Panikattacken der Liebe I

In diesem Forum kann sich jeder mit seinem Text der Kritik des Publikums stellen. Selbstverständlich auf eigene Gefahr ...
Pentzw
Klio
Beiträge: 526
Registriert: 11.04.2011, 19:59

Panikattacken der Liebe I

Beitragvon Pentzw » 03.03.2017, 10:28

04.06.2016 Sommer

„Hast Du die Kondome mit...“. Es klingelt aber und sie hebt ab.
„Bring Kondome mit!“ So am Telefon. Währenddessen sie mit ihrem langjährigen Ex palavert, warte ich geduldig und nestle nervös an dem Verhüterli in meiner Hosentasche herum, besonders an der Spitze eines Kalibers, der hoffentlich nicht bis zum baldigen Einsatz verfallen sein wird. Die Zeit wird mir so lang!
Sie hat mit ihrem Freund noch Kontakt. Aber sei nicht eifersüchtig, sag ich mir, das wäre uncool. Wir kennen uns nur kurz, okay, Du bist in sie verknallt, etwas eifersüchtig, am Anfang ist das natürlich, da verwundert es nicht, wenn Du es wirst, wenn sie mit einem anderen während deiner Anwesenheit – sie lacht jetzt – ungezwungen telefoniert, als existiertest du gar nicht. Das bedeutet nicht viel. Macht dich nicht lächerlich, entlarv dich nicht als altmodisch, als Eifersüchtler, das ist magaout, deine Aktien sinken schlagartig in den Keller und du wärst schlecht positioniert.
Ihr Gesicht verfinstert sich plötzlich –ich leide mit ihr mit.
Sie hat sich beim Telefongespräch etwas abgewendet, nur das Profil zeichnete sich ab, was genug war, um ihr Stimmungsbild nachverfolgen zu können und nun, als sie das Gerät ausklickt, wenden sich mir hervorstehende Backenknochen, weitgeöffnete Augen, gezupfte Augenlider, wulstiger, aber trockener Mund und etwas spitze Schneidezähne entgegen, die Worte hervorstoßend: „Scheiße, er hat abgesagt. Jetzt wird nichts mit unserem Ausflug am Wochenende nach Stuttgart!“
Sie schnieft dabei wahrscheinlich wegen einer Erkältung.
Ich atme auf. Sie hat frei.
Sie zieht an ihrer Zigarette.
„Mein Ex kann auch nicht am WE.“ Er hat zum einen nicht nach Stuttgart mitfahren wollen, zudem will er nun auch nicht zu ihr kommen. Damit ist ja alles klar. Wie waren frei. Wir konnten gemeinsam etwas machen.
Sie zieht an ihrer Zigarette.
„Nunmehr können wir ja etwas machen!“
Das hat sich jetzt nicht auf das bezogen, was gemeinhin damit verbunden sein dürfte im Gedenken dessen, womit ich nervös mit meinen Händen und in meinen Hosentaschen herumspielte, sondern, dass wir übers WE etwas unternehmen könnten.
Zu ihrer Person.
Sie habe eine „Stoffwechselkrankheit“, ist ergo von einer Behinderung beeinträchtigt, was ihre Willensanstrengungen anbelangt.
„Ich kann oft nicht so, wie ich möchte“. Dabei wendet sie mir wieder das Gesicht ganz zu. Okay, ich werde es mir merken, was immer dies zu bedeuten haben mag.
Sie zieht an ihrer Zigarette.
Ich höre draußen im Gang ein Geräusch, ein Tapsen von Füßen, wie Samtpfoten. Die Person hat Filzpantoffeln an. Wer kann dieser jemand sein?.
„Lebt hier noch jemand in diesem Haus?“
„Das ist Genia. Meine Mitbewohnerin.“
„Ach, Du wohnst mit jemanden zusammen.“
„Genau!“, und sie zieht an ihrer Zigarette und drückt sie im Aschenbecher aus: „Ich werde Dich vorstellen.“ Sie macht Anstalten aufzustehen.
„Nein, nicht. Später. Bei Gelegenheit.“
„Gut!“
Sie beginnt eine Zigarette zu drehen.
Dann kommt ein Anruf.
Telefonhörer zwischen Ohr und Schulterblatt gedrückt, rollt sie sich einen Glimmstengel.
