Benjamins Flügel

In diesem Forum kann sich jeder mit seinem Text der Kritik des Publikums stellen. Selbstverständlich auf eigene Gefahr ...
Ramona Heber
Kerberos
Beiträge: 5
Registriert: 21.01.2013, 23:26
Wohnort: Lößnitz

Benjamins Flügel

Beitragvon Ramona Heber » 10.05.2015, 16:28

Bis zu dem Moment als er an der Ampel stehenbleiben musste, war sich Benjamin noch gar nicht bewusst gewesen, dass er auf dem Weg nachhause war.
Das rote Leuchten der Ampel und die Traube der Menschen, die am Straßenrand standen, zwangen ihn ebenfalls stehenzubleiben. Nur für den Bruchteil einer Sekunde hob er den Kopf und erfasste mit diesem Blick das, außer einer alten Frau und ihm, alle anderen Handys in den Händen hielten.
Diese Situation kam ihm mehr als lächerlich vor. Es konnte nicht sein, dass alle so wichtige Dinge zu klären hatten. Dieses oberflächliche Massengehabe machte den jungen Mann derartig wütend, dass er sich zu dem am nächsten Stehenden umdrehte und ihm das Telefon aus der Hand schlug.
Dann schob Benjamin die Frau die vor ihm stand zur Seite und überquerte, obwohl noch immer Rot war, eilig die Straße.
Er konnte das wütende Brüllen des Mannes hören, dessen Handy vermutlich nur noch Schrott war
und auch das Schimpfen über sein unmögliches Verhalten, obwohl Kinder an der Straße standen.
Normalerweise hätte er sich auch nicht so verhalten. Doch dieser Tag war eben nicht normal.
Ben wollte nichts anderes als endlich die Tür hinter sich zu schließen und nichts, aber auch gar nichts mehr zu hören. Er zog weder Jacke noch Schuhe aus und ließ sich einfach bloß in seinen Sessel fallen. Dort saß er unbeweglich mit geschlossenen Augen und versuchte ruhig zu atmen.
Auf keinen Fall wollte er jetzt nachdenken, über das was er vor einigen Stunden gehört hatte.
Bis Morgen musste er eine Entscheidung treffen, nicht sofort.
So saß der junge Mann fast eine Stunde da. Die Arme hinter dem Kopf verschränkt, die Augen geschlossen und die Beine weit von sich gestreckt.
Aber dieses scheinbare entspannt sein war trügerisch. Schon einen Augenblick später sprang er auf und verpasste dem Möbelstück, auf dem er gerade noch gesessen hatte, einen derben Fußtritt.
Dann griff er nach einer Kristallschale, die auf dem Tisch stand und knallte sie mit voller Wucht an die gegenüberliegende Wand. Aus der Nachbarwohnung war lautstarker Protest über die Störung zu hören. „Halt doch einfach die Schnauze.“ brüllte Benjamin und warf sich auf das Sofa.
Er wusste ja selbst, dass er sich unmöglich verhielt und das seine Nachbarn eigentlich ganz nette Leute waren. Und er selbst war eigentlich auch nicht so ein Arschloch, für das man ihn im Moment halten musste.
Wie sollte er mit dem Umstand umgehen, dass er vermutlich bald sterben würde? Benjamin fühlte sich elend und allein. Sicher, er hatte Freunde und er hatte seinen Glauben. Er vertraute auf Gott und er wusste, was auf die Welt zukam. Über all das wusste er Bescheid. Aber jetzt fürchtete er sich vor der Endgültigkeit die der Tod plötzlich bedeutete. Es gab so Vieles das er nun nicht mehr zum Ende bringen konnte. Er hatte Pläne und er hatte sich ehrlich für Gott entschieden. Jetzt, da er all seinen alten, zumeist schlechten Gewohnheiten, abgeschworen hatte, jetzt sollte er sterben?
War das nicht irgendwie ungerecht?
Ben hatte den Kopf auf den linken Arm gelegt, während die Finger seiner Rechten sich in den Bezug des Sofas krallten. Der junge Mann sog die Luft tief ein und stöhnte leise.
„Warum lässt du das passieren?“ flüsterte er und drehte sich auf den Rücken. Er starrte an die Decke über sich, die er erst vor einer Woche frisch gestrichen hatte und fragte sich, wofür er das getan hatte.
Wenig später setzte er sich auf, lehnte den Kopf gegen die Wand und sah zum Fenster hinaus.
