Protokoll eines Sterbeprozeßes

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Pentzw
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Protokoll eines Sterbeprozeßes

Beitragvon Pentzw » 21.02.2018, 21:49

2018-02-21

Um 12 Uhr schreibe ich folgendes Protokoll:

Mutter hatte außer Verschleißerscheinungen an den Knien, erstaunlicherweise keinerlei Krankheiten. Pudelgesund trotz ihres 85jährigen Alters. Sie sei „altersgerecht gesund“, wie ihr gesagt wurde und sie mir mitteilte.
Einmal fiel sie auf dem Bürgersteig um, war bei Bewußtsein, die Autofahrer ihrer Kleinstadt fuhren einfach vorbei, keiner auch rief kostenlos den Notruf per Handy an, bis sich nach einer halben Stunde einer erbarmte, ein anderer Passant, der des Weges kam und die Ambulance anrief. So viel zur Heimat in Bayern.
Sie ging ins Seniorenheim.
Der Arzt verschrieb prophylaktisch Blutverdünnungsmittel, weil sie doch so wenig Auslauf haben würde. Ich kam fast jeden Tag zu ihr und ging spazieren.
Dann bekam sie eine Gehirnblutung – wie bekannt meist in Folge des obigen Mittels.
In dem Krankenhaus wurde sie mit einer unsauberen Spritze mit Hebatitis C, sprich Gelbsucht, infiziert.
Oder in der daraufhin folgenden Reha-Klinik.
In dieser wurde versucht, sie wieder zu rehabilitieren, mit dem Ergebnis, daß sie nahe am Sterben war. Sie erholte sich wieder, obwohl meine Schwester unkte: „Mutter wird sterben!", wohl nach Aussage der Reha-Klinik-Ärzte. Sie erholte sich aber wieder und wurde entlassen, weil die Fachärzte, wie sie sagten, nichts mehr für sie tun konnten.
Zurück im Seniorenheim, in dem sich auch viele behinderte ältere Menschen befanden, lag sie schwergewichtig und außerstande mehr, aufzustehen im Bett und wurde von einer Heerschar von Personal umsorgt.
Zufällig bekam ich die Patientenverfügung von ihr in die Hände. Als Ersatzbetreuer, wenn der Hauptbetreuer, die Schwester, abwesend sein würde, war ein Anonymus des Amtsgerichtes delegiert. Ich sah Mutters Unterschriften, die bei einer Patientenverfügung alljährlich gemacht werden mussten, daß sie jedesmal falsch geschrieben wurden. Ich erbat mir eine Kopie. Sie wurde mir verweigert, von der Betreuerin als auch dem Personal. „Ich setze mich doch nicht in die Nesseln!“
Daß ein Anonymus anstelle meines Bruders oder ich eingesetzt war, erschien mir nicht rechtens. Wo aber konnte ich Widerspruch einlegen? Beim Amtsgericht, also dort, wo der Anonymus selbst saß, der sich mit dieser Funktion sein Einkommen sicherte. Folgerichtig wurde mein Ansinnen abgewiesen und meine Bedenken zurückgewiesen mit der Begründung, daß die Ursachen für dieses Konstellation unter dem Datenschutzgesetz fielen und das „Verfahren“ gerade liefe.

Dann war der Hauptbetreuer, meine Schwester, im Urlaub, der Anonymus übernahm die Betreuung.
An einem Sonntag, dem vorletzten, als ich sie besuchen kam, konnte sie nicht mehr schlucken, so steif war sie gewesen, am Bettkissen lag ein Pflasterchen, das man verwendet, um eine Spritze abzuwischen oder die Einstichwunde zur Blutgerinnung zu stillen. Zuvor war die hauptverantwortliche Schwester gerade aus dem Zimmer gekommen.
Eine halbe Woche später musste nachts der Notarzt gerufen werden, weil sie am ganzen Körper pockennarbige Blasen gebildet hatten. „Es hätte sich um eine Allergie handeln können!“ Nahm dieser Notarzt von der am Sonntag erfolgten Impfung oder was immer es sich handelte, Notiz?
Ich bekam keine Einsicht darin, was die Schwester zuvor gespritzt hatte, um einen aufdrängenden Zusammenhang zwischen Sonntagsspritze, der sie total steif und schluckunfähig gemacht hatte und einer misteriösen, vermuteten Allergie herstellen zu können.

Eine 10.04 abgesendete E-Mail kann ich erst um 19 Uhr in meinem E-Mail-Konto lesen:

Hallo Werner,

du hast unsere Mutter wohl schon ca. zweimal mit ins Freie mitgenommen, wobei sie danach ziemlich ausgekühlt war.
Die derzeitigen Temparaturen sind dafür nicht geeignet, da sie ja nur sitzt. So warm kann man sie gar nicht anziehen, dass sie nicht friert.

Nach Rücksprache mit der Pflegedienstleitung des Seniorenheimes darf unsere Mutter ab jetzt nur mit Rücksprache mit der diensthabenden Schwester nach draußen mitgenommen werden.

Viele Grüße

Jutta

Ich beantworte sie um 19Uhr30:

Hallo Jutta,

am Faschingsdienstag war ich mit ihr draußen. Es hat die Sonne heruntergeschienen und wir sind nur so weit gegangen und haben dort gestoppt, wo sie heiß heruntergeschienen hat. Sie hat sich sehr gefreut, hat auch deutlich gesprochen, sich bei mir bedankt, mit "Ich danke Ihnen" undsoweiter.

MfG

Werner

© werner pentz

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