehnen und keuche. Die Pumpe will nicht mehr so wie ich wohl will und soll und... Aua, zudem die Brustschmerzen, beidseitig dort, wo die unteren Rippen verlaufen.
Schnappen nach Luft, die feucht, kalt und weiß ist wie der Tod.
Weiße Nächte.
Die Höhlenbewohner, die Silhouette, die ich kurz gegen das grelle Licht gesehen habe; die Umrisse eines Mannes, der sich nach vorn beugt und die Hände gegen Unterleib oder Hüfte hält, als wollte er sich mit den Armen wärmen und den Kälteschmerz lindern. Man müsse sich so klein machen, seine Glieder ineinander verschränken wie ein Embryo, um der Kälte die wenigste Angriffsfläche zu bieten und es so am wärmsten zu haben.
Metallene Stimmen - hoffentlich nicht sogenannte „Sicherheitskräfte!“
Torkelnder Abfall.
Zerfetzte Matratzen.
Ineinander verkeilt wie eine Lämmerherde liegen Menschenkörper auf dem Boden – nur nicht darüber stolpern, sonst verletzt Du andere.
Hausrat, der seit Monaten in leeren Straßen bis zur Auflösung in Regen und Staub gelegen ist, beginnt zu brennen, erst zu schwelen, dann mit schwerem, schwarzen Rauch aufzusteigen, schließlich mit leicht lodernden, gelben Feuerspitzen zu brennen, dann mit grell-roten Flammen hochhinaus zu züngeln, daß einzelne Lohen davon wegfliegen.
Es spendet Wärme, aber auch Rauchvergiftung.
Was ist einem lieber? Diese Wahl hast Du!
Ein Gesicht, nur eine Handbreit vor meinem. Ich schrecke zurück, denn ich ich habe ihn nicht gleich gesehen.
Da sitzt ein Mann auf einer Bank im Dunkeln. Neben sich einen Plastikbeutel mit Lebensmitteln. Für mich ist kein Plätzchen frei.
Auch ich bekomme Hunger, esse einen Hering aus der Konserve, drei Meter von dem Fremden entfernt. Er beginnt zu erzählen, während ich mit den Händen den Fisch herausfingere, die ölige Tomatensoße vorsichtig aus der Dose schabe, damit ich mich nicht schneide, wobei ich höllisch aufpassen muss, nicht im schwankenden Stehen in der Kälte umzukippen. Der Mann hat sich in die Hose gemacht, unter dem Bänkchen bildet sich eine schwarze, dicke Lache. Er erzählt und erzählt. Mit einer Brötchenschnitte schabe ich den Rest aus dem Weißblech. Plötzlich steht er auf und hält zwei große, bunte Fotos in die Höhe, deutet darauf, murmelt etwas dazu – sieht aus wie eine Frau und ein Kind. „Komme mir nur nicht zu nahe!“ „Jaja, ich halte ja Abstand.“ Die Seuche will ich mir nicht auch noch an den Hals holen. Er erzählt von guten, besseren Zeiten, das ist mir nun klar. Ich werfe das Metall in einen Abfalleimer, tupfe mir mein natürliches Geschirr, meine Hände, besonders meine Mundwinkel mit einem Papiertuch ab, das ich aus dem Zugklo stipitzt habe und tue auch diese in den Eimer.
„Halt die Ohren steif!“
„Danke!“

