Friederike Pauly

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Kirsten
Erinye
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Friederike Pauly

Beitragvon Kirsten » 23.01.2017, 12:10

FRIEDERIKE PAULY
von
Mona Ullrich



1. Soll ich damit beginnen, daß ich meinen Namen auf dieses einfache weiße Papier schreibe? Ich bin Heinrich Gerhard Voss. Ich bin achtunddreißig Jahre alt. Ich war Deutscher. Ich habe eine Karriere hinter mir. Was ich sein werde, tun werde, weiß ich noch nicht. Vielleicht sollte ich aufschreiben, was ich erlebt habe. Es beschäftigt mich, nimmt mich gefangen. Es bewirkte, daß ich in diesen Zustand geriet. Ich brauche jetzt Besinnung. Aber ich bin zwar, zum Glück, gebildet genug, meine Gedanken ausdrücken zu können, weiß allerdings nicht, wie ich es schaffen soll, Nebensächliches wegzulassen oder wenigstens kurz zu fassen, mich in das zu vertiefen, was für mich Bedeutung hat. Wenn ich ein Schriftsteller wäre, würde ich wohl etwas daraus machen, daß ich mit Friedrich Sesemann meistens irgendwo saß, mit Friederike Pauly dagegen leidenschaftlich gerne spazieren ging, zum ersten Mal seit der Kinderzeit. Und ich würde den Sturz von der Treppe erwähnen, der ja auch eine Bewegung war, vielleicht auch das Ausruhen in Frau Paulys Bett, als ich sie gerade erst kennengelernt hatte, ja, natürlich auch das lange Liegen im Krankenhaus, nach jenem Sturz.
Es macht Spaß, sich solche Dinge zu überlegen. Es lockert den Geist etwas auf. Ich hätte nicht angenommen, daß so eine Lockerung nötig, gar möglich wäre, denn ich bin ja immer sehr ruhig, auch innerlich, denke mühelos nach und begreife schnell. Vielleicht ist das auch so eine Veränderung, so ein anderer Zustand, das Schreiben, Schriftstellern. Wenn es mir liegt, wer weiß, vielleicht verdiene ich damit in zwei Jahren mein Geld. Mit einem Enthüllungsbuch, wie sie jetzt in der Mode sind. Dann bräuchte ich mir über meine Zukunft auch nicht länger den Kopf zerbrechen. Ich würde mich totekeln, durch das Thema ebenso sehr wie durch die Beschäftigung.
Frau Pauly würde jetzt wieder sagen, das ist mein Zynismus, ich bin nicht ernst, auch nicht sachlich. Aber die Sachlichkeit ist schwer auszuhalten, wenn sie nicht da ist, mit ihrem stark auf die Nerven wirkenden Einfluß. An manches tastet man sich wohl besser mit größter Vorsicht heran oder faßt sich kurz. Abstraktionen sind wie Stahlbrücken über Abgründe.

2. Friedrich Sesemann hat ein Bild von ihr, sehr zierlich, in antikem Silberrahmen, und war so freundlich, es mir zu leihen, mit resigniertem, blutunterlaufenen Blick. Nun steht es links von mir auf dem Tisch. (Meine Stube, so heißt das hier, ekelt mich auch irgendwie, habe ich noch gar nicht beschrieben. Vielleicht schreibe ich ja noch auf, wie wir hergekommen sind, damit hätte ich dann den ganzen Ort.)
Ohne die Vorstellung, daß sie oder jemand wie sie dies einmal liest, würde ich mir keine große Mühe geben. Es ist allerdings eine verdeckte Vorstellung. Ich sehe, geistig, die ganze Zeit von ihr ab, damit ich mir wie ein erwachsener, selbständiger Mensch vorkomme. Was ja auch die Wahrheit ist. Seltsam, wofür wir andere brauchen – und daß überhaupt.
Sie ist auf dem Bild als Diana kostümiert, mit wirrem Haar, Stirnreif und dunklen Schräglinien auf den Wangen, eher Kriegerin als Jägerin, lächelt vielsagend, fast etwas roh. Das ist bezeichnend für Friedrich Sesemann, das habe ich ihm auch gesagt. Er war der beste Freund ihres Ehemannes, durch viele Jahre, hielt sich zumindest dafür, also hätte er ja ein Hochzeitsbild von den beiden haben können. Eigentlich hing er ja mehr an ihm als an ihr, zumindest nach außen hin. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das ganz verstehe, ob ich Friedrich Sesemann ganz verstehe.
Es mußte jedenfalls unbedingt etwas Fremdes, Verzerrendes sein. Oder ist das Phantasie – auf eine bestimmte Weise zu sehen, so sehen zu wollen? Dann ist es mir recht, das ich keine habe. Ich bevorzuge unsere gemeinsame Bekannte, wie die Natur sie gemacht hat und ihr besonderes Leben und Handeln. Es ist für einen phantasielosen Mann nicht leicht, das auf diesem Bild wiederzufinden. Die Streifen lassen nicht erkennen, weshalb man nicht einfach ein wunderhübsches Gesicht vor sich hat – da sind die etwas tieferen Augenhöhlen, der sich leicht verändernde sinnende Blick, die Bewegungen der Mundwinkel, die verhindern, daß sie auch nur so einen hübschen Puppenmund hat, von dem nichts zu erwarten ist, weder Güte noch Verständnis. Und wenn die Wahrheit über solche Lippen kommt, ist es besser, weit weg zu sein. Nicht jedes Menschen Wahrheit ist es wert, ausgesprochen zu werden. Nicht wenn er, sie niemals ehrlich waren und dafür einstehen mußten. Was im Keller ungenutzt lagert, wird schlecht. Wahrheiten gehören zwischen die Menschen, im Gespräch und im Lesen. So verändern sie sich die ganze Zeit, wie lebendige Wesen ... Noch eine künftige Beschäftigung für mich: Philosoph. Warum auch nicht.
Die Augen erkenne ich immerhin wieder. So war sie damals, vor drei oder vier Jahren: so sah ihre Seele aus diesen lebhaft schimmernden Augen heraus. Ich hätte meinen Kumpan fast gefragt, ob „Diana“, in welchem Stück auch immer, eine der Rollen war, die seine Geliebte in jener Zeit nicht bekommen hat, weil sie keine Friederike Pauly war, niemand, den man so leidenschaftlich gern sehen wollte. Aber ich verkniff mir das. Es wäre wiederum Zynismus gewesen.
