Panikattacken der Liebe - Fortsetzungen

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Pentzw
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Panikattacken der Liebe - Fortsetzungen

Beitragvon Pentzw » 05.09.2017, 15:40

11.07.2017

„Du bist ein unverschämter Kerl, dass du das über mich schreibst...“
Sie hat gelesen, was ich bislang hier im Internet über sie verbreitet habe. Es gefiel ihr ganz und gar nicht.
Aber bis ich erst einmal hiervon wusste, ging ich durch die Hölle.

„Wir müssen reden!“ – so eine SMS.
Was ist los? Im Hintergrund schrillen bereits Alarmglocken, denn Louis versucht mich dauernd am Tele zu sprechen. „Persönlich reden mit Dir.“ Bei diesen Worten dreht sich mir der Magen um, Schweiß perlt über meine Stirn vor Panik.
ICH MUSS MAL MIT DIR REDEN.
ICH MUSS MAL MIT DIR REDEN.
ICH MUSS MAL MIT DIR REDEN.
Dieser Satz rotiert in meinem Kopf – welcher Lehrer, welche Autoritätsperson, welcher Polizist, der einem, dem Zögling, dem Untergebenen, dem Dahergelaufenen, dem Fremdling und Flüchtling sowie den zu Erziehenden herbeizitiert, will mich in einer moralisierenden, züchtigenden, bis kaum mehr Luft zum Atmen lassenden Enge in ein Gespräch, Beichte und Verhör katapultieren, hineindrängen, ausliefern, setzen?
Ich meide das Telefon, umgehe es weit, wenn es bimmelt. Nicht der Ton ist das Schlimmste, sondern das Nichtmehrsprechen und Unterbleiben ihrer Stimme auf dem AB – was noch nicht dagewesen ist. Das kann nur die Ankündigung eines Mega-Unwetters darstellen - Schweigen hat sie bislang noch nicht getan.
Ich taste mich vor; ich schreibe zurück, wenn auch zitternd: „Bitte simse, twittere oder emaile nur – ich habe keine Lust mir die Ohren kaputtzumachen! Oder kannst Du nicht?“
„Könnte ich durchaus. Aber ich möchte dich lieber persönlich sprechen“, kommt die schnoddrige Antwort. Na sauber, da braut sich ganz schön etwas zusammen, nur was, habe ich noch immer nicht den leisesten Schimmer.
So kommen mir die verrücktesten Dinge in den Kopf, mein Hirn formuliert die blödesten, irrsten Gedanken, Überlegungen und Vorstellungen. „Bist ein netter Kerl – Pause – aber nicht mein Traummann!“ - „Bist ein guter Freund, aber jetzt brauche ich Dich nicht mehr!’ Ich verkrieche mich gerne an dunkleren Orten, im Keller oder auf dem Dachboden.
Diese falsche Stimme, diese Ironie! Abwehr, Flucht vor dem Schmerz, des Weit-weg-von-mir-Weisens – ich weiß, aber was nützt’s?
Mich wurmten, peitschen diese Floskeln schon immer: ein netter Kerl, ein guter Freund, hohle Wörter – darf es nicht mehr sein? Keine höhere Eingruppierung, bitte, besseres Geranktwerden in Ihrer holden Gunst!?
Ich bin nicht ihr Freund, ich bin beliebig, vermische mich im All...
und finde mich wieder vor in der Dachwohnung, um dort zu schlafen, drohe aber vom Terpentingeruch betäubt und in die Bewußtlosigkeit gewogen zu werden, obwohl wenige Zentimeter über mir ein Fensterspalt weit offen ist. Ich krieche zuerst und dann die steile Holzwendelteppich klettere ich in die Wohnung einen Stock tiefer, in dem eine Matratze liegt und ein Bett, letzteres ohne Gestänge, nur untermauert mit kreuz und quer gelegten Balken, Bolzen und Bretter, die durch die verschließene, dünne Matratze drücken, zu spüren sind und schmerzen, auf denen ich auch hier nicht einschlummere und krabble wieder nach oben, wo weder umwölkt vom beizenden Benzinersatz-Mittel-Geruch, noch beatmet von Lüftchen aus Feuchtigkeit, Waldgeruch und sonstiger frischer Luft durch den Fensterkeil, ein starker Schlaf mich in seinen Greifhänden wiegen wollte.
Während ich mich resigniert meinem Lungenbetäubungs-Mittel ergebe, glotze ich auf die tagsüber hingepinselten, gespritzen und gesprayten chaotischen Farbkompositionen, die ein Kerzenlicht erhell und welche sich simsalabim strukturieren, das, was frei, assoziativ und gedankenlos drauflosgepinselt und -gemaltt worden ist zu einem bloßen Farbchaos ’la Paul Klee, Pablo Picasso und den Dadaisten, bildet plötzlich exotische Figuren heraus: roter Tintenfisch ohne Arme aus der Tiefsee, ein blauer Alien, mit vielarmigen, länglichen Fängen und dann ein Kamel, ein Tromedar in weiter, trockener Wüste - kann mir das einer erklären?

