Der ultimative Heimatkrimi - Roman von Verbrechern wider Willen

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Pentzw
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16. Die Befragung

Beitragvon Pentzw » 10.09.2021, 20:45

Der Arzt wurde ins Büro des Untersuchungsbeamten von einer Polizistin geführt.
„Wie geht es der Familie?“
Die Angesprochene streckt ihren Ehefinger mit Goldring nach vorne gestreckt, als wollte sie jemanden verhexen oder abwehren.
„Gut, gut, wie immer. Und selber? Die Gemahlin schon übern Berg?“
„Ja, mittlerweile schon. Bei der exzellenten Betreuung!" Damit meinte sich der Kriminaler selbst.
Die Polizistin zeigte ein aasiges Lächeln, bevor sie schnell verschwand.
Der Arzt ist daraufhin noch deprimierter als sonst. Er mußte an seine eigen Ehe denken. Seine Gemahlin würde so schnell nicht über den Berg sein, egal, wie sehr er anschob, was er in den letzten Tagen unermüdlich getan hatte. Die verkorktesten Entschuldigungen brandeten an einer schweigenden Mauer oder einem aufschreiendem Schwall von Gezeter ab.
Der Kollege begann damit: „Wir stehen vor einem Rätsel. Es sind so viele Fragen offen, daß wir gar nicht wissen, wo anfangen? Wüßten wir nur das Motiv?“
Der Arzt schaut verschämt in eine Ecke.
Ja, die Suche nach dem Motiv zur Entführung – nur zu gerne würde er helfen, das Rätsel zu lösen. Damit müßte er von dem Schwarzgeld erzählen. „Es befanden sich 1000 Euro in meiner Tasche. Diese entdeckten die Ganoven. Daraufhin wurden sie zur Erpressung verführt. Sie gingen davon aus, daß bei mir mehr herauszuholen war, mehr, viel mehr. Woher die 1000 Euro kommen? Das ist unversteuertes Mietgeld unseres vierten Hauses. Darin wohnt ein Grieche. Der hat durch sein Restaurant immer schön Schwarzgeld. Das hat er mir ein paar Tage vorher wieder einmal gegeben.“
Nein, das ging nicht!
Er saß ganz schön in der Zwickmühle!
Wovon der Arzt ausging: der Kriminaler wußte nur von dem Videomitschnitt der sexuellen Handlung zwischen ihm und der Krankenschwester, die auf eine Internetseite geladen worden ist. Daß war insofern richtig, als weder er noch der Hauptkommissar wußten, daß Blondy nicht nur dieses Szenario, sondern. weil der Camcorder weitergelaufen ist, das anschließende Gespräch zudem aufgezeichnet hatte, das offenbarte, daß 1000 Euro Schwarzgeld im Spiel waren. Bislang war der Computer Blondys noch nicht ausgewertet worden, worauf sich die Videoaufzeichnung in ihrer ganzen Länge befand.
Zum Glück des Arzt freilich.
Des Kommissars haarsträubende Gedanken und Vermutungen zeigten sein Tappen im Dunkeln von Sackgassen. 'Stecken Arzt, Polizist und dieser Ernst unter einer Decke? Ein Familienkomplott sozusagen. - Oder wollte der Arzt allein seine Familie erpressen, indem er sich entführen ließ von zwei gedungenen Gaunern? Diese haben ja die Dienstpistole von des Polizisten-Neffe gehabt, die ihnen in diesem Fall der Arzt hat zukommen lassen, weil der Polizist sie ihn entweder geliehen hat oder vom Arzt beklaut worden ist? Wo? Bei ihm Zuhause? Der Arzt ist davon ausgegangen, daß er die Pistole nach der Entführung wieder klammheimlich zurücklegen kann. Hm... Oder steckt auch der Polizist mit dahinter?'

Der Polizist schaut verschämt in eine Ecke – nachdem ihn der Ermittler noch kollegial begrüßt hat. Zwar ist dieser von der Kripo und er bei der Verkehrspolizei, und persönlich kennen tun sie sich auch nicht, aber es verbindet sie der Umstand, daß sie in der gleichen Gesellschaft, beim Staat und zudem privilegierte Beamte sind, die aber besondere Pflichten besitzen.
Das befeuert eben das Problem. Der Polizisten kriegt das Gefühl nicht los, er habe die Berechtigung zum Kollegiatentum verspielt, was ihn um so mehr schmerzt, als er sich bislang immer als mit Haut und Haaren ehrbarer Polizist gesehen hat.
„Du weißt Kollege, ich muß Dir unangenehme Fragen stellen!“, kommt es zunächst im vertraulichen Tonfall. Er nickt schweigend dazu. Als ob er nicht wußte, was auf ihn zukäme. Aber er weiß nur zu gut und hält es sich stets vor Augen: Familie ist das eine, Beruf das andere.
Ein lächerliches Licht würde auf ihn fallen zu berichten, er habe sich den Cabrio einen Tag vor der Geldübergabe auf eigene Faust angeschaut und so unvorsichtig dämlich verhalten, daß er eine über die Birne gekriegt und ein Niemand von Kleinkrimineller ihm mir nichts dir nichts die Dienstpolizei entwendet hat.
Schlimmer aber noch war eben diese Verheimlichung. So fühlte er es immer mehr. Er schaute verloren in des Hauptkommissar Gesicht, wandte wieder den Blick schnell woandershin, zum Fenster hinaus.
Durch diesen sieht er eine Taubenschar auf dem Dach des gegenüberliegenden Haus. Sie verschissen dort die Balkone, daß es zur wahren Landplage geworden war. Der Hygiene wegen hatten die Mieter ihre Balkone mit Eisendraht vernetzen müssen, was zwar die Kacke abhielt, aber die Sicht mit einem Gitternetz verunzierte. Von daher mussten sich die Mieter wie eingesperrt vorkommen – wie im Gefängnis.
Seine Brust fühlte sich an wie ein Zentner Betonsack. Wer weiß, was die Ermittler nicht alles im Hintergrund hatten oder noch herausfinden würden? Aber noch wichtiger war ihm die Aussicht, ob er sich wie im Gefängnis vorkommen will, verwoben und verstrickt in Lügen, Halbwahrheiten und Vertuschen.
„Wie kommt es nur, daß die Gauner Deine Dienstpistole hatten, als man sie aus dem Autoblech zerren mußte?“
Er zuckt die Schultern. Noch kann er Widerstand leisten, ein Trotz gegen die Preisgabe der Lächerlichkeit. Andererseits denkt er aber, wenn ich nicht das Übel an der Wurzel packe, packt es mich.
„Kann es vielleicht sein, daß...“
Es war doch idiotisch, sich Gitternetze vor das Fenster zu hängen, um sich selbst einzusperren. In solch einem Fall hilft nur eins, meint der Polizist-mit-Haut-und-Haaren: Reduktion der Überzahl, sprich Tauben vom Dach schießen oder seinethalben auf eine andere, etwas humanere Weise, jedenfalls gab's nur eins: Eliminierung einiger Tauben.
So beisst er schließlich in den sauren Apfel.
„Am Sonntag, vor dem Tag der Geldübernahme, die war ja am Montag...“
Der Kriminaler schwieg, um den Polizisten Zeit zu lassen, reinen Wein einzuschenken.
„Als ich also am Sonntag zu dem Fahrzeug gefahren bin, um die Umstände der Geldübergabe noch einmal abzuchecken...“
„Natürlich!“ Das ist aber eine schwere Geburt.
„Na, da hat mich einer der Ganoven hinterrücks...., also, solch ein Schmalspurganoven, meine Dienstpistole entwendet.“
"Entwendet, so, so!"
Schlimm, schlimm das erzählen zu müssen. Der Kriminaler konnte beim besten Willen aber nicht ernst, verständnisvoll und jovial reagieren, dazu war der Hammer zu groß.
„Warum aber hast Du nicht alles der zuständigen Stelle gemeldet?“
„Die Familie...“
Der Kriminaler zuckt nervös mit den Augenbrauen.
Was glaubt denn der Kriminaler überhaupt, Mensch. So einfach ist die Sache auch wieder nicht gewesen!
Der Polizisten-Neffe sitzt da mit dem Gefühl, nicht Ernst genommen zu werden.

Ernst schaute hier nicht verschämt in die Ecke, denn er war in seinem Element, wie ein Politiker, der voll im Rampenlicht der Gesellschaft steht. Er blickte dem Kriminaler direkt und unverwandt ins Gesicht.
Und der Kriminaler ist zunächst geblendet von Ernst. Von dem, was jener sehr gut konnte im ersten Augenblick einer neuen Situation, nämlich sonor, solide und strait aufzutreten, als ein Macher, Einer-der-die-Dinge-anpackt und Strippenzieher. Voll kompetent eben! Wie ein Politiker darum! Mochten die Tabletten ihren Anteil an seinem stählernem Auftreten haben.
Nun, etwas Merkwürdiges wurde doch allmählich in seinem Ansehen deutlich. Seine Augen.
Diese fielen wegen der dichten, buschigen, struppigen Brauen zunächst deshalb nicht sofort auf, weil Ernst ein blonder Typ war und wenn nicht weiß, so grau waren.
Irritierend, kann man jemanden nicht in die Augen blicken. Unsicherheit macht sich breit.
Deswegen macht der Kriminaler einen taktischen Fehler: er beginnt sofort mit dem Verhör.
„Wie kommen eigentlich die Verbrecher in den Unfallwagen? In den, den Sie dienstlich gefahren haben? Stecken Sie mit Den Erpressern unter einer Decke? War am Strandparkplatz die Übergabestelle, wo sie das Fahrzeug den Fliehenden zur Verfügung gestellt haben? Sie haben mit diesen kooperiert, da sie sich im Transporter befanden, als sie nach dem Verkehrsunfall aus dem verbeulten Fahrzeug gezogen worden sind?“
Ein kühner Zusammenhang, der sehr plausibel klang, dachte Ernst. Aber total daneben. Er konnte dem Polizisten nicht erzählen, was wirklich hinter all dem steckte. Daß er den Helden spielen wollte und gescheitert war, sonst wäre seine politische Karriere frühzeitig, noch vor seinem Einzug in Berlin, gestoppt. Übrigens hatte Ernst noch nicht die Zeitung gelesen heute.
„Wenn ich nur erst in Berlin wäre...“, murmelte Ernst dabei. Sein Gegenüber schaut auf.
Was hatte der da gesagt und was hatte es zu bedeuten, wenn er erst in Berlin war?
Zufällig liegt die örtliche Presse aufgeschlagen auf dem Tisch: Ernst, ein Held. Seine Partei konnte auf einen solch couragierten, jungen Mann stolz sein. Berlin wartet auf Dich, Ernst!
Aha, jetzt, wo er in aller Munde als Held dastand, würde er nach Berlin kommen... und?
Das bestätigte hinwiederum des Kriminaler Vermutung der Entführung als familiäre Verschwörung!
„Was würde dann sein, wenn Sie erst in Berlin sind?“
Ernst zögert, vermutet eine Falle und schweigt.
Killerinstinkt! Politikerroutine: sagen, ohne etwas auszusagen. Aber das heißt nicht nichts zu sagen!
Leichter gesagt als getan.
'Mensch, was sag ich jetzt?'
Er überlegte krampfhaft, wie aus dieser Sackgasse herauskommen? Banales, Plausibles, aber Unwahres entging ihm. Aber das war's doch, was Politiker so sehr konnten.
Er merkte, das hier war seine Taufprobe, Feuerprobe als Politiker, jetzt und hier nahm seine Politikerkarriere den Anfang oder das Ende.
Inzwischen rotierte der Polizistenschädel.
Mensch, von woher wehte der Wind?
Ihm wurde gesteckt, daß Ernst das schwarze Schaf der Familie sei und jahrelang arbeitslos gewesen war und mit einem Schmunzeln hatte dieser Kollege noch angedeutet, daß er bei der Firma des Freundes seines Bruders als Mädchen-für-Alles untergekommen war. Die Familie empfand Ernst insgesamt als Klotz am Bein.
Ging man von einem abgekartetem Spiel aus, Bruder und Polizistenneffe wußten Bescheid, dann war alles inszeniert, um Ernst in die Schlagzeilen zu bringen und ihn somit nach Berlin zu katapultieren. Der Bruder der Lockvogel, der Polizistenneffe der Steigbügelhalter und Ernst der Held. Klang logisch.
Aber das war auch wieder irritierend.
Betrachtet man nur mal die Entführer.
Was, wenn die Entführer nicht eingeweiht gewesen waren?
Wenn es sich um einen Zufall handelte, daß die Entführer an dem Abend, während sich Arzt und Krankenschwester im Cabrio liebten, vorbeikamen und sie filmten? Und daraus dann die Erpressung sich ergab?
Nein, das war zu unwahrscheinlich.
Dann waren vielleicht alle eingeweiht? Entführer, Krankenschwester, Arzt, Polizist und Ernst – zum Zweck? Um Ernst einen Aufwind für seine politische Karriere und berlinerische Kandidatur zu vermitteln? Dafür sprach auch, daß nur sie involviert waren und die Polizei außen vorgelassen worden ist; sie waren unter sich und konnten es so hinstellen, daß alles so aussah, als ob die zwei jetzt toten Drogenabhängigen zur Entführung verleitet worden sind.
Der Polizist rümpfte die Nase.
Da blieb nur die Krankenschwester übrig. Sie konnte doch keinen Vorteil aus dem Komplott ziehen. Ihr konnte es außerdem egal sein, ob Karl nach Berlin verschwand oder weiterhin so herumwurschtelte wie bisher.
„Schaun ma mal, was sie zu sagen hat!“