4. Nachts

22 Uhr

Stimmen hört man, nicht metallene von den sogenannten "Sicherheitskräften“, denn die haben lustige, schrille, belegte Stimmen, machen dauernd Spaß, witzeln über den und jenen und lachen sich gerne einen Ast über kuriose Situationen, die zulasten von Obdachlosen gehen.
Man hat sich in den Bahnhöfen am Boden auf seinem Schlafsack auf der Isomatte dicht an dicht gedrängt.
„Hast ne Zeitung gefunden? Les mal vor!“
„Okay."
„Präsident Steinmeier plädiert auch dafür, daß der Impfstoff der ganzen Welt zugute kommt."
„Dieses Arschgesicht. Der war doch der willige Vollstrecker der Hartz-V-Gesetze."
„Sein Volk, pardon seine Bevölkerung ist obdachlos, ernährt sich mit schlechtem, gesundheitsschädigendem Essen und er spielt sich als Weltverbesserer – und –heiler auf!“
„Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“
„Und diesen Russenrebell hofieren sie auch!“
„Da können sie sich moralisch entrüsten!“
„Die Sentimentalität ist die Waffe der Schlächter.“
„Ich bin einmal bis nach Russland gekommen. Die Mafia, sag ich Euch. Und die Menschen liegen auf dem Boden, einer stößt mit dem Fuß gegen seinen Kopf, zwanzig andere schauen fasziniert zu.“
„Jedes Volk verdient seine Führer!"
„Ohne Putin wäre dort das kriminelle Messerstecher-Chaos los!“
„Aber mal zu unserem Nachbar. Im Franzosenland sieht es nicht besser aus. - Die Gelbwesten haben schon recht, wenn sie protestieren.“
„Aber bitte nicht die deutschen hierzulande!“
„Bewahre uns davor!“
„Amen!“, kommt es unisono und von allen Seiten.
„Was ich sagen wollte: das elitäre Elitedenken soll ja dort noch schlimmer sein als hierzulande.“
„Deswegen ist die Gelbwesten-Bewegung gerechtfertigt gewesen. Aber sie haben sich von ihrem Monsieur Präsident mit Versprechungen abspeisen und im Keim ersticken lassen. Abschaffung der Eliteschulen – pah!"
„Ja, wie im Freistaat Bayern der Ministerpräsident und Landesvater Söder. Die Beamten sollten dezentral übers Land versetzt werden, einige Städte sind in Vorleistung getreten, haben die nötige Infrastruktur aufgebaut, aber keiner dieser Wohlstandssäcke mit Privilegien ohne Ende ist aufs Land versetzt worden. Die kuscheln sich lieber in nem Schwabinger Jazzschuppen und schoppen sich am Marienplatz bankrott, wenn das ginge...“
„Eieijei... Uah...“

23 Uhr – Reflexion

Kein Gefühl für Chronologie und zeitliche Zusammenhänge.

Ich schreibe in dieses Tagebuch das hinein, was mir in den Sinn kommt. Manchmal ist vergangenes Erlebtes so intensiv, daß ich glaube, es jetzt wirklich im Hier und Jetzt zu erleben...

Getriebensein und Lauf durch die Nacht

„Der Wille wird erregt." Glough

Ich weiß um meinen Zustand schon, aber eindrücklicher kann ich mir nicht bewußt werden, als ich gestern auf der Schüssel saß und gar keinen Drang verspürte. „Du sitzt aufm Klo und musst nicht“, sagte ich zu mir. Laut. Wie ein Menetekel. Wie laut herauszuschreiender Makel, der verkündet werden muss.

Ich muss stopp machen. Es läuft etwas schief. Es läuft aus dem Ruder, d. h. meine Handlungen sind nicht von meinem Willen, meinem Bewußtsein, von m i r gesteuert. Das wieder zu erreichen, bei sich selbst zu sein, nicht mehr Zwangsautomatismen unterlegen zu sein, nicht mehr getrieben zu werden, ist mein Ziel fürderhin. Ich muß also Schritt für Schritt machen, überlegen, bevor ich einen tue, ob ich ihn tun w i l l.

Über allem steht die Frage: wie komme ich herunter; beruhige ich mich; nehme das Hier und Jetzt wahr – nicht mehr hippelig - aber die Geldnot – die löchrigen Schuhe und die feuchten, kalten Straßenbelage - oder gar nicht vorhandenen Kleidungsstücke wie ein fehlender fester Winter-Anorak.
Ist es der Frost, der meinen Willen erregt?
Ja, ich brauche mir keine Fragen mehr nach dem Sinn und den ganzen anderen Unsinn stellen. Ich weiß nur, daß ich überleben will, was mich bewegt, ist die nackte Angst vor dem Tod, der Wunsch zu überleben, einfach zu leben.

Und doch: ich muß mich bewegen. Einerseits bewege ich mich zu viel und weiß oft nicht, warum ich mich jetzt dort oder hierhin bewegt, dies oder jenes getan habe, aber andererseits bin ich dann getrieben, wenn ich von der Kälte weglaufen muß, in wärmere Gefilde, zu einer einigermaßen warmen Schlafstätte zum Beispiel.

