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Heimsuchung einer Kleinstadt

Verfasst: 29.04.2018, 13:40
von Pentzw
Gesprächsgesuch mit einem Polizisten

„Ich war gerade beim Türken um die Ecke. Ich habe mir ein Bier und veganen Döner gekauft und als ich herausgetreten bin, habe ich mir eingebildet, ich hätte im Laden meine Geldbörse vergessen und verloren. Da bin ich zurückgegangen in die Kneipe und habe in den kleinen Raum hineingeplärrt: „Gebt mir meine Kohle wieder!“, aber dann habe ich im gleichen Moment festgestellt, dass ich doch den Beutel in meiner Seitentasche hatte. Aber egal, was die sich gedacht haben. Welch ein absonderlicher Auftritt dies wohl in der Dönerspelunke gewesen sein musste.“
Amüsiert darüber schüttelt Gina den Kopf, der gleichzeitig von einem Lachen geschüttelt wird. Sie erzählt weiter.
Danach schob sie ihr Fahrrad schwankend über den Schneematsch. Es hatte geschneit, aber es war nicht kalt genug, so daß der Schnee nicht sofort schmölze. Sie war zu betrunken, um Fahrrad zu fahren. Außerdem waren es nur cirka 20 Meter bis zum Hauseingang, in dem sie wohnte. Das würde sie auch so gehen. Auf ihrem Gepäckständer befand sich ein Döner, vegan. Sie hatte aufgehört Fleisch zu essen, sie war eine Rasta-Frau, wenngleich sie kiffte, wenn es ging, was ja angesichts dessen, daß sie eine Rastafrau war nur natürlich war und Whisky, kleine Flachmänner, verschmähte sie auch keineswegs. Ein Beispiel für die besondere Anziehungskraft des Pots, um nicht zu sagen des magischen Soges insbesondere, kommt, nachdem sie den quadratkubikmetergroßer Stein, ein Relikt aus vergangener Zeit, 50iger, 40iger, wer weiß, ein lustig-anmutendes Unikum, umrundet hat. Nachdem!
Zuvor fällt sie aber hier, wie sie eben um die Ecke in ihre kleine Gasse biegen will, mit dem Fahrrad um, weil sie diesen Stein geschnitten, besser gestriffen hat und kann von Glück reden, dass sie nicht gegen eine rechtwinklige Kante gefallen ist. Das Rad rutscht von dem gebogenen Stein weg und fährt, rutscht und hutscht zurück, so dass sie auf das Trottoir niederfällt, nicht jedoch gegen eine spitze Hausecke. Sie rappelt sich mit mit dem Song „Get up, stand up. Fight for your right!“, wieder auf, ohne daß ihr Gepäck verloren geht. Um die Ecke und in die Gasse hinein gelangt sie schon weiß, feucht und verschmuddelt, um ihr Fahrrad am abblätternden Wandverputzt des alten fränkischen Fachwerkhauses abzustellen, mehr werfend, als fallen lassend und als es daran anzulehnen.
Hier steht auch der Sog ihrer kaschierten Kiffersucht: ein grüne Biotonne. Gestern, als sie mit Louise, das Glück oder Pech wollte es so, einen Batzen Haschisch in Alufolie auf der Straße gefunden haben, haben sie es darin entsorgt, nach einhelligem Einverständnis der Glücks- oder Giftpilze, nichtsdestoweniger beugt sie sich jetzt, Klappe aufgerissen, über den dreckigen Schlund und langt mit ihren langen Armen hinein. Gefunden, was gesucht, steckt sie es freudig in die Seitentasche ihres amerikanischen High-School-Balzes, Danach streift sie den Schneematsch von der flachen Sohle ihrer dünnen, windigen, kaum wintertauglichen chinesischen Sportschuhe an der Türschwelle ab.
Ein Wunder, daß sie den Beutel Döner nicht verloren hat, trotz ihres trunkenen Zustandes war er nicht herausgefallen. Zufrieden greift sie sich das Paket von der Schwelle aus dem Ständer, bewusst darin, dass sie ihn hätte leicht verlieren können. Aber zurzeit klappte einfach alles. Sie hätte es bestimmt nicht gemerkt, denn sie schwebte auf Wolke Sieben. Sie war verliebt.
In die Küche tretend, plärrt der zu laut eingestellte Radio. „Sicherheitskräfte wurden von randalierenden ausländischen Jugendlichen, wahrscheinlich aus Afghanistan, attackiert. Ein Beamter liegt im Krankenhaus mit einer Schädelfraktur, nachdem er, von den herbeigeholten Polizisten wegen Ruhestörung...“, die anonym erfolgt war, wie sonst auch in diesem Land, zu Boden geschubst und dort mit Füßen traktiert worden war.
„Diese verdammten Nigger!“, grölt Gina dazu.
„Was?“ Bin ich etwas von entsetzt. Eine ausländerfeindliche Gina, unmöglich, so etwas hätte ich ihr niemals zugetraut, bei ihrer Biographie: Sozialpädagogik Studium begonnen und zudem war sie in meiner Generation. Aber Gina denkt, was ich noch nicht weiß, an ihren Polizisten, der das Opfer einer solchen Attacke hätte sein können, vielleicht es auch ist und den sie vielleicht noch nicht liebt, aber Hoffnung in ihr entzündet, die sich nicht dämpfen kann. In Wirklichkeit kann sie gar nicht gegen Schwarze sein als Rastafa-Frau hat sie etliche Male mit schwarzhäutigen Gleichgesinnten geschlafen, wenn man es euphemistisch ausdrücken möchte. Sie hätte mehr Anlass gegen die Bullen zu sein, denn ihr geliebter Lebensgefährte Kevin war als Gegenstand und Subjekt der Verfolgung von Konsumenten illegaler Drogen seitens der Staatsmacht über eine Mauer geklettert, an einem Nato-Draht hängen geblieben und sich in unglücklichsten Umständen selbst erhängt, erwürgt und zu Tode gestürzt. Also wäre ihre Wut gegen die Ordnungshüter dieses Landes mit Sicherheit gerechtfertigter! Aber!
Ihre Entgleisungen, für mich solche, sind nur ein Ventil, um sich von ihren Ängsten zu befreien und das Ventil bieten hier die Schwächeren der involvierten Parteien. Sie ist tatsächlich in einen Polizisten verschossen, der jüngst aufgrund einer von der hier wohnenden dritten Person, von Grit, veranstalteten widerspenstigen Aktion in Erscheinung treten musste. Weil die Oberaufseherin, die Sozialpädagogin dieses Vereins nach diesem geschickt hatte, nicht ohne selbst im Hintergrund zu bleiben, nicht mitgekommen ist sie, nur angezeigt hat sie diese Grit, wenn man das im wörtlichen Sinne nimmt, wobei sie sich selbst eben nicht die Hände schmutzig machte, sondern die dafür auserwählten und autorisierten Helden vorangeschickt hatte, um die unliebsame Mitbewohnerin in die Psychiatrie zu befördern, zumindest den Weg dafür freizugeben, Informationen sammeln und das Terrain erkunden zu lassen. Dabei hatte ein Beamter die gleichfalls hierinnen Wohnenden befragt. Gina inspizierte er etwas genauer, Körperfilsitation genannt, welche dieses An-Ihr-Wäsche-Gehens als wohlwollenden, ernstgemeinten und liebevollen Annäherungsversuch gewertet hat. Keinerlei freundschaftliche Bezugspersonen zu haben, musste sich jede Berührung wie ein Heilsversprechen auswirken.
„Wir werden das nicht dulden, werden die Kriminellen, unser Gastrecht mit Füßen tretend, unerbittlich verfolgen und mit aller Härte des Gesetzes bestrafen, bis auch der Letzte begriffen hat, daß Sicherheitskräfte und Beamte des Staates nicht...“, tönte die monotone, modulationslose und dunkle Bassstimme des Innenminister Bayerns. Ich bezweifele, dass das, was hier berichtet wird, stimmt, der Wahrheit entspricht, wirklich geschehen ist und stelle mir vor, wie sich diese rechtstaatlichen Sicherheits-Engel solch Spaß habenden Jugendlichen wohl gegenüber aufführen, daß sich jene herausgefordert fühlen – nachdem, was ich mittlerweile selbst von Staatsvertretern erfahren musste, Einschüchterung, Ignoranz und Weigerung, mein sauerverdientes Honorar zu bezahlen – sicherlich so eine Finte, so eine provokante Lüge in den zwangsverordneten Medien, ähnlich der bereits vor 40 Jahren durch einen Agent Provokateur gelegten Falle – wobei dies natürlich eine andere Dimension als die mittlerweile stark um sich gegriffene Korruption in Amtsstuben und Behördenzimmern darstellt - ist denn von staatlichen Korruption zur inszinierten Aufhetzung und Aufwiegelung mehr als ein kleiner Schritt.
