Der Schweinebratenkrieg - Liebesgeschichte

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Pentzw
Kalliope
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Der Schweinebratenkrieg - Liebesgeschichte

Beitragvon Pentzw » 14.05.2024, 15:28

I. Ein liberaler Umtriebiger

Ich hätte wohl lieber auf mein Gefühl gehört. Ich habs im Urin gemerkt, ja, dass das nicht gut geht. Aber mein Selbstvertrauen! Ist unendlich. Die Zwänge, zum Beispiel mein neues Haus, nicht weit weg, also günstig gelegen. Und die überhöhte Selbsteinschätzung: mit solchen Bauerntölpel werd ich allemal fertig. Na ja, geschehen ist geschehen, ich bin ein Typ, der nicht gerne zurückschaut. Drauf gschissen also!

Jetzt hab ich eine Neue in meinem Gastronomiebetrieb eingestellt. Eine Rumänin. Mal gespannt, wie sich die macht. Die sitzt in der Küche, ich bin der Ober, Kellner und bewirte die Gäste in jeglicher Hinsicht. Die Rumänin kann ja nur rudimentär Deutsch. Ich freue mich jedesmal, nachdem ich Stress in der Kneipe gehabt habe, wenn ich in die Küche gerannt komme, die Augen verdrehe wie ein Schielender und meinen Frust ablade. Ungehemmt. Die Köchin versteht ja nur die Hälfte. Da fällt nicht so ein schlechtes Licht auf mich, wenn man nicht alle meine Beschimpfungen und Verunglimpfungen versteht. Das ist mir eigentlich selbst peinlich, aber es tut gut, die Sau rauszulassen, wenigstens in Worten, was jedem einleuchtet, wenn er versteht, was in der guten Wirtsstube los ist. Das passt auf keine Kuhhaut, sagen die Bayern. Ich bin ja keiner. Das ist eine Ursache des Problems. Da sind wir schon mitten drinnen im Schlamassel.
Lustig ists, dass die Rumänin immer abwinkt, weil sie mich beschwichtigen will. „Wenn Du weißt, wie Rumänen sind. Das ist nicht so schlimm hier!“ Dann versucht sie etwas radezubrechen, wie Rumänen sich verhalten: „Tiere, Bestien, Fressen, Saufen, Ficken … „ Die Antwort ist nicht einmal ein Einwortsatz, sondern nur Versatzstücke. Mir entringt es jedesmal ein Grinsen. Das klingt lustig, was es vielleicht nicht einmal ist in Wirklichkeit, aber ihre Ausdrucksweise allemal.
„Du meinst, die sind wie die Tiere?“
„O ja!“
„Tierisch wild!“
„O ja!“
Ich schmunzele in mich hinein, ich ahne weshalb. Mein Blick fällt auf die kleine Rumänin, die mir gerade ihre verlockende Rückseite zuwendet, während sie mit einem Schöpflöffel die Soße kostet und einen schlürfenden Laut abgibt. So von hinten gesehen, mit diesem Grunzlaut, tierisch. Ich weiß aber noch nicht, weshalb mir das gefallen soll, noch nicht. Es ist zum Greifen nahe: Ihr breiter Arsch wedelt von links nach rechts, wedeln, nein, dazu ist er zu bereit, okay dann winken.
Sie ist mehr breit als lang und gedrungen, wie eine Kröte, die vor einem liegt. Ich sehe mich schon auf sie liegen. JETZT. Was immer in mir herumrumort hat und nicht zutage gekommen ist, in den letzten Tagen, jetzt ist es da. Da sehe ich mich. Genau dort. Auf ihrem Rücken. Wie ein Frosch, eine Kröte auf der anderen. Ein Wink aus der Zukunft?
Ne rumänische Schönheit mit pechschwarzen Haaren!!!
Dabei stehe ich bislang eher auf Blonde, norwegischer Typ, schlank, weiß-häutig und blonde Haare. Jetzt diese neue Exemplar in meiner Kuriosensammlung!? Europa wächst halt zusammen. Es ist schon verwunderlich, was dieser Kontinent zu bieten hat. Was man im Laufe seines Lebens alles so Kurioses ficken kann!
Ein bisschen mulmig wird mir schon zumute angesichts dieses jungen Dings. Ob ich ihr Paroli bieten kann? Ich merke, ich schlucke automatisch. Mal schauen, ob ich nicht Reste von einer übriggebliebenen Viagrapackung finde. Habe ich nicht letzthin ein paar von diesen blauen Pillen in meinem Badspiegelschrank herumkullern sehen? Ob die nicht abgelaufen sind? Und die Frage ist doch: Darf ich sie nehmen wegen Herzprobleme!? Ich weiß nicht, ob ich welche habe, es wird Zeit sich wieder einmal untersuchen zu lassen. Vielleicht habe ich inzwischen ein schwaches Herz, ohne etwas bemerkt zu haben. Aber unwahrscheinlich.
Trotzdem, ein Besuch beim Arzt ist da mal angesagt!

