Der ultimative Heimatkrimi - Roman von Verbrechern wider Willen

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Pentzw
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Der ultimative Heimatkrimi - Roman von Verbrechern wider Willen

Beitragvon Pentzw » 11.05.2021, 18:33

1. Wenn man sich allzu sicher fühlt...

Weiße Blitze wie Supernova funkelten durch's rot-schwarze Nichts, was er seinem fulminanten Höhepunkt zuschob. Hingebungsvoll ruhte sein Kopf mit geschlossenen Augen auf der Sitzstütze. Auch verschwendete er weiter keinen Funken Gedanken daran, daß er zwischen seinem absoluten Kick das Geräusch des langsamen Öffnen des Capriolet-Verdeck hörte. Die Beifahrerin mußte versehentlich an den Schalter gekommen sein.
Egal, sollte es aufgehen, man konnte mit Gaffern kaum rechnen am Abend. Das war der eine Grund, nicht zu handeln, der andere, es musste ohnehin abgewartet werden, bis das Verdeck richtig offen stand, bevor es wieder zugefahren werden konnte. So rührte er sich nicht, unterbrach nicht die weitere Bearbeitung seines Schniegel, was ihm sowieso sauschwer und schier unmöglich gewesen wäre im verzückten Zuckungen des Höhepunkts.
Weiterzu blitzte es, obwohl er langsam runterkam. Als er die Augen öffnete, schaute er in eine rotblinkende Kamera, welche ein Mann in der Hand hielt, wohingegen ein anderer etwas verdeckt weiter hinten stand.
Nachdem sich die beiden zu Hause zugedröhnt hatten, waren sie hierher des Wegs entlanggeschlendert. Sowie sie an den abseits stehenden Wagen vorbeikamen, etwas darin sich bewegen sahen, war es ganz geil, hier mal ein bisschen voyeuristische Zaungäste zu spielen.
Einer hatte seinen Camcorder gezückt und in das Auto hineingefilmt und gezoomt. Das Verdeck fuhr plötzlich auf – um so besser. "Vielleicht können wir den Film als Porno ins Internet stellen! Kohle haben wir bitternötig!"
Menschlein, wie Gott sie schuf, im Adamskostüm, wie sie so blank, unverhüllt und offen nackt waren, trieben es, als befänden sie sich allein im Paradies.
"Nicht schlecht! Nicht aufhören. Kamera läuft!"
Der Mann stößt die Frau abrupt weg und hebt daraufhin schnell den Schoß, um seinen Reißverschluss zuzubekommen. Die Frau reibt sich mit einem Taschentuch hastig den schleimigen Mund ab.
Der Kameramann lacht dreckig. Er ist blond, hat dünne strähnige Haare, die ihm ungekämmt in Stirn und Gesicht hängen. Der andere ist ein stark bärtiger, schwarzer Typ, dessen borstiger Dreitagebart fast sein ganzes Gesicht verdeckt. Er wirkt weniger amüsiert wie Blondy. Blacky steht mit seinem lauernden, schmalschlitzigen Blick einen Meter hinter diesem, im Grenzbereich zwischen Beleuchtung von Camcorder und Düsternis des Wald.
In Blondys Mundwinkel steckt eine brennende Zigarette.
Vielleicht Drogenabhängige?
Anbei in diesem Bezirkskrankenhaus gab es eine Abteilung für Drogenentzug und Rehabilitation. Hatten die Ausgang? Wenn nicht und sie waren stiften gegangen, konnte es noch sehr unangenehm werden. Die fühlen sich jetzt womöglich in einer Sackgasse. Von einer Behörde, Drogenberatungsstelle, zum Entzug hierher eingewiesen worden, brachen sie diesen ab und weil sie Repressalien erwarten mussten, griffen sie zu ungesetzlichen Mitteln.
Und hier entdeckten sie ein gefundenes Fressen.
Unwillkürlich dachte der Arzt an seine 1000 Euro, die er im Geldbeutel in seiner vorderen Jeanstasche hatte und griff reflexartig danach. Das hätte er nicht tun sollen! Das war unvorsichtig, gedankenlos, leichtsinnig. Geister rief er herbei, die er nicht mehr losbekam.
Blondy und Blacky, wie ein Hund, der sofort reagiert, wenn sein Gegenüber Angst hat, merkten die Unsicherheitsgeste, der eine schnüffelte mit seiner Koksnase, dem anderen zuckten nervös die Lider. Illegale merken Unsicherheiten eines Gegenübers sofort, stecken sie oft genug in Situationen, wo es um die Wurst geht. Jede falsche Bewegung ist ein Todesurteil.
Blacky umkreiste mit einem hin und her pendelndem Messerchen mit Anhänger wie ein Tiger um seine erlegte Beute den Wagen mit offenen Verdeck
"Ei, was haben wir denn da?"
Bezog sich diese Aussage auf dessen martialisches Etwas in der Hand oder noch auf die beiden beim Fellatio ertappten Unschuldslämmer im Mercedes Benz Capriolet, die wie die begossenen Pudel und die geschorenen Lämmer darin saßen und nun nicht wußten, wohin mit ihren Händen und sich selbst?
Sowie Blacky an die andere Seite kam, der Fahrerseite, blieb er stehen. Sein Blick fiel auf die Hosentasche des Mannes.
Diesem fiel die Klappe herunter vor Angst und steif und star wartete er auf die Dinge, die da kommen mochten. Bei diesen Typen mußte mit allem gerechnet werden.
Jetzt rächte sich, daß er das Schwarzgeld vom Restaurant-Hausmieter eingesteckt hatte.