Nun zetert Gina wieder, denn es, womöglich kreislaufbedingt, Fahrradschieben und hierinnen warme Küche, brodelt jetzt der Wodka und das Bier aufgeheizt in ihren Adern darüber, dass sie von einem Polizisten im Verhör am Busen und Po angegrabscht worden ist, als sie sich auch noch ins Polizeipräsidium begeben hatte, angelockt durch die Aussicht auf Geschenke wie Handy und Kleidung. „Das geht (doch) nicht, dass der mir gleich an die Wäsche geht!“, stammelt und brummelt sie hilflos.
„Genau. So schnell schießen diè Preußen auch wieder nicht“, entgegnet Louise.
„Ich habe ihm gesagt, er solle das Handy zurücknehmen, es sich bei mir abholen oder ich bringe es ihm ins Präsidium vorbei. Jedenfalls geht das so nicht.“ Sie ist stark betrunken, schwankt auf dem Stuhl bedrohlich als würde sie sogleich davon herunterfallen und abstürzen. Zudem ist sie dieser abhängigen Situation des Staatsgewaltigen gegenüber völlig hilflos ausgesetzt.
[Der Polizist, eine Ausnahmeerscheinung? Das sagen diejenigen, die zu dieser anderen Mafia, der Mafia-Bande Staat selbst gehören. Genau das gleiche haben sie gesagt, als sie jüngst einen Krankenpfleger mit bis über 100 ermordeten Patienten entlarvt haben, der von einer Krankenpflegerstelle mit besten Empfehlung zur anderen gelobt und ausgelobt worden war. Dies komme und käme und könnte wahrscheinlich nicht wieder vor, weil es sich um ein singuläres, einmaliges, unwiederholbares Ereignis handele. Dass es vielleicht im System, an der Bewertung, an der Staatsstruktur liegen könnte, kommt denjenigen, die mit ihrem Teil, Aufgabe, Funktion daran mitwirken nicht in den Sinn. Klar, müssten sich ja selbst in Frage stellen, sich selbst kritisch hinterfragen, womöglich Konsequenzen ziehen, die an ihrem fetten Schmerbauch zerren würden.]
„Wie konntest Du bloß glauben, da entstünde etwas, wenn Du ins Geschäft von dem gehst? Er hätte Dich ins Restaurant oder so etwas einladen sollen, aber nicht ins Revier. Das hätte Dir gleich verdächtig vorkommen und sagen müssen, dass da nichts Gescheites entstehen könne“, resümiert Louise ganz vernünftig.
„Naja, vielleicht ja doch, habe ich gedacht. Man weiß es ja nicht. Möglicherweise ist er ja ganz nett, habe ich gedacht“, labert Genia entgegen. Sie wiederholt sich in der Folgezeit öfter, ist sternhagelvoll und weiß nicht, ob sie ihren vorhin gekauften Döner nun schon in ihr Zimmer nach oben abgelegt hat oder nach unten in der Küche irgendwohin.
„Ist das vielleicht derselbe Polizist, der letzthin Wilhelmine, du weißt, die Behinderte im Rollstuhl, besucht hat. Sie hat erzählt, dass ein Polizist oder ein in einer Polizei-Uniform Verkleideter zu ihr in die Wohnung gekommen sei und wegen irgendeiner Ermittlungssache hinsichtlich einem nur fern Bekannten ausgefragt worden ist. Dabei sei dieser Uniformierte übergriffig geworden, ihr ständig an die Wäsche gegangen, hat sie erzählt. Aber sie hat nicht geglaubt, dass das wirklich ein waschechter Polizist gewesen ist.“
„Ja, klingt nicht so, als ob es einer war“, sage ich, denke aber angesichts Genias Erlebnisse das Gegenteil. Das ist bestimmt der gleiche gewesen. Mann, ein Polizist, der abhängige Zivilpersonen sexuell belästigt. Na Prost, Gemeinde!
Louise sagt schnell hinter dem Rücken von Genia zu mir gerichtet: „Vielleicht steht er auf gewisse Praktiken im Verhörraum, sexueller Art, meine ich.“ Dabei zeigt sie ihre porös lachenden Zähne.
Ich lache verhalten zurück: „Das kann schon sein.“ Ich knöpfe mir den obersten Knopf meines Hemdes auf, denn mir ist sehr heiß geworden.
Schön, dass wir jetzt Luft schnappen gehen und uns nach draußen begeben, um sich auf die Schwelle des alten fränkischen Fachwerkhauses zu setzen. Es riecht aus den daneben stehenden Abfalleimern, grüne, weiße und braune Tonne, weil seit Jahren nicht mehr gründlich ausgeputzt worden. Wir schauen durch die schmale Gasse auf die Innenstadt-Straße, durch die immer wieder am steuersitzende Backfische Ralley-Rennen veranstalten. Vielleicht aber auch sind es Polizei-Aspiranten, ist doch dieser Beruf bei Jugendlichen sehr beliebt geworden, die sich bereits auf ihren Diensteinsatz vorbereiten. Wundert es jemanden, dass hier keine Geschwindigkeits-Meßgeräte aufgestellt werden? Aber wir leben in einem Land, auf dem Gesetze auf Papier stehen, gebracht und verschwendet werden, die die Tinte nicht wert sind, womit sie geschrieben worden sind.
Gina verfällt nun wieder in heulendes Elend, diesmal über ihre Vergangenheit. Sie müsse mit einem noch Lebenden unter ihren Freundeskreis unbedingt heute noch Kontakt aufnehmen, um mit dem über ihren verstorbenen Rastafa-Freund Kevin zur reden, sie brauche dies, sie müsse dies unbedingt spätest am WE machen.
„Und dabei“, Genia verfällt wieder in weinerlichen Tonfall, was immer dann geschieht, wie ich vermute, ihre weinerliche Nostalgie und Erinnerungsseeligkeit rührt bestimmt von daher, dass sie an diese Situationen mit dem behördlichen Aufdringling denkt.
„Dabei hatte er so lange Rastafa-Locken.“ Sie meint wieder ihren verstorbenen Freund. Sie macht ein Andeutung mit der Hand bis zur Taille. „So schön.“ Ob er schön war oder wegen seiner Erscheinung, der bis zum Hinternansatz herfallenden Dreadlocks, bleibt offen.
Wenn sie, so besessen von der Erinnerung, lacht, zeigt sie ihre weißen Hackerchen. Dieser Ausdruck trifft nur insofern zu, als sie keine gleichmäßig aufgereihten 32 Zähne mehr hat, zwar noch die großen Schneidezähne vorne, aber einige Backenzähne sind bereits herausgefallen, so dass eine schwarze Lücke in ihrem offenen Mund klafft. Wenn sie lacht und ihre betont kehliges Grunzen ausstößt, frankiert von dieser Lücke, erscheint sie als entweder faszinierendes oder abstoßendes Original, Unikum und Hexe. Das Gesicht, beim Lachen krass ins Auge springend, höhnt gleichsam.
Uns ist kalt geworden, wir sind wieder in die Küche zurückgegangen. „Mensch, habe ich einen Durst!“, grunzt sie dabei in einem einem Schwein ähnlich schnarrenden, nasalen Ton, als sie hiermit Gelegenheit hat, in Schränke, Ablagen und Kühlschränken die Objekte ihrer Wünsche zu vermuten. Und sie schaut sich in der Küche um, indem sie sich beinahe um sich selbst dreht, um etwas Drinkbares zu entdecken und zu ergattern.
Als sie nichts findet, lässt sie die Hände in den Schoß fallen, als bete sie und erzählt satanisch, was ihr alles in der Vergangenheit mit dem Kevin so Schönes zugestoßen ist, sie erlebt hat und erleben durfte - ach!
Bald kommt sie aber auf Dringenderes: der belästigende Polizist.
Louise meint, Sibylle meint dazu: „So etwas geht nicht!“ - Sibylle ist ihre neue Suchberaterin - womit sie recht hat, ich stimme entschieden zu. Dies geht natürlich nicht, dass ein Polizist Abhängige mit kleinen Geschenken zu sexuellen Abschweifungen nötigt und treibt. Aber das sagt gerade die Sucht-Therapie-Mieze! Denn es geht auch nicht, dass eine Sucht-Therapeutin Patienten, die die allerhärtesten und stärksten Medikamente verschrieben bekommen, etwas von „kontrolliertem Alkoholtrinken“ vorschwärmt oder nahelegt und überhaupt so einen Gedanken in deren Köpfe pflanzt.
Mühselig, dumm und überflüssig darüber nachzudenken, was am Schlimmsten ist bei all den Überdruss Hervorrufendem...