Hört das denn nicht mal bald auf mit dem Telefonieren?
Aber ich kann mir wieder die Wohnung anschauen, das Haus, die Straße, in dem dieses steht, die Gegend, in der ich mich befinde.
Louis und Genia leben in einem alten Fachwerk-Haus in einer mittelfränkischen Kleinstadt. Man muss sich diese Kleinstadt von Deutschland in Bayern und diesen wieder in der fränkischen Region vorstellen. Es ist eines dieser Sandstein-, Fachwerk-, kurzum älteren, mitunter vor Jahrhunderten errichteten, wenn auch teilweise liebevoll sanierten Häuser, die einen derartig fundamentalistischen Eindruck machen, dass man denkt, hier wohnen so etwas wie Einwohner aus Urindien, Afghanistan, Dörfer in den Kapraten, Transsylvanien, Kaukasus, Anden, Sumerien...
Kaum ein Eigentümer würde freiwillig seinen Besitz verkaufen, immerhin vermieten einige ihre Häuser, die Bewohner beherbergen, die, drastisch formuliert, unter Aufsicht gehalten werden müssen. Es handelt sich um sogenannte psychisch Kranke, Menschen, die ohne Betreuung nicht ihr Leben auf die Reihe bekommen.
Im Moment wusste ich das alles nicht.
Immer hatte sie ihr LP, als sie auf Therapie war, besucht und gekümmert – ergo ihre LPschaft sei vorübergehend unterbrochen worden aus den erklärbaren, verständlichen Ursachen heraus - und das werde sich wieder wie von selbst einrenken, gleich einer Lokomotive, die, aus dem Gleis gesprungen, zumindest einige Wagons davon, sozusagen einen Hupfer und Sprung in die Lüfte gemacht haben, aber von der Schwerkraft angezogen auf die Erde zurückplumpsen müssen und die aus der Schienen geratenen Transporter sich wieder einrasten von der Macht und Kraft der anderen durchaus auf Linie und auf Geleisen befindenden Wagen – kurzum, alles werde wieder gut.
Was sind aber diese Fahrzeuge?
Es ist die Vergangenheit dieser Partnerschaft, seit ihrem 20. Lebensjahr seien sie zusammen und diese gemeinsame Geschichte sind diese anderen Wagen, die sich gut auf der Schiene gehalten haben über die Jahre und immer noch hielten, wenngleich sie momentan aus dem Gleichgewicht gekommen sind.
Eine Story, das selbe alte Lied, die und das jeder kennt, sattsam kennt, überdrüssig ist, wenn er in diese Person verliebt ist, aber die Gegenliebe sich nicht auf Liebe versteht und imstande wähnt, wenngleich sie sich so verhält also ob, ja – schlimm, schlimm, schlimm.
Und es geht weiter im Text, im immergleichen Tonfall monotoner Worte...
Sogar habe sie in dieser Partnerschaft einen Selbstmordversuch gemacht.
Ich horche sofort auf. Ich denke: Das heißt, dass sie wie ein Mafioso ihren LP erpresst hat und er sich immer erpresst fühlen wird – der sprichwörtliche point of no return - schließlich muss er sich ständig dieser Gefahr ausgesetzt sehen und sich dieser Bedrohung bewusst sein. Damit hat sie die LPschaft unwiederbringlich gekillt! – will ich herausschreien, schweige aber dazu.
„Ihm blieb nur übrig, irgendwie so schnell wie möglich aus dieser Beziehungen zu entfliehen!“ Ja, dies müsste ich sagen. Wie gesagt, unterlasse ich es, aus Pietätsgründen, so vieles unterlasse ich, muss es, fühle, meine Hände sind so streng zugebunden, so hart.
Stattdessen lange ich mir an meine Zähne. Um Ober- und Unterkiefer spannen zwei Klammern die Zähne derartig stark, dass sie höllisch schmerzen. Ich könnte es sein lassen. Ärzte haben abgewunken, sähe nicht so schlimm aus mit den auseinanderklaffenden Zähnen. Aber ich will es!