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Pentzw
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2. Auch die Armen wollen ihren Anteil...

Beitragvon Pentzw » 14.05.2021, 12:23

„Mensch, der Medizinmann verbirgt doch was!“
In dem Mercedes-Benz-Cabrio hing ein Emblem mit dem Äskulap-Zeichen.
Und schon griff er dem Arzt an die Hose. Dabei umpackte er die Börse.
„Männchen, rück mal mit die Piepen raus! Aber dalli!“
Er ließ los und machte eine flache Hand. Der Arzt reichte ihm seinen Geldbeutel.
„Schau'n ma mal, was Ärzte so verdienen!“
Und zu seinem Erstaunen fischte er einen olivroten Euroschein mit spitzen Fingern heraus,.
Blondy warf die Zigarette weg, kam um die Karosserie gerannt, ergriff sich den Schein und schrie auf: „Was ist denn das für ein Scheinchen, he? Wau.“
Er langte sich mit einer Hand vor Ungläubigkeit an den Kopf, hob die Blüte in die Höhe und rief laut aus: „Schau Dir das mal an!“
1000 Euro.
Dieser rang sich kaum ein Lächeln ab, da er längst von etwas anderem angezogen war: Sein Blick fiel auf diese milchig-gelbe Hautfarbe im Beifahrersitz des Cabriolet, die eine Schulterpartie freigab, um die über die Achseln BH-Träger verliefen.
Gleichfalls in Unruhe versetzt war Blondy immer noch über seinen Fund.
„Weißt Du, wie lange ich hierfür Flaschen sammeln muß?“
Und ein drohender Blick fiel auf dem unter ihm sitzenden Arzt. Kurze Stille – zum Nachdenken – zum Nachrechnen. „Jahre, Jahre, kann ich Dir sagen, Jahre!“
Er drehte sich jetzt mit dem 1000 Euroschein um sich selbst, bis er abrupt innehielt und wieder drohend und bohrend auf den Arzt niederblickte und verkündete: „Das kommt mir jetzt gerade Recht. Nachdem ich ins Krankenhaus eingeliefert worden bin und pro Tag 10 Euro zu zahlen habe. Mann, ja, das habe ich! Trotz propagierten Sozialstaat. He, wo bleibt er, wenn man krank ist? Dann zeigt er seine Fratze, he: bezahlen mußt Du fürs Kranksein, he! In ihrem verfickten Krankenhaus pro Tag 10 Euro! He!“
Der Chefarzt fühlte sich beschämt. Aber peinlich war ihm nicht dieser Umstand, daß es wahr war, sondern wegen des geringen Geldbetrages. Was sind schließlich schon 10 Euro, was sind 100 Euro? Bei 10 Tagen Aufenthalt. Und überhaupt!
Verlegen schaute er seine Partnerin an.
So viel Armut war ihm hochnotpeinlich. Diese seine Mitgefangene, die Krankenschwester, blickte nur starr drein: offenen Auges stand ihr das Entsetzen im Gesicht und in den Augen die vage Angst um ihr Leben.
Klar, bei der fand man außer guten, sterilen Sex keine anderen Gefühle.
Er fühlte sich als einziger angeklagt und am Pranger stehen. Zur Angst paarte sich ihm zudem Peinlichkeit und Hilflosigkeit.
„Na, los Daktari, sprich. Wie stehst Du dazu?“
„Tja, ich weiß auch nicht!“
Er fand keine Worte. Geldnot kannte er nur vom Wort her.
„Hört Euch den Daktari da an. Sahnt ab von den Kranken Gelder, was das Zeug hält, und wenn man ihn darauf anspricht, meint er:“ Blondy äfft den Arzt nach: „Ich weiß auch nicht!“
Blondy wurde jetzt richtig wild und schoß unerwartet schnell mit seinem Kopf über den Volant ins Coupé hinein, mit seiner Nase und seiner bedrohlichen Stirn kurz vor des Doktors Kopf verharrend. „He, Doktor, warum?“
„Ich, ich bin auch nur ein kleines Rädchen im Getriebe.“
Dem Arzt standen dabei die Schweißperlen an der Stirn.
„Pah, das sagen sie alle!“
Blondy zog sich wieder zurück in aufrechte Körperhaltung und sagte zu Blacky: "Ganz schön platt der Arzt hier!"
Er steckte sich wieder eine Zigarette an.
„Und letzthin. Einweisung ins Klinikum. Krankenkasse hat mir die Fahrkosten zugesagt. Ich also ein Taxi genommen, dem Taxifahrer die Erlaubnisschein von der Krankenkasse gegeben und ab in die Klinik. Nun kommt heute ein Schreiben vom Taxiunternehmer, daß ich die volle Kosten der Fahrt von 140 Euro zu zahlen habe. Die Krankenkasse weigert sich, weil sie keine Verordnung zur Fahrt herausgegeben haben will. Da hast Du den Salat!“