Pentzw
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17. Die Kronzeugin

Beitragvon Pentzw » 22.09.2021, 19:41

Vor dem Kriminaler sitzt ein Häufchen Elend.
Sie hat ein paar Kratzer an der rechten Stirnseite, die wohl von dem Autounfall herrühren mögen. Die Hände, die gefesselt waren, sind an den Pulsadern stark aufgeschürft, so daß das Fleisch rosa-rot schimmert. Die Haare stehen ihr zu Berg, sie wirkt ungepflegt und verwirrt, da sie nicht weiß, wohin mit den Händen. Violette Krähenfüße leuchten unter ihren Augen. Stirnrunzelnd verschränkt sie ihre Finger zu einer einzigen Hand wie zum Gebet und legt die Hände auf den Tisch.
Sie ist diejenige Person von den Beteiligten, die am stärksten von der Entführung mitgenommen worden ist. Das sprach für seine Theorie der Familienverschwörung, denn die eigentlich Betroffenen, nämlich diese Familienmitglieder, Arzt, Polizist und Bruder zeigten kaum, daß die letzten Tagen an ihnen genagt hätten. Nein, wirklich, daß sie dies alles wirklich bis ins Mark und Bein hinein getroffen hätte, wirkten die nicht.
Aber bei dieser Frau schon. Zeichen der totalen Erschöpfung zeigte sie, wie Menschen nach einer schweren Anspannung, die von einer depressiven Leistungshemmung und Antriebslosigkeit gekennzeichnet sind.
Er fragt zuerst, ob sie einen Kaffee wolle, um zu vermeiden, mit der Tür ins Haus zu fallen.
Nach dem ersten Schluck hat der Kriminaler den Eindruck, daß er jetzt die Katze aus dem Sack ziehen müsse, sonst würde das Hinauszögern das hervorrufen, was er gerade vermeiden wollte.
„ Ich komme jetzt nicht umhin, ihnen einige Fragen zur Entführung zu stellen.“ Vorsichtiger geht's kaum.
Sie reagiert nicht. Als ob sie eine Mauer umgeben würde. Sind diese Fragen überhaupt bis zu ihr vorgedrungen? Ihre Finger umklammern krampfhaft den Tassenhenkel und sind schweißnass. Ihr Kopf wankt leicht? Gleichgewichtsstörung? Wahrscheinlich von den Tabletten her, Beruhigungs- oder Schmerzmitteln.
Der Polizist überlegt, wie seine vorher schon angedachte Redewendung ändern, um damit ihre Trance zu durchbrechen. Aber das geht ihr offensichtlich nicht.
„Ich kann ja verstehen, daß sie bestimmt noch nicht in der Verfassung sind, auf meine Fragen zu antworten, nachdem, was sie durchgemacht haben, aber leider muß ich, um die Ermittlungen fortzusetzen, sie verstehen schon...“ Der Kriminaler aber wußte fast überhaupt nichts, geschweige denn, in welche Richtung seine Fragen gehen sollten.
Er wird von einer schüchternen Stimme unterbrochen, die ihn piepsend leise nach dem Stand fragt: „Wovon geht die Polizei aus?“
„Wir tappen noch ziemlich im Dunkeln, muß ich gestehen.“
Was nur genau sagen? Immerhin deutete er aber die Vermutungen einer Verschwörung an, eine geplante Tat, ein ausgeheckter Komplott der Brüder und Verwandten des Chefarztes.
Zweifel bleiben zurück, ob dies richtig gewesen ist, zu sagen. Zu spät.
Die Krankenschwester schaut starr aus dem Fenster. Als ob sie nicht anwesend wäre. Man konnte aus dem Blick kaum etwas herauslesen, nicht, ob sie nachdachte, ob etwas hängenblieb von dem Gesagten und was überhaupt in ihr vorging. Man spürte nur daran, daß sie angestrengt nachdachte, zumal ihre Augen nur aus schmalen Lidern blickten.

Nachdenken tat sie in der Tat: 'Kann ich mich rächen?' - darum drehten sich diese ihr Gedanken. Nur darum.
Es fällt schließlich ihr Blick auf ihren Gegenüber.
„Ja!“, sagt sie. „Dies könnte durchaus ein abgekartetes Spiel gewesen sein. Dieser, dieser Ernst hat sich so merkwürdig benommen.“
Der Polizist lehnt sich nach vorne.
„Wie?“
Zunächst kommt nichts. Er muß sie noch einmal anstoßen, indem er aufmunternd mit dem Kopf nickt, will heißen: wie, wie, wie!
„Als wäre er ein Held, ein Erlöser, Lebensretter, wenn Sie wissen, was ich...“
Etwas verzögert, obwohl's ihm längst auf der Zunge lag, antwortet er: „Aber das könne unter den gegebenen Umständen durchaus normal gewesen sein.“
Wieder verzögert kommt die langsam ausgesprochene Antwort, die aber sehr bestimmt klingt: „Nein wirklich nicht. - Der ist nicht ganz normal! Größenwahnsinnig, wenn sie wissen, wie ich das meine...“
Sie hat dies gesagt, obwohl sie sich nach dem Umfall um Ernst krankenpflegerisch gekümmert hat, der durch Aufprall auf Blech, Kanten und Ecken von starken Schürfwunden schwer angeschlagen und gezeichnet gewesen war. Man kann durchaus sagen, sie haben sich danach auch sehr gut verstanden und es ist sogar so etwas wie eine kleine Verbundenheit entstanden. Er hat nach dem Unfall aus dem Krankenhausbett heraus ein paar Mal nach ihr gefragt und sie ist gekommen. Warum sie es getan hat, weiß sie eigentlich gar nicht. Bestimmt wieder ihr Helfersyndrom. Denn schlecht ging es ihr ja auch. - Trotzdem, egal wie, er gehört zu dieser Familie des Mannes, der ihr so übel mitgespielt hatte, zu diesem Chefarzt, der sich gleichgültig, gefühllos und indolent verhalten hat gegenüber den bestialischen Vergewaltigern, Entführern und Erpressern, denen sie so dermaßen hilflos ausgeliefert gewesen war, daß es ihr ihm nachhinein noch die Sprache verschlägt. - Und für all das mußte er büßen – und traf es seinen Bruder, diesen Ernst, dann traf es auch ihn, diesen Arzt.
Der Polizist lehnt sich zurück.
Er denkt, das passt gut zu meiner Variante: alles geplant. Ernst ist euphorisiert, weil er weiß, daß er bald nach Berlin kommen wird, so daß alles deswegen aus dem Ruder gelaufen ist am Schluß?
Hm?

Es kommt ein Telefongespräch ins Büro des Kriminaler.
„Entschuldigen Sie!“, und er hebt ab. Während er spricht, blickt er direkt in die Augen der Krankenschwester, die diesem Blick begegnet. Wahrscheinlich geht es um sie, sie glaubt zu wissen, worüber die Telefonierer sprechen. Sie ist empört, sehr, sehr empört jetzt. Der Kriminaler schaut ein paarmal recht scheu in die ein oder andere Ecke, was ihre Vermutung bestärkt. Ihre Wut, ihr Haß, ihr Rachedurst wächst damit ins Unermessliche.
Der Kriminaler legt auf, die Krankenschwester sagt: „Ich glaube zu wissen, worüber Sie gesprochen haben.“
Er schaut sie einen Moment fragend an, antwortet jedoch nicht. Nun hat sie Sicherheit.
„Liege ich richtig?“
„Wie meinen?“
Noch verärgerter ist sie, daß der Kriminaler, obwohl er genau weiß, was sie andeutet, so tut und spielt Mein-Name-ist-Hase-ich-weiß-von-nichts.
„Sie haben sich über ein Video unterhalten.“
Zögerlich stimmt er zu. Es ist ihm hochnotpeinlich einerseits, andererseits weiß er an dieser Stelle noch nicht, wie er dies einschätzen soll, daß er dieses sein Wissen der Krankenschwester gegenüber so freimütig einräumt.
„Ja, leider!“
„Ich verstehe!“
Damit ist es sicher. Sie barst vor Ärger und Wut. Die Finger ihrer Hand pressen sich in das Fleisch der Handinnenfläche und ihre Handknochen sind leichenblaß weiß. "Ich muss mich rächen, rächen..."

Pentzw
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18. Angepißt werden, wenn alle zuschauen

Beitragvon Pentzw » 30.09.2021, 20:53

Sie erinnerte sich, daß der Blonde das Video auf eine Website hochgeladen hatte, ließ sich dessen Namen vom Kriminaler geben und suchte im Internet nach der Website. Sie war pass erstaunt, daß ihr Gesicht nicht auf diesem Video erkennbar war. Rechtzeitig hatte sie sich schnell zurückgezogen und war aus dem Kameraausschnitt gewichen, ohne daß ihr Gesicht erkennbar gewesen wäre.
Das war gut.
Ihr Plan war klar.
In der Folgezeit heftete sie innerhalb des Krankenhaus auf schwarze Bretter Flyer mit dem Link dieser Seite. Desgleichen schickte sie Briefe mit diesen an die zwei Zeitungen vor Ort. Einen anderen an den Pfarrer der Gemeinde, war der Arzt und seine Familie doch tief verwurzelt in der dortigen religiösen Gemeinde. An die örtlichen Wohlfahrtsverbände, deshalb, weil sie vermutete, einige seiner Verwandten dürften dort in einem Seniorenheim untergebracht sein und der Klatsch und Tratsch war der beste Brandbeschleuniger. Sie bedachte auch das ein oder andere Geschäft in der Kleinstadt des Arztes.
Sie fürchtete sich natürlich vor der Reaktion des Arztes.
Sich ihm zu entziehen, war leicht gewesen zum Beispiel Mittags in der Kantine, wo stets viele Menschen zugegen waren. Sie mußte nur darauf achten, sich nur nicht allein an einen Tisch zu setzen, mochten es auch Fremde sein, aber immer so tun, als ob man zu ihnen gehörte; höchstens zwei Stühle Abstand halten, Hauptsache von fern als zu einer Gruppe gehörig erscheinend; das hieß auch stets lächeln, nicken und den Kopf und Rumpf zu anderen geneigt halten.
Bislang konnte sie sich ihm auch anderwärts stets entziehen, sowie sie ihn kommen sah, konnte sich dünnmachen und ausweichen, indem sie sich schnell zu anderen gesellte, oder sich bewußt ins Gespräch mit den Umstehenden stürzen, nicken, gestikulieren und bejahen, auch wo es unnötig erscheinen mochte, egal, nur um nach außen zu signalisieren, ich habe zu tun, ich bin umringt, es gibt Zeugen.
Er erwischte sie jedoch just in einer Ruheecke.
Sie wurde von hinten schmerzhaft an ihrem Arm gefaßt : „Hör auf damit!“ „Womit?“ Sie entriss sich dem Klammergriff, indem sie sich schnell herumdrehte.
„Du weißt ganz genau womit! Du bist es doch, die diese Schmutzkampagne macht. Mensch – ich hab schon genug mir allem anderen zu tun und als ob ich nicht genug Ärger hätte, kommst Du daher.“
„Oh, so ein Pech! Deine Frau lässt Dich wohl gar nicht mehr drauf, war sie sonst schon so etetepete im Bett gewesen!“
Ein Moment fürchtet sie seine Reaktion, aber gleichzeitig spürt sie Erleichterung, es endlich geschafft zu haben, ihn anzufahren.
„Das ist geringste Problem, aber schon schlimm genug, kann ich Dir sagen. Aber die Behörden, Steuer...“
Typisch, Er ist so dermaßen von sich eingenommen, daß er nicht einmal ihre ironische Bemerkung erfasst; Mittelpunkt der Welt, kreist um sich selbst, sieht nur seine eigenen Wunden, während andere vor seinen Augen verbluten. Und sie, nur kein Verständnis aufbringen, kein Mitgefühl für Sorgen entwickeln, kein Mitleiden für Wehwechen des kleinen Jungen spüren - endlich Schluß damit.
Jetzt stand sie im Mittelpunkt, ihre Rache im Fokus, ja R a c h e!
Warum?
Ausgeliefert worden diesen Brutalos, gedemütigt worden bis Mark und Bein hinein, geschändet und mißbraucht und er schaut weg, dieses Aas!
Ein langer Blick in ihr Gesicht, bis sich seine Miene plötzlich aufhellt, erfasste er doch plötzlich ihre Lage: „Du bist sauer! Du fühlst Dich angepisst – das ist es!“
Das war nicht alles, typisch, er erfasste es nicht.
Und doch!
Dieses Wort „angepisst“ schlug ihr ins Gesicht, weil es so wahr war dadurch, daß es ausgesprochen worden ist, noch wahrer und brutaler als alles gewesen war.
Ja, man hatte sie angepisst, und er sie obendrein auch, das ist es letztlich!
Das Wort „angepißt!“ stand jetzt im Raum, schwebte über sie, ein Damoklesschwert, daß jetzt auf ihre Häupter heruntergesaust kam.
In diesem Moment war die Trennung perfekt!
„Wie würdest Du das sonst bezeichnen?“ Keine Sekunde gab sie ihm Zeit zu antworten, geistesgegenwärtig redete sie weiter: „Aber Dir war und ist das gleichgültig, scheißegal, wurscht – ach, vergiß es!“
Er lange demonstrativ an seinen Hals. Als ob Abschürfungen von der Krause her sein Martyrium ihrem gleichstellen könnte. War aber nichts, nichts war am Hals zu sehen.
„Du weißt, mir wurde auch ganz schön übel mitgespielt!“, untermalte er seine wirkungslose Geste.
„Da sieht man aber nichts!“
Das war's auch schon, es war klar geworden: sein Lamentieren stand ihm nicht zu. Zudem auch, weil er der Mann war, der Gebieter, ihr Chefarzt, war diese seine wirkungslose, mitleidserheischende Geste so jämmerlich erschienen, daß es nur noch hochnotpeinlich war.
Alles passte einfach nicht mehr zusammen.
Hilflos wütend und ziellos empört stand er da.