Verdammt sei doch der freie Wille.
„Hast Du im Schuhgeschäft nach den Sandalen gefragt!“
„Ja, habe ich. Aber ich habe nichts gefunden für Dich. Dabei habe ich etwas für mich entdeckt!“
Sie hebt die Füße ein bisschen und ich sehe neue Schuhe.
„Dabei kann ich mir das gar nicht leisten. Aber... „
Ich verstand: sie machte mir Vorwürfe darüber, dass sie auf Geheiß von mir in ein Geschäft gegangen ist, um etwas nachzufragen und –zusuchen, wobei sie von ihrem eigenen Kaufrausch überwältigt worden ist.
Ich ducke mich, es tut mir leid.
Ich versuche abzulenken und schaue an die Wand, auf der ansprechende Bilder von einigen verschiedenen Künstlern hängen. Ein Mann und eine Frau ist zu sehen, der Mann hat einen Spazierstock oder so etwas Ähnlichem in der Hand, vielleicht wie Moses einen Zauberstock, hat dem Betrachter aber den Rücken zugekehrt und geht gerade hinter dem Horizont von der Bildfläche. Die Frau, alle Körperteile nackt, läuft auf einem Weg, ohne jedoch Augen, Nase und Mund zu haben, auf einem zu. Beide laufen voneinander, jeder in eine andere Richtung weg.
Diese Aussage des Bildes rief in ihm sofort Widerspruch hervor, es stand direkt entgegen dem, was er empfand. Er würde sich nicht von der Frau wegbewegen, sein Weg führte mit ihr auf der gleichen Straße. Er brauchte die Frau, die Haut, die Berührung, die Zärtlichkeit, die Liebe.
„Schön! Äh!“ Es mir ihn Überwindung gekostet, so nüchtern und allgemein und höflich zu antworten.
„Ich habe dafür 20 Euro gegeben. Findest Du, das das angemessen war?“
Ich rechnete nach: Kosten der Leinwand, Farbe, Zeit nicht mitgerechnet bei diesen Dilletanten – na ja, der sogenannte Künstler konnte froh sein, überhaupt etwas dafür bekommen zu haben. Und normalerweise verschenkt man selbstgemachte Bilder, wenn man nicht schon einen Namen hat, wobei dieser Künstler meilenweit davon entfernt war, sich einen Namen zu machen.
Ich staune nicht schlecht über den Geldbetrag. Sie hatte sich also nicht entblödet in der Therapiezeit von gleichfalls zu Betreuenden Artfakte abzukaufen, als wären sie richtige Künstler. Okay, über Kunst lies sich schlecht streiten, nichtsdestoweniger erkannte ich sofort und so musste es jedem normalen Menschen gehen, das es sich um laienhafte Bilder handelte.
Ich staune nicht schlecht bei dieser Mitteilung, bewundere sie sogar deshalb, bedauere sie aber gleichzeitig. Die Künstler freuen sich darüber wahnsinnig, werden zudem in ihrer Phantasie und Einbildung, solche zu sein, beflügelt, unterstützt und verstärkt, wenngleich sie keinerlei materiellen Wert für die Käuferin darstellen.
Dabei muss sie selbst jede müde Mark und losen Knopf in ihren löchrigen Hosentaschen herumdrehen!
Unvorsichtigerweise, es ist schon zu spät, als ich es merke, bitte ich sie noch einmal um einen Gefallen: Sie solle in eine Wein-Galerie gegenüber ihrem Haus nach Leinwänden nachfragen. Denn ich bin selbst Laie im Malen, aber ich Male nun einmal gerne, und jetzt, wo es nachts ist, habe ich keine Gelegenheit nach den Preisen für Leinwände in dieser Galerie zu fragen.
Was hast Du da getan, frage ich mich nach Äußerung meiner Bitte: Sicherlich wird sie dann von des Verkaufsscharm des Besitzers betört und verführt werden – und womit wird sie aus diesem Laden treten? Picassos hängen dort nicht, wenngleich einige Pseudos. Da es ausgeschlossen ist, dass sie mit einer Weinkiste herauskommt, steht sich doch unter striktem Alkoholverbot, wird es solch ein Heim-Picasso sein, hoffentlich nicht auch so teuer wie der Meister selbst.
