Zwei Brüder

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Edekire
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Zwei Brüder

Beitragvon Edekire » 09.09.2005, 22:55

Den anderen hab ich zuerst gesehen. Er wäre mir nicht einmal aufgefallen auf der Straße, doch er stand im Bus neben mir. Es war morgens, überfüllt, er lachte und scheuchte freundlich die Leute zusammen, so dass alle in den Bus hinein kamen an der Haltestelle. Da mochte ich ihn und sah ihn an, als er neben mir stand. Seine Augenbrauen waren stark geschwungen, ein zierlicher, junger Mann. Er lächelte hoch zu mir, denn ich balancierte auf eine Stufe. Er blies mir seinen Atem ins Gesicht. Sagte: „Fast so gut wie dein Kaugummi, oder?“ Zwinkerte und ich war zu verblüfft um eine richtige Antwort parat zu haben. Später fiel mir ein, dass ich mal gehört hatte so macht man sich mit einem Pferd vertraut, damit es den menschlichen Geruch kennt. Scheue Pferde. Am nächsten Tag nahm ich den Bus um die gleiche Zeit. Er war nicht da.

Ich schreibe mit den Fingern deinen Namen in den Schmutz auf meiner Haut, du sagst, bleib bitte ruhig, einmal, bitte.
Ich mache deine Schatten blau, oder Grün, sagst du und ich sehe runter, sie sind schwarz, denke ich, schwarz, oder einfach nur dunkel, dunkel.
Du arbeitest langsam, ich kann durch meine Haltung nur deine Bewegungen sehen, aus dem Augenwinkel, ich friere leicht, mein Rücken juckt.
Deine Haare, sagst du, was für eine Farbe, du siehst mich an, den Pinsel in der Hand, so ein Rot, das wünscht sich doch jede Frau. Ich weiß nicht ob ich jetzt nicken kann, ist auch egal, du verschwindest wieder in der Arbeit und ich versuche mir vorzustellen es wäre wirklich ein Körper, ein Duplikat an dem du arbeitest. Ich will dich fragen, ob du schon mal eine Skulptur gemacht hast und bin still. Ich hasse deinen Blick, der heißt: lass mich, du bist nur ein Bild, sei still.
Nachher gehe ich dann hinter dir her, wir reden, du sagst, du bist ganz gut voran gekommen, ich nicke, das war ein Glück, dass wir uns getroffen haben, du bist zufrieden. Bald ist es fertig, mir wird kalt, ich sehe dir zu während du deinen Aufbruch einleitest. Was soll’s, ich sehe dir noch hinterher, ist ja ungefährlich, jemand wie du dreht sich nicht um. Deine Haare sind etwas zu lang, sollte ich wohl mal sagen. Nein, ich bin nicht verliebt, nein. Nein, ich sehe doch so gerne in Augen und in deinen wird mir kalt.

Ich schreibe mit den Fingern deinen Namen in den Schmutz auf meiner Haut, du bist unruhig. Du bist nicht verschwunden, ich spüre deinen Pinsel über mich gleiten, nicht über das Bild. Über mich, das Mädchen mit den roten Haaren. Ich glaube du willst das nicht, dein Gesicht zieht sich zu einem Punkt hin zusammen, düster. Du willst mich doch gar nicht haben, kein Mädchen mit den roten Haaren, das ist nur ein Bild und ihre Haare hängen halb über ihr Gesicht, das sieht geheimnisvoll aus, weiß du das? Hast du gesagt.
Du winkst mir ab, ich stehe auf, lockere die Muskeln ein wenig, nehme mein T-Shirt. Der Stoff auf der Haut ist angenehm, ich verschränke die Arme vor der Brust. Ich höre deine Schritte und greife nach dem Rock, du nimmst ihn wieder aus meiner Hand, hältst den Arm fest, meinen Arm, mein Arm, greifst mit deiner anderen Hand um meine Hüfte, versuchst mir das T-Shirt wieder auszuziehen. Wolltest du doch, denke ich böse zu mir, sei ruhig, selber Schuld und lasse ihn, was soll’s.

