Sein letzter Kampf XVI

In diesem Forum kann sich jeder mit seinem Text der Kritik des Publikums stellen. Selbstverständlich auf eigene Gefahr ...
Pentzw
Klio
Beiträge: 566
Registriert: 11.04.2011, 19:59

Sein letzter Kampf XVI

Beitragvon Pentzw » 03.05.2017, 20:13

Rüde am Arm wurde ich gefasst. Unwillkürlich schlug ich aus.
„Sachte Mann, immer sachte, ja!“
„Ja!“, antwortete ich geduckt. Nur nicht unnötig provozieren.
Weiterhin wurden meine oberen Gliedmaßen in die Zange genommen und gezwunden, mitzukommen.
Ich war fast gelähmt insoweit, aber hypnotisiert, als ich immerzu in dieses Gesicht starren musste. Es war mir bekannt, verdammt.
Wie das Kaninchen in die Glotzer der Schlange schaute, so ich auch.
Es war unheimlich. Es war zudem gefährlich, weil auffällig. Ich schüttelte mich. Davon musst Du wegkommen, wenn Du einen klaren Kopf behalten willst, sagte ich mir.
Ich senkte den Blick gen Boden, gen Trottoir. Braun, schmutzig und versifft war er. So ist gut. Halte Dich lieber an der Realität fest, sagte mir mein Verstand.
Doch das andere war mächtiger. Ich besann mich wieder auf das Gesicht. Es war ein älteres, um nicht zu sagen, altes Gesicht, aber eine Cuzpe, ein Lächeln glitzerte hervor, das mich zunächst irritiert hatte, bekannt erscheinend. An wen erinnerte er mich? Oder, Teufel, war er es am Ende selbst? War es schon so weit?
Ich hob wieder meinen Schädel, gebot mir sofort wieder zu Boden zu schauen.
„Der Kamerad hier ist offenbar nervös!“ Aha, mein Auf- und Herunterschauen ist schon bemerkt worden. Aber sollen sie es interpretieren, wie sie wollen, meinetwegen auch als nervösen Tick, Hauptsache sie blicken nicht hinter die Fassade und in mein Inneres.
Nur, wer er war, wollte mir nicht einfallen, nur, dass ich ihm schon einmal begegnet war, wusste ich und diese jetzige, heutige Begegnung, glaubte ich zu ahnen, würde unangenehm werden, sehr unangenehm.