Gerade kam er mit einer Tasse Tee zu mir hereingeschlurft, nach mattem Anklopfen, Tee ohne Zucker, Zitrone, Milch, aber er hatte immerhin die Initiative ergriffen, Tee gekocht, an mich gedacht, Tee, das passende Getränk für einen Mann der Feder, wie ich ja jetzt auch einer bin. Natürlich hatte er ihn selbst machen müssen, dickflüssig, etwas abstoßend, vielleicht ging da auch etwas schief. „Englische Allüren“, sagte ich, bedankte mich aber, so gut es ging, für diese Wohltat. Es ist ja wahr, daß man hier nicht gerade verschwenderisch heizt. Es war nett von ihm, außerdem ein Zeichen von Leben. Es ist dumm, daß mir die Engländerei dieses Mannes immer noch auf die Nerven geht, dumm, eine Fassade überhaupt noch zur Kenntnis zu nehmen, hinter die man geblickt hat.

3. Inzwischen haben wir auch zu Abend gegessen, denn der Tee lenkte mich vom Schreiben ab, förderte allerdings die Erinnerung und die Nachdenklichkeit, und anschließend ging ich noch für eine gute Stunde hinaus, wanderte durch den feuchten, ungemütlichen Abend. Aussicht ist derzeit nicht viel. Die Welt ist in Wasser gehüllt.
Tristesse beim Abendessen. Wir können ja nicht immer von den gleichen Dingen reden. Sie sind dafür nicht leicht genug, aber zwei Männer in einer Berghütte, so unterschiedlich wie ein Baum und ein Ziegenbock, der eine davon ein Stubenhocker, haben sich auch sonst wenig zu sagen. Es macht sich gerade jetzt bemerkbar, daß ich kein Intellektueller bin – unangenehmer als früher, jedenfalls für ihn. Ich bin sicher, daß er sich sonst besser fühlen würde. Ich rege ihn geistig nicht an beziehungsweise nur auf eine Art, die ihm zu schaffen macht.
Manchmal komme ich mir vor wie ein Arzt mit seinem Patienten. Dabei sind wir ja nur zwei Männer mit dem gleichen Problem. Wir wissen nicht weiter. Wir wissen nicht einmal, ob wir aufgehört haben, Feinde zu sein. Vielleicht werde ich ihn noch töten, vielleicht aber auch er mich, wäre das eine Wohltat für ihn – wer ist gefährlicher von uns beiden? Ich habe die Gewohnheit nicht aufgegeben, mit einer Waffe unter dem Kissen zu schlafen.
Nein, nach Philosophieren stand ihm nicht der Sinn. Er löffelte mit stierem, gehetztem Blick seine Suppe, pustete jedesmal geräuschvoll auf den Löffel, sah kränklich und ältlich aus, verbraucht. Was ihm wohl durch den Kopf geht, wenn ich nicht dabei bin? Sitzt er dann einfach irgendwo in der Ecke wie ein zerdrücktes Sofakissen?
Ich stand auf, nachdem wir den Nachtisch erhalten hatten, Birnenkompott, ich hatte den Geruch nicht gemocht, bin derzeit empfindlich wie ein halbwüchsiges Mädchen, sah mir lieber das Bücherbord an. Die ganze Bibliothek der Helenenhütte, zehn, elf Bände, vielleicht ist das sogar viel, denn ich habe ja kaum je Urlaub gemacht und kenne mich mit solchen Orten nicht aus – und wenn ich einmal Urlaub machte, ging es nicht gut aus. Die Geschichte von der Treppe. Der Tod des Freundes, des netten, lustigen Blondschopfes, als wir von der Brücke sprangen, in Seis, Südland, mit vierzehn. Da hatten wir uns gerade vier Tage gekannt.
Es gibt in dem Raum eine große Anrichte mit bunten Tellern und Krügen an der Wand darüber und zwischen den Fenstern getrocknete Blumen, Gerätschaften aus Holz und Metall und dieses Bücherbord. Die Fenster sind zahlreich, klein und quadratisch, mit rotkarierten Vorhängen versehen. Eine Puppenstube. Immerhin, vielleicht gab es hier Geist. Man unterschätzt die Leute hier leicht. Sie wirken vorgestrig, plump, geizig, kalt, mißtrauisch, aber sie führen auch ein hartes Leben. Sie müssen sich gegenseitig ertragen und dann dieses Wetter.
Es waren hauptsächlich erbauliche Schriften, abgesehen von einem Kinderbuch und einem Wanderführer. Gedichte, von einem mir unbekannten Verfasser, Zeugni oder Zeugini, ziemlich zart, und Geistliches. „Wir sind schlecht versorgt“, sagte ich zu Friedrich Sesemann, „hier gibt es nur Nahrung für reine Seelen, und Sie haben in ihrem Gepäck auch nichts dabei, darauf wette ich. Sie haben ja kaum Gepäck.“
„Wollen Sie denn lesen?“ fragte er still, resigniert, kaum von seinem Teller aufblickend. Er aß das ganze Kompott auf, man merkte kaum wie, es verschwand einfach unter seinem inzwischen etwas verwilderten Schnurrbart. Wie bei einem etwas merkwürdigen Tier. Die hängenden Schnurrbartenden und die gebeugte Haltung bewirkten, daß die Mundhöhle beim Essen oder auch Sprechen nicht sichtbar war. Als ob es da noch etwas zu schützen gäbe, da drinnen. Die Wahrheit ist ja längst heraus. Aber vielleicht treibt ihn etwas, ungesehen von seinem Feind neue Kraft zu sammeln. Ganz wie ein Tier.
Die Wahrheit, die uns lähmt, weil wir ihr alleine gegenüber stehen, unschlüssig gegenüber den Betroffenen und gleichgültig gegenüber dem geltenden Recht, der längst chaotisch gewordenen Moral, also ohne Hilfe, so daß auch unsere dummen, herausfordernden Redereien von voriger Woche nicht mehr möglich sind, diese plumpen, selbstzufriedenen, immer gerade bis aufs Blut gehenden Reibereien – diese Wahrheit steht zwischen uns im Raum wie ein bedrängender, unterweltlicher Geist, wie Dampf. Das Vorgefallene ist eben doch zu unheimlich, um nicht von sich aus ein Recht zu fordern, das Recht auf Aufmerksamkeit.
