Arcady

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Kirsten
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Arcady

Beitragvon Kirsten » 05.04.2017, 10:57

ARCADY
von Mona Ullrich

Seine Briefe waren ganz wie er selbst: stolz, ehrlich und ehrenhaft. Sie waren sehr korrekt. Formvollendet. Sie besaßen auch jene eigenartige Düsternis, die ihm anscheinend angeboren war, so wie die Farbe seiner Augen. Sie war nicht weich wie ein dunkler Pelz oder eine Sommernacht daheim, sondern scharf und bitter, wie schwarzer Rauch. Der ganze Mann hatte etwas Scharfes an sich, wie ein nützliches Messer. Nie hatte Manuela ihn ausgelassen oder gar ausschweifend erlebt. Sie kannte ihn zwar nicht besonders gut, was, wie sie meinte, nicht ihre Schuld war, aber sie war schließlich mit ihm verheiratet, und sie bezweifelte, daß irgendwer mit ihm vertrauter war und ihn anders kannte. Seine Familie bestimmt nicht, denn die rechnete auf diese Eigenschaften, beanspruchte sie unnachgiebig und war sehr stolz auf sie.
Seine Briefe trafen in regelmäßigen Abständen ein, alle zwei Wochen einer. So war er eben. Er war nicht gleichgültig. Er wollte sie nicht vernachlässigen. Aber er konnte sich nicht nur mit ihr abgeben. Er hatte so viel anderes zu tun, und dieses Andere erfüllte dann seine Briefe, gut und gewissenhaft niedergeschrieben, und quälend für die Frau, die ihn liebte, so daß sie diesen Berichten nichts abgewinnen konnte. Sie waren aufregend und spannend und ließen sie die großen Taten einer großen Zeit aus erster Hand miterleben, doch sie hatte ihretwegen auf ihn verzichten müssen und war nicht selbstlos genug, um das alles gebührend schätzen zu können.
Sie konnte Raoul nur mit Mühe antworten, künstlich und gezwungen. Es war ihr nach Weinen und Klagen, sie wollte ihre Sehnsucht nach ihm, nach einem anderen Leben herausschreien, aber wozu? Was hätte das bewirkt? Wäre es nicht nur einfach eine Störung gewesen? Sie war eine einzige Störung für ihn, fand sein Vetter Lombard. Er hatte ihr das gründlich erklärt, gleich am Abend ihrer Hochzeit, nachdem er sie zum Tanzen davongeholt hatte und stattdessen mit ihr in den stillen, regenfeuchten Garten gegangen war. Während der Himmel selber mit unerschöpflichen Tränen ihr Schicksal zu beklagen schien, hatte der massige, brutal-gewitzte Mann an ihrer Seite ohne Umschweife zu ihr gesagt: „Jetzt reicht es, Manuela. Jetzt hast du erreicht, was du wolltest. Wenn du noch einmal einen solchen Zwang auf Raoul ausübst, wirst du es bereuen!“ Sinnlos, ihm zu sagen, daß sie Raoul nicht gezwungen hatte. Sie wollte zuletzt sogar vor ihm fliehen, nachdem er ihr das furchtbare Gefühl gegeben hatte, sie nicht brauchen oder höchstens mißbrauchen zu können. Raoul selber in seiner reinen, unnachgiebigen Art setzte sich gegen ihre Verstörung durch und hatte Zwang auf sie ausgeübt: alles sollte in Ordnung kommen, fand er, und so war er nun einmal. Er liebte die Ordnung. Aber das wußte sein Vetter gut genug. Manuela konnte nicht mit ihm streiten, denn sie wußte, daß Lombard hart und ungerecht sein wollte. Er scheute die Ungerechtigkeit nicht, da er sich zutiefst gerechtfertigt fand: „Laß ihn in Ruhe! Wenn du ihn bei seiner Arbeit behinderst, wirst du es schnell bereuen, das schwöre ich dir!“
Sie wußte, daß sie in Lombard einen starken Gegner hatte, und sie hielt ihn für überlegen, weil sie an Raouls Liebe zweifelte. Lombard schien ihr enger mit Raoul verbunden als sie, denn sie waren seit ihrer Kindheit zusammen, schätzten sich gegenseitig, taten dieselbe Arbeit und hegten dieselben hohen Erwartungen, hatten sich beide mit ganzer Leidenschaft der Revolution geweiht. Sich gegen Lombard aufzulehnen, bedeutete für Manuela, sich gegen Raoul selber aufzulehnen, mit unvorhersehbaren Folgen. Sie fürchtete nicht die Trennung von ihm, nein, denn ihre Liebe zu ihm war längst eine sieche, von allzuvielen heimlichen Tränen vergiftete Pflanze. Sie fürchtete, Unordnung in sein Leben zu bringen und dadurch einen Zustand zu beschwören, den Raoul haßte, in dem er furchtbar und unberechenbar wurde. Sie hatte ihn einmal so erlebt, und das genügte ihr. Sie scheute Katastrophen.
So hatte sie sich denn still in ihr Schicksal ergeben. Sie war Amanda, Lombards Frau, hinaus nach Arcady Hills gefolgt, wo diese mit ihren vier Kindern und einigen älteren weiblichen Verwandten fern der unruhigen Hauptstadt lebte und wirtschaftete, und es war den idealistischen Arcadys ganz gleichgültig, ob sie irgendeinen Gewinn aus ihren Viehherden herauswirtschafteten, solange sie nicht die Revolution störten, in Sicherheit waren und eine gute Haltung wahrten. Amanda gelang dies schwerer als Manuela, denn sie war leichtsinnig und vergnügungssüchtig und haßte das Landleben. Sie fürchtete Lombard zu sehr, um sich aufzulehnen, und so tröstete sie sich mit süßen Weinen, albernen Romanen und dem Verhätscheln ihrer Kinder. Zuerst freute sie sich über Manuelas Gesellschaft, die sie aber bald langweilte. Sie wußte nicht, wie verzweifelt Manuela war, und wenn sie es fühlte, so wollte sie es nicht wissen. Sie wollte selber aufgemuntert werden und ging Manuela darum aus dem Weg. Wenigstens machte sie sich nützlich, diese bleiche, geistesabwesende Person, auch wenn sie noch weniger von der Landwirtschaft verstand als alle anderen.
Manuela wäre, so meinte sie, in Arcady Hills verrückt geworden ohne Ablenkung. Sie war froh, daß sie die Hirten und all die Tiere lieben konnte. Sie war in einer Großstadt aufgewachsen und hatte nicht geahnt, daß sie je ein Tier lieben würde. Diese fremden großen Wesen, diese vielen prächtigen Rösser und Rinder beruhigten sie durch ihre bloße Gegenwart. Wenn ihre Verzweiflung zu stark wurde, floh sie in einen der Ställe, kauerte sich in einer dunklen Ecke nieder, von Säcken und Strohballen geschützt, und weinte sich aus, bis sie dafür zu müde war. Dann ließ sie sich durch die Geräusche der Tiere beruhigen, die Gefangene waren wie sie, ihr Schicksal aber um so viel leichter zu nehmen schienen, und schließlich ging sie zurück in ihr Zimmer und legte sich schlafen. An manchen Tagen war sie zu bedrückt, um ihr Bett zu verlassen. Meistens suchte sie sich Ablenkung, und keine Arbeit war ihr zu schwierig oder zu anstrengend. Sie lernte reiten, gutmütig belächelt von den Pferdeknechten, die sich über die Ausdauer dieser bleichen, verschüchterten jungen Frau nur wundern konnten, der ihre gelegentliche Geistesabwesenheit immer wieder Beulen, Zerrungen und sogar einige Knochenbrüche eintrug; trotzdem ließ sie sich nicht abschrecken. Sie war nicht sportlich, da sie keinen Mut mehr hatte, aber sie brauchte die Tiere. Sie brauchte die Wärme von Freunden, die ihren Kummer ertragen und ihn nicht verraten konnten.