Blacky nickt weise, wissend und betroffen mit den Kopf. „Mann, da bist Du nicht allein!“
Der Arzt weiß auch nichts dazu zu sagen, denkt, daß der Patient gutgetan hätte, eine Kopie von der Verordnung anzufertigen, aber solche Leute haben a) keinen Kopierer und b) stehen sie derartig unter Druck und leiden meist derartig, daß ihnen die Kopiererei unerträgliche Umstände bereitet, so daß sie's sein lassen. Wenngleich sie ohnehin meist so vertrauensselig sind, daß sie nicht daran denken, sich durch eine Kopie abzusichern. Sie rechnen nicht mit der Kleinlichkeit, den Neid und der Engstirnigkeit der Bürokraten. Viele von denen zieren sich, als ginge es bei den Zuwendungen, Unterstützungen und "Leistungen" um ihr eigen Hab und Gut.
Er schüttelt ratlos-verhalten den Kopf. Beißt sich auf die Lippen. Wagt keine Antwort zu geben.
„Und woher hast Du eigentlich die 1000 Euro, Mann!“
Der Arzt weiß, reden hat keinen Sinn.
Blondie merkt das und schleudert ihm die Antwort ins Gesicht: „Bakschisch, Mann, gib's schon zu! Du hast eine Sonderbehandlung eingelegt, beim einem Geldsack, he! Der hat Dir dann für die Extrabehandlung diese Schmiere zugesteckt, ist's nicht so?“
Der Arzt rührt keine Wimper, keine Lippe und kein Glied.
„Mir brauchst Du nichts vorzumachen, mir ist klar, was mittlerweile falsch läuft im Staate Dänemark!“
Blacky: „Dänemark?“
„Das sagt man halt so!“
„Hä?“
„Statt Deutschland sagt man Dänemark. Irgendetwas ist faul im Staate Dänemark, so sagt man!“
„Wieso sagt man das, wenn wir hier im korrupten Deutschland leben, he! Willst Du mich verarschen!“ Er macht die Bewegung des Zu-allem-Bereit-Sein, nämlich selbst zu einer Handgreiflichkeit.
„Ist ja egal!“
„Mir aber nicht! Ich laß mich nicht verarschen. Also, warum?“
„Mann, weiß ich auch nicht. Hab's halt irgendwo gehört.“
„Achso, und Du weißt nichts besseres, als solch einen Blödsinn nachzuplappern!“
„Du hasts erfaßt!“
„Für so dumm hätt ich Dich aber nicht gehalten!“
„Ja, ich mich auch nicht!“
„Hä!“
„Ist gut, Mann. Von mir aus: es ist etwas faul im Staate Deutschland! Gut so?“
„Ja, das brauchst aber nicht extra zu betonen. Das weiß ja wohl mittlerweile ein jeder, Mann!“
„Da hast Du verdammt recht, Mann!“
„Na also, sag ich doch!“ Und Blacky begibt sich wieder in Entspannungs-Modus und macht einen tiefen Schluck aus der Dose.
Blondy wendet sich indes wieder dem Arzt zu, versucht in dessen Gesicht zu lesen, merkt, daß die Mauer wacklig und brüchig geworden ist, gegen die er geprescht ist. Er ist etwas befriedigt, aber nicht genug. Er zutzelt an seinem Glimmstengel wie an einer Lusche, dann schnellt er mit seinem Kopf wieder vor nah bis zum Arztkopf.
„Seitdem wir mit 16 in der Scheißmaloche stecken, hat man uns gesagt: Sozialbeiträge fürs Alter entrichten. Hä! Wofür? Für den Sozialstaat. Wozu? Damit jeder, wenn er in Schwierigkeiten kommt, abgesichert ist. Ans Alter wollen wir gar nicht denken. Werden es sowieso nicht! Steckst Du aber in der Scheiße, dann hilft Dir keine Sau. Bezahlen heißt es jetzt wieder. Bezahlen, daß man krank sein darf, daß man ärztliche Versorgung erhält, daß man in einem Krankenhaus behandelt und operiert werden darf. Aber wehe, Dir fehlen die Penunzen und Du bist krank, dann überlegst Du Dir es zweimal: lass ich mich nun ins Krankenhaus einweisen oder besser kann ich's mir überhaupt leisten? So sieht's aus!“
Wieder nuckelt er an seiner Zigarette, fischt sich gleichzeitig aus seiner Tasche eine Schachtel mit Pillen und wirft sie sich ein.