Ich sagte, er vermisse doch sicher das gewohnte lüsterne Schwelgen in bedrucktem Papier. Mit der hiesigen Zeitung sind wir ja immer schnell durch, ein Wetterbericht, der nie aufheitert, Hochzeiten, Brunneneinweihung, ein Wanderer bricht sich ein Bein, die Welt weit weg, hinter kurzen, lustlosen Meldungen verborgen, ohne jeden Kommentar. „Ich kann nichts vermissen, was mich nicht interessiert“, sagte er, „aber ein gutes Buch, das wäre nicht schlecht.“
Er fuhr sich mit der Serviette über das Gesicht, stand auf, Krümel von seiner schmuddligen, ausgebeulten braunen Hose klopfend, und kam zu mir herüber. Er nahm mir das Buch fort, das ich in der Hand hatte – Zeugni, Zeugini – erinnerte an einen Lehrer dabei. Die bloße Annäherung an Gedrucktes gab ihm mehr von seinem alten Selbst zurück als die ganze lange, schwer verdauliche Mahlzeit. „Warum sind Sie so überheblich?“ fragte er, in dem alten, allgemein verhaßten überheblichen Ton. Er sprach so vor sich hin. Da fehlte nur noch die Pfeife im Mundwinkel. „Sie sind doch selbst so eine reine Seele mit Ihrer Skrupellosigkeit. Wer kein Unrecht kennt, kann auch nicht schuldig werden. Sie könnten ja das Kinderbuch lesen.“
Den Gedichtband bekam ich jedenfalls nicht. Und er wollte ihn auch nicht. Er stellte ihn zurück und musterte kritisch, was es da noch so gab.
„Wenn Sie die Belehrung über das richtige Beten nehmen, bin ich ganz einverstanden“, sagte ich zu ihm und griff mir „Puschi im Bärenland“, das übrigens von einem weiblichen Doktor der Theologie verfaßt ist, ich habe es hier, zum Beschweren der losen Blätter; glücklicherweise habe ich solches Zeug nie kennengelernt.
Da hatte er schon wieder den Halt verloren. Während ich mit ihm redete, wich er zurück, kniff die Augen etwas zusammen, wandte den Kopf ab, ertrug es wahrscheinlich nicht, so nah bei mir zu stehen, auch meine Stimme so nah. Als hätte ich es an mir, das Mörderische. Einen scharfen, schädlichen Geruch, einen beißenden Geruch, den Geruch des Todes: „Freund Hein“, so hat er mich ja gern genannt, als er sich noch mit mir, ich sage mal, amüsierte.
Er setzte sich dann tatsächlich mit so einem frommen Buch auf seinen Platz zurück, aber es war eines mit Predigten, ziemlich alt. Er las dann darin, redete kein weiteres Wort mehr mit mir. Bis auf sein „Gute Nacht!“ Und dabei blickte er kurz auf, ziemlich unglücklich aussehend, die Augen wie voller zurückgehaltener Tränen – sagte „Heinrich“, zum Abschluß, mit Überwindung, wie es schien, mit Pein, vielleicht sogar Peinlichkeit. Es gefiel mir besser als „Freund Hein“, obwohl ich ihn wiederum nicht verstand und wenig Lust dazu hatte. Vielleicht war es ja eine Tugendübung, wer weiß. Er wirkte, als nähme er diese Lektüre ernst. Vor einer Woche hätte er noch über die bloße Vorstellung einer solchen Szene gelacht. Und dabei hat sich inzwischen für ihn ja nichts weiter geändert, als erstens, daß er innerlich nicht mehr allein ist, und zweitens, daß der Weg zu der Frau, die er liebt, frei ist. Für das abstrakte Denken sind das nicht unbedingt Veränderungen zum Tragischen. Friedrich Sesemann ist eben, intellektuell oder nicht, ein Gefühlsmensch. Aber das hört er nicht gern.
Meine Beziehung zu ihm ist oberflächlich, gleichgültig; gelegentlich gibt es auch Unbehagen. Der Anblick seiner Hose zum Beispiel ist jämmerlich. Früher war das Unbehagen nur eine Störung, bald stärker, bald schwächer, leicht abzustellen, sobald mir der Mensch aus den Augen war. Vorherrschend ist eben die Gleichgültigkeit. Aber es ist möglich, daß ich dennoch Gewinn von diesem Menschen habe, den ich ja – trotz allem! – nicht einmal ernst nehmen kann. („Ein Spinner“, hätte ich gesagt, als ich noch schneller im Urteil war, gerade bei Gleichgültigem.)
Da ist sie also und sieht mir zu. Langsam gewinne ich die kleine Indianerin doch lieb. Es ist ja immer so einfach, sich mit ihr wohlzufühlen. Bis man dann plötzlich tief unter dieser blühenden, harmonischen, Widriges leicht umgestaltenden Oberfläche den harten Kern spürt, die dunkle, ungewohnte, vollkommen unerwartete Felshärte – sie ist wie ein Felsengarten oder als hätte sie heimlich Blei in den Adern. Ich hatte das Glück, daß sie das aufgab. Und ich weiß nicht, vielleicht ist das für immer gewesen.

4. Friedrich Sesemann, befragt, wie er sich unsere Geschichte vom Herzen schreiben würde, meinte, ohne lange nachdenken zu müssen, mit gequält-ironischem Ausdruck, er würde sich auf die Zerstörung der Familie Pauly konzentrieren, den Blick aus den Fenstern des Waldkrankenhauses auf die Ermordeten an den Anfang stellen, dann „Friederikes lange Flucht und ihre Verfolgung –“ „Durch wen?“ fragte ich. Ich tat das aus Gründlichkeit, sonst hätte ich es bleiben lassen. Es hätte Ärger geben können. Mir gefiel es nicht, daß er „Flucht“ gesagt hatte, und wenn er mit „Verfolgung“ auf mich angespielt hätte – aber er hatte es nicht so gemeint. Er sagte ruhig: „Na, wer hat sie denn all die Jahre verfolgt? Da gab es nur zwei, mich und das, wogegen ich immer gekämpft habe.“
Er hatte das „immer“ betont und sah mir dabei in die Augen. Allmählich scheint er sich zu erholen. Das kann nicht die Bergluft sein. Es ist wohl auch nicht unser Leben wie Bergmönche in alter Zeit, in anderen Ländern. Die Predigten allerdings, die scheinen die ideale Kost für diesen Menschen zu sein.
Das war beim Frühstück. Ich verkniff es mir, den Tod meiner Verlobten zu erwähnen, den Anblick, den man von der Wallmauer des fürstliche Schlosses aus gehabt haben muß: da lag sie, tief unten, wie eine weggeworfene große Puppe, jemand, auf den es nicht ankommt, mit dem ja auch ich gemacht habe, was ich wollte.
Dafür schien mir dieser Moralfanatiker doch noch zu krank zu sein.
Er würde also über das alles schreiben wie ein Journalist. Nur nicht so billig, wie es tatsächlich geschah. Nachdenklich. Tragisch.
Man könnte auch mit den beiden Festen beginnen, die den Untaten vorangingen. Es ist mir bisher gar nicht aufgefallen, auch niemandem sonst, glaube ich, daß in beiden Fällen zuerst Freude und Festlichkeit herrschten, zuerst das Kinderfest, später dann der Empfang auf dem Schloß zugunsten der Flüchtlinge.
Aber das wäre etwas für einen professionellen Schriftsteller. Ich war ja nicht dabei. Ich will mir solche Dinge auch nicht ausmalen. Ich besitze nur die Berichte darüber und was sie, Friederike, zu mir gesagt hat.