Er ergriff meine Hand, um meinen Puls zu fühlen und festzustellen, ich verfolgte seine Hand und mein Blick fiel auf einen großen Rubinring am Mittelfinger seiner rechten Hand.
„Dieser Ring“, stammelte ich. Wer trug doch wieder diesen Ring? Ein Kamerad aus vergangenen Tagen, Herrgott?
Weiter fuhren seine Hände an meiner Hand hinauf. Sie waren lang und mager und verknöchert, genauso wie sein faltiges, blutloses Gesicht, das von erschreckender Magerkeit und Eingefallensein zeugte, wenngleich aus seinen hohlen Augenhöhlen dunkle Augen vor Feuer oder Leben blitzten. Oder Hass?
„Dieser Ring“, stammelte ich verwirrt.
„Was ist mit ihm?“
„Ich... ich.“ Die Erinnerung wollte nicht kommen.
„Solche Ringe gibt es nicht viele...“ Er hob die Hand nahe vor mein Gesicht und streckte den Ringfinger aus, wobei er die Augen zukniff, als wäre er kurzsichtig. Aber sie wollten nur sagen: Erinner Dich!
Mir standen Perlen auf der Stirn und rollten an der Schlagader herab.
Ich durfte mich nicht verraten, verdammt.
Es ist nur ein Bruchstück einer Erinnerung. Ich wusste, erinnerlich waren mir kaum Menschen, Gesichter und Situationen, aber sehr wohl Dinge an diesen. Der deformierte Busen eines vergewaltigten und erschossenen Opfers in einer russischen, fast ausgebrannten und verwüsteten Bauernkate. Gesichter, die nicht nur entstellt, verwüstet, gebrochen und zerschunden waren. Aber auch zu lange Füße, mit zu langen Zehen, die damals makabererweise starke Reaktionen des Lachens hervorgebracht hatten.
Bei so kleinen Dingen rührt sich manchmal etwas. Aber nur was?
„Erinnert er Dich etwa an etwas?“
„Nein, an nichts.“ Obwohl es mir jetzt deutlich wurde. Konnte das sein?
„An gar nichts?“ Ich schaute weg, musste mich dazu zwingen und starrte jetzt auch ostentativ und starr aus dem kleinen Fenster oben an der Decke. Ich spürte, er seinerseits starrte mich ungläubig an, suchend. „Du erinnerst Dich an g a r nichts?“
„Nein!“, sagte ich mit absoluter Bestimmtheit.
Ich zwang mich, die Augenlider zu senken. Aber dennoch spürte ich seinen Blick noch eine Zeitlang auf mich gerichtet, suchend, herausfordernd, lauernd, aber schließlich sagte er: „Also gut!“
Aber er glaubte mir nicht.
Er hatte recht.
Das Wiedersehen mit ihm war sehr überraschend. Ich hoffte, ich konnte meine Überraschung verbergen. Sonst! Gnade mir!
Aber das alles war doch nur ein Gefühl. Denn ich konnte ihn, oder besser den Ring nicht zuordnen, nicht in meiner Vergangenheit unterbringen, verflixt.
Im Folgenden, ich merkte es, kamen ihn doch immer wieder nagelnde Zweifel, weil er stets wieder innehielt und mich suchend anblickte. Ich hatte das Gefühl, es erging ihm genauso wie mir. Auch er rätselte angestrengt, woher er wohl meine Gesicht kannte, oder an was, an welche verfängliche Situation sie ihn gemahnte.
Ich hoffte, ich meinerseits konnte mich schützen und meine Erregung verbergen, indem ich gleichgültig vor mich hinstierte. Ach, wäre mir diese Begegnung doch nur erspart geblieben.
Meine Miene sollte nicht zu verschlossen wirken und ich bemühte mich, ein Lächeln aufzusetzen. Ein möglichst argloses natürlich. Mein Gesicht durfte nicht den leisesten Spott verraten. Das würde herausfordernd wirken. Aber wenn man sich versteckt, lacht man ja oft unbewusst in sich hinein. Nur dies nicht, dachte ich mit eisernem Willen und lächelte wieder vor mich hin so gut es ging.
Der andere Kerl, noch schlaksiger und größer, stand mit Händen in den Hosentaschen daneben und beobachtete zunächst fast teilnahmslos das Verhör. Ein sehr raffinierter Schachzug, ja. Er wollte leger, arglos, desinteressiert wirken, signalisieren: mich geht das nichts an. Ich werde mich nicht einmischen. Also kannst Du ruhig mit dem anderen spielen wie Du willst, fühle Dich nicht beobachtet.
Aber denkste. Ich durchschaute diesen Trug. Sobald ich mich verriet, würde er mir den Dolch in die Kehle stoßen, natürlich, hinterrücks, kaltblütig. Der lauerte doch nur. Das war alles nur Fassade, dieses potemkinsche Dorf, ha!