An Colin hatte er bis jetzt auch noch nicht gedacht. Er musste mit ihr reden und zwar noch heute.
Vielleicht war es besser, wenn er jetzt rausgehen würde. Also stand er auf, kämmte seine Haare und machte sich auf den Weg zum Park. Dort am See fühlte er sich immer Gott irgendwie näher als anderswo und außerdem hatte er sie dort kennengelernt.
Colin hatte ihn damals angesprochen und gefragt: „Hast du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, woher das Leben gekommen ist?“ Damit hatte sie ihn genau an der richtigen Stelle getroffen. Über all das dachte er seit einiger Zeit wirklich nach, ohne eine befriedigende Antwort zu finden. Bis dahin war er nur von einem überzeugt, Zufälle gab es nicht. Alles hatte eine Bedeutung.
Er lief langsam an den Menschen vorbei, die gehetzt durch den Gedanken, dass bald ein neues Jahr begann, an ihm vorbei strömten, um noch rasch Feuerwerkskörper zu kaufen.
Es war der letzte Tag des alten Jahres und Benjamin fragte sich, wie viel von diesem neuen Jahr noch für ihn vorgesehen war. Eigentlich ging er nur selten zum Arzt und auch diesmal war er nur hingegangen, weil diese blöden Kopfschmerzen ihm sogar den Spaß am Autofahren verdarben, dass eines seiner Hobbys war.
Sein Hausarzt hatte gemeint: Da gehst du gleich mal zum MRT, dann wissen wir genau Bescheid, ob es nur vom Rücken kommt. Vorgestern war er zu der empfohlenen Untersuchung gegangen und schon gestern hatte sein Doc ihn angerufen und gemeint: „Komm Morgen mal in die Praxis, wir müssen uns über den Befund unterhalten.“
Irgendwie hatte ihn schon in diesem Augenblick ein ungutes Gefühl beschlichen, aber Benjamin hatte alle weiteren Gedanken verdrängt.

Jetzt hatte er das Gespräch hinter sich gebracht und musste feststellen, dass Minuten ausreichten, um den Plan den ein Mensch für sein Leben hatte, komplett über den Haufen zu werfen. Er war wütend und fühlte sich wie eine Marionette, an deren Fäden jemand nach belieben zog und sie hampeln ließ. Es war nicht so, dass er Gott als den Schuldigen dafür sah. Doch er fragte sich, warum der zuließ was geschah. Er musste doch wohl einen Grund dafür haben ihm das anzutun.
Ben versuchte trotzdem an seine Güte zu glauben, auch wenn es ihm schwer fiel. Gott hatte gesagt, dass er die Menschen liebt und dass er sie nicht fallen lässt. Benjamin glaubte daran.
Er dachte an Hiob, der egal was ihm passierte, an dieser Liebe festhielt und das obwohl er noch nicht einmal etwas von Jesus und all den anderen Beweisen der Liebe Gottes wusste.
Inzwischen hatte Benjamin die Menschen und die Straßen längst hinter sich gelassen und war im Park angekommen. Er ging hinunter ans Ufer des kleinen Sees und lehnte sich mit dem Rücken gegen einen der Bäume. Dicht über der Wasseroberfläche flogen zwei Enten und steckten ab und an den Kopf in das Wasser. Jetzt musste er sogar lächeln, denn diese Enten schienen eine gute Metapher für sein eigenes Leben zu sein. Nur in gewissen Abständen konnten sie erkennen was unter der Oberfläche lag. Vermutlich war das bei ihm genauso.
In diese Gedanken hinein klingelte sein Telefon und er kramte es aus der Jackentasche. Auf dem Display stand Colins Nummer und daneben blinkte das Symbol des fast leeren Akkus, dass er wie sonst auch zu lange ignoriert hatte. Also musste er sich jetzt kurz fassen und drückte die grüne Taste. „Wo bist du?“ fragte eine Frauenstimme. „Im Park.“ erwiderte er und dann brach das Gespräch ab. Ohne noch weiter darüber nachzudenken steckte der Sechsundzwanzigjährige sein Telefon wieder ein und sah den Enten weiter zu. Auf dem See selbst schwammen einige die noch recht jung aussahen. Sie waren vermutlich etwas zu spät ausgeschlüpft und hatten es jetzt schwerer zu überleben. Auch diesen Umstand konnte der Mann gut auf sein Leben übertragen.