Jetzt kann ich mich erinnern. Das letzte Mal endete die Viagraeinnahme mit einem peinlichen Fiasko. Wochenlang lief ich mit einem Ständer durch die Weltgeschichte. Obendrein tat es fürchterlich weh, aber selbst mit Beruhigungspillen war er nicht zu beruhigen. Mein Arzt hat große Augen gemacht, mein lieber Schieber. Hätte ich das gewusst, hätte ich mir den Weg gespart. Dagegen ist wortwörtlich kein Kraut gewachsen. No risk, no fun – heißt dies doch im Englischen. Und nu? Ist drauf geschissen, ich bin schließlich ein Erzliberaler!
Aber das war nicht einmal das schlimmste. Ich hatte damals vor Geilheit eine Wochende-Karte für den Schwingerclub gekauft und durchweg gebumst, mit allem und jedem, was mir über den Weg lief. Ich war so hin und weg, dass ich mich nicht einmal mehr mich an die Gesichter erinnern konnte. Erst als eine Frau sagte: „Nanu, kennen wir uns nicht?“ „Nicht das wüsste!“ „Aber wir hatten doch gestern schon das Vergnügen.“ „Ach ja, davon weiß ich nichts mehr!“ „Aber ich!“ „Ach so, hat es Ihnen also solch einen Eindruck hinterlassen, dass Sie noch immer dran denken.“ Die Frau war eine Dame, sie wollte nicht unhöflich sein, geschweige den verletzend, das wusste ich. Deswegen wollte ich sie auch piesacken. Aber sie war zu gewieft. „Naja, immer ist ein zu großes Wort. Es handelt sich um einen Tag.“ „Immerhin. Wir können den Spaß ein zweites Mal haben!“ Ich war ja so etwas von geil. Ihre Intelligenz reizte mich zudem, sexuell, wirklich, kommt nicht oft vor. Aber, wie gesagt, sie war nicht dumm, alles andere, zudem vielleicht auch, weil ich so darauf bestand, wand sie sich und schlüpfte tatsächlich aus der Schlinge: „Mit meinem Bauch würde ich sofort wollen. Aber es ist eine Frage des Prinzips. Das rührt daher, dass ich so lange verheiratet war. Was glauben Sie, warum ich hier verkehre? Schon bei zweiten Mal kommt mir der Gähnkrampf.“ Dieser Ausdruck war weniger gehoben. Aber dieser Schwingerclub royal befand sich in einer deutschen Provinz, nicht in London. Dafür war dieses Exemplar schon beachtenswert. Sie sagte auch noch, was bedeutete, dass sie sich ihrer Verletzung der Schicklichkeit bewußt war: „Nehmen Sie es bitte nicht persönlich!“ Dazu konnte ich nur lachen, gekünstelt, aber es musste sein. Trotzdem, ich war ihr natürlich nicht böse, eher der da unten, der nicht davon abzubringen war, jedes fremde Loch stopfen z u wollen.
Schwamm drüber!
Trotzdem, das war dann das Signal, es gut sein zu lassen.