copyright werner pentz

Ginas Heimsuchung

Verfasst: 29.04.2018, 14:51
von Pentzw
Manche Menschen haben Pech. Ginas Eltern kamen als Flüchtlinge nach dem Krieg nach Deutschland, aus Schlesien, aus Pommern, wer weiß es. Sie erwarben eine kleines Haus, das in einem Überschwemmungsgebiet lag. Die Feuchtigkeit kroch Jahr für Jahr höher die Mauern hinauf, bis zum Dachstuhl, in dem es bald hereinregnete, weil die Familie keine Mittel, Energie und Ausdauer mehr hatte, jedes Jahr erneut die Löcher zu stopfen oder zumindest alle Dekaden einmal das Dach zu erneuern.
Als der Zustand der war, dass Mauersteine und Quadratmeter große Verputzstücke herunterbröckelten und die Nässe selbst im heißesten Sommer die Zimmeratmosphäre derart anreicherte, dass man erst spät nachts, wenn auch die Luftfeuchtigkeit zu einem erträglichem Maß herabgesunken war, ans Einschlafen denken konnte, wurde das Haus für einen Scherbelpreis an die Gemeinde weiterverkauft, damit die es plattmachen konnten. Die Kosten der Planierung waren so hoch und der Wert des Hauses samt Grundstückspreis derartig niedrig, dass die Besitzer mit 1500 Euro aus dem Dilemma herauskamen.