Wie ich sie kennengelernt habe – das ist schwer, verwirrend. Ich glaube, daß ich für diese kaum halbstündige Szene viele Seiten brauchen würde.
Ich glaube, ich beginne mit den Photographien, die ich in Nadias Gepäck fand, als ich es endlich ausgehändigt bekam. Ich habe sie unten im Tal gelassen, aber ich würde auch keine davon auf dem Tisch stehen haben wollen – soviel Sensibilität besitze auch ich. Ich bin also kein Unmensch, Herr Sesemann.
Friederike, Nadia, der Tod. Es waren scheinbar nur harmlose Urlaubsbilder, vier nette junge Leute im Frühlingssonnenschein, Pullover um die Schultern, Lachen. Man mußte gut hinsehen, über den Bildern brüten, wenn man etwas damit anfangen wollte. Das hatte Kommissar Wagner nicht getan. Ich hatte ihm nicht viel Zeit dazu gelassen, aber es war, ist ja immer noch so, daß er hinter Nadias Tod eine politische Intrige vermutete. Zwei wichtige Männer haben mit dem Fall zu tun, auch noch Gegner ... und vielleicht geht es dabei ja nur um das Schicksal des kleinen Musterstaates, will jemand seinem bösen großen Bruder einen Vorwand liefern, ihn schon vor Ablauf der Schonzeit zu verschlingen wie ein ausgehungerter Bär. Der Photograph, dies hatten sie natürlich in Erfahrung gebracht, stand der Politik denkbar fern.
„Wer hat diese Bilder gemacht?“ hatte ich mich erkundigt.
Darauf Wagner, wie stets gleichzeitig höflich und spürbar unwillig, ein perfekter Patriot: „Eine gewisse Ebba Rupprecht, geborene Steiger, ein Flüchtling, der sich hier verheiratet hat. Sie war mit Ihrer Verlobten befreundet.“
„Eng befreundet, ich weiß“, sagte ich. Und bekam gleich wieder diesen gedämpft-argwöhnischen Blick, der den Gedanken hinter sich hatte: ‚Der schnüffelt hier tatsächlich überall rum.’
„Sie haben sich anscheinend nicht für diese Frau interessiert“, sagte ich. Das hatte ich ja von Anfang an merkwürdig gefunden. In dem Bericht, den ich von ihnen erhalten hatte, stand kein Wort, das sich auch nur entfernt auf sie bezogen hätte, und ich hatte noch immer Friederike Paulys sanfte, klangvolle Stimme in den Ohren: „Wenn Sie wirklich wissen wollen, wie Nadia hier gelebt hat, müssen Sie mit Ebba reden, Ebba Rupprecht, mit der war sie ständig beisammen. Ebba kann man mit Recht ihre Freundin nennen. Ihre liebste Freundin hat sie sie selber genannt. Ebba ist immer noch ganz verzweifelt.“
Wagner antwortete mir, Frau Rupprecht habe nicht auf der Gästeliste des Empfangs gestanden und sei ein untadeliger Mensch. Gedanke dahinter, durch den Ton übermittelt: ‚Wenn alle so wären, da, wo Sie herkommen, der Sie ja kein Flüchtling sind, sondern ein Grund, einen Ort zu verlassen, was ich in diesem Moment leider nicht kann ...’ Friederike Pauly würde sagen, ich höre nicht alles, was unhörbar ist. Vielleicht bewunderte mich dieser arme Mensch sogar heimlich, hätte gern meine Rolle gespielt. Ohne ausreichend Würde das Unterlegene zu vertreten, ist eine Herausforderung, die nicht ohne einen Zuwachs an dieser Eigenschaft zu meistern ist; was ist Würde, und wer wächst in der Not tatsächlich über sich hinaus? Das letztere gilt zumindest für einen Menschen, den ich kenne, für mich. Und was die Würde betrifft, ist sie vielleicht gerade das, was ich im Umgang mit Friedrich Sesemann bekomme, der Gewinn, den ich vermutete, zumindest ein Teil davon. Und könnte auch etwas sein, was ihm zuwächst, wenn wir lange genug so bleiben. Nötig hätte er es.
Ich kann noch immer nicht besinnlich sein, ohne mit Schwung aus dieser Höhe herunterzuspringen, am liebsten in etwas, über das ich stumm lachen kann, nicht sehr schön. Es ist nicht einfach, eine alte Gewohnheit loszuwerden, vor allem, wenn man ihre Nützlichkeit nicht ermessen kann.
Würde: ich habe mir überlegt, während ich draußen eine der wenigen, immer sehr kurzen Visiten der trotzdem, nun erst recht heilsamen Sonne genoß, an eine Schuppenwand gelehnt, rauchend, daß ich es hier mit dem inneren Zustand eines Menschen zu tun habe, der das vertritt, was ihm lieb, heilig ist. Da dürften äußere Umstände überhaupt keine Rolle spielen.
Voss hat die Welt immer geliebt, obwohl er laut Pauly und Sesemann und so manchen anderen, die Urteile lieben und die Welt dafür nie, wie sie ist, ein „Bluthund“ ist. Ich habe, vom Gefühl her, die Welt immer auf dem Arm getragen wie eine große schöne Frau, in aller Ruhe, wie ein Riese. Nur konnte ich es nie lassen, etwas zu unternehmen, wenn sich alles ins Unheil verkehrte, mußte dann einfach immer noch mehr Macht gewinnen. Ist das nicht das Richtige? Weshalb ist Friederike Pauly so frei? Kein Atlas, der stemmen muß, sondern jemand in Bewegung – in eigener Bewegung.
Sesemann – ich sah das kommen: wieder ein kräftiger Sprung in die Niederungen – ist ja auch so ein großer Liebender gewesen, mit Mundwerk, Verstand, Herz. Vielleicht ist das sogar wahr (ich blicke auf zu Friederike, oben auf einem von Wolkenschatten verdunkelten Berg, Haar und Mantel gezerrt vom Wind –ich verrate nicht sie, wenn ich da nicht wenigstens hinschaue, sondern einen Menschen, der mich mehr braucht, nämlich mich), hat sich Sesemann da nichts vorgemacht. Und es fehlte nur an der Kraft. Aus welchem Grunde auch immer.
Doch nicht so sehr wie dem Kommissar Wagner, der nur auf die äußeren Umstände achtet und ein Innenleben besitzt, das für Friedrich Sesemann vielleicht auch reichlich fatal wäre, käme es je zum Vorschein: kleinliche Regungen, automatische Gedanken, Phrasen, die fest an Gefühle gebunden sind, und beides wird dabei lustlos und schlecht, Böses, Mühseliges, Angst vor dem Abgrund, verlockt dazu. Er hat sich jedoch besser in der Hand als mein Mitmönch.