Außerdem und wenn schon. Ha, alle hatten Federn lassen müssen, zweifelslos. Der Punkt war nur der, wie man mit diesem Leiden umging. Und da hatte er in seiner feigen Art, Du gehst mich nichts an, von mir aus können sie Dich Tag und Nacht mißbrauchen und notzüchtigen, alles zerstört und zerbrochen zwischen ihnen...
Dafür forderte sie Genugtuung, Widergutmachung, Bezahlung, aber nur in ihrer Währung. Mit Blut würde er bezahlen müssen, ihretwegen auch bis in den gesellschaftlichen, existentiellen Ruin und Zerstörung hinein, dieser Egoist. Nicht mehr war sie dessen dumme, kleine Krankenschwester mit Aufblick zum großen Gott Chefarzt, die sich Hoffnungen machte wie diese dummen Gören in diesen Groschenromanen.
„Du hast mir längst nichts mehr zu sagen,“, schrie sie ihn ins Gesicht. „Die Zeiten sind vorbei, daß ich Dich respektierte!“
„Was, was sagst Du da Dummes!“, und er stieß sie hinter ihr auf das Möbelstück in der Nische, auf dieses quaterförmige Sitzpolster. Die Nische war von Vorbeigehenden wegen großer exotischer Topfpflanzen nicht einsehbar, zumindest nicht, wenn man nicht senkrecht davor stand. Ein ideales kleines Versteck, um sehr privat und intim zu werden oder wie jetzt, Tacheles zu reden. Er setzte seine Knie auf ihren Bauch, die quer über das Polster lag, die Arme in die Taille gestemmt und schaute von oben herab auf sie hinunter: „Wie, was welche Zeiten? Als ob Du nichts davon gehabt hättest vom Bumsen, Du!“
Er merkte, er war zu laut geworden, senkte die Stimme und setzte damit fort, was es nur noch dringlich zu sagen gab, aber eindringlich und leise. „Wenn Du nicht Ruhe gibst, wirst Du mich kennenlernen!“
Plötzlich hörte man ein Quietschen. Es war die sich öffnende Tür der Sakristei anbei, der kleinen Kapelle des Krankenhauses. Wie von Geisterhand kamen ein Sarg herausgeschoben, hinterher ein zweiter und die wurden in den sich verflüchtigenden, schallenden Korridor zur Pathologie hin geschoben. Aus dem Hohlraum des Korridors kamen Fahrgeräusche echogleich und zweiversetzt zurück.
Sie warteten und lauschten diesem Geräusch, bis, was sie kaum sehen konnten, die Särge hinter braunen Schiebetüren verschwanden, die zusammengeschlagen wurden, als es das schaurige Schauspiel beendete. Mit diesem sehr dunklen Schlag, als wär es ein Startsignal, wandten sich beide wieder einander zu, wie zwei Ochsen, die den Kopf zum Kampf senkten.
„Du hast doch Deine Rache gehabt. Die Gauner sind tot. Was willst Du noch?“
„Dich! Dich will ich treffen!“, schrie sie ihn keine Sekunde zögernd an.
Erschrocken tat der Arzt seine Knie herunter, sie sprang auf, lief an ihn vorbei, um die Flucht zu ergreifen. Inzwischen hatte er sich wieder gefangen und brüllte ihr nach: „Du wirst ja sehen. Ich habe Dich gewarnt!“
Sofort machte sie eine Kehrtwendung und erwiderte im gleichen Tonfall: „Ja, das werden wir ja sehen!“
Der Arzt stand allein gelassen da und schäumte, fauchte und dampfte sprichwörtlich vor Wut, wobei seine Arme an seinem Körper als Zeichen der Hilflosigkeit herunterhingen, aber seine Hand, als Zeichen seiner Entschlossenheit, zu einer Faust geballt.
„Damit wirst Du nicht durchkommen!“, schrie er sich selbst zu. Sie war schon um die nächste Ecke verschwunden. Das Echo seiner Worte hallte in den langen, hohlen Räumen des Krankenhaustraktes wider, so daß sich der Arzt dabei auf einmal sehr einsam vorkam.
Doch einen Zeugen hatte er, wenn auch widerwillig und unvorhergesehen, den Priester, der aus der Kapelle mit seinem großen schwarzen Talar heraustrat und nun den Schreihals mit einem entgeisterten Blick anstierte.
Der Arzte drehte sich rasch um und starrte ostentativ aus dem Panoramafenster. Zum Glück vernahm er nach wenigen Sekunden das sich verflüchtende Rauschen eines Stoffes auf blankem Boden, begleitet mit einem leichten Hüsteln.
Ein großer, hutförmige Hügel. Auf dem Plateau lugten verdeckt hinter Bäumen Burgmauern hervor. Auf den Abhängen sah man große, dürre, kahlgeschorene Bäume des Herbstes, die ihre große Schatten auf den sie begleitenden Schotterweg warfen. Über allem stand der goldene Vollmond in einer seltenen Schärfe, glasklar und funkelnd wie ein Diamant.
Der Arzt schaute lange in ihn hinein, hypnotisiert, fühle sich sehr allein, mit einem Mal wurde ihm klipp und klar, was zu tun war.