Manuela ekelte sich vor ihrer Verzweiflung. Sie litt unter ihrer Schwäche und sehnte sich nach mehr Mut, nach innerer Stärke, nach einem eigenen Ziel, das ihr aus diesem Leben herausgeholfen hätte. Nur die Liebe zu Raoul konnte dieses Leben rechtfertigen, und die war zurückgewiesen, unbrauchbar, wenn nicht gar gefährlich. Sie konnte Katastrophen heraufbeschwören. Raoul durfte nicht gestört werden. Manuelas Liebe war die Büchse der Pandora. Sie war eine Schande, sie faulte dahin, Tränen bekamen ihr nicht. Sie hinderte Manuela, ein anderes Ziel, ein anderes Leben zu finden, ohne ihr dies selber geben oder es wenigstens irgendwie ersetzen zu können.
„... und grüße bitte Amanda, Tante Adele, Tante Catarina, Tante Sibilla und Tante Constanze von mir! Ich grüße dich mit den besten Wünschen für deine Gesundheit, Raoul.“
Sie hatte den Brief nur sehr flüchtig gelesen. Seine Briefe waren ja keine Überraschungen mehr. Vielleicht hätten sie eine gute Freundin gefreut oder einen Verleger, der sie zusammengefaßt als eine höchst interessante zeitgenössische, aus der Sicht eines intelligenten Beteiligten hergestellte Dokumentation hätte herausbringen können – ach, Raoul hätte sicher einen begehrten Preis dafür bekommen! Manuela hatte den Eindruck, daß er alles konnte. Sie hätte zwei Stunden lang ununterbrochen seine Fähigkeiten herzählen können. Aber eines konnte er eben nicht, und das hing mit ihr zusammen. Seine Briefe freuten sie nicht, sondern verstärkten nur ihre Verzweiflung.
Sie las nur ein einziges Wort mit Aufmerksamkeit: seine Unterschrift, klar, ordentlich, ohne übertriebenen Schwung, aber durchaus elegant. Sie beschwor Raoul wie eine Zauberformel zu ihr in dieses düstere, viel zu große, schattige Schlafzimmer mit dem sinnlosen Doppelbett, und Raoul stand vor ihr wie bei der ersten Begegnung: ein Mann, dessen Idealismus und Reinheit ihre Verzweiflung umso schändlicher erscheinen ließen, wie einen Schmutzflecken neben einem silbernen Leuchter – oder Messer? Nicht Schmutz, nein: Blut. Das Blut der Frauen war es, das sie alle verabscheuten, meinte Manuela, genauso wie ihre Verzweiflung, und darum mußte man sich damit verbergen, bis man fast soweit war, ihren Abscheu zu teilen. Es hätte sie dieser klare Gedanke in Wut bringen können, doch ihr Kummer erstickte solche Gefühle wie eine dunkle Flut. Eine schmutzige dunkle Flut. Manuela hatte den Eindruck, sie sei in einem Teufelskreis gefangen, aus dem sie von alleine nie wieder herausfinden würde. Aber es war auch niemand da, um ihr zu helfen.
Etwa Raoul? Sie sah ihn zweifelnd, verzweifelt an. Nein, nicht wie bei der ersten Begegnung. Da war sie noch ein anderer Mensch gewesen. Sie hatte sich sofort in ihn verliebt. Nein, es war wie bei ihrer Hochzeit, und sie selber stand neben ihm, im Gesicht fast so weiß wie ihr langes, übertrieben einfaches Kleid, mit dem sie sich seiner spartanischen Lebenseinstellung hatte anpassen wollen. Da war sie bereits nicht mehr so heil. Eigentlich war überhaupt nichts in Ordnung an der Seite dieses ordnungsliebenden Mannes, aber er wußte es nicht, es war ja eine schützende, wohlbewachte Mauer da: Lombard verteidigte die Festung, auf die er und noch manche andere sich verließen.
„Liebe Manuela, heute habe ich nicht viel Zeit für dich. Neben mir liegen die Akten des Megara-Prozesses, und in zwei Stunden kommt Lombard, um mit mir über die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen zu sprechen. Ich kämpfe wieder mit dem Fieber, wie jedesmal bei diesem Wetter. Aber mein Bett wird kalt bleiben heute nacht, denn ...“
Das war nichts Neues. Dieses Bett blieb oft kalt. Mit den nicht mehr heilen Augen erlebte sie nun doch noch einmal die erste Begegnung, unschlüssig seinen bereits gefalteten Brief in ihrer Hand, hilflos träumend.
„Das ist Ihr Zimmer?“ Er starrte sie ungläubig an. Er stand vor ihr an der halb geöffneten Tür des Hotelzimmers, die er eben aufgeschlossen hatte. Er hatte sie maßlos erschreckt. Sie war in ihrem verschwitzten, zerknitterten Schlafanzug zu ihm hingestürzt, um ihn aufzuhalten und wegzujagen – sie konnte das, sie war mutig und scharfzüngig, eine beherzte junge Weltenbummlerin – aber sie war dann, als sie ihn aus der Nähe sah, sogleich so sehr beeindruckt, daß sie nur matt ihre Rechte verteidigen konnte. Und mehr war bei Raoul Arcady nicht nötig gewesen. Er war nicht aufdringlich, nicht eklig – nicht er! Er stritt sich nicht herum. Er konnte nur nicht fassen, daß es in einem so großen und weltweit geachteten Hotel eine solche Unordnung geben sollte. So stand er da und starrte sie an – ein dunkles, unruhiges, energiegeladenes Wesen, sonnenverbrannt und düster, mit scharfen, klarsichtigen Augen von brennender Schwärze, ein dünner Mann, nicht groß, mit deutlichen Schweißflecken auf dem sauberen grauen Hemd, die Jacke schon über dem Arm, die er in dem Zimmer endlich hatte ablegen wollen. Es war so ein drückend heißer Tag gewesen, ein unruhiger Tag.
„Das ist mein Zimmer”, bestätigte sie ohne Nachdruck. „Ich lebe hier schon zwei Wochen”, fügte sie hinzu, „ich mag die Stadt.“
Er wunderte sich. Er war todmüde und verwirrt, aber wenn es um seine Mitmenschen ging, war er immer im Einsatz. „Sie mögen die Stadt?“ wiederholte er. Sie stellte keine Spur von Neugier an ihm fest, nur eine kühle, mißbilligende Besorgnis. Sie verliebte sich in jedem Augenblick mehr in ihn.
„Ja”, sagte sie, „ich finde sie schön – so groß und so weiß und so nah am Meer.“
„Sie sollten schleunigst abreisen”, entschied er. „Es ist hier viel zu gefährlich für Sie. Weiß Ihre Familie, daß Sie hier sind?“
Sie schüttelte wahrheitsgemäß den Kopf. Sie mußte über ihn lächeln. Sie freute sich damals sehr über ihn, und deshalb verbarg sie ihm nichts. Sie wollte seine guten Eigenschaften im Einsatz erleben. Das war nun lange, lange her.
Raoul sah aus, als zweifle er an ihrem Geisteszustand und würde ihr im nächsten Augenblick die Koffer packen und sie dann höchstpersönlich zum Flughafen verfrachten. Seine eigenen Bedürfnisse hatte er vollkommen vergessen.
Sie erinnerte ihn daran. Ehe er sich zu einer Äußerung entschließen konnte, sagte sie mit einem schüchternen Auflachen, unsicher, ob er etwas für Humor übrig hatte: „Sie wollen wohl unbedingt mein Zimmer ergattern?“
Er hatte nichts für Humor übrig, schien es. Das Lächeln verging ihr, als sie sah, wie eine schnelle peinliche Blutwelle durch sein dunkles Gesicht ging. Er straffte sich und sagte: „Ich werde diese Angelegenheit sofort klären. Man hat mir dieses Zimmer zugewiesen. Ich glaube, da stimmt etwas nicht.“
„Soll ich auf Sie warten?“ fragte sie, beeindruckt und noch etwas schüchterner.
„Nein!“ wehrte er sogleich ab, schon im Aufbruch. „Legen Sie sich schlafen. Sie können Ihr Zimmer auf jeden Fall behalten. Gute Nacht, und schließen Sie gut ab. Sie sollten in einem fremden Land immer Ihre Tür abschließen.“
Mit diesem guten Rat entschwand er auch schon durch den langen, grell erleuchteten Korridor, schnell, verärgert, ehrlich empört, eine Dummheit oder ein Unrecht witternd. Egoismus war keines seiner Motive, das wußte sie schon. Er hätte die Nacht nötigenfalls auch in einem Straßengraben verbracht. Aber zuerst wollte er die Angelegenheit geklärt wissen, und zwar, wie sie ahnte, ein für alle Mal. Nie wieder sollte dergleichen irgendjemandem in diesem Hause zustoßen.