5. Mein Blick fiel zufällig auf ihr Bild, während ich überlegte. Da traf mich plötzlich wie ein Hieb an den Schädel der Gedanke: ‚Es wäre schön, so eine Tochter zu haben.’
Das löste einen Tumult in mir aus, mit dem ich kaum fertig wurde. Weiterschreiben war so wenig möglich wie während einer Fieberattacke. Es war hauptsächlich Schmerz, ein wütender, bohrender Schmerz in meinem Kopf, bis zu Tränen. Denn es kann ja sein, daß ich einmal alt sein werde und dieses Gesicht dann nicht mehr sehen kann, selbst wenn ich stets mit ihr in Verbindung bleibe, sie vor allem beschütze, was einem Menschen zustoßen kann: ist sie denn unwandelbar, wie eine Göttin? Und dabei liebe ich gar nicht so sehr diese Maienblüte in ihrem Gesicht, sondern, was ich festhalten, ja haben will, ist ihre Persönlichkeit, die in ihr blühenden Seele. Bedeutet das, daß ich sie heiraten und mit ihr alt werden soll? Kann ich das denn, so auf sie zutreten? Denn dies müßte zuerst beantwortet werden, dann käme die Frage, was ich will.
Vielleicht steht über meinem ganzen Aufenthalt hier oben und über diesen Aufzeichnungen die Frage: was kannst du? Und nicht irgendeine andere, warten diese dann unten im Tal.
War es denn alles ganz logisch? Ich dachte auch einige Male: ‚Anna ist tot.’ Es ist ein so schlimmer, schmerzlicher Gedanke gewesen. Will ich, daß sie dieses Kind zurück bekommt? Daß sie diese starke, selige Freude empfindet? Will ich, daß ich selbst in ihr eine solche Empfindung – na los doch, Verstand, altes Schlachtroß, laß dich nicht aufhalten von Widerwillen und Schmerz – auslösen kann? Dann könnten sich hinter der Trauer um Anna das Besitzstreben, das wohlbekannte Machtstreben verbergen oder die – peinlich ist diese Schreiberei, Denkerei, anmaßend so viele zur Verfügung stehende Wörter – Liebe. Ja. Oder eine unschöne Mischung davon. Ich stehe mal auf und lasse das hier eine Weile liegen. Freund Sesemann wird eine wohltuende Abwechslung sein. Falls er bereit ist, für mich vom hohen Roß seiner Predigerworte zu steigen.
Er ist es mir schuldig. Wer weiß, ob ich dem Burschen unten in Hirschberg nicht den gleichen Dienst erwiesen habe, es tat bis zuletzt, bis hier oben, es noch tue, wenn er es mit mir aushält. Manchmal wird ihm halt schlecht.

6. Er kam mit an die frische Luft. Man müßte den Tag im Kalender anstreichen.
Ich habe ihn erschreckt. Es ist mir erst bei diesem Anlaß aufgefallen, daß bis dahin jede Kontaktaufnahme von ihm ausging. Auch öffentliche Äußerungen gab es ja nie von mir über ihn, sondern nur umgekehrt. Hier oben war es auch so gewesen: er kam zu mir, wenngleich selten. Ich hatte nie an seine Tür geklopft. Er muß gedacht haben, der „Bluthund“ will jetzt mit ihm abrechnen. Er gab keine Antwort, sah mir starr aus seinem Winkel beim wenig warmen Kachelofen entgegen, hat ja das Verwöhnzimmer bekommen, dieser Mann, während ich nur die Rückseite von dem Ofen habe, aus anmaßender Großzügigkeit – hatte noch eine Wolldecke um die Beine, wie ein alter Mann, und große alte Bücher neben sich aufgetürmt, vielleicht zusätzliche Heiligkeit vom Dachboden der Hütte – und hatte ganz dunkle und furchtsame Augen.
Aber man soll ihn nicht unterschätzen. Er ist die Art Mann, die sich beim Holzhacken sofort grausig verletzt und es nie richtig lernt und es trotzdem nicht aufgibt, wenn es für ihn wichtig ist. Also nicht einfach ein Spinner. Auf eine verdächtige Art ist auch Friedrich Sesemann eine Persönlichkeit.
Ich sagte: „Kommen Sie ein bißchen mit. Ich werde noch melancholisch, wenn ich jeden Tag allein spazierengehe.“
„Bei diesem Wetter sowieso.“ Er wies zu den Fenstern. „Lauter große dunkle Wolken. Wer weiß, weshalb die Welt soviel weint.“ Er stand aber auf, legte sorgfältig seine Decke zusammen. Er dachte vielleicht, er käme nicht mehr zurück, sagte sich: ‚Wenn es denn sein muß, eher früher als später.’
Ich sagte: „Vielleicht ist die Welt sauer, weil Sie sich nie blicken lassen. Wer weiß, vielleicht kommt gleich die Sonne. Der Regen hat bereits aufgehört. Alles ist bereit. Setzen Sie einen Hut auf, zum Schwenken.“
Er ließ sich durch mein Gerede nicht beschwichtigen. Er konzentrierte sich umständlich aufs Sachliche. Hielt eine Musterung ab in seinem Schrank. Schien unschlüssig. Ich sagte: „Wir nehmen die Fahrstraße. Ich kann nicht jeden Tag Schicksal haben. Merkt man das nicht? Ich will es heute netter haben als sonst.“
„Und dafür bin ich der Richtige, ja?“ Seufzend, lächelnd, spürbar das Unglückliche. Aber ich traute die ganze Zeit meinen Augen nicht. Er zog sich seine blaue Windjacke über. Es war, als hätte ich an diesem zutiefst verachteten Geschöpf einen richtigen Kameraden.
Wir sind bis hinunter ins Dorf gegangen, im Sturm, aber es regnete nicht, scherzten kurz darüber, sprachen sonst nichts, kehrten nach einer Tasse Kaffee in raschem Aufstieg wieder zurück. Es war wieder ganz dunkel um uns, feucht, die nächste Regenwolke wälzte sich schon auf uns zu.
Verachtung. So tief, daß zwischen uns beiden, steht er etwas entfernt, tatsächlich der Boden zu ihm hin gesenkt erscheint, er ferner, als es nach dem Metermaß wäre, kleiner – und doch wie angehoben von einem Blick, der dieses Phänomen betroffen zur Kenntnis nimmt. Solche Momente muß es genug geben bei meinem gleichgültigen Dahinleben mit ihm. Er ist da auch nicht der einzige Mensch – bei vielen bin ich so, nehme ich an. Die Betroffenheit bedeutet vielleicht, daß ich mich verlassen fühle. Ich hatte ja ein sehr glückliches Leben als Kind. Aber sobald ich groß war, den Hof verließ, war diese weite, gesenkte Fläche um mich herum. Auch die Professoren auf der Industrieschule waren ja so merkwürdig fern, geisterhaft, klein. Auf die Stimmen habe ich nie wirklich gehört. So ist leicht Riese sein!