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19. Der perfide Plan

Beitragvon Pentzw » 07.10.2021, 19:44

Dem Arzt wurde von hinten ins Ohr geflüstert: „An Deiner Stelle wäre ich gerne gewesen!“
Er befand sich sonntags vormittags in der Kirche. Neben ihn saß seine Frau, daneben die beiden Kinder. Bevor er der Gottesdienstzeremonie gemäß sich zu erheben mußte, wandte er automatisch den Kopf nach hinten, sah einen alten Bekannten, einen Einheimischen, sozusagen Spielkameraden, einem der wie er in dieser Stadt geboren worden war und sagte erstaunt: „Wobei?“
„Na, Du weißt schon!“, kam es prompt mit übertriebenen Augengeklimpere und einem übermäßig süffisanten Lächeln, das nahezu verschämt wirkte, denn das Gesicht zog, wie wenn es einen Drall hätte, dabei nach links hinten in die Halsbeuge.
Nun mußte er sich zum Gotteslob erheben, was ihm gerade recht war, denn er wußte im Moment gar nicht, was er mit dieser Aussage anfangen sollte. Im Chor betete man das Vaterunser und je länger es dauerte, desto mulmiger wurde es ihm.
'Kann das sein, daß der Porno allmählich die Runde machte?“ Die rufschädigenden Machenschaften der Krankenschwester zeigten mittlerweile ihre Wirkung. Gut, andererseits war er, er konnte es nicht leugnen, auch sehr geschmeichelt. Es war schon ein Ding, das seinesgleichen suchte, einen Porno zu drehen, der so viel Furore machte. Sein Bekanntheitsgrad erweiterte sich damit und das schmeichelte ihn nun einmal.
Er schaute um sich. Dort sah er einen Bekannten. Er sah zu ihm her. Schaute er nicht etwas scheel, den Kopf schräg haltend, denkend, von dieser perversen Seite her kenne ich ihn gar nicht, den ich mein Leben lang schon kenne; hätte ihm gar nicht zugetraut, aber...
War es Bewunderung, ein gewisser Respekt? Aber Mann, was denkst Du Dir, sagte er sich. Bist Du verrückt, darüber Dich zu freuen und zu denken, andere beneideten Dich. Vielleicht der Idiot hinter dir tut es, aber er wird entschieden in der Minderzahl sein. Die meisten werden nur eins meinen: von wegen, selbst in dem Ehrbarsten wie du schlummern die schlimmsten Dinge, die man nicht vermutet hätte.
Das wurde gedacht, Mann, wach endlich auf! Unendliche Gefahr droht!
Plötzlich wandelte sich der Grund der Schmeichelei urplötzlich in das gerade Gegenteil, war Grund zur Schande und zur Schmach.
„Hoppla, da inszeniert sich einer auf schamlose Art und Weise?“
Mochte es dieser Idiot zwar noch von der heiteren, hinnehmbaren Seite neben, aber andere mochten denken: Unser Chefarzt vom Ort ist jetzt größenwahnsinnig geworden und schert sich einen Dreck um seinen Ruf. Fühlt sich wohl mittlerweile unangreifbar und hochgehoben über alle, daß er die schicklichen Grenzen nicht mehr einhalten muss.
Dies konnte überhaupt nicht angehen!
Das war jetzt die höchste Alarmstufe!
Gewissheit breitete sich in ihm aus, die meinte, das eins hinfällig geworden ist, wovon er bislang ausgegangen war, daß sich vielleicht nur jeder Zehnte die Mühe machte, den verbreiteten Link aufzurufen und sowie der Pornostar überhaupt zu erkennen und zuzuordnen war, war nicht gesagt, ob sich derjenige welche weiter darum scherte und stattdessen dachte. „Wer so etwas verbreitet, ist ein Schwein!“, ein böser Scherz, dieses ganze Unterfangen, jemanden auf diese Weise so zu kompromittieren – vergiß es!
Die Reaktion des Kirchganggängers hinter sich zeigte, daß sein Verhalten allmählich ruchbar wurde, die Kunde davon wie ein Buschfeuer von einem zum anderen sprang. Wen wundert es, war er doch Mitglied in jedem Klickerleins-Verein vor Ort. Auch seine Frau.
Hätte er doch nur eine Auswärtige geheiratet, die Auswahl hatte er gehabt!
Es mußte etwas unternommen werden, nur was, nur wie?
Wie?
Natürlich Ernst!
Ernst könnte da, wie immer, als der Mann fürs Grobe, der Spezialist für Beseitigung von Unrat und Sperrigem jeglicher Form, Abhilfe leisten. Der wird bestimmt auch mit der Krankenschwester fertig.
Nur wie?
Perfide Gedanken kamen ihn durchs Gehirn. Oder auch nicht so perfide. Jedenfalls für einen Arzt naheliegende.
Es würde schwierig werden.
Ernst war vielleicht gaga, sprich hörte hin und wieder Stimmen, aber deswegen war er noch lange nicht schwachsinnig. Im Gegenteil. Er wußte immer sehr wohl, was Sache war.
Aber er war beeinflußbar.
Unter normalen Umständen wenigstens.
Der Arzt hatte jedenfalls Hoffnung und nahm mit ihm Kontakt auf.
„Du weißt, was für Bilder im Internet kursieren?“
„Wie?“
„Du weißt schon, was ich meine!“
Ernst wußte zwar im ersten Moment nicht, worauf sein Bruder anspielte, aber blöd dastehen wollte er auch nicht und nickte ergeben.
„Nun, damit dies ein für allemal ein Ende hat, müssen wir der Verbreiterin dieses Video ihr Handwerk legen, findest Du nicht auch?“
„Aber natürlich!“ Immer noch nicht genau wußte er, worum's ging.
„Also, dieses Video können wir nicht mehr löschen, aber derjenigen an den Kraken gehen.“
„Ja!“
„Und wenn ein schlechtes Licht auf Deinen Bruder fällt, Ernst, dann fällt auch ein schlechtes Licht auf unsere Familie und auf Dich und Deine Karriere, das weißt Du doch!“
„Ja, schon!“ Er verstand in Wahrheit immer noch nichts anderes als Bahnhof.
„Okay, da müssen wir handeln!“
„Ja, klar!“
„Also, ich habe mit dieser Person schon gesprochen, sie lässt sich unmöglich von ihren perfiden Handlungen abbringen – wir müssen ihr deswegen das Maul stopfen!“ Der letzte Halbsatz war im Crescendo ausgesprochen worden und Ernst, der bei der Bundeswehr war, schlug instinktiv unterm Tisch die Hacken zusammen.
„Jawohl! Das Maul stopfen!“
„Zudem ist Gefahr im Verzug!“
„Da müssen wir uns aber beeilen!“
„Du sagst es!“
Klar, Ernst verstand, zumal da sein Bundespräsidenten-Amt in Gefahr war. In spätestens einem halben Jahr stand dieses zur Disposition, worauf er sich gut vorbereiten und bestens positionieren musste. Die Presse würde natürlich alle Kandidaten abchecken, schmutzige Wäsche waschen, in den familiären Hintergrund rumstochern und sollte ein Bruder darin auftauchen, dem was auch immer Schlechtes nachgesagt wurde, warf es einen Schatten auf den Kandidaten.
Ernst atmete schwer durch.
Dass das gleich so schnell ging, wenn man hoch hinaus will in der Politik, daß man hart durchgreifen, zuschlagen, sich verbittert wehren mußte - damit hatte er nicht gerechnet, vermutet, daß dies eher irgend einmal dann der Fall sein wird, wenn er mittendrin im Politsumpf steckte, also frühestens mit seiner Ära Berlin. Die auf dem Spiel stand.
So ist es! Also, keine Zeit für Kopfschütteln, Sich-Wundern und Zögern und Zaudern. Zuschlagen! Zurückschlagen!
Nur was wurde von ihm verlangt?
„Soll ich mit dieser Person ein ernstes Wort wechseln!“
Der Chefarzt schaute diesen Naivling von Bruder mitleidig an. In welcher Welt mußte man leben, um so naiv zu sein?
„Da braucht es ein bißchen mehr, Brüderchen!“
„Hm! Was sollte das sein, das Bißchen-Mehr?“
Steckte da Widerspruch drinnen? Daß es gar so nuschelig kam, ist schon Zeichen dafür.
„Lall nicht rum, Ernst! Gib klare Antwort. Deutliche Worte, Kleiner.“
Ernst war der Ältere, aber so hatte ihn sein jüngerer Bruder immer behandelt, von oben herab.
Ernst kam ins Stottern. Er machte einen neuen halblauten Anlauf. Wieder äußerte er sich vage und nuschelig. Das brachte den Arztbruder völlig auf die Palme. Leider mußte man seinem Bruder manchmal mit einem gehörigen Dämpfer zur Minna machen, bevor er ansprang.
„Verstehst, diese Person will und will unter keinen Umständen mit ihrer Schmutzkampagne aufhören, auf Teufel komm raus nicht. Ich habe es auch schon versucht, mehrmals. Vergeblich! Die braucht härtere Bandagen, knallharte. Da müssen wir leider sehr brutal zuschlagen.“
Das klang richtig gefährlich. Als Jugendliche war das kein Problem gewesen, wenn es darum ging, einen aus einer verfeindeten Gang mal zu zeigen, wo der Bartel den Most holte, was eine Harke war und null problema etwas physische Gewalt anzuwenden, wenngleich es Ernst sehr verhaßt war. Aber heute, in ihrem Alter - sie waren ja schließlich Familienväter, Gesellschaftsmenschen – das war denn doch nicht so einfach.
Der Arzt merkte, dies würde so nicht hinhauen, Ernst hatte immer noch nicht kapiert. Brüderchen mußte eindringlich rübergebracht werden, was auf dem Spiel stand.
„Weißt, Karl, mein Freund, Dein Chef, er sieht sich nicht mehr länger in der Lage, einen aus unserer Familie bei sich zu beschäftigen, wenn das herauskommt, was unseren Familienruf ruiniert.“
Was nur war der Gegenstand dessen, was ihren Familienruf so sehr zusetzte, aber wenn es der Bruder sagte, wird es schon seine Wahrheit haben. Dieser weiß, wenn die Alarmglocken erschallen.
Ernst hatte bei Karl, den Besitzer einer mittelständischen Firma und Jugendfreund des Arztes, einen Mädchen-für-alles-Job bekommen. Ein Minimum an Zugeständnissen für den Arbeitsmarkt, den Ernst bewältigen konnte bei dessen labiler psychischer Konstitution. Schwer genug war es gewesen, Ernst hier unterzubringen, bei jemanden, der hin und wieder fünf gerade lassen konnte. Und noch einmal auf der Straße zu stehen, hätte für Ernst das Ende bedeutet. Das Ende seiner bürgerlichen Existenz. Die Aussicht, noch einmal etwas zu finden, war gleich Null. Ihm drohte, daß er erneut Gast der Psychiatrie, Dauergast der Straße, permanente Zielschiebe der Behörden werden würde!
Dies kam unter keinen Umständen mehr in Frage!
Wenn notwendig, folgte er blind, damit dies nicht mehr eintrat. Mochte da kommen, was da wollte. Endgültiger Absturz? Egal, er war wütig und aufgestiert wie von der Tarantel gestochen, kurzum bereit, alles dafür zu tun, um nicht wieder in der Gosse zu landen.
„Du bist mit der Krankenschwester mittlerweile vertraut?“
„Ja, wir sind uns nach dem Unfall nähergekommen. Sie hat mich notdürftig behandelt, bis die Sanitäter gekommen sind. Dann habe ich sie im Krankenhaus getroffen, äh, sie hat mich ein paar Mal in meinem Zimmer besucht!“
Der Arzt wird ungeduldig, es interessiert ihn sonst nicht weiter, ob die sich nun näher gekommen sind oder nicht, aber eins war sicher, es sprach für seinen Plan.
„Gut, dann kannst Du Dich mit ihr ohne weiteres in Verbindung setzen, wenn Du willst!“
„Klar!“
„Wir machen hiermit Nägel mit Köpfen!“
Er legte vor Ernst auf den Tisch: eine Tinktur, eine Flüssigkeit, nämlich Gift in einem Fläschchen und eine Spritze.
„Weißt Du, wie Du damit umgehen musst?“
„Ich glaube schon!“
„Schau her, ich zeig's Dir.“
„Saug aus der geöffneten Flasche Flüssigkeit mit der Spritze. Dann halte die Spritze senkrecht und drück so lange auf diese, bis Bläschen herauskommen. Sobald Flüssigkeit kommt, ist es genug. Dann spritzen.“
„Aber ich hab das noch nicht gemacht. In die Vene spritzen, ist das nicht schwierig, eine richtige, dicke Vene zu erwischen?“
„Hier ist das egal. Spritz es irgendwohin unter die Haut, ganz einfach, in den Bauch, in den Rücken, in den Hintern, egal. Die wirkt so auch. Okay?“
„Okay!“
„Na, dann nicht daneben kleckern!“
„Ja, ich tu mein Bestes!“
„Hoffentlich ist es genug.“
„Ja, hoffen wir mal!“
„Also, ran an den Speck!“
„An welchen Speck?“ Ernst stand mal wieder auf dem Schlauch.
Der Bruder verdrehte die Augen, so daß Ernst Bescheid wußte, daß er sich dumm anstellte und den Mund hielt, in der Hoffnung, daß ihm später noch ein Licht aufgehen möge.

Pentzw
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20. Liebe ist nur ein Wort. Gift die Lösung.

Beitragvon Pentzw » 19.10.2021, 19:51

Der Vollmond stand wieder überm Hügel. Das bleiche, goldene Licht fiel ins Schwesternzimmer, eine kleine Suite im Schwesternheim des Krankenhaus. Im Bett, ein Konfektionsbett, schlicht, einfach, funktional, an der Wand mit einem Regal abschließend und für zwei Personen zu schmal, liegen Ernst und die Krankenschwester, beide halb ausgezogen, sie im Schlüpfer und BH, er in Unterhosen und Unterhemd.
Weiter kamen sie nicht. Einer war blockiert. Und das war Ernst.
Zunächst hatte es gut getan, das Streicheln von ihr. Sie hatte sich dabei ausgezogen, ihm befohlen, es auch zu tun, was er gehorsam befolgte. Welch ein erregendes Gefühl, als sie mit ihrer breiten Hand über seinen Rücken strich, seine Achseln streichelte und mit dem Finger von der Halsbeuge die Brust herunterfuhr, plötzlich aber schien ihn der Blitzschlag getroffen zu haben. Sie merkte es und zog Sich sofort zurück.
Wie war ihm geschehen, vorhin noch Wohlbefinden, jetzt einfach bloß reine Angst, die er daran spürte, daß sein Puls bis in seinen Ohren wie ein Presslufthammer hämmerte.
Ja, und jetzt blickte er auf seine Zehe, auf die große links und rechts; er schaute auch auf ihre. Es war beschämend, was er sah und fühlte. Er schmeckte auf seinen Lippen einen beißenden, salzigen Schweiß, der ihn in Strähnen über Stirn, Augen und Backen hinunter auf die Lippen floß. Zudem roch er auch ihren penetranten, widerlichen und abstoßenden Schweißgeruch.
Brechreiz erschütterte ihn. Er versuchte den Magen gewaltsam zusammen zu ziehen.
Er hatte es noch nicht mit einer Frau gemacht. Von daher war er ängstlich, verschüchtert und gehemmt wie eine Jungfrau. Kann man dies so sagen? Nein! Es war mehr, es war wie ein Kartenhaus, das wankte und drohte auseinander und ineinander zu stürzen. Wie ein Haus am Rand einer Uferklippe. Sogleich würde es die Balance verlieren und in den düsteren Abgrund poltern. Denn er war im Bewußtsein großgeworden, ein Solitär zu bleiben, im Zölibat zu leben, als katholischer Pfarrer eben, keusch und unbefleckt.
Aber hier nun drohte sein Lebensentwurf zu Ende zu gehen.
Die Krankenschwester andererseits zögerte und überlegte, ob sie einen Mann gegen seinen „Willen“ oder was immer ihn hemmte, entjungfern sollte? Ein schwerwiegender Entschluß. Ein identitätserschütternder. Schließlich hatte sie sich entschieden, es wenigstens zu versuchen. Sie ging davon aus, daß sie damit Ernst einen Gefallen tun würde und an sich zu binden. Damit konnte sie ihn willfähriger machen und leichter gegen den verhassten Bruderarzt positionieren.
Hier nun aber, kurz davor, merkte sie, daß sie es einfach nicht konnte.
Aber Ernst war gleich dreigespalten.
Teils wünschte er, es einmal getan zu haben, teils empfand er dies als Sünde. Sicher, von einer Frau, im Puff hatte er sich schon ein paarmal einen blasen lassen, was er als triumphierender Akt der Männlichkeit empfand, schließlich ging die Frau vor ihm in die Knie. Nur die Aussicht bei dieser Art von Vereinigung zwischen den Geschlechtern wurde ihn schwach zumute. Mann, man begegnete sich auf gleicher Höhe, von Angesicht zu Angesicht und zudem war man sich so verdammt nahe, wenn man sich in die Auge schauen müßte. Das war eine ganz andere Sache als mit einer Hure im Puff.
Und dann der Druck seines Bruders.
Eigentlich wußte er gar nicht, weswegen er der Krankenschwester, die er eigentlich mochte und die er sehr sympathisch fand, ein Leid antun sollte, aber es war nun einmal der Bruder. Blut war dicker als Wasser.
Das Zünglein schlug zunächst mal in diese, mal in jene Richtung aus. Meist war sie in der Waage. Je mehr er aber zwangsläufig darüber nachdenken mußte, was er hier machte und wozu er von der Krankenschwester gedrängt wurde, welches in die Kategorie Böse einzuordnen ist, desto mehr schlug es in die andere Richtung aus, die da sagte: Nägel mit Köpfen machen! So schmerzhaft es auch sei. Und so blutig wie auch immer!