Dein Name auf meiner Haut, jetzt sind da deine Finger, die alles verwischen. Du drängst mich an die Wand, in den toten Winkel hinter der Tür. Ich spüre meinen Körper reagieren, ich bleibe an deinen Augen hängen, halb zusammengezogen noch immer, du hältst mich fest.
Ich klappe die Lider vor das Bild, dass du bist, spüre deine Lippen auf meinen, am Rücken Tapete.
Ich spüre dich hart, ich habe das Gefühl das müsste wehtun, dein Atem an meinem Hals, dein Mund fühlt sich weicher an als ich dachte.
Ich zieh das T-Shirt über, zum zweiten, du sitzt auf dem Tisch und siehst zu. Deine Haare sind verschwitzt, dein Atem geht tief. Ich steige in den Rock, du fragst, hast du Zeit, morgen? Ich sehe dich an, Mädchen dürfen manchmal hoffen, dachte ich, du sagst, mein Vater hat Geburtstag, kommst du mit? Ich nicke und weiß nicht warum, was soll ich da, ich frage mich was du mit mir dort willst. Ich frag dich auch, und du sagst nur, du musst ja nicht und nimmst deine Jacke und gehst. In der Tür drehst du dich um, morgen mache ich nicht weiter, ruf mich an, du hast ja meine Nummer. Die Tür fällt ins Schloss.

Dein Name ist verwischt im Schmutz auf meiner Haut. Ich hab dich nicht gespürt, jetzt wünsche ich du hättest mich noch geküsst zum Abschied, Schluss, mach dich nicht lächerlich, ich wische über mein Gesicht. Ich verschließe hinter mir die Tür und weiß, ich bilde es mir nur ein, dass die Leute mir hinterher sehen.

Ich lege das Telefon aus der Hand. Ich sitze dem Spiegel gegenüber, versuche im Kopf die Schatten blau zu färben. Ich ziehe die Lippen nach. Zeit zum gehen. In meinen Gedanken halt noch deine Stimme. In Ordnung. Du warst nicht einmal überrascht.

Meine Mutter ist tot, du sagst das tonlos, ich muss nicht mal zu dir hinsehen um zu frieren. Mein Vater ist alt, er hört schlecht, macht dir nichts draus, wenn er dich nicht versteht. Ich gehe neben dir her, habe meine Haare streng zurück gebunden, ich bin nicht geheimnisvoll, das ist dein Bild, nicht meines. Wir gehen den Weg zum Haus, du legst an der Schwelle den Arm lose um meine Hüfte, ich bin still, was soll’s.
Die Schritte in dem kleinen Haus schlurfen, alte Schritte, innen wird die Kette von der Tür genommen.
Ein kleiner alter Mann, krumm, nur die hellblauen Augen scheinen noch immer in alle Richtungen gleichzeitig zu sehen.
Du stellst mich vor, ich lächele, er nickt, recht freundlich und du beugst dich runter und umarmst den Vater. Der nickt grummelt, „deine Haare sind zu lang“ du schaust unbewegt und gratulierst, wir gehen hinein.
Der Flur ist dunkel, die Luft alt. Im Wohnzimmer steht in der Ecke ein Kamin, darauf das Bild einer Frau mit zwei Kindern, vielleicht vier und neun, daneben ein Flaschenschiff von einem Nordseebadeort, an der Wand Zierteller, ergraut.
Er setzt sich umständlich an den Tisch, brummelt: „hol den Kuchen aus der Küche, Junge, auf der Anrichte, hat die Frau Riehmann gebacken“. Du stehst auf und gehst, ich sehe dir hinterher, du bist zu groß für die Tür, für die Wohnung. „Mach auch Kaffee, habe schon Wasser aufgesetzt,“ schallt es dir noch hinterher.
Die Greisenstimme fragt, wo ich wohne, fällt ins Erzählen ohne die Antwort abzuwarten, erzählt wie er als junger Soldat ins Meer gefallen ist und gerettet wurde. Du stehst in der Tür mit dem Tablett, Kuchen und Kaffee in der Kanne, du bewegst die Lippen mit, kennst jedes Wort. Ich sehe dich an, du mich nicht, dein Vater redet, ich weiß nicht mit wem, er endet als es klingelt.
„Ich gehe“ sagst du und verschwindest in Richtung Tür, ich bin neugierig, sehe die Frau auf dem Bild überm Kamin an. Es muss deine Mutter sein, sie hat dunkle Haare wie du, aber ihr Gesicht ist anders, geschwungene Brauen, das Lächeln spöttisch oder schüchtern im Mundwinkel versteckt. Ich will aufstehen und dein Kindergesicht betrachten, doch der Alte folgt meinem Blick mit plötzlicher Aufmerksamkeit und nickt vor sich hin, da bleibe ich sitzen, sehe lieber zur Tür.