Auch er hatte lange gebraucht, um zu erkennen, dass seine Eltern damals richtig gelegen hatten mit ihrem Glauben an Gott. Lange Zeit war er rebellisch gewesen und war seinen eigenen Vorstellungen gefolgt. Bis er letztlich doch feststellen musste, dass alles nicht wirklich taugte um sich glücklich zu fühlen. Man konnte nur zufrieden sein wenn man Stellung bezog zum Schöpfer der Dinge, der dem Menschen die Wahl des Dafür oder Dagegen Seins ließ. Er hatte sich dafür entschieden und wollte immer mehr von all dem verstehen. Aber weil er sich bewusst war, dass er bisher nur wenig verstanden hatte, fühlte er diese Furcht vor dem Ende. Wenn er nun nicht gut genug war, um in Gottes Gedächtnis zu sein, was dann? Er würde verloren gehen in der ewig währenden Trennung von ihm. Er spürte, wie Tränen über seine Wange liefen und wischte sich über das Gesicht.
Von der Straße her konnte er hören, dass ein Auto hielt und wenig später Schritte durch den matschigen Boden auf ihn zukamen. Er drehte sich nicht nach der Frau um und versuchte seinem Gesichtsausdruck die Traurigkeit zu nehmen. „ Hallo Ben.“ rief die junge Frau und blieb stehen.
Sie konnte spüren, dass etwas nicht stimmte und ging um den Baum herum. „Was ist passiert?“
fragte sie und griff nach der Hand des Mannes, der noch immer unbeweglich am Baum lehnte.
Benjamin wollte nicht weinen, er wollte stark sein und doch, als er jetzt Colins warmen Händedruck spürte und daran dachte, dass all das vielleicht bald nicht mehr so sein würde, da stiegen Tränen in seine Augen. Er zog die Frau an sich und drückte sein Gesicht in ihr weiches, nach Flieder duftendes Haar. Colin machte sich sanft von ihm los und legte ihre Hände um seine kalten Wangen.
Sie war sicher, dass etwas Schlimmes der Grund für sein Verhalten sein musste. „Lass uns zu der Bank gehen und reden.“ sagte sie in die bedrohlich wirkende Stille hinein. Ben öffnete die Augen und nickte. „Okay.“ Er griff nach ihrer Hand und steckte sie mit in seine Jackentasche. Colin war ihm jetzt ganz nah und sie konnte selbst durch die dicken Winterjacken hindurch spüren, wie sehr sein Herz schlug.
Fünf Minuten danach saßen sie eng aneinander geschmiegt auf der Bank, die man vermutlich vergessen hatte wegzuräumen und Benjamin erzählte ihr von seinem Arztbesuch. Colin sagte zuerst gar nichts, doch dann lehnte sie sich an seine Schulter und hielt seine Hände ganz fest mit den ihren umschlossen. „Das muss noch nicht bedeuten, dass du sterben wirst. Ben, einen Hirntumor kann man überleben.“ „Ich weiß.“ erwiderte er leise „Aber werde ich danach auch noch der sein der ich jetzt bin? Oder kann ich mich vielleicht nicht einmal an uns erinnern? Dafür kann mir keiner eine Garantie geben. Ich habe furchtbare Angst, verstehst du das?“ Colin wand ihm ihr Gesicht zu.
„Natürlich versteh ich das und auch ich möchte dich nicht verlieren, egal auf welche Weise.“
Sie reckte sich zu ihm hoch und küsste ihn. „Ich liebe dich Benjamin.“ flüsterte sie. Er erwiderte ihren Kuss und spürte dieses Kribbeln, dass immer über seinen ganzen Körper zog wenn sie sich nahe waren. „Lass uns bitte nachhause fahren.“

Zuhause angekommen konnte er sehen, dass Colin die Auswirkungen seines Wutanfalls schon beseitigt hatte und frische Blumen auf dem Tisch standen. Während die Frau die Jacken in den Garderobenschrank hängte rief sie zu Benjamin hinüber. „Ich lass dir gleich ein Bad ein.“
Ben hatte sich inzwischen auf das Sofa gesetzt und sah zum Fenster hinaus.
Ausgerechnet jetzt musste er daran denken, wie wunderschön die Reise durch Schottland gewesen war. Er war einfach ohne festes Ziel mit Colin unterwegs gewesen. Mal hatten sie im Auto, dann wieder in einem Gästezimmer bei wildfremden Menschen und auch einfach unter freiem Himmel geschlafen. Seit zwei Jahren waren sie jetzt zusammen und waren glücklich. Nach all der Zeit, in der Benjamin auf der Suche nach dem Glück gewesen war, hatte er begonnen bei Colin zur Ruhe zu kommen. Es war, als hätte sie ihn an die Hand genommen und führte ihn zurück auf den besseren Weg. Sie tat ihm wirklich gut.