Sie lagen nebeneinander, atmeten beide schwer und Ernst schaute sie von der Seite an. Wie eine heruntergekommene Hure sah er sie, die personifizierte Sünde, Verdammnis und Klarheit mit dem Kainszeichen auf der Stirn, das sagte, was sie vorhatte: dieses schmutzige Hin- und Hergevögle, wie er es von Pornos her kannte.
Dabei wußte er gar nicht, daß sie es auch schon mit seinem Bruder getrieben hatte. Er war nur getrieben worden von seinem Bruder ohne Ursache und Weil und Weshalb und nun von seinen Schuldgefühlen.
Sollte er das?
Nein!
Die Krankenschwester ging mittlerweile davon aus, daß es mit der Entjungerferung nicht klappen würde. Also war es Zeit, mit der Wahrheit ans Tageslicht zu kommen. Sie hatte sich vorbereitet, für den Fall der Fälle, der jetzt eintrat, hatte ihren fahrbaren Schreibtisch nahe ans Bett gefahren, auf dem der Computer stand, der bereits eingeschaltet war, als Ernst kam. Die entsprechende Web-Seite war auch online. Sie brauchte nur auf ihre Fernbedienung drücken und der Computer fing an zu laufen, die Seite sich aufzubauen und es lief ab, was sie eingestellt hatte und was sie jetzt tat.
„Schau mal!“
Ein Schädel, der sich in Exstase hin- und herbewegte über den Fahrersitz eines Autos, darunter ein dickhaarige Frau, deren Kopf sich auch bewegte, aber anstatt von links nach rechts, von oben nach unten. Dann bewegte sich die Frau weg, bis sie vollends aus dem Video-Blickwinkel ist und man nur noch einen aufrecht dastehenden, stark vibrierenden Penis gewahrt. Der Kopf des Mannes dreht sich um direkt in den Blick des Zuschauers und erstarkt. Sein Bruder.
Ernst ist entsetzt. Noch mehr verwirrt.
Aber als die Krankenschwester sagte: „Ja, das ist Dein Bruder. Und rate Mal, wer die Frau ist?“
„Hm!“
„Schwer zu erkennen. Schau es Dir noch einmal an. Schau auf die Haare. Kommen die Dir nicht bekannt vor?“ Und sie zupfte an ihren und zog sie immer wieder in Locken lang und kurz, kraus und gerade.
Ernst bekam allmählich einen Verdacht, wer die Frau war. Aber nein, das glaubte er nicht. Das war zu viel.
Zunächst war er in einem heftigen Impuls eifersüchtig auf seinen Bruder, dass er es mit seiner Liebe trieb, dann wütend auf die Geliebte neben sich, wollte es nicht zulassen, es verdrängen und in einer Kurzschlußhandlung stand er auf und sagte: „Moment mal!“, kramte aber geistesgegenwärtig in seinem Rucksack nach der Kulturtasche. Eigentlich wollte er sie im Schlaf überraschen, was er nun vorhatte, mit ihr zu tun.
„Mußt Du duschen?!“, fragte die Krankenschwester.
„Ja!“, stieß er dazu aus, erleichtert, daß sich eine Ausrede anbot.
Rasch flüchtete er ins Bad, schlug die Tür hinter sich zu und ließ sich vor der Kloschüssel auf den Kachelboden fallen, ungeachtet der zu erwartenden Knieschmerzen. Er beugte sich über die Wanne und würgte dahinein.
Mit der linken Hand erwischte er ein herunterhängendes Handtuch, um sich Bröckchen, Schleim und den ganzen Brei vom Gesicht abzuwischen. Er atmete heftig, ließ wieder locker, übergab sich noch einmal, fühlte sich erleichtert und konnte sich erheben.
Im Täschchen befanden sich das kleine Serums-Fläschchen, das er öffnete; die Spritze, die er aus dem Einwickelpapier fummelte, zog er so auf wie sein Bruder gezeigt und geheißen.
Hinterm Rücken in der Hand hatte er sie, als er die Badtür öffnete.
Sie lag in günstiger Stellung mit dem Bauch auf dem Bett und blätterte in ihrem Smart Phone. Er näherte sich ihr. „Bleib ruhig liegen, ich habe meine Medikamente genommen. Ich kann jetzt nicht gleich. Es dauert eine halbe Stunde, bis sie wirken.“ Es ergab in diesem Zusammenhang keinen Sinn. Trotzdem sagte sie „Gut!“, weil es schon seine Richtigkeit sein würde, ohne sich umzuwenden.
Sowie er sich aufs Bett gekniet hatte, spritze er ihr mit der Kanüle in die offene Bauchflanke.
„Was hast Du gemacht?“
In ihrer daraufhin erfolgenden Umdrehung warf er sich mit seinem Körper einfach auf sie und drückte sie samt Gesicht aufs Bett, so daß sie sich nicht mehr rühren konnte, um zu entfliehen, aber auch nicht um Hilfe zu schreien. Benötigten Hilfe und Notärzte waren in der Tat gerade nur um die Ecke.
„Du hast meinem Bruder schwer beleidigt, was Böses angetan, ich weiß zwar nicht, was, aber von ihm habe ich diese Spritze bekommen und die verdienst Du.
Die unter seiner Last schrie gepresst und atemlos: „Dein Bruder, dein Bruder hat mich jahrelang gefickt, kapierst Du das nicht?“
„Was sagst Du da? Das stimmt doch nicht. Er ist verheiratet!“
Er lockerte den Schraubstock ein bißchen, unwillkürlich auch vor Entsetzen.
„Aber ja, warum sollte ich lügen? Er ist ein Lügner, Betrüger, Ehebrecher. Jetzt hat er Angst mit den Ermittlungen zu der Erpressung, daß alles ans Tageslicht kommt. Deswegen hat er Dich dazu angestiftet, mich aus dem Weg zu räumen, damit er nicht in schlechtes Licht gerät und seine Ehe und Ehre einen Kratzer bekommt.“
„Was?“
Ernst ließ weiter etwas nach mit der Umklammerung, so daß sie mit dem Zeigfinger auf die Pinwand zeigen konnte.
„Siehst Du dort den rosa Zettel an der Pin-Wand?“
„Ja!“
„Darauf steht der Internetlink, die Portaladresse, das Video, das ich Dir gerade gezeigt habe. Schau es Dir genau an. Da siehst Du mich und Deinen Bruder, dann weißt Du, dass alles wahr ist, was ich gesagt habe.“
Freilich hat er auf dem Video eindeutig den Bruder erkannt, nicht aber diese Frau, mit der er es treiben sollte. Nur Evi, die Ehefrau, konnte man ausschließen, denn die hatte dunkle Haare, war breiter und voluminöser, sie hätte er bestimmt erkannt.
War es dann die Krankenschwester hier?
Ernst wurde es mulmig. Vielleicht hatte er falsch gehandelt? Aber es wurde mit jeder Sekunde weniger wichtig, weil die Krankenschwester sich bereits in heftigen Schmerzen krümmte.
„Was habe ich getan? Was habe ich getan? Was habe ich getan!?“
Er ging ans Fenster, schaute in die weite Schlucht des sechsten Stockwerks hinunter, blickte in den Himmel, es war Abend, der Mond, obwohl noch heller Tag war, zeigte sich bereits, der Mond in seiner verschwommenen, silbernen Gestalt vorerst.
Als er sich umwendete, lag der Körper der Krankenschwester bereits tot auf dem Bett.
Hatte er recht getan?
Sie lag da auf dem Bett verbogen und verkrümmt wie ein Embryo und, wie es sich gehörte und wie man es machen mußte, spannte er nun ein Betttuch über sie. Er riss sich noch den Zettel mit dem Link von der Pinnwand herunter und warf einen letzter Blick auf die Frau, die er eigentlich sehr gemocht hatte, niemals nicht jemals eine Frau mehr „geliebt“ hatte – vielleicht Liebe? Was immer das sein mag.
Dann verließ er fluchtartig unter dem unbedingten Drang das Zimmer, eine Antwort von seinem Bruder zu erhalten, ob er recht getan hatte, diese Frau, diese Liebe zu töten - denn er wußte überhaupt nichts mehr, aber sein Bruder musste es wissen, er hatte ihn ja dazu gedrängt, er war ihm eine Antwort darauf schuldig, ob er recht getan oder sich schuldig gemacht hatte, weil, irgendetwas, er fühlte es, stimmte da nicht.
Er hatte einen Anspruch auf Rechenschaft, Aufklärung, Klarheit.
Und nur sein jüngerer Bruder konnte sie ihm geben. Das wußte er, wenn, dann nur dieser...

Pentzw
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21. Der Schwache ist immer der Böse

Beitragvon Pentzw » 01.11.2021, 21:18

Der Polizistenneffe war gerade beim Hauptkommissar, von sich aus, um sich über den Stand der Dinge zu informieren. Nach seiner Fehlleistung mit der Pistole hatte er einiges wiedergutzumachen, bildete er sich ein. Jedenfalls ein bißchen nachfragen, zu schauen, ob er doch vielleicht das ein oder andere zur Lösung des Falles beitragen konnte, konnte nicht schaden. Oder doch? Aber frag das einmal einen übereifrigen Staatsbeamten!
Plötzlich schellte das Telefon. Während des Gesprächs widerholte der Hauptkommissar, ganz unprofessionell, das Wort „Krankenschwester“. Da der Tonfall Bedauern ausdrückte, wurde sein Gegenüber sofort hellhörig und aufgeweckt wie er war, hörte er vermeintlich schlechte Nachrichten heraus. Der Kriminaler legte gerade auf, als er sich erlaubte zu fragen: „Die Krankenschwester, die die mitentführt worden ist?“
„Ja!“, nickte der Kriminaler und entschuldigend muß wohl seine Betroffenheit angeführt werden, das er Geheimes ausgeplaudert hatte. Jeder ist ein Mensch.
"Ist ihr etwas geschehen?“
Der Polizist, wieder nicht ganz Profi, nickte wage.
„Tot?“
Immerhin reagierte jetzt der diensthabende Beamte mit keinem Wimpernzucken und starrte nur steif aus dem Fenster. Das war auch schon beredt genug. Zudem hatte er nicht widersprochen, was obendrein schon einiges sagte, nämlich in der Regel Ja.
Die Krankenschwester war inzwischen in ihrem Zimmer entdeckt und tot aufgefunden worden, aber die gerichtsmedizinische Obduktion dauerte an.
Des Kriminaler linkes Knie, besonders wetterfühlig und sensibel, juckte wie der heurige Wein und er schloß daraus, dass an den Todesumständen der Frau irgendetwas nicht stimmen müßte, sprich kein natürlicher Exitus vorlag.
Der Polizistenneffe wußte über Arzt und Krankenschwester Bescheid, die Zettel hier und da, die brodelnde Gerüchteküche zudem hatte ihn über die Hetze in Kenntnis gesetzt. Ob sein Onkel bei deren Tod etwas nachgeholfen hat? - das war zwar nur so ein Gedanke, aber doch ein hartnäckiger, fast plausibel erscheinender. Mal private Nachforschungen anstellen, konnte nicht schaden. Es blieb zudem ja alles in der Familie.