Das waren Profis. Wie ich einer war. Mal sehen, wer besser war!?
„Was hatten sie dort vor der Universität zu suchen?“
„Zufällig dort gewesen!“
„Zufällig dort gewesen, und was soll das Sturmgewehr?“
„Ha, ich wollte nur Clown spielen.“
Er hielt mir eine Munition unter die Nase.
„Und was ist das?“
„Das?“
„Ja!“
„Das ist wohl eine Platzpatrone aus dem Gewehr!“
Er hob die Stimme.
„Mann, das ist scharfe Munition!“
„Sagen Sie bloß! So ein peinliches Versehen!“
„Versehen, versehen. Das können Sie dem Weihnachtsmann erzählen, aber nicht uns.“
„Wenn ich schwöre!“
„Darauf können Sie einen lassen, Sie Schw...“
Jetzt überschritt er doch seine Grenzen, fand ich. Das passte nun gar nicht zu einem Polizisten.
„Mann, sagen Sie die Wahrheit!“
Der andere schrie jetzt nervös.
„Wahrscheinlich haben wir kaum mehr Zeit. Das ist hundertprozentig die Kacke am Dampfen. Der führt etwas im Schilde. Kumpel, mach schnell! Kleb ihn eine! Es geht um Leben und Tod!“
Dem anderen juckte bereits die Faust. Ich merkte, wie er seine Hände ballte. Er holte instinktiv aus, aber – Rechtsstaat gelobt – ich kam noch einmal davon.
Der Mann im Hintergrund drängte sich jetzt mit einmal vor, schob den vor mir Stehenden zur Zeit, während er schon dabei ausholte und verpasste mir einen Schlag ins Gesicht. Es musste mir ein Veilchen blühen, dachte ich, wo sich mein Auge befand, wie ich mich wieder aufrichtete von dem brachialen Hieb. Schade, dass kein Spiegel in der Nähe war. Aber auch egal. Hauptsache, er wusste nichts, würde nichts erfahren, denn beim Schmerzenspüren, Schlägeerhalten und Traktiertwerden war ich Weltmeister und geübt. Mein erstes Verhör war das nicht und beileibe das brutalste. Brutal würde es eh nicht weiter werden, wie ich die Lage der Dinge, äh, den rechtlichen Rahmen, wie das so heißt, einschätzte: Rechtsstaat, Demokratie, Gleichheit, ha!
Außerdem, Ironie des Schicksal, schlügen sie mich noch so sehr, ich hätte nicht den geringsten Anhaltspunkt. Äh, es war eh schon zu spät. Jeden Moment musste die befreiende Explosion zu hören sein. Vergebliche Mühe also, mich zu foltern!
„Lass das!“, meinte der andere. „Ich habe eine bessere Idee. Aus dem Alten kriegst Du nichts heraus. Den kenne ich außerdem von irgendwoher, nur wenn ich wüsste, woher.“
So ging es mir leider auch. Ich glaubte, mich jetzt schwammig zu erinnern, dass ich ihn schon einmal unter meine Fittiche genommen hatte, nicht er mich. Ich war bestimmt erfolgreicher gewesen als er. Aber unter welchen Umständen geschah das?
Er verschränkte die Armen unter der Brust, legte einen Finger auf sein Kinn, nachdenkend, Stirn gekräuselt.
Der andere wurde schon wieder nervös. „Mann, beeil Dich. Erinner Dich gefälligst, die Zeit drängt. Ich spür’s, das sagt mir mein drittes Auge: da steckt etwas im Busch, aber etwas Gewaltiges!“
„Hm!“
Wie eine Viper fixierte er mich.
Unsere Blicke begegneten sich, aber ich brauchte doch keine Gefühle zu verbergen, nichts würde er in meinen Augen lesen können, denn ich hatte null Erinnerung, nur Schatten, Schlieren, Schraffierungen huschten im Stammhirn herum, wo sich mein Erinnerungsfeld befand.
Auch ich verschränkte meine Arme trotzig, nur dass ich nicht die Hand an meine Backe legte oder mich nachdenklich an der Stirn kratzte wie er. In dieser Situation war es gut, in ein großes, schwarzes, waberndes Loch zu starren, wo meine Vergangenheit zu lokalisieren war. Oh, ihr herrlichen Schwarzen Löcher des Universums, des Gedächtnisses, der Leere! So hießen die doch. Schade, dass ich Willi nicht mehr fragen konnte.
Auf einmal erschien in einem dieser schwarzen Löcher Licht, erst zerstreut wie Sand, Dunst, als bildete sich gerade ein Stern, eine Sonne, dann sah ich ein Gesicht, als wäre das Vision, wer war das? Und tatsächlich schärften, klärten und kristallisierten sich diese Gesichtszüge, so dass ich es sah, diesen Jemand, meinen Freund, äh, vielmehr meinen Feind, den, der mein Freund gewesen war und dann zu meinem Feind geworden ist, den ich gequält, gefoltert und die Knochen gebrochen habe, einzeln, Glied auf Glied, Knacklaut auf Knacklaut, knack, knack und siehe da, dieser war mit einenmal derjenige, der mich nunmehr in der Gewalt hatte.