Es war Abend und wir waren in der Küche. Louise spülte ab, nachdem wir gegessen hatten. Gina stieß dazu und setzte sich nach dem allgemeinen „Schönen Guten Abend“ zu mir an den Tisch. Louise stand an der Küchenfront, könnte man sagen und war dabei abzuspülen.
Es war unübersehbar, dass Gina trunken war, sie konnte sich schwerlich auf den Beinen halten, so dass sie sich stöhnend und erschöpft erst einmal an den Tisch zu mir setzte: „Aber morgen höre ich auf.“ Das stammelte sie dann immer wieder vor sich hin,
Louise ging dieser Spruch mittlerweile derart auf die Nerven, dass sie dazwischen funken musste: „Du bist für Dich selbst verantwortlich. Du musst es wollen, sonst geht gar nichts.“ Ich staunte Bauklötze, denn die Botschaft war so untypisch für Louise, die sich ständig an andere Menschen andockte, um Herr ihrer Probleme zu werden oder davon loszukommen und darin auch die Ursache derselben zu sehen beliebte. Zitat: „Ich bin umgeben von Trinkern. Wie soll ich da stark sein?“
Nach diesem Sermon von Louise haben sich beide Frauen einträchtig zusammen auf die Schwelle der Tür zur Gasse hinausgesetzt, um eine Friedenspfeife zu rauchen, wohingegen ich in der Küche blieb.
Klar, warum Gina gerne moralisch Ergüsse von so religiösen Sendern über sich ergehen lässt. Entweder Horrorfilme, thrillerartige Krimis zog sie sich vorm TV rein. Oder Predigten von amerikanischen, evangelischen Befreiungstheologen. Quasi live hatte Louis diese Sendereihe in der Küche in Anwesenheit der reumütig sich gebärdenden Sünderin Gina weitergeführt. Nur wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie nur Entertainerin war und keine Wirkung erzielte. Bis dahin würde es auch ein sehr weiter Weg sein. Mit vielen Stolpersteinen –und über einen fiel sie gerade auf die Nase.
Nach einer Weile kam Louise zurück in die Küche, schlug das Geschirr-Schrank-Fenster ziemlich heftig zu, so dass ich das Schlimmste ahnte: „Nach der Zigarette ist Gina aufgestanden und über die Straße zur gegenüberliegenden Sisha-Bar gewankt. Abgesehen davon - die Straße ist sehr belebt, dass ich Todesängste ausgestanden habe - war ich zunächst perplex, dass auf ihre Reue hin keinerlei Taten folgen. Jetzt bin ich nur noch wütend. Die verarscht mich.“
Das-Ins-Gebet-Nehmen von Gina war wie für die Katze gewesen, denn von der Schwelle des Hausausgangs weg war sie den neonleuchtenden Lockungen der übrigens nicht einzigen Sisah Bar der kleinen unterlegen und blindlings über die Straße zur verheißungsvollen Kneipe hinübergestolpert und –gewankt in der diffusen Absicht, sich dort restlos die Kante zu geben.
Louis schob einen Hals!

Jedenfalls war sie frustriert ob der Bemühungen um Ginas Alkoholkonsum-Verhalten. Ihr Engagement entpuppte sich mittlerweile doch als bloße Rohrkrepiererei. Wer würde da nicht langsam verzweifeln? Zumal sie selbst ja unter diesem Damoklesschwert des Alkoholabsturzes stand. Es war bestimmt eine emotionale Befreiung, Nüchternheit zu predigen, wenn man selbst es wollte und so war dieses Predigen wie eine Selbsteinflüsterung –und Beschwörung.
Enttäuscht, gedrückt und bedrückt gingen wir ins Zimmer von Louise in den ersten Stock hinauf, von dem aus man direkt auf die andere Straßenseite auf die Sisha-Bar schauen konnte: durch die Fenster blinkte der Geldspiel-Automat bunt-farben, krebsartig leuchtete die chromverzinkte Bar in ihrem roten Neonlicht daneben, den Eingang selbst flankierten und schmückten zwei schwarz-goldene Nofreteten-Statuen sowie die Mauern entlang feldbetten-artige Lehnsesseln aus der Rumpelkammer der 50-Jahre, in denen sitzend oder liegend vor überdimensionalen Wasserpfeifen sich Dampflok-Schlot-Dicke Qualmwolken vor den Gesichtern der Jugendlichen aufbauten, die sich damit bis zum Platzen die Lunge vollpumpten. Praktisch, würden sie einen Kreislaufkollaps bekommen, lägen sie aber bereits auf einer transportablen Tragbahre.
Ich saß allerdings mit dem Rücken zu diesem herrlich dekadenten Ausblick, aber Louis beobachtete von ihrem Sessel aus jede Bewegung von Gina, indem sie immer wieder den Hals lang machte wie ein Schwan, sprang schließlich auf, als sie diese in den Eingang hineinschwanken sah, lief zum Fenster, um ihre Beobachtung durch näheren Augenschein zu verifizieren und drehte sich schlagartig zu mir um: „Soll ich sie holen?“
„Hm!“ Das hieß Ja-Nein.
„Hm, nein. Das ist nicht meine Aufgabe.“ Louis setzte sich wieder.
Das Argument fand ich schwach. „Nein, aber geh und hol sie trotzdem dort heraus!“
„Okay! –Aber ich rauche erst einmal eine Zigarette.“
Dieses Ritual fand stets statt: bevor man etwas anpackte, wurde eine Zigarettenpause eingelegt.
In der Zwischenzeit fielen einem dann immer Gegenargumente ein zu dem vorhin gefällten Entschluß.
„Bin ich eigentlich ihr Aufpasser? –Ist sie nicht alt genug? - Die muss doch inzwischen wissen, was sie tut.“ Sie blieb also erst einmal in ihrem Sessel.
„Aber wenn die dann betrunken über die Straße läuft und ein Auto erfasst sie, was dann?“
Ein gutes Argument. Denn auf dieser Straße beliebten die Jugendlichen ihre Formel-I-Rennwettbewerbe abzuhalten. Oft musste man nachfragen, was der andere Gesprächspartner hier im Zimmer gesagt hatte, wenn so eine Renner draußen gerade vorüberdüste.
So schaffte ich es, Louise nach wenigen Minuten wieder besorgt zu machen, so dass sie sich anschickte loszugehen.
Nachdem Louise Gina in die Sisha-Bar hat hinein schwanken und wanken gesehen, selbst geschwankt hat zwischen Zusehen und Hilfe, um sie vor weiteren Anschlägen zu retten, rennt sie jetzt über die Straße zu dieser und von der Tür her rufen ihr bereits ein paar Mädchen zu: „Sie suchen bestimmt die Alte? Sie ist dahinten in der Kneipe.“
Würde sie zu spät kommen; wie viel hätte Gina sich schon hinter die Binsen gegurgelt?
In der Bar wird sie aber von zwei lachenden Bar-Keepern begrüßt: „Sie suchen diese alte Frau?“ und sie deuten in die äußerste Ecke des Tresens weit hinten im Raum, wo sich auf einem hohen roten Barhocker eine enttäuschte Gina glücklicherweise nicht von Schnaps, Likör oder Bier eingedeckt und bedient befindet, sondern mir einem klaren Glas Mineralwasser vor sich.
Fast kommt sich Louise überflüssig vor, aber zu ihrem Entsetzen sieht neben der nüchtern Heiligen nun einen zarter Jüngling sitzen, auf den Gina unverhalten einredet –hinsichtlich was wohl?
Louise muss sich als Sitte gebärden, was ihr selbst peinlich ist, aber leider doch hat sie nun verschämt ihre widerspenstige Mitbewohnerin aus der Jugendlichen und Heranwachsenden besuchten Bar hinauszukomplimentieren und -abzuführen, wobei sie den stand- und heldenhaft kategorisch das gefährliche Gift der Gefährdeten verweigert Habenden beim Herausgehen dankend zunickt: gut gemacht Jungs, sternhagelvolle, ältere Besucherin darf kein Tropfen Alkohol ausgeschenkt werden, sagt der „Altenschutz“ oder so. Gina ist mittlerweile wirklich bekannt wie ein bunter Hund.