Über diesen Polizistenneffe erfuhr der Arzt den bedauerlichen Tod.
Während er sich über die Nachricht erleichtert fühlen, endlich wieder tief durchatmen konnte, dachte er liebevoll an seinen Bruder: auf diesen kann man sich wenigstens verlassen, auf diesen Idioten. Wobei er „Idiot“ ganz positiv meinte. Andernfalls hätte er ja „Blödmann“ gedacht. Aber „Idiot“ konnte jemand sein, der durchaus intelligent war, nur nicht recht in seine Umwelt passte.
Gleichzeitig ahnte er schon, was auf sie, die ganze Familie Unangenehmes und Widerwärtiges zukommen würde. Aber Hauptsache war nun einmal, diese Furie aus der Welt geschafft zu haben, voila!
Nur der Polizistenneffe ahnte das Allerschlimmste. Und sein Verdacht auf den Mörder der Krankenschwester, von einem natürlichen Tod ging er nicht aus, fiel auf den Onkel, zumal dieser am Telefon nicht gerade überrascht, geschweige denn geschockt oder berührt gewesen zu sein schien. Ein Schweigen war entstanden, kurz, aber zu lang - bevor es wieder zur Tagesordnung überging.
Seinem Neffen dann direkt gegenüber zu stehen, war etwas anderes. Man mußte ihn unter die Fittiche nehmen.
"Sie ist tot aufgefunden worden!"
Er schaute ihn tief in die Augen: "Hast Du etwas damit zu tun?"
Aus diesem Verhalten, seinen Onkel so eine unverhohlen direkte Frage zu stellen, die zudem auf einen unschmeichelhaften Verdacht beruhte, kann nur geschlossen werden, daß sich der Polizist neu erfinden wollte, sein Image neu gestalten und seinen Leumund wieder aufbessern wollte. In der Tat, nach dem schmählichen anfänglichen Leugnen bezüglich des Pistolenklaus ritt er jetzt auf einem Wahrheitstsunami, der ihm hieß, ohne Rücksicht auf Verluste, komme, was da wolle, alle gegebenen Umstände zum Tod der Krankenschwester aufzudecken - ganz der Rolle des aufrichtigen Staatsdiener gemäß. Fast vergaß er dabei die Familie.
Der Tod der Krankenschwester – ein Zufall?
Gerade jetzt?
Nein!
Zum einen, die Krankenschwester hatte gegen seinen Neffen gehetzt, dass sich die Balken bogen, und zum anderen wußte so ein Arzt beste Mittel hinsichtlich Exitus und Tod, nicht wahr!? Steckte dieser Onkel dahinter, dann Gnade ihm Gott. Von ihm konnte er keine Hilfe, keine Deckung, keinerlei Unterstützung erwarten: Daß dies ihm nur klar war, mußte klippundklar mitgeteilt werden.
Aber der Arzt spielte gekonnt den Beleidigten: „Was? Das ist doch nicht Dein Ernst?!" Cool hatte er den durchdringenden Blick des Ordnungshüters pariert, als solchen er ihn nun wahrnahm und nicht als Verwandten, was für jenen zu viel des Guten war und er packte seinen Onkel jetzt sogar am Kraken.
Dieser schlagfertig: „Komm mir so nicht. Ich weiß einiges von Dir zu berichten, Du hast auch Dreck am Stecken, mein Lieber! Also tu die Hände weg von mir!“
„Das ist Schnee vom vergangenen Jahr. Daß ich in meiner Jugend einmal einen anderen zusammengeschlagen habe – das sind Jugendsünden.“ Glücklicherweise konnte damals die Familie diesen Ausrutscher wieder durch eine saftige finanzielle Widergutmachung ausbügeln und damit das Schwappen der Kunde dieses Vorfalls an die Öffentlichkeit verhindern.
„Ja, jähzornig bist Du noch heute, wie man sieht!“
Jetzt packte er ihn gar an der Kehle und würgte ihn, während seine Zähne aufeinander schlugen, mit so zusammengepressten Lippen, daß die Bewegungen kaum zu sehen war, als er mit diesen seine Wut herausstieß: „Damit komm mir nicht! Was war, war!“
Röchelnd entgegnete der Arzt: „Offenbar nicht! Du bist es heute noch: Noch immer derselbe Übertreiber. Überziehst alles, machst zu viel, dabei geht das Porzellan zu Bruch, so sieht's aus!“ Übrigens traf er damit auch momentan ganz genau ins Schwarze.
Einen Druck mehr verstärkte jener seine Händeklammer.
„Was, was redest Du hier? So ein Geschwätz!“
Und jetzt wollte er mit der anderen Hand bereits ausholen, als ihm der Arzt dazwischenfuhr: „So! Ein Geschwätz nennst Du das: Dann will ich Dir mal etwas sagen. Hättest Du Dir nicht die Waffe entwenden lassen von diesem Stümper, wäre die Entführung schnell beendet gewesen, spätesten nämlich mit dem Auftauchen der Polizei und Discounter-Chef im Ganovenhaus. Nein, mit der Pistole konnten sie die Polizisten ausschalten. Zweitens: hätten sie nicht die Waffe gehabt, hätten sie sich nicht getraut, den Restaurant-Besitzer vom Strandcafe kurzerhand krankenhausreif zu schlagen. Weißt Du, dass dieser wahrscheinlich querschnittsgelähmt sein wird?“
Der Onkel lockerte seinen Griff. Das war zu viel. Natürlich, das war saudumm gewesen mit der Waffe, aber er hatte alles gestanden, nur zu spät offensichtlich, wie sich jetzt herausstellte. Die Suppe war ganz gehörig versalzen worden, verflixt.
Ohne weitere Worte räumte er das Feld.

Der Kriminaler stieß bei seiner Recherche auf Ernst. Zeugen hatten behauptet, sie hätten ihn bei der Krankenschwester gesehen, so daß man ihn zuhause aufsuchte, ihn in einem dahindämmernden Zustand vorfand und zum Verhör ins Polizeirevier mitnahm.
Ernst hatte struppige Haare, wirkte unausgeschlafen und verwirrt.
Da muß ich langsam und vorsichtig vorgehen, dachte der Kriminaler.
Diese Strategie war sehr klug, denn dadurch nur würde er Ernst aus der Reserve locken können. Ernst wußte sehr wohl über seine ungehörige Tat. Er war sich sehr wohl bewußt, wieviel auf dem Spiel stand. Nur nicht genau inwiefern, aber es war Schlimmes geschehen und – jedenfalls war er zudem pass verwirrt.
Bevor jedoch der Kriminaler mit seiner wohlüberlegten raffinierten Vorgehensweise beginnen konnte, wurde er leider durch eine Frage Ernst aus dem Konzept gebracht: „Darf ich bitte meinen Bruder sprechen?“
„Warum wollen Sie ihren Bruder sprechen?“
Was sollte jener auf diese Frage des Kriminaler antworten: „Da geht nur meinem Bruder und mir etwas an!“ Das ging nicht. Lieber reagierte er gar nicht. Schließlich wollte er nicht selbst seiner Absicht im Wege stehen, seinen Bruder hinsichtlich des Mordes, des Grundes zum Mord, befragen zu können, was eine zuvörderst familiäre Angelegenheit war, fand erst. Niemand durfte ihm diese Möglichkeit verwehren.
Ernst Antwort war nicht gerade klug gewesen, denn dies weckte das Mißtrauen des Kriminaler um so mehr, welches in die Richtung des Verdachtes ausschlug, zwischen Krankenschwesters Tod, dem Bruder und dem Mediziner bestünde ein Zusammenhang.
„Im welchen Verhältnis zur Krankenschwester standen Sie?“
„Wir haben uns nach dem Unfall öfter besucht!“
„So? Nur besucht?“
Weil aber Ernst gegenüber dieser doch starke Gefühle hegte, die er kaum unter Kontrolle bekam, da er mit dieser Art von Emotionen in seinem Leben bislang kaum in Berührung gekommen war, verspürte er den Drang, Luft abzulassen und sagte schließlich: „Sie wollte mich verführen.“
„Zum Sex?“
„Ja!“
Mehr war aber nicht herauszubekommen. Das lag wohl auch daran, daß Ernst aus den Worten des Kriminaler einen negativen Klang zu vernehmen meinte. „Zum Sex!“ Er empfand ja deren Verhalten auch in dieser Richtung sehr, sehr negativ. Ernst verzog dazu automatisch angewidert den Mund.
„Und das war ihnen zuwider?“
„Ja!“ und Ernst bewegte den Kopf zur Seite, eine Geste, die seinen Abscheu vor dieser Sache untermalte.
Der Kriminaler fühlte sich auf der richtigen Fährte.
„Und sie wollten, konnten nicht?“
Bingo! Ernst Gesicht verzog sich noch mehr, zu einer derart verzerrten Gestik, als müsse er sich sogleich erbrechen und übergeben.
"Kann man sagen, sie wollte sie vergewaltigen?"
"Ja!" Es erfolgte spontan.
„Haben Sie sie deswegen umgebracht?“
Ernst kapierte, dass er zu weit gegangen war.
"Nein, eigentlich vergewaltigen kann man auch nicht sagen. Halt verführen!"
"Hm!"
"Und das ist ihr nicht gelungen!"
„Weil Sie sie getötet haben!"
Er brachte es nur mit Mühe heraus, daß seine Stimme leise und ruhig blieb: „Herr Kommissar, ich muß doch sehr bitten!“, und energisch verschränkte Ernst die Hände vor der Brust und lehnte sich in Abwehrhaltung zurück.
Der Kriminaler sah, er war zu weit gegangen, viel zu weit. Die Fragerichtung mit der Unterstellung war saublöd und falsch gewesen, denn dafür gab es nicht den geringsten Anhaltspunkt.
Nur, warum bereitete ihm nur sein Knie ständig Schmerzen?

Nun, da Ernst zugegeben hatte, daß er bei der Krankenschwester gewesen und in fast intimsten Kontakt mit ihr verkehrt war, deckten sich Spuren damit, die gefunden wurden, die aber nicht als Indiz für einen Mord gelten konnten. Da keine Spuren eines Gewaltaktes und Fremdverschuldens zu finden waren, schien sich die Tode auch nicht gegen einen vermeintlichen Mörder gewehrt zu haben.
Auf dieser spurenerkenntlichen Ebene war also die Todesursache nicht aufzuklären.
Die medizinische Ebene offenbarte nur einen Tod durch Atemnot, denn die Krankenschwester war erstickt; was auch nicht unbedingt auf einen Mord hinwies. Vielleicht hatte einfach ihr Herz versagt, befand sie sich doch nach der Entführung in einem extrem gestressten Zustand, da man ihr, wie der Hauptkommissar erfahren hatte, sehr übel mitgespielt, ja, vergewaltigt hatte.
Posttraumatische Störung mit Todesfolgen!?
Da da das alles nicht oder noch nicht klar war, durfte auch Ernst wieder unbehelligt nach Hause.

Bei diesem reifte allmählich die Erkenntnis, daß, kämen die wahren Umstände des gewaltsamen Todes heraus, was nur eine Frage der Zeit war, würde auch sein Bruder schwer belastet werden.
Er und sein Bruder.
Hm, sagte er sich, vorgeben, er habe sich nur so heimlich bei seinem Bruder informiert über die Möglichkeit, jemanden auf diese Weise zu töten, kurzum, damit belastete er sich und nahm die Schuld allein auf sich, so daß sein Bruder aus dem Schneider wäre. Herauskäme, daß er als der Alleinverursacher, als der Mörder ohne Helfer dastünde.
Nun, entscheidend war, daß dann der Ruf der Familie geschützt war und dieser war sakrosankt, war das Wichtigste in seinem Leben und auf dieser Welt – von dieser war auch seine politische Karriere abhängig.
Einfach alles hing für ihn davon ab.
Jedenfalls konnte er seine politische Karriere vergessen.
So oder so.
Aber immerhin konnte er sich noch zum Helden machen. Das Opfer der Familie konnte er werden. Märtyrer wie die Kirchenheiligen, sozusagen.
Diese Vorstellung von der Übernahme der Alleinschuld begann ihm immer mehr zu schmecken.
Ihm würde nur blühen, wegen Gemeingefährlichkeit in die Psychiatrie eingeliefert zu werden.
Aber die Familie würde gerettet werden.
Denn, was bedeutete er schon ohne dieser?
Noch gewichtiger war die Frage: was bedeutete er in dieser ?
Ein kleiner Systemfehler, mehr nicht. Die Biologie spielt halt manchmal verrückt, dachten bestimmt viele, und er sei die Ausnahme von der Regel. Manchmal ist das halt so!