Wieso schrumpfte sein Leben jetzt zusammen auf diese Erinnerungen und die Furcht davor, selbst die noch zu verlieren? Der Mann konnte nicht verhindern, dass sein ganzer Körper von diesem Zittern erfasst wurde. Er zog die Decke von der Lehne und legte stöhnend den Kopf gegen das Polster. Ich verstehe dich nicht, aber ich will dir vertrauen. flüsterte er.
„Ben, kommst du?“ rief Colin aus dem Bad. Obwohl er sich elend fühlte quälte Benjamin sich hoch. Er musste sich zusammenreißen. Andere schafften es auch und immerhin war er nicht allein.
„Ich komme, Schatz.“ rief er und legte die Decke zurück auf das Sofa. Ob es nun diese Bewegung war oder dieser kurze Schmerzimpuls, den er jetzt empfand. Ben kniff kurz die Augen zu, in der Hoffnung, dass ihm dann nicht mehr schwindlig sein würde.
Aber stattdessen begann sein Herz so heftig zu hämmern, dass er Todesangst empfand. Obwohl er versuchte ruhig zu atmen wurde es immer schlimmer. Er drehte sich zum Sofa um und ließ sich davor auf die Knie fallen. Während er krampfhaft versuchte weiterzuatmen wurde das Hämmern in seinem Körper immer stärker und gipfelte in einer Art Welle, die bis in seinen Kopf schoss.
Dann brach plötzlich jede Verbindung ab und er spürte nur noch, dass etwas ihn nach oben riss.
Colin spürte seinen Fall mehr als sie ihn hören konnte und stürzte ins Zimmer.
Für den Bruchteil eines Augenblicks gewann ihre Panik die Oberhand, doch dann atmete die Frau tief durch und griff nach dem Handy, das auf dem Couchtisch lag. Sie wählte den Notruf und gab alle unbedingt notwendigen Angaben durch.
Es fiel ihr unglaublich schwer nichts für Benjamin tun zu können. Sie konnte sehe wie sehr sein Herz hämmerte und legte sanft ihre Hand auf seinen Rücken. Und obwohl sie jetzt keine Worte finden konnte wusste sie, dass Gott sie sah. Colin war überzeugt davon, dass alles was wir Menschen taten von Gott gesehen wurde. Unser alltägliches Leben konnte Gott Freude bereiten oder ihn traurig machen. Bitte flüsterte sie leise und unterdrückte ihre Tränen lass ihn bei mir bleiben.
Behutsam strichen ihre Finger durch das schulterlange Haar und das Klingeln an der Wohnungstür riss sie brutal in die Realität zurück. Colin stand auf um zu öffnen.
Sie ließ die Sanitäter und den Notarzt durch. Die vielen Menschen bildeten eine undurchdringlich erscheinende Mauer und Colin spürte ihre Hilflosigkeit noch weit stärker als vorhin. Ich kann euch quälen und was macht Gott? Warum hilft er ihm nicht? Diese Gedanken fraßen sich innerhalb von Sekunden in ihr Denken und fast wäre sie ihnen erlegen. Doch es war die Stimme des Arztes die sie davor bewahrte. „Liegt eine Vorerkrankung des Herzens vor?“ fragte er, ohne sich umzudrehen.
„Nein, dass nicht. Aber vor Kurzem wurde ein Hirntumor diagnostiziert. Er sollte in der nächsten Woche operiert werden.“ Der Arzt nickte ohne etwas zu erwidern. Colin konnte sehen, dass er Ben
in die Augen leuchtete und dann Anweisung gab ihn schnellstmöglich in die Klinik zu schaffen.
Während die Sanitäter alles zusammenpackten, drehte der Notarzt sich an der Tür zu ihr um und sagte: „Vermutlich drückt der Tumor auf das Gehirn und erzeugt damit die Ausfälle. Er muss so schnell wie möglich operiert werden.“ „Und wie sind seine....“ Colin bekam kaum Luft und stieß den Atem geräuschvoll aus. Der Mann legte seine Hand auf ihre zitternden Finger, mit denen sie sich an den Türrahmen klammerte. „Das kann ich ihnen jetzt nicht sagen. Kommen sie, wir müssen los.“ Colin griff nach dem Schlüssel, der auf der Kommode lag und zog die Tür hinter sich zu.