Friederike. Du betrittst einen Raum, und da ist sie, nah, groß, bewegt, da sind immer irgendwelche kleinen Bewegungen. Und Farbe. Ich hätte gedacht, daß eine Frau, die so heftig über ein verlorenes Kind trauert, die sich abgesondert hat, schweigt, dunkle Farben trägt, ganz verhärmt ist. Aber sie hatte einen goldgelben Schlafrock an, bis auf den Boden, „Annas Lieblingsfarbe“, und flauschige bläuliche Pantoffeln – war schmal, auch im Gesicht, aber frisch, lebhaft. Die Wärme. Die Großzügigkeit. Sie brauchen hier gar keinen Sommer mehr. Sie haben ja sie – und sie geht gern hinaus an die Luft.

7. Aber die kleine Anna ist vielleicht doch ungeheuer wichtig für mich. Mir ist ab und zu, als wäre sie ein Rad, das tief in mir geht und mich antreibt, als faßte eine Kinderhand von unten her an mein Herz. Und das ist wahr. Es ist nicht nur, falls überhaupt, ein Rätsel, hinter dem sich etwas anderes verbirgt. Und es ist auch nicht so, daß ich gegen F. S. einen Zorn in mir groß züchte, der mich zumindest ihm gegenüber wieder zum handelnden Menschen macht.
Gäbe es dieses versunkene Schreiben ohne Anna überhaupt? Es ist doch so, daß ich von ihrer Geschichte nicht loskomme. Das Kinderfest. Das Waldkrankenhaus – die Büsche, der Wald, die toten Menschen. Das Spielzeug, die Kleider daheim: Friederike nahm sich ihren Plüschaffen „Papst“ und ihre blaue Mütze mit den roten Herzen, dazu die kleinen Handschuhe, gestreift rot und blau. Annas Weg ist zu Ende; die Welt hat dieses Kind getötet, wie es manchmal geschieht, es ist aber im Herzen seiner Mutter geblieben, und da habe ich es wohl gespürt. So ist es wohl zu mir gekommen. Als Anna ermordet wurde, ging es mir ja noch nicht so. Mein stärkstes Gefühl damals war, ob nicht diese Tragödie dem Vater nützt. Seinem Wirken einen Schwung aus dunklem Gefühl gibt. So sind die Leute aber nicht. Wenn aus einem Wald ein paar Bäume herausbrechen, leiden sie vielleicht mit, aber dann wenden sie sich ab von dem Wald. Nicht einmal die Tapferkeit, mit der Pauly den Verlust Annas und Friederikes hinnahm, nur ein bißchen schärfer geworden in seinem gutmütigen, trockenen Witz, hat ihm neue Anhänger zugeführt. Das hatte ich falsch eingeschätzt. Nun: für mich war es eben eine Tragödie. Aber das unterschied sich nicht – oder? – von anderen schlimmen Geschichten, wenn sie so spektakulär sind. So ist es mir auch mit der jungen Mutter gegangen – ich erinnere mich durchaus an Mitgefühl, aber es war nicht so, daß man nicht sofort an etwas anderes hätte denken können. Erst jetzt sind die Bilder, die ich noch im Gedächtnis habe, von dem Schmerz, dem Entsetzen wie von hinten erleuchtet, kommen auf mich zu, wenn ich „Anna“ denke. Immer wieder die tote Frau auf dem Parkplatz hinter dem Krankenhaus, mit dem Arm vor dem Gesicht, der ausgebreitete Regenmantel. „Evchen“. Eva Goetze. Pauly, wie er vor seinem Haus mit der Presse spricht. Die Furchen in seiner Stirn. Wie ein Zeichen, ein schräges „V“, das einige Querlinien verzerrt: getroffen, gezeichnet, aufrecht geblieben. „Bitte, nehmen Sie Rücksicht auf meine Frau. Es geht ihr nicht gut.“ Und zwei Wochen später im „Neuen Boten“: die Titelseite, sie ganz klein und arm, auch so ein Regenmantel, von ihrem Mann zur Bahn gebracht, abgezehrt, Kopftuch, ganz klein und arm, eine strahlende Erscheinung, die ich zwar nur von weitem und von Photographien kannte, aber da hatte sie immer groß, kräftig gewirkt, auch neben Helmut Pauly, der eine einigermaßen robuste Erscheinung ist. Nun zusammengebrochen, in sich zusammengesunken, ein altersloses Weiblein, das der Tod schon am Haken hat. Das hat wohl jeder Mann in den Eingeweiden gespürt: „Stell dir vor, das ist deine Frau.“ Und der N.B. rief aus: „Rieke geht fort!“
Das ganze war für mich natürlich auch ein sachliches Problem, über den möglichen Nutzen für den Gegner hinaus. Der Verdacht, schuld an der Ermordung von Eva Goetze und den drei Kindern zu sein, traf zuerst die Kaiserlichen, dann aber auch unsere Gruppe, zumal ja Goetze auch Offizier war. Goetze selbst, vielleicht von Sinnen vor Schmerz über den Verlust seiner Frau und seiner beiden Kinder, hat damals ja öffentlich erklärt: „Seitdem ich Demokrat geworden bin, werde ich unter Druck gesetzt. Ein Demokrat kann kein Soldat sein, erst recht nicht Offizier, erst recht nicht Abwehroffizier. Ein Demokrat besitzt keine Vaterlandsliebe, denn der Kaiser, das ist das Vaterland, die Demokraten, das sind die Verräter. Ich kann nicht länger meine Pflicht tun. Ich besitze noch Vater und Mutter. Meine Feinde haben gesiegt.“
So ungefähr Goetze. Und dann nahm er Mütterchen an die eine Hand und Väterchen an die andere und verließ das Land, noch vor Friederike Pauly. Terrorismus war allerdings bekanntermaßen eher der Stil der Kaiserlichen. Dieses Attentat hat ihnen sehr geschadet, obwohl sie sich für unschuldig wie die Lämmer erklärten. Wer hat es schon geglaubt. Wenn ich bedenke, wie sie ein Viertel der kaiserlichen Familie ausrotteten, aus Argwohn gegen eine Gesinnung, die nicht einmal antimonarchistisch zu sein brauchte, schlimm genug war schon, wenn jemand unpolitisch war. Diese Leichen habe ich selber gesehen. Das war ein prägender Eindruck, nehme ich an. Aber sie haben alles abgestritten. Auch das war ihr Stil. Feige, kreischend, voreilig, hemmungslos, unbegreiflich brutal. Ich glaube, daß die Leute ihnen alles zutrauten. Die Gerüchte schwirren ja immer noch, weil niemand die Wahrheit weiß, über die Goetze-Pauly-Geschichte nicht und so manches andere auch nicht. Eine schlechte, korrupte Polizei ist nicht in wenigen Jahren zu reformieren.