Sie konnte es nicht lassen. Sie zappelte bereits an der Angel, auch wenn es eine gleichgültige, von ihrem Herrn im Stich gelassene Angel sein mochte. Sie war noch so neugierig damals. Sie mußte Raouls Weg und Wirken unbedingt verfolgen.
So entledigte sie sich hastig ihres Schlafanzuges, wobei sie sich darüber ärgerte, daß sie ausgerechnet dieses unvorteilhafteste Kleidungsstück aus ihrem Reisegepäck getragen hatte. Sie wischte sich den Schweiß mit einem parfümgetränkten Taschentuch von Hals und Achseln, warf sich ein dünnes Baumwollkleid über, dessen Kornblumenblau die Farbe ihrer Augen verstärkte, schlüpfte in ihre Strohsandalen und strich sich ordnend über die widerspenstigen braunen Locken. Dann stürmte sie davon, ihr Schlüsselbund in der Hand, das sich bald erwärmte und schweißfeucht wurde, denn die Nacht war nicht viel frischer als der Tag, schon gar nicht in den muffigen, mit alter Pracht ausgestatteten Innenräumen des Hotels.
Und es waren so viele Menschen da! In den vergangenen beiden Wochen war das Hotel immer stiller geworden, die ausländischen Gäste waren der Unruhen wegen überstürzt abgereist, nur ein paar unerschrockene Presseleute waren geblieben, die sich beim Frühstück derbe Endzeitwitze zuriefen – und sie selbst, Manuela Traub aus einem fernen, nebelverhangenen Land, die in heiterem Leichtsinn das Geld ihrer Oma ausgab, während eine zuverlässige Freundin in einem ruhigen, wohlgeordneten anderen Land für sie Urlaubskarten an die arglosen Eltern schickte. Vor Revolutionen hatte sie keine Angst, denn sie war achtzehn Jahre alt und fand sie alle gerecht und richtig, fühlte sich immer auf der Seite derer, die um Rechte und Freiheiten kämpften, obwohl sie nicht einmal genau wußte, warum sie so fühlte. Blutvergießen und Grausamkeiten mochte sie nicht, aber das schien ja eigentlich immer von den Unterdrückern auszugehen, und daß man sich wehren mußte, sah sie auch ein. Sie hatte selber zurückgeschlagen, wann immer sie angegriffen wurde, schon als Kind, auch wenn es Ältere und Stärkere waren, die sie bedrängten. Es machte nichts aus, wenn man selber eins auf die Nase bekam: Hauptsache, man hatte sich gewehrt.
Sie war jedoch keineswegs wegen der Revolution hier, sondern weil ihr, wie sie Raoul gesagt hatte, die Stadt so gut gefiel. Noch nie hatte sie sich in einer fremden Stadt so geborgen gefühlt. Das lag an der würdigen Weiße und Größe der alten Gebäude, an der reinen dunklen Hautfarbe der Menschen, an ihrem geschäftigen Stolz, ihrer stolzen Geschäftigkeit, der flirrenden Melodiosität ihrer Sprache. Alles war so frisch, rein, kräftig, auch die Farben, die Töne. Es war so anders als die Nebel der Heimat.
Nun hatten diese tapferen Leute, zu denen auch ihr Gast? Besucher? Störenfried? gehörte, einen wohlverdienten Sieg errungen und die wichtigsten Gebäude der Stadt besetzt. Sie hatten sich in den großen Hotels einquartiert – warum auch nicht? Irgendwo mußten sie ja hin und sich ausruhen, sie waren ja nicht alle von hier, und sie blieben am besten dicht beieinander. Ob sie für ihre Unterkünfte bezahlten? Manuela fand diese Vorstellung zuerst lächerlich, dann dachte sie an ihren ... Besucher. Sie schämte sich ein wenig: der nahm bestimmt nichts umsonst!
Jedenfalls war das Hotel nun voll von diesen Leuten: alle in Grau, verschwitzt, noch erregt, unruhig durch die weit offenen Türen gehend, die meisten noch bewaffnet. Es waren auch Frauen dabei, und sie sahen weniger verbraucht aus, fröhlicher. Wieso? Hatten sie weniger getan, gewagt? Sie waren immerhin genauso verschwitzt. Sie waren die einzigen, die Manuela ansahen: spöttisch, belustigt, im Grunde aber gleichgültig. Die Männer taten so, als sei sie unsichtbar.
Sie eilte zwischen ihnen hindurch in die große Halle hinab, und ihr Herz tat einen Freudensprung, als sie ihren Besucher am Empfangstisch erblickte, umgeben von einer gespannt lauschenden Gruppe seiner grauen Gefährten. Er sah finster und wütend aus, und der Empfangschef, auf den er einredete, war tiefrot, hatte ein verzerrtes Gesicht und schwitzte aus allen Poren. Manuela hatte eben die letzte Stufe der breiten Treppe erreicht, als ihr Besucher kurz entschlossen das große blaue Gästebuch ergriff und es, entweder um seinen Worten gehörigen Nachdruck zu verleihen oder weil ihn die gerechte Erregung hinriß, dem schwitzenden Mann um die Ohren schlug, so schnell, daß dieser nicht zurückweichen konnte, und immer wieder, bis er zusammenbrach.
Manuela blieb entgeistert stehen. Eine so grausame Szene hatte sie in ihrem Leben noch nie erlebt. Natürlich war es irgendwie noch grausamer – es war jedenfalls gemeiner, kleinen Mädchen Reißnägel auf ihre Stühle zu legen und Kaugummis in ihre Haare zu kleben, oder größere Mädchen auf einer dunklen Straße zu verfolgen, ihnen Angst zu machen und sie zu sonstwas zu zwingen. Aber zählte nicht auch das Resultat? Vielleicht war dieser Mann jetzt tot. Sie ahnte, daß ihr Besucher auch mit einer Peitsche, einem Knüppel, einem Gewehrkolben auf ihn eingeschlagen hätte bis zum Zusammenbruch, und dieses Resultat konnte doch in keinem Verhältnis zu dem Anlaß stehen! Ihr Herz flatterte. Sie mußte den Anlaß wissen, ehe sie ein Urteil fällte. So ging sie zögernd weiter. Auf einmal fühlte sie sich sehr unbehaglich in diesem fremden Land. Ihr war, als hätte sich in Nebelheim kein Mann so verhalten.
Hier war es anscheinend zwar etwas übertrieben, nicht ganz behaglich, aber keineswegs ungewöhnlich. Es war still in der Halle geworden, und auch aus dem fernsten Winkel war die Aufmerksamkeit nun auf den Empfangstisch gerichtet. Niemand mischte sich ein oder murrte gar. Die Leute machten ernste, ausdruckslose Gesichter, auch die hinter dem Empfangstisch, wenngleich sie etwas blasser waren. Zwei von ihnen bückten sich zu dem Geschlagenen, zu den anderen sagte ihr Besucher: „Das kommt hier nicht wieder vor! Und nun möchte ich ein freies Zimmer.“
Hastig wurde ihm ein Schlüssel gereicht, und er schritt durch die sich bereitwillig teilende Menge davon, Schweiß auf der Stirn, Röte in den Wangen, dabei anscheinend wieder so ruhig, wie er nur sein konnte. Manuela wollte sich ihm in den Weg stellen, ihn ansprechen, wagte es aber nicht. Er sah aus, als würde er bei der nächsten Störung gleich wieder heftig werden. Vielleicht mußte er erst abkühlen.
Er ging an ihr vorbei, ohne sie zu bemerken. Sie wandte sich um und folgte ihm unauffällig, was bedeutet, daß sie selber zwar zweifellos auffiel, aber niemand ahnte, was sie im Sinn hatte.
Sie folgte ihm bis in den dritten Stock, wo auch ihr Zimmer lag. Sie ging ihm nach bis vor seine Tür, und da gerade sonst niemand in der Nähe war, sprach sie ihn an, als er eben den Schlüssel ins Schloß steckte.
