Der ultimative Heimatkrimi - Roman von Verbrechern wider Willen

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Pentzw
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16. Die Befragung

Beitragvon Pentzw » 10.09.2021, 20:45

Der Arzt wurde ins Büro des Untersuchungsbeamten geführt, begleitet von einer jungen Polizistin, die obwohl stramm und strukturiert auftrat, sehr feminin wirkte. Ihre Backen leuchteten rot, an diesem Montag in der Früh.
„Wie geht's der Familie?“, fragte der Beamte wie aus der Pistole geschossen, merkwürdig grinsend, als erwartete er von seiner stereotypen Allerweltsfrage eine besondere Antwort. Die Polizistin streckt automatisch ihren Ehefinger mit Goldring nach vorne, als wollte sie jemanden oder etwas verhexen und abwehren. Befand sich die jüngere Kollegin in der Defensive und mußte sich gegen einen alten Hasen erwehren, der sie aufs Glatteis führen will?
Wenn, dann erwehrte sie sich schlagkräftig.
„Gut, gut, wie immer. Und selber? Die Gemahlin schon übern Berg?“
„Ja, mittlerweile schon. Bei der exzellenten Betreuung!" Damit meinte sich der Kriminaler selbst.
Die Polizistin zeigt befriedigt ein aasiges Lächeln, bevor sie schnell verschwindet.
Der Arzt denkt neidisch, ach, wie schön, so ein harmonisches Eheleben! Seines war down-under, aber völlig. Seine verkorktesten Entschuldigungen brandeten bei seiner Gemahlin wie an einer schweigenden Mauer ab oder wurden von einem aufschreiendem Schwall von Gezeter verschluckt. Sie war heute aus dem trauten Ehehaus gezogen samt Kindern und hatte sich bei ihrer Herkunftsfamilie verschanzt.
Was das noch geben würde?

Zum Glück hielt sich der Kriminaler nicht länger auf und begann mit Folgendem: „Wir stehen vor einem Rätsel. Es sind so viele Fragen offen, dass wir gar nicht wissen, wo anfangen? Wüßten wir nur das Motiv?“
Der Arzt schaut verschämt in eine Ecke, kein Wunder, bei ihm kamen fast alle Motive dieses Verbrechens zusammen. Aber er hatte vor wie ein Grab zu schweigen. Anderseits, klar, die Suche nach dem Motiv der Entführung – nur zu gerne würde er helfen, das Rätsel zu lösen.
Ohne sich allerdings selbst zu belasten!
„Es befanden sich zum Zeitpunkt der Entführung 1000 Euro (Schwarzgeld) in meiner Tasche. Diese entdeckten die Ganoven. Daraufhin wurden sie zur Erpressung verführt. Sie gingen davon aus, dass bei mir mehr herauszuholen war, mehr, viel mehr. .- Wie bitte, woher die Tausend Euro kommen? Das ist unversteuertes Mietgeld unseres vierten Hauses. Darin wohnt ein Grieche. Der hat durch sein Restaurant immer schön Schwarzgeld. Vor Monatsende steckt er mir das jedesmal zu.“
Nein, das ging nicht!
Er saß ganz schön in der Zwickmühle!
Wovon der Arzt ausging: die Behörde wusste nur vom Videoclip, der auf eine Internetseite upgeloadet worden war. Diese Annahme war insofern richtig, als weder er noch der Hauptkommissar wussten, dass Blondy nicht nur dieses Szenario, sondern auch, weil der Camcorder weitergelaufen ist, das anschließende Gespräch mit der Offenlegung des Schwarzgeldes aufgezeichnet hatte. Dieses befand sich auf dem Computer. Zum Glück des Arzt war dieser bislang noch nicht ausgewertet worden.
Des Kommissars Tappen im Dunkeln war von daher richtiggehend rührig.
'Stecken Arzt, Polizist und dieser Ernst unter einer Decke? Ein Familienkomplott sozusagen. - Oder wollte der Arzt allein seine Familie erpressen, indem er sich entführen ließ von zwei gedungenen Gaunern? Diese haben ja die Dienstpistole von des Polizisten-Neffe gehabt, die ihnen in diesem Fall der Arzt hat zukommen lassen, weil der Polizist sie ihn entweder geliehen hat oder vom Arzt beklaut worden ist? Wo? Bei ihm Zuhause? Der Arzt ist davon ausgegangen, dass er die Pistole nach der Entführung wieder klammheimlich zurücklegen kann.
Hm... - Und welche Rolle spielte dabei der Verkehrspolizist eigentlich?'
So viel Fragen, so viel...

Der Polizist schaut verschämt in eine Ecke – zuvor sich noch kollegial begrüßt, er als Verkehrspolizei, der andere als Kriminaler, beiden wohl bewußt, der Rahmen verbindet sie, in der gleichen Gesellschaft, beim Staat und zudem privilegierte Beamte zu sein, aber besondere Pflichten zu haben.
Das befeuert das Problem. Der Verkehrspolizist denkt fortgesetzt, er habe mit seinem Verhalten und seiner Rolle bei der Entführung die Berechtigung zum Kollegiatentum verspielt, um so schmerzlicher, als er sich bislang immer als mit Haut und Haaren ehrbarer Polizist gesehen hat.
„Du weißt Kollege, ich muss Dir unangenehme Fragen stellen!“, kommt es zunächst im vertraulichen Tonfall. Er nickt schweigend dazu. Als ob er nicht wusste, was auf ihn zukäme. Aber er hält es sich stets vor Augen: Familie ist das eine, Beruf das andere.
Er ist der totalen Lächerlichkeit ausgesetzt: den Cabrio einen Tag vor der Geldübergabe auf eigene Faust inspiziert und so unvorsichtig dämlich verhalten zu haben, dass er eine über die Birne gekriegt und ein Niemand von Kleinkrimineller ihm mir nichts dir nichts die Dienstpolizei entwendet hat.
Das war schon schlimm, schlimm genug!
Schlimmer aber noch war diese Verheimlichung jetzt dem Diensthabenden gegenüber!
Das Gefühl der Unannehmlichkeit steigerte sich von Sekunde zu Sekunde ins schier Unerträgliche. Hilfesuchend schaut er in des Hauptkommissar Gesicht, wendet wieder den Blick schnell woandershin und zum Fenster hinaus.
Durch diesen sieht er eine Taubenschar auf dem Dach des gegenüberliegenden Haus. Diese Tiere verschissen dort die Balkone, dass es zur wahren Landplage geworden war. Der Hygiene wegen hatten die Mieter ihre Balkone mit Eisendraht vernetzen müssen, was zwar die Verunreinigung abhielt, aber die Sicht mit einem Gitternetz verunzierte. Von daher mussten sie sich wie eingesperrt vorkommen – wie im Gefängnis.
Auf seiner Brust lastete ein Zentner Betonsack.
Wer weiß, was die Ermittler nicht alles im Hintergrund hatten oder noch herausfinden würden? Aber noch wichtiger war ihm die Aussicht, ob er sich wie im Gefängnis vorkommen will, verwoben und verstrickt in Lügen, Halbwahrheiten und Vertuschen. Wie hinter Gittern?
„Wie kommt es nur, dass die Gauner Deine Dienstpistole hatten, als man sie aus dem Autoblech herausschweißen musste?“
Er zuckt die Schultern. Noch kann er Widerstand leisten, ein Trotz gegen die Preisgabe der Lächerlichkeit. Andererseits denkt er aber, wenn ich nicht das Übel an der Wurzel packe, packt es mich.
„Kann es vielleicht sein, dass...“
Ideotisch, sich Gitternetze vor das Fenster zu hängen, um sich selbst einzusperren. In solch einem Fall hilft nur eins, meint der Polizist-mit-Haut-und-Haaren: Reduktion der Überzahl, sprich Tauben vom Dach schießen oder seinethalben auf eine andere, etwas humanere Weise eliminieren, jedenfalls gab's nur eins: weg mit den Tauben. Oder?
Er sieht gegenüber auf dem Hausdach plötzlich einen Schwarm Tauben mit schlagenden Flügelschlägen sich in die Lüfte erheben und er beginnt automatisch dazu zu sprechen: „Am Sonntag, vor dem Tag der Geldübernahme, die war ja am Montag...“
Stocken.
Der Kriminaler schwieg, um den Polizisten Zeit zu lassen, reinen Wein einzuschenken.
„Als ich also am Sonntag zu dem Fahrzeug gefahren bin, um die Umstände der Geldübergabe noch einmal abzuchecken...“
„Natürlich!“ Das ist aber eine schwere Geburt.
„Na, da hat mich einer der Ganoven hinterrücks...., also, solch ein Schmalspurganove, meine Dienstpistole entwendet.“
"Entwendet, so, so!"
Schlimm, schlimm das erzählen zu müssen. Der Kriminaler konnte aber beim besten Willen nicht zugänglich, verständnisvoll und jovial reagieren, dazu war der Hammer zu groß.
„Warum aber hast Du nicht alles der zuständigen Stelle gemeldet?“
„Die Familie...“ Was glaubt denn der Kriminaler überhaupt, Mensch. So einfach ist die Sache auch wieder nicht gewesen!
Der Polizisten-Neffe sitzt da mit dem Gefühl, auf keinerlei Verständnis zu stoßen. Sein Gefühl trügt ihn nicht. Er muß weiterreden, zumal sich die Augenbrauen des Vis-á-vis nervös auf- und abheben.

Ernst schaute hier nicht verschämt in die Ecke, er war in seinem Element, wie ein Politiker, der voll im Rampenlicht der Gesellschaft steht. Unverwandt blickte er den Kriminaler ganz auf Augenhöhe an.
Dieser ist zunächst von Ernst geblendet. Von dem, was jener sehr gut konnte im ersten Augenblick einer Erstbegegnung, sonor zu klingen, solide zu erscheinen und strait aufzutreten, als ein Macher, Einer-der-die-Dinge-anpackt, ein Strippenzieher, dem nichts entgeht. Voll kompetent! Mochten die Tabletten ihren Anteil haben, dass sie ihn ao aufrecht erscheinen, aufbauen und geradezu stählern erscheinen ließen.
Nur etwas Merkwürdiges, Irritierenden trübte sein forsches Auftreten. Die Augen.
Diese fielen wegen der dichten, buschigen, ungepflegten Brauen deshalb nicht sofort auf, weil Ernst ein blonder Typ war und die Haare weiß, wenn nicht schon grau. Allmählich wirkt es aber irritierend, wird einem der Blick in die Augen des Gegenüber verwehrt. Unsicherheit macht sich breit; ein Verdacht, der andere verberge etwas, macht sich Platz.
Und beim Kriminaler wirkt sich Irritation durch Hektik aus, so dass er einen taktischen Fehler macht, indem er sofort mit seinem Verhör beginnt, anstatt erst einmal die Dinge sich entwickeln zu lassen.
„Wie kommen eigentlich die Verbrecher in den Unfallwagen? Sie haben ihn doch gefahren. Stecken Sie mit Ihnen unter einer Decke? War am Strandparkplatz die Übergabestelle gewesen, wo sie das Fahrzeug den Fliehenden zur Verfügung gestellt haben? Sie haben mit diesen kooperiert, oder warum befanden sie sich im Transporter, als der Unfall geschehen ist?“
Ein plausibler Zusammenhang. Aber total daneben. Ernst konnte dem Polizisten nicht erzählen, was wirklich hinter all dem steckte: dass er den Helden spielen wollte und gescheitert war - sonst wäre seine politische Karriere frühzeitig, noch vor seinem Einzug in Berlin, gestoppt. Übrigens hatte Ernst noch nicht die Zeitung gelesen heute.
„Wenn ich nur erst in Berlin wäre...“, murmelte er dabei. Sein Gegenüber schaut auf.
Was hatte der da gesagt und was hatte es zu bedeuten: wenn er erst in Berlin war?
Zufällig liegt die örtliche Presse aufgeschlagen auf dem Tisch: Ernst, ein Held; seine Partei konnte auf einen solch couragierten, jungen Mann stolz sein: Berlin wartet auf Dich, Ernst!
Aha, jetzt, wo er in aller Munde als Held dastand, würde er nach Berlin kommen... und?
Das bestätigte hinwiederum des Kriminaler Vermutung der Entführung als familiäre Verschwörung!
„Was würde dann sein, wenn Sie erst in Berlin sind?“
Ernst zögert, vermutet eine Falle und schweigt.
Killerinstinkt! Politikerroutine: sagen, ohne etwas auszusagen. Aber das heißt nicht nichts zu sagen!
Leichter gesagt als getan.
'Mensch, was sag ich jetzt?'
Er überlegte krampfhaft, wie aus dieser Sackgasse herauskommen. Banales, Plausibles, etwas Halbwahres zu bemerken, vermochte er gerade jetzt nicht, wo es so notwendig war. Aber das war's doch, was Politiker so sehr konnten.
Er merkte, dies hier war seine Taufprobe, Feuerprobe als Politiker, jetzt und hier nahm seine Berliner Karriere den Anfang oder das Ende.
Inzwischen rotierte der Polizistenschädel.
Mensch, von woher wehte der Wind?
Dem Kriminaler war gesteckt worden, Ernst sei das schwarze Schaf der Familie und jahrelang arbeitslos gewesen und mit einem Schmunzeln hatte der Informant noch angedeutet, er wäre bei der Firma des Freundes seines Bruders als Mädchen-für-Alles untergekommen, sonst stünde er heute noch auf der Straße. Die Familie empfände Ernst insgesamt schlicht als Klotz am Bein.
Ging man von einem abgekartetem Spiel aus, Bruder und Polizistenneffe wussten Bescheid, dann war alles inszeniert, um Ernst in die Schlagzeilen zu bringen und ihn somit nach Berlin zu katapultieren. Der Bruder der Lockvogel, der Polizistenneffe der Steigbügelhalter und Ernst der Held. Klang logisch.
Aber das war auch wieder irritierend.
Betrachtet man nur mal die Entführer.
Was, wenn die Entführer nicht eingeweiht gewesen waren?
Wenn es sich um einen Zufall handelte, dass die Ganoven am Abend, während sich Arzt und Krankenschwester im Cabrio liebten, vorbeikamen und sie filmten? Und daraus dann die Erpressung sich ergab?
Nein, das war zu unwahrscheinlich.
Dann waren vielleicht alle eingeweiht? Entführer, Krankenschwester, Arzt, Polizist und Ernst – zum Zweck? Um Ernst einen Aufwind für seine politische Karriere und berlinerische Kandidatur zu vermitteln? Dafür sprach auch, dass nur sie involviert waren und die Polizei außen vorgelassen worden ist; sie waren unter sich und konnten es so hinstellen, dass alles so aussah, als ob die zwei jetzt toten Drogenabhängigen zur Entführung verleitet worden sind.
Der Polizist rümpfte die Nase.
Da blieb nur die Krankenschwester übrig. Sie konnte doch keinen Vorteil aus dem Komplott ziehen. Ihr konnte es außerdem egal sein, ob Ernst nach Berlin verschwand oder weiterhin so herumwurschtelte wie bisher.
„Schaun ma mal, was sie zu sagen hat!“

Pentzw
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17. Die Kronzeugin

Beitragvon Pentzw » 22.09.2021, 19:41

Vor dem Kriminaler sitzt ein Häufchen Elend.
Sie hat ein paar Kratzer an der rechten Stirnseite, die wohl von dem Autounfall herrühren mögen. Die Hände, die gefesselt waren, sind an den Pulsadern stark aufgeschürft, so daß das Fleisch rosa-rot schimmert. Die Haare stehen ihr zu Berg, sie wirkt ungepflegt und verwirrt, da sie nicht weiß, wohin mit den Händen. Violette Krähenfüße leuchten unter ihren Augen. Stirnrunzelnd verschränkt sie ihre Finger zu einer einzigen Hand wie zum Gebet und legt die Hände auf den Tisch.
Sie ist diejenige Person von den Beteiligten, die am stärksten von der Entführung mitgenommen worden ist. Das sprach für seine Theorie der Familienverschwörung, denn die eigentlich Betroffenen, nämlich diese Familienmitglieder, Arzt, Polizist und Bruder zeigten kaum, daß die letzten Tagen an ihnen genagt hätten. Nein, wirklich, daß sie dies alles wirklich bis ins Mark und Bein hinein getroffen hätte, wirkten die nicht.
Aber bei dieser Frau schon. Zeichen der totalen Erschöpfung zeigte sie, wie Menschen nach einer schweren Anspannung, die von einer depressiven Leistungshemmung und Antriebslosigkeit gekennzeichnet sind.
Er fragt zuerst, ob sie einen Kaffee wolle, um zu vermeiden, mit der Tür ins Haus zu fallen.
Nach dem ersten Schluck hat der Kriminaler den Eindruck, daß er jetzt die Katze aus dem Sack ziehen müsse, sonst würde das Hinauszögern das hervorrufen, was er gerade vermeiden wollte.
„Ich komme jetzt nicht umhin, ihnen einige Fragen zur Entführung zu stellen.“ Vorsichtiger geht's kaum.
Sie reagiert nicht. Als ob sie eine Mauer umgeben würde. Sind diese Fragen überhaupt bis zu ihr vorgedrungen? Ihre Finger umklammern krampfhaft den Tassenhenkel und sind schweißnass. Ihr Kopf wankt leicht? Gleichgewichtsstörung? Wahrscheinlich von den Tabletten her, Beruhigungs- oder Schmerzmitteln.
Der Polizist überlegt, wie seine vorher schon angedachte Redewendung ändern, um damit ihre Trance zu durchbrechen. Aber das geht ihr offensichtlich nicht.
„Ich kann ja verstehen, daß sie bestimmt noch nicht in der Verfassung sind, auf meine Fragen zu antworten, nachdem, was sie durchgemacht haben, aber leider muß ich, um die Ermittlungen fortzusetzen, sie verstehen schon...“ Der Kriminaler aber wußte fast überhaupt nichts, geschweige denn, in welche Richtung seine Fragen gehen sollten.
Er wird von einer schüchternen Stimme unterbrochen, die ihn piepsend leise nach dem Stand fragt: „Wovon geht die Polizei aus?“
„Wir tappen noch ziemlich im Dunkeln, muß ich gestehen.“
Was nur genau sagen? Immerhin deutete er aber die Vermutungen einer Verschwörung an, eine geplante Tat, ein ausgeheckter Komplott der Brüder und Verwandten des Chefarztes.
Zweifel bleiben zurück, ob dies richtig gewesen ist, zu sagen. Zu spät.
Die Krankenschwester schaut starr aus dem Fenster. Als ob sie nicht anwesend wäre. Man konnte aus dem Blick kaum etwas herauslesen, nicht, ob sie nachdachte, ob etwas hängenblieb von dem Gesagten und was überhaupt in ihr vorging. Man spürte nur daran, daß sie angestrengt nachdachte, zumal ihre Augen nur aus schmalen Lidern blickten.

Nachdenken tat sie in der Tat: 'Kann ich mich rächen?' - darum drehten sich diese ihr Gedanken. Nur darum.
Es fällt schließlich ihr Blick auf ihren Gegenüber.
„Ja!“, sagt sie. „Dies könnte durchaus ein abgekartetes Spiel gewesen sein. Dieser, dieser Ernst hat sich so merkwürdig benommen.“
Der Polizist lehnt sich nach vorne.
„Wie?“
Zunächst kommt nichts. Er muß sie noch einmal anstoßen, indem er aufmunternd mit dem Kopf nickt, will heißen: wie, wie, wie!
„Als wäre er ein Held, ein Erlöser, Lebensretter, wenn Sie wissen, was ich...“
Etwas verzögert, obwohl's ihm längst auf der Zunge lag, antwortet er: „Aber das könne unter den gegebenen Umständen durchaus normal gewesen sein.“
Wieder verzögert kommt die langsam ausgesprochene Antwort, die aber sehr bestimmt klingt: „Nein wirklich nicht. - Der ist nicht ganz normal! Größenwahnsinnig, wenn sie wissen, wie ich das meine...“
Sie hat dies gesagt, obwohl sie sich nach dem Umfall um Ernst krankenpflegerisch gekümmert hat, der durch Aufprall auf Blech, Kanten und Ecken von starken Schürfwunden schwer angeschlagen und gezeichnet gewesen war. Man kann durchaus sagen, sie haben sich danach auch sehr gut verstanden und es ist sogar so etwas wie eine kleine Verbundenheit entstanden. Er hat nach dem Unfall aus dem Krankenhausbett heraus ein paar Mal nach ihr gefragt und sie ist gekommen. Warum sie es getan hat, weiß sie eigentlich gar nicht. Bestimmt wieder ihr Helfersyndrom. Denn schlecht ging es ihr ja auch. - Trotzdem, egal wie, er gehört zu dieser Familie des Mannes, der ihr so übel mitgespielt hatte, zu diesem Chefarzt, der sich gleichgültig, gefühllos und indolent verhalten hat gegenüber den bestialischen Vergewaltigern, Entführern und Erpressern, denen sie so dermaßen hilflos ausgeliefert gewesen war, daß es ihr ihm nachhinein noch die Sprache verschlägt. - Und für all das mußte er büßen – und traf es seinen Bruder, diesen Ernst, dann traf es auch ihn, diesen Arzt.
Der Polizist lehnt sich zurück.
Er denkt, das passt gut zu meiner Variante: alles geplant. Ernst ist euphorisiert, weil er weiß, daß er bald nach Berlin kommen wird, so daß alles deswegen aus dem Ruder gelaufen ist am Schluß?
Hm?