Allerdings beging ihre Retterin in ihrer Über-Fürsorge einen schwerwiegenden, folgendschweren Fehler, indem sie die Sprüche der jungen Mädchen von vorhin der Betroffenen selbst wiedergab: „Suchen Sie die Alte? Die sitzt hinten in der Bar und macht einen jungen Mann an!“ „Was, das haben die wirklich gesagt!?“ „Ja, leider, Gina. Genauso haben sie sich ausgedrückt.“ „Hm!“ Was geht da nur in Ginas Kopf vor? Zwei Tage später weiß Louise Bescheid.

Aber zunächst ergehen wir uns erst einmal in Empörung. Empörung, über das Verhalten Ginas.
Mit ihren fortgeschrittenem Alter, ihrem Ehrgeiz oder ihrer unstillbaren sexuellen Lust, wer weiß es schon genau, unternahm Gisi alles; auch einen jungen Mann abzuschleppen und in die Kiste zu kriegen. Na klar, die annähernd Gleichaltrigen waren verheiratet, diejenigen Versprengten, denen man hie und da über den Weg lief, bockten auch nicht mehr. Frisches Blut und junges Gemüse zog frau vor!
Louise echauffiert sich, im Sinne, dass dies doch gegen den Jugendschutz verstoße.
Und ich denke mir: „Wenn es dabei nur bliebe, ging’s ja.“
Stell Dir vor, da sitzt so ein junger Kerl in dieser Spelunke, nichtsahnend, lebt in einer heiler Welt und intakten Familie mit einem völlig anderen Kulturkreis und plötzlich wird er von einer Älteren mit anzüglichen Komplimenten, Einladungen und Aufforderungen angemacht - so ein junger (armer) Kerl, der ohnehin ein gespanntes Verhältnis zum anderen Geschleckt mitgekriegt und vermittelt kriegt. Für den ist das doch Schock!“
„Wenn nicht ein Trauma...“, füge ich bei und denke für mich, dass früher es umgekehrt war: erwachsene Männer belästigten und wollten doch die die jungen Dinger verführen. Aber dank Zeitenwende verhält es sich heutzutage anders. Ältere Frauen fallen über jüngere Heranwachsende her.
Und ich denke noch: „Zudem, wie steht es mit dem Schutzrecht von Minderheiten in unserer Gesellschaft? Wahrscheinlich gefährdet ihr Verhalten auch die Schutzbedürftigkeit hochartifizieller, vom Aussterben bedrohter Minoritäten unserer Massengesellschaft. Unausdenkbar!.“
„Wie letzthin schon einer. Der war aber schon erwachsen!“
„Verheiratet zudem!“
„Ja, aber stell Dir vor, sie lockt, wie sie es letzthin genau mit diesem Ali von der Dönerbude versucht hat, und der ist immerhin erwachsen, so einen Jugendlichen hierein ins Haus, - wie der Ali dann panikartig wieder abgehauen ist, als er, wie er gerade die Wendeltreppe hochkrabbeln wollte, angelockt von Gises Sirenen-Sing-Sang: „Ali, komm, Ali komm nur“, schlagartig mit einer anderen Frau im Flur konfrontiert worden ist. Der muß aus allen Wolken gefallen sein, gedacht, diese Abschlepp-Frau wohnt nicht alleine in einer Wohnung. Ist wahrscheinlich ein Harem, wo mindestens zwei Frauen in einer Wohnung leben. Hier haust bestimmt ein reicher Mann, wenn er sich zwei von der Sorte leisten kann. Wenn der Meister mich nun entdeckt und erwischt, schneidet er mir Gott weiß was ab!“
Louise lacht: „Wie der vor Angst und Schrecken geflohen ist, so schnell habe ich gar nicht geschaut...“