„Halt!“ rief sie mit unnatürlich heller, eifriger Stimme, und dieser bekannte Polizeiruf bewirkte, daß er sofort zu ihr herumfuhr. „Warum haben Sie diesen Mann so zugerichtet? Was hat er denn getan?“
Raoul starrte sie mit ungläubigem Ärger an. „Warum sind Sie nicht in Ihrem Zimmer?“
Manuela hatte bereits zu diesem Zeitpunkt genug von seiner altruistischen Einsatzbereitschaft. Sie wies sie unwillkürlich und entschlossen zurück. „Das geht Sie gar nichts an! Ich will wissen, warum Sie sich so aufgeführt haben.“
Raoul war noch röter geworden. Er atmete tief ein und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Als er den Arm wieder vom Gesicht nahm, sah er müde und mitgenommen aus. „Na schön”, sagte er. „Sie sollen es ruhig wissen, vielleicht sind Sie dann in Zukunft ein bißchen vorsichtiger. Dieser Mensch wußte sehr wohl, daß Sie noch in diesem Zimmer sind. Er war frech genug, es zuzugeben. Er wollte mir eine Art Gefallen tun. Das habe ich mir nicht gefallen lassen, und deshalb habe ich ihm eine Lehre erteilt. Ich hoffe, Sie haben jetzt auch etwas dazugelernt.“
Manuela war verwirrt. Sie fand diesen Empfangschef, der immer so einen heiteren, biederen Eindruck auf sie gemacht hatte, plötzlich gemein und widerlich. Aber deshalb hätte sie ihn nicht geschlagen. Sie begriff, daß es um eine Art Ehrensache ging, daher antwortete sie sehr vorsichtig: „Ich bin die Sitten hier in Ihrem Land noch nicht gewöhnt.“
„Ich weiß nicht, woher Sie kommen”, antwortete Raoul und nahm die lästige Jacke auf den anderen Arm, „aber ich benutze jedenfalls kein Hotel, das seine Gäste so behandelt. Und nun entschuldigen Sie mich bitte.“
„Halt!“ rief Manuela wieder, als er sich seiner Tür zuwenden wollte. „Ich wollte ja nur sagen, daß ich mich wundere, weil Sie sich so aufgeregt haben. Bei uns hätte der Mann vielleicht eine Geldstrafe bekommen oder – ach, ich weiß auch nicht.“
„Gehen Sie nach Hause.“ Raoul schloß nun entschieden seine Tür auf. „Gute Nacht.“
Er schlug ihr die Tür vor der Nase zu. Manuela stand noch einige Augenblicke verwirrt und frustriert da; dann kamen Leute in Sicht, und sie ging hastig weiter und tat, als habe sie nichts von Bedeutung erlebt.
Sie konnte in dieser Nacht nicht mehr schlafen. Ihre Befremdung verging bald, denn sie kam nicht gegen ihre Verliebtheit an, ebensowenig auch seine abweisende Haltung. Sie gab sich keine Chance, das nicht. Raoul erschien ihr als ein makelloser Held, trotz oder vielleicht auch nicht zuletzt wegen seines unerbittlichen Ehrgefühls – gut, und was hatte sie ihm zu bieten? Eine ratlose, verbummelte Jugend. In ihrem ganzen Leben war sie noch nie so eingeschüchtert gewesen. Vielleicht sollte sie wirklich abreisen, sich ablenken. Ach nein, sie wollte wenigstens in seiner Nähe bleiben.
Am frühen Morgen duschte sie ausgiebig, dann zog sie sich so ordentlich wie möglich an. Das war schon die erste Anpassung, das erste Zugeständnis an ihren Helden. Sie ärgerte sich sogar, daß sie nur dieses auffällige tomatenrote Kostüm zur Verfügung hatte und nicht eines in grau mit einer weißen Bluse. Sie hatte überhaupt keine Bluse, nicht einmal in Tomatenrot, denn sie haßte Blusen. Aber sie würde sich gleich heute eine kaufen – Oma sei Dank! Oma hatte sich immer einen ordentlichen Mann für ihr Mädchen gewünscht. Oma hätte ihr tausend weiße Blusen gekauft. Allerdings hatte auch Oma nicht immer bekommen, was sie wollte. Sie waren schon mutig daheim; nur manchmal, und das in entscheidenden Augenblicken, wurden sie scheu, genau wie Pferde, und dann brauchten sie eine beruhigende Hand. Da konnte sie bei Raoul wohl lange warten, dachte sie später, allein auf diesem Doppelbett in Arcady Hills.
Sie kämmte sich die Haare mit Wasser, kämmte sie streng zurück, dann knöpfte sie ihre Jacke über dem dünnen Hemdchen bis an den Hals zu. Schön war das nicht, aber Oma hatte immer behauptet, an einem hübschen Mädchen sähe alles schön aus.
Manuela nahm ihre Tasche unter den Arm, nachdem sie ihr strapaziertes Braun mit etwas Schuhcreme aufgefrischt hatte, schlüpfte in die passenden Sandalen, für die die Schuhcreme leider nicht mehr gereicht hatte, und machte sich auf den Weg ins Frühstückszimmer. Sie wußte, daß sie scheußlich aussah, tröstete sich aber mit Visionen von grauen Kostümen, die ihr wider Erwarten doch stehen würden.
Sobald sie unter all diese grauen Leute kam, verging der Trost wie eine dünne Schneeschicht an der Sonne. Tomatenrot war genau die verkehrte Farbe – warum hatte sie das nicht bedacht? In einem Hula-Rock, mit Blumen um den Hals wäre sie kaum mehr aufgefallen. Welch ein Glück, daß diese Leute alle so ernst und zurückhaltend waren! Sie ließen sich jedenfalls nichts anmerken. Manuela ging tapfer weiter, im Gesicht fast so rot wie ihr Kostüm. Wenn sie ihn nur wiedersehen konnte, war ja schon alles gut.
Sie wagte nicht, nach ihm Ausschau zu halten in dem großen, dicht besetzten, von Zigarettenrauch erfüllten Raum. Zuerst brauchte sie den Schutz eines Tisches und einer vorgehaltenen Zeitung zwischen sich und ihm. Sie mied ihren gewohnten Fenstertisch, an dem ohnehin bereits ein Paar in Grau saß, und flüchtete sich zu den Presseleuten, nahm zwischen ihnen auf einer breiten, die Wand umlaufenden Polsterbank Platz, ein winziges rundes Tischchen vor sich: kein großer Schutz.
Sie installierte eben ihre Tasche verlegen auf dem Schoß, da bemerkte sie ihn auch schon. Zu ihrem allergrößten Schrecken stand er genau vor ihrem Tisch und sagte: „Erlauben Sie, daß ich mich zu Ihnen setze?“
Er mußte ihr gefolgt sein. Ach du liebe Güte! Sie wurde noch röter, aber sie verstand ihn sicher falsch.
Sie nickte hastig und stellte fest, daß etliche Leute sie aufmerksam beobachteten. Sie wußte nicht, wohin mit sich. Sie wünschte sich einen Hut mit einem dichten Schleier oder wenigstens einen Fächer – einen schönen großen Fächer.
Ihr Held schien ihren lächerlichen Aufzug überhaupt nicht zu bemerken. Er wirkte ausgeruht, nachdenklich, noch immer mißbilligend. Ohne sich nach ihren Wünschen zu erkundigen bestellte er Frühstück für sie beide, aber er tat dies in einer gewohnheitsmäßigen, gleichgültigen Art, als habe er es schon tausend Mal für Tausende von Leuten getan. Vielleicht war er der Proviantmeister all dieser Leute?
Dann wandte er sich ihr zu und sagte mit einem Ausdruck der Entschlossenheit: „Ich hoffe, Sie hatten eine gute Nacht.“
Manuela nickte wieder. Die Lüge war ihr nicht bewußt.
„Das freut mich”, erklärte ihr Held. „Sie werden jetzt abreisen, nicht wahr?“
Manuela schüttelte entnervt den Kopf. Noch nie hatte man sie irgendwo so sehr zum Weggehen gedrängt. Sie kam sich immer mehr wie ein Fremdkörper, ein Eindringling vor, und das tat weh. Aber so schnell gab sie nicht auf. Was wollte sie denn? Nur dieselbe Luft atmen wie er, das war doch wohl keine Zumutung. Sie drängte sich bestimmt nicht auf – sie nicht.
Ihr Held zeigte deutlich, daß er sie für unvernünftig hielt, aber er schien nichts anderes von ihr erwartet zu haben.
