Besten Dank im Voraus
here name : sandrine
Die Stewardess lächelte. Sie hatte perlweiße Zähne, der Lippenstift war passgenau aufgetragen. Die Haare waren exakt getrimmt wie eine Perücke. Eine millimetergetreue Linie zog den Bogen der Brauen nach. Sie roch nach Mandel und Aprikose. Ein Parfüm, das sie am Ende des Fluges zum Verkauf anbieten würde. Trotz ihrer zur Schau getragenen Höflichkeit erzeugte sie in ihm Abscheu. Wie Call-Center-Stimmen. Wie virtuelle Ansagen in Ubahnen. Wie die automatischen Stimmen bei der akustischen Übermittlung per SMS. Sie war perfekt programmiert. Domo arrigato, Mr. Roboto.
-Tee oder Kaffee?
Adrian dachte: Eines Tages wirst du eine Flugbegleiterin ansprechen. Nach der Landung, wenn alle das Flugzeug verlassen haben, wirst du sie zu einem Date überreden. Nach dem Checkout werdet ihr euch am Ausgang treffen. Ihr werdet ein Taxi ordern. Ins Restaurant, ins Kino, ins Bett. Du wirst erfahren, ob sie als Zivilperson ihre berufsbedingte Freundlichkeit ablegen kann und zum Lästern verführbar ist. Ob sie ISBN und ISDN voneinander unterscheiden kann. Ob sie sich dafür entschuldigt, ihre Beine nicht rasiert zu haben. Wie viele Funktionen ihres Handies sie bedienen kann. Ob sie ihrem Arbeitgeber devot ergeben ist oder seine Geschäftspolitik zu kritisieren wagt. Ob sie Kosmopolit ist oder Cosmopolitan liest. Ob sie sich Gedanken über die Weltpolitik macht. Ob sie nach dem Sex im Bett liegen bleiben kann, ohne sich die Haare zu kämmen und die Muschi zu waschen. Ob sie ihren Gefühlen vertraut oder ihrer Credit Card. Ob sie die Einsamkeit eines Leuchtturmwärters nachvollziehen kann. Ob sie vom Fliegen träumt. Ob sie im Schlaf redet, ob sie speichelt oder zittert oder schnarcht ...
-Wie heißt du?
Die Stewardess grinste. Eine verzweifelte, eine äffische Grimasse. In der erstarrten Maske ihrer Freundlichkeit konnte er deutlich die Wiederholung ihrer Frage lesen: "Tee oder Kaffee?" Auch sein Sitznachbar musterte ihn argwöhnisch. Dann schwenkte auch sein Blick wieder zur Flugbegleiterin hinüber. Gierig, wie die Kamera eines Paparazzis. Peggy Sue? Oh, oh, my Peggy Sue?
Sie ließ mehrere Sekunden verstreichen und wartete darauf, dass er seine sonderbare Frage doch noch zurückzog. Geradebog. Er hatte mindestens drei Gesetze der Kommunikation durchbrochen: Er antwortete mit einer Gegenfrage, er siezte sie nicht, und er stellte ihr eine persönliche Frage.
-Sandrine.
Er lächelte zufrieden.
-Ich möchte nichts trinken, danke ...
Sandrine zwinkerte. Hinter ihrer glatten Stirn wurde der Anti-Viren-Scan aktiviert. Dennoch gelang es ihr, mit einem milden Lächeln zu antworten. Ein Lächeln, das dann nahtlos in das Lächeln überging, mit dem sie sich den Fluggästen in den hinteren Reihen zuwandte. Neues Spiel, neues Glück, neues Lächeln. Welches Schweinderl hättens denn gern? Zwei Reihen später war alles vergessen. And all the fools sailed away.
Sein Sitznachbar dagegen konnte die Szene nicht vergessen:
-Warum haben Sie das wissen wollen?
Womöglich ist das die Gelegenheit? Vielleicht klappt es ja bei einem wildfremden Menschen?
-Für einen Moment lang habe ich geglaubt, sie sei diejenige, die ich treffen werde.
-Wie meinen Sie das?
-Irgendwann auf dieser Reise werde ich eine Frau treffen. Ich habe ihr Leben seit vielen Jahren aus der Ferne verfolgt und kenne ihre Art zu Denken sehr genau. Wir haben unsere geheimsten Träume ausgetauscht – aber uns noch kein einziges Mal persönlich getroffen. Verstehen Sie?
-Ach, ein blind date also? Und deshalb reisen Sie um die halbe Welt? Verrückt!
-Um das zu erklären, müsste ich weiter ausholen ...
-Warum nicht? Wir haben entsetzlich viel Zeit!
Adrian sah zum Bullauge hinaus. Sein Blick verlor sich in Wolkengeplüsch. Der Eischnee leuchtete puffrosa. Erfrischend ekelhaft, oder ekelhaft erfrischend. Alles Licht ist schön. Jede Wolke ist eine sixtinische Madonna. Time is on my side – yes it is.
-Übrigens, ich heiße Adrian.
-Freut mich. Ich bin der Georg Moosbrugger. Aber meine Freunde nennen mich Schorsch. Wie den Hackel Schorsch, ha ha ...