Die Schranktür, ein Kleiderschrank mit zwei Türen, ist proppe voll, so, dass, da sie nicht verschlossen sind, Kleiderzipfel aus ihnen heraushängen. Der Wäschekorb hängt über mit schmutzigen Kleidungsstücken. Auf den Platten eines Tisches, einer Kommode steht Firlefanz herum – neben Räucherstäbchen, Puderdöschen, Make-Up-Utensilien, kurzum, der ganze Quatsch fraulicher Eitelkeiten - unsystematisch aufgestellte, keinerlei Ordnung erkennend. Hier herrscht offenbar das denkbar chaotischte Zufallsprinzip.
Kaufen, kaufen, aber kaum anziehen.
Was nun los, will sie oder nicht? Allmählich muss sie sich entscheiden oder durchringen.
„Manchmal will ich, manchmal nicht!“, sagt sie.
Was soll das Rumgeeiere, das Um-den-heißen-Brei-Redens?
Plötzlich habe ich dringend aufs Klo gemusst, über den Flur durch die Tür ins Klo gestolpert und in aller vergessen, das Licht darin anzumachen. Auf der Schüssel sitzend, ist plötzlich die Tür ein großes stückweit aufgegangen und der Kopf Genias erschien, die sofort, erschrocken, ihn wieder zurückgezogen und die Tür geschlossen hat.
„Es tut mir leid. Ich hab’s vergessen“, habe ich gesagt, als ich herauskam, wo sie davor stand und darauf wartete, selbst darin etwas machen zu können.
„Ist schon gut, hat sie gesagt“, wobei ich ihr spontan instinktiv freundschaftlich über die Schultern gestrichen habe beim Vorbeigehen. Darüber ist sie zurückgezuckt, bildete ich mir ein, und ich habe mich sehr unwohl unmittelbar danach gefühlt. Hatte ich denn ein Recht, sie zu berühren, sie ist doch nicht meine Freundin, eine Fremde, nur die Mitbewohnerin von meiner Bekannten, Louis - habe ich mich immer wieder gefragt und zum Vorwurf gemacht.
Aber doch war da das Verlangen gewesen, sie zu berühren, klar, weil es mir peinlich war, weil ich in einem fremden Haus war und weil es eine Frau war, die mich auf der Schüssel gestellt und ertappt hat.
Was sie aber wirklich empfunden hat, weiß ich nicht genau, sie stand im Gegenlicht des hinteren Zimmers, aus dem durch die großen Fenster bis hierhin Tageslicht drang.
Ich hätte mich auf die Stirne schlagen können: deswegen Schhuldgefühle, sie berührt zu haben, ist doch übertrieben. Du scheinst nichtsdestoweniger die Berühereritis zu haben, wovon du schnellstens wegkommen solltest! ,
Ich war hin- und hergerissen und in meinem Gehirn brodelte es.
Ein imaginäres Strafgericht tagte im meinem Hirn: Warum aber ist dir das zuwider? - Du willst doch Körperkontakt, brauchst ihn so unbedingt, also, weshalb fasst du dein Berührungsbedürfnis als Quasi-Krankheit auf? – stellte mein psychatrischer Gutachter die Frage.
Wir ziehen uns endlich aus. Zuerst ich, bin ich ihr wohl schuldig als Mann, dass ich als erstes die Hosen fallen lasse. Sie kommt aber sehr zögerlich nach, muss ich sagen.
Ich komme mir bald wie ein Clown vor, weil ich immer nur bittele und bettele, zuerst mich entkleide, etwas von mir gebe und sie immer einen Rückzieher macht.
„Ich muss noch einmal aufs Klo!“
Aber sie war doch gerade. Was tut sie dort, bestimmt nicht Schaum oder Zäpfchen oder sonstige verhütende Medikamente einnahmen, oder? Wozu habe ich die Kondome mitbringen sollen?