12.07.2017

Bei unseren Zusammenkünften betrinkt sie sich jedesmal wieder. Sie täte dies aber nur in meiner Gegenwart. Wenn sie es ist, stockbesoffen, kommt es mir so vor, als hätte ich eine Leiche neben mir, irgendetwas Lebendiges, das nicht menschlich ist, das nicht mit mir richtig spricht und in Kontakt tritt. Ich fühle mich dann einsamer als einsam, als säße ich mit einem Buch ohne Schrift auf der Kloschüssel.
„Betrinkst Du Dich bei jedem? Such den Kontakt mit denen, wo du dich nicht besäufst.“
Nach ihren Erzählungen, sofern sie stimmen, betäubt sie sich nur bei mir, wohingegen sie bei anderen als stolze Abstinenzlerin auftrete, was mir allerdings im Hals stecken bleibt.
„Ich gehe unter, versumpfe, tauche hilflos ab, ertrinke! Alle um mich herum saufen hemmungslos wie die Schluckspechte. Obgleich sie in Therapie sein sollen, nein, im betreuten Wohnen, gifteln sie munter. Ich merke, ich gehe mit ihnen unter, kann mich nicht mehr retten, nicht mehr abgrenzen, spüre, wie mir das Wasser bis zum Hals steigt.“
„Ich muss umgehend mit meiner Betreuerin sprechen!“

„Ich möchte nicht mit Handy mit dir in Kontakt treten, wegen der elektrischen Strömungen, auch der fremden Ohren“ – nicht umsonst kenne ich Menschen, die sich gewaltige Gehörschäden zugezogen haben, weil sie jeden Abend mit ihren weit entfernten Lieben via Telefon kontaktierten: Mein Gehör ist mit heilig, sakrosant, tabu, erhaltenswert und nicht zu beeinträchtigen!
Andererseits, sage ich mir aber: Woher kommt nur diese übersteigerte Sensibilität? Weil Donner, Blitz und Gewitter ins Haus steht? Aber es ist noch immer menschlicher, sich wirklich zu begegnen, als nur über die Stimme zu sprechen und auszutauschen...
Jedenfalls hat sie eingewilligt. Gesagt, weswegen sie mit mir reden will, hat sie hinwiderum am Tele verweigert. Bin mal gespannt, was das wird.
Aber das Treffen fällt ins Wasser. Ein neues können wir vorerst nicht ausmachen.
Die Spannung steigt auf 180 Volt, ins Unerträgliche und ich werde nervös.
Endlich kommen wir zusammen, am Telefon, genau dort, wo ich nicht hinwollte und wo ich ihr nicht „begegnen“ wollte.
„Ich bin ja so sauer. Du hast im Internet über mich, äh, über unsere Beziehung geschrieben.“
Ein wahres Creszendo überschüttet mich, unendlich erscheinendes Geplänkel der Auseinandersetzung am Telefon. So kommen wir nicht weiter: wenn ich beharrlich jegliche Schuldhaftigkeit von mir weise – und sie meinte, dass ich das nicht hätte tun sollen, diesen Verrat unserer persönlichen Belange – ich kappe ihr das Persönlichkeitsrecht unbescholtenen Privatlebens.
Ihr Ärger sei berechtigt, meint sie kurzum. Wir müssten nichtsdestotrotz einmal persönlich darüber reden, entgegne ich lapidar.
„Komm, lass uns einmal persönlich darüber reden!“
„Ich weiß gar nicht, ob ich dich überhaupt noch treffen will?“
Blödes Herumgetue, Herumgeziere und Herumgeeiere!
Letztlich ist doch ein Leichtes, einen Date zu vereinbaren. Nur Zeit muss ihr gelassen werden. Zwanzig Minuten später vereinbaren wir uns - na, sag ich ja, geht doch! Louis, ich kenne dich besser, als du dich selbst? Gewiß zumindest, mehr als du denkst!