Spät nachts um 1 Uhr klopfte Gina bei der schlafenden Louise an die Tür.
Verschlafen lugte Louis zwischen einem Türspalt in den Gang, in der glücklich und beseelt eine himmlisch wiegende Gina stand oder vielmehr wankte, die wie eine Gottesbotschaft quasi das scheinbar Unmögliche, wie damals der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria, eine frohe Botschaft verkündete: „Ich bin gerade von einem jungen Türken gevögelt worden: So alt bin ich auch wieder nicht. Mensch, bin ich glücklich.“
Gina ist hartnäckig, Sie hat ihr Ziel erreicht.
Und das mit einer filmreifen Szene!
Ein junger, stämmiger, bärtiger, dichtbehaarter Türke um die Ecke vögelt eine weiße, engelsgleiche, herausgestylte alte Tussi in der Döner-Laden-Rumpel-Kammer, in dem vergammelnde Fleisch-Spieße hängen und Fleischfliegen herumschwirren, ihr breiter Hintern auf riesige, flache, knusprige Pizzakladden geklatscht, umhangen und umgarnt wie Weihnachtslammeta den Tannenbaum von Gemüsebeuteln, diversen Geschnetzelten aller Art, sowie flachen Fladenbroten –als läge ein besonderes Lamm Gottes auf einem okkulten, archaischen Altar –ein samtig-weißes, blond-gefärbtes und engelsgleiches Opfertier, das nach Strich und Faden gevögelt wird: auf Teufel komm heraus!

Am nächsten Tag, ernüchtert oder im nüchternen Zustand, je nach dem, wie man es sehen mag, war der Jubel dem Jammer gewichen: „Ich fühle mich so elend!“ Scham, Liebe oder die Gemengelage obskurem Verschnitts davon hatte sich ihrer bemächtigt, da sie in der kleinen Stadt an jeder Ecke das Bartgesicht des edlen Vöglers, Rammlers und Sex-Derwischen wahrnahm und es half auch nichts, dass sie es vermied, die Hauptverkehrsstraße zu passieren, wo sie an dem heruntergekommenen Dönerladen vorbeidefilieren musste, aus deren Schaufensterauslagen inzwischen bereits eine ganze Meute sexhungriger body-gestylter Ausländer welcher Herkunft auch immer gierten.
Sie hätte es nicht ertragen können –wohlgemerkt, den Geliebten sehen zu müssen.
So fuhr sie statt der breiten, hell erleuchteten Einkaufsstraße durch die verwinkelten, engen, kantig-sperrigen Kleinstadtstraßen –für eine oft angeheiterte Fahrradfahrerin eine nahezu zirkusreife Nummer.
Louise war außer sich: „Ich würde mich schon fragen, wenn ich besoffenen Zustandes nachts in einem Hinterzimmer einer Fleischbude von einem jungen Mann (+ Ehemann) genagelt worden wäre, wo ich jetzt stehe; wer ich bin; ob ich mich nicht unbedingt ändern müsse.“
Sie hielt sich dabei fest oder stützte sich auf mit der Hand auf der Konsole des dunklen Bauernschrankes, während sie förmlich nach Luft schnappte.
„Damit wäre der Tiefpunkt meines Lebens erreicht worden.“
Aber wie immer, da war ich mir gewiß, was auch passierte, zumindest so etwas, es würde sich nichts ändern bei der Betroffenen, weil anzunehmen und davon auszugehen war, dass dazu längst nicht mehr der Wille und die Kraft reichte.
Aber Louise hatte gut reden, denn sie war zurecht stolz darauf, es eineinhalb Monate ohne Alkohol durchgestanden zu haben!