Ich bin ideologisch ein entschiedener Vertreter des Mittelstands. „Der Mittelstand ist das Herz der Wirtschaft!“ Klar, ich bin ja selbst einer davon. Zwar als Lehrling noch als Page den Großkopferten die Tür aufgehalten, habe ich mich emporgearbeitet zum eigenständigen Unternehmer, bei dem stets der Rubel rollt, als wolle er die ganze Welt überschwemmen. Kein Opfer ist mir zu groß. Ich liebe den Stress. Jede Arbeit halse ich mir auf, die etwas abwirft, wo andere müde abwinken. Das macht sich bezahlt. Denn meist scheint es schlimmer zu sein, als es ist. Bin ich mitten in der Sache mal drinnen, vergesse ich alles Drumherum, selbst die Perspektive, ob sich die Mühen lohnen oder nicht. Am Ende des Tages sprudelt sowieso meist das Geld nur so wie klares Wasser aus Quellen.

Natürlich bin ich kein reines Arbeitstier.
Da ist meine exzessive Sucht in den Swingerclub zu gehen. Was andere dagegen haben, wenn man es mit mehreren treibt, kann ich nicht verstehen. Die natürlichste Sache der Welt. Der Mensch ist ein Herdentier, ganz klar!
Letzthin bin ich umgezogen. Ich habe ein Schnäppchen gemacht und ein Haus auf dem Berg am Rande einer mittelfränkischen Kleinstadt ergattert. Also zumindest den oberen und unteren Teil. Ein Teil gehört einem anderen Eigentümer, doch ich spekulierte darauf, dass ich auch diesen kaufen kann. Das Haus umgibt ein riesiger Garten mit freier Sicht auf das sich weit hinziehende Tal. Ein Traum!

Aber es bestehen unüberbrückbare Welten zwischen mir und den Einheimischen. Zum einen bin ich Hesse und kein Franke. Zwar bin ich ganz schön um die Welt herumgekommen, leider aber nicht diese bornierten Einheimischen hier. Ich bin zwar auch verheiratet gewesen, dann geschieden worden, wie hier die meisten Ehepaare, aber ich weiß wenigstens etwas mit meinem Leben anzufangen. Expandieren, Kaufen, neue Unternehmungen starten, nur nicht wie die Kuh in der Ecke sitzen und das Vergangene verdauen.

Ich hasse die Einheimischen hier!
Warum!
Darum!
Aber ich hätte es wissen müssen! Mit diesen sturen Bauern kommst du auf keinen grünen Zweig.
Nein, sie sind nicht wie ich. Sind anders. Total anders.
Wie ergeht es einem Wirt, der Gäste bedient, die er abgrundtief hasst? Kann das gut gehen? Ist wirklich Geschäft nur Geschäft? Wer so denkt wie ich, ein Mittelsstandsunternehmer par excellence, versucht es und scheint kläglich zu scheitern?
So sieht es momentan aus. Aber abwarten und Tee trinken, Mylady! Wa?
Aber ich hasse die Menschen hier wirklich nicht grundlos. Es ist einiges aufgelaufen, dass es dazu gekommen ist. So isses!
Aber ich sollte mich nicht mit zu viel Denken beschweren und aufhalten, denken, Geschäft ist Geschäft, mehr nicht! Pasta!
Auch und gerade, wenn man auf solche Holzköpfe wie die Mittelfranken stößt.