„Hören Sie”, sagte er mit eindringlichem Ernst, „niemand kann hier für Ihre Sicherheit garantieren. Was wollen Sie denn überhaupt noch hier? Sie können nicht in der Stadt spazierengehen, das ist zu gefährlich. Und im Hotel herumsitzen können Sie überall auf der Welt.“
Manuela vergaß ihre Vorsätze, vergaß Vorsicht und Zurückhaltung. Sie preschte mit der Wahrheit vor, aber nicht nur aus Mut. Es war wie das Scheuen eines verstörten Pferdes. „Ja, das kann ich”, kam es ihr über die Lippen, „aber nicht in Ihrer Nähe. Ich will in Ihrer Nähe bleiben. Ich habe mich in Sie verliebt!“
Sie starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an, und er starrte zurück, mit blankem Blick, vollkommen ausdruckslos. Dann wandte er jäh das Gesicht von ihr ab, griff in seine Brusttasche und zündete sich eine Zigarette an.
Manuela sah auf ihre Handtasche nieder. Ihr war sehr heiß. War dieses fürchterliche, wilde, aufgestörte Gefühl, das sie bis in die Finger- und Zehenspitzen durchdrang, die Reue? Es war ein ganz anderes Gefühl, als wenn man sich hatte hinreißen lassen, sein knappes Taschengeld für eine viel zu teure Hose auszugeben. Sie kannte die Reue eigentlich nicht.
„Hören Sie”, sagte Raoul plötzlich sehr langsam und sehr höflich, „Sie kennen mich ja gar nicht.“
Manuela sah ihn verwirrt an. Was meinte er?
Er sah aus, als hätte ihn jemand geohrfeigt. Unbehaglich, aber wieder gefaßt. Sehr vorsichtig.
„Noch nicht lange”, gab sie zu, als das Schweigen peinlich wurde.
„Sie wissen nicht einmal meinen Namen”, hielt Raoul ihr vor, als sei gerade dies am verwunderlichsten. „Ich glaube, ich stelle mich jetzt besser vor. Ich heiße Raoul Arcady und bin Rechtsanwalt.“
Sie mußte ein wenig lächeln. Irgendwie fand sie diese Auskunft reizend. Ach, es war doch gut, daß er so war, wie er war! Höflichkeit konnte hilfreich sein. Sie war nicht enttäuscht, denn sie hatte nicht mehr erwartet – nicht einmal so viel, überhaupt nichts. Oder die Aufforderung, dieses Land sofort zu verlassen. Wenn man sich nicht verborgen halten konnte, dann wurde man aus dem Paradies ausgewiesen, oder nicht? Da gab es doch die Geschichte von dem Mann und der Frau und dem Paradies. Sie konnte sich kaum erinnern. Alte Geschichten hatten ihr nie viel bedeutet.
„Ich heiße Manuela Traub”, revanchierte sie sich scheu. „Ich möchte Medizin studieren.“ Das war nun wirklich gelogen, aber woher sollte er das wissen? Es war das zweite Zugeständnis an ihren Helden. Um ihm zu gefallen, hätte sie auch (hatte sie bereits!) ein Bußgewand angelegt und wäre hinaus in die Einöde gewandert.
In Wirklichkeit hatte sie noch überhaupt keinen Plan für ihre Zukunft gemacht. Sie war davor zurückgescheut. Sie hatte keinen Ehrgeiz, und bis jetzt hatte sie noch nie jemanden beeindrucken wollen. Omas Erbschaft hatte ihr eine Entscheidung erst einmal erspart.
Raoul schien zum ersten Mal etwas an ihr zu billigen. Er lächelte kurz zurück, freundlich und unverbindlich. „Sie wollen Ärztin werden? Ein sehr sinnvoller Beruf. Haben Sie sich schon um einen Studienplatz beworben?“
Manuela war nun in siedend heißer Verlegenheit. Es war ihr so elend, daß sie sich am liebsten unter der Bank versteckt hätte. „Das mache ich”, so quälte sie sich tapfer ab, „sobald ich nach Hause zurückgekehrt bin.“
„Was Sie hoffentlich bald tun werden”, war die prompte, alles andere als überraschende Antwort. „Reisen ist zwar auch sinnvoll, aber irgendwann sollte man sich eine Aufgabe stellen, Mariana.“
„Manuela!“ verbesserte sie gequält. Nicht einmal ihren Namen hatte er behalten. Vielleicht brachte er sie mit tausend anderen verlegenen Schicksalsgefährtinnen durcheinander, die auch schon so vor ihm gesessen hatten: ich will Ärztin, Rechtsanwältin, Revolutionärin, barmherzige Schwester werden – alles, nur nicht so eine Egoistin, die ihre Finger nach Ihnen ausstreckt ...
„Wie?“ Er begriff nicht gleich, dann schüttelte er rasch den Kopf. „Entschuldigen Sie, ich habe ein schlechtes Gedächtnis für Namen.“ Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Ich muß leider aufbrechen, Manuela.“ Ein Blick auf sie, ernst, rein, beschwörend: „Nehmen Sie das alles nicht so schwer. Man kommt auf die merkwürdigsten Gedanken, wenn man so allein in einem Hotel herumsitzt. Sie sollten –“
Nein, sie wollte nicht schon wieder hören, was sie sollte. Sie war verletzt, und das machte sie wütend. „Sie nehmen mich nicht ernst”, warf sie ihm vor. „Wer gibt Ihnen das Recht dazu? Sie kennen mich ja kaum!“
„Nein”, gab er sofort zu, nun selber verlegen. „Es tut mir leid, Mar– Manuela. Ich wollte Sie nicht beleidigen. Ich möchte nur nicht, daß Sie Ihre Zeit an sinnlose Hoffnungen und Träumereien verschwenden, sondern –“
Er kam nicht weiter, denn ihr Gesicht verriet ihm, daß er alles noch schlimmer gemacht hatte. Manuela saß wie von einer Axt getroffen. Die Hitze war weg, es war ihr eisig kalt. Sie war wahrscheinlich so weiß wie das Tischtuch geworden.
Ihr Held machte eine unwillkürliche, verzweifelte Handbewegung. Er strich sich die Haare aus der Stirn. Er gab sich einen Ruck und sagte sehr ernst und sehr beherrscht: „Manuela, es tut mir sehr leid, daß ich Sie so verletzt habe. Aber Sie dürfen sich meinetwegen wirklich keine Hoffnungen machen. Es ist doch besser, wenn ich es Ihnen gleich sage. Die Wahrheit ist immer besser als eine mitleidige Lüge. Ich habe einfach keine Zeit für eine Familie.“
Dieses letzte Wort gab ihr den Rest. Für sie hörte es sich an, als unterstelle er ihr, sie habe ihn soeben dazu zwingen wollen, den Rest seines Lebens ausschließlich ihr und ihren fünfzehn Kindern zu widmen.
Sie erhob sich, drückte die Tasche mit beiden Händen gegen ihre Brust. „Sie haben mich ganz falsch verstanden”, sagte sie. „Ich möchte jetzt gehen.“
Auch Raoul erhob sich, fast gleichzeitig mit ihr. Er war bestürzt und eindeutig besorgt. Er hatte den Ausdruck jenes Schauspielers, dem in einem Film plötzlich in einem weitläufigen dunklen Keller ein Leprakranker in den Weg getreten war – aber bei ihm war er selbstverständlich echt. „Wo wollen Sie hin?“
„Hinaus!“ Sie schob sich an ihm vorbei, bemüht, nicht auf all diese Leute zu achten, denen sie die ganze Zeit ein Schauspiel geboten hatten. Raoul kümmerte sich so wenig darum, was die Leute von ihnen hielten, daß er sie vorübergehend damit angesteckt hatte. Das war sonst nicht ihre Art, dafür war sie viel zu empfindsam. „Ich muß jetzt an die frische Luft. Mir ist nicht gut.“
Raoul war sofort an ihrer Seite und ergriff ihren Ellbogen. „Kommen Sie, ich bringe Sie hinaus.“
Ihre Wut war der Verzweiflung gewichen, so wie es fortan immer sein würde, bis sie überhaupt nicht mehr wußte, was Wut war. Sie hatte nicht die Kraft, ihn abzuwehren, obwohl sie es scheußlich fand, von ihm abgeschleppt zu werden wie ein Wrack. Das war seine Ordnungsliebe, nicht wahr? Tausend andere Leute waren schon in denselben Genuß gekommen.
