Du nimmst uns die Frauen weg mit deinem Trabbi! - Leiden eines Künstlers in der Provinz

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Pentzw
Kalliope
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Du nimmst uns die Frauen weg mit deinem Trabbi! - Leiden eines Künstlers in der Provinz

Beitragvon Pentzw » 11.02.2024, 14:32

Telefonanruf.
„Du bist doch der Dorian!?“
„Genau, der bin ich!“
„Mann, Du siehst aus wie damals.“
„Danke!“
„Du hast Dich kein bisschen verändert. Wie gibt es das?“
„Nun, das bleibt mein Geheimnis. Ich hab halt den Jungbrunnen ewiger Jugend entdeckt. Aber wo der ist, verrate ich nicht.“
Vor einer Stunde traf ich diesen Anrufer im Discounter. Er stapelte gerade Bierdosen aus dem Einkaufswagen in einen Rucksack, vielmehr versuchte er es. Eine Dose ist mir geradewegs vor die Füße gekullert. Mir sind Zweifel gekommen, ob seine Absicht gelingen würde, die schwere Last sicher nach Hause zu bringen: „Wie weit hast Du denn?“ In meiner Nähe war sein zu Hause. Ich fuhr ihn dorthin und gab ihm meine Nummer: „Wenn's mal was gibt, wo ich dir behilflich sein kann – kein Problem!“
Nun, offensichtlich hat er jetzt ein Problem. Es ist schwierig zu lösen. Einerseits bin ich die Ursache, ohne es zu wissen, andererseits liegt es in einem Bereich, der schwer zu definieren ist. So Jenseits von Gut und Böse. Er spricht es direkt an, nach dem die Einschmeichelphase zu Ende ist.
„Du bist derjenige, der mit einem Trabi vorm Jugendzentrum vorgefahren ist.“
„Ja, das habe ich gemacht. Das ist aber schon lange her. Kurz nach dem Fall der Mauer, vor über dreißig Jahren.“
„Genau! Ich erinnere mich noch genauso, wie es damals war. Mann, als ob die Zeit stehen geblieben wäre.“ Passt, ich sehe ja noch genau so aus wie früher.
„Auf Deiner Visitenkarte steht Dein Name. Den habe ich so oft gehört. Ich habe diesen Namen zunächst nicht mit Deinem Gesicht in Verbindung gebracht. Der Name Dorian war derjenige, der uns damals im Jugendzentrum die Frauen weggenommen hat. Und der ist mit einem Trabi vorm Jugendzentrum aufgefahren. So hieß es, der Dorian, der nimmt uns die Frauen weg. Hat zumindest einer gesagt.“
Es war auffällig, wenn man damals vor einem Jugendzentrum mit einem Trabi vorfuhr. Vergleichbar einem Sonnyboy mit seinem Porsche, Ferrari oder Mercedes Benz SL vor einer Schicki-Micki-Disko. Aufsehenerregend. Seiner Rede nach zu urteilen, flogen alle Frauen auf mich, den Trabi-Fahrer. Ich habe sie eine nach der anderen in diesem Fahrzeug abgeschleppt.
Dabei war alles harmloser als es schien.
„Bei uns im Haus hat jemand aus der ehemaligen DDR gewohnt“
So begann ich meine Rede. Zunächst musste ich klarstellen, dass es nicht in meiner Absicht lag, mit diesem formidablen Protzfahrzeug Trabi bei den Frauen Eindruck zu schinden, indem ich mir dieses Fahrzeug auslieh. Der Besitz dieses tollen Schlittens basierte auf einem recht prosaischen Grund.
„Mit dem Besitzer des Trabi habe ich mein Fahrzeug getauscht. Er wollte einen längeren Tripp nach den Norden unternehmen.“
Okay, ganz so uneigennützig war es nicht.
Ich gab ihm gerne mein Fahrzeug, meinen funkelnagelneuen Toyota in Metallic. Dafür erhielt ich schließlich den geileren, schepsen, hinten und vorne scheppernden Karren, der jedem Bleich beim Theater den Rang ablief, mit dem man Kulissendonner erzeugte. Ich war aber kein Snob. Ich benötigte ihn schlicht und ergreifend für eine Filmszene, um den Fall der Mauer zu symbolisieren und die DDR in ihren letzten Zügen darzustellen. Mehr nicht.
„Nun, Du hast uns damals die Frauen weggenommen!“, klagt er mich wieder an.
„Wie jetzt? Ich Euch die Frauen weggenommen. Wie soll das möglich sein? Hab ich sie Euch gewalttätig entführt und aus den Armen gerissen. Euch die Pistole vorgehalten. Haben sie geschrien und gestrampelt, während ich sie geknebelt und gefesselt habe. Wozu aber? Nein, ich habe keine Pornos gedreht, das ist sicher.“
„Nein!“, sagte er. „Das wohl nicht!“
„Also, leben wir noch im Mittelalter? Gibt es den freien Willen von Frauen nicht? Oder gehören Frauen zu einer Spezies, die noch instinktgeleitet ist? Hat man noch nichts von Gleichberechtigung und Selbstbestimmung gehört?“
„Nicht unbedingt. Bei Frauen kann man das nicht sagen!“