Es kommt ein Telefongespräch ins Büro des Kriminaler.
„Entschuldigen Sie!“, und er hebt ab. Während er spricht, blickt er direkt in die Augen der Krankenschwester, die diesem Blick begegnet. Wahrscheinlich geht es um sie, sie glaubt zu wissen, worüber die Telefonierer sprechen. Sie ist empört, sehr, sehr empört jetzt. Der Kriminaler schaut ein paarmal recht scheu in die ein oder andere Ecke, was ihre Vermutung bestärkt. Ihre Wut, ihr Haß, ihr Rachedurst wächst damit ins Unermessliche.
Der Kriminaler legt auf, die Krankenschwester sagt: „Ich glaube zu wissen, worüber Sie gesprochen haben.“
Er schaut sie einen Moment fragend an, antwortet jedoch nicht. Nun hat sie Sicherheit.
„Liege ich richtig?“
„Wie meinen?“
Noch verärgerter ist sie, daß der Kriminaler, obwohl er genau weiß, was sie andeutet, so tut und spielt Mein-Name-ist-Hase-ich-weiß-von-nichts.
„Sie haben sich über ein Video unterhalten.“
Zögerlich stimmt er zu. Es ist ihm hochnotpeinlich einerseits, andererseits weiß er an dieser Stelle noch nicht, wie er dies einschätzen soll, daß er dieses sein Wissen der Krankenschwester gegenüber so freimütig einräumt.
„Ja, leider!“
„Ich verstehe!“
Damit ist es sicher. Sie barst vor Ärger und Wut. Die Finger ihrer Hand pressen sich in das Fleisch der Handinnenfläche und ihre Handknochen sind leichenblaß weiß. "Ich muss mich rächen, rächen..."

Pentzw
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18. Angepißt werden, wenn alle zuschauen

Beitragvon Pentzw » 30.09.2021, 20:53

Sie erinnerte sich, daß der Blonde das Video auf eine Website hochgeladen hatte, ließ sich dessen Namen vom Kriminaler geben und suchte im Internet nach der Website. Sie war pass erstaunt, daß ihr Gesicht nicht auf diesem Video erkennbar war. Rechtzeitig hatte sie sich schnell zurückgezogen, war aus dem Kameraausschnitt gewichen, ohne daß ihr Gesicht erkennbar gewesen wäre.
Das war gut.
Ihr Plan war klar.
In der Folgezeit heftete sie innerhalb des Krankenhaus auf schwarze Bretter Flyer mit dem Link dieser Seite. Desgleichen schickte sie Briefe mit diesen an die zwei Zeitungen vor Ort. Einen anderen an den Pfarrer der Gemeinde, war der Arzt und seine Familie doch tief verwurzelt in der dortigen religiösen Gemeinde. An die örtlichen Wohlfahrtsverbände, deshalb, weil sie vermutete, einige seiner Verwandten dürften dort in einem Seniorenheim untergebracht sein und der Klatsch und Tratsch war der beste Brandbeschleuniger. Sie bedachte auch das ein oder andere Geschäft in der Kleinstadt des Arztes.
Sie fürchtete sich natürlich vor der Reaktion des Arztes.
Sich ihm zu entziehen, war leicht gewesen zum Beispiel Mittags in der Kantine, wo stets viele Menschen zugegen waren. Sie mußte nur darauf achten, sich nur nicht allein an einen Tisch zu setzen, mochten es auch Fremde sein, aber immer so tun, als ob man zu ihnen gehörte; höchstens zwei Stühle Abstand halten, Hauptsache von fern als zu einer Gruppe gehörig erscheinend; das hieß auch stets lächeln, nicken und den Kopf und Rumpf zu anderen geneigt halten.
Er erwischte sie jedoch just in einer Ruheecke.
Sie wurde von hinten schmerzhaft an ihrem Arm gefaßt: „Hör auf damit!“ „Womit?“ Sie entriss sich dem Klammergriff, indem sie sich schnell herumdrehte.
„Du weißt ganz genau womit! Du bist es doch, die diese Schmutzkampagne macht. Mensch – ich hab schon genug mir allem anderen zu tun und als ob ich nicht genug Ärger hätte, kommst Du daher.“
„Oh, so ein Pech! Deine Frau lässt Dich wohl gar nicht mehr drauf, war sie sonst schon so etetepete im Bett gewesen!“
Ein Moment fürchtet sie seine Reaktion, gleichzeitig aber spürt sie Erleichterung, es endlich geschafft zu haben, ihn anzufahren und das gesagt zu haben, was sie ihm schon immer gern gesagt hätte.
„Das ist das geringste Problem, aber schlimm genug, kann ich Dir sagen. Die Behörden, Finanzamt...“
Typisch für ihn, so dermaßen von sich eingenommen zu sein, daß er nicht einmal ihre ironische Bemerkung erfasst; Mittelpunkt der Welt; kreist um sich selbst; sieht nur seine eigenen Wunden, während andere vor seinen Augen verbluten. Und sie, sie durfte nur kein Verständnis aufbringen, kein Mitgefühl für Sorgen entwickeln, kein Mitleiden für Wehwechen des kleinen Jungen spüren - endlich Schluß damit.
Jetzt stand ihre Gefühle im Mittelpunkt, ihre Rache im Fokus, ja R a c h e!
Warum?
Ausgeliefert worden diesen Brutalos, gedemütigt worden bis Mark und Bein hinein, geschändet und mißbraucht und er schaut weg, dieses Aas!
Ein langer Blick in ihr Gesicht, bis sich seine Miene plötzlich aufhellt, erfasste er doch ihre Lage: „Du bist sauer! Du fühlst Dich angepisst – das ist es!“
Das war nicht alles, typisch, er erfasste es nicht.
Und doch!
Dieses Wort „angepisst“ schlug ihr ins Gesicht, weil es so wahr war dadurch, daß es ausgesprochen worden ist, noch wahrer und brutaler als alles gewesen war.
Ja, man hatte sie angepisst, und er sie obendrein auch, das ist es letztlich!
Das Wort „angepißt!“ stand jetzt im Raum, schwebte über sie, ein Damoklesschwert, daß jetzt auf ihre Häupter heruntergesaust kam und die Trennung entgültig besiegelte.
„Wie würdest Du das sonst bezeichnen?“ Keine Sekunde gab sie ihm Zeit zu antworten, geistesgegenwärtig redete sie weiter: „Aber Dir war und ist das gleichgültig, scheißegal, wurscht – ach, vergiß es!“
Er lange demonstrativ an seinen Hals. Als ob Abschürfungen von der Krause her sein Martyrium ihrem gleichstellen könnte. War aber nichts, nichts war am Hals zu sehen.
„Du weißt, mir wurde auch ganz schön übel mitgespielt!“, untermalte er seine wirkungslose Geste.
„Da sieht man aber nichts!“
Das war's auch schon, es war klar geworden: sein Lamentieren stand ihm nicht zu. Zudem auch, weil er der Mann war, der Gebieter, ihr Chefarzt, war diese seine wirkungslose, mitleidserheischende Geste so jämmerlich erschienen, daß es nur noch hochnotpeinlich war.
Alles passte einfach nicht mehr zusammen.
Hilflos wütend und ziellos empört stand er da.

Außerdem und wenn schon. Ha, alle hatten Federn lassen müssen, zweifellos. Der Punkt war nur der, wie man mit diesem Leiden umging. Und da hatte er in seiner feigen Art, Du gehst mich nichts an, von mir aus können sie Dich Tag und Nacht mißbrauchen und notzüchtigen, alles zerstört und zerbrochen zwischen ihnen...
Dafür forderte sie Genugtuung, Widergutmachung, Bezahlung, aber nur in ihrer Währung. Mit Blut würde er bezahlen müssen, ihretwegen auch bis in den gesellschaftlichen, existentiellen Ruin und Zerstörung hinein, dieser Egoist. Nicht mehr war sie dessen dumme, kleine Krankenschwester mit Aufblick zum großen Gott Chefarzt, die sich Hoffnungen machte wie diese dummen Gören in diesen Groschenromanen.
„Du hast mir längst nichts mehr zu sagen,“, schrie sie ihn ins Gesicht. „Die Zeiten sind vorbei, daß ich Dich respektierte!“
„Was, was sagst Du da Dummes!“, und er stieß sie hinter ihr auf das quaterförmige Sitzpolster. Die Nische war von Vorbeigehenden wegen davor stehender großer exotischer Topfpflanzen nicht einsehbar, zumindest nicht, wenn man nicht unmittelbar davor stand. Ein ideales kleines Versteck, um sehr privat und intim zu werden oder wie jetzt, Tacheles zu reden. Er setzte seine Knie auf ihren Bauch, die quer über das Polster lag, die Arme in die Taille gestemmt und schaute von oben herab auf sie hinunter: „Wie, was welche Zeiten? Als ob Du nichts davon gehabt hättest vom Bumsen, Du!“
Er merkte, er war zu laut geworden, senkte die Stimme und setzte damit fort, was es nur noch dringlich zu sagen gab, aber eindringlich und leise. „Wenn Du nicht Ruhe gibst, wirst Du mich kennenlernen!“
Plötzlich hörte man ein Quietschen. Es war die sich öffnende Tür der Sakristei anbei, der kleinen Kapelle des Krankenhauses. Wie von Geisterhand kamen ein Sarg herausgeschoben, hinterher ein zweiter und die wurden in den sich verflüchtigenden, schallenden Korridor zur Pathologie hin geschoben. Aus dem Hohlraum des Korridors kamen Fahrgeräusche echogleich und zeitversetzt zurück.
Sie warteten und lauschten diesem Geräusch, bis, was sie kaum sehen konnten, die Särge hinter braunen Schiebetüren verschwanden, die zusammengeschlagen wurden und laut ins Schloß krachten, sowie es das schaurige Schauspiel beendete. Mit diesem sehr dunklen Schlag, als wär es ein Startsignal, wandten sich beide wieder einander zu, wie zwei Ochsen, die den Kopf zum Kampf senkten.
„Du hast doch Deine Rache gehabt. Die Gauner sind tot. Was willst Du noch?“
„Dich! Dich will ich treffen!“, schrie sie ihn keine Sekunde zögernd an.
Erschrocken tat der Arzt seine Knie herunter, sie sprang auf, lief an ihn vorbei, um die Flucht zu ergreifen. Inzwischen hatte er sich wieder gefangen und brüllte ihr nach: „Du wirst ja sehen. Ich habe Dich gewarnt!“
Sofort machte sie eine Kehrtwendung und erwiderte im gleichen Tonfall: „Ja, das werden wir ja sehen!“
Der Arzt stand allein gelassen da und schäumte, fauchte und dampfte sprichwörtlich vor Wut, wobei seine Arme an seinem Körper als Zeichen der Hilflosigkeit herunterhingen, aber seine Hand, als Zeichen seiner Entschlossenheit, zu einer Faust geballt.
„Damit wirst Du nicht durchkommen!“, schrie er sich selbst zu. Sie war schon um die nächste Ecke verschwunden. Das Echo seiner Worte hallte in den langen, hohlen Räumen des Krankenhaustraktes wider, so daß sich der Arzt dabei auf einmal sehr einsam vorkam.
Doch einen Zeugen hatte er, wenn auch widerwillig und unvorhergesehen, den Priester, der aus der Kapelle mit seinem großen schwarzen Talar heraustrat und nun den Schreihals mit einem entgeisterten Blick anstierte.
Der Arzte drehte sich rasch um und starrte ostentativ aus dem Panoramafenster. Er vernahm schließlich ein leichtes Hüsteln und dann das sich verflüchtende Rauschen eines Stoffes auf blankem Boden.
Ein großer, hutförmige Hügel. Auf dem Plateau lugten verdeckt hinter Bäumen Burgmauern hervor. Auf den Abhängen sah man große, dürre, kahlgeschorene Bäume des Herbstes, die ihre große Schatten auf den sie begleitenden Schotterweg warfen. Über allem stand der goldene Vollmond in einer seltenen Schärfe, glasklar und funkelnd wie ein Diamant.
Der Arzt schaute lange in ihn hinein, hypnotisiert, fühle sich sehr allein, mit einem Mal wurde ihm klipp und klar, was zu tun war.

Pentzw
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19. Der perfide Plan

Beitragvon Pentzw » 07.10.2021, 19:44

Dem Arzt wurde von hinten ins Ohr geflüstert: „An Deiner Stelle wäre ich gerne gewesen!“
Er befand sich sonntags vormittags in der Kirche. Neben ihn saß seine Frau, daneben die beiden Kinder. Bevor er der Gottesdienstzeremonie gemäß sich erheben mußte, wandte er automatisch den Kopf nach hinten, sah einen alten Bekannten, einen Einheimischen, sozusagen Spielkameraden, einem, der wie er in dieser Stadt geboren worden war und sagte erstaunt: „Wobei?“
„Na, Du weißt schon!“, kam es prompt mit übertriebenen Augengeklimpere und einem übermäßig süffisanten Lächeln, das nahezu verschämt wirkte, denn das Gesicht zog, wie wenn es einen Drall hätte, dabei nach links hinten in die Halsbeuge.
Nun mußte er sich zum Gotteslob erheben, was ihm gerade recht war, denn er wußte im Moment gar nicht, was er mit dieser Aussage anfangen sollte. Im Chor betete man das Vaterunser und je länger es dauerte, desto mulmiger wurde es ihm.
'Kann das sein, daß der Porno allmählich die Runde machte?“ Die rufschädigenden Machenschaften der Krankenschwester zeigten mittlerweile ihre Wirkung. Gut, andererseits war er, er konnte es nicht leugnen, auch sehr geschmeichelt. Es war schon ein Ding, das seinesgleichen suchte, einen Porno zu drehen, der so viel Furore machte. Sein Bekanntheitsgrad erweiterte sich damit und das schmeichelte ihn nun einmal.
Er schaute um sich. Dort sah er einen Bekannten. Dieser schaute zu ihm zurück. Aber blickte er nicht etwas scheel, hielt er den Kopf nicht schräg, denkend, von dieser perversen Seite her kenne ich unseren guten alten Freund und Kupferstecher, gar nicht, den ich mein Leben lang schon kenne; hätte ihm gar nicht zugetraut, aber...
War es Bewunderung, ein gewisser Respekt? Aber Mann, was denkst Du Dir, sagte sich der Arzt. Bist Du verrückt, darüber Dich zu freuen und zu denken, andere beneideten Dich. Vielleicht der Idiot hinter dir tut es, aber er wird entschieden in der Minderzahl sein. Die meisten werden nur eins meinen: von wegen, selbst in die, die Ehrbarer, du, der es geschafft hat, Chefarzt, oho, trotzdem schlummern in die die schlimmsten Dinge, die man nicht vermutet hätte.
Das wurde gedacht, Mann, wach endlich auf! Unendliche Gefahr droht! Dein Ruf steht auf dem Spiel!
Plötzlich wandelte sich der Grund der Schmeichelei, Pornostar zu sein, urplötzlich in das gerade Gegenteil: weil Grund zur Schande und zur Schmach. „Hoppla, da inszeniert sich einer auf schamlose Art und Weise? Nimmt keinerlei Rücksicht. Die arme Ehefrau.“
Genau, mochte es dieser Idiot zwar noch von der heiteren, hinnehmbaren Seite nehmen, aber die meisten werden denken: Unser Chefarzt vom Ort ist jetzt größenwahnsinnig geworden und schert sich einen Dreck um seinen Ruf. Fühlt sich wohl mittlerweile unangreifbar und hochgehoben über alle, daß er die schicklichen Sitten-Grenzen nicht mehr einhalten muss.
Dies konnte überhaupt nicht angehen!
Das war die höchste Alarmstufe!
Gewissheit breitete sich in ihm aus, die meinte, das eins hinfällig geworden ist, wovon er bislang ausgegangen war, daß sich vielleicht nur jeder Zehnte die Mühe machte, den verbreiteten Link aufzurufen und sowie der Pornostar überhaupt zu erkennen und zuzuordnen war, war nicht gesagt, ob sich derjenige welche weiter darum scherte und stattdessen dachte. „Wer so etwas verbreitet, ist ein Schwein!“, ein böser Scherz, dieses ganze Unterfangen, jemanden auf diese Weise so zu kompromittieren – vergiß es!
Die Reaktion des Kirchganggängers hinter sich zeigte, daß sein Verhalten allmählich ruchbar wurde, die Kunde davon wie ein Buschfeuer von einem zum anderen sprang. Wen wundert es, war er doch Mitglied in jedem Klickerleins-Verein vor Ort. Auch seine Frau.
Hätte er doch nur eine Auswärtige geheiratet, die Auswahl hatte er gehabt!
Es mußte etwas unternommen werden, nur was, nur wie?
Wie?
Natürlich Ernst!
Ernst könnte da, wie immer, als der Mann fürs Grobe, der Spezialist für Beseitigung von Unrat und Sperrigem jeglicher Form, Abhilfe leisten. Der wird bestimmt auch mit der Krankenschwester fertig.
Nur wie?
Perfide Gedanken kamen ihn durchs Gehirn. Oder auch nicht so perfide. Jedenfalls für einen Arzt naheliegende.
Es würde schwierig werden.
Ernst war vielleicht gaga, sprich hörte hin und wieder Stimmen, aber deswegen war er noch lange nicht schwachsinnig. Im Gegenteil. Er wußte immer sehr wohl, was Sache war.
Aber er war beeinflußbar.
Unter normalen Umständen wenigstens.
Der Arzt hatte jedenfalls Hoffnung und nahm mit ihm Kontakt auf.
„Du weißt, was für Bilder im Internet kursieren?“
„Wie?“
„Du weißt schon, was ich meine!“
Ernst wußte zwar im ersten Moment nicht, worauf sein Bruder anspielte, aber blöd dastehen wollte er auch nicht und nickte ergeben.
„Nun, damit dies ein für allemal ein Ende hat, müssen wir der Verbreiterin dieses Video ihr Handwerk legen, findest Du nicht auch?“
„Aber natürlich!“ Immer noch nicht genau wußte er, worum's ging.
„Also, dieses Video können wir nicht mehr löschen, aber derjenigen an den Kraken gehen.“
„Ja!“
„Und wenn ein schlechtes Licht auf Deinen Bruder fällt, Ernst, dann fällt auch ein schlechtes Licht auf unsere Familie und auf Dich und Deine Karriere, das weißt Du doch!“
„Ja, schon!“ Er verstand in Wahrheit immer noch nichts anderes als Bahnhof.
„Okay, da müssen wir handeln!“
„Ja, klar!“
„Also, ich habe mit dieser Person schon gesprochen, sie lässt sich unmöglich von ihren perfiden Handlungen abbringen – wir müssen ihr deswegen das Maul stopfen!“ Der letzte Halbsatz war im Crescendo ausgesprochen worden und Ernst, der bei der Bundeswehr war, schlug instinktiv unterm Tisch die Hacken zusammen.
„Jawohl! Das Maul stopfen!“
„Zudem ist Gefahr im Verzug!“
„Da müssen wir uns aber beeilen!“
„Du sagst es!“
Klar, Ernst verstand, zumal da sein Bundespräsidenten-Amt in Gefahr war. In spätestens einem halben Jahr stand dieses zur Disposition, worauf er sich gut vorbereiten und bestens positionieren musste. Die Presse würde natürlich alle Kandidaten abchecken, schmutzige Wäsche waschen, in den familiären Hintergrund rumstochern und sollte ein Bruder darin auftauchen, dem was auch immer Schlechtes nachgesagt wurde, warf es einen Schatten auf den Kandidaten.
Ernst atmete schwer durch.
Dass das gleich so schnell ging, wenn man hoch hinaus will in der Politik, daß man hart durchgreifen, zuschlagen, sich verbittert wehren mußte - damit hatte er nicht gerechnet, vermutet, daß dies eher irgend einmal dann der Fall sein wird, wenn er mittendrin im Politsumpf steckte, also frühestens mit seiner Ära Berlin. Die auf dem Spiel stand.
So ist es! Also, keine Zeit für Kopfschütteln, Sich-Wundern und Zögern und Zaudern. Zuschlagen! Zurückschlagen!
Nur was wurde von ihm verlangt?
„Soll ich mit dieser Person ein ernstes Wort wechseln!“
Der Chefarzt schaute diesen Naivling von Bruder mitleidig an. In welcher Welt mußte man leben, um so naiv zu sein?
„Da braucht es ein bißchen mehr, Brüderchen!“
„Hm! Was sollte das sein, das Bißchen-Mehr?“
Steckte da Widerspruch drinnen? Daß es gar so nuschelig kam, ist schon Zeichen dafür.
„Lall nicht rum, Ernst! Gib klare Antwort. Deutliche Worte, Kleiner.“
Ernst war der Ältere, aber so hatte ihn sein jüngerer Bruder immer behandelt, von oben herab.
Ernst kam ins Stottern. Er machte einen neuen halblauten Anlauf. Wieder äußerte er sich vage und nuschelig. Das brachte den Arztbruder völlig auf die Palme. Leider mußte man seinem Bruder manchmal mit einem gehörigen Dämpfer zur Minna machen, bevor er ansprang.
„Verstehst, diese Person will und will unter keinen Umständen mit ihrer Schmutzkampagne aufhören, auf Teufel komm raus nicht. Ich habe es auch schon versucht, mehrmals. Vergeblich! Die braucht härtere Bandagen, knallharte. Da müssen wir leider sehr brutal zuschlagen.“
Das klang richtig gefährlich. Als Jugendliche war das kein Problem gewesen, wenn es darum ging, einen aus einer verfeindeten Gang mal zu zeigen, wo der Bartel den Most holte, was eine Harke war und null problema etwas physische Gewalt anzuwenden, wenngleich es Ernst sehr verhaßt war. Aber heute, in ihrem Alter - sie waren ja schließlich Familienväter, Gesellschaftsmenschen – das war denn doch nicht so einfach.
Der Arzt merkte, dies würde so nicht hinhauen, Ernst hatte immer noch nicht kapiert. Brüderchen mußte eindringlich rübergebracht werden, was auf dem Spiel stand.
„Weißt, Karl, mein Freund, Dein Chef, er sieht sich nicht mehr länger in der Lage, einen aus unserer Familie bei sich zu beschäftigen, wenn das herauskommt, was unseren Familienruf ruiniert.“
Was nur war der Gegenstand dessen, was ihren Familienruf so sehr zusetzte, aber wenn es der Bruder sagte, wird es schon seine Wahrheit haben. Dieser weiß, wenn die Alarmglocken erschallen.
Ernst hatte bei Karl, den Besitzer einer mittelständischen Firma und Jugendfreund des Arztes, einen Mädchen-für-alles-Job bekommen. Ein Minimum an Zugeständnissen für den Arbeitsmarkt, den Ernst bewältigen konnte bei dessen labiler psychischer Konstitution. Schwer genug war es gewesen, Ernst hier unterzubringen, bei jemanden, der hin und wieder fünf gerade lassen konnte. Und noch einmal auf der Straße zu stehen, hätte für Ernst das Ende bedeutet. Das Ende seiner bürgerlichen Existenz. Die Aussicht, noch einmal Vergleichbares etwas zu finden, war gleich Null. Ihm drohte, daß er erneut Gast der Psychiatrie, Dauergast der Straße, permanente Zielschiebe der Behörden werden würde!
Dies kam unter keinen Umständen mehr in Frage!
Wenn notwendig, folgte er blind, damit dies nicht mehr eintrat. Mochte da kommen, was da wollte. Endgültiger Absturz? Egal, er war wütig und aufgestiert wie von der Tarantel gestochen, kurzum bereit, alles dafür zu tun, um nicht wieder in der Gosse zu landen.
„Du bist mit der Krankenschwester mittlerweile vertraut?“
„Ja, wir sind uns nach dem Unfall nähergekommen. Sie hat mich notdürftig behandelt, bis die Sanitäter gekommen sind. Dann habe ich sie im Krankenhaus getroffen, äh, sie hat mich ein paar Mal in meinem Zimmer besucht!“
Der Arzt wird ungeduldig, es interessiert ihn sonst nicht weiter, ob die sich nun näher gekommen sind oder nicht, aber eins war sicher, es sprach für seinen Plan.
„Gut, dann kannst Du Dich mit ihr ohne weiteres in Verbindung setzen, wenn Du willst!“
„Klar!“
„Wir machen hiermit Nägel mit Köpfen!“
Er legte vor Ernst auf den Tisch: eine Tinktur, eine Flüssigkeit, nämlich Gift in einem Fläschchen und eine Spritze.
„Weißt Du, wie Du damit umgehen musst?“
„Ich glaube schon!“
„Schau her, ich zeig's Dir.“
„Saug aus der geöffneten Flasche Flüssigkeit mit der Spritze. Dann halte die Spritze senkrecht und drück so lange auf diese, bis Bläschen herauskommen. Sobald Flüssigkeit kommt, ist es genug. Dann spritzen.“
„Aber ich hab das noch nicht gemacht. In die Vene spritzen, ist das nicht schwierig, eine richtige, dicke Vene zu erwischen?“
„Hier ist das egal. Spritz es irgendwohin unter die Haut, ganz einfach, in den Bauch, in den Rücken, in den Hintern, egal. Die wirkt so auch. Okay?“
„Okay!“
„Na, dann nicht daneben kleckern!“
„Ja, ich tu mein Bestes!“
„Hoffentlich ist es genug.“
„Ja, hoffen wir mal!“
„Also, ran an den Speck!“
„An welchen Speck?“ Ernst stand mal wieder auf dem Schlauch.
Der Bruder verdrehte die Augen, so daß Ernst Bescheid wußte, daß er sich dumm anstellte und den Mund hielt, in der Hoffnung, daß ihm später noch ein Licht aufgehen möge.