Pentzw
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II. Der Gnom

Beitragvon Pentzw » 17.05.2024, 13:08

Er konnte ein Restaurant im mittelfränkischen Seengebiet pachten, in einem Dorf auf einer der Mittelgebirgs-Anhöhen, das sich aus etlichen ehemaligen Bauernhöfen zusammensetzte. Die meisten Besitzer waren mittlerweile ins Handwerk abgewandert, also war es immer noch ein Bauern- und Kuhdorf.
Auch die Lage, worauf die Einheimischen so stolz waren, war eigentlich nichts Besonderes. Man hatte zunächst einen Blick auf den in den 70iger Jahren künstlich geschaffenen Brombachsee. Und davor, das war der Clou, machte die Regnitz, oder Pegnitz, irgend ein Fluß dieses Namens, ein Schleife um fast 90 Grad. Na gut! So what?
Der Fluss war ein Flüsschen. Für ihn. Er kam aus dem Hessischen, lebte an Orten im Ruhrpott, wo immer der Rhein präsent war und dieser war gegen dieses Rezat-Regnitz-Pegnitz-Bächchen – scheiß drauf! - ein imposanterer Geselle und besseres Exemplar, jawohl! Im Vergleich zum Rhein erblasste alles, was in Europa floss, außer vielleicht noch die Donau. Punktum.
Was er hier über ihre lokale Besonderheiten dachte, durfte er den Einheimischen nicht verklickern, denn dann wäre der Teufel los, das war ihm klar!
Aber trotzdem kamen gutbezahlte Touristen aus dem anderen Bundesländern hierher, um Entspannung zu suchen. Darauf zielte er ab. Nicht bloß die Einheimischen. Er hatte das zweit größer Gasthaus im Ort, zudem ein honoriges, altes, das großzügig von der Gemeinde saniert worden war. Alles war wie eine alte Bauernstube gehalten, froschgrüne Kaminkacheln, hell-hölzerne Vertäfelung bis zur Decke, die selbst mit dicken Balken versehen war und das obligatorische Stammtischeck mit Stühlen mit Herzchen aus den Lehnen geschnitten.
Als er das erste Mal hier herein trat, kam etwas in ihm durcheinander, er sah krakeelende Stammtischbrüder, die auf den Tisch hauten, um ihre kruden Meinungen zu unterstreichen und es roch nach Männerschweiß, Herrenzirkel und Biergestank. Und nirgendwo sah er eine Frau. Nein, auf eine geballte Ansammlung von Männlichkeit und Bulligkeit hatte er keine Lust. Nicht mit ihm, diese Zeiten waren vorbei! Diese Stammtischecke und -kneipe musste sich vermeiden lassen. Man müsste das Wirtshausmobiliar umstellen, das wars. Mal sehen.
Nur was nicht sichtbar war, war nur rudimentär eingerichtet und ganz dem Gutdünken des Pächters überlassen war, war die Küche. Aber eine Küche konnte für alle Arten von Speisen verwendet werden. Über den Charakter der Kneipe, über den Speiseplan wurde bei Vertragsregelung nichts geregelt und jeder normale Pächter geht davon aus, dass diese nicht von den Krallen des Denkmalschutzes, des Brauchtums und der Sitte reglementiert ist. Aber die Gemeindemitglieder sagten: „Das haben wir so vermutet. Davon sind wir ausgegangen. Eine fränkische Bierstube!“ Nichts anderes hatten sie sich vorgestellt. Wer die Einrichtung einer baierisch-fränkisches Gaststube leitet, wird wohl nicht asiatische Küche anbieten, sondern eben dieser Kultur entsprechende. Sollte man davon ausgehen.
So gab es einen Aufschrei, als er von einer anderen Küche als einer fränkischen sprach. Aber ein gewaltigen.
Mit der Instandsetzung, Sanierung und Aufhübschung des alten Bauernwirtshauses hatten die Gemeindemitglieder entschieden bestimmte Vorstellungen verbunden, die nach ihrer Fertigstellung noch gültig sein sollten, nämlich eine heimische Küche. Diese sah so aus: Schweineschnitzel, Rinderrollbraten und Schweinebraten und noch mals Schweinebraten.
Nur er, der Wirt spielte nicht mit, denn dem blieb der Schweinebraten im Hals stecken. Er wollte eine noble, internationale Küche auf der Speisekarte präsentieren. Konnte er ja machen, aber ein Schweinebraten am Sonntag schloss das doch nicht aus, was Wirt?