Es war ihr egal, dass die Nachbarn hinter den Gardinen standen, um ja nichts zu verpassen.
Und auch die gaffenden Passanten, die stehen blieben, machten ihr nichts aus.
Einer der Männer reichte ihr die Hand und half ihr beim Einsteigen. Die Türen wurden zugeschlagen und der Krankenwagen setzte sich in Bewegung. Das Geräusch der Sirene fühlte sich bedrohlich an und ließ das Ganze noch weit beängstigender wirken als es ohnehin schon war.
Nur ganz langsam gelang es der jungen Frau sich zu beruhigen. Sie saß da, den Schlüssel fest mit den kalten Fingern umschlossen und starrte auf den Rücken des Mannes, der Benjamin genauestens beobachtete. Die Situation kam ihr so unwirklich vor. Noch vor wenigen Tagen war alles normal. Und jetzt? Auch wenn sie versucht hatte Ben Mut zu machen, fühlte sie nicht weniger Angst als er.
Natürlich war ihr bewusst, dass Komplikationen auftreten konnten und es war noch immer so, dass die Menschen starben. Der Tod hielt sich an keine Altersbegrenzung.
Colin fühlte sich so zerrissen. Obwohl sie Gott vertraute, war da auch diese Furcht vor dem Verlust.
Es entsprach ihrer festen Überzeugung, dass das eigentliche Leben nach der Vernichtung alles Bösen beginnen würde. Dann würden sie für immer zusammen sein und doch wollte sie auch jetzt, hier auf dieser unvollkommenen Welt, keinen ihrer Tage ohne Benjamin verbringen. Gott konnte von ihr verlangen was er wollte, nur Ben wollte sie nicht hergeben, weil er zu einem Teil von ihr geworden war.
„Komm her Tom, er atmet nicht mehr. Wir müssen intubieren.“ Der zweite Sanitäter zog eines der Fächer auf und reichte seinem Kollegen den Beatmungsschlauch zu, während der sich über Benjamin beugte. Die beiden Männer schienen vergessen zu haben, dass Colin hinter ihnen saß und kämpften verbissen um das Leben des Sechsundzwanzigjährigen.
Die Frau hatte aufgehört zu denken, oder zu fühlen und kam erst wieder zu sich als sie auf dem Gang der Klinik saß. Sie hatte ohne jede Regung in diesem Auto gesessen, hatte durch den Schleier ihrer Wahrnehmung registriert, dass Bens Herz aufgehört hatte zu schlagen. Als die Stromstöße des Defibrillators durch seinen Körper schossen wurde er empor geschleudert und Colin hatte immer nur gedacht Lass ihn mir, bitte.
Nachdem das Auto gehalten hatte, war alles ganz schnell gegangen und die Männer waren mit ihm hinter dieser Tür, mit dem harmlos wirkenden Milchglas, verschwunden.
Während Colin auf dem Stuhl nach hinten rutschte legte sie den Kopf gegen die Wand und schloss die Augen. Und auch als sich jetzt jemand auf den Stuhl neben sie setzte, war sie nicht gewillt daran etwas zu ändern. Aber dieser Jemand blieb hartnäckig sitzen und raubte ihr schon durch seine bloße Anwesenheit den letzten Nerv. Entgegen ihrer sonst freundlichen Art atmete die junge Frau genervt, tief ein und stieß zwischen zusammengekniffenen Lippen hervor. „Es gibt genug andere Plätze, müssen sie ausgerechnet hier sitzen?“
„Ist ja schon gut, Entschuldigung. Ich wollte sie eigentlich nur fragen, ob wir einen Kaffee trinken gehen.“ An diese Stimmer erinnerte sich Colin, sie gehörte dem Notarzt. „Bitte. Bleiben sie.“
Der Mann, der inzwischen aufgestanden war, kam die wenigen Schritte zurück und setzte sich wieder. „Entschuldigung, ich bin ziemlich fertig. Aber sie haben Recht. Ist kein Grund um so unhöflich zu sein. Ich bin Colin und danke.“ Der Mann reichte ihr die Hand. „Thomas. Es wird noch eine Weile dauern bis Neurologe und Chirurg mit ihm fertig sind. Dann erst können sie operieren.“ Für einige Sekunden saßen sie schweigend nebeneinander und Thomas beobachtete die Frau aus dem Augenwinkel. Es war nicht gut für sie, wenn sie nicht abschalten konnte und er machte einen erneuten Versuch, indem er aufstand und sie sanft am Arm packte. „Nun kommen sie schon. Sie müssen was Trinken und Essen. Bitte, er hat nichts davon wenn sie zusammenklappen.“
Obwohl es Colin schwer fiel Benjamin alleinzulassen folgte sie Thomas Worten und stand auf. Langsam lief sie neben dem Mann, der in etwas Bens Statur hatte, her und spürte jetzt selbst, dass ihr Körper kurz davor stand aufzugeben. Die junge Frau machte zwei eilige Schritte zur Seite und stützte sich auf einem Fensterbrett ab, weil sie sonst vermutlich umgefallen wäre. Thomas war sofort hinter ihr und legte seinen Arm um ihre Schulter. „Alles klar, können sie weitergehen?“
Colin nickte und schob die Hand des Mannes von ihrer Schulter. Es war unerträglich für sie einen anderen Menschen so nahe zu spüren. Thomas spürte wie ihm eine heiße Welle ins Gehirn schoss.