Um vergessen zu können - blindlings, nicht von Sinnen male ich unterdessen ein neues Bild und ohne es mir anzusehen, renne ich schnell von diesem weg, ohne es mir noch eindrücklicher und mit einigem Abstand zu betrachten, Was sehe ich, sowie ich zurückkehre? Ein weinendes Mädchenbild, aus deren Kulleraugen zwei dicke, embryoartige Tränen fließen, entstanden, als ich versuchte die Pupillen im Auge zu schärfen, zu malen und zu akzentieren. Gleichzeitig sind die Zähne zersplittert.
Danach habe ich - um eine anzubringende Freske zu stabilisieren - ein Brett mit der Maschine abgeschmirgelt, bis ich mich verletzte und Blut flloß, das ich an der Hose abwischte, damit ich es fertigbrachte und die Fflüssigkeit mich nicht behinderte.
Jetzt fehlt mir nur der Gipsabdruck der Busenform von ihr. Ob sie sich noch darauf einläßt? Ruhig sitzen bleiben muß sie können und wollen, während ich das Objekt mit Bandagen belege, hart werden lassen muss es und dann Gips darüberstreichen und auftragen!
Danach werde ich einen Vorhang über das Bild anbringen und fertigen.

13.07.2017

Louis trottet mit ihren klobigen Schuhen auf meinen Tisch zu: jung und strahlend vor Wut. Kein graues Haar krönt sie, wegen der Medikamente ist sie so wohl konserviert worden, welch ein Segen und Entspannung, viel Schlaf und Ruhe zu haben, nur ein Knopfdruck genügt und ab geht’s ins Schlaf-Nirvana: Schöne heile Welt läßt grüßen.
Ihre Zähne sind leicht kariös, besonders an den Nagern angeknappert. Lange Nächte bis in die frühen Morgenstunden hinein, viel Alkohol, kein reichhaltiges Essen, Zigaretten und Magazine – das sind die verräterischen Spuren. Herabhängende Schultern, sich herauswölbenden Bauch, die ausgebreiterte Statur, stapferartige Beine, Füße nicht mehr markant hervortretend, Zehen kurzgliedrig und redundant. – Medikamente haben nun einmal ihren hohen Preis!
Das Gesicht vom „Laster“ gezeichnet, tiefe Tränensäcke und aufgeblähte Nüstern. Glitzernde Augenvertiefungen, das ja! Echsenartige, krude, schmale Zunge, nun! „Ich versöhne mich wieder mit meinem Lebenspartner und wir leben bis zum Ende unserer Tage glücklich und zufrieden zusammen“, ist ihr Vorschlag, wie ich das Ende des Romans gestalten sollte. Wir lachten darüber. Was immer mit ihr ist, wie immer sie gezeichnet ist von ihrer Sucht, wegen ihrer Phantasie, ihrem Witz und ihrer Cuzpe liebe ich sie unbändig.
„Hättest Du gerne!“
„Oh ja!“ Ihr Blick schweift in die Ferne, ihre Augen funkeln. Eine übergroße Leinwand, wo sich dieser Film “Ewige Liebe“ abspielte - und ich wende mich dorthin auch um, weil ich ihn auch gerne gesehen hätte, wenngleich ich nicht dranglaube, aber da ist kein überdimensionales Etwas errichtet. Die üblichen kuscheligen, süßen Verzierungen an den Häuserfassaden sind da, alls wären sie aus Marzipan, Zucker und Gelee, auf dem gerade eine Taube zu vielen anderen aufgereihten Taubengesellen auf Gauben, Zinnen und Giebel herniederschwebt.
Wir befanden uns auf einem kleinen Platz in ihrer Kleinstadt. Eisdiele. Um ein Tisch Stühle gestellt, den äußersten fasste sie an der Lehne, um sich möglichst gefasst zu geben und zu erscheinen.
KInder laufen um einen großen Brunnen.
Ich reiße mich von diesem Anblick weg und wende mich ihr zu, die immer noch möglichst weit weg von mir steht.