Pentzw
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20. Liebe ist nur ein Wort. Gift die Lösung.

Beitragvon Pentzw » 19.10.2021, 19:51

Der Vollmond stand wieder überm Hügel. Das bleiche, goldene Licht fiel ins Schwesternzimmer, eine kleine Suite im Schwesternheim des Krankenhaus. Im Bett, ein Konfektionsbett, schlicht, einfach, funktional, an der Wand mit einem Regal abschließend und für zwei Personen zu schmal, liegen Ernst und die Krankenschwester, beide halb ausgezogen, sie im Schlüpfer und BH, er in Unterhosen und Unterhemd.
Weiter kamen sie nicht. Einer war blockiert. Und das war Ernst.
Zunächst hatte es gut getan, das Streicheln von ihr. Sie hatte sich dabei ausgezogen, ihm befohlen, es auch zu tun, was er gehorsam befolgte. Welch ein erregendes Gefühl, als sie mit ihrer breiten Hand über seinen Rücken strich, seine Achseln streichelte und mit dem Finger von der Halsbeuge die Brust herunterfuhr, plötzlich aber schien ihn der Blitzschlag getroffen zu haben. Sie merkte es und zog sich sofort zurück.
Wie war ihm geschehen, vorhin noch Wohlbefinden, jetzt einfach bloß reine Angst, die er daran spürte, daß sein Puls bis in seinen Ohren wie ein Presslufthammer hämmerte.
Ja, und jetzt blickte er auf seine Zehe, auf die große links und rechts; er schaute auch auf ihre. Es war beschämend, was er sah und fühlte. Er schmeckte auf seinen Lippen einen beißenden, salzigen Schweiß, der ihn in Strähnen über Stirn, Augen und Backen hinunter auf die Lippen floß. Zudem roch er auch ihren penetranten, widerlichen und abstoßenden Schweißgeruch.
Brechreiz erschütterte ihn. Er versuchte den Magen gewaltsam zusammen zu ziehen.
Er hatte es noch nicht mit einer Frau gemacht. Von daher war er ängstlich, verschüchtert und gehemmt wie eine Jungfrau. Kann man dies so sagen? Nein! Es war mehr, es war wie ein Kartenhaus, das wankte und drohte auseinander und ineinander zu stürzen. Wie ein Haus am Rand einer Uferklippe. Sogleich würde es die Balance verlieren und in den düsteren Abgrund poltern. Denn er war im Bewußtsein großgeworden, ein Solitär zu bleiben, im Zölibat zu leben, als katholischer Pfarrer eben, keusch und unbefleckt.
Aber hier nun drohte sein Lebensentwurf zu Ende zu gehen.
Die Krankenschwester andererseits zögerte und überlegte, ob sie einen Mann gegen seinen „Willen“ oder was immer ihn hemmte, entjungfern sollte? Ein schwerwiegender Entschluß. Ein identitätserschütternder. Schließlich hatte sie sich entschieden, es wenigstens zu versuchen. Sie ging davon aus, daß sie damit Ernst einen Gefallen tun würde und an sich zu binden. Damit konnte sie ihn willfähriger machen und leichter gegen den verhassten Bruderarzt positionieren.
Hier nun aber, kurz davor, merkte sie, daß sie es einfach nicht konnte.
Aber Ernst war gleich dreigespalten.
Teils wünschte er, es einmal getan zu haben, teils empfand er dies als Sünde. Sicher, von einer Frau, im Puff hatte er sich schon ein paarmal einen blasen lassen, was er als triumphierender Akt der Männlichkeit empfand, schließlich ging die Frau vor ihm in die Knie. Nur die Aussicht bei dieser Art von Vereinigung zwischen den Geschlechtern wurde ihn schwach zumute. Mann, man begegnete sich auf gleicher Höhe, von Angesicht zu Angesicht und zudem war man sich so verdammt nahe, wenn man sich in die Auge schauen müßte. Das war eine ganz andere Sache als mit einer Hure im Puff.
Und dann der Druck seines Bruders.
Eigentlich wußte er gar nicht, weswegen er der Krankenschwester, die er eigentlich mochte und die er sehr sympathisch fand, ein Leid antun sollte, aber es war nun einmal der Bruder. Blut war dicker als Wasser.
Das Zünglein schlug zunächst mal in diese, mal in jene Richtung aus. Meist war sie in der Waage. Je mehr er aber zwangsläufig darüber nachdenken mußte, was er hier machte und wozu er von der Krankenschwester gedrängt wurde, welches in die Kategorie Böse einzuordnen ist, desto mehr schlug es in die andere Richtung aus, die da sagte: Nägel mit Köpfen machen! So schmerzhaft es auch sei. Und so blutig wie auch immer!

Sie lagen nebeneinander, atmeten beide schwer und Ernst schaute sie von der Seite an. Wie eine heruntergekommene Hure sah er sie, die personifizierte Sünde, Verdammnis und Klarheit mit dem Kainszeichen auf der Stirn, das sagte, was sie vorhatte: dieses schmutzige Hin- und Hergevögle, wie er es von Pornos her kannte.
Dabei wußte er gar nicht, daß sie es auch schon mit seinem Bruder getrieben hatte. Er war nur getrieben worden von seinem Bruder ohne Ursache und Weil und Weshalb und nun von seinen Schuldgefühlen.
Sollte er das?
Nein!
Die Krankenschwester ging mittlerweile davon aus, daß es mit der Entjungerferung nicht klappen würde. Also war es Zeit, mit der Wahrheit ans Tageslicht zu kommen. Sie hatte sich vorbereitet, für den Fall der Fälle, der jetzt eintrat, hatte ihren fahrbaren Schreibtisch nahe ans Bett gefahren, auf dem der Computer stand, der bereits eingeschaltet war, als Ernst kam. Die entsprechende Web-Seite war auch online. Sie brauchte nur auf ihre Fernbedienung drücken und der Computer fing an zu laufen, die Seite sich aufzubauen und es lief ab, was sie eingestellt hatte und was sie jetzt tat.
„Schau mal!“
Ein Schädel, der sich in Exstase hin- und herbewegte über den Fahrersitz eines Autos, darunter ein dickhaarige Frau, deren Kopf sich auch bewegte, aber anstatt von links nach rechts, von oben nach unten. Dann bewegte sich die Frau weg, bis sie vollends aus dem Video-Blickwinkel ist und man nur noch einen aufrecht dastehenden, stark vibrierenden Penis gewahrt. Der Kopf des Mannes dreht sich um direkt in den Blick des Zuschauers und erstarkt. Sein Bruder.
Ernst ist entsetzt. Noch mehr verwirrt.
Aber als die Krankenschwester sagte: „Ja, das ist Dein Bruder. Und rate Mal, wer die Frau ist?“
„Hm!“
„Schwer zu erkennen. Schau es Dir noch einmal an. Schau auf die Haare. Kommen die Dir nicht bekannt vor?“ Und sie zupfte an ihren und zog sie immer wieder in Locken lang und kurz, kraus und gerade.
Ernst bekam allmählich einen Verdacht, wer die Frau war. Aber nein, das glaubte er nicht. Das war zu viel.
Zunächst war er in einem heftigen Impuls eifersüchtig auf seinen Bruder, dass er es mit seiner Liebe trieb, dann wütend auf die Geliebte neben sich, wollte es nicht zulassen, es verdrängen und in einer Kurzschlußhandlung stand er auf und sagte: „Moment mal!“, kramte aber geistesgegenwärtig in seinem Rucksack nach der Kulturtasche. Eigentlich wollte er sie im Schlaf überraschen, was er nun vorhatte, mit ihr zu tun.
„Mußt Du duschen?!“, fragte die Krankenschwester.
„Ja!“, stieß er dazu aus, erleichtert, daß sich eine Ausrede anbot.
Rasch flüchtete er ins Bad, schlug die Tür hinter sich zu und ließ sich vor der Kloschüssel auf den Kachelboden fallen, ungeachtet der zu erwartenden Knieschmerzen. Er beugte sich über die Wanne und würgte dahinein.
Mit der linken Hand erwischte er ein herunterhängendes Handtuch, um sich Bröckchen, Schleim und den ganzen Brei vom Gesicht abzuwischen. Er atmete heftig, ließ wieder locker, übergab sich noch einmal, fühlte sich erleichtert und konnte sich erheben.
Im Täschchen befanden sich das kleine Serums-Fläschchen, das er öffnete; die Spritze, die er aus dem Einwickelpapier fummelte, zog er so auf wie sein Bruder gezeigt und geheißen.
Hinterm Rücken in der Hand hatte er sie, als er die Badtür öffnete.
Sie lag in günstiger Stellung mit dem Bauch auf dem Bett und blätterte in ihrem Smart Phone. Er näherte sich ihr. „Bleib ruhig liegen, ich habe meine Medikamente genommen. Ich kann jetzt nicht gleich. Es dauert eine halbe Stunde, bis sie wirken.“ Es ergab in diesem Zusammenhang keinen Sinn. Trotzdem sagte sie „Gut!“, weil es schon seine Richtigkeit sein würde, ohne sich umzuwenden.
Sowie er sich aufs Bett gekniet hatte, spritze er ihr mit der Kanüle in die offene Bauchflanke.
„Was hast Du gemacht?“
In ihrer daraufhin erfolgenden Umdrehung warf er sich mit seinem Körper einfach auf sie und drückte sie samt Gesicht aufs Bett, so daß sie sich nicht mehr rühren konnte, um zu entfliehen, aber auch nicht um Hilfe zu schreien. Benötigten Hilfe und Notärzte waren in der Tat gerade nur um die Ecke.
„Du hast meinem Bruder schwer beleidigt, was Böses angetan, ich weiß zwar nicht, was, aber von ihm habe ich diese Spritze bekommen und die verdienst Du.
Die unter seiner Last schrie gepresst und atemlos: „Dein Bruder, dein Bruder hat mich jahrelang gefickt, kapierst Du das nicht?“
„Was sagst Du da? Das stimmt doch nicht. Er ist verheiratet!“
Er lockerte den Schraubstock ein bißchen, unwillkürlich auch vor Entsetzen.
„Aber ja, warum sollte ich lügen? Er ist ein Lügner, Betrüger, Ehebrecher. Jetzt hat er Angst mit den Ermittlungen zu der Erpressung, daß alles ans Tageslicht kommt. Deswegen hat er Dich dazu angestiftet, mich aus dem Weg zu räumen, damit er nicht in schlechtes Licht gerät und seine Ehe und Ehre einen Kratzer bekommt.“
„Was?“
Ernst ließ weiter etwas nach mit der Umklammerung, so daß sie mit dem Zeigfinger auf die Pinwand zeigen konnte.
„Siehst Du dort den rosa Zettel an der Pin-Wand?“
„Ja!“
„Darauf steht der Internetlink, die Portaladresse, das Video, das ich Dir gerade gezeigt habe. Schau es Dir genau an. Da siehst Du mich und Deinen Bruder, dann weißt Du, dass alles wahr ist, was ich gesagt habe.“
Freilich hat er auf dem Video eindeutig den Bruder erkannt, nicht aber diese Frau, mit der er es treiben sollte. Nur Evi, die Ehefrau, konnte man ausschließen, denn die hatte dunkle Haare, war breiter und voluminöser, sie hätte er bestimmt erkannt.
War es dann die Krankenschwester hier?
Ernst wurde es mulmig. Vielleicht hatte er falsch gehandelt? Aber es wurde mit jeder Sekunde weniger wichtig, weil die Krankenschwester sich bereits in heftigen Schmerzen krümmte.
„Was habe ich getan? Was habe ich getan? Was habe ich getan!?“
Er ging ans Fenster, schaute in die weite Schlucht des sechsten Stockwerks hinunter, blickte in den Himmel, es war Abend, der Mond, obwohl noch heller Tag war, zeigte sich bereits, der Mond in seiner verschwommenen, silbernen Gestalt vorerst.
Als er sich umwendete, lag der Körper der Krankenschwester bereits tot auf dem Bett.
Hatte er recht getan?
Sie lag da auf dem Bett verbogen und verkrümmt wie ein Embryo und, wie es sich gehörte und wie man es machen mußte, spannte er nun ein Betttuch über sie. Er riss sich noch den Zettel mit dem Link von der Pinnwand herunter und warf einen letzter Blick auf die Frau, die er eigentlich sehr gemocht hatte, niemals nicht jemals eine Frau mehr „geliebt“ hatte – vielleicht Liebe? Was immer das sein mag.
Dann verließ er fluchtartig unter dem unbedingten Drang das Zimmer, eine Antwort von seinem Bruder zu erhalten, ob er recht getan hatte, diese Frau, diese Liebe zu töten - denn er wußte überhaupt nichts mehr, aber sein Bruder musste es wissen, er hatte ihn ja dazu gedrängt, er war ihm eine Antwort darauf schuldig, ob er recht getan oder sich schuldig gemacht hatte, weil, irgendetwas, er fühlte es, stimmte da nicht.
Er hatte einen Anspruch auf Rechenschaft, Aufklärung, Klarheit.
Und nur sein jüngerer Bruder konnte sie ihm geben. Das wußte er, wenn, dann nur dieser...