Er verdrehte die Augen. Einige Zeit beugte er sich dem allgemeinen Willen, dann überkam ihn wieder der Brechreiz. Er kündigte an, den Schweinebraten definitiv abzusetzen. Sicherlich, er spekulierte natürlich auf ein bisschen anderes Publikum als die Dorfheinis, ein bisschen gehobeneres durfte es schon sein, das sich vielleicht auch über etwas anderes unterhielt als darüber, lag es nun am Wetter oder schlich sich doch wieder ein Fuchs in der Gegend herum, dass die Hühner zur Zeit weniger Eier legten. Dazu war er nun wirklich zu viel herumgekommen in der Welt, als dass er seine alten Tage mit Gesprächen über das Hühnerverhalten und Eierlegen beenden wollte.
Herrgott's er konnte so etwas nicht mehr hören!
„Ich werfe dann wochenends immer den Kachelofen mit Holzscheiten an, schwöre ich Euch.“ Das war doch ein Zugeständnis an die Hiesigen. Aber die wollten davon nichts hören. Entweder Schweinebraten oder gar nichts.
„He, wenn wir hier in der Pfalz wären, würdest du niemals Saumagen absetzen, was?“ Das sagte ein bösartiger Gnom. So einfach gaben sich die Heinis nicht geschlagen, als er seinen Speiskarten-Wechsel ankündigte. Und für Kompromisse hatten sie überhaupt keinen Sinn. Sie waren nur auf sich fixiert wie das Schwein auf die Suhle.
Es waren zwei Einheimische mit denen er sich hauptsächlich auseinandersetzen musste, einen nannte er Spatzenhirn, den anderen bösartigen Gnom. Leider war, wie meistens, der Schlechtere und Bösartigere der Intelligentere. Wobei Intelligenz hier sehr, sehr weit gefasst ist. Insgesamt, da das Dorf Unterheckenhofen hieß, dachte er sowieso immer „In-Unterheckenhofen-wohnen-die-Doofen“, wobei solche Kalauer letztlich auf einem selbst zurückfallen.
Spatzenhirn hatte die Angewohnheit, dass er zwischendurch immer wieder einen lauten Pfiff durch seine Vorderzähne machte. Darauf angesprochen, bitte nicht so laut, reagierte er überhaupt nicht, als merkte er zum einen seinen Tick nicht und zum anderen, als nehme er die Ansprache darauf auch nicht wahr. Ersteres konnte man sich noch erklären, nicht aber zweiteres.
Dieses Verhalten regte ihn immer wieder unbändig auf. Und er sprach ihn immer darauf an, der aber überhaupt nicht reagierte. „He, du hast gerade so laut gepfiffen, dass fast die Fensterscheiben gesprungen wären.“ Er blieb stumm, ohne überhaupt zu reagieren, nicht einmal so: „Was, was sagst du da? Ich habe gepfiffen? Ganz laut sogar? Ist mir gar nicht aufgefallen. Hab ich unbewusst gemacht. Kann nichts dafür.“ Nein. Nichts. Einfach gar nichts.
Das konnte man nicht durchgehen lassen. Er versuchte es wieder und wieder.
„Stopp, Mann! Gerade hast du wieder gepfiffen.“ Null Reaktion. Heißt, kein Wort darüber. Als ob er darüber keine Worte in seinem Wortschatz hätte. Als ob er überhaupt nicht die Ansprache darauf wahrnehmen könnte. Er glotze nur debil in die Ferne. Wartete, bis die Fragerei vorbei war und war dann wieder ganz normal, was bei ihm halt als normal galt.
Als er ihn wieder darauf ansprach und dann das letzte Mal, weil es ja eh sinnlos war, verboten es ihm seine Kumpanen: „Na horch! Wenn er mal pfeifen muss, soll er pfeifen. Was regst du dich darüber so auf? So ist er halt, der Schnulli!“ Na denn. Wenn er von seinen Kumpels gedeckt wurde, konnte man nichts dagegen tun. Selbst wenn er sexuell abartig gewesen wäre, was er zwar gelobt sei es nicht war, auch wenn sie ihm unterstellten, er behandelte ihn so wie einen Sexual-Perversen, sollte er doch weiterhin andere belästigen. Er buchte das als notwendige, unveränderbare Kollateralschaden eines Wirtes ab. Aus. Amen.
Aber nach einer halben Stunde das selber wieder.
Er wartete schon darauf, dass es erneut passierte, was nervte.
Aber manchmal überhaupt nichts.
Das war fast noch nerviger.
Einfach unberechenbar.
Mittelfranken eben!