Während ich allein im Zimmer stand, kam mir der Umstand als verrückt an, dass ich sie nicht einmal richtig geküsst habe und wir schon dabei waren, gemeinsam in die Kiste zu steigen, um zu vögeln. Ja, er hatte sie zwar versucht zu küssen, sie hatte sie aber immer wieder geschickt und verschämt dessen entzogen. Ja, sie am Hals zu küssen, am Ohrläppchen zu beißen, ihr an den Busen flüchtig fassen zu können, aber eine wirklich intime Berührung mit den Lippen entzog sie sich immer wieder. Das war doch grotesk, wenn das fehlte und man ging dazu über, sie vaginal zu vereinen, miteinander Geschlechtsverkehr zu haben, nicht wahr?
Sie kam endlich, nachdem er das Gefühl hatte, es hatte eine Ewigkeit gedauert, bis sie mit ihrem Geschäft auf dem Klo oder wie immer dieses ausgesehen hatte, fertiggeworden war. Was hatte sie dort nur so lange getrieben.
„He, was ist los?“
„Was soll los sein?“
„Du hast so lange gebraucht?“
„Ach nichts. Alles braucht seine Zeit“, und sie lächelte verschämt, wobei sie an sich herunterschaute, als prüfe sie ihre Kleidung danach, dass sie hübsch, attraktiv und exquisit wäre.
Ich fühlte, jetzt wäre der Zeitpunkt gekommen zu einer wirklich verliebten Gestik, umarmte sie deshalb, schmiegte das Gesicht an ihren bloßen Hals, roch Shampoo und Seife und fuhr mit der Zunge nach hinten zum Nacken, schnupperte daran wie ein kleines Kaninchen und stellte fest, dass sie ein bisschen Parfümgeruch ausströmte: Lavendelgeruch, Wilde Rose, irgendetwas in dieser Art. Aber brauchte man dazu eine geschlagene halbe Stunde, um sich damit einzusprühen?
Endlich ging es ins Bett. Als wir nebeneinander lagen, sie hat mir den Rücken zugekehrt und ich mich zum Angriff anschickte, sagte sie prompt in diesem Moment: „Du bist mir zu anstrengend des Nachts!“
Das ist eine Aussage, woran nicht zu rütteln ist. Ich merkte, ich verliere die Nerven, mein Geduldsfaden reißt, ich weiß, dass das nicht gut ist, man musste Geduld mitbringen, Beharrlichkeit und Konsequenz, sich nicht beeindrucken lassen, von dem blöden Gerde der Frauen, der Mädchen, gleichwie, in diesen entscheidenden Situationen, aber ich schaffe es nicht, meiner Vernunft zu folgen. Ich bin am Ende. Ich kann nicht mehr. Ich springe aus dem Bett, ziehe meine Sachen im rasanten Tempo an, will an nichts mehr denken, nur weg von. Ich packe mein Bündel, steckte die Kondome ungebraucht in der Hosentasche und stolpere die Treppe zum Hausausgang hinaus, schlage die Tür hinter mir zu, die von außen damit verschlossen ist und mache mich nachts auf dem Weg zum Bahnhof durch die düstere, kleine, idyllisch-trügerische Stadt. Nur die Straßenlampen, dezent gedimmt, verursachen eine schummrige Atmosphäre des Nachts. Man könnte es auch gespenstig nennen. Wie die von einem Nachtwächter mit seinem Leuchter in der Hand. Aber mir ist nicht nach Romantik zumute. Ich könnte heulen, ich bin dem Weinen schon sehr nahe, ich spüre bereits einen Druck auf meinen Augen, die sich in einem Tränenausbruch entladen möchte.
Der Abendwind bläst mir ins Gesicht, leichte Regentropfen sticheln darauf, vom Himmel herab, der zu düster ist, um gesehen zu werden.
Ich brauche den Sex, nein, die Berührung, die Haut-an-Haut-Kommunikation, die weiße Haut des anderen, über die ich streicheln möchte, und auch, dass jemand über meine streift. Das ist wie ein unwiderstehlicher Sog, eine Sucht, ein Muss!
Warum wird mir das verwehrt?
Es ist zum heulen deswegen!