An der Art, wie sie sich öffnet, weiß ich, dass bist nicht du hinter der Tür, ruckartig, und zu weit für dich und dieses Haus. Ich starre in sein Gesicht, die geschwungenen Brauen auf dem Bild, der kleine Junge auf dem Foto. Ich beobachte, wie er deinen Vater umarmt, dein Bruder, den du mal erwähnt hast in einem Nebensatz, der viel zu kurz war um nicht wichtig zu sein.
Dein Vater lächelt, jetzt weit und anwesend und legt ihm die Hand auf den Kopf. Hinter mir setzt du dich, ich spüre dich mein Haar streifen, wie eine Markierung.
Dein Bruder dreht sich um, reicht mir die Hand, nachdenklich sieht er in mein Gesicht. Ich weiß, dass ich lächle. Er stellt sich vor, vielleicht fragt er sich ob er mich nicht schon mal gesehen hat. Ich spüre deinen Namen auf meiner Haut unter dem Stoff, die Buchstaben pulsieren, ich dachte du hättest sie verwischt. Ich lächle weiter deinen Bruder an, er kann sie nicht sehen. du willst nur nicht.
„Papa, wie geht es dir?“ er setzt sich. Zwischen dir und mir zerbricht die Stille klirrend, war sie zu lang. Ich drehe mich betont in deine Richtung, sehe dich an, du siehst vorbei auf deinen Vater.
Er erzählt von seiner Gesundheit, alte Leute, du siehst hin, ich denke, dass er mit deinem Bruder spricht, du weißt das auch.
Der alte Mann fragt ihn nach der Arbeit, er erzählt und ich erkundige mich was er tut, er ist Grafiker,
„Ja, zeichnen konnten se beide immer“, und nickt, und zu dir gewendet, „aber dein Bruder macht was Vernünftiges draus“, jetzt den Kopf schüttelnd. Du siehst unbewegt, aber danach ist es zu still. Die falsche Frage, zu spät.
Du schweigst, bis dich der Jüngere anstößt, grade ansieht fragt: „Ich will mir dein Atelier mal ansehen, hast du mal Zeit?“ Du zögerst, du nimmst keinen Almosenbeistand, aber er meint es erst, das spürst du.
Mir wird warm, überall, ich will nicht, dass er das Bild sieht, will ich nicht. Ich schiebe die Hand in meinen Ärmel, kratze über deinen Namen. Ich spüre den Blick, du lächelst jetzt, ich sehe nicht hin um die Farbe zu sehen: „Morgen, wenn du magst.“ Ich glaube, du wolltest gar niemanden hineinlassen.
In meine Richtung, „Du kommst doch auch?“ und wieder zu ihm gewandt: „Ich male sie.“
„Ich weiß noch nicht“ sage ich, zu laut, „Ich muss jetzt los, ich weiß nicht, ob ich morgen kann“. Ich stehe auf, es fällt auseinander, du darfst ihm das Bild nicht zeigen, rufe ich ihm zu, alles in meinem Kopf.
„Hast du morgen Zeit?“ Wiederholst du, an ihn gewand, mich ignorierend.
Er sieht nachdenklich aus, er nickt, lächelt zu mir auf, „ich würde mich freuen, wenn du kommst“.
Ihr beide beobachtet mich. „Bleib noch, Mädchen“ sagt dein Vater, „iss den Kuchen auf, soviel Zeit muss sein.“
Ich bin zu schwach, ich bleibe, weil er es lieb sagt, und seine alten Hände auf meinen Arm legt, so muss ich die Schrift nicht fühlen.