Es wurde vor allem spekuliert, Zeugen befragt, nach der Tatwaffe gesucht. Alles hat zu nichts geführt. Bis heute weiß auch ich nicht Bescheid, wer Anna ermordet hat, nicht offiziell. Und hier sitze ich nun und weiß nicht, was ich mit der Wahrheit anfangen soll – mit der ganzen Wahrheit.
„Jemand wie Friederike Pauly kann keine persönlichen Feinde haben!“ hieß es und: „Wer kann denn etwas gegen die kleine Eva gehabt haben, gegen ihre Kinderchen?“ Ohne die Vorgestrigen wäre alles an uns hängen geblieben, denn persönliche Gründe konnte niemand gehabt haben und niemand hatte sich verdächtig gemacht. Es gab viel Aufwand, Aufregung, alles für nichts. Ich hatte keinen Verdacht gegen Menschen oder Gruppen, wenn ich mich richtig erinnere. Am ehesten noch, daß jemand Pauly schaden wollte, aber das war mehr ein Gefühl. Ich hatte eine abwartende, Unheil ahnende Haltung.
Als sei dieses Attentat nur der Auftakt zu noch mehr „Schicksal“ gewesen. So war es ja auch. Sobald „Rieke fortgegangen war“, gab es eine Katastrophe nach der anderen, Seuchen, Überschwemmungen, Unwetter, innere Auflösung. Dann ging unser Stern auf. Zynisch gesagt, doch nicht ohne Zufriedenheit. Es geht ja nicht nur Mutter Natur inzwischen besser.
Aber diese Goldstücke, die ich zur Rechtfertigung vor mir selber gesammelt habe, damit ich sie vor meinem – rechtzeitigen, selbstgewählten – Ende betrachten und mir? den eigenen Segen geben kann? egal, dieses Säcklein voll stetig gesammelter Beute ist nun tief in einen Schrank auf der Dunkelseite meines Geistes gesteckt, interessiert momentan nicht, vielleicht nie mehr.

8. Wollte ich mich nicht mit den fröhlichen Bildern der fröhlichen vier befassen? Stattdessen bin ich bei Anna und komme kaum von ihr los.
Ich selbst, ich bin Anna, na, wie klingt das? Ich habe nicht umsonst auch Psychologen gelesen. Es war furchtbar. Aber es scheint, daß man sogar das brauchen kann. Bloß nichts wegwerfen, das war schon immer meine Devise.
Weißt du, Voss, du gebrauchst deine psychologischen alten Knöpfe und Nägel vor allem, um den Ernst wegzuhalten. Es ist immer das gleiche mit dir. Woher nehme ich bloß die Geduld.
Du fühlst wie ein Kind. Bist in einer Welt voller Wunder. Findest dich noch nicht durch. Du bist zurückgekehrt, nicht in frühere Umstände, sondern in einen frühen Zustand. Kein Wunder, daß du mit Anna fühlst, denn du bist auf ihre Mutter angewiesen. Zur Zeit. Bist du deshalb so viel an dem Ort, an dem sie starb?
Ich sehe ihn allerdings durch die Fenster, wie Friedrich Sesemann in seiner Phantasie. Sesemann hat mich beeinflußt. Daß ich beeinflußbarer, offener geworden bin, auch schwächer, die Augen kaum vom Grün der Sträucher hinter dem Parkplatz abwenden kann, in das um die Hausecke fallende Licht der Abendsonne getaucht, ein vergnügtes grünes Schwelgen, das den Feind nicht ahnen ließ, wer da lauerte, lauert – jetzt, in diesem Moment – zeugt allerdings von meiner Kindlichkeit. Ich fühle wie ein Kind, fühle wie Anna, wenn sie noch existiert, wer weiß wie, noch nicht losgekommen ist von ihrem überraschenden, erschreckenden Ende. Ihre Mutter dreht sich nach ihr um, mit demselben suchenden Blick, mit dem meine Mutter sich nach mir umgedreht hat, als ich ein kleiner Bengel war: „Heinz? Kommst du nach? Ich hab nicht die Zeit.“ Hatte sie wirklich nicht. Sie ist uns bald weggestorben. Eine schöne, große, kräftige Frau. Eine andere, zierlicher, weicher, aber auch dunkel, mit hellen Augen, ist an ihre Stelle getreten und sagt: „Hör auf mit dem Unsinn, Voss. Du bist allein. Hier ist niemand, der dir zuhört, nur du.“
Ich habe ihr meine eigene, die Männerstimme, gegeben. Ich wollte mich wieder einmal losreißen von all dem Gefühl, habe also wieder Unsinn getrieben.
Als ich mit Sesemann draußen war, kam mir der Gedanke an Pauly. So alte Freunde – schon als Schulbuben wie die Kletten gewesen. Das ist nun auch vorbei. Pauly wird ihn nicht vermissen. So persönliche Regungen erlaubt er sich nicht. Unvergeßlich sein Innehalten an der Bar des „Spitz“, nachdem er sich von uns verabschiedet hatte, wie das nur er konnte, auf eine kraftvolle Art kalt, streng, in den Augen Ironie, ferner Schmerz – Sesemann sah ihm nicht nach, aber ich. Denn den dritten Mann unserer Runde würde ich ja noch lange genug anschauen können; er sah nicht aus, als käme er aus eigener Kraft fort. Ich sah dem grauen Mantel des Mannes nach, den ich bekämpft hatte, seit ich ihn kannte, gleichgültig gegen die Person wie gegen ihre Ziele und Ansichten, nur einfach dagegen, mit großer, ruhiger Entschiedenheit; groß und ruhig sah auch Pauly aus; ich erwartete, daß er hinausgehen würde, denn das hätte am besten gepaßt. Stattdessen kehrte er sich mit einmal zur Bar und ließ sich ein Getränk geben, einen Schnaps, aber das ist eher geraten. Da war ja dieser große, voluminöse Mantel. Er sah zu mir hin, nachdem er getrunken hatte, zögerte, das spürte ich, obwohl er so ruhig war, ob er mir mit dem Rest zutrinken sollte. Etwas ging in ihm vor, Tieferes als Ironie, fand nicht gleich zu einem Ausdruck. Er verzichtete auf jeglichen Ausdruck. Er trank mir nicht zu. Er sah mir einfach nur in die Augen, über die Entfernung von einigen Metern weg, sah sich gründlich den Mann an, den die Klatschpresse bereits mit seiner Friederike so gut wie verheiratet hatte. Er mokierte sich nicht. Er prägte sich nur ein, was er sah, sagte stumm so etwas wie: „Du machst dich breit. Wohin willst du denn? Gibt es noch etwas, was du nicht hast?“
Draußen ein kläffender Hund hat mich abgelenkt, als ich Pauly zu verstehen suchte. Ich lese nochmal durch, was ich schrieb. Ist das wirklich das, was er mir mit der Schamlosigkeit des durch und durch selbstbewußten, für seine Ideale eintretenden und dabei auch etwas schwer gebauten Mannes vermittelte? „Ich könnte jetzt frei sein, Freundchen, wenn du was taugtest.“
Denn er hält nichts von mir, nichts von uns. Wir sind keine Idealisten. Wir wollen nur Macht: „Vaterland“, das ist für uns nur ein Schild, den wir vor unsere Selbstsucht halten. Er stand da wie ein scheidender Fürst. Solche Haltung hatte der Kaiser nicht, als er der Demokratie weichen mußte. „Na – ob du was taugst?“
Ich bin vielleicht ein bißchen warm geworden im Gesicht. Ich blieb aber unbewegt sitzen. „Mach doch, was du willst. Für mich bist du nur ein Traum, der in Träumen wirkt, ein Vorträumer für die Träumer, eine kleiner gewordene Gefahr und ein Mensch, an dem mir ausnahmsweise nichts, aber auch gar nichts mißfällt. Aber in der Welt, wie ich sie kenne, bist du nicht – bist ja auch fortgegangen. Glaubst du, es ist richtig zu gehen?“ Selbst wenn das als das einzig richtige erscheint.