Welch ein Frauenbild.
„Hast Du eine Freundin?“
„Zur Zeit nicht.“
Er hätte besser sagen sollen: „Seit ewigen Zeiten nicht mehr. Weil, weil Frauen so blöd sind und sich heutzutage keine Entrechtung mehr gefallen lassen. Sogar die dümmste Landpomeranze nicht mehr! Das verdirbt einem den ganzen Spaß mit Frauen.“
„Im Jugendzentrum hat man das halt gesagt.“
Diese Ungeheuerlichkeit muss wiederholt werden, sonst glaubt man es nicht: Ich nehme den anderen im Jugendzentrum die Frauen weg.
Ich stelle mir vor, dass jemand mit besorgter, warnender und aufgebrachter Stimme gehetzt hat: „Der Dorian kommt mit einem Trabi daher, schindet Eindruck, die Frauen werden weich, reißen sich darum, auch einmal in so einer Kutsche mitfahren zu dürfen und durch die Gegend kutschiert zu werden. Und wir haben das Nachsehen!“
Wenn man bedenkt, dass in so einen Trabi nur zwei Personen reinpassen, der Fahrer und der Beifahrer, so stellt sich die Frage, ob ich nicht berechtigt war, wenigstens eine Frau mitzunehmen?
Allerdings gab es Neider.
Heutzutage fahre ich übrigens auch so ein Fahrzeug wie den Trabi, wenn auch einen italienischen und unfreiwillig, aus der Not heraus, weil ich mir kein größeres Fahrzeug leisten kann. Aber ein Fiat Panda reicht auch aus. Darin ist locker Platz für zwei Personen, für eine Frau, Freundin, für meine Freundin.
Mein Gesprächspartner kam schnell auf den Punkt. Es schien mir, dass dies der Kern der Anklage war, die keine Anklagerede sein sollte, aber darauf hinauslief: „Derjenige, der das damals gesagt hat, hieß Knoll. Kennst Du den?“
„Nein, nie gehört.“
„Aber, er wohnt auch bei uns!“ Er meinte die Gemeinde hier. Gemeinde klingt nach Kirchensprengel, daher wird es vermieden. Stattdessen könnte man Siedlung verwenden.
„Muss ich ihn deswegen kennen?“
„Kennst Du den wirklich nicht?“
Er konnte sich offensichtlich nicht vorstellen, dass ich jemanden, der um die Ecke von uns beiden wohnte und insbesondere den Knoll, nicht kannte, damals nicht und auch heute nicht. Habe ich den Bezug zur Realität bereits vollständig verloren?
Ich bestätigte die Aussage erneut.
Er brauchte einige Zeit, um sie zu verarbeiten. Um darauf zurückzukommen: Wie oft muss man das bereits Verdaute ausstoßen? Wie oft, bis es endlich verdaut ist?
„Der Knoll, der ist etwas. Er stellt etwas dar. Man muss ihn kennen. Sein Vater hatte eine Autowerkstatt in Aurau. Kennst Du den Ort?“
In dieser Frage steckte wohl die Annahme, dass es besser war, mich nach dem Nachbarsdorf zu fragen, bei meiner Realitätsferne kannte ich dieses womöglich gar nicht, auch wenn es nur zwei Kilometer von hier entfernt ist.
Zwei Kilometer entfernt von uns!
Auch wenn es nicht in Richtung der Großstadt liegt, auf die sich Otto-Normal-Verbraucher orientiert, wäre es schon ein Wunder gewesen, nachdem ich immerhin schon 50 Jahre hier wohne.
„Also gut, du musst den Knoll kennen, der eine Autowerkstatt hat. Sein Sohn hat jetzt die Autowerkstatt übernommen.“
Warum muss ich alle Neider dieser Welt kennen, die hinterhältig gegen mich intrigieren, schimpfen und lamentieren? Ich habe das aber nicht gefragt, nur gedacht. Vielleicht versucht, diesen Gedanken bei ihm hervorzurufen, mit Räuspern und sonstigen undefinierbaren Lautäußerungen.
Aber er bemerkte das nicht. Stattdessen kam er endlich zum Punkt.
„Du musst Deinen Auspuff erneuern?“
„Richtig, das habe ich Dir vor einer Stunde ja erzählt.“
„Okay, dann lass es doch beim Knoll machen. Der ist bestimmt günstig. Frag ihn halt, ob er es dir billiger macht als ...“
Daher pfiff der Wind. Ich sollte also mit einem meiner anonymen Erzfeinde ein Geschäft abschließen. Obwohl er mich früher am liebsten in die Selbstschussanlage der DDR getrieben hätte. Diejenigen, denen ich bereits den Auftrag zur Reparatur übergeben habe, kenne ich. Sie machen ihre Sache gut. Ich habe sehr gute Erfahrungen mit ihnen gemacht. Warum sollte ich nicht auf Bewährtes zurückzugreifen?
Darauf wusste er im Moment nichts zu erwidern und sagte nur: „Gut! Gut!“
Nach einer Minute Funkstille kommt es wieder: „Der Knoll hat gesagt … und die Werkstatt ist super … Und Frauen wegnehmen ist, naja …„

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