Wir befanden uns auf einem kleinen Platz in ihrer Kleinstadt. Eisdiele. Um ein Tisch Stühle gestellt, den äußersten fasste sie an der Lehne, um sich möglichst gefasst zu geben und zu erscheinen. Möglichst weit weg von mir steht sie.
Später wird sie mir sagen, warum sie dort erst einmal eisig und erstarrt stand. Sie wird sagen, sie sei wieder einmal schockiert gewesen über meinen proletenhaften Aufzug, kein Überhemd, heraushängendes Unterhemd, kundgetan der Umwelt gegenüber, ich verspüre keinen Respekt gegenüber euch. Über meinen Aufzug ist sie letztlich in diesem Moment mehr entsetzt als über den Inhalt ihrer Anklage, ihres Anliegens, ihrem Zorn!
Was steckt hinter dem Bestreben, der Neurose, der zwanghaften Absicht, adrett, gelackt und herausgeputzt gekleidet aufzutreten, was heißen soll: schaut mal her, wiel gepflegt, herausgeputzt, - gestylt und –gepeppt ich doch bin? Lässliche Kleidung ist mindestens ein Verstoß gegen die guten Sitten wie Nasenbohren. In Zeiten der Junk-Clothes, sprich Weg-Werf-Kleidung kann man und frau sich dies leisten: Kleiderschränke bersten vor Stoff aus ihren Näten, genauso wie die Klo-Regale dicht an dicht gedrängt vollgestellt bis zum letzten Zentimeter mit Döschen, Plastikflaschen gleich welchem Haar-, Haut-, Mundwässerchen oder sonstiger Chemikalie sind.
Aber wenn es unkorrumpierbar ist, dann der Körper, die Natur!
Vergessen ist, dass sie stets bei den Antis dabei war: gefranzte, blonde, abstoßende Haare; nietenbewehrte Nasenflügel oder Ohrläppchen oder –wascherl; ein Tatoo auf dem Rücken links; ausgewaschene, blaue Bluejeansjacken-Trägerin mit vielen ulkigen Stoff-Aufklebern versehen, egal, aber seitdem sie sich näher zu ihrem LP hingezogen fühlte, der sich gerne als Gewinner, als Führungskraft, Erfolgsmenschen sah mit seinen stets erfolgsbereit signalisierenden Anzug-Weißes-Hemd-Lackglanzschuhen, wenn nötig gar mit Krawatte auftrat, den sie anfänglich gerade deswegen kaum riechen und überhaupt nicht attraktiv und anziehend fand, mauserte sie sich in dessen Yuppie-Richtung. Ein T-Shirt, auf dem steht: HEUTE HABE ICH EINMAL UNHEIMLICH VIEL NULL BOCK – ist ein nostalgisches Requisit.
Wie die politischen Vorbilder, die ob links oder rechts, sich in die gleichen Zwangsjacken von Kleidungen zwängen – als gelte nicht mehr Innen, nur noch Außen – sehr unglaubwürdig! (Laßt Euch nicht betrügen, wählt nicht solche Pappfiguren!)
„Du hast im Internet über unsere Beziehung geschrieben!“
„Ja, ich gebe es zu!“
Wir hatten ja schon ziemlich lang und breit am Telefon darüber gesprochen, ich hatte mir ein Gespräch von Angesicht-zu-Angesicht ausbedungen. Jetzt fand es statt.
Aber zu weit weg stand sie. Ich bat sie, sich doch neben mich zu setzen. „Halt ein bisschen näher, bitte! Oder willst du die ganze Zeit stehen bleiben?“
Sie starrte mich nur an. Musste man über diese Frage derart lang nachdenken? Nach einer langen Weile zum Ergebnis gekommen, dauernd stehen zu bleiben, nein. „Ja!“, und sie setzte sich endlich auf dem Stuhl neben mich. Ich atmete erst einmal auf, weil sie ihre Reserviertheit aufgeben hatte.
Sie setzte sich noch einmal dramaturgisch in Szene: „Wie konntest Du, ohne mich zu fragen, über mich und dich und uns schreiben!?“
Naja, warum nicht, bin ich denn ein Kind, der für jedes Tun erst einmal die Erlaubnis der Erziehungsberechtigten einholen muss? Dass ich schrieb, wusste sie doch genau.