Pentzw
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21. Der Schwache ist immer der Böse

Beitragvon Pentzw » 01.11.2021, 21:18

21a. Rastlos

Nach dem Krankenschwester-Mord war Ernst in die Krankenhaus-Suite seines Bruders vergebens gestürzt: leider nutzte er nicht wie manchmal unter der Woche diese nicht, sondern mußte schon nach Hause gefahren sein.
Äußerst erregt und mit einem sehr schlechten Gefühl hastete er nach Hause. Was hatte er nur getan? Er drehte sich etliche mal um, aber man verfolgte ihn nicht. Aber trotzdem, mittlerweile würde man ihn bestimmt schon auf die Spur gekommen sein, wenn nicht, dann nur eine Frage der Zeit. So etwas Schreckliches, das er getan hatte einen Mord, unglaublich jetzt. Und er war zutiefst der festen Überzeugung, daß jedes Verbrechen früher oder später an die Oberfläche kommen würde.
Als Ernst die Tür hinter sich verschloß, lehnte er sich von innen dagegen und hielt die Augen geschlossen. Sein Herz raste. Er hob die Hände an sein Gesicht und atmete den säuerlichen Duft der Haut ein, wahrscheinlich Restbestand vom Gift. Er wünschte, dieser würde auch ihn töten.
Lange Zeit öffnete er nicht mehr die Augen und stand nur einfach da. Hin und wieder öffnete er blinzelnd die Augen, die ihm sagten, daß es dunkel war im Raum und also Nacht sein mußte, daß die Fenster keine Vorhänge trugen. Zudem, da sie ständig offenstand, zumindest angelehnt, herrschte ein kühler Durchzug wie im Affenhaus, den Ernst aber aus Gewohnheit nicht wahrnahm, denn selbst im kältesten Winter hielt er alles offen. Nur der Vollmond beleuchtete mit seinem sterilen Licht den Raum wie einen Oberratssaal, kam es ihm vor.
Schreckliche Bilder von der sich verkrampfenden Krankenschwester auf dem Bett suchten ihn heim - seltsam, er hatte ihr doch beim qualvollen Sich-Verkrampfen und Sterben den Rücken zugekehrt gehabt – er hielt es nicht mehr aus, zählte bis zehn, was ihm schwer fiel und stürmte schließlich schweißgebadet am ganzen Körper zitternd ins Bad und hielt den Kopf unter das kalte Wasser des Wasserhahns.
Endlich allein.
Er blickte auf zu dem großen Konterfei über dem Badspiegel, der auf ihn väterlich herunterblickte: Helmut Kohl. Mit ihm allein zu sein, beruhigte ihn normalerweise, auch jetzt, einen Moment aber nur, dann stand er wieder unter Strom. Er wendete sich um, verschloß die Badtür, so daß er Gottlob sicher sein konnte, daß hier herein keiner treten könnte. Das half aber auch nichts. Immerhin fehlten hier wenigstens die kalten Mondstrahlen mangels einem Fenster, nur ein Wandventilator spendete frische Luft. Er spekulierte, daß es bestimmt eine ungute Bedeutung und letztliche negative Auswirkung haben mußte, daß dieser Erdtrabant in seinem jetzigen Zyklus so klar am Firmament prangte, nicht umgeben von verwischenden Wolken.
Er sank auf den Boden und vergrub sein Gesicht in den Händen. Ihm war übel, speiübel.
Was hatte er nur getan?
Bilder der Sterbenden jagten ihn, eher zu sagen von der Gestorbenen, der geliebten, nunmehr toten Hilde. Hastig kramte er aus dem Badeschränkchen Beruhigungstabletten und schluckte gleich drei Stück. Dann ließ er sich wieder an der Wand hinuntergleiten, saß da die Füße von sich gestreckt wie ein Kaspar. Die Müdigkeit schloß wieder seine Lider. Das war nicht gut. Schliefe er hier in dieser unbequemen Stellung ein, wäre das Erwachen mit stärken körperlichen Qualen begleitet. Also richtete er sich gewaltsam auf, öffnete die Badtür mit einem Schwung, so dass sie gegen die Wand knallte und ließ sich im Wohnbereich wie ein nasser Sack auf die Coach fallen, auf der er sofort einschlief.

Weckerschrillen schreckte ihn auf.
Er wachte auf, nass geschwitzt, zerknittertes Bettkissen unter seinem Kopf. Der Vollmond prangte dort. Er verlor sich darin. Bis er sich kalt, einsam und verloren wie dieser fühlte. Das war stets der Moment, dass er Panik verspürte und irgendetwas tun musste, sich bewegen, hin- und hergehen, so sinnlos leer und verloren wie eben der Mond auf seiner Bahn.
Das Klingeln verstummte.
Er blickte auf die Pappmachee-Büste der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Er hatte sie selbst geformt aus Tapetenkleister und Papierschnipseln. Für andere hatte sie wenig Ähnlichkeit mit dieser lebenden Person, aber er sah und spürte stets, wie sie ihn versteckt anlächelte. Normalerweise streichelte er ein paar Mal am Tag beim Vorübergehen über den Kopf, murmelnd: „Es wird alles gut, Angela, gell!“, wobei er sich und seine politische Laufbahn im Auge hatte. Nun aber half ihn ihr verhaltenes Lächeln auch nicht, er fühlte sich so müde, daß ihm die Augenlider wieder zufielen.

Wieder Weckerklingeln.
Am heutigen Tag konnte er wieder aufstehen. Sofort warf er sich nüchtern, verschlafen und ungewaschen auf die Knie vor dem Kreuz des kleinen Andachtsaltars, das ebenerdig vorne hinter der Tür und unter der Garderobe aufgebaut war. Auf einem kleinen Schuhkarton mit Kreuz standen rechts und links kleine Kerzchen, wie man sie auf Grabstätten zu stellen pflegte. Diese zündete er an.
Das Beten tat gut, trotzdem konnte er sich nicht vorstellen, den ganzen Tag über funktionieren zu können. Schon der gestrige Abend hatte ihm so viel Kraft gekostet, daß es aussichtslos schien, bis zum Ende der Woche durchzustehen. Dabei warteten noch so viele Aufgaben!
Wie sollte er die kommende Woche, den nächsten Monat, die restlichen Jahre seines Lebens meistern? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass ihn darauf nur sein Bruder eine Antwort geben konnte. Mehr wusste er nicht.
Das Kreuz hatte noch verdorrte Palmwedeln vom Palmsonntag her und er beendete sein Gebet auf lateinisch: „In nomini patris, et filii, et spritus sancti. Amen!“
Tatsächlich ging er dem Zwiegespräch mit Gott gestärkt hervor.
Ihm war klargeworden, er müsse sich zuerst einmal nach dem Wochenende am Montag bei seinem Arbeitgeber krank melden. Dies tat er durch eine telefonische Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Das war schon mal gut, unmöglich würde es ihm fallen, die Wohnung zu verlassen, unter Fremden sich aufzuhalten und zu funktionieren.
Er hatte so vieles zu bedenken. Ihm war noch so wirr im Kopf.
War es richtig gewesen, Hilde für seinen Bruder zu töten, die, wie sich während ihrer Agonie während des gleichzeitigen Ablaufs des Videofilms herausgestellt hatte, jahrelang seine Mätresse gewesen war? So unschuldig kam da sein Bruder nicht davon, fand er immer mehr. Was, wenn er sich hatte wie ein dummer Junge hatte mißbrauchen lassen als Haß- und Vergeltungswerkzeug, als Instrument seines perfiden Bruders?
Mittlerweile dachte Ernst gar nicht mehr an sein Lebenswerk, aber das war ihm auch nicht bewußt, daß er den roten Faden verloren hatte. Eigentlich müßte er sich jetzt für seinen Weg nach Berlin, für seine politische Laufbahn vorbereiten und fitmachen. Aber ihm schien, sowie er in der entferntester hinterster Gehirnregion daran dachte, angesichts der unbeantworteten Frage, ob er recht getan hatte, einen Menschen zu töten, dieses Ansinnen mittlerweile für völlig nichtig und unwichtig.
Er musste seinen Bruder zur Rede stellen.
Nur wo? Wie? Einen geeigneten Ort finden...
Morgen war Feiertag, spätestens dann würde er auf ihn treffen.
Vielleicht in der Kirche. Beim Gottesdienst. Während sie beide, was sie jedes Mal taten, zur Kommunion gingen, Bruder voran, er hinterher; dann, während jener sich niederkniete, er hinter ihm stehend, tat so, als stolperte er und fiel auf ihn, wobei er ihm die Spritze in den Rücken schlug oder wohin sonst?
Die ganze Symbolik gefiel ihm: tot während er das Lamm Gottes zu sich nahm, dieser Judas.
Aber von zu viel Zufälligkeiten war der Erfolg abhängig.
Wie sollte er durch das Hemd des Bruders die Spritze jagen? Ging das überhaupt?
Dafür hatte er zu wenig Informationen, Erfahrungen. Nein, ihn sich richtig vornehmen, das Hemd vom Leib reißen, ganz schnell und blitzartig und dann ihm die Spritze reinjagen, aber ohne Zeugen.
Aja, wie konnte er das bewerkstelligen?
Ihm kam eine Idee. An diesem Feiertag war gleichzeitig doch Herbstmarkt.
Auf diesem präsentierte sich sein Bruder all zu gerne. Er liebte es durch die dichtbevölkerte Menschenmenge wie Cäsar durch Rom zu promenieren, wo von fern und nah die Besucher herangekommen wären und so manchen Bekannten einen jovialen Händegruß zuzuwerfen.
Ja, er war beliebt, bekannt, gern gesehen, das war er schon immer.
Wenn es schließlich dunkler wurde auf diesem Kunstgewerbemarkt - das war seine Chance - oder auch dann, wenn sein Bruder in irgend ein Haus hineinging, denn Kunstgewerbler und vermeintliche Künstler stellten ihre Sachen gerne in ihren Häusern oder umgebauten Ateliers aus und nicht nur in den an den Häuserwänden aufgestellten Buden, dann konnte er zuschlagen. So ein Kunstatelier war oft genug nur ein ausgebauter Wein-, Kartoffel-, Hopfenkeller, die in den alten, rustikalen Häusern ebenerdig hinein- und hinunterführten. Durch verwinkelte, düster beleuchtete Wege führte es dort hinunter, eine Gelegenheit, ihn in eine Nische zu drangen, ihn zu stellen, zu packen und zu töten...
Was würde wohl sein Bruder zur Rechtfertigung, seiner Verteidigung zu sagen haben? Er konnte sich kaum einen Entschuldigungsgrund vorstellen.
Ein Schmerz, er zog sich zusammen. Ja, eine Vorstellung war kurzzeitig aufgeblinkt: wieder vollführst du einen Mord, wie Kain an Abel jetzt.
Die Magenkrämpfe kamen wieder, er krümmte sich wie Hilde vor ein paar Tagen auf ihrem Bett sich gekrümmt hatte, nachdem er ihr die Spritze feig und hinterrücks in den Körper gestoßen hatte. Wie Brutus dem Cäsar, Haken dem Siegfried, Perseus der Medusa, Paris dem Achilles...
Diese Krämpfe!? Aber was, banal, es lag nur daran, daß er zu lange geschlafen, zu lange nachgedacht, zu lange geträumt hatte, ohne zu essen. Genau, essen mußte er. Nur essen, dann würde es wieder gut werden.
Er öffnete den Kühlschrank.
Er hatte keinen Appetit; egal, auf welches Essenstück er schaute, er blieb ungerührt, obwohl er doch immer Hunger hatte und ihm stets bei solch einem Anblick unweigerlich das Wasser im Mund zusammenlief. Er verspürte jetzt aber auch keinen Hunger, merkwürdig, er wußte doch nicht einmal, wann er zuletzt gegessen hatte.
Doch seine Vernunft befahl ihm, etwas zu sich zu nehmen. Das war das einzige, dass ihm zum Essen bewegte. Er nahm sich ein Käsestück und steckte es sich unter Zwang, ja fast Ekel und Widerwillen in den Mund und es schmeckte tatsächlich kein bißchen, nicht einmal nach Käse. Ist ihm der Geschmacksinn vollends vergangen?
Er setzte sich müde und schlapp in seinen Hometrainer. Auf der Wand gegenüber starrte er in das Gesicht eines ehemaligen Verteidigungsministers, der startbereit auf seinem Rennrad saß und siegesgewiß in die Kamera lächelte.
Mit diesem fuhr er gerne Rennen sozusagen, der ihm zwar als Vorbild galt, aber auch als Warnung, schließlich hatte er mit seinem Rennrad einen Unfall gebaut, wohl weil er, als es steil bergabging, die Geschwindigkeit und die Straßenlage falsch eingeschätzt hatte und sich – wer wußte es genau, die Presse ließ es nicht verlautbaren – schwer oder leicht am Kopf verletzte.
Danach war es aus mit seiner Politikerkarriere. Der Unfall war wohl auch ein schwerer Imageschaden gewesen.
Vor Übereile, überhöhte Geschwindigkeit, unkontrolliertes Handeln mußte er sich hüten. Nur einen Bruchteil von Sekunde, in der du die Kontrolle verlierst und dein glorreiche Karriere ist verpfuscht und im Eimer.
Er brachte kaum eine Umdrehung des Rades zustande, so blockiert war.
Dann wußte er gar nicht recht, was er tat, als er vom Rad stieg, sich das Giftfläschchen aus seiner Tasche fischte, es gegen das Licht hielt und den angezeigten Strich in der Flasche der durchsichtiger Flüssigkeit fixierte, das ihm sagte, daß da noch genügend Wirkstoff drinnen sein mußte.
Auch ein paar Spritzen fand er verpackt in seiner Tasche. Er war gut gerüstet.
Aber eine Stimme sagte ihm aber, warum gibst du dich noch mit diesem Teufelszeug ab? Eine andere Stimme schwieg dazu, weil sie keine Antwort wußte.
Ernst spürte, sobald er mit seinem Bruder gesprochen hatte, wußte er Antwort, den Zweck oder Nichtzweck des Giftes und der Spritzen.
Er stand so unter berstendem Druck, daß es schier nicht mehr auszuhalten war.



21b. Der Schwache ist immer der Böse

Der Polizistenneffe war gerade beim Hauptkommissar, von sich aus, um sich über den Stand der Dinge zu informieren. Nach seiner Fehlleistung mit der Pistole hatte er einiges wiedergutzumachen, bildete er sich ein. Jedenfalls ein bißchen nachfragen, zu schauen, ob er doch vielleicht das ein oder andere zur Lösung des Falles beitragen konnte, konnte nicht schaden. Oder doch? Aber frag das einmal einen übereifrigen Staatsbeamten!
Plötzlich schellte das Telefon. Während des Gesprächs widerholte der Hauptkommissar, ganz unprofessionell, das Wort „Krankenschwester“. Da der Tonfall Bedauern ausdrückte, wurde sein Gegenüber sofort hellhörig und aufgeweckt wie er war, hörte er vermeintlich schlechte Nachrichten heraus. Der Kriminaler legte gerade auf, als er sich erlaubte zu fragen: „Die Krankenschwester, die die mitentführt worden ist?“
„Ja!“, nickte der Kriminaler und entschuldigend muß wohl seine Betroffenheit angeführt werden, das er Geheimes ausgeplaudert hatte. Jeder ist ein Mensch.
"Ist ihr etwas geschehen?“
Der Polizist, wieder nicht ganz Profi, nickte wage.
„Tot?“
Immerhin reagierte jetzt der diensthabende Beamte mit keinem Wimpernzucken und starrte nur steif aus dem Fenster. Das war auch schon beredt genug. Zudem hatte er nicht widersprochen, was obendrein schon einiges sagte, nämlich in der Regel Ja.
Die Krankenschwester war inzwischen in ihrem Zimmer entdeckt und tot aufgefunden worden, aber die gerichtsmedizinische Obduktion dauerte an.
Des Kriminaler linkes Knie, besonders wetterfühlig und sensibel, juckte wie der heurige Wein und er schloß daraus, dass an den Todesumständen der Frau irgendetwas nicht stimmen müßte, sprich kein natürlicher Exitus vorlag.
Der Polizistenneffe wußte über Arzt und Krankenschwester Bescheid, die Zettel hier und da, die brodelnde Gerüchteküche zudem hatte ihn über die Hetze in Kenntnis gesetzt. Ob sein Onkel bei deren Tod etwas nachgeholfen hat? - das war zwar nur so ein Gedanke, aber doch ein hartnäckiger, fast plausibel erscheinender. Mal private Nachforschungen anstellen, konnte nicht schaden. Es blieb zudem ja alles in der Familie.

Über diesen Polizistenneffe erfuhr der Arzt den bedauerlichen Tod.
Während er sich über die Nachricht erleichtert fühlen, endlich wieder tief durchatmen konnte, dachte er liebevoll an seinen Bruder: auf diesen kann man sich wenigstens verlassen, auf diesen Idioten. Wobei er „Idiot“ ganz positiv meinte. Andernfalls hätte er ja „Blödmann“ gedacht. Aber „Idiot“ konnte jemand sein, der durchaus intelligent war, nur nicht recht in seine Umwelt passte.
Gleichzeitig ahnte er schon, was auf sie, die ganze Familie Unangenehmes und Widerwärtiges zukommen würde. Aber Hauptsache war nun einmal, diese Furie aus der Welt geschafft zu haben, voila!
Nur der Polizistenneffe ahnte das Allerschlimmste. Und sein Verdacht auf den Mörder der Krankenschwester, von einem natürlichen Tod ging er nicht aus, fiel auf den Onkel, zumal dieser am Telefon nicht gerade überrascht, geschweige denn geschockt oder berührt gewesen zu sein schien. Ein Schweigen war entstanden, kurz, aber zu lang - bevor es wieder zur Tagesordnung überging.
Seinem Neffen dann direkt gegenüber zu stehen, war etwas anderes. Man mußte ihn unter die Fittiche nehmen.
"Sie ist tot aufgefunden worden!"
Er schaute ihn tief in die Augen: "Hast Du etwas damit zu tun?"
Aus diesem Verhalten, seinen Onkel so eine unverhohlen direkte Frage zu stellen, die zudem auf einen unschmeichelhaften Verdacht beruhte, kann nur geschlossen werden, daß sich der Polizist neu erfinden wollte, sein Image neu gestalten und seinen Leumund wieder aufbessern wollte. In der Tat, nach dem schmählichen anfänglichen Leugnen bezüglich des Pistolenklaus ritt er jetzt auf einem Wahrheitstsunami, der ihm hieß, ohne Rücksicht auf Verluste, komme, was da wolle, alle gegebenen Umstände zum Tod der Krankenschwester aufzudecken - ganz der Rolle des aufrichtigen Staatsdiener gemäß. Fast vergaß er dabei die Familie.
Der Tod der Krankenschwester – ein Zufall?
Gerade jetzt?
Nein!
Zum einen, die Krankenschwester hatte gegen seinen Neffen gehetzt, dass sich die Balken bogen, und zum anderen wußte so ein Arzt beste Mittel hinsichtlich Exitus und Tod, nicht wahr!? Steckte dieser Onkel dahinter, dann Gnade ihm Gott. Von ihm konnte er keine Hilfe, keine Deckung, keinerlei Unterstützung erwarten: Daß dies ihm nur klar war, mußte klippundklar mitgeteilt werden.
Aber der Arzt spielte gekonnt den Beleidigten: „Was? Das ist doch nicht Dein Ernst?!" Cool hatte er den durchdringenden Blick des Ordnungshüters pariert, als solchen er ihn nun wahrnahm und nicht als Verwandten, was für jenen zu viel des Guten war und er packte seinen Onkel jetzt sogar am Kraken.
Dieser schlagfertig: „Komm mir so nicht. Ich weiß einiges von Dir zu berichten, Du hast auch Dreck am Stecken, mein Lieber! Also tu die Hände weg von mir!“
„Das ist Schnee vom vergangenen Jahr. Daß ich in meiner Jugend einmal einen anderen zusammengeschlagen habe – das sind Jugendsünden.“ Glücklicherweise konnte damals die Familie diesen Ausrutscher wieder durch eine saftige finanzielle Widergutmachung ausbügeln und damit das Verbreiten in der Öffentlichkeit verhindern.
„Ja, jähzornig bist Du noch heute, wie man sieht!“
Jetzt packte er ihn gar an der Kehle und würgte ihn, während seine Zähne aufeinander schlugen, mit so zusammengepressten Lippen, daß die Bewegungen kaum zu sehen waren, als er mit diesen seine Wut herausstieß: „Damit komm mir nicht! Was war, war!“
Röchelnd entgegnete der Arzt: „Offenbar nicht! Du bist es heute noch: Noch immer derselbe Extremist. Überziehst alles, machst zu viel, dabei geht das Porzellan zu Bruch, so sieht's aus!"
Bingo.
Einen Druck mehr verstärkte jener seine Händeklammer.
„Was, was redest Du hier? So ein Geschwätz!“
Er war nahe dran - die Hand holte bereits aus, als ihm der Arzt dazwischenfuhr: „So! Geschwätz nennst Du das: Dann will ich Dir mal etwas sagen. Ohne Waffe-Entwendung wäre die Entführung schnell beendet gewesen, spätesten mit dem Auftauchen der Polizei und Discounter-Chef im Ganovenhaus. Nein, mit der Pistole konnten sie die Polizisten ausschalten. Zweitens: Ohne Knarre hätten sie sich nicht getraut, den Restaurant-Besitzer vom Strandcafe kurzerhand krankenhausreif zu schlagen. Weißt Du, dass dieser wahrscheinlich querschnittsgelähmt sein wird?“
Der Onkel lockerte seinen Griff. Das war zu viel. Natürlich, das war saudumm gewesen mit der Pistole, aber er hatte alles gestanden, nur zu spät offensichtlich, wie sich jetzt herausstellte. Die Suppe war ganz gehörig versalzen worden, verflixt.
Ohne weitere Worte räumte er das Feld.