17.09. 2016

„Bist Du schon Zuhause?“, fragt sie mich einige Tage später am Handy. „Nein! Ich bin noch unterwegs, im Zug. Ich will aber nach Hause fahren.“ Was nicht stimmt, ich hatte eigentlich etwas anderes vor, aber der Plan zerplatzt, sobald ich ihre verlockende Stimme höre. „Wenn Du also bei dir bist, meldest Du Dich bei mir.“ „Klar, gerne“, säusle ich ins Telefon, sofort erregt und voller Hoffnung.
Als ich gerade dort ankomme, ruft sie auf die Zeit genau auch an: “Was machst Du heute noch?“
„Ich weiß noch nicht, muss erst Mal essen?“
In einer Stunde will sie zurückrufen.
Nach ein und einer halben setzte ich das Gespräch fort. Alle Optionen werden lang und breit erörtert. Selbst dass ich zu ihr komme, steht im Blick.
„Wann fährt der Zug zu Dir zurück, wenn Du bei mir bist?“
„Aber ich kann nicht mehr noch abends zurückfahren, das wäre ein Aufenthalt von einer dreiviertel Stunde bei Dir. Das lohnt sich gelinde gesagt nicht.“ Und das ist schon maßlos untertrieben, hätte ich doch insgesamt eineinhalb Stunden dafür breitschlagen müssen zu fahren.
Sie sagt abschließend: „Ich versetz mich in Schlafmodus. Ich schluck eine Tablette. Schau noch ein bisschen Fernsehsatire und werd mich denn ablegen“, und aufgelegt hat sie.
Bin ich schon doof, dass ich einer blöden, zickigen, unseriösen Tussi hinterherenne? – frage ich mich in Qual, Zweifel und Verletzung.

04.10. 2016

Sie angerufen. Sie lag noch im Bett, stöhnend – bin ich übereifersüchtig? Ich sage einmal, das schwere Atmen, das sie hatte, geht mir noch nach: sie stöhnte, weil sie unruhig geschlafen hat, ich habe sie ja aus dem Schlaf geklingelt. Louis – die Erinnerung an den Sex mit ihr, versetzte mich in starke Atemstöße, sehr stark sogar, dass es mir ungesund erschien, eine Erregung, die mich körperlich belastete.