Dein Name steht auf meiner Haut, ich liege am Abend im Bett. Ich bin müde, stehe trotzdem auf und gehe ins Bad. Bis die Scheibe der Duschtür beschlägt betrachte ich meinen Körper in der verschwommenen Reflexion. Ich streiche mit den Händen über meine Arme, dein Name, er ist nicht auszuwaschen, eingeätzt, streiche über meinen Bauch. Das Bild verschwimmt, du kennst meinen Körper, seine Bewegungen, wenn ich gehe, an der Wand lehne, er nicht. Ich glaube, das solltet ihr nicht teilen, nicht einmal deine Aufnahme, deinen Ausschnitt, wie meine Haare über meine Gesicht hängen, solltet ihr teilen. Er sollte ihn nicht sehen, wer weiß, vielleicht sieht er deinen Namen am Arm, aber was denke ich, das kann nicht sein, ich habe ihn in den Schmutz geschrieben, du kannst ihn nicht gemalt haben, du siehst ihn nicht. Er soll ihn nicht sehen, oder doch, übermalen, übermalen.

Die Haustür steht offen, als ich ankomme. Ich bin vor deiner Zeit, vor der befohlenen, oben ist Licht an, das Fenster ist hell. Meine Haare hängen schwer runter, die Luft ist feucht, es hat geregnet.
Oben, der Treppenabsatz, die Tür ist nur angelehnt, das Licht zeichnet einen Strich auf den Boden. Stimmen wabern herüber, von irgendwo ein Fernseher.
Noch sollte es mich hier nicht geben, ich beuge mich vor.
Ich höre an der Stimme deines Bruders, dass er lächelt.
„Du bist ein Dummkopf, weißt du das? Sie ist so hübsch.“
„Sie kann aber nicht richtig stillhalten“, wie du das sagst, stell ich mir ein Schulterzucken vor.
„Na und? Das ist doch nicht das, was du willst? Du könntest sie doch sowieso aus den Kopf malen, oder?“
Schweigen.
„Ich glaube, du weißt gar nicht was du willst“, eine Feststellung
Und du, zu meiner Verblüffung: „Vermutlich hast du Recht.“
Ihr schweigt beide, dann erinnerst du ihn, dass er los muss, ich höre, dass ihr euch umarmt, ich stehe, bis mir bewusst wird, das ich hier nicht gesehen werden will.
So leise wie möglich eile ich runter, stelle mich in eine dämmrige Ecke, die von oben schlecht einzusehen ist.

Ich höre euch in den Flur sprechen, ihr lacht, dich habe ich selten Lachen hören, es klingt gut, dann klingen Schritte hinab. Die Tür schließt nicht, du stehst am Absatz, ich stelle es mir vor, streiche über meinen Arm, deine Name darauf, hast du mir je hinterher geschaut?
Dein Bruder erreicht meinen Absatz, dreht sich um, sieht mich an.
„Ich habe dich durchs Fenster gesehen“ er ist ruhig, im Mundwinkel ein Lächeln versteckt.
Meine Finger graben sich leicht in meinen Arm.
Ich nicke.
Mit einer schnellen Bewegung zupft er an einer roten Strähne, die über meine Schulter hängt. Zuerst dachte ich, er wird mein Gesicht streifen.
Gehst du jetzt rauf?, er spricht noch immer leise.
Ich weiß nicht, Schulternzucken, ich versuche an ihm vorbei zu sehen, er legt den Kopf schief und schüttelt den Kopf.
Ich weiß es auch nicht, er berührt mit den Fingerspitzen meinen Arm, da steht dein Name. Ich muss los, sagt er, ich sehe ihm nach, setzte mich auf die Treppe, lege den Kopf auf die Knie. Von oben höre ich jemanden kommen, ich denke, dass es du bist, aber ich weiß es nicht. Ich weiß nicht ob ich aufstehen soll.
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
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Re: Zwei Brüder

Beitragvon razorback » 10.09.2005, 10:17

Hallo Frl. Ede!

Ich glaube es war Charis, die bei einem Deiner anderen Texte neulich mehr Sorgfalt angemahnt hat. Ich möchte mich an dieser Stelle anschliessen. Deine Texte zwingen - und das ist ein Kompliment - zur Konzentration auf fast jedes Wort. Und da fallen Grammatik- und Rechtschreibfehler ebenso auf, wie die Tatsache, dass das LI an mindestens einer Stelle plötzlich die Ansprache wechselt (von zweiter auf dritte Person). Besser noch zweimal durchlesen!