So schwach war sie nicht, daß ihr entgangen wäre, daß er ein Stück kleiner war als sie, einen oder zwei Zentimeter, was nichts an seiner eindrucksvollen Persönlichkeit änderte. Ihr machte es nichts aus, und ihm bestimmt auch nicht. Er hätte sie auch dann in das nächste Flugzeug gesetzt, wenn sie zwei Köpfe größer gewesen wäre als er.
Sie wehrte sich erst, als sie in die Halle kamen, von zahlreichen Blicken verfolgt, und Raoul sie zu den Fahrstühlen bringen wollte. „Nein!“ sagte sie und machte sich entschieden los. „Ich kann Fahrstühle nicht leiden. Ich will auch gar nicht in mein Zimmer. Ich will hinaus. Lassen Sie nur. Ich komme jetzt auch alleine zurecht.“
Sie wandte sich ab und ging mit raschen, etwas unsicheren Schritten auf die große Doppeltür zu, durch die ständig Leute kamen und gingen.
So schnell wurde sie ihren Helden nicht los. „Amanda!“ rief er ihr nach, ohne die geringste Rücksicht auf das Publikum. „Das sollten Sie nicht tun! Gehen Sie in Ihr Zimmer und legen Sie sich hin!“
Der falsche Name stärkte ihr den Rücken, auch wenn er ihre Verzweiflung noch vergrößerte. Sie schob sich eilig vor einem großen, vierschrötigen Mann durch die Tür, sprang die Treppen hinab und begann zu rennen, quer über den weiten Platz, an dem das Hotel lag, und der an diesem Tag glücklicherweise mehr Fuß- als Fahrverkehr hatte. Viele Menschen schienen in größeren oder kleineren Gruppen einfach herumzustehen. Sie rannte zwischen ihnen hindurch, immer noch mit beiden Händen die Tasche vor sich haltend. Dunkle Blicke folgten ihr erstaunt und besorgt, aber er folgte ihr nicht. So weit ging er bestimmt nicht.
Doch ehe sie in die nächstbeste Straße einbog, blieb sie einen Augenblick stehen und sah sich um. Nein, er war nicht zu sehen. Sie atmete auf. Er hatte ja auch gar keine Zeit für sie. Ihre Verzweiflung senkte sich über sie. Sie trottete weiter, bis sie einen kleinen, schattig-dunklen Park erreichte. Dort ließ sie sich auf eine freie Bank fallen, legte das Gesicht in beide Hände und weinte.
Nach ungefähr einer halben Stunde hatte sie wieder etwas Fassung erlangt. Sie steckte ein Pfefferminzbonbon in den Mund, zog die verschwitzte Jacke aus und tupfte sich die Tränen ab. Den Blick auf die staubigen Steinplatten des schmalen Parkweges gerichtet, Tauben bei ihrer Nahrungssuche beobachtend, versuchte sie, sich selber gut zuzureden, ein bißchen in der Art ihrer Oma. Was war denn so schlimm? Er hatte keine Zeit, ja. Aber wäre es nicht viel schlimmer gewesen, wenn er gesagt hätte: „Ich bin aber schon verliebt/verlobt/verheiratet, ich habe etwas gegen Fremde, ich habe eine unheilbare Krankheit, ich finde Sie unsympathisch, Sie sind nicht mein Typ ...?“ Sie wollte ja gar nicht seine Zeit, sagte sie sich. Sie wollte doch nur dieselbe Luft atmen. Sie wollte versuchen, in diesem Land zu bleiben. Es gab eine Universität in dieser Stadt, vielleicht konnte sie bald mit dem Medizinstudium anfangen. Es würde ihr furchtbar schwerfallen, aber sie würde brav und tapfer die bittere Medizin schlucken. Sie würde sich alle Mühe geben. In grauen Röcken und weißen Blusen, mit engelhaft reinem Antlitz würde sie zu den Vorlesungen gehen, den Leuten die Hand auflegen, und abends in eine politische Versammlung gehen, in einen interessanten Vortrag oder in ein ordentliches Café, wo sie sich durch die Leitartikel sämtlicher vorhandener Zeitungen quälen würde. Niemals durfte Raoul erfahren, daß sie bisher nur die Witze und das Kinoprogramm interessiert hatten. Sie war nicht dumm, sie würde es schon irgendwie schaffen. Sie hatte noch nie gehört, daß jemand an Desinteresse oder an Langeweile gestorben wäre. Die Heldinnen berühmter Romane starben an Verzweiflung, an Liebeskummer, und davor grauste es ihr. So weit war sie noch nicht. Sie würde jetzt auch keine Romane mehr lesen. Sie würde reif und tüchtig werden. Wenigstens würde sie Omas Geld für etwas Ordentliches ausgeben.
Diese Gedanken waren kein großer Trost, aber den hatte sie damals noch nicht nötig, um wieder auf die Beine zu kommen. Sie war noch so jung – so heil gewesen. Vielleicht hatte Raoul recht gehabt, und sie wäre wirklich über ihn weggekommen, wäre sie nur gleich zum Flughafen gefahren.
Und hätte nur er selber nicht ... Aber er hatte.
Sie schluckte ihr Pfefferminzbonbon hinunter und beschloß, sich mit einer Tasse Kaffee aufzupäppeln. Sie machten herrlichen Kaffee in dieser Stadt – allein schon der Gedanke daran weitete ihre Nüstern und ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen.
So stand sie auf, zog sich sittsam die tomatenrote Jacke über und schickte sich an, den Park zu verlassen. Da bemerkte sie den jungen Mann, der auf einer anderen Parkbank ihr schräg gegenüber saß und bei ihrem Blick rasch die Augen schloß und eine lässige, schläfrige Haltung annahm. Er mußte sie die ganze Zeit beobachtet haben – auch beim Weinen? Sie kannte ihn nicht. Er war dünn und sonnengebräunt, hatte ein weißes Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln an, wirkte völlig unauffällig.
Manuela ging schnell an ihm vorbei und strebte für alle Fälle zum Ausgang des Parkes, obwohl sie gerne einen kleinen Umweg durch seine schattigen Tiefen gemacht hätte. Sonst war sie nicht so feige, aber jetzt kam sie sich so verletzlich und fremd vor, und: „Sie sollten in einem fremden Land immer Ihre Tür abschließen!“ Er war ja nicht dumm. Er hatte bestimmt einen guten Grund für diese Worte.
Sie erreichte unbehelligt die nächste größere Straße und atmete auf. Wer sich mit Raoul einließ, konnte ja Verfolgungswahn bekommen.
Die Stadt wirkte überhaupt nicht gefährlich – da hatte er auch übertrieben. Sie war stiller als sonst, aber sie hatte ihre gewohnte Ordnung. Läden und Cafés hatten geöffnet, und die Cafés waren sogar ziemlich voll. Sie mußte lange suchen, bis sie eines fand mit einem Tisch für sich allein. Sie wollte jetzt allein sein. Die vielen Menschen, die stickige Luft, der erregte Lärm störten sie nicht, denn so wurde sie unauffälliger.
Leider war keine Zeitung mehr frei für sie. Sie mußte sich beim Kaffee mit ihren tapferen Vorstellungen trösten, die allmählich matt und schal wurden, denn sie regten ihre sonst recht blühende Phantasie nicht wirklich an. Sie hielt dennoch treu an ihnen fest, und der Kaffee war wirklich gut. Sie bestellte sich noch eine zweite Tasse, und ehe sie gebracht wurde, suchte sie den Waschraum auf. Sie brachte ihr Gesicht in Ordnung, kämmte ihr Haar, ärgerte sich über die Schuhcremeflecken überall an der Jacke und verschlimmerte dieses dumme kleine Übel, indem sie es auszulöschen versuchte. Dann mußte die Sittsamkeit eben noch ein bißchen warten!
Sie stopfte die Jacke in ihre Tasche und verließ den Waschraum. Glücklicherweise hatten die Leute heute anderes im Sinn, als ihre weißen Schultern anzustarren. Ach, sie waren auch sonst nie aufdringlich, aber wenn man nun einmal scheu gemacht war ...