Der Kriminaler stieß bei seiner Recherche auf Ernst. Zeugen hatten behauptet, sie hätten ihn bei der Krankenschwester gesehen, so daß man ihn zuhause aufsuchte, ihn in einem dahindämmernden Zustand vorfand und zum Verhör ins Polizeirevier mitnahm.
Ernst hatte struppige Haare, wirkte unausgeschlafen und verwirrt.
Da muß ich langsam und vorsichtig vorgehen, dachte der Kriminaler.
Diese Strategie war sehr klug, denn dadurch nur würde er Ernst aus der Reserve locken können. Ernst wußte sehr wohl über seine ungehörige Tat. Er war sich sehr wohl bewußt, wieviel auf dem Spiel stand. Nur nicht genau inwiefern, aber es war Schlimmes geschehen und – jedenfalls war er zudem pass verwirrt.
Bevor jedoch der Kriminaler mit seiner wohlüberlegten raffinierten Vorgehensweise beginnen konnte, wurde er leider durch eine Frage Ernst aus dem Konzept gebracht: „Darf ich bitte meinen Bruder sprechen?“
„Warum wollen Sie ihren Bruder sprechen?“
Was sollte jener auf diese Frage des Kriminaler antworten: „Da geht nur meinem Bruder und mir etwas an!“ Das ging nicht. Lieber reagierte er gar nicht. Schließlich wollte er nicht selbst seiner Absicht im Wege stehen, seinen Bruder hinsichtlich des Mordes, des Grundes zum Mord, befragen zu können, was eine zuvörderst familiäre Angelegenheit war, fand erst. Niemand durfte ihm diese Möglichkeit verwehren.
Ernst Antwort war nicht gerade klug gewesen, denn dies weckte das Mißtrauen des Kriminaler um so mehr, welches in die Richtung des Verdachtes ausschlug, zwischen Krankenschwesters Tod, dem Bruder und dem Mediziner bestünde ein Zusammenhang.
„Im welchen Verhältnis zur Krankenschwester standen Sie?“
„Wir haben uns nach dem Unfall öfter besucht!“
„So? Nur besucht?“
Weil aber Ernst gegenüber dieser doch starke Gefühle hegte, die er kaum unter Kontrolle bekam, da er mit dieser Art von Emotionen in seinem Leben bislang kaum in Berührung gekommen war, verspürte er den Drang, Luft abzulassen und sagte schließlich: „Sie wollte mich verführen.“
„Zum Sex?“
„Ja!“
Mehr war aber nicht herauszubekommen. Das lag wohl auch daran, daß Ernst aus den Worten des Kriminaler einen negativen Klang zu vernehmen meinte. „Zum Sex!“ Er empfand ja deren Verhalten auch in dieser Richtung sehr, sehr negativ. Ernst verzog dazu automatisch angewidert den Mund.
„Und das war ihnen zuwider?“
„Ja!“ und Ernst bewegte den Kopf zur Seite, eine Geste, die seinen Abscheu vor dieser Sache untermalte.
Der Kriminaler fühlte sich auf der richtigen Fährte.
„Und sie wollten, konnten nicht?“
Bingo! Ernst Gesicht verzog sich noch mehr, zu einer derart verzerrten Gestik, als müsse er sich sogleich erbrechen und übergeben.
"Kann man sagen, sie wollte sie vergewaltigen?"
"Ja!" Es erfolgte spontan.
„Haben Sie sie deswegen umgebracht?“
Ernst kapierte, dass er zu weit gegangen war.
"Nein, eigentlich vergewaltigen kann man auch nicht sagen. Halt verführen!"
"Hm!"
"Und das ist ihr nicht gelungen!"
„Weil Sie sie getötet haben!"
Er brachte es nur mit Mühe heraus, daß seine Stimme leise und ruhig blieb: „Herr Kommissar, ich muß doch sehr bitten!“, und energisch verschränkte Ernst die Hände vor der Brust und lehnte sich in Abwehrhaltung zurück.
Der Kriminaler sah, er war zu weit gegangen, viel zu weit. Die Fragerichtung mit der Unterstellung war saublöd und falsch gewesen, denn dafür gab es nicht den geringsten Anhaltspunkt.
Nur, warum bereitete ihm nur sein Knie ständig Schmerzen?

Nun, da Ernst zugegeben hatte, daß er bei der Krankenschwester gewesen und in fast intimsten Kontakt mit ihr verkehrt war, deckten sich Spuren damit, die gefunden wurden, die aber nicht als Indiz für einen Mord gelten konnten. Da keine Spuren eines Gewaltaktes und Fremdverschuldens zu finden waren, schien sich die Tode auch nicht gegen einen vermeintlichen Mörder gewehrt zu haben.
Auf dieser spurenerkenntlichen Ebene war also die Todesursache nicht aufzuklären.
Die medizinische Ebene offenbarte nur einen Tod durch Atemnot, denn die Krankenschwester war erstickt; was auch nicht unbedingt auf einen Mord hinwies. Vielleicht hatte einfach ihr Herz versagt, befand sie sich doch nach der Entführung in einem extrem gestressten Zustand, da man ihr, wie der Hauptkommissar erfahren hatte, sehr übel mitgespielt, ja, vergewaltigt hatte.
Posttraumatische Störung mit Todesfolgen!?
Da da das alles nicht oder noch nicht klar war, durfte auch Ernst wieder unbehelligt nach Hause.

Bei diesem reifte allmählich die Erkenntnis, daß, kämen die wahren Umstände des gewaltsamen Todes heraus, was nur eine Frage der Zeit war, würde auch sein Bruder schwer belastet werden.
Er und sein Bruder.
Hm, sagte er sich, vorgeben, er habe sich nur so heimlich bei seinem Bruder informiert über die Möglichkeit, jemanden auf diese Weise zu töten, kurzum, damit belastete er sich und nahm die Schuld allein auf sich, so daß sein Bruder aus dem Schneider wäre. Herauskäme, daß er als der Alleinverursacher, als der Mörder ohne Helfer dastünde.
Nun, entscheidend war, daß dann der Ruf der Familie geschützt war und dieser war sakrosankt, war das Wichtigste in seinem Leben und auf dieser Welt – von dieser war auch seine politische Karriere abhängig.
Einfach alles hing für ihn davon ab.
Jedenfalls konnte er seine politische Karriere vergessen.
So oder so.
Aber immerhin konnte er sich noch zum Helden machen. Das Opfer der Familie konnte er werden. Märtyrer wie die Kirchenheiligen, sozusagen.
Diese Vorstellung von der Übernahme der Alleinschuld begann ihm immer mehr zu schmecken.
Ihm würde nur blühen, wegen Gemeingefährlichkeit in die Psychiatrie eingeliefert zu werden.
Aber die Familie würde gerettet werden.
Denn, was bedeutete er schon ohne dieser?
Noch gewichtiger war die Frage: was bedeutete er in dieser ?
Ein kleiner Systemfehler, mehr nicht. Die Biologie spielt halt manchmal verrückt, dachten bestimmt viele, und er sei die Ausnahme von der Regel. Manchmal ist das halt so!

Pentzw
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22. Gelegenheit macht Mörder

Beitragvon Pentzw » 12.11.2021, 21:14

Der Polizistenneffe traf Ernst nicht mehr in seinem Appartement an. Er mußte leider zum Dienst, so daß er ihm nicht gleich hinterherfahren konnte, um ihn in seinem Elternhaus anzutreffen. Aber morgen war der Kunstgewerbemarkt im Ort, wo er ihn schon finden würde, zwar schwierig, ihn dann im Trubel zu entdecken, aber, was denke ich, dachte er, spätestens spätnachmittag löste sich dieser auf, wenn die Leute wieder nach Hause fahren würden.
Ernst war in seinem Elternhaus zu Besuch, sein Bruder in seinem Familienhaus, welches nicht das des vom Griechen gemietete war und all den Unbill verursacht und losgetreten hatte. Er war ein liebe- und treusorgender Familienvater, der sich um seine Familie kümmerte an Wochenenden, an Fest- und Feiertagen und Ereignissen wie diesen heute. Nach dem Pflichtgang durch den Markt mit seiner Familie beabsichtigte er allein loszuziehen. Darauf freute er sich schon, würde er doch den ein oder anderen Bekannten treffen, mal beim Stammtisch des Gasthaus Krone vorbeischauen und bei der ein oder anderen Tante einen Blick reinwerfen. Die Aussicht auf ein, zwei oder drei heißen Glühwein wärmte ihn jetzt schon, zumal der Haussegen ziemlich schief hing. Die Gemahlin war noch immer stinksauer und sprach kein Wort mehr mit ihm, wenn es nicht nötig war.
Auch Ernst war natürlich auf dem Markt unterwegs in der Hoffnung, auf seinen Bruder zu stoßen. Ihn dann begleiten, wie es sich gehört zwischen Brüdern, eine Gelegenheit abwarten, wo er ihn befragen konnte, was so erbärmlich heiß auf seiner Seele brannte: warum die Krankenschwester eigentlich hatte sterben müssen? Ob das notwendig gewesen wäre?
War es notwendig gewesen?
Warum hatte aber hattest Du mit der Krankenschwester ein Verhältnis gehabt? Mußte sie deswegen sterben, weil dies mit der Entführung ans Tageslicht gekommen war?
Warum hast Du in einem Porno in solch herausragender Rolle mitgespielt und und und...
Tatsächlich traf er seinen Bruder, mit dem er dann zum Familiengrab auf dem Friedhof ging. Einige der umliegenden Nachbarn waren namensgleich. Mit gesenkten Oberkörper verbeugte man sich beim Beten. Jeder jeweils murmelte das Gebet laut vernehmlich herunter, synchron. Ebenso machten sie zeitgleich ein Kreuz über der Brust und sie wandten sich ab.
Erst außerhalb des Friedhofs schien Ernst pietätvollerweise der Ort und der Zeitpunkt gekommen, seinen Bruder zur Rede zu stellen.
„Weißt Du schon, die Krankenschwester...“
„Ja!“, sagte der Bruder, rückte seine Sonnenbrille etwas zurecht und wendete den Kopf zur Sonne. Trotz tiefstem, kühlem Herbst schien die Sonne blank vom stahlblauem Himmel. „Ach, wie schön es doch ist zu leben." Atmende Menschen stießen weiße Fahnen aus, die von weitem sicht- und erkennbar waren. Gut für Spione, die hinter nahen modrig-stinkenden, laubgelb-braun-roten Kastanienbäumen lauerten und die beiden beobachteten, aber nicht hören konnten, was sie redeten. Das war aber nicht entscheidend.
„Brüderchen!“, sagte der Arzt. „Ich kann mir vorstellen, wie Du Dich fühlst. Aber ich sag Dir eins: es hat sein müssen. Glaub mir!“ Er fühlte sich also so gut und so sicher, daß er fand, sich nicht noch einmal zu wiederholen und die ganze Argumente erneut aufzuzählen. Aber er blieb stehen, legte die Arme auf Ernst Schultern: „Aber ich danke Dir dafür, was Du getan hast. Ich danke Dir sehr!“
Ernst war natürlich geschmeichelt, so ein unverhohlenes Lob von seinem Bruder zu bekommen.
Nach einer Weile des Weitergehens jedoch war es ihm doch nicht genug. Mochte auch alles zum Wohle der Familie geschehen und so unhinterfragbar sein, so waren doch da seine Gefühle, die im Innern rumorten wie ein kurz vorm Ausbruch stehender Vulkan.
„Nun aber...“, setzte er an, aber sein Bruder stieß einen Laut aus, der ihm gebot zu schweigen. Dabei blieben sie stehen und jener begann zu sagen: „Hör mal Ernst. Ich erzähl Dir jetzt mal einen Witz.“ Und das machte er auch. Daraufhin mußte Ernst so stark schlucken, daß ihm für lange Zeit, für etliche Minuten, die Stimme versagte und außerstande war, noch etwas zu sagen.
„Kommt ein Patient zum Arzt und fragt: Was ist nun das Ergebnis Ihrer Untersuchung von letzter Woche? Der Arzt sagt: zunächst die schlechte Nachricht. Sie sind unheilbar krank und leben nur noch wenige Wochen. Der Patient, ganz aufgeregt, fragt: und die gute Nachricht? Der Arzt zeigt aus dem offenen Zimmer: sehen Sie die Arzthelferin dort? Ja, sagt der Patient. Die gute Nachricht ist, daß ich die gestern gefickt habe.“

Ernst war perplex und mußte erst einmal diesen Witz verdauen. Dann wurde er wieder sehr schnell schlecht drauf, richtig niedergeschlagen. Was sollte er machen, wenn ihm diese Fragen quälten, worauf sein Bruder keine Antworten liefern wollte oder konnte?
Sie erreichten nun die Bude der freiwilligen Orts-Feuerwehr. Beide wurden freudig empfangen. Jeder bestellte einen Glühwein, auch Ernst, weil es so erwartet wurde von lauter guten Bekannten.
Ernst ließ es sich zwar nicht nehmen, die Zeche zu bezahlen und sich auch einen Becher voll dampfenden Rotweins mit Nelken und Zimt zu reichen, kehrte dann aber dem Stand den Rücken zu, wartete, bis sein Bruder seinen ausgeleert und ausgetrunken hatte und drückte ihm dann aufdrängelnd seinen regelrecht in die Hände, ein bißchen mit der Rechtfertigung seines Asketentums, denn so puritanisch hätte er auch nicht sein müssen: „Du weißt doch, Alkohol und Medikamente!“
Das Wort „Gift“ vermieden beide wohlwissend. Der Bruder nickte wissend und ließ sich den zweiten Becher nicht entgehen.
Ein anderer Kumpel schenkte schon ein: „Das geht auf Kosten des Hauses!“, wobei er dazu feist lachte. Das Haus war nur ein Brettergestell, wennzwar robust, aber liebevoll geschmückt. Unweit davon war inmitten eines großen Platzes ein großes Feuer, ein Holzfeuer mit einem Eisenofen inmitten desselben, auf das dann die Brüder zugingen.
„War das Deine Freundin? Äh, ich meine, habt ihr miteinander geschlafen.“
Sein Bruder war bester Laune, schaute ihn nicht einmal an, als er sagte: „Was denkst Du? Händchengehalten?“
Sie trafen Bekannte. Diese hatten einige Flaschen Wein in der Hand, die sie großzügig in weiße Plastikbecher füllten und verteilten. Davon bekamen auch die Brüder etwas ab. Das Feuer züngelte, war aber beileibe nicht warm genug.
Danach lösten sich die Brüder wieder und gingen ziellos weiter.
„In dem Film, den ich gesehen habe, diesem Video, spielst Du auch mit und die Frau, die Frau, war das die Hilde?“
Sein Bruder wandte sich ihm abrupt zu: „Ernst, laß Dir eins gesagt sein. Es mußte sein, diese Frau war gefährlich, sie war ein Erpresserin, eine wie die Ganoven, die uns entführt haben.“
„Was, steckte sie mit diesen unter einer Decke?“
Der Bruder, noch mehr genervt: „Das zwar nicht. Sie hat ihr eignes Ding gedreht, nämlich nach der Entführung.“
„Als die Ganoven schon tot waren?“
„Genau.“
„Hat sie Geld von Dir erpressen wollen?“
„Das nicht, aber meine Ehe zerstören wollen!“ Das stimmte haargenau. Und für Ernst war das ja auch bislang ein nicht hinterfragbares Argument gewesen, diese Person unschädlich zu machen. Aber wie passte dies mit dem Porno zusammen, wo er und sie zusammen...?
Gezwungen wird sie ihm wohl nicht haben, mit ihr zu bumsen. Das kann keine Erpressung erzwingen. Es scheint ihm doch so, als ob sein Bruder dies freiwillig getan hätte. Aber dies passte nicht zum Bild von seinem Bruder: der und ein schamloser Sexaktivist, oder Pornoschauspieler, oder wie immer man solche Personen titulieren mußte? - nein! Irgendetwas stimmte da nicht. Logisch war nur, daß er gerne mit der Krankenschwester diese Schweinereien gemacht hat und dann, dann hieß dies, daß er seine Ehefrau betrogen hat, da mit den Ruf der Familie gefährdet hat und all das...
Und dafür nun hatte er das Leben eines Menschen ausgelöscht, der ihm sympathisch und gut gegen ihn gewesen war, auch wenn es eine Frau war. Von denen hatte er bis zu dieser Krankenschwester keine gute Meinung gehabt. (Freilich, so wie er erzogen war und daran war seine Erziehung schuldig, aber das hatte er noch nicht verstanden und reflektiert.)
Allmählich wird es Ernst wieder schummlig zumute, einerseits das Unrecht, diese Person auf diese Art und Weise bestraft zu haben, allein hat sie letztlich nicht die Familie bekämpft und in Gefahr gebracht, da ist der Bruder schon ein stückweit mit schuld. Andererseits seine warmherzigen Gefühle zu dieser, wenn er an sie dachte. Das brachte Ernst furchtbar durcheinander.
Jetzt kamen sie zum Seniorenheim der Stadt, einem Haus, in dem in einem kleinen Saal, im Speisesaal ältere Damen und Herren versammelt waren und darauf warteten, von Bekannten und Verwandten besucht zu werden. Die Tante begrüßte erst ihre Neffen freudig, als sie sich nach einigen intensiven Outungen als solche zu erkennen gaben und geben mußten. Sie war ja schon über 90, also was wunder.
Auch hier gab es wieder Alkohol zu trinken.
Ein dichtes Gedränge am Tag der offenen Tür dieses Hauses ging durch diesen Saal und in die umliegenden Zimmer, dazwischen eine misstrauisch um sich blickende Gestalt.
Nach einiger Zeit Herumsitzen und Trinken, die Tante war auch nicht mehr ganz bei Trost und nicht gerade die eloquenteste, charmanteste und schlagfertigste Gastgebern so gesehen, gingen die Brüder wieder und weiter den Kirchberg hinauf, der danach wieder nach unten und ans andere Ende der kleinen Stadt führen würde.
Diesen Weg drängte es Ernst zu gehen, zwar planlos, aber dieser Berg hatte irgendetwas Verlockendes. Mal sehen, was und wofür?
Oben angekommen verschnauften sie sich und blickten auf die rot-grün-umbrabraunen Dächer der fränkischen Kleinstadt herab, die sich vor ihnen ausbreiteten. In diesem Anblick vertieft begann Ernst plötzlich wieder die wohltuende Körperwärme der Krankenschwester zu empfinden. Freilich fühlte es sich nur in seiner Erinnerung so wohl an. Aber dafür eindeutig, was es ehemals nicht und nur mit zwiespältigen Gefühlen einhergegangen war. Nun aber übermannte ihn die Sehnsucht.
Er schaute seinen Bruder haßerfüllt von der Seite an, weil ihm so schmerzhaft bewußt wurde, was ihm dieser genommen und weggenommen hatte.
Der Kirchenbereich war mit einer knapp über einen Meter hohen Mauer umgeben. Es könnte klappen, dachte er, als er seinen Bruder so dicht davorstehen sah, wenn er ihn von hinten mit Anlauf, starkem Druck, vielleicht an den Beinen hoch gehievt darüber hinweg stoßen würde. Er würde darüber hinweg geschleudert werden, ja.
Danach würde es wie ein simpler Unfall aussehen.
Sofern niemand Zeuge war.
Ein Windstoß fegte jetzt über die Anhöhe hinweg, so daß Ernst Haare wie vom Blitz getroffen aufgewühlt zu Berge standen. Sein Körper wankte leicht; vielleicht wegen der möglichen Aussicht, die sich ihm hier bieten würde. In der hereinbrechenden Dämmerung war aber der Versuch, sich richtig umzuschauen und die Möglichkeiten abzuklopfen, sehr unsicher.
Etwas weiter weg schienen noch andere Leute in diesem Kirchhofsbereich sich aufzuhalten, aber viele schienen es nicht zu sein.
Eine günstige Gelegenheit, Mann!
Ist es dort ein Funkeln zweier beobachtender Augen?
Aber das könnten auch Katzen sein.
Die Straßenlaterne an einer Ecke dort verbreitete einen derart trüben Lichtschein, daß selbst dieses Funkeln Einbildung sein könnte. Es war einfach zu wenig hell, um abzusehen, wer alles von wo hierher schauen konnte, entschied Ernst.
Dann blickte er in die Tiefe des Berges hinunter.
Die Aussicht war reizvoll. Es würde wie ein simpler Unfall aussehen. Ein zufälliger, glatter Genickbruch, nicht ausgeschlossen aus dieser Höhe. Aber leider nicht zwingend. Genauso gut hätte der Unglückrabe auch mit ein paar bösen Prellungen davonkommen können.
Nein, das war zu unsicher.
Dann lieber die Giftspritze, die in seiner Jackentasche ruhte mitsamt dem Giftfläschchen. Zu dieser Tat brauchte er allerdings eine gewisse Vorbereitungszeit, auch einen abgeschotteten Raum. Vielleicht ein verschließbares Klo. Ein solches bot sich leider momentan nicht, soweit er sehen konnte.
Also weitergehen.
Wo war hier ein Plastikklo zum Beispiel?
Man hatte aber einen Art Bauwagen in funktionierende Toiletten umgebaut nahe einer weiteren Feuerstelle, die man mit dicken, breiten Holzscheiten und abgrenzenden, großen Gesteinsbrocken errichtet hatte. Das Feuer loderte verheißungsvoll, da die ersten Holzscheite bereits auseinanderbrachen; Funken sprühten und große, züngelnde Flammen schossen empor; bläuliche und bernsteinfarbige Enden der Flammen loderten in den Augen von Leuten, die in einem großen Gedränge herumstanden.
Natürlich wurde der Bruder wieder einmal mit einem großen Hallo dort hingelockt. Ernst dachte, daß sich da im dichten Gedränge vielleicht die Möglichkeit ergab, seinem Bruder einen Spritze zu setzen.
Schnell sagte er zu seinem Bruder: „Du, ich muß mal!“, wobei jener dies nur mit einer jovialen Geste der Zustimmung beantwortete und sich nicht davon abhalten ließ, in sein Glück zu stolpern oder Pech, was sich noch herausstellen sollte.
Allerdings würde dies von einem düster dreinblickenden Fremden mitverfolgt werden, der so fremd nicht war. Sehr bekannt sogar. Wenngleich er so tat, als sei er fremd und nichtexistent.