@pentzwerner

Re: Heimsuchung einer Kleinstadt

Verfasst: 19.11.2018, 15:16
von Pentzw
„Get up, stand up! Fight for Your right!”, lullte und putschte Bob Marley and the Wailer die Jamaika-Reisende Gina auf. Gina kriegte die Krise, es war nur ein dumpfes Gefühl, irgend eine Anwandlung, egal welcher Absicht, nur ein dumpfes Drängen verspürte sie, mit ihm zu reden, mit ihm, der sie... na, ist bekannt. Und der Raggae lässt sie erheben, einen kleinen, klitzekleinen, mutmachenden Schluck aus dem vollen Flachmann machen, sich anziehen, die Wendeltreppe hinuntergleiten, das Fahrrad aus dem Gang durch die Haustür ins Freie schieben und aufsetzen.
Der Scheinwerfer des Fahrradlichtes tänzelte an den Hauswänden hin und her, rauf und runter, dass es eine Wucht war. Da und dort hatten die Haustüren überdies Lämpchen über den Rahmen, selbst in den Fenster glitzerten welche, wie süß!
Gina hat ihren Fahrradkorb hinten aufgespannt, der mit einem weinroten Tuch überspannt ist, ein Korb, der in seiner Verzierung dem Rotkäppchen-Weidenkorb ähnelt, in dem sich für Großmutter eine Weinflasche befindet, vulgo hier ein Flachmann aus dem Discounter, aus dem sie sich schließlich noch, auf der Schwelle vorm Eingang zum Paradies, zur Hölle, zum Fleischerladen in Form eines klitzekleinen Schlückchens Mut antrinkt.
Gina, die Sozialpädagogik studiert hat, wenn auch ohne Abschluss, sucht das Gespräch, muss es suchen oder es sucht sie, wie man will, weil bekanntermaßen in diesem Beruf das Schwätzen lernt, über Probleme reden, über vermeintliche Probleme quasseln, über Nichtprobleme. Punktum. (Schreibt der Autor, der dies selbst studiert hat.) Gina, kann eigentlich nichts anderes als reden, reden ohne Konsequenz, ohne einer Handlung und Tag infolge, weswegen sie trinkt. Oder umgekehrt ist es die des Trinkens!?
Sie lässt sich nieder in eines der abgeschabten braunen Leder-Sitzen, nicht unähnlich denen von Hinterbänken in kleinen Busen, hinten, in der äußersten diagonalen Ecke des kleinen Dönerlokals, zu ruhigerer Geschäftszeit und wartet eine günstige Gelegenheit ab, mit ihm darüber zu reden, ins Gespräch zu kommen, das geht doch so nicht, dass man das jetzt auf sich beruhen lässt, nachdem, was da passiert ist, da gibt es doch natürlichen Redebedarf –aber, wie sich bald herausstellt, leider nur von ihrer Seite aus.
.„Ich muss mit Dir reden... Ähm, also, diese Nacht... Ich war total betrunken, aber... Nun, du bist verheiratet, ich weiß das ja...“ Er sieht wohl kaum einen Sinn darin. Was wunder auch, da sie herumstammelt, als wäre sie kaum der deutschen Sprache mächtig
Hätte Gina schon wissen sollen, dass dies eine Rolle spielte.
Nun, zwar, immerhin denkt der türkische Partner doch ein bisschen darüber nach, als er von Gina zum Darüberreden aufgefordert wird: Soll ich diese Frau zu meiner zweiten machen, theoretisch möglich, per Gesetz seiner Religion, der er sich verpflichtet fühlen kann, wenn er will. Er denkt an einen sehr weit Verwandten in einem anderen Land, Syrien oder Irak, der es immerhin zu zwei Frauen und 16 Kindern gebracht hat – der geheime Stolz des ganzen Clans! Oder soll er es schlicht bei seinem guten Ruf unter den Jüngeren der Gemeinde belassen, mit seinem Treffer im fremden Revier gewildert zu haben und mit der Aussicht, dass dies erst der Anfang gewesen ist – ich habe deutsche Frau gefickt, klingt gut.
So etwas orientalisch verträumt in die Zukunft blickend, fährt aber jäh ein schrecklich-schlimmer Blitz zwischen das Glück der beiden, hier Glück ob ihrer Hoffnungsträchtigkeit, er glücklich ob einer goldenen Zukunft, so oder so.
Denn während Gina verschämt lächelt bei ihrem Ansuchen und der glückseligen Erinnerung, über den nächtlichen Holterdipolter- Fuck im Nebenzimmer zu sozialpädagogisieren, zeigt sie dabei ihre Zähne, die im ersten Backenzahn neben den Schneidezähnen eine Lücke aufweist, also schon an sehr exponierter, forterster Front, so dass der Angesprochene etwas zurückschreckt, aber um so entschiedener hinwiderum denkt: nee, nö, nein, nein - das ist vielleicht doch nichts. Wenn seine Freunde, Bekannten und Anverwandten zum Fleischbeschau kämen, würde seine Renomee doch in den Keller rutschen angesichts dieser Braut.
Außerdem versteht er sowieso kaum mehr als Bahnhof. Und so ist ihm dieses Gespräch zu „blöd“, wenn es auch vom Ginas sozialwissenschaftlichen Standpunkt aus auf einem hohen Niveau, von einem anderen in einem höheren Blödsinn geführt wird, umkehrt proportional ist es dem Türken noch „blöder“, wie die Deutschen sagen würden, wenn sie ungehalten werden und über etwas nicht mehr reden wollen: „Das ist mir zu blöd!“. Beim Denken bleibt es glücklicherweise auch, auch wenn es dem Betroffenen schon fast über die Lippen gekommen wäre, denn nun, Gina, du kannst froh darüber sein, öffnet sich zum Leidwesen Ginas die Tür und hereintritt ein Kunde, um sich vor den leeren Tresen des Fast-Food-Ladens aufzubauen.
Gerade noch kann der Verkäufer der Kundin im sonst leeren Laden zuraunen, ungeachtet dessen, ob es sich um den Neuling um einen Deutschen oder Türken oder oder handelt: „Ich nicht verstehen, nem anladim.“
Genia will aber nicht locker lassen, erreicht den Adressaten ihrer wichtigen Botschaft nicht mehr, welcher ihr inzwischen den Rücken zugekehrt und sich dem Fleischkegel zugewendet hat, um in einer Verlegenheitsgeste daran herumzuschnetzeln, das vom heißen Backblech krude gewordene Fleisch abzuschaben –ein Signal, das heißen will: für mich ist die Sache erledigt - aber noch lange nicht für Gina.
Sie hakt nach. Sie spricht laut, sehr laut: „Du, mir ist die Sache zu wichtig, als dass...“
Zwar wendet sich der Türke wieder darob um, aber er versteht von diesem Psycho-Gespräch überhaupt nichts, es kommt ihn wie sinnloses Gelaber vor, so dass er sich in seiner Ohnmacht gegenüber diesem quasi hochgestochenem Deutsch nur noch in ein halbherziges Stammeln verliert und in seinen buschigen Bart hineinraunt: „Ich nicht weiß Deutsch!“, bis endlich der Käufer, bislang noch überlegend und höflicherweise das Gespräch anderer Leute nicht unterbrechen wollend, endlich seine Bestellung aufgibt, um dieses unwürdige, beschämende und ausweglose Schauspiel, diesen einseitigen Dialog, diese Einbahnstraße menschlicher Kommunikation zu blockieren, zu unterbrechen, zu beenden, sprich zu erlösen, das immerhin eine Dauer erreicht hat, dass es der dümmste Gesprächspartner überdrüssig wird und mitunter auch die partiell nüchterne Gina kapiert, dass hier Ende der Durchsage energieschonend und sinnvoll zum Ausdruck gebracht worden ist.