– und wer war das? Wer saß an diesem kleinen Tisch da hinten in der Ecke, weit genug von ihrem Platz entfernt, um sie ungestört hinter einer Zeitung hervor beobachten zu können? Und so – eingekeilt zwischen zwei anderen, älteren Männern – hätte sie ihn auch jetzt nicht bemerkt, hätte ihr nicht der an der Zeitung vorbeiragende, abgewinkelte Arm mit dem weißen Hemdsärmel ins Auge gestochen. Das übertraf ihre gewöhnliche Empfindsamkeit, es war ein Beweis dafür, wie sehr sie bereits verunsichert war.
Sie sah sein Gesicht nicht, doch sie wußte, daß sie den Mann aus dem Park vor sich hatte. Das konnte kein Zufall sein. Er hatte sie verfolgt. Wer war er? Was wollte er? War er ein Sittlichkeitsverbrecher?
Sie geriet in furchtbare Erregung. Ihr erster Gedanke war, sich ins Hotel zurückzuflüchten, aber dort traf sie womöglich Raoul, und ihre Aufregung hätte ihm bestätigt, wie recht er hatte. So durfte sie ihm nicht vor die Augen kommen. Sie mußte sich zuerst beruhigen. Sie setzte sich hin und trank ihren Kaffee aus. Sie sagte sich, es sei dumm, sich so aufzuregen. Was konnte ihr dieser Mann denn schon antun, wenn sie einsame Orte mied und irgendwann in das von Raoul und den Seinen bewachte Hotel zurückkehrte? Vielleicht hatte er sich auch nur in sie verliebt, oder er hatte Mitleid, weil sie so geweint hatte, und wollte heimlich ein bißchen auf sie aufpassen?
So bezwang sie sich. Sie bezahlte und gab ein ordentliches Trinkgeld, wofür sie von der abgehetzten Kellnerin mit einem Lächeln belohnt wurde, das ihr wohltat. Sie hatte es nötig, es schwächte das Fremdgewordensein ab. Sie war jetzt auf Brosamen angewiesen. Sie war eine Ausländerin, aber keine arme, Oma sei Dank. Sie konnte noch viel Freude machen.
Die Tasche vorsichtig zwischen den Fingern von sich weghaltend suchte sie ihren Weg durch die einigermaßen belebten Straßen der Innenstadt. Es war Mittag jetzt, aber sie fröstelte trotz der Hitze. Vielleicht wurde sie krank, dachte sie, ohne Scham jetzt über ihre kindische Unreife, da sie sich tapfer genug fand, und mußte in ein Hospital, und Raoul würde sie besuchen. Am besten traf sie gleich die richtige Vorsorge. Keine Apotheke, nein. Sie ging in ein großes Kaufhaus von weltweitem Ruf, das an diesem Tag nur wenig Kunden hatte. Eine Art Boykott? Die Verkäuferinnen wirkten jedenfalls fast so verschüchtert wie sie selbst und behandelten sie sehr freundlich. Sie kaufte sich ein bodenlanges, reinweißes Nachthemd, das sie in einer Klosterschule hätte tragen können, weiße Filzpantoffel und ein ordentliches Köfferchen. Sie kaufte sich eine neue Zahnbürste und ein mildes, blumiges Parfüm. Sie kaufte sich kein graues Kostüm, da die wenigen, die ihr paßten, dann doch zu entstellend und auch viel zu warm für diese Jahreszeit waren. Sie kaufte sich stattdessen ein weißes Kleid mit einem kleinen runden Kragen, das einen ausgestellten Rock wie ein Dirndl hatte und sie noch einige Jahre jünger machte – ein Makel, der sich durch eine passende graue Strickjacke ausgleichen ließ. Für diese war es zwar ebenfalls zu warm, aber man konnte sie ja über der Schulter tragen. Sie zog Kleid und Jacke gleich an und stopfte den Rest in das Köfferchen. Die braune Handtasche behielt sie, bis sie eine aus weißem Leder gefunden hatte – dann räumte sie sie aus und warf sie in den nächsten Abfalleimer. Sie wollte noch neue Schuhe kaufen, doch sie fröstelte nun sehr. Das Kaufhaus hatte eine Klimaanlage wie ein Kühlschrank. Sie sehnte sich zurück nach den heißen Straßen und suchte den Ausgang, in den Ohren die weltweit verbreitete süßliche Musik, die an diesem Tag so wenig Opfer fand.
Dabei ging es ihr durch den Kopf, was sie den barmherzigen Schwestern sagen würde, wenn sie mit vierzig Grad Fieber eingeliefert wurde: „Mein Name ist Manuela Traub. Benachrichtigen Sie bitte umgehend den Rechtsanwalt Raoul Arcady, denn er ist der einzige Mensch, den ich in diesem fremden Land kenne –“ und der es für mich erst fremd gemacht hat – aber das dachte sie nicht. Sie erfreute sich an der Vorstellung, daß sie dann nicht reisefähig sein würde. Dann konnte sie ihren Helden ohne Gefahr wiedersehen. Vielleicht verliebte er sich ja, wenn er sie in all diesem Weiß erblickte. Wenn sie den obersten Knopf vom Nachthemd aufließ, dann wirkte sie immer noch ordentlich genug, und sie hatte ja Fieber! Sie war vielleicht kindisch, aber sie war doch tapfer. Sie würde für ihn sogar durchs Feuer gehen. Fieberfeuer.
In der Nähe des Ausgangs sah sie ihn wieder, als sie eine Zeitung kaufen wollte. Er befand sich gut zwanzig Meter von ihr entfernt und hatte ihr den Rücken zugewandt. Er wühlte in einem Sonderangebot von Herrensocken.
Sie kaufte die Zeitung mit erzwungener Ruhe, rollte sie zusammen und klemmte sie unter den Arm, der die neue Tasche trug. Wohin jetzt? Ins Hotel?
Vielleicht war es besser, sie ging erst noch zur Universität. Wenn sie wirklich krank wurde, war es gut, vorher so viel wie möglich erledigt zu haben, sonst lag sie vielleicht nur unruhig da und machte sich Sorgen. Ein Zimmer brauchte sie auch. Dabei konnte ihr später der mitleidige Raoul helfen. Das würde er bestimmt tun, wenn sie nur erst einen Studienplatz hatte.
Mitleid und Liebe, hatte sie in einem Roman gelesen, sind bei einer Frau nicht weit voneinander entfernt. Raoul war zwar keine Frau, aber er hatte so eine Art, sich seiner Mitmenschen anzunehmen, daß man dabei schon an so etwas wie eine Glucke denken mußte. Jemanden unter seine Fittiche nehmen – das war der richtige Ausdruck. Adler hatten auch Fittiche, und Raoul war so, wie sie sich einen Adler vorstellte, ohne je einen gesehen zu haben außer in ihrem leider oft sehr gleichgültig behandelten Biologiebuch: dunkel und edel und von unbeirrbarem Stolz.
Draußen auf der Straße hüllte sie sich in die heiße Luft wie in einen Mantel. Die Sonne hatte sie jetzt unter ihren Fittichen. Sie fühlte sich matt und ausgelaugt und bedachte nicht, daß sie seit dem Vortag nichts mehr gegessen hatte – aus dem Frühstück war ja nichts geworden. Sie dachte nur an Fieber. Sie meinte, mit den noch verbliebenen Kräften haushalten zu müssen, und darum trat sie an den Straßenrand und wartete geduldig, bis ein Taxi kam. Es gab nicht viele heute.
Sie hielt Ausschau nach dem weißen Hemd, aber er war wieder gut verborgen. Sollte er ihr nur folgen. Irgendwann mußte er ja doch aufgeben.
Endlich hielt ein Taxi, und sie verfrachtete sich und ihre Sachen hinein. Sie sagte, sie wolle zur Universität.
„Welches Gebäude?“ fragte der feiste, nach ausländischem Toilettewasser duftende Fahrer.
Sie verstand zuerst nicht, denn sie kannte sich mit Universitäten nicht aus. Aber es gehörten immer so viele Leute zu ihnen, daß sie wohl schlecht alle unter einem Dach Platz hatten.
„Dorthin, wo die ganzen Büros sind”, antwortete sie. „Ich will mich beraten lassen.“ Dort würde sie wenigstens niemanden stören. Darauf kam es ihr jetzt an.