21.10.2016

Spätabends, es ist bereits 23 Uhr telefoniere ich mit ihr. Ich frage sie, ob sie mit jemanden geschlafen hat.
Ich befinde mich oben in der Dachwohnung, über mir ist nur der weite Himmel und das Universum mit seinen Millionen Sternen.
Es kommt lange nichts.
Ich beginne schon zu murmeln, von wegen keine Antwort ist auch eine Antwort, bevor sie es frank und frei heraussagt: „Ja, ich habe mit jemanden geschlafen.“
Pause.
„Es hat mir mit Dir sehr viel Spaß gemacht.“
Ich bleibe stumm.
„Du bist ganz nett, ein netter Kerl, aber momentan kann ich mich auf keine Beziehung einlassen“ Die Betonung des Satzes liegt auf dem „kann“. Aber sich von ihrem vorhergehenden Freund berühren zu lassen, geht nicht mehr, obwohl er ihre „Liebe“ sei. Er will das nicht mehr. Kann ich meine große Liebe nicht haben, begnüge ich mich mit vielen anderen kleinen, weil Körperkontakt brauche ich ja.
„Aber mir gefällt es Menschen kennen zu lernen, zu knuddeln, zu streicheln undsoweiter. Und ich finde Sex dann auch nicht abstoßend und eklig.“
Sie kann und will mit anderen Männer Sex haben. Kann sie nicht den haben, den sie will, den LP, dann will sie alle.
„Sex ohne Liebe kann ich nicht!“, hatte sie einmal gesagt, aber wie das jeder sagt, als eine Phrase. Wer gesteht sich selbst und vor allem anderen gegenüber ein, nymphomanisch zu sein, also mit vielen Partnern sich zu paaren, zu genießen und vielleicht auch dazu getrieben zu werden?
„Ich würde gerne noch hin und wieder mit Dir telefonieren“, sagt sie noch. „Das hat Spaß gemacht. Weil, weil, ich mag deine Stimme“.
„Danke, dass Du so ehrlich warst. Ich muss jetzt auflegen.“
„Es tut mir Leid.“
„Ja!“
„Wann wirst Du Dich wieder rühren?“
„Ich weiß nicht. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich darauf reagieren werde. Bitte frag nicht.“
„Ist gut! Mach’s gut. Bis irgendwann einmal.“ Haben diese Wort sie oder ich gesagt?
Und hat sie mir während des Gesprächs dies gesagt oder war es später einmal?
„Es macht mir nichts aus, wenn ich mit einem anderen vögle“, klingt, wenn andere Lust dabei haben, bittesehr, ich muss mich nicht groß dazu überwinden oder sie können sich ruhig an meinem Körper gütlich halten und sich daran ergötzen und befriedigen, wer dies nun ist, ist ihr herzlich egal, ganz fürsorgliche Frau.

22.11.2016

Tagebucheintrag zu Louis: Wolllust, das war alles falscher Abglanz der Liebe – losgelassener und entfesselter Instinkt.
Und weiter: Du weißt, was du brauchst. Wenn Du Sex brauchst mit anderen, bittesehr!

Ich habe ihr eine SMS gesendet mit der Frage, wie es weitergehen könnte, ohne diese beantworten zu können oder einen Vorschlag zu machen.
„Aber irgendwie müssten wir weiter Kontakt haben...“
„Von mir aus.“
Dabei verwendet sie keine Anrede, nur diese lapidaren drei Worte. Es verletzt mich die darin steckende Flapsigkeit.
Ich schlug ihr vor, mir Poloshirt und Überzieher zurückzuschicken, diejenigen Dinge, die ich bei ihr gelassen hatte und mir gehörten und in ihrer Pflicht standen, mir zurückzugeben. Ich bat sich noch nach einer Jackenkapuze zu sehen, damit sie an mich dachte und die Möglichkeit offenblieb, mit mir in Kontakt treten zu können – einen endgültigen Trennungsstrich zu ziehen, sah ich mich außerstande.
„Okay!“, war ihre Antwort.
Meine Wäsche kam nicht, die Jackenkapuze war damit auch überflüssig und hinfällig geworden.
Die nächsten Wochen, die Weihnachtsferien, das Neujahr, die Neujahrstage - da war sie aus meinem Bewusstsein – Be-wusst-sein – verschwunden.

Zurück zu „Texte“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 5 Gäste