Pentzw
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22. Gelegenheit macht Mörder

Beitragvon Pentzw » 12.11.2021, 21:14

Der Polizistenneffe traf Ernst nicht mehr in seinem Appartement an. Er mußte leider zum Dienst, so daß er ihm nicht gleich hinterherfahren konnte, um ihn in seinem Elternhaus anzutreffen. Aber morgen war der Kunstgewerbemarkt im Ort, wo er ihn schon finden würde, zwar schwierig, ihn dann im Trubel zu entdecken, aber, was denke ich, dachte er, spätestens spätnachmittag löste sich dieser auf, wenn die Leute wieder nach Hause fahren würden.
Ernst war in seinem Elternhaus zu Besuch, sein Bruder in seinem Familienhaus, welches nicht das des vom Griechen gemietete war und all den Unbill verursacht und losgetreten hatte. Er war ein liebe- und treusorgender Familienvater, der sich um seine Familie kümmerte an Wochenenden, an Fest- und Feiertagen und Ereignissen wie diesen heute. Nach dem Pflichtgang durch den Markt mit seiner Familie beabsichtigte er allein loszuziehen. Darauf freute er sich schon, würde er doch den ein oder anderen Bekannten treffen, mal beim Stammtisch des Gasthaus Krone vorbeischauen und bei der ein oder anderen Tante einen Blick reinwerfen. Die Aussicht auf ein, zwei oder drei heißen Glühwein wärmte ihn jetzt schon, zumal der Haussegen ziemlich schief hing. Die Gemahlin war noch immer stinksauer und sprach kein Wort mehr mit ihm, wenn es nicht nötig war.
Auch Ernst war natürlich auf dem Markt unterwegs in der Hoffnung, auf seinen Bruder zu stoßen. Ihn dann begleiten, wie es sich gehört zwischen Brüdern, eine Gelegenheit abwarten, wo er ihn befragen konnte, was so erbärmlich heiß auf seiner Seele brannte: warum die Krankenschwester eigentlich hatte sterben müssen? Ob das notwendig gewesen wäre?
War es notwendig gewesen?
Warum hatte aber hattest Du mit der Krankenschwester ein Verhältnis gehabt? Mußte sie deswegen sterben, weil dies mit der Entführung ans Tageslicht gekommen war?
Warum hast Du in einem Porno in solch herausragender Rolle mitgespielt und und und...
Tatsächlich traf er seinen Bruder, mit dem er dann zum Familiengrab auf dem Friedhof ging. Einige der umliegenden Nachbarn waren namensgleich. Mit gesenkten Oberkörper verbeugte man sich beim Beten. Jeder jeweils murmelte das Gebet laut vernehmlich herunter, synchron. Ebenso machten sie zeitgleich ein Kreuz über der Brust und sie wandten sich ab.
Erst außerhalb des Friedhofs schien Ernst pietätvollerweise der Ort und der Zeitpunkt gekommen, seinen Bruder zur Rede zu stellen.
„Weißt Du schon, die Krankenschwester...“
„Ja!“, sagte der Bruder, rückte seine Sonnenbrille etwas zurecht und wendete den Kopf zur Sonne. Trotz tiefstem, kühlem Herbst schien die Sonne blank vom stahlblauem Himmel. „Ach, wie schön es doch ist zu leben." Atmende Menschen stießen weiße Fahnen aus, die von weitem sicht- und erkennbar waren. Gut für Spione, die hinter nahen modrig-stinkenden, laubgelb-braun-roten Kastanienbäumen lauerten und die beiden beobachteten, aber nicht hören konnten, was sie redeten. Das war aber nicht entscheidend.
„Brüderchen!“, sagte der Arzt. „Ich kann mir vorstellen, wie Du Dich fühlst. Aber ich sag Dir eins: es hat sein müssen. Glaub mir!“ Er fühlte sich also so gut und so sicher, daß er fand, sich nicht noch einmal zu wiederholen und die ganze Argumente erneut aufzuzählen. Aber er blieb stehen, legte die Arme auf Ernst Schultern: „Aber ich danke Dir dafür, was Du getan hast. Ich danke Dir sehr!“
Ernst war natürlich geschmeichelt, so ein unverhohlenes Lob von seinem Bruder zu bekommen.
Nach einer Weile des Weitergehens jedoch war es ihm doch nicht genug. Mochte auch alles zum Wohle der Familie geschehen und so unhinterfragbar sein, so waren doch da seine Gefühle, die im Innern rumorten wie ein kurz vorm Ausbruch stehender Vulkan.
„Nun aber...“, setzte er an, aber sein Bruder stieß einen Laut aus, der ihm gebot zu schweigen. Dabei blieben sie stehen und jener begann zu sagen: „Hör mal Ernst. Ich erzähl Dir jetzt mal einen Witz.“ Und das machte er auch. Daraufhin mußte Ernst so stark schlucken, daß ihm für lange Zeit, für etliche Minuten, die Stimme versagte und außerstande war, noch etwas zu sagen.
„Kommt ein Patient zum Arzt und fragt: Was ist nun das Ergebnis Ihrer Untersuchung von letzter Woche? Der Arzt sagt: zunächst die schlechte Nachricht. Sie sind unheilbar krank und leben nur noch wenige Wochen. Der Patient, ganz aufgeregt, fragt: und die gute Nachricht? Der Arzt zeigt aus dem offenen Zimmer: sehen Sie die Arzthelferin dort? Ja, sagt der Patient. Die gute Nachricht ist, daß ich die gestern gefickt habe.“

Ernst war perplex und mußte erst einmal diesen Witz verdauen. Dann wurde er wieder sehr schnell schlecht drauf, richtig niedergeschlagen. Was sollte er machen, wenn ihm diese Fragen quälten, worauf sein Bruder keine Antworten liefern wollte oder konnte?
Sie erreichten nun die Bude der freiwilligen Orts-Feuerwehr. Beide wurden freudig empfangen. Jeder bestellte einen Glühwein, auch Ernst, weil es so erwartet wurde von lauter guten Bekannten.
Ernst ließ es sich zwar nicht nehmen, die Zeche zu bezahlen und sich auch einen Becher voll dampfenden Rotweins mit Nelken und Zimt zu reichen, kehrte dann aber dem Stand den Rücken zu, wartete, bis sein Bruder seinen ausgeleert und ausgetrunken hatte und drückte ihm dann aufdrängelnd seinen regelrecht in die Hände, ein bißchen mit der Rechtfertigung seines Asketentums, denn so puritanisch hätte er auch nicht sein müssen: „Du weißt doch, Alkohol und Medikamente!“
Das Wort „Gift“ vermieden beide wohlwissend. Der Bruder nickte wissend und ließ sich den zweiten Becher nicht entgehen.
Ein anderer Kumpel schenkte schon ein: „Das geht auf Kosten des Hauses!“, wobei er dazu feist lachte. Das Haus war nur ein Brettergestell, wennzwar robust, aber liebevoll geschmückt. Unweit davon war inmitten eines großen Platzes ein großes Feuer, ein Holzfeuer mit einem Eisenofen inmitten desselben, auf das dann die Brüder zugingen.
„War das Deine Freundin? Äh, ich meine, habt ihr miteinander geschlafen.“
Sein Bruder war bester Laune, schaute ihn nicht einmal an, als er sagte: „Was denkst Du? Händchengehalten?“
Sie trafen Bekannte. Diese hatten einige Flaschen Wein in der Hand, die sie großzügig in weiße Plastikbecher füllten und verteilten. Davon bekamen auch die Brüder etwas ab. Das Feuer züngelte, war aber beileibe nicht warm genug.
Danach lösten sich die Brüder wieder und gingen ziellos weiter.
„In dem Film, den ich gesehen habe, diesem Video, spielst Du auch mit und die Frau, die Frau, war das die Hilde?“
Sein Bruder wandte sich ihm abrupt zu: „Ernst, laß Dir eins gesagt sein. Es mußte sein, diese Frau war gefährlich, sie war ein Erpresserin, eine wie die Ganoven, die uns entführt haben.“
„Was, steckte sie mit diesen unter einer Decke?“
Der Bruder, noch mehr genervt: „Das zwar nicht. Sie hat ihr eignes Ding gedreht, nämlich nach der Entführung.“
„Als die Ganoven schon tot waren?“
„Genau.“
„Hat sie Geld von Dir erpressen wollen?“
„Das nicht, aber meine Ehe zerstören wollen!“ Das stimmte haargenau. Und für Ernst war das ja auch bislang ein nicht hinterfragbares Argument gewesen, diese Person unschädlich zu machen. Aber wie passte dies mit dem Porno zusammen, wo er und sie zusammen...?
Gezwungen wird sie ihm wohl nicht haben, mit ihr zu bumsen. Das kann keine Erpressung erzwingen. Es scheint ihm doch so, als ob sein Bruder dies freiwillig getan hätte. Aber dies passte nicht zum Bild von seinem Bruder: der und ein schamloser Sexaktivist, oder Pornoschauspieler, oder wie immer man solche Personen titulieren mußte? - nein! Irgendetwas stimmte da nicht. Logisch war nur, daß er gerne mit der Krankenschwester diese Schweinereien gemacht hat und dann, dann hieß dies, daß er seine Ehefrau betrogen hat, da mit den Ruf der Familie gefährdet hat und all das...
Und dafür nun hatte er das Leben eines Menschen ausgelöscht, der ihm sympathisch und gut gegen ihn gewesen war, auch wenn es eine Frau war. Von denen hatte er bis zu dieser Krankenschwester keine gute Meinung gehabt. (Freilich, so wie er erzogen war und daran war seine Erziehung schuldig, aber das hatte er noch nicht verstanden und reflektiert.)
Allmählich wird es Ernst wieder schummlig zumute, einerseits das Unrecht, diese Person auf diese Art und Weise bestraft zu haben, allein hat sie letztlich nicht die Familie bekämpft und in Gefahr gebracht, da ist der Bruder schon ein stückweit mit schuld. Andererseits seine warmherzigen Gefühle zu dieser, wenn er an sie dachte. Das brachte Ernst furchtbar durcheinander.
Jetzt kamen sie zum Seniorenheim der Stadt, einem Haus, in dem in einem kleinen Saal, im Speisesaal ältere Damen und Herren versammelt waren und darauf warteten, von Bekannten und Verwandten besucht zu werden. Die Tante begrüßte erst ihre Neffen freudig, als sie sich nach einigen intensiven Outungen als solche zu erkennen gaben und geben mußten. Sie war ja schon über 90, also was wunder.
Auch hier gab es wieder Alkohol zu trinken.
Ein dichtes Gedränge am Tag der offenen Tür dieses Hauses ging durch diesen Saal und in die umliegenden Zimmer, dazwischen eine misstrauisch um sich blickende Gestalt.
Nach einiger Zeit Herumsitzen und Trinken, die Tante war auch nicht mehr ganz bei Trost und nicht gerade die eloquenteste, charmanteste und schlagfertigste Gastgebern so gesehen, gingen die Brüder wieder und weiter den Kirchberg hinauf, der danach wieder nach unten und ans andere Ende der kleinen Stadt führen würde.
Diesen Weg drängte es Ernst zu gehen, zwar planlos, aber dieser Berg hatte irgendetwas Verlockendes. Mal sehen, was und wofür?
Oben angekommen verschnauften sie sich und blickten auf die rot-grün-umbrabraunen Dächer der fränkischen Kleinstadt herab, die sich vor ihnen ausbreiteten. In diesem Anblick vertieft begann Ernst plötzlich wieder die wohltuende Körperwärme der Krankenschwester zu empfinden. Freilich fühlte es sich nur in seiner Erinnerung so wohl an. Aber dafür eindeutig, was es ehemals nicht und nur mit zwiespältigen Gefühlen einhergegangen war. Nun aber übermannte ihn die Sehnsucht.
Er schaute seinen Bruder haßerfüllt von der Seite an, weil ihm so schmerzhaft bewußt wurde, was ihm dieser genommen und weggenommen hatte.
Der Kirchenbereich war mit einer knapp über einen Meter hohen Mauer umgeben. Es könnte klappen, dachte er, als er seinen Bruder so dicht davorstehen sah, wenn er ihn von hinten mit Anlauf, starkem Druck, vielleicht an den Beinen hoch gehievt darüber hinweg stoßen würde. Er würde darüber hinweg geschleudert werden, ja.
Danach würde es wie ein simpler Unfall aussehen.
Sofern niemand Zeuge war.
Ein Windstoß fegte jetzt über die Anhöhe hinweg, so daß Ernst Haare wie vom Blitz getroffen aufgewühlt zu Berge standen. Sein Körper wankte leicht; vielleicht wegen der möglichen Aussicht, die sich ihm hier bieten würde. In der hereinbrechenden Dämmerung war aber der Versuch, sich richtig umzuschauen und die Möglichkeiten abzuklopfen, sehr unsicher.
Etwas weiter weg schienen noch andere Leute in diesem Kirchhofsbereich sich aufzuhalten, aber viele schienen es nicht zu sein.
Eine günstige Gelegenheit, Mann!
Ist es dort ein Funkeln zweier beobachtender Augen?
Aber das könnten auch Katzen sein.
Die Straßenlaterne an einer Ecke dort verbreitete einen derart trüben Lichtschein, daß selbst dieses Funkeln Einbildung sein könnte. Es war einfach zu wenig hell, um abzusehen, wer alles von wo hierher schauen konnte, entschied Ernst.
Dann blickte er in die Tiefe des Berges hinunter.
Die Aussicht war reizvoll. Es würde wie ein simpler Unfall aussehen. Ein zufälliger, glatter Genickbruch, nicht ausgeschlossen aus dieser Höhe. Aber leider nicht zwingend. Genauso gut hätte der Unglückrabe auch mit ein paar bösen Prellungen davonkommen können.
Nein, das war zu unsicher.
Dann lieber die Giftspritze, die in seiner Jackentasche ruhte mitsamt dem Giftfläschchen. Zu dieser Tat brauchte er allerdings eine gewisse Vorbereitungszeit, auch einen abgeschotteten Raum. Vielleicht ein verschließbares Klo. Ein solches bot sich leider momentan nicht, soweit er sehen konnte.
Also weitergehen.
Wo war hier ein Plastikklo zum Beispiel?
Man hatte aber einen Art Bauwagen in funktionierende Toiletten umgebaut nahe einer weiteren Feuerstelle, die man mit dicken, breiten Holzscheiten und abgrenzenden, großen Gesteinsbrocken errichtet hatte. Das Feuer loderte verheißungsvoll, da die ersten Holzscheite bereits auseinanderbrachen; Funken sprühten und große, züngelnde Flammen schossen empor; bläuliche und bernsteinfarbige Enden der Flammen loderten in den Augen von Leuten, die in einem großen Gedränge herumstanden.
Natürlich wurde der Bruder wieder einmal mit einem großen Hallo dort hingelockt. Ernst dachte, daß sich da im dichten Gedränge vielleicht die Möglichkeit ergab, seinem Bruder einen Spritze zu setzen.
Schnell sagte er zu seinem Bruder: „Du, ich muß mal!“, wobei jener dies nur mit einer jovialen Geste der Zustimmung beantwortete und sich nicht davon abhalten ließ, in sein Glück zu stolpern oder Pech, was sich noch herausstellen sollte.
Allerdings würde dies von einem düster dreinblickenden Fremden mitverfolgt werden, der so fremd nicht war. Sehr bekannt sogar. Wenngleich er so tat, als sei er fremd und nichtexistent.