Hatte die Frau ihn jetzt etwa missverstanden? Er stand hilflos hinter ihr und fühlte sich so albern.
Wie konnte sie nur denken, dass er so einer war? Obwohl es ihr wirklich schwer fiel noch klare Gedanken zu fassen, erfasste die Frau die entstandene Situation und drehte sich um. „Das hat nichts mit ihnen zu tun Thomas.“ Mit dieser Erklärung musste der Mann jetzt einfach zufrieden sein.

Fünf Minuten später saßen die Zwei an einem der kleinen Tische in der Cafeteria und rührten verlegen in ihren Tassen. Colin ließ ihren Blick durch den Raum gleiten und fragte dann, ohne den Arzt dabei anzusehen. „Was denken sie, wie seine Chancen stehen?“ Der Mann schüttelte den Kopf. „Colin, es ist wie ich es ihnen schon gesagt habe. So einfach ist diese Frage nicht zu beantworten.
Das Gehirn ist so empfindlich und es hängt alles in unserem Körper davon ab. Ich kann ihnen keine Antwort geben. Tut mir leid, sie müssen abwarten.“
„Thomas“ sagte sie und sah dem Mann dabei in die Augen „Glauben sie an Gott?“ Mit allem möglichen hatte er nach seiner Antwort gerechnet, mit Tränen und Zorn, aber nicht damit.
Seine Verunsicherung stand ihm vermutlich ins Gesicht geschrieben, als er den Kopf schüttelte und antwortete: „Nein das kann ich nicht. Jeden Tag muss ich so viel Leid sehen. Wenn da ein Gott wäre würde er das ändern.“
„Wissen sie was? Ich glaube an ihn und darum geh ich jetzt wieder zu meinem Freund.“
Die junge Frau stand auf und überließ Thomas seiner Verunsicherung.
Während Colin, durch das Labyrinth der Gänge, zurückging zur Notaufnahme wurde ihr bewusst, dass es in ihr im Moment genau so verworren aussehen musste. Dieser Tumor hatte sich nicht nur in Benjamins Kopf eingenistet. Ben und sie waren so eng miteinander verbunden, dass sie im wirklich wörtlichen Sinn miteinander litten.
An einem der Übergänge zum nächsten Klinikgebäude prangte ein Hinweisschild das den Weg zur Krankenhauskapelle auswies. Zuerst wollte Colin dem Schild folgen, blieb dann aber bei ihrem ursprünglichen Plan. Gottes Nähe hatte nichts mit irgendwelchen besonderen Orten oder bestimmten Handlungen zu tun, sondern mit der Einstellung des Herzens. Und obwohl sie sich noch vor wenigen Augenblicken verunsichert und trostlos gefühlt hatte war ihr Inneres jetzt voller Gedanken die ihr Mut machten. Sie kämpfte sich durch das Gefühlschaos in ihrem Herzen und griff nach der Wahrheit, dass Gott ein liebender Vater für die Menschen sein wollte. Und auch wenn sie jetzt verunsichert und ängstlich war, änderte das den Wahrheitsgehalt dieser biblischen Aussage nicht. Auch wenn ich dich nicht verstehe, so vertraue ich dir doch, Vater. Flüsterte sie und nahm wieder vor dem Zimmer Platz, in dem noch immer die Vorbereitungen zur Operation getroffen wurden.