Er sah mich an. Ich ihn. Aber wieso stand er da aufrecht vor mir, wenn ich ihm sein inneres Gerüst gebrochen hatte?
Er sah mich weiter unverwandt an.
Ich ihn.
Wir erkannten einander.
Irgendwo in der Ferne hörte man plötzlich eine wuchtige Explosion!
Ich reagierte darauf nicht. Denn ich war fixiert auf Augen vor mir. Auch er. Er schien unbeeindruckt von diesem Explosionsgeräusch zu sein. Auch er in unserer Geschichte verstrickt, verhangen, verloren?
Aber die Umwelt, die anderen, die Mitmenschen ließen uns unsere Geschichte nicht erzählen, Menschen kamen hereingestürzt, machten Lärm, ein unübersichtliches Durcheinander und Chaos entstand, die Herren Beamten rannten und drängten alle ans Fenster, um es zu öffnen, etwas zu erhaschen, was nach Brand und Schwefel aussah und roch. Sie zeigten mit den Fingern nach irgendetwas da draußen. Sie balgten sich quasi um die beste Aussicht. Sirenen waren zu hören, aus verschiedenen Richtungen. Dann rannten sie selbst aus dem Raum.
Ich konnte es im ersten Moment nicht fassen, dann erhob ich mich, nahm meine Schirmmütze, zog meinen Mantel über, das Sturmgewehr hatten sie leider aus dem Raum bringen lassen zur Untersuchung. Na ja, auch gut. Ein gut Teil der Arbeit war getan. Ich konnte mich vorerst in den einstweiligen Ruhestand begeben. Bis neue Taten lockten!
Ich stolzierte aus dem Raum, an offenen Türen vorbei, wo Menschen verzweifelt ins Telefon schrien oder auch weniger laut, doch genauso nervös.
Frei und unbeschwert schritt ich aus dem Gebäude. Die Luft war frisch und rein, bis hierher roch man keine Katastrophe. Es lag aber etwas in der Luft. Der Frühling!
Aber ich fühlte mich so müde und erschöpft. Ich setzte mich unter einem Baum auf eine Bank, legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen.
Irgendein Verdacht begleitete mein Erschöpftsein. Mir kam Kämpfen jetzt so sinnlos vor, ein schlechter, mieser Zeitvertreib von Menschen, die nicht wussten, wozu sie auf der Erde waren. Die ihrer Leere und Verzweiflung einen Sinn geben mussten. Das war alles.
Der Sinn meines Kämpfens, der Inhalt meines Lebens, verschwand allmählich im Nebel der grauen Geschichte, die sich verrückte Menschen ausgedacht hatten, um sich die Zeit zu vertreiben. Plötzlich hörte ich einen Knacks in mir, als bräche Knäckebrot, dann zitterte ich am ganzen Körper. Und dann hatte ich das Gefühl, in meinem Kopf hatte jemand einen Bombe gezündet, bevor ich mich instinktiv auf den Boden fallen ließ und die Augen schloss, um die Schockwellen über mich ergehen zu lassen, die die Explosionen, die durch meinen Schädel zuckten, begleiteten.
Völlige Dunkelheit umgab mich, ein starker Sog kam auf mich zu, ich fühle mich von etwas weggezogen und eine ungeheuer starke magnetische Kraft hob mich von der Erde auf und schleuderte mich in die Weiten des grenzenlosen, dunklen Weltraumes hinein, trotzdem ich mich wehrte, mich vergebens dagegen stemmte, die Kraft war stärker, ich fiel in die Ohnmacht, ins Nichts.

© werner pentz

spiderspinner
Erinye
Beiträge: 13
Registriert: 17.03.2017, 17:33

Re: Sein letzter Kampf XVI

Beitragvon spiderspinner » 10.05.2017, 11:03

ist dir gut gelungen, aber mir ist der Titel doch ein wenig zu "stark"...falls du verstehst was ich meine ;-)

Pentzw
Klio
Beiträge: 566
Registriert: 11.04.2011, 19:59

Re: Sein letzter Kampf XVI

Beitragvon Pentzw » 10.05.2017, 21:46

hallo, vielen dank

ich weiß aber wirklich nicht, wie du das meinst.
der titel sei zu stark, mir nicht klar.
ich wusste aber auch keinen besseren
kannst du mir einen hinweis geben.

gruß


Zurück zu „Texte“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 7 Gäste