Pentzw
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23. Schrecken ohne Ende

Beitragvon Pentzw » 20.11.2021, 20:26

Hin- und hergeschwenkt werden Becher voll Bier mit schwungvollen Armen. Ernst tritt hinzu und eine Gischt Bier kommt ihm entgegengezischt. Er weicht davor zurück, stößt hinter sich gegen jemanden und spritzt sich die Spritze in seinen dicken, wollenen Wärmeschutz. Glück gehabt, daß nicht in seinen eigenen Körper gestochen!
Man beschwichtigte Ernst wegen des kleinen Malheurs, das da nur zu sein schien Flicken am Anorak und er tat auch so, als sei es nicht weiter erwähnenswert, mußte natürlich zurück aufs Klo, um sich zu waschen und die unberechenbare Flüssigkeit aus dem Stoff zu bürsten. Noch einmal eine Dosis Gift aufzuziehen, kam hier nicht in Frage. Er mußte auf eine bessere Gelegenheit warten.

Danach gingen die Brüder zu den wahren Künstlern, die Ateliers gemietet hatten. Eigentlich waren diese Räume nur ehemalige Hopfen-, Getreide oder Obstkeller mit meist einer durch einen mittelalterlichen Eisenriegel verschlossenen höchstens zwei Quadratmeter großen Tür vor einer Luke zur Straße, in der hinein eine Stiege oder Rutsche ein paar Meter hinunterführte, auf der einst die Lebensmittel hinuntergerollt, gestoßen und geschubst wurden, als es noch eine florierende Landwirtschaftskultur gegeben hatte. Die dunklen Katakomben waren von Steinmetzen, Holzplastik-Modellatoren oder sonstigen nicht genau zu definierenden Künstlern besetzt.
Die Brüder gingen über den Haupteingang des kleinen Familienhauses via zwei Treppen nach oben in einen Flur hinein, von dem aus es über schmale, sehr eng gewundene Stufen in eine düstere Atmosphäre hinunterging. Ein beklemmendes Gefühl entstand durch die niedrig herabhängenden Decken, aber sie waren so alt wie die Zeiten, in denen Menschen noch nicht größer als 160 waren. In den dunklen Ecken standen brennende Kerzenständer, Laternen oder Lampions, um den Raum etwas zu erhellen. Wegen des Lichtmangels war es überall duster und dunkel, zudem wegen Mangels an Zugig- und Luftigkeit bedrückend und dumpf gleich Lochgefängnisssen und Folterkammern. Die Wände und Böden waren bestellt mit undefinierbaren Plastiken, Figuren und Gebilden wie Gnomen, Wurzelzwergen, Hexen, Riesen, Krüppeln, buckligen Alten und verformten Behinderten, Einäugigen und Zyklopen, was aus auch immer Erdenklich- und Formbarem. Ein Künstler bearbeitete gerade einen klobigen Holzklotz auf einen dicken, breiten Holzpodest, so dass es krachte, sprühte und die Späne durch den Raum segelten. Drumherum standen Väter und Mütter mit ihren Kindern und staunten sich Bauklötze aus den Augen.
Der Arzt war wohl schon so angeheitert, daß er gleichfalls fasziniert von dem Budenzauber in Bann geschlagen war. Ernst sah bedrohliche Schatten an den Wänden flimmern, die die kleinen, schwachen Flammen der Lampions und Kerzen warfen, aber eine umso größere, stärke Wirkung auf Ernst Gemüt aussendeten. Ein Gefühl der Angst schnürte ihm die Kehle zu vor diesen Monster, urigen Wesen und Gespenster mit verkrümmten Händen, Nasen und Beinen, die ein Schauspiel vollführten, daß Ernst einen Schauder über seinen Rücken sendete.
Um sich loszueisen und keine Widerrede zuzulassen, entschuldigte er sich schnell von seinem Bruder und rannte die Treppe zurück in die Patterrewohnung hinauf, in der er richtig einen frei zugänglichen Kloraum benutzen konnte.
Im diesem erholte er sich nach wenigen Sekunden wieder und meinte, daß er es noch einmal versuchen sollte, den Urheber seiner Qual, seiner vergeblichen, schmerzhaften Sehnsucht nach Hilde auszuschalten. So zapfte er die letzten Gifttropfen aus dem Glasbehälter, machte den Wassertropfentest, verbarg die Kanülle unter seinem offenen Winteranorak und ging wieder nach unten, wo sein Bruder nicht mehr dort stand.
Ernst blickte sich panisch um, um ihn sonstwo hier unten zu entdecken – vergebens. Dann sprang er hektisch wieder die Treppe nach oben, aus der Tür und ins Freie der engen Kopfsteinpflaster-Gasse. Dort sah er seinen Bruder sich mit einem anderen Bekannten sich unterhaltend stehen.
Dieser sagte zu Ernst gewendet: „Suchst Du mich?“
„Ja!“
„Sorry, ich habe es nicht länger im dunklen Keller ausgehalten. Ich mußte die Flucht ergreifen, wie ich mich gefürchtet habe.“ Die umstehende Mischpoke lachte darüber, weil sie meinten, dies sei ein Scherz extra für die Kleinen die Kinder.
Der Arzt ergriff in diesem Tumult des Lachens die Gelegenheit, seinen Bruder schnell ins Ohr zu flüstern: „Das hat mich an meine Gefangenschaft erinnert. Du weißt schon, dies mit der Halskrause und so.“
Ernst nickte verständnisvoll dazu.
Damit bekam er Mitleid mit seinen Bruder einerseits, andererseits war es auch unmöglich jetzt, ihn auf offener Straße in bester Gesellschaft so vieler Leute mit einer Spritze so klammheimlich und unbemerkt wie auch immer zu attackieren.
Er steckte sich deswegen die Spritze in die untere, linke innere Handtasche, wobei sie etwas über die Schließlasche hinausreichte. Gefährlich, aber nicht zu ändern unter diesen Umständen!

Dann kamen sie an einen Stand vorbei, der des örtlichen Nähclubs, wo ihre Cousine Präsidentin ist.
„Kommt doch mal beide her!“, winkt sie ihnen zu.
Neben der Kusine sitzen reihum ein Dutzend Hausfrauen mit ihren Küchenschürzen, wozu, wissen nur sie selbst. Schließlich repräsentieren sie keine Küchenutensilien oder dergleichen.
Sowie die beiden herangetreten sind, kommt schon die Kusini mit einem Meterband vor sich hin gestreckt auf Ernst zu und legte sie ihm um die Taille: „Ernst, Du kriegst von mir eine tolle Hose genäht!“ Mit Ernst konnte man so etwas machen, ihn einfach so ungefragt eine Hose verpassen, mit ihm konnte man immer Spaß machen und so wußte man nicht zu sagen, ob sie dies ernst meinte oder aus Gaudi tat.
„Leg mal Deine Jacke ab und probier mal diese Hose an!“
Ernst legte seine Jacke ab, legte sie sorgfältig in zwei Doppelhälften übereinander, wie man solch ein Kleidungsstück über einen Arm hängen würde beim Promenieren oder in der Oper.
„Halt mal!“, sagte er seinem Bruder. Der übernahm sie und kriegte gleich hinterher auch den Ernst Pullover ausgehändigt. Alle Beteiligten lachten dazu freudig, besonders die anwesenden Frauen giggelten wie die aufgescheuchten Hühner.
Dann bekam Ernst die Hose überreicht, die er sich hinter dem Paravent an der Bude anziehen sollte.
Als er zurückkam, legte die Kusine mit Nadeln einen Schnitt an die weite Hose.
„So, damit die Hosen passt. Ich bin jetzt fertig, Ernst.“
Ernst, überrascht von allem, stand einfach untätig herum.
„Jetzt, Ernst, jetzt kannst Du Dich wieder umziehen.“ Und alle Anwesenden lachten wieder, ein bißchen hämisch, schien es, ob Ernst Tolpatschigkeit und Nicht-wissen-was-tun-sollen.
„In ein paar Tagen komm ich zu Euch nach Haus mit der neuen Hose. Wirst sehen, dies wird eine Überraschung werden.“ Und die anwesenden Damen klatschten sogar über diese frohe Botschaft. „Ernst, da wirst Du Augen machen!“
Ernst, wie immer lieb, nett und gefügig, sagte: „Ja, Kusini, ich freu mich schon!“, und wandte sich zu seinem Bruder um, der ihm wieder seine Kleidungssachen reichen wollte. Da das Lachen aber etliche Leute angezogen hatte, gab es plötzlich ein Gedränge, so daß sich der Bruder gegen Ernst stemmen mußte, sich fast festhalten, um nicht umgestoßen zu werden. Unglücklicherweise fand dabei die Spritze ihren Weg in Ernsts Hand hinein, welche dabei abbrach und zu Boden fiel.
Der Tumult war so stark und laut, daß der Arzt nichts merkte, sein Bruder fast auch nichts spürte, nur einen kleinen Stichschmerz. Dann konnten sich beide abseits der Nähbude in Sicherheit bringen und Ernst sich Pullover und Winterjacke anziehen.
Dann gingen sie weiter.
Einem jedoch war voriger Vorfall nicht entgangen und dieser hob nun den auf dem Boden liegenden Gegenstand auf, inspizierte diesen von links und rechts, oben und unten, konnte sich natürlich keinen Reim darauf bilden, roch daran, was ihm auch nicht weiterbrachte, da er keine Fachmann war, um den leicht ätzenden Geruch zuzuordnen und so steckte er ihn sich in die Seitentasche und folgte wieder den Brüdern.
Ernst fühlte sich schlecht, schlechter und immer schlechter, verkrampfte sich immer wieder, wand sich vor Schmerzen und lag plötzlich auf dem Boden. Sein Bruder beugte sich über ihn, um ihn dem Puls, der rasend hämmerte, abzutasten. Er ahnte, was sich da tat, konnte aber jetzt in dieser Situation auf offener Straße kaum etwas machen.
Hinter ihm erschien plötzlich das vor Wut funkelte Gesicht des Polizistenneffe.
„Was hast Du gemacht?“
„Ruf den Notdienst, schnell!“, rief er voll Panik. Der Polizist tat es, ohne seinen argwöhnischen Blick vom Arzt und den Patienten zu wenden. Es schien zu spät zu sein.


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