Sowie sie saß, prallten die Vorwürfe jetzt noch härter auf mich herab. „Ich hätte sie als psychisch krank dargestellt.“ „Nimmst Du doch von Dir in Anspruch!“ „Ich würde zigarettensüchtig sein.“ „Du rauchst ja auch Kette. Versteh es als Krankheit, als Nikotinsucht. Sucht wird doch als Krankheit definiert. Also! Außerdem handelt es sich doch nur um fiktive Personen.“ „Ich komme dabei schlecht weg.“ „Würde ich nicht so sehen...“ „Dann mich als Hure darzustellen. Das ist schmutzig, dreckig, widerlich.“ „Wie kommst Du darauf? Von Prostituierten habe ich nichts geschrieben.“ „Schon der Ausdruck, dass ich gefickt werden wollte, gerammelt...“ „Das kommt im Zusammenhang mit dem Kondom vor. Das war doch so. Ich habe ich es Dir ja auch gesagt, dass mir das so vorkam.“ „Wie eine Hure. Ich bin die Schlechte.“ „Im Gegenteil! Weil der männliche Protagonist diese Empfindungen, Vorstellungen denkt, wirft es ein schlechtes Licht auf ihn.“ „Aber klar, mit einem Schriftsteller zusammen zu sein, dann kommt so etwas raus...“ „Das war immer so, da gibt es viele Fälle in der Literatur...“ Was bedeutete ihr heute die Aussage, die sie erst jüngst stolz getätigt hatte: „Ich war schon immer die Muse von Intellektuellen! Meistens waren meine Bekannten älter als ich. Studenten, wohingegen ich Krankenpflegerin war; aufstrebende Unternehmer, dagegen ich beschäftigungslos; Diskobetreiber, ich nur eine Besucherin undsoweiter. “ Und: „Gell, ich inspiriere Dich!“ „Ja, tust du! Total sogar!“ Und ihre Brust schwoll an. Aber jetzt lag sie mit dieser Rolle total überquer.
„Der Hausrat hat beschlossen, wenn das noch einmal vorkommt, bekommst du Hausverbot!“
„Was, wer hat das gesagt!“
„Genia, sie ist stinksauer. Wie konntest Du über sie schreiben, ohne ihre Einwilligung.“
„Aber ihr Name ist doch ein Pseudonym. Genauso wie deiner, Louis.“
„Nicht Pseudonym, mein zweiter Name.“
„Aber keiner, halt kaum einer kennt Deinen zweiten Name oder?“
Sie schwieg dazu. Es musste etwas dransein.
Sie fing sich wieder: „Die Betreuerin hat gemeint, du hättest uns den Text vor der Veröffentlichung vorlegen sollen!“
Ich schnappe nach Luft. Diese Sozialtanten, -profis und -spezialisten sind ja so etwas von romantisch, daß es kaum in eine Tüte passte. Von wegen Antrag: hiermit ersuche ich sie, folgenden Text - alle Personen, die darin vorkommen sind unter Pseudonym veröffentlicht - durchgehen zu lassen. Ich würde mich freuen, wenn sie so wenig Korrekturen, Streichungen und Verbesserungen als möglich durchführten. Nichtsdestoweniger werde ich mich gegen keine Einwände jeglicher Art und noch so geringen Ausmaßes verwehren. Schließlich würde ich mich glücklich schätzen, ihr Wohlwollen zu gewinnen und, indem sie nichts gegen eine Veröffentlichung meines Textes machen/haben/einwenden, der zudem sehr stark fiktional angereichert ist und mit keiner derzeit lebenden Person deckungsgleich und in Übereinstimmung damit gelegt und gebracht werden kann, durch ihre barmherzige Gunst veröffentlichen zu dürfen.
„Eine Zensur findet nicht statt! steht wortwörtlich im Grundgesetz.“
Dazu schweigt sie.
Ich war befriedigt, weil ich auf dem Boden der Verfassung des Landes, auf dessen Boden wir gerade traten, saßen und uns bewegten, in Übereinstimmung lag.
„Aber meine Personenrechte wurden verletzt.“
„Niemand kennt Dich mit dem Namen „Louis“.“
„Außerdem hast du meine Betreuung als Sozialmafia bezeichnet!“