„Du bist dir zu schade.“
„Wenn es sein muß, opfere ich mich.“
„Du bist dir zu schade für uns.“
„Ich schütze etwas, das wichtiger ist als ihr und euer Kram“, sagt Pauly und behält das letzte Wort. So ist das ja immer gewesen. Als Redner und Denker. Wer will es bestreiten.
Herr Pauly. „Herr Abgeordneter!“ Wie der Kaiser mit rotem Gesicht, zitternden Lippen und fahrigen Bewegungen sagt. „Nun hören Sie aber damit auf, junger Mann!“ Ich werde nicht albern drauflos poltern. Nicht protestieren. Ich schreibe nur auf, wie mir ist. Ich könnte das hier an Herrn Pauly schicken, wenn es fertig ist. Es ist ja nicht auszuschließen, daß meine Aufzeichnungen auch, wenn nicht gar zutiefst, an die Stelle der Antwort getreten sind, die ich, meinesgleichen ihm immer öffentlich verweigert haben. Ein Riese wendet sich an den Vertreter der Ewigkeit.
Wären Sie (unmöglich, diesen Mann persönlicher anzureden, nicht einmal in der Vorstellung) denn gerne frei?
Ich ja. Und es ist alles ungewiß. Sie wissen nicht, ob Ihre Frau ihr Urteil über mich geändert hat. Ich auch nicht. Wenn es so wäre, wären Sie dann frei? Und werde ich in neuen Bindungen landen, wenn ich hier weggehe, denn ein Leben mit ihr, wer weiß, was das nach sich zöge – oder bleibe ich hier? Sie bleiben besser, wie Sie sind, Herr Pauly. Die Zukunft ist offen, unvorstellbar. Im Moment ist mir das ganz recht.
Ich sitze in dem gleichen Raum, den Ihr alter Freund Sesemann vor einiger Zeit, einigen Wochen, die Zeit hat sich enorm für mich ausgedehnt und zieht sich gleichzeitig auf ferne, winzig kleine Markierungen an einer fortlaufenden weißen Schnur zusammen, vor langer Zeit, könnte ich in diesem Moment sagen, jenseits von jetzt, verlassen hat, um sich nach Hirschberg zu schleichen. Hier hat er gesessen und gebrütet, an diesem Tisch oder drüben auf dem in einer lichtarmen Ecke stehenden Bett. Sie haben diesen Mann mitlaufen lassen, Herr Pauly, nun tue ich es.

9. Nadia. Auf dem Bild, das sie und Sesemann vor dem alten Brunnen zeigte, rosa Blumenkästen links und rechts von ihnen. Er hatte den Arm um ihre Schultern gelegt. Wagner hatte nur dumm, unwirsch geschaut, als ich sagte: „Wieso hat der Bursche da eigentlich meine Freundin im Arm?“ Er hat es bisher nicht merkwürdig gefunden. Er setzte mir auseinander: „Das sind eben Stellungen, wie man sie zum Photographiertwerden einnimmt. Die beiden verstanden sich gut miteinander. Das hat uns Frau Pauly gesagt. Sie hatte sie ja eingeladen, damit er auch jemanden hat.“
Damit Sie, Helmut Pauly, mit ihr ungestört sind. Vielleicht wollten Sie das gar nicht. Warum sonst hätten Sie Sesemann mitgebracht? Weil er so bat, „Rieke“ auch endlich wiedersehen wollte?
„Warum hat die Rupprecht alle diese Bilder gemacht?“ fragte ich. „Sesemann kann’s professionell.“
Wagner wollte mir nicht zeigen, daß er „die Rupprecht“ für die unwichtigste Person der kleinen Gruppe hielt. Überflüssig. Das fünfte Rad. Meine Verlobte hatte, indem sie sie mitschleppte, die schöne Absicht von Friederike Pauly zunichte gemacht.
Ich war für ihn kein Mann, gegen den man sich zwanglos gibt, um Gottes willen, auch nicht die Spur. Er meinte, jeder Mensch mache gerne mal Urlaub. „Es war doch als Urlaub geplant, auch wenn es, wie wir nur annehmen können, um die Ehe der Paulys ging. Uns wurde angedeutet, daß es da aufgrund der Umstände, die ich nicht zu nennen brauche, wie ich annehmen darf –“ ein dumpf aggressiver, aber irgendwie blinder Blick in meine Richtung – „eine Entfremdung gegeben hat.“
Voss geht in die Breite, Pauly mit seinem Idealismus in eine Höhe, die vielleicht immer nur im Gedankenflug erreichbar sein wird; Voss wird darauf achtgeben, daß er zumindest beim Schreiben nicht auseinanderläuft. Ich wollte mir ja das Nebensächliche schenken. Treten Sie zurück in die dunkle Abteilung, Herr Kommissar.
Den Arm um meine Verlobte gelegt. Also ich fand das interessant. Nun, daß er nicht fotografierte, das mag schon ein Urlaubsbedürfnis gewesen sein, aber der Profi hatte sich möglicherweise insofern bemerkbar gemacht, daß er – dies war eine Vermutung, die ihre Bestätigung durch eine wichtigere Handlung fand – die Person mit dem häßlichsten Gesicht von den Bildern verbannte. Er grinste sie an, meine liebe, wie immer proper und lieblich, niedlich dastehende Nadia im Arm. Na.

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