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23. Schrecken ohne Ende

Beitragvon Pentzw » 20.11.2021, 20:26

Hin- und hergeschwenkt werden Becher voll Bier mit schwungvollen Armen. Ernst tritt hinzu und aus einem Becher Bier kommt ihm einen Gischt entgegengezischt. Er weicht davor zurück, stößt hinter sich gegen jemanden und spritzt sich die Spritze in seinen dicken, wollenen Wärmeschutz. Glück gehabt, daß nicht in seinen eigenen Körper gestochen!
Man beschwichtigte Ernst wegen des kleinen Malheurs, das da nur zu sein schien Flicken am Anorak und er tat auch so, als sei es nicht weiter erwähnenswert, mußte natürlich zurück aufs Klo, um sich zu waschen und die unberechenbare Flüssigkeit aus dem Stoff zu bürsten. Noch einmal eine Dosis Gift aufzuziehen, kam hier nicht in Frage. Er mußte auf eine bessere Gelegenheit warten.

Danach gingen die Brüder zu den wahren Künstlern, die Ateliers gemietet hatten. Eigentlich waren diese Räume nur ehemalige Hopfen-, Getreide oder Obstkeller mit meist einer durch einen mittelalterlichen Eisenriegel verschlossenen höchstens zwei Quadratmeter großen Tür vor einer Luke zur Straße, in der hinein eine Stiege oder Rutsche ein paar Meter hinunterführte, auf der einst die Lebensmittel hinuntergerollt, gestoßen und geschubst wurden, als es noch eine florierende Landwirtschaftskultur gegeben hatte. Die dunklen Katakomben waren von Steinmetzen, Holzplastik-Modellatoren oder sonstigen nicht genau zu definierenden Künstlern besetzt.
Die Brüder gingen über den Haupteingang des kleinen Familienhauses via zwei Treppen nach oben in einen Flur hinein, von dem aus es über schmale, sehr eng gewundene Stufen in einen düsteren Keller hinunterging. Ein beklemmendes Gefühl entstand durch die niedrig herabhängenden Decken, dies so alt waren wie die Zeiten, als Menschen nicht größer als 160 Zentimeter maßen. In den düsteren Ecken standen zwar brennende Kerzen, Laternen oder Lampions, um den Raum etwas zu erhellen, aber dennoch war es überall duster und dunkel, zudem wegen mangelnder Zugig- und Luftigkeit bedrückend dumpf gleich Lochgefängnissen und Folterkammern. Die Wände und Böden waren bestellt mit undefinierbaren Plastikfiguren, Wesen und Gebilden wie Gnomen, Wurzelzwergen, Hexen, Riesen, Krüppeln, buckligen Alten und verformten Behinderten, Einäugigen und Zyklopen, Golems, Wolperdinger, was aus auch immer Erdenklich- und Formbarem. Ein Künstler bearbeitete gerade einen klobigen Holzklotz auf einen dicken, breiten Holzpodest, so dass es krachte, sprühte und die Späne durch den Raum segelten. Drumherum standen Väter und Mütter mit ihren Kindern und staunten sich Bauklötze aus den Augen.
Der Arzt war wohl schon so angeheitert, daß er gleichfalls fasziniert von dem Budenzauber in Bann geschlagen war. Ernst stattdessen sah bedrohliche Schatten an den Wänden flimmern, die die kleinen, schwachen Flammen der Lampions und Kerzen warfen, aber eine umso größere, stärkere Wirkung auf sein Gemüt aussendeten. Ein Gefühl der Angst schnürte ihm die Kehle zu vor diesen Monstern, urigen Wesen und Gespenstern mit verkrümmten Händen, Nasen und Beinen, die ein Schauspiel vollführten, die Ernst einen Schauder über den Rücken sendeten.
Um sich loszueisen und keine Widerrede zuzulassen, entschuldigte er sich schnell von seinem Bruder und rannte die Treppe zurück in die Parterrewohnung hinauf, in der er richtig einen frei zugänglichen Kloraum benutzen konnte.
Im diesem erholte er sich nach wenigen Sekunden wieder, fühlte sich bald wieder so gestärkt, daß er meinte, daß er es noch einmal versuchen könne, den Urheber seiner Qual, seiner vergeblichen schmerzhaften Sehnsucht nach Hilde, auszuschalten. So zapfte er die letzten Gifttropfen aus dem Glasbehälter, machte den Wassertropfentest, verbarg die Kanüle unter seinem offenen Winteranorak und ging wieder nach unten, wo sein Bruder nicht mehr dort stand.
Ernst blickte sich panisch um, um ihn sonstwo hier unten zu entdecken – vergebens. Dann sprang er hektisch wieder die Treppe nach oben, aus der Tür und ins Freie der engen Kopfsteinpflaster-Gasse. Dort sah er seinen Bruder, der sich mit einem Bekannten unterhielt.
„Suchst Du mich?“
„Ja!“
„Sorry, ich habe es nicht länger im dunklen Keller ausgehalten. Ich mußte die Flucht ergreifen, wie ich mich gefürchtet habe.“ Die umstehende Mischpoke lachte darüber, weil sie meinten, dies sei ein Scherz extra für die Kleinen.
Der Arzt ergriff in diesem Tumult des Lachens die Gelegenheit, seinen Bruder schnell ins Ohr zu flüstern: „Das hat mich an meine Gefangenschaft erinnert. Du weißt schon, dies mit der Halskrause und so.“
Ernst nickte verständnisvoll dazu.
Er fühlte so starkes Mitleid mit seinem Bruder, daß es ihm unmöglich war, ihn jetzt zu attackieren. Er freute sich richtiggehend mit seinem Bruder, daß er so beliebt war bei anderen Menschen. Nur am Rande zählte das Kalkül, daß es ohnehin schwierig werden würde, ihn in dieser Gesellschaft klammheimlich und unbemekrt mit einer Spritze zu attackieren. Nein, sein Mitgefühl hatte überhand und rt lachte mit allen feist zu dem kleinen Späßchen, das sich sein Bruder geleistet hatte.
Dabei steckte er sich die Spritze in die untere, linke, innere Jackentasche, wobei sie etwas über die Schließlasche hinausreichte. Gefährlich, aber nicht zu ändern unter diesen Umständen. Hauptsache aber, daß sie verdeckt war und nach außen nicht erkenntlich.

Dann kamen sie an einen Stand vorbei, der des örtlichen Nähclubs, wo ihre Cousine Präsidentin ist.
„Kommt doch mal beide her!“, winkt sie ihnen zu.
Neben der Cousine sitzen reihum ein Dutzend Hausfrauen mit umgebundenen Küchenschürzen, wozu, wissen nur sie selbst. Schließlich repräsentieren sie keine Küchenutensilien oder dergleichen.
Sowie die beiden herangetreten sind, kommt schon die Cousine mit einem Meterband vor sich hin gestreckt auf Ernst zu und legte sie ihm um die Taille: „Ernst, Du kriegst von mir eine tolle Hose genäht!“ Mit Ernst konnte man so etwas machen, ihn einfach so ungefragt eine Hose verpassen, mit ihm konnte man immer Spaß machen und so wußte man nicht zu sagen, ob sie dies ernst meinte oder aus Gaudi tat.
„Leg mal Deine Jacke ab und probier mal diese Hose an!“
Ernst legte seine Jacke ab, legte sie sorgfältig in zwei Doppelhälften übereinander, wie man solch ein Kleidungsstück über einen Arm hängen würde beim Promenieren oder in der Oper.
„Halt mal!“, sagte er zu seinem Bruder. Dieser nahm sie entgegen.
Nun lachten alle Umsitzenden freudig und erwartungsfroh, besonders die auf den Stühlen sitzenden Frauen giggelten wie die aufgescheuchten Hühner. Ernst bekam die breite Hose überreicht, die er sich hinter einem Paravent der Bude anzog. Als er zurückkam, legte die Cousine mit Nadeln und Maßband einen Schnitt an die weite Hose.
„So, damit die Hosen passt. Ich bin jetzt fertig, Ernst.“
Ernst, überrascht von allem, stand einfach untätig herum und wusste nicht, was tun.
„Jetzt, Ernst, jetzt kannst Du Dich wieder umziehen.“ Und alle Anwesenden lachten wieder, ein bißchen hämisch, schien es, ob Ernst Tollpatschigkeit und Nicht-wissen-was-tun-sollen.
„In ein paar Tagen komm ich zu Euch nach Haus mit der neuen Hose. Wirst sehen, dies wird eine Überraschung werden.“ Und die Damen klatschten sogar über diese frohe Botschaft. „Ernst, da wirst Du Augen machen!“
Ernst, wie immer lieb, nett und gefügig, sagte: „Ja, Cousine, ich freu mich schon!“, und wandte sich seinem Bruder zu, der ihm wieder seine Kleidungssachen reichen wollte. Da das Lachen aber etliche Leute angezogen hatte, gab es plötzlich ein Gedränge, so daß sich der Bruder gegen Ernst stemmen mußte, sich fast festhalten, um nicht umgestoßen zu werden. Unglücklicherweise fand dabei die Spritze ihren Weg in Ernsts Hand hinein, welche dabei abbrach und zu Boden fiel.
Der Tumult war so stark und laut, daß der Arzt nichts merkte, sein Bruder fast auch nichts spürte, nur einen kleinen Stichschmerz. Dann konnten sich beide abseits der Nähbude in Sicherheit bringen und Ernst sich Pullover und Winterjacke anziehen.
Dann gingen sie weiter.
Einem jedoch war voriger Vorfall nicht entgangen und dieser hob nun den auf dem Boden liegenden Gegenstand auf, inspizierte diesen von links nach rechts, oben nach unten, konnte sich natürlich keinen Reim darauf bilden, roch daran, was ihm auch nicht weiterbrachte, da er keine Fachmann war, um den leicht ätzenden Geruch zuzuordnen und so steckte er ihn sich in die Seitentasche und folgte wieder den Brüdern.
Ernst fühlte sich schlecht, schlechter und immer schlechter, verkrampfte sich immer wieder, wand sich vor Schmerzen und lag plötzlich auf dem Boden. Sein Bruder beugte sich über ihn, um ihn dem Puls, der rasend hämmerte, abzutasten. Er ahnte, was sich da tat, konnte aber jetzt in dieser Situation auf offener Straße kaum etwas machen.
Hinter ihm erschien plötzlich das vor Wut funkelte Gesicht des Polizistenneffe.
„Was hast Du gemacht?“
„Ruf jemand schnell den Notdienst, los!“, rief der Arzt voll der Panik. Der Polizist durchbohrt mit seinem argwöhnischen Blick Arzt und Patienten.
Was geht hier vor?
Ist es schon zu spät?
Es schien schon zu spät zu sein.
Sein Onkel, Ernst krümmte sich vor Schmerzen auf dem Boden.

Pentzw
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24. Einigkeit fördert Vertuschung

Beitragvon Pentzw » 04.12.2021, 18:34

Der Arzt beugt sich über Ernst und sagt: „Jemand muss die Sanis holen, rasch!“
„Ich erledige dies schon! Ich hol sie!“, sagt der Polizist. Aber die nächste Bemerkung hindert Otto, sofort loszustoben. „Mensch, es ist nicht gut, wenn er hier inmitten der vielen Leute herumliegt. Es geht auch vom Boden her kalt hoch. Bei mir ist's warm. Deswegen bring ihn zuerst in meine Wohnung. Schaffst Du das allein?“ „Ich bitte Dich!“ Das Haus steht ja nur zehn Meter vom Unglücksort entfernt, in einem kleinen Altstadtgässchen, die hier vom Marktplatz sternförmig aus weggehen und damit überreicht Otto seinem Onkel noch schnell den Schlüssel für sein Haus, bevor er sozusagen lossprintet, um medizinische Hilfe zu holen.
Aber die dichteste Leuteansammlung hier verhindert zu schnelle Bewegungen.
Dies muss auch der Arzt erfahren, der sich Ernst schon mit einer geübten, schnellen Bewegung über die Schultern geworfen hat.
Übrigens hat die Menschenmenge hier gar nicht das Zum-Boden-Fallen Ernst mitgekriegt, kaum einem ist es also aufgefallen, was den Umstand hervorruft, dass sich der Arzt jetzt mit seiner „Beute übern Rücken“ wie durch ein schier undurchdringliches Dickicht seinen Weg bahnen muss, bekleidet mit lauten Rufen.
„Vorsicht, Verletzter!“
Trotz dieses eindeutigen Wortes, wohl weil es die meisten nicht hören können in diesem Lärm und Trara, denken sie bei diesem Anblick eines Quasimodo mit Huckepack an „Alkoholleiche“. So lachen sich etliche einen, machen die blödesten Bemerkungen, am harmlosesten noch: „Vorsicht, Quasimodo kommt mit seiner Geliebten“ „Hat einer etwas zu tief in die Flasche geguckt.“ „Schnapsleiche, was? Ab in die Ausnüchterungszelle!“ Einer erkühnt sich sogar, Ernst einen Klapps auf den Hintern zu versetzen. Der Arzt zischt ihn im Nachhinein aber ungehalten an, ohne sich allerdings länger bei dem Blödmann aufzuhalten.
Ansonsten kann er nur mit der Schulter zucken, denken, sich nicht aufregen, wäre eh sinnlos. Der ganze Platz hier ist voll von spaßigen Menschen, so dass er etwas zu tun gehabt hätte, auf jede blöde Bemerkung einzugehen und er sagt am besten nur immer Ja und Amen, während er unaufhörlich eindringlich ruft: „Zur Seite, Leute. Weg, weg hier, ich muss durch.“
So bringt er Ernst in Sicherheit, in Ottos Wohnung, wo er ihn sanft auf die Wohnzimmer-Coach legt und die Jalousien öffnet, die ihn den Blick auf die Straße eröffnen. Er will auf der Hut sein, um die Sanitäter schnell hereinzulassen.
Wer aber klingelt, ist zunächst nur Otto.
„Die Sanitäter kommen gleich!“
„Hast Sie informiert?“
„Ja, ich war bei ihnen, sie sind gerade in einer Notlage, sie kommen sofort herüber, kann sich nur um Sekunden handeln. - Kannst Du ihn inzwischen etwas versorgen?“
„Worauf Du Gift nehmen kannst!“, sagt der Arzt fachgewiß und beugt sich über seinen Bruder, um ihn mittels einer Mund-Zu-Mund-Beatmung Sauerstoff in den Brustkorb zu pumpen.
Ernst Leben kommt tatsächlich ein Stückweit zurück und seine Augen öffnen sich; er sieht seinen Bruder ganz nah vor sich: ist es wahr, sein Bruder küsst ihn wirklich? Ja, so kommt es ihm vor; ja, er hat seinen Bruder immer auch geliebt.
Er sieht sich selbst, wie er freudig die Rolle des große Aufpassers vom dem ach so kleinen Neuankömmling übernommen hatte; wie er den kleinen Bruder die Hände über die Schultern gelegt und ihn umarmend hierhin und dorthin geführt und dirigiert hatte; wie er ihn sich auf den Schoß gesetzt und stundenlang Hoppe-Hoppe-Reiter gespielt hatte.
Wie er seinen Bruder doch liebt! Er hatte ihn doch immer schon geliebt, so sehr, dass er ihn nicht mal strafen, will heißen in seine Schranken weisen konnte! Was übrigens zur Folge hatte, dass dieser auf ihn herumgetreten ist. Aber spielt das eine Rolle, wenn es sich um wirkliche Bruderliebe handelt?
Innig, hingebungsvoll und inbrünstig lässt er sich den Kuss auf seine Lippen gefallen, spürt elektrische Schauer von dort aus bis tief in seine innersten Fasern wetterleuchteten und versucht den Kuß, die Zuneigung und Hinwendung zu erwidern, wenn er nicht zu wenig Kräfte hätte, die er spürt, wie sie immer mehr nachlassen.
Zwischendrein kommen aber jetzt unscharf hässliche Szenen mit seinem älteren Bruder auf und verschwinden wieder, da sie von dunklen Donnern aktueller Schmerzensstöße übertüncht werden.
Trotzdem, jetzt zu sterben, als er sich seiner warmen Zuneigung zu dem immer noch Küssenden bewusst wird, denkt er, nun, wo er sich seines Bruders so nahe fühlt, dass darf nicht sein, das ist eine Ungerechtigkeit, dies ist das traurige Ende...

