Unsere Burg

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Kirsten
Erinye
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Unsere Burg

Beitragvon Kirsten » 20.04.2018, 10:17

Irgendwann werden Kinder groß und gehen eigene Wege. Auch die Verspieltesten.
Mein Bruder Wolfi und ich haben immer viel zusammen gespielt und hatten uns eine eigene kleine Welt geschaffen, mit einer eigenen Erkennungsmelodie, die wir vor dem Spiel leise in einer Geheimsprache sangen, von der niemand wissen sollte.
Als wir keine Kinder mehr waren, änderte sich an unserer Beziehung zunächst nicht viel. Es gab Radtouren in die nähere und weitere Umgebung unseres Elternhauses, ja bis in die nächste Großstadt. Wir fühlten uns großartig bei unseren Entdeckungen.
Verlassene Orte reizten uns besonders, zum Beispiel eine alte Ziegelei mit einem halb zugewachsenen Teich in der Nähe unseres Wohnhauses.
Aber die wichtigste und am meisten die Fantasie anregende Entdeckung war die Gutenburg. Wer sie auch kennt, wird uns verstehen.
Unsere Eltern hatten ein Haus im Südschwarzwald nah bei Waldshut und fuhren im Sommer mit uns dorthin. Es war der Ausgangspunkt für weite Wanderungen. Ich könnte viel über diese Wanderungen schreiben oder wie wir sogar bei Regen loszogen und in einem fremden Obstgarten Kirschen aßen, mit Schirmen ausgerüstet.
Aber ich will mich auf den Tag beschränken, der uns die Gutenburg brachte.
Wir kamen von einer langen Wanderung über dem Schlüchttal und wanderten an dem raschen kleinen Gewässer entlang, das für mich später zur Anregung wurde, als ich in einer Geschichte von einem Bergbach samt Wasserfrau zu erzählen hatte.
Da war nah bei einem kleinen Ort ein felsiger Hügel, vollkommen zugewachsen, der uns reizte. Was würden wir auf seiner Höhe finden?
Wir kämpften uns durch das Gestrüpp, das vor allem die ersten paar Meter versperrte. Wir konnten kaum durch.
Dann ging es steil hügelaufwärts. Wir kamen ins Schwitzen, denn wir waren damals beide nicht sportlich.
Einen Weg oder wenigstens Pfad gab es nicht. Aber von oben zeigte sich Mauerwerk durch die Bäume.
Wir hatten eine Burg entdeckt. Ungläubig gingen wir um die verfallenen Mauern herum. Trojas Entdecker kann kaum aufgeregter gewesen sein. Von dieser Burg hatten wir noch nie gehört, obwohl wir mit den Erwachsenen schon einige Male durch das Schlüchttal gegangen waren.
Das war dann unsere Burg. Irgendwie brachten wir ihren Namen in Erfahrung. Die Erwachsenen nahmen diesen Ort nicht ernst, vielleicht, weil kein Weg hinauf führte. Wir zogen es auch vor, alleine dorthin zu gehen.
Aber ich bin ein mitfühlender Mensch und zwar nicht nur gegenüber Lebendigem. Ich hätte dem Ort mehr Bekanntheit und eine zweite Jugend als Ausflugsort gegönnt.
Wir gingen immer wieder hin, wenn wir in den Ferien dort waren. Wir sonnten uns auf den Felsen. Und wir träumten davon, dort nach Zeugnissen der Vergangenheit zu graben.
Durch das Gestrüpp und steil hinauf- das war jedes Mal eine geradezu archetypische Erfahrung. Ein traumartiges Erlebnis.
Wir sind nie wieder so eng verbunden gewesen wie damals. Aber ich bin sicher, dass auch Wolfgang die Burg noch kennt. Vielleicht frage ich ihn danach.

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