Pentzw
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III. Die Prominenten

Beitragvon Pentzw » 08.06.2024, 23:10

Am Anfang, wo das mit dem Schweinebraten noch Alltag gewesen war, hat er sich gut mit ihnen verstanden, will heißen, sie lauschten angenehm amüsiert und interessiert seinen Erzählungen von den Großen dieser Welt. „In Düsseldorf habe ich eine Cocktail-Bar gehabt, das sind sie alle, aber wirklich alle, was Rang und Namen im Showbusiness der 70iger und 80iger Jahre hatte, bei mir verkehrt.“
Dazu zählte er noch etliche aus der Fußball-Kaste auf: Uwe Seeler, Franz Beckenbauer, Paul Breitner – obwohl die in München lebten - natürlich besonders Netzer, der ja um die Ecke wohnte, aber egal woher sie kamen, alle verkehrten regelmäßig bei ihm, sein Lokal war einfach ein Muss für die Promis der Republik dieser Zeit – und dann die ganz Großen dieser Welt, der Jet-Set, Boris Becker, Uschi Obermeyer, Roberto Blanco, Goetz George, der Firmenmillionär Henkel, sogar Gunther Sachs – diesen Playboy kennt ja jeder – Henkel, Waschpulver, kennt jeder - und und und.
Das imponierte diesen Dörflern natürlich.
Er verwies darauf, dass er immer noch gute Beziehungen habe, zum Beispiel zum Herausgeber der Bildzeitung. Axel Springer. „Ja, mit dem bin ich sogar per Du! Ja, selbst mit dem größten Pressemogul Deutschlands.“„Wer ist das?“ Eine anderer antwortete erstaunt und zweifelnd:„Heißt der nicht Burda!“ Hoppla, er wusste gar nicht, ob der Herausgeber Springer jetzt das größte Zeitungsimperium hatte. Aber egal, Hauptsache er schindete Eindruck.
Er war wirklich bald eine kleine Berühmtheit im Umkreis, weil so viele kamen und verlangten, dass er von einem ihrer Lieblingspromis etwas zum besten gab. Tat er auch, ausgeschmückt mit Phantasie, die er besaß.
„Ja, mit dem Gunter, den alten Haudegen. Mit dem bin ich immer in die Sauna gegangen. Auch mal in den ein oder anderen Swingerclub. Aber gehobene Klasse, sag ich nur, und wenn ich gehoben sage, dann meine ich es auch so. Da kommt keiner von Euch rein. Niemals! Nur durch ihn auch habe ich mit solchen Schwingerclubs Kontakte aufnehmen können, da bleibt Euch der Mund offen stehen, wenn ich es Euch erzähle. Und wen ich da plötzlich zwischen den Beinen lag, dass darf ich Euch erst recht nicht erzählen. Da würden ich bald etliche Klagen am Hals haben. Und die haben Geld! Die würden bis zum obersten Gericht gehen, sag ich Euch. Nein, lieber nicht zu viel erzählen. Jedenfalls ...“
Meistens hatte er diese Leute wirklich auch getroffen, so sehr schummelte er auch wieder nicht. Nur diejenigen, die er nicht beim Namen nannte, er nur andeutete, natürlich nicht, deswegen auch nannte er sie auch nicht namentlich, logisch! Aber so vertraut war er mit ihnen nun in Wahrheit nicht. Aber das spielte heutzutage keine Rolle. Musste man den Hinterwäldlerin auch nicht aufbinden. Die sollten glauben, was sie glauben, basta!