Die ganze Hektik und Geschäftigkeit berührte sie jetzt nicht mehr. Als sich etwa zehn Minuten später jemand auf den Stuhl neben sie setzte, wusste sie ohne ihre Augen zu öffnen, dass es Thomas war. Colin legte den Kopf gegen die Wand und atmete tief ein. Der Arzt hob entschuldigend die Hände. „Ich bin gleich wieder weg. Ich will ihnen wirklich nicht auf die Nerven gehen, aber ich versteh das nicht. Wie können sie im Ernst glauben, dass da ein lieber Gott walten sollte? Bei all dem Scheiß den der Mann da drin durchmacht und sie ebenso.“
Colin öffnete die Augen und drehte sich zu dem Mann um. „Eben weil ich schon so Vieles erlebt habe, dass mir die Zuwendung und Liebe dieses Gottes gezeigt hat. Wenn sie mit jemandem eng befreundet sind und er tut etwas, dass sie in dem Moment nicht begreifen können. Geben sie da gleich die Freundschaft auf, oder versuchen sie herauszufinden warum es so ist?“ „Ja das mag sein.
Aber sagen sie Colin, wo ist der Sinn ihres Glaubens überhaupt? Wenn sie dennoch das gleiche Leid zu tragen haben wie alle anderen Menschen. Warum glaubt man dann überhaupt an diesen Gott?“
„Ich weiß nicht, ob ich all das was in meinem Leben über Jahre gewachsen ist so komprimieren kann, um ihre Frage zu beantworten. Zuallererst bin ich davon überzeugt, dass er die Kraft hinter der Entstehung des Lebens ist. Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass wir und die Welt die uns umgibt ein Produkt des Zufalls sein sollten.“
Irgendwo in einem der Zimmer fiel klirrend eine Flasche zu Boden und unterbrach Colins Gedanken. „Ich sehe das Leben als ein Geschenk, selbst wenn es nicht immer leicht ist. Wenn es den Menschen die an ihn glauben nur gut ginge, denken sie nicht, dass das zu einfach wäre?
Wo könnte man da eine echte Hingabe erkennen?“
„Das mag stimmen.“ erwiderte Thomas „Aber sie wollen Benjamin doch sicher nicht verlieren.
Wie würden sie damit umgehen, sollte er sterben?“ Colin wollte ehrlich antworten und nicht etwas sagen, dass sie im Moment nicht aus vollem Herzen würde unterschreiben können. „Ich würde ganz furchtbar leiden und sicher wäre es eine Last über die Grenze des Erträglichen hinaus. Dennoch
wünschte ich an Gottes Liebe festhalten zu können.“
Thomas sah die junge Frau an und schüttelte verwirrter als zuvor den Kopf. „Das hört sich einfach unglaublich für mich an. Aber es muss etwas Wahres an diesem Gott sein, wenn Menschen selbst unter solchem Leidensdruck an ihm festhalten.“
Er hatte kaum ausgesprochen, als sich die Tür des Behandlungsraums öffnete und zwischen einer Traube weißer Kittel das Bett mit Benjamin auf den Flur geschoben wurde.
Er sah in diesen Kissen noch blasser aus als er ohnehin schon war. Colin strich behutsam über seine Wange, während sie den Worten des Professors folgte. „Wir sehen uns dann in zwanzig Minuten im OP meine Herrschaften.“ Und schon kurz darauf stand sie mit Thomas auf dem leeren Gang.
Jetzt fühlte sie sich total verloren. Wo war denn dieser OP und warum ließ man sie hier einfach so stehen? Ihr war schon klar, dass die Ärzte jeden Tag mit diesen Dingen zu tun hatten und doch wäre es nur ein Moment den sie aufbringen müssten, um Menschen wie ihr etwas von der Angst zu nehmen. Sie wusste gar nicht was genau sie jetzt fühlte, Angst oder Wut.
„Kommen sie, ich bring sie zum OP.“ sagte Thomas und deutete in Richtung des Aufzugs.
Colin nickte und ging schweigend neben dem Mann her. Insgeheim wünschte sie sich, er würde ihr jetzt keine weiteren Fragen mehr stellen. Thomas hatte tatsächlich den Wunsch mehr von ihren Ansichten zu hören, war aber feinfühlig genug ihren Zustand zu erkennen. Vielleicht ergab sich mal ein Gespräch zu einem besseren Zeitpunkt.