„Deine Betreuerin, meinst Du wohl!“
„Ja!“
„Stimmt doch. Sie betreut Dich hinsichtlich Deiner Suchtprobleme, während Du bei ihrem Bruder, der das Lokal hat, bei dem Du Dich vollaufen lässt, ein- und ausgehst. Was sagt sie aber, wenn Du Dich beklagst: alle um mich herum trinken, die sogenannten psychisch Kranken, die in den drei WGs der Kleinstadt hier wohnen, saufen, gifteln und füllen sich munter ab und du kannst Dich nicht mehr davon abgrenzen, merkst, wie Du mitversumpfst? - Na, was sagt Deine Beraterin?“
Sie schweigt.
„Das ist nur Dein Problem!, sagt sie,“, sage ich.
Sie beißt sich auf die Lippen.
„Bruder und Schwester leben von Euch Süchtigen. Während der Bruder für den Nachschub der Alkholtröge sorgt, betreut die Schwester die Schnapssäue. Wenn sie aber merken, sie sind damit auf dem besten Wege, diese in der Kuhlen des stinkenden Odels ersaufen zu lassen und in ihrer eigenen Alkoholausdünstungen durch Atemnot umzukommen, dann schickt man euch zur Beratung, der Suchtberatung, wie jetzt bei dir neuerdings, die euch wiederum rät, wenn ihr sagt: helft uns, wir merken, wir versumpfen, saufen buchstäblich ab und beginnen am Tropf zu hängen: „Das ist Euer Problem. Nicht das verlockende Angebot, die dauernde Verfügbarkeit des Alkohols, der euch quasi unter die Nase gerieben wird, sondern euere Sucht, euere Schwäche, euere Krankheit. Passt auf euch selber auf, reißt euch am Riemen, vermeidet die Versuchung!“ - Wenn das nicht mafios ist?“
Schweigen.
„Ja, für jedes Problem, das auftaucht in unserer Gesellschaft, haben wir eine Beraterin, Sozialarbeiterin oder Psychologin.- Aber wie sieht diese soziale Betreuung wirklich aus? Schau sieh dir an, diese Suchtberatung! - Da man feststellt, ihr seid suchtkrank, sagt deine Hauptbetreuerin zunächst, wir müssen dagegen ankämpfen. Ihr bekommt also Suchtberatung. Man schickt euch zu einer Suchtberaterin. Und diese deine Suchtberaterin, was macht diese?’
„Ja, ich weiß!“, murmelt sie.
„Sie fordert dich zum kontrollierten Trinken auf. Einmal im Monat zwei Gläschen Wein, das kann nicht schaden. Aber mehr nicht!, erhebt die blinde Frau von einer Beraterin den Zeigefinger, naiv, dumm und unwissend, bestenfalls.“
„Ich weiß!“
„Obwohl du hochkarätig medikamentenabhängig bist, rät sie dir zum Alkohol. Obgleich du keinen haben solltest!“
„Sie ist meine neue Suchtberaterin. Die andere ist weg . Und wahrscheinlich wollte mir die Neue Gutes tun. Versuch und trink es, wenn schon, dann eingeschränkt, hat sie gesagt.“
„Vorher hattest Du nichts getrunken?“
„Nein. Ja, stimmt.“
„Seit dieser Suchtberaterin fängst du wieder an.“
„Aber, aber kontrolliert.“
„Nein, in diesem Fall darf es nicht heißen: ein klitzekleines Bisschen dann und wann, sondern nicht den geringsten Tropfen Alkohol solltest du, sonst...“
„Du hast Recht. Ich werde mit ihr sprechen.“
„Das sagst Du schon zum 10. Mal. Und jedes Mal wirst du mit einem Ja-Aber entlassen und kommst daher gekrochen, bittelnd und bettelnd: Nur ein Gläschen, bitte!“
“Aber meine Betreuerin, als Sozialmafia zu bezeichnen, weil ihr Bruder diese Kneipe hat, finde ich schon...“
“überzogen. Man kann auch Deinen LP und dessen Vater, der Apotheker gewesen ist, als Pharmamafiosi bezeichnen. Dieser Giftmischer verdiente wunderbar an Dir!“
“Jetzt mach einmal einen Punkt!“
“Punkt!“

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