Du schreibst zunehmend weniger surreal. Das ist einerseits subjektiv schade, weil ich surreale Texte mag. Andererseits ist es sehr befriedigend und beruhigend zu sehen, dass Du alle Qualitäten Deiner surrealen Texte in einen eher realistischen wie diesen hier hinübernimmst. So sehr Dein Stil und Deine Sprache fesseln, blieb bei den surrealen Texten natürlich immer die Unsicherheit: Ist das wirklich so gut und hintergründig, wie es scheint, oder versteckt sich da wenig hinter Sprachexperimenten und Stilübungen. Daher gefällt mir dieser Text so gut. Eine thematisch und inhaltlich ziemlich einfache und verständliche Geschichte in Deinem bekannten Stil, den Du eher verbesserst und ausbaust, als ihn zurückzufahren. Sehr gelungen.

Trotzdem: Eine Korrekturstufe mehr kann nicht schaden. ;-)
O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You

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Re: Zwei Brüder

Beitragvon mög » 11.09.2005, 11:51

Dieses Leitmotiv mit dem Namen auf der Haut finde ich schön, obwohl ich es mir nicht gut vorstellen kann. Welche Art von Schmutz müsste das sein?

Ich lese es so:
Sie will mehr von ihm als er von ihr, die alte Geschichte. Er ist ein bisschen ein Verlorener, er weiß nicht recht was er will (das überrascht mich allerdings, dass deine Heldin das überrascht - wobei, es überrascht sie ja nur, dass er es zugibt). Und da ist sein Bruder, tüchtiger, freundlicher, der offenbar fester im Leben verankert ist, sicherer im Leben steht und ich glaube fast, deine Heldin fürchtet ein wenig, ihrem Nichtsnutz streitig gemacht zu werden.

Kommt das auch nur ansatzweise hin?
Man müsste das System seiner Widersprüche finden, indem man ruhig wird. Wenn man die Gitterstäbe _sähe_, hätte man den Himmel dazwischen gewonnen. (Elias Canetti)

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Re: Zwei Brüder

Beitragvon Hamburger » 11.09.2005, 23:56

Hallo Edekire,

nun von mir ein paar Anmerkungen zum Text.

Zunächst mal habe ich, bezogen auf diesen Text, eine im Nachhinein völlig unpassende Lachsalve gezündet als ich bei der Textwerkstatt von deinen surrealen Texten sprach, die mir dennoch schon beim ersten Lesen gefallen, auch wenn ich da noch nicht weiß worum es geht. Ich habe mir den Text noch einmal gründlich auf der Rückfahrt durchgelesen und hatte beim Verständnis schon beim ersten Durchgang keine großen Schwierigkeiten. Hätte ich den Text bei der Textwerkstatt nicht teilweise selbst vorgelesen, sondern ihn von Beginn vollends angehört, so wäre das, vermute ich, nicht anders gewesen.
Es gab ein paar Stellen die mir nicht auf Anhieb klar waren, aber ich teile razors Ansicht, wenn er schreibt…


Du schreibst zunehmend weniger surreal.


…und auch seine Analyse teile ich weitgehend. Allerdings möchte ich sein


Sehr gelungen


anhand einiger weniger Punkte ein bisschen wenig einschränken.

Zum Einen finde ich die Verwendung des Motivs mit dem Namen auf der Haut etwas inflationär gebraucht. Zwölfmal – meinem subjektiven Empfinden nach nutzt sich das Bild damit etwas ab. Ich habe auch gleich drei Streichvorschläge:


Dein Name steht auf meiner Haut, ich liege am Abend im Bett



Die Tür schließt nicht, du stehst am Absatz, ich stelle es mir vor, streiche über meinen Arm, dein Name darauf, hast du mir j hinterher geschaut?



Ich weiß es auch nicht, er berührt mit den Fingerspitzen meinen Arm, da steht dein Name.


Bei allen diesen Stellen habe ich die Erwähnung des Namens eher als ärgerlich, weil als überflüssig empfunden. Wenn das LI im Bett liegt benötige ich die Extra-Mitteilung des Namens auf ihrer Haut gar nicht, und außerdem wird gerade in diesem Absatz wird dieses Bild noch zweimal benutzt.
Wenn bei den anderen beiden zitierten Stellen der Arm des LI ins Spiel kommt weiß ich als Leser bereits, dass der Name des einen Bruders dort steht. Ich kenne das Bild bereits. Es ist unnötig dies extra zu erwähnen. Du schaffst soviel Stimmung – hier könntest du durch Weglassungen noch mehr Stimmung schaffen. Denn wenn ich „streiche über meinen Arm“ oder „er berührt mit den Fingerspitzen meinen Arm" lese, so habe ich durch den vorangegangenen Text bereits ein Bild des Arms des LI mit Namen darauf erhalten, welches dann aktiviert, zugleich aber sofort danach von dir als Autorin selbst ausgesprochen wird – was ärgerlich ist.