Dann kamen die Spannungen wegen der seiner beabsichtigen Küchenumstellung.
Plötzlich wurden Themen aktuell, die dümmer nicht sein könnten.
Bei einem Thema musste er leider etwas korrigieren, was wiederum nicht gut ankam, weil Oberlehrergehabe wollte man sich auch nicht gefallen lassen, hier, wo man zu Hause war, von einem, der hierher zugereist war. Von einem Zugereisten, niemals! Wer lässt sich gerne in seine Suppe spucken? Aber Korrektur musste hinwiderum sein, denn da stand sein Ruf auf den Spiel oder besser deren, die er hier im Hinterwald-Dasein der Franken vertrat.
„Erstens bin ich aus Hessen, nicht der Pfalz, zweitens soll ich vielleicht auch Schweinbraten-To-Go anbieten, was?!“
Ob diese Begriffstutzigen überhaupt den Unterschied zwischen Hessen und der Pfalz wussten, war er gerade am Überlegen, als er eine Frage hörte, die diese Gedankenmühe völlig sinnlos erscheinen ließ.
„Na, in der Oberpfalz wird auch Schmorbraten verspeist, das weiß ich von meiner Schwägerin“, sagte das Spatzenhirn.
Der Bösartige, der Gescheitere pfiff durch die Zähne, machte sich aber nicht die Mühe, einen Erkenntnisgewinn des anderen vorauszusetzen, indem er sagte: „Von uns aus. Pfalz, Hessen, eins wie's andere. Würden wir auch kaufen. Hauptsache es gibt Schweinebraten am Sonntag.“
Mit diesen begriffsstutzigen Bauern war nicht zu diskutieren. Und sie ließen sich auch nicht weiter auf eine Diskussion ein und beharrten auf ihrem Standpunkt. Seiner wurde gar nicht richtig wahrgenommen. Argumentierte er, kam bestenfalls so eine blöde Redewende wie: „Wir brauchen hier nen Dolmetscher, um dieses pfälzerisches Kauderwelsch zu übersetzen.“ Blödes Lachen war diesem Sager gewiß. Umso mehr als er noch einen draufsetzte: „Ei verbisch!“
„Was, jetzt redscht scho sächsisch!“
„Ach was, ich dachte, dass des grad hessisch wär.“
„Denken beim Scheißen, nicht nur drücken, sagen die Pfälzer in diesem Fall!“
Diese Bemerkung kam nicht gut an. Aber sie wollten es nicht anders. Diese Franken waren doch voll aus der Welt, konnten nicht zwischen den mittel-westdeutschen Dialekten unterscheiden, so etwas gab es nur hier, hier an der sonnenabgewandten Mondseite Deutschlands, ei verbisch.
Aber er ließ sich nicht beirren. Der Franken Rechnung hier ging nie und nimmer auf, nicht mit ihm.
Auch als ihm der Metzger im Ort einen Vorzugspreis für Schweinebraten anbot, blieb er standhaft. Er schlug vor, dass der Obermeister das andere Speiselokal im Dorf damit beliefern sollte. Da wurde dieser ganz schnell schön still. Er konnte sich schon denken, warum. Niemand wollte mehr Schweinebraten essen, keiner, nur diese Dorfheinis noch, aber die Touristen offensichtlich auch nicht mehr, sonst böte dieses andere Lokal im Dorf auch Schweinsbraten an.
Die Ära des Schweinsbratens war eindeutig abgelaufen!
Da sah man es mal wieder, dieser Ort wollte sich der Neuzeit, der Globalisierung, dem Tourismus öffnen, aber auf den Schweinebraten wollten sie nicht verzichten. Aber das ging nicht. Es haute nicht hin, ein bisschen Tourismus, ein bisschen Fremdenküche, ein bisschen Fremdenbetten, nein: entweder ganz oder gar nicht! Aber das ging in die Hirne dieser Dorfheinis einfach nicht rein.
Das andere Speiselokal im Dorf war in Privatbesitz. Es stand direkt am Rande des Abhangs mit unschlagbaren Blick direkt auf den See. Die etwas zahlungskräftigere Touristen suchten natürlich dieses auf, wollten sie doch, wenn sie einmal Urlaub hatten, die beste Aussicht, das geräumigste Etablissement und die netteste Bedienung genießen. Diese Touristen, meist gleichfalls im unteren Segment des Reichenspektrums angelagert, riefen bestimmt nicht nach Schweinebraten. Vielleicht insgeheim, aber dann war es kein Urlaub. Nein, mediterranes Essen musste es sein, damit man das Gefühl hatte, man sei im Urlaub, obwohl diejenigen wirklich Urlaub machten, die es sich leisten konnten und Erholung in den Tropen, am Strand, meist im Ausland suchten und nicht in dichtbewaldeten, feuchten Erholungsgebieten des deutschen Mittelgebirges, welches sie zuhause ohnehin vor ihrer eigenen Haustür hatten.
Nun, mediterranes Essen wollte alle – und das würde er anbieten – gegen den Widerstand dieser bornierten Schweinbraten-Trottel in Franken.


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