Die Tür des Aufzugs schloss sich und er setzte sich nach einem kurzen Ruckeln in Bewegung.
Colin umklammerte mit beiden Händen die Haltestange und sah ihrem Spiegelbild ins Gesicht, dass ihr aus der Wand aus poliertem Edelstahl entgegenblickte. Und was wenn er stirbt? Warum konnte der Teufel sie immer in solch schwachen Momenten entdecken? Sie schloss die Augen und dachte
Dein Wille geschehe. Der Aufzug blieb stehen und Colin war echt dankbar dafür. Jetzt konnte sie sich wieder auf das Geräusch der Schritte konzentrieren, oder Thomas würde etwas sagen. Auf keinen Fall wollte sie dieser boshaften, flüsternden Stimme des Bösen noch länger ausgesetzt sein.

Nun saß sie hier schon seit Stunden und versuchte sich Benjamins Gesicht vorzustellen. Warum hatten sie nicht schon viel eher bemerkt, dass ihm etwas fehlte? Sich diese Frage zu stellen war eigentlich unnütz, denn es änderte nichts mehr und war reinste Zeitverschwendung.
Von Zeit zu Zeit stand sie auf und lief langsam den Gang auf und ab, immer darauf lauschend ob sie etwas hören konnte, dass von Belang sein konnte. Aber hier draußen war nicht ein einziger Ton zu hören, es war totenstill.
Diese Stille wurde irgendwann von eiligen Schritten durchbrochen. Ein Mann rannte über den blank polierten Boden und verschwand hinter der Flügeltür, die Colin von Ben trennte. Zitternd ließ die Frau sich auf den Stuhl fallen und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Das war sicher kein gutes Zeichen.
Nach etwa einer dreiviertel Stunde hörte sie Stimmen und konnte die Erschütterung bis in ihren Körper spüren, die von den Rädern des Bettes herrührten, dass nun wieder auf den Gang geschoben wurde. Colin wagte nicht die Augen zu öffnen, aus Furcht davor, dass Bett könnte möglicherweise leer sein. Bleib ruhig ermahnte sie sich selbst und atmete betont tief ein. Ihr Herz hämmerte schmerzhaft gegen den Brustkorb und dieses Hämmern setzte sich bis in ihren Kopf fort.
Jemand legte ihr die Hand auf die Schulter und eine Frauenstimme fragte sie etwas, ohne das Colin die Worte verstanden hätte. Die Frau setzte sich neben sie. „Alles in Ordnung mit ihnen? Ihr Mann wird jetzt auf die Intensivstation gebracht. Später wird der Professor mit ihnen reden.“
Colin griff nach der Hand der Schwester und sagte im Aufstehen. „Danke, ich danke ihnen.“
Dann lief sie eilig zum Aufzug.
Auf der Intensivstation meldete Colin sich im Schwesternzimmer und bekam gesagt, dass sie noch warten müsste. Erst nachdem alle Überwachungsgeräte eingerichtet währen dürfe sie zu ihm.
Dieser Moment macht nichts aus, weil alles gut wird. dachte sie und nahm vor dem Zimmer Platz.
Jetzt wollte sie sich einfach nur freuen und nicht darüber nachdenken, ob es möglicherweise zu Komplikationen gekommen war. Das alles war nicht das Entscheidende.
Colin rieb sich ihre eiskalten Finger und legte sie ineinander. „Danke Vater.“ flüsterte sie, obwohl sie Gott eigentlich viel mehr sagen wollte.
Und dann brach ihre Fassade der Stärke endgültig zusammen. Sie atmete tief ein und ließ ihren Tränen freien Lauf. Als sich die Tür öffnete wischte Colin rasch über ihr Gesicht und stand auf.
„Sie können jetzt zu ihm.“ sagte die Schwester und schloss hinter ihr die Tür.

Ramona Heber
Kerberos
Beiträge: 5
Registriert: 21.01.2013, 23:26
Wohnort: Lößnitz

Re: Benjamins Flügel

Beitragvon Ramona Heber » 23.11.2016, 18:58

Hallo Ihr lieben Lesenden. Ich würde mich sehr freuen,wenn mal jemand ein paar Worte zu der Geschichte hinterlassen würde. In den Leseungen, an denen ich teilnehme, reagieren die Zuhörer meist und das wünschte ich mir hier im Forum auch. Gruß, Ramona


Zurück zu „Texte“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: Bing [Bot] und 3 Gäste