Ich laufe durch die dunkle Nacht. Irgendwo dort sieht man Licht. Dorthin muß ich zumindest gelangen.
Aber wieder keuche ich. Ehemals habe ich es genoßen, die frische, von Sauerstoff gesättigte, kalte Luft einzuatmen, wenn ich durch den Schnee stapfte: Gesundheit, Frische und Natur pur, dachte ich dabei. Jetzt aber schmerzt jeder Atemzug wie mit Messern - und Muskelkrämpfe packen Stellen am ganzen Körper wie eisige Klammern.
Doch ich stürze mit aller Kraft des Willen vorwärts, wenngleich der Körper nicht mehr die Energie dazu aufbringt. Aber ich muss ans Ziel kommen, andernfalls, hier einzusacken, auf den Arsch zu fliegen, sitzenzubleiben, nicht mehr aufstehen zu können – was dann? Kältetod? Mögen, wenn ich Glück habe, ein paar Passanten vorbeikommen, den Notfalldienst informieren, während sie mir aufhelfen, nicht mehr an der Kältefront zu liegen und zu sitzen – bestenfalls, und wenn nicht? Was wahrscheinlicher! Jetzt treibt mich die Angst an, die Angst vorm Kältetod, ein Rennen gegen die Kälte, die wie eine Wand ist, gegen die man stößt und sich bislang immer durchstoßen lässt. Ich will Leben!
Und weiter.
Ich merke, ich hyperventiliere. Schweiß bildet sich auf meiner Stirn. Ich lange an diese. Dann weiter. Ich lange an meine Haare, die der Schweiß schon lockig gemacht hat. Frieren und Schwitzen – ist nicht gut!
Die Brille ist beschlagen, durch die Maske kann ich kaum atmen. Ich ziehe sie herab. Ohne sie gehe ich weiter. Die Mantelkapuze schützt meinen Kopf, aber unter der ist es wie in einem Hochkessel voller Hitze und Schweiß.
Weiter.

Ernährungsfrage

Ich muß mich trennen können, Ballast abwerfen, wie nach der Kündigung meiner eigenen Wohnung, da mußte ich dies und das abgeben, weggeben, loslassen – vernichten! Muß ich einiges aus meinem Bewußtsein tilgen? Aber das kann man nicht. Das Gehirn vergisst nicht. Nur bewußt sein!

Mein Keuchen, meine starke Herztätigkeit, mein Stechen in den Lungen verweist auf Herzprobleme, hat der Arzt gesagt. Ich verdränge es, versuche, nicht daran zu denken.
Leichter gesagt als getan. Die Wahrheit holt mich ein.
Um mir die Zeit zu vertreiben, versuche ich ein Buchstabenzahlen-Rätsel zu lösen. Man muß für jede Zahl einen Buchstaben einsetzen. Ich komme zum ersten Wort: „ABNAHME" - aber ich finde keine weiteren Wörter und die entsprechenden Buchstaben. Als ist der Einsatz der Buchstaben, in diesem Fall B und M, die ich noch nicht habe, falsch. Es ist wie der Wunsch des Gedankens, der sich in diesem Wort ausdrückt.
Was sagt mir das?
Es verweist auf meine Unfähigkeit, nicht zu wissen, wie ich mein Gewicht verringern kann. Wenig Geld ist schlechtes fettmachendes Essen; Dickleibigkeit belastet das Herz bei Bewegung, woraus zwei Konsequenzen ersichtlich sind.
A) Kälte bedrückt das Herz. B) Fettleibigkeit, die abgebaut werden könnte durch viel Bewegung, das heißt überflüssige Schichten runterbringen, runtertragen, abtragen – aber das kann ich nicht – wegen des Herzes.
Meine Muskeln kann ich nun vergessen, da Fett in der Kälte besser wärmt. Wenn ich mich nicht bewege, gehen meine Muskeln weg, aber das Fett bleibt. Das ist insofern gut, als Fett in der Kälte besser und mehr wärmt als Muskeln.
Viel bewegen kann ich mich nicht, da das Herz damit belastet wird. Ich sehe nur als Ziel: abnehmen – dies durch FdH, also durch weniger Essen und gutes Essen. Bei gutem Essen stellt sich am ehesten ein Sattheitsgefühl ein. Bei schlechtem hat man nach wenigen Minuten erneut Hunger und stopft erneut hinein, ein circulus diabolis. Für gutes Essen zubereiten, bräuchte ich eine eigene Küche. Die Dampfkost des Catering-Firma-Essen wirkt gegenteilig, selbst Gemüse und Salate sind mit künstlichen Geschmacksverstärkern und mit minderwertigen Zutaten versehen, angereichert und versetzt.
Wie gelange ich aus dieser Zwickmühle?
Ich sehe keinen Ausweg.

Ein weiterer Fakt spricht für diese Konsequenz abnehmen zu müssen.
Zwar schreckt Muskeln und Fett gleich vor zudringlichen Menschen ab und da ich vor der Wahl stehe, gibt es nur eins: also Muskeln weg.

Heute endlich wieder einmal rasieren können, in einer Waschlatrine der Inneren Mission. Die Klinge war jedoch so stumpf, daß ich mir die Haut unter der Nase aufgeschürft habe, so daß mich schon einige angepöbelt haben: „Na, Du Nasenschartiger!" Darüber habe ich herzhaft lachen können.


© Werner Pentz

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