„Hauptgebäude also.“ Der Mann fuhr los.
Sie warf einen Blick zurück aus dem Fenster. Sie war nicht überrascht, als sie ihren Verfolger durch die staubigen Türen des Kaufhauses kommen sah.
Sie beugte sich hastig über ihren Schoß, in dem Impuls, ihn nicht in Verlegenheit zu bringen, indem sie ihm zeigte, daß sie sein ungehöriges Treiben bemerkt hatte. Dieses verschüchterte Benehmen war ihr nicht bewußt.
Sie zog die Zeitung unter dem Arm hervor und unterdrückte einen Laut von Überdruß: Die Druckerschwärze hatte auf das neue weiße Kleid abgefärbt. Anscheinend war es an diesem Tag ihr Schicksal, befleckt zu werden. Sie ließ die Zeitung unter den Sitz des Fahrers gleiten und zog nun doch die Strickjacke an. Die Leute würden sie für verrückt halten, aber sie fröstelte ja immer noch ein bißchen. Sie fühlte sich klein und kalt und sehr tapfer – so allein in einem fremden Land.
„Sind Sie von der Presse?“ fragte der Fahrer, als sie sich wieder bequem zurechtsetzte, offensichtlich erleichtert, daß sie sich nicht erbrochen oder sonst etwas Ungehöriges getan hatte. Manche Leute verrenken sich eben auf die sonderbarste Weise, wenn sie eine Strickjacke anziehen.
Sie war erstaunt und auch etwas geschmeichelt. „Nein”, antwortete sie bereitwillig. „Ich will hier studieren.“
Der Mann verschloß sich sofort und machte ein finster abweisendes Gesicht. Er gab ihr keine Antwort. Er mochte keine Studenten, vermutlich weil so viele von ihnen die Revolution unterstützten. Er war bestimmt dagegen, darum war er an diesem bedeutenden Tag auch auf der Straße und verdiente sein Geld. Kapitalist.
Sie sah aus dem Fenster und bemerkte, wie sich, während sie der Universität zu fuhren, die Straßen deutlich belebten. Viele Menschen strebten in dieselbe Richtung. Dort war etwas los – eine Versammlung oder eine Demonstration. Sie wurde ein bißchen aufgeregt, in angenehmer Weise, und vergaß erst einmal, was sie so niederdrückte und in Atem hielt.
In einer schmalen Seitengasse, die neben einem langgestreckten grauen Gebäude verlief, bremste der Fahrer, wies mit dem Daumen auf das Gebäude, als sei es die Bewahranstalt für unverbesserliche Triebtäter, und sagte: „Da ist die Universität. Der Haupteingang ist um die Ecke da vorn, an dem großen Platz. Weiter fahre ich nicht.“
„Schon gut”, sagte sie und zählte ihm den angezeigten Fahrpreis auf die offene Hand. Sie gab kein Trinkgeld und kletterte schnell aus dem Wagen, ehe sie seine bestimmt sehr unwillige Reaktion zu spüren bekam. Sie hörte noch eine Art Fluch, bevor sie die Tür zuschlug. Aber was war ein Fluch gegen ein Lächeln?
Mit neuer Munterkeit ihren Koffer schwingend und weder an ihre Flecken, noch an das Fieber, noch an ihren Helden denkend eilte sie die Gasse entlang in die angegebene Richtung. Sie war nicht allein, andere gingen vor und hinter ihr. Ein ohrenbetäubender Lärm drang auf sie ein, ein wahres Gebrüll, alles andere als friedlich, aber das beunruhigte sie nicht. Jetzt konnten die Leute endlich ihrem alten Ärger Luft machen, und da hatte sich natürlich eine Menge angestaut.
So kam sie um die Ecke und blieb wie angewurzelt stehen, von Leuten angerempelt, die ihr nicht rechtzeitig hatten ausweichen können, und mit ärgerlichen Flüchen bedacht, aber sie achtete nicht darauf. Mit geweiteten Augen überblickte sie den großen von Universitätsgebäuden umgebenen Platz – nein, sie überblickte ihn eben nicht, denn das war unmöglich. Eine ungeheure Menschenmenge, die aus den einmündenden Straßen immer neuen Zulauf erhielt, lieferte sich dort eine wüste, gnadenlose Schlacht, Fäuste hieben auf Rücken und rissen an Haaren, Messer fuhren durch die Luft, Steine flogen. Und vor dem Portal des Hauptgebäudes duckten sich ein paar ratlose Gestalten, die zwar bevorzugte Zielscheibe, aber zum Weglaufen zu verantwortungsbewußt waren, hinter ein großes hölzernes Podium, schwenkten die Arme und riefen, doch ohne irgendwelchen Einfluß zu gewinnen. Das Podium war mit farbenprächtigen Fahnen geschmückt, von denen Manuela aber nur die des Landes und die der Revolution erkannte. Viele Leute in Grau wuselten umher und fuchtelten mit Schußwaffen, aber sie hielten sich noch zurück. Sie begnügten sich damit, die ärgsten Wüteriche herauszugreifen und sie zu den bereitstehenden gepanzerten Wagen zu schleppen.
Ein solches Schauspiel hatte Manuela noch nie erlebt. Hier hatte, wie sie später erfuhr, eigentlich eine Siegesfeier der Studenten stattfinden sollen, welch günstige Gelegenheit etliche vom Fußvolk der Reaktion wahrgenommen hatten, um möglichst viele von ihnen auf einem Haufen zu treffen und ihnen einheizen zu können. Es war eine dumme Provokation, die nur ihnen selber schadete, denn es konnte ihnen ja keine Armee und keine Polizei mehr zu Hilfe kommen; Manuela war eben nicht die Einzige, die lieber eins auf die Nase bekam, anstatt sich kampflos zu ergeben.
Sie konnte sich eine ganze Weile nicht rühren. Sie hatte keine Angst, aber all die Gewalt, die Grausamkeit lähmten sie. Sie fühlte sich wie erschlagen. Falls sie es nach der Szene am Empfangstisch noch nicht gewußt hatte, so war es jetzt ganz klar: sie war ein friedliebender Mensch. Sie zog friedliche Aussprachen und gegenseitiges Verständnis jeder entfesselten Brutalität vor. Es war ihr ganz flau im Magen, und ihr Frösteln wurde so stark, daß sie die Arme um sich geschlungen hätte, wären da nicht ihre leidigen Gepäckstücke gewesen. Sie wurden immer lästiger da an ihren Armen, die ihr plötzlich allzu kraftlos erschienen. Fittiche brauchte sie – sich emporschwingen, die Katastrophe wenigstens überblicken zu können.
Dann taumelte ihr plötzlich eine junge Frau entgegen, ungefähr in ihrem Alter, die am Kopf blutete. Sie starrte sie aus aufgerissenen Augen an: „Was stehst du da mit einem Koffer? Bist du blöd? Sind jetzt auch noch die Marsmenschen gelandet – die Mondkälber –“
Damit brach sie auch schon zusammen und sank auf das graue Pflaster nieder. Manuela ließ ihr Gepäck fallen und eilte zu ihr. Sie kauerte sich nieder, drehte die Verletzte um und bettete den blutenden Kopf in ihren Schoß. Aber alles, was sie durch diese Mitleidsäußerung bewirkte, waren neue Flecken auf ihrem Kleid. Denn in wenigen Augenblicken waren zwei Graue hinzugestürzt, zogen die Verletzte hoch und schleppten sie zu einem Sanitätswagen.
Manuela sammelte ihre Sachen wieder ein. Sie war völlig verstört. So hing sie immer noch an der Vorstellung, sie müsse in dieses Gebäude hinein. Vielleicht gab es ja einen Nebeneingang.
Benommen trottete sie in die Gasse zurück, aus der sie gekommen war. Sie stieß mit Leuten zusammen, die es sehr eilig hatten und ihre unwillkürlich gemurmelten Entschuldigungen gar nicht hörten. Sie suchte sich an der grauen Wand entlang, aber da waren keine Türen, nicht einmal Fenster, außer im obersten Stockwerk gut zehn Meter über ihr. Sie kam sich vor wie in einem Alptraum.
Dann krachte hinten auf dem Platz die erste Explosion, und unmittelbar darauf noch eine und noch eine. ..

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