Je länger sie über den Ausgang oder Fortgang oder Irrgang dieser notwendigen Aussprache der einseitigen Art nachdenkt, desto mehr Blut schießt ihr in den Kopf und treibt sie voran. Die Flasche stellt sie in ihrer Verzweiflung einfach auf den Tisch, sieht, was sie getan hat, ergreift sofort dieselbe wieder und steckt sie in den Weidenkorb zurück und nimmt sich ihre Habseligkeiten zur Brust, um aus dem Raum zu stechen.
Außen kippt sie sich nun den Rest des Flachmannes abrupt hinter die Binsen, aber bis zum letzten Tropfen. Die leere Flasche wirft sie mit einer Geste der Verächtlichkeit in den Rinnstein vor dem Lokal.
Dann besteigt sie ihr Fahrrad in abenteuerlich artistischer Weise, muss aber sofort wieder absteigen, da sie zu sehr schwankt darauf und Angst kriegt, auf die Nase zu fallen. So schiebt sie es kurzerhand. Aber weit kommt sie nicht.
Denn sie bekommt Durst, sehr großen Durst. Zurückzugehen und sich vor diesem Schnösel schwankend aufzubauen und um Bier zu bitteln, gönnt sie dem nicht. also, dort der Italiener. Dieser wittert seine Chance. „Bonjourno, junge Frau. Wein wollen Sie? Wir aber nur guten haben.“ Gina fühlt sich natürlich provoziert. „Natürlich will ich nur einen guten, was glauben Sie denn?“ „Va Bene, dann hol ich mal einen, Senorita!“ „Machen Sie das!“, antwortet Gisa großspurig, nun angestachelt und aus ihrem Nest herausgelockt. „Ist der der Senorita genehm?“ Er umfasst liebevoll mit seinen Händen einen billigen Hauswein, aber mit einem wahrhaften gespickten Preis. „Ich nehme ihn!“, sagt Gina, indem sie damit in die Falle geht, da sie vorher nach dem Preis hätte fragen sollen. Nun aber ist es natürlich zu spät! „Soll ich ihn der Senorita einpacken!“ „Nicht nötig!“, während sie ihre Geldbörse schon öffnet. „20 Euro!“ Sie schluckt, kann jetzt aber nicht mehr zurück. Noch wütender, ohne sich etwas anmerken zu lassen, blättert sie ihren letzten blauen Schein hin, nimmt schnell den Wein wie ein kleines Baby zwischen Arme und Bauch, als wollte sie es schnell in Sicherheit bringen, wobei es eigentlich sie ist, die sich verstecken will.
Sie fühlt sich natürlich zurecht gefleddert, ausgebeutet und verarscht! Aber was soll’s! Jetzt kam es auch darauf nicht mehr an. Hastig setzt sie ihren Weg fort, den Wein feinsäuberlich zwischen den Lebensmitteln im Weidenkorb gesteckt, damit er auch wirklich keinen Schaden erleidet, was nunmehr einfach zu bitterlich und schade gewesen wäre.
Na, mal los! Ab in die warme Stube und dann sich die Kante geben. Uff! Sie ist nunmehr, zu allem Übel, einerseits unerwiderte Liebe, andererseits geprellte blöde Tussi, den Tränen nahe, sehr nahe. Los!
Es ist Anfang Herbst und nach 20 Uhr bereits düster. Der Wind, obwohl nur leicht, fühlt sich schon schnöde auf der Gesichtshaut Gises an, die kurz vorm Tränenausbruch steht. Das wäre ein guter Grund! Auf dem Trottoir liegt klebriges, nasses Laub, über das man leicht ausrutschen könnte –ein weiterer Grund, um zu weinen und zu lamentieren. Sie sieht kaum 10 Meter weit und die gelben Lampen sind von Nebelwolken umhüllt und bilden ein schummrig-spühliges Abwaschlicht von weitem. Die Feuchtigkeit in der Luft lässt das Atmen schwer fallen und die Kälte frisst sich schon immer mehr durch die Kleider. „Es wird Zeit, in den rettenden Hafen einzulaufen!“, sagt sie sich in ihrem leicht schnatternden Ententon, aber schon wieder leicht vergnügt. Der Alkohol wirkt eben, wenn es den nicht gäbe, na denn Prost Mahlzeit!
Im Rinnstein staut sich neben dem Laub das Wasser, aber nicht ausrutschen, um da hineinzutatschen. Schon sieht sie von weitem die Ecke zu ihrer Seitenstraße, die von einem großen, einen Meter hohen Stein markiert wird. Wozu man den ehemals aufgestellt hat?
Bei Anblick dieses Steines an der Ecke, wie könnte es anders sein, kommen ihr Bilder von Hunden hoch, aber solche, die sie in Jamaika gesehen hat, wo man sie auf der Straße öfter herumstreunen sieht. Hunde würden, wenn sie an diesen Druidenstein vorbeikämen, zwanghaft darauf pissen müssen, das steht fest.
Sie liebte Katzen, sie hasste Hunde.
Zum Glück würde ihr das nicht passieren, in diesem Land hier einem solchen Köter jetzt zu später düsterer Stunde über den Weg zu laufen, es gibt sie kaum, herrenlose Köter. Hunde in Jamaika, friedfertig, hier zulande weniger. „Kein Wunder!“, sagt sich Gisa. Bei diesem Wetter würde jede Kreatur widerborstig und übellaunig, musste so sein und seufzte: „Ach!“, wenn ich doch nur in den Tropen sein könnte, in Jamaika!“
Schneller schob sie das Rad.
Eine Hitze durchfuhr ihre Adern, Kontrastprogramm zur kühlen Außenwelt –sie fühlte sich so warm eingelullt jetzt wie eine amphibische Schnecke im labyrinthischen Schneckenhaus –was gab es Besseres als solche Momente? Oh, jetzt ließ der Alkohol ihre Fingerspitzen kribbeln –volá.
Nur noch die Ecke, dort, wo dieser lustige große, abgerundete Stein steht, dann ins warme Nest. Doch plötzlich ist sie zu nahe dem Zauberstein gekommen, oder war der daherum eine Rosette bildende Urin bereits gefroren oder einfach bloß klitschig, Gina rutschte aus, es hob sie von den Beinen, so dass sie, das Fahrrad segelte auf die Fahrbahn, hinflog auf ihren Hintern, laut schrie und so sitzend am Ende ihr die Tränen kamen und sie –von weitem –sich wie ein herrenloser Hund vor sich hinschüttelte, hin- und herschaukelnd wie ein vernachlässigtes Kind, dann versuchend, auf die Beine zu kommen, wobei sie ein paar Mal ausrutschte, gleichviel ob vom Urin oder Alkohol, sie landete immer wieder auf ihren Hintern. Niemand achtete auf sie, so weit man sehen konnte, weil bedauerlicherweise niemand auf der Straße war und so beobachtete sie niemand, niemand, diese quasi herrenlose Hündin, wie sie auf allen Vieren krabbelte und versuchte in die aufrechte Haltung, auf zwei stehenden Füßen zu kommen, wie es menschlich ist.

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