Der Sanitäter kann nur den Exitus von Ernst feststellen. Als er gegangen war, zeigte der Polizistenneffe die abgebrochene Spritze, die er auf dem Boden neben Ernst gefunden hatte.
„Woher hast Du die?“, fragt der Arzt. Was hatte er mit der Spritze vorgehabt? Dort draußen, unter vielen anderen Menschen, hat er sie sich heimlich herausgeholt, um, um... irritierend, fast sieht es so aus, als ob Ernst seinen eigenen Bruder, ihn, hatte töten wollen. Weil sich selbst töten, kann man besser im stillen Kämmerlein.
Des Polizistenneffe Verdacht ging jedoch in letztere Richtung.
„Ernst wollte sich umbringen, äh, hat sich damit getötet.“
Der Arzt ist erstaunt über diese Theorie, schaut sich erst einmal um, aus Verlegenheit, um sich zu orientieren. Ihm fehlen die Worte.
An den vier Deckenecken sind mittelalterliche Schilder platziert, vor denen je zwei sich kreuzende Schwerter aufgehängt sind. Ebenfalls erhöht an den Wänden hängen Schrotflinten, längliche und kleine, handliche, Gewehre, Revolver, die man nur noch mit Schrot hatte stopfen müssen, um zu schießen. Auch einige Dolche haengen dort. Zudem Orden. Es war fast so etwas wie eine mittelalterliche Kamenade, in denen die wichtigen Gegenstände eines kriegerischen Gesellen wie Ovotunalien an den Wänden hingen.
Der Inhaber jedenfalls war ein Waffennarr.
Nun, diese Suizid-Theorie, recht besehen, passte dem Arzt gut in den Kram.
Gleichsam um sein Schweigen zu erklären, in das er gerade verfallen war, äußerte er Zweifel: „Es fällt mir schwer zu glauben, daß Ernst sich, na, entleibt hat. Aber gut. Nehmen wir mal an, es war so. Dann stellt sich die Frage: Warum hat er das getan?“
In den Schildern waren Wappen eingraviert, jeweils unterschiedliche. Woher nur hatte sein Onkel diese Dinger? Von ausgestorbenen Geschlechtern, adligen Häusern, ritterlichen Festungen? Wie kam er dazu?
Komisch, komisch!
Sein Bruder wollte ihn töten, Mann!
Was sollte er glauben? Egal momentan. Einfach den Dummen mimen vorerst. Mein-Hase-ich-weiß-von-Nichts-Spielen ist meist nicht das Dümmste.
Der andere, im Besitz der geheimen Information, daß Ernst höchstwahrscheinlich die Krankenschwester auch mit so einem Gift getötet haben dürfte, laut des Kriminalers nämlich, protzte damit zu sagen: „Er ist wohl nicht über seine Tat hinweggekommen?“
„Welche Tat?“
Hätte er jetzt besser vielleicht nicht erwähnen sollen. Kann er ihm diese Wahrheit eröffnen? Als Beamter, so gesehen, nicht. Schadete es, wenn sein Onkel es, bevor es amtlich war, erfahren würde? Wahrscheinlich nicht.
„Ich sag's Dir im Vertrauen. Ernst hat damit die Krankenschwester getötet.“
„Was?“, wieder sehr entsetzt. „Aber warum?“
„Warum? Warum? Mein Gott, Du kennst doch Ernst. Vielleicht hat er eine Affäre gehabt, oder sich eingebildet, zu haben mir ihr.“
„Mit diesem Luder von Krankenschwester?“
„Ja, irgendetwas war nicht, wie es sein sollte. Vielleicht ist ihm diese Hure zu nahe getreten, ohne daß sie es gemerkt haben. Die Hemmschwellen bei Menschen sind manchmal unterschiedlich. In diesen Fall können Sie mir nicht unterschiedlicher sein, oder?“
Der Arzt fühlte sich seinem Polizistenneffen in diesem Punkt sehr nahe. Er war ihm jetzt Kumpel, Blutsbruder und Verwandter in Personalunion.
„Das sprichst Du etwas Wahres!“
Sie steckten jetzt fürwahr unter einer Decke.
Der eine wusste nur zu genau, worauf es hinauslief, wenn der andere, der Arzt, hinter allem steckte und Ernst nicht allein gehandelt hatte. Aber nein, es mußte so gewesen sein, daß Ernst mit der Krankenschwester herumgevögelt hatte, was zwar nicht ins dessen ehrenwürdigem Bild passte, sicherlich, aber nichtsdestotrotz, trotz dem er ein „Idiot“ war, mußte es sich so verhalten haben. Ja, er war von dieser Hure von Krankenschwester verführt, verrückt, haltlos gemacht worden, daß sich sämtliche Schutzschilder von Seriosität in Luft aufgelöst hatten.
Vor diesem Scherbenhaufen familiärer Ehrlosigkeit standen beide und schüttelten darob vor Rat- und Fassungslosigkeit die Köpfe.
Mensch, die Krankenschwester hatte diesen unschuldigen, integren, unbedarften Kerl völlig umgedreht, jawohl!
So nur war Ernst Bild wieder harmonisch und als Mitglied der ehrenwerten Familie erkennbar.
„Und erfahren werden wir es nicht mehr.“
„Sieht ganz so aus!“
Der Arzt roch an der Spritze, nannte irgend einen lateinischen Ausdruck, daß für den Polizisten wie Honolulu klang. Danach beugte sich der Fachmann zum Toten hinab, kramte in seinen Taschen herum und stellte fest: „Nichts darin, eine Abschiedsnachricht hat er nicht hinterlassen.“ Damit richtete er sich zufrieden auf.
„Vielleicht finden wir, falls vorhanden sein Tagebuch.“
Der Arzt war nahe dran, spontan auszustoßen: „Gott bewahre!“, fing sich aber und sagte nüchtern: „Wird sich zeigen!“
„Ja, wir werden sehen.“
„Genau!“
Dabei hoffte er auf Erfolglosigkeit. Lieber Gott, laß ihn keine Tagebuch geführt haben, dieser tauben Nuss, dachte er inbrünstig. 'Käme die Wahrheit ans Tageslicht, daß das Gift in der Spritze auf meinem Mist gewachsen ist, dann Gnade mir Gott."
Täuschte ihm aber sein Wissen nicht, würde das nahezu unmöglich sein.
„Aber Gift muß im Spiel gewesen sein! Das steht fest!“
„Woher er das wohl hat?“
Und der gewiefte Polizist drückte diese Vermutung aus, immer voreilig wie diensteifrig und wahrheitsliebend wie er nun einmal zurzeit war: „Hilde!“
„Du meinst die Krankenschwester? Hm!“
Hilde, dieser Name, als hätte er diesen für immer und ewig aus seinem Gedächtnis getilgt. Dabei war sie ein gutes Jahr lang seine Sexgespielin gewesen.
„Nun, Krankenschwester pflegen oft ihren eigenen Giftschrank zu haben und deponieren dort schon mal das ein oder andere Präparat, so gesehen.“
Hauptsache keine Notizen und Aufzeichnungen privater Natur, weder von Ernst noch von dieser Hexe, dann würde alles gut.

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25. Die Kniegelenke des Ermittlers...

Beitragvon Pentzw » 24.12.2021, 17:02

Dann wurde die Kripo gerufen und der ermittelnde Kriminaler tauchte auf.
Er musterte die Anwesenden und dem Arzt schwante einiges. Noch mehr jedoch ahnte Otto. Er müsse einmal austreten, entschuldigte sich, trat aus dem Raum, aber anstatt die Toilette suchte er das Weite. Keine gute Lösung. Letztlich musste er wieder hierher zurückkommen, schließlich war dies seine Wohnung.

Bislang hatten alle Involvierten die Rechnung ohne diesen Kriminaler gemacht, der nicht locker gelassen hatte, sich fortgesetzt den Kopf zerbrach und alle bisher zur Verfügung stehenden ermittlungstechnischen Rädchen in Bewegung gesetzt hatte. Der Ungereimtheiten zu viel bissen sich hier in den Schwanz, als dass er Ruhe geben und die Dinge hätte ad acta legen können. Die Versuchung, einfach die simpelste, unaufgeregteste und am wenigsten umständliche Variante des Tatverlaufs zu wählen und Deckel drauf, war zwar verlockend... aber, das war nun einmal nicht des Kriminaler Art und Weise, die da war, wie wir wissen, sehr ehrgeizig, absolut konzentriert und blind zielführend.
Das Mantra lautete: Bleib am Ball - bis zur bitteren Neige!
Zunächst, Ernst und die Krankenschwester haben beim Sterben die selben Symptome gezeigt, was zumindest hieß, dass dahinter kein Zufall steckten konnte. Ergo: Zwingend bestand zwischen den Todesursachen ein Zusammenhang – nur welcher?
Hatten Arzt und Polizist in einer Verschwörung beide umgebracht?
Oder jeder von denen jeweils eine Person?
Nein! Das war zu verzwickt. Wenn, dann hatten entweder beide zusammen oder einer von ihnen die Toten auf dem Gewissen.
„Ernst sei schon immer ein sensibles Bürschchen gewesen“, behaupteten doch beide unisono im sage und schreibe gleichen Wortlaut. Das sollte nahelegen, wenngleich nicht explizit so formuliert, daß dieser ausgerastet wäre und etwas Unbesonnenes getan hätte. Danach hätte er sich wohl umgebracht aus Reue über seine begangene Tat an der Krankenschwester.
Ach, das wäre doch so schön, nicht wahr. Auch für den Ermittler. Hieße es doch endlich Ende der Fahnenstange.
Naja, zugegeben, möglich erschien es schon, dass Ernst zuerst die Krankenschwester ermordet, bevor er sich selbst getötet hat. Eben, diese Annahme legten Polizist und Mediziner mit ihrer indirekten Behauptung des schlechten Seelenzustandes von Ernst nahe. Dabei schienen sie im Recht zu sein. Ernst Auftreten, seine Befindlichkeit und sein berufliches Engagement bedurften immerhin Psychopharmaka, insbesondere sogar Neuroleptika. Darauf hin gewiesen hatte der Arzt noch in einem scheinbar harmlosen, nur von seinem Berufsethos geleitetem Drang in einem Nebensatz, um seinen Bruder nicht diskreditieren zu wollen.
Der Polizist nahm den Ball auf und spielte weiter.
„Wozu sind Neuroleptika denn gut?“
„Zur Aufrechterhaltung der Wahrnehmung. Also, damit man nicht so sehr in Wahnvorstellungen abrutscht.“
„Hatte die Ernst?“
„Ja, kann man wohl sagen. Zum Beispiel war er der festen Überzeugung, er könne von seiner Partei als Bundespräsident aufgestellt werden. Dabei hatte er nicht einmal ein Mandat für den Bundestag.“
„Bundespräsident?“
„Genau, der, der im Schloß Bellevue residiert und mit Sonntagsreden brilliert.“
„Ja, wer würde nicht auch gern in einem solchen Prachtbau wohnen?“ Der Kriminalist seufze sehnsuchtsvoll. „Aber dazu braucht man erst einen Auftrag seiner Partei?!“
„Genau, da muss erst einmal ein Marschbefehl erfolgen, damit du überhaupt kandidieren kannst.“
„Ich verstehe.“ Dann murmelte der Kommissar: „Das müßte man auch noch hinkriegen, hoffe...“
Die tiefen Sehnsuchtsseufzer und gemurmelten Worte des Ermittlers nahm der Arzt sehr genau wahr und geriet ins Grübeln darüber. Diese Sache würde ihn in der Folgezeit noch gedanklich sehr beschäftigen.
Der Kriminalist widmete sich erneut mit ganzer Energie seinem Fall. Aufgefallen war ihm, daß der Umstand, daß über Ernst labilen Seelenzustand ein Satz wortgleich von beiden wiedergegeben worden war. Gleicher Wortlaut zweier unterschiedlicher Personen roch nach Abgesprochenen. Denn bei allem, welch eine glatte Absolution doch, hätten sie sich allzu elegant aus der Affäre gezogen. Zu einfach, Zu geschmeidig.
Nein, nein, das vermaledeite Knie schon wieder...
Woher aber hatte Ernst die Mittel? Braucht es hierzu nicht fachmännische Beratung, Hilfe und Unterstützung? So einfach ist doch auch kein Selbstmord zu bewerkstelligen, nicht? Und wer könnte die dazu benötigten Substanzen besser leisten und herbeischaffen als ein Mediziner?
Hinzu kam, der Arzt hatte auch am meisten Interesse daran, dass diese Hilde von der Bildfläche verschwand. Schließlich war dem ermittelnden Polizisten zu Ohren gekommen, dass Arzt und diese Frau ein Verhältnis miteinander hatten, beide überkreuz lagen und letztere ersteren erpresste, zumindest gehörig unter Druck setzte.
Allmählich hatte es der Ermittler satt, von diesen vielen Möglichkeiten erschlagen zu werden. Es musste endlich eine Linie in diesen Wirrwarr gebracht werden, zum Donnerwetter!
Obgleich er bald gegenüber beiden Verdächtigten mit härteren Bandaschen operierte, stieß er bloß auf Granit, eisigem Schweigen und irreführenden Vermutungen derselben, selbst er diese zum zweiten- und drittenmal interviewte, denn die mauerten schlimmer als die Maurer. Aber alles konnte nur Einbildung sein, dieses Mauern, diese Abschottung – nur seine Kniegelenke schmerzten so sehr wie nur und damit war klar, man verheimlichte ihm etwas, nur was, war nicht klar. Trotzdem er nahe dran war, das Gefühl hatte, nur über eine unsichtbare Linie greifen zu müssen und die Lösung zum Greifen nahe schien, kam er nicht weiter und war wie verhext in den Bann geschlagen.
Würde die Wahrheit im Grab von Ernst verborgen bleiben? Und in der Urne der Krankenschwester?
Ja, ja, die Wahrheit blieb meisten auf der Strecke – so war das nun mal.
Aber verflixt und zugenäht!
Gab es da nicht den Staatstrojaner? Oder den Staatswurm? Oder sonstige Spy-Software?
Genaueres wusste der Kriminaler nicht, ein Grund mehr, diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen und anzuwenden. Zumindest musste er doch einmal versuchen, in Erfahrung zu bringen, welche Perspektiven sich da eröffnen könnten, Telefonanrufe, Internetverbindungen vom Polizistenneffen, vom Arzt, von den Entführern...
Er wählte eine Nummer.

Nach etlichen Tagen kam der Bericht.
„Da schau her!“, stieß der Kriminaler bei Lektüre aus. Am Tag der Entführung hatte der Polizistenneffe mit den Gängstern via Internet kommuniziert. Wenn das nicht den Faß den Boden ausschlug!?
„Saubande, verflixte!“
Zu welcher Zeit?
Genau zu dem Zeitpunkt, als die Entführer auf Arzt und Krankenschwester im Cabrio gestoßen sind, nämlich um 18Uhr30, zur Abenddämmerung, an besagtem Freitag.
Was hatte Otto mit ihnen ausgeheckt? Hatte er die beiden via Internet zu Arzt und Krankenschwester geleitet? Es sah fast so aus. Zufälle ausgeschloßen!
„Schaut Euch mal die beiden an? Was treiben die da? Nehmt Videoaufnahmen dabei auf. Und schaut Euch mal die Hosen des Arztes genauer an? Sind die nicht auffällig? Auffällig ausbeult? Richtig, das ist Geld. Und nun wisst Ihr, was Sache ist. Da könnt Ihr noch mehr rausholen! Das steckt mehr drin! Ab der Fisch und erpresst schön mal saftig!“
War es so?
Könnte sein, dass der Polizist selbst die Drogenabhängigen erpresste? Er hat die Süchtlinge beim Dealen ertappt und eine Hand wäscht die andere: „Erledigt ihr einmal etwas für mich, dann drücke ich ein Auge zu? Und das Schönste ist, ich verschone Euch nicht nur, sondern bei dieser Sache schaut noch einiges für Euch beide heraus und, ich verspreche Euch, nicht zu wenig. Ganz und gar nicht zu wenig.“

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26. Am Stammtisch fallen die Würfel...

Beitragvon Pentzw » 03.04.2022, 18:22

Der Arzt überredete den Kriminalisten, die ganze Sache im Wirtshaus weiter zu besprechen.
Dort gesellten sie sich nicht zu den Stammtischbrüdern des „Hotel Goldener Stern“, sondern ließen sich auf Anfrage hin, ungestört sein zu dürfen, vom Wirt Plätze in einer Nische zuweisen - abseits von den anderen Gästen über einem großen Kruzifix und der Foto-Galerie der Örtlichen Freiwilligen Feuerwehr war es das ideale lauschige Plätzchen zum ungestörten Reden.
Otto löste sich vom großen Stammtisch und stahl sich klammheimlich zu ihnen hin. Als er saß, räusperte er sich wider Willen. Die Augen des Kriminaler öffneten sich instinktiv, ohne dass er etwas hätte dagegen tun können.
„Mei, was hätte ich sonst tun können. Wie die meine Waffe hatten, waren meine Hände gebunden. Und ohnehin...“, kam es wie aus der Pistole geschoßen aus dem Mund Ottos.
Der Kriminaler streckte die Arme breithändig gen reumütigen Knaben und sagte beschwichtigend: „Aber bitte, eins nach dem anderen!“
Diese Kleinkriminellen habe er einst in einem wackligen Auto an einem Parkplatz gestellt, dabei in ihrem Auto Drogen entdeckt. Der Streifkollege war gerade anderweitig beschäftigt, so dass er sich einbildete, diese Situation böte ihm eine einmalige Chance zu kungeln in einer Art und Weise, wie er es oft in seinem deprimierenden monotonen Alltagsdienst als Polizist erträumt hatte. Abhängige, hier in Gestalt von Drogenabhängigen, die doch nicht viel Mist brachten, wenn man sie anzeigte, stattdessen einmal anderweitig nutzbar zu machen, als Männer für die Drecksarbeit im Hintergrund anzuheuern, zu überreden, nun gut, er gebe und sehe es mittlerweile auch so, halt zu erpressen.
Dann schwieg Otto.
Der Kommissar: „Ist das alles?“
Otto schwieg weiter.
Der Kommissar nickte, aber so ambivalent, als ob er den Kopf schüttelte.
Oder als ob er wüßte, wie die Hasen liefen.
Als wolle er gleichsam sagen, man kenne ja seine Pappenheimer.
Otto war nahe daran, die Nerven zu verlieren und alles zu gestehen, als der Kriminaler ein Abspielgerät auf den Tisch stellte und auf die Ein-Taste drückte.
Otto bekam es plötzlich mit höllischer Angst zu tun.
Schon wollte er stopp schreien, aber es war zu spät. Seine Stimme war deutlich und vernehmlich zu hören.
'Okay, ich lotse Euch nun. Ich gebe Anweisungen, wohin ihr zu gehen habt... Wenn ihr dort am äußersten Rand des Parkplatzes bei den Sträuchern einen Mercedes Cabrio stehen seht, dann seid ihr genau richtig. Gut! Auf den geht ihr zu. Vergisst dabei nicht Euren Camcorder eingeschaltet bereit zu halten, damit ihr gleich in dieses Auto hineinfilmen könnt. Aber möglichst diskret, leise und vorsichtig, bitte!“
Otto hat jetzt seinen Blick wie ein Specht nach unten auf die Tischplatte gesenkt und schweigt. Der Arzt stiert von schräg gegenüber seinen Verwandten völlig fassungslos an. Nur gut, dass der Kriminaler zwischen beiden sitzt, wer weiß, zu was sich diese Blutsbrüder hier noch hätten hinreißen lassen?
Der Kommissar spricht danach weiter: „So also haben sie die Entführung angestoßen...“
Otto protestiert: „Nicht direkt! Von Entführung war zunächst keine Rede, kein Gedanke...“
„Ja, aber sie haben die Ganoven auf ihren Onkel angesetzt.“
Einer spitzte schärfer die Ohren als jeder Lux.
Warum nur setzt ein Neffe auf seinen Onkel Kriminelle an? Was wollte Otto nur von ihm, dass er solches Geschmeiß hatte auf ihn loslassen müssen?
„Ich wollte doch nur..."
Warum nur ein bißchen einen Schrecken einjagen? Ein klein wenig nur filmen bei einer ehebrecherischen Tat, aber nicht gleich entführen...
Der Arzt war baff. Warum wollte sein Neffe ihn bloßstellen? Dazu hatte er nicht das geringste Recht, nicht mal ein moralisches. Was steckte dahinter? Bestimmt nicht eine Frage der Ehre, eher des Neides, der Mißgunst, Eifersucht etwa.
Otto war ledig. Missgönnte er seinem Onkel, dass er, der Arzt, sowohl eine glückliche Ehe als auch eine heiße Geliebte besaß?
Mit dem würde er aber nach diesem Dreiergespräch noch ein ernstes Wörtchen unter vier Augen reden müssen.
Aber es kam noch schlimmer, so dass sich die Augen des Arztes wie bei einem Nierenkranken weiteten, als sprängen die Kulleraugen jeden Moment aus ihrer Höhlung.
„Ich setze nun mit eigenen Worten fort, was dann geschah. Etwas, was ich leider hier nicht wiedergeben kann und nicht auf diesem Handyanruf zu hören ist. Aber es ist deutlich auf der Videoaufnahme zu sehen und zu hören, das dürfen sie mir glauben. Denn der Videoclip auf der Internetseite zeigt nicht die ganzen Aufnahmen der Kleinkriminellen. Bei der Videokamera-Auswertung sind nach der plötzlichen Öffnung des Cabriodaches zunächst die beiden, der Arzt und die mittlerweile verstorbene Krankenschwester in einer eindeutigen sexuellen Handlung zu sehen, aber nur einige Sekunden lang, dann merken sie, dass sie gefilmt werden. Aber die Aufnahmen sind gemacht. Danach zoomt die Kamera auf die linke Hosenausbeulung des Arztes, worauf der Arzt seine Hand legt, eine Geste, die keinen Sinn ergibt in diesem Zusammenhang, außer der, dass er vielleicht dort eine Waffe hat. Aber warum sollte er? Er wurde schließlich völlig überrascht. Also geht einer der Kriminellen zu diesem hin, um der Ursache dieser ungewöhnlichen Handlung auf den Zahn zu fühlen. Aus der Hosentasche kommen gute 1000 Euro hervor. Es ist danach nur noch verwackeltes Bildmaterial zu sehen, aber zu hören, dass dieses Geld Anlaß für die Ganoven gibt, das Spiel weiter zu spielen, allerdings unter anderen Regeln nun. Die Gier nach Geld! Diese treibt die Entdecker an, im Alleingang und ohne Anweisungen ihres Mentors, des Polizisten, von ihnen, Herr Kollege Verkehrspolizist, eine Entführung und Erpressung zu starten.“
Ein Schweigen entsteht.
Dieses unterbricht der Kommissar nach einer Weile: „Tja, warum haben sie den Entführern nicht ihr Handwerk gelegt, da sie ja wussten, um wen es sich dabei handelte?“
„Dumm von mir, ich weiß, sehr dumm, aber ich habe mich nicht abgesichert gehabt und es versäumt, mir die Adresse dieser Saubande geben zu lassen, so dass ich nicht wusste, wo sie wohnten. So waren mir die Hände gebunden und ich konnte nichts unternehmen, um meinen Onkel und die unbedarfte Krankenschwester herauszuhauen. Zwar habe ich mich am Sonntag an den Entführungsort und Cabrio herangepirscht...“
„Mit einer Pistole...“
„Ja, ja, mit meiner Dienst-Pistole, natürlich, und als ich mich auf die Lauer legte, in der Hoffnung, die Halunken zu erwischen, da haben sie mir diese wie einem Schulbuben aus den Händen gerissen. Kein Ruhmesblatt, ich weiß, ich weiß.“
Der Kommissar wirft dieses Wort wie einen Ball wieder zurück: „Kein Ruhmesblatt, das ist ja wohl ein Witz. Das ist der Umschwung gewesen, vom Spaß zum Verbrechen, damit die ultimativ gefährlichste Situation eingetreten, die man sich nur vorstellen kann in so einem Fall!“ Sie Idiot hätte er beinahe noch hinzugefügt.
„Klar, dadurch hat sich die ganze Sache saumäßig verschlimmert, um nicht zu sagen, erst richtig gefährlich gemacht. Pistole in Händen von Entführern, das ist der worst case, ich weiß, ich weiß, verdammt!“
„Ich halte fest. Der Plan, mit einer Spielerei mit einem Camcorder, von ihnen angezettelt, Herr Verkehrspolizist, mit ihrem Onkel einen schlechten Witz und Scherz zu machen, ist aus dem Ruder gelaufen. Aus der kleinen Abreibung und Heimlichtuerei, diesem beim sexuellen Verkehr zu filmen...“
„Beim außerehelichen sexuellen Verkehr...“, unterbricht ihn Otto.
„Das spielt hier überhaupt nicht die geringst Rolle. – Ich fahre also fort: ist leider etwas sehr, sehr Anderes, Ernsteres, nämlich ein Kriminalfall und Verbrecher Kaliber größten Ausmaßes geworden.“
Otto nickt schuldbewußt.
Dann senkt sich wieder Schweigen auf alle drei hernieder.
Nunmehr wird alles verständlich, was mit dieser Entführung zusammenhängt: als der saubere Neffe die Ganoven nur so zum Spaß auf den Arzt und die Krankenschwester losgelassen hat, um sie zu erschrecken oder was, machen sich die Zwei selbstständig, als sie zufällig die 1000 Euro in der Hosentasche des Arztes entdecken. Die Zitrone könnte man noch mehr auspressen, dachten sie, da steckt mehr drinnen, als es anfangs den Anschein gehabt hat und schwuppdiwupp stecken alle in einen gefährlichen Entführungsfall mit allen bekannten Folgen.
Ottos Ochsenkopf ist jetzt in seinem Nacken verschwunden, als er unterwürfig wie beim Jüngsten Gericht ruhig, leise und reumütig ausstößt: „Ich bin bereit, dafür auch die Strafe zu empfangen.“
Der Kommissar ist nicht zufrieden.
Gut, denkt er, die Entführung ist geklärt, weit schwerwiegender jedoch sind doch wohl die zwei Todesfälle. Hierzu hat er aber keinen Plan.
Sein Blick wandert von Otto zum Arzt.
Dann wieder zurück.
Aber halt, sofort schwenkt er erneut zum Arzt.
Dieser wurde allmählich und mittlerweile zum Hauptverdächtigten, wenn ihn nicht sein Knie, sein kriminalistisches Gespür und logischer Verstand ein Schnippchen schlug. Mensch, dieser mußte beim Tod der Krankenschwester irgendwie die Hand im Spiel gehabt haben und bei der des Bruders zudem.
Irgendwie.
Da witterte der Arzt eine Chance.