Weitere kleine Krittelei, von Sandro übernommen


Du nimmst keinen Almosenbeistand


Kannst du an dieser Stelle weglassen, geht aus dem Kontext hervor.

Übrigens, um ein kleines Lob dagegenzusetzen, war es gut dass du den ersten Satz überarbeitet hast. Jetzt ist klarer, dass sie den patenten Bruder zuerst sieht.

Ein großes Thema, das ich noch mal anstoßen will, zu dem ich aber keine eigene Meinung habe, ist, ob es dem Maler und ihr nicht an einer gemeinsamen Geschichte mangelt. Was verbindet die Beiden eigentlich? Wieso will sie mehr von diesem „Verlorenen“, wie mög ihn so schön bezeichnet („Nichtsnutz“ finde ich hingegen unangebracht)? Aus der Geschichte geht das für mich nicht hervor. Allerdings fragt es sich, ob das notwendig ist? Möglich, sogar in relativ wenigen Sätzen, wären solche erklärenden Einschübe schon. Aber die Frage ist ob man sie wirklich braucht…

Zum Abschluss: Du hast abermals einen prima Text geschrieben. Das merkt man ja auch an der Kritik, die sich weitgehend mit Kleinigkeiten, die es noch zu verbessern gilt, beschäftigt.

Wenn du jetzt endlich deine Bequemlichkeit in Sachen Rechtschreibung - ich formuliere das mal bewusst so hart - ablegst, wäre das ein wichtigerer Schritt als er dir vielleicht erscheint. Fang am Besten gleich mal mit dem Text "leeres Haus" damit an...

Hey, viele werden nie so gut schreiben können wie du und du verschluderst oft in wirklich hervorragenden Texten Teile ihrer Wirkung mit handwerklichen Fehlern. Das ärgert mich langsam und es sollte vor allem dich ärgern - weil es so unnötig ist.


Liebe Grüße,

Hamburger
"If it's a hit? - Yeah, that's me! If it's a miss? - Yeah, that's me!" (Robert Palmer)

Edekire
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Re: Zwei Brüder

Beitragvon Edekire » 22.09.2005, 00:52

Also erstmal vielen Dank für eure Kommentare!

Hm, die Sache mit den REchtscheibfehlern...Das ist eigentlich eine sehr hohe Korrekturstufen, die diverse verbesserungsrunden und auch noch die Verbesserung von der Werkstatt enthält. Dieses eine mal ist es sozusagen keine Faulheit. Es könnte sein das ich irgendwann mal eine falsche Version erwischt habe, da bin ich mir nicht sicher.

@ Razor

Hm, ich muss zugeben, das ich mich in der Realen Welt irgendwie wohler fühle. Das musss nicht heißen, dass ich nie wieder was surreales schreibe. :-)
Danke für das Lob.

@ Mög

Ja so ungefähr war das Gedacht. DAs mit dem Schmutz ist so eine Sache. DAs war mehr oder minder das erste was von der ganzen Geschichte existiert hat. er ist sicher verloren, ich weiß nicht, ist sie es nicht auch?

@ Ham

Ich muss zugeben, mich hat das da irgendwie gewundert, dass die Geschichte so schwer zu verstehen sein soll ;-)
Über die Stellen des Hauptmotivs werde ich auf jeden Fall nachdenken. Ich mag zu deutlich gesagte Dinge nicht und wenn du davor warst, dann sehe ich mir das natürlich genau an.

Was leeres Haus betrifft, das wird noch ein bisschen dauern. Ich habe angefangen den zu bereinigen, aber ich merke das ich da so viel ändern will an der Sprache, das missfällt mir alles so sehr, das es dauern wird bis ich mit einer Überarbeitung fertig werde.
Liebe Grüße

Edekire
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
sarah kane


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