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27. Krähen, die sich keine Augen aushacken...

Beitragvon Pentzw » 14.04.2022, 21:06

Beim letzten Verhör des Kriminaler und ihm. Auf seinem Schreibtisch liegt eine Werbebroschüre einer politischen Partei.
Der Arzt legt den Kopf in Schräglage, um diese Werbeblätter besser sehen und lesen zu können.
„Ja, ich trage mich mit dem Gedanken, in die Politik zu gehen", sagt der Kriminaler dazu, als er seines Gegenüber Verrenkungen lächelnd wahrnimmt. Er hat dies getan, um dem Umstand zu entschärfen, dass Hinweise auf politische Betätigung oder Involvierung einem Staatsbeamten nicht gut zu Gesicht zu stehen, wenn es nicht gar verboten ist.
„Aha!", tut der Arzt interessiert.
„Zunächst auf kommunaler Ebene.“
„Ich verstehe."
„Ich bin allerdings Quereinsteiger. Mir fehlt die Ochsentour, äh, die Erfahrung.“
„Na, wer hat dazu schon Lust? Wohl keiner."
„Genau. Keine Lust, Laune, Energie und Zeit.“
„Macht nichts. Wer besondere Fähigkeiten besitzt, diese in den Dienst der Gesellschaft zu stellen, braucht diese Ochsentour gar nicht. Eine günstige Listenaufstellung und es müßte auch so klappen.“
„Das habe ich mir auch gedacht. Dazu bräuchte man allerdings Beziehungen.“
„Hm.“
„wussten Sie, dass ich und äh Otto schon seit Jahren Mitglieder sind?“
„Aha, interessant.“
„Ich kenne sehr viele Mitglieder kraft des Amts als Kassierer, das ich vor ein paar Jahre innehatte, während meiner Studienzeit.“
„Aha!“ Das klang interessant.
„Wenn sie Karriere machen wollen, könnte ich bestimmt etwas für sie tun.“
„Hm!“
„Außerdem bin ich Mitglied in so ziemlich jeden Verein des westlichen Landkreis, das dürfen Sie mir glauben.“
„Hm.“
„ Sie verstehen?“
„Ich glaube schon.“
„Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.“
„Oder eine Hand wäscht die andere.“
„So ist es.“
Aber der Kommissar nahm dies offenbar nicht so ernst. Er lachte, womit er bedeutete, dass dieses Gespräch wohl eher als Geplänkel aufzufassen sei und widmete sich wieder der Ermittlung.

Aber heute, jetzt, hier am Wirtschaftstisch, zum jetzigen Stand der Entwicklung in diesem Kriminalfall mußte Tacheles geredet werden. Davon war der Arzt überzeugt.
Und er knüpfte erneut dieses Thema an, allerdings in einem derart ernsten Ton, dass über den Charakter des Gesprächs keinerlei Zweifel bestanden.
„Sind Sie übrigens mittlerweile in diese Partei eingetreten, über die wir uns vor einer Woche bei unserem letzten Talk unterhalten haben.“
Einen Moment zögert der Kriminaler, aber erinnert sich wieder und nickt: „Ja, jetzt bin ich Mitglied inzwischen,“
An dieses Gespräch knüpften nun Arzt und Ermittler an.
Nach einer halben Stunde stoßen die Bierkrüge der Dreien aneinander.
„Alles klar!“
„Alles klar!“
Man war sich hiermit handlungseinig geworden.
Des Kriminaler hoffnungsvoll schimmernde große Augen blicken in eine rosige Zukunft, auf dem aufsteigendem Ast Richtung politisches Amt auf kommunaler, wenn nicht landesweiter Ebene.
Er lehnte sich in die hohe Bank zurück und blickte in einen Kiefernwald, die er er jetzt im Herbst auf der Suche nach Pilzen zu durchstreifen beliebte. Wenn der erste Raureif fiel, dann waren die Blaubeer-, Farn- und sonstigen Unterholzbüsche mit einem riesigen Gewebe von Spinnennetzen überzogen. Von einem Punkt zum nächsten über zig Meter spannten sich die weißen Netzwerke, die besonders winters sichtbar werden. So sah er jetzt auch seine politische Macht und Einflußnahme wie ein sich weitverzweigendes Spinnengewebe sich ausbreiten.
Seine Familie zählte zwar nicht so viele Mitglieder wie die des Arztes, aber Masse glich Qualität aus: Vater Sparkassendirektor, er selbst Hauptkommissar, seine Frau Verwaltungsrätin auf Landesebene und und und. Seine Familie war urban lokalisiert, zudem protestantisch im Gegensatz zu dem katholischen-dörflichen Imperium des Mediziners und Verkehrspolizisten, das wegen Masse mehr Positionen inne hatte, vor allem im Verwaltungsbereich, worauf es besonders ankam.
Beide Spinnennetze konnten, wenn sie harmonisch an einem Strang zogen, viele Nahtstellen und Synapsen in Bereichen bilden, die den ganzen Wald mit solch einem alles überlappenden Spinnennetz überziehen würde, dass das ökologische System würde verändern werden, zugunsten seiner, des Kiminaler Macht, Einfluß und Nutzen, der da in der Mitte des Netzwerkes residierte wie eine mächtige, giftige, jederzeit zuschlagende Spinne.
Das dritte Faktor war die Presse.
Aber der Hauptredakteur des hiesigen Zeitungsblättchens war gerade unter schwerem Druck geraten, nachdem einer dieser Reichsbürger einen Polizisten ermordet hatte. Denn die Presseredaktion, everybody's darling, hatte auch diese Neo-Nationalisten hofiert. Jetzt überfluteten investigative Journalisten sogar aus dem Ausland den Landkreis, um den volkstümelnden Spinnern auf die Spur zu kommen.
Er lächelte insgeheim beim Anblick des Chefredakteurs vor sich hin.
Weichei, Schlappschwanz, Angsthase.
Ha, da sagt man, die Presse sei die dritte Säule in der Demokratie, dabei ist die nur noch von ihren Lesern und Abonnenten abhängig in digitalen Zeiten und verkauft sich billiger als die scheppste Straßenhure.
Ja, den Journalisten des Provinzblättchen hatte er so gut wie in der Tasche. Dieser bekam von ihm noch immer exquisite Informationen, wie hier zu diesem kapitalen Verbrechen etwa. Ein sanftes Stupsen in Richtung der richtigen politische Richtung, andeuten, dass Weigerung, Boykott und Nachlässigkeit Benachteiligung, Stoppen und Verwässern von Informationen nach sich zöge – der Journalist würde sofort den Braten riechen, sowie er nur die geringsten Andeutungen machte – und schon hatte er ihn gefressen, diesen studierten Schlaumeier!

Pentzw
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28. Der werfe den ersten Stein...

Beitragvon Pentzw » 19.05.2022, 17:04

Was die zwei Toten, also die durch Gift verursachten Getöteten anbelangte, kam der Kriminaler zu folgender Erkenntnis.
Ernst hatte die Krankenschwester aus sexualneurotischer Ursache heraus umgebracht. Danach hat er vielleicht seinen Bruder auch töten wollen, aber durch unglückliche Umstände sich selbst ins Jenseits befördert. Die Mittel dazu hatte er von seinem Bruder, dem Arzt bekommen, der sich der Krankenschwester mit Hilfe des verrückten Ernst entledigen wollte. Zu viele Spuren, Hinweise, Indizien und zumal der menschliche Verstand sprachen dafür.
Dieser, darauf angesprochen, nur um sich sein Gewissen zu beruhigen, hatte es der Kriminalist getan, verneinte kategorisch.
Aber der Arzt hatte schließlich Familie.
So interpretierte der Hauptkommissar die zusammengetragenen Ermittlungstatsachen und legte diese Schlußfolgerung nahe, wobei er selbst natürlich nicht im mindesten daran dachte, diese Version zu protokollieren und die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen.
Seine Karriere gebietet nun es nun einmal so zu handeln. Wer lässt schon eine Aussicht auf eine vielversprechende politische Karriere sausen? Um sich zudem Feinde zu machen? Oder doch lieber Freunde, weil die Toten werden so auch nicht wieder lebendig.
Immer sich an die Fakten halten, wie sie einem in den Kram passten, dann konnte nichts schiefgehen, sagte er sich als neues Mantra.


Tatsächlich führte der Arzt mit seinem Polizistenneffe ein ernstes Wort unter vier Augen. Nichts Genaues jedoch bekam er heraus. Irgendetwas hatte der Polizist über seine Mutter und dem Verhältnis seines Bruders, des Arztes, angedeutet.
„Ihr seid Euch doch immer in die Haare gelegen!“
„Hat Deine Mutter erzählt?“
„Ja!“
„Nicht mehr als bei anderen Geschwisterverhältnissen auch, schätze ich einmal.“
„So. So.“
„Was, was hat Deine Mutter erzählt?“
Diese lebte allerdings längst nicht mehr.
„Nichts. Nichts.“
„Doch! Doch! Erzähl schon!“
„Wirklich nichts Konkretes. Aber sie hat öfter auf Dich geschimpft. Nein, nicht direkt jetzt. Aber für ein schlechtes Beispiel bei irgendeiner Sache wurdest Du als Vorbild herangezogen. Wie bei einem Feindbild etwa.“
„Ich verstehe, na vielleicht hat es da etwas zwischen mir und Deiner Mutter gegeben, an das ich mich nicht mehr erinnern kann. Geschlagen habe ich sie nicht. Wir waren eigentlich Lieblingsgeschwister, gegenüber den anderen zumindest.“
„Inzest?“
„Ich bitte Dich. Sie war ja auch so viel älter als ich. Außerdem, ich will ja nicht sagen, dass dies im Bereich des Möglichen gelegen hätte, wenn wir altersmäßig näher beieinander gelegen wären, aber in unserem Elternhaus, das streng katholisch gewesen ist, wäre dies ein Ding der Unmöglichkeit, zudem ein Erbsünde par excellence gewesen. Nun, als sie aus dem Elternhaus gezogen ist, also geheiratet hat, das hast Du ja dann am eigenen Leib gespürt, hat sich allerdings unser Verhältnis total verschlechtert, aber warum, weiß ich auch nicht.“
Einen Moment kommen dem Arzt Bilder aus der Kindheit, wo er in einem Kinderwaagen liegt und von ihr, der weitaus Älteren ärztlich untersucht wird, an Herz und Nieren, bis unter die Haut und jede Pore und selbst in das extremste Körperloch hinein.
Hat sie im Nachhinein dieses kindliche sexuelle Ärzte-Spielen als Sünde wahrgenommen und empfunden? Rührt daher ihr Hass? Und wennschon, es war sie, die damit begonnen hat. Da er ihr Lieblingsbruder war, hat sie es allerdings nur mit ihm gemacht. Spricht daher ihr Hass gerade ihm gegenüber?
Der Arzt, nur einen Moment von der Sache abgelenkt, die Dinge mit seinem Neffen ins rechte Licht zu rücken und Klarheit über dessen Mutter zu bekommen, fängt sich schnell wieder.
„Jedenfalls, das ging nur von ihr aus. Und wenn sie dann über mich geschimpft hat, wie Du erzählt hast, hast Du ihr geglaubt, warst beeindruckt zumindest, wahrscheinlich wohl unbewusst.“
„Würde ich so nicht sagen. Aber es hat mich beeinflußt. Weil, warum habe ich dies überhaupt gemacht, frage ich mich heute, dass ich Dir so Kleinkriminelle an den Hals hinterher geschickt habe? Scheinbar hat mich meine Mutter wider Willen zu solch einem Handeln verleitet.“
„Solltest vielleicht eine Therapie machen!“
„Sollte ich vielleicht, ja. Aber ein Polizist und in psychologischer Behandlung? Nein, das passt nicht zusammen. Das passt überhaupt nicht ins Bild.“
„Stimmt wohl. Aber es wäre ratsam. Jedenfalls weißt Du jetzt wohl Bescheid und wirst in Zukunft Dich nicht mehr unbewusst zu Dingen hinreißen lassen, die andere, besonders mir schaden werden.“
„Ja, das glaube ich nicht mehr, dass das passiert.“
„Davon geh ich jetzt aus!“
Damit war die Sache beigelegt.
Aber doch nicht wirklich.
Otto fiel bei der Ansicht des Hergangs der Entführung wie ein Span ins Auge, daß die ganze Sache durch den Umstand ins Rollen gekommen ist, daß sein Otto Schwarzgeld hatte einstecken von dem Haus, das als Streitobjekt zwischen ihm und seinem Mutter gegolten hat. Es war ihm von den Großeltern zugesprochen worden, dies und viel mehr, wohingegen seine Mutter fast leer ausgegangen ist. Sie hatte dieses Haus stets als ihr legitimes Erbe betrachtet und genannt.
Nunmehr hatte es erneut Schwierigkeit für ihn herbeigebracht, dieses Haus.
Zum einen hätte er jetzt der Eigentümer sein müssen, war es aber nicht, zum anderen hat es, obwohl es ihm gehören müßte, ihm obendrein noch gehörige Folgen übelster Art bereitet.
Und wer war schuld?
Der Onkel.
Nun, diese Gedanken rumorten in der Folgezeit in Otto immer wieder in seinem Gehirn herum wie ein Mühlstein, wogegen er sich nicht erwehren konnte. Das war quasi sein Naturell. Ein Psychiater hätte gesagt: Jähzorn, infolge der Rachsucht, Hass, Mißgunst, Neid... also psychische Eigenschaften, die jeder besaß, mehr oder minder stark. Bei Otto mehr. Das war alles. Allerdings zeitigte dieses Eigenschaften in einem Menschen Folgen, an denen er und seine Umwelt immer wieder schwer tragen, wenn nichts sogar darunter schwer leiden mußten.

Die Ehrenwerte Familie, deren Ruf hier auf dem Spiel stand, ging quasi unbeschadet aus der Affäre, außer dass sich ein Mitglied das Leben genommen hatte und das war bei der Katholischen Lehre verboten. Moralisch gesehen: eine schwere Schmach.
Manchmal spielt die Natur verrückt. Jedes System hat seine Fehler und so wurde dieser Unfall, diese Unregelmäßigkeit als unter Machmal-ist-das-Halt-so abgehakt, stillschweigend.
„Nur keinen Skandal“, dachte der Arzt jubilierend, als er mit seiner Familie Sonntagnachmittag durch die weihnachtlich buntgeschmückte Innenstadt der fränkischen Provinz flanierte. Bei den hoch und quer über den Innenstadtstraßen hängenden bunten Glaskugeln und künstlichen, silbrig-glänzendem Schnee auf mächtigen Weihnachtsbäumen an jeder Ecke, kam man auf ganz andere Gedanken, nämlich nur friedliche. Das jüngste Kind hatte sich einen grippalen Infekt eingefangen, so dass die Ehefrau vor lauter Sorgen sich glücklicherweise wieder beruhigt hatte – kurzum die Ereignisse überrollten alles. Schwanger war sie zudem und weil es eben auf Weihnachten zuging, das Fest der Freude und Liebe, da war man quasi verpflichtet, nur an schöne Dinge zu denken, an den bunt geschmückten Tannenbaum, wie man den Hirschbraten für Heilig Abend zubereiten sollte, geblendet von den gleichfalls bunt geschmückten Girlanden der Häuserfassaden mit ihrem gekreuzten, geschwungenen und gebogenen Fachwerk.
Ein Grabhügel des örtlichen Friedhofs war frisch aufgeworfen und liebevoll mit vielen Kränzen, Blumen und Gestecken geschmückt worden. Es wurde winterlich kalt, so dass der erste Reif schon auf dem aufgeschütteten Grab zu sehen war, der einen leicht sahneähnlicher Überzug gebildet hatte.
Beide standen vor dem Grab des Arzt-Bruders.
„Wir sollten den Jungen Ernst taufen!“, schlug hier die Ehefrau vor. „Gute, sehr gute Idee!“, kam es spontan vom Ehegatten. „Als Gedenken an den geliebten, vorzeitig gestorbenen Bruder, jawohl!“, bekräftigte er die Absicht und beide verneigten sich jetzt vor dem Grab des Bruders, sie vor ihrem Schwager, er vor seinem Bruder, die Ernst beide als unersetzlich empfanden, beide in etwa aus gleichen Gründen.
Als sie den Friedhof wieder verließen, angezogen von den Kindern, die vor ihnen hersprangen und die selbst dem Golden Retriever hinterher hüpften und von ihm den Weg gewiesen bekommen, flogen aufgescheuchte schwarze Raben vom umliegenden schnee-schütteren Feld auf zu den Baumkronen, wo bereits eine Schar saß. Jeder suchte zu dieser Jahreszeit Nahrung, diese Aasvögel auf den umliegenden Felder nach Nahrhaften.
Die Kinder machten sich jetzt auch einen Spaß, die Vögel von dem Baum aufzuscheuchen, indem sie auf diesen zulaufen und in die Hände klatschen, unterstützt von dem Bellen des Hundes, der immer wieder mit seinem Körper an dem Stamm hinaufspringt. Die schwarzen Gesellen fliegen dann halt sehr schwerfällig und sich nicht aus der Ruhe bringen lassend zum nächsten Baum.


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