Pentzw
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3. Nichts ist zu hoch, wenn man unten liegt...

Beitragvon Pentzw » 16.05.2021, 12:40

Blacky flüsterte Blondie etwas ins Ohr.
„Bei dem ist mehr zu holen! Denk nur mal an die Fotos, die wir haben. Kapiert!“
Grinsend nickte Blondy bedächtig. Aber klar, diese Fotos sind Gold wert. Und klar, es ist kaum anzunehmen, daß diese geile Schwanzlutscherin seine Ehefrau ist. Wo gibt's das, daß Ehepaare in ihren piekfeinen Autos Sex miteinander haben? Dazu haben sie ihre großflächigen Schlafzimmerbetten.
Beide handeln jetzt schnell.
Blondy fordert den Arzt auf, herauszutreten und als geschehen, dreht er ihn um und biegt ihm die Hände nach hinten, wobei der Arzt vor Schmerz aufschreit. Blacky nimmt sich die Frau vor. Bevor sie gehen, fragt Blacky noch, wo man drücken muss, damit das Verdeck zugeht. Zudem wird der Wagen verschlossen. Die Schlüssel behalten die neuen Besitzer.
Daraufhin marschieren sie zu viert los. Es geht quer durch den Wald, einen Weg entlang, der nach unten führt, kurz vor einen kleinen Tunnel, der unter den Bahngleisen hindurchführt.
„Jetzt müssen wir uns die Hände geben, sonst könnte einer verlorengehen! Haha!“
Blondys ekliger Lacher.
„Und nun wie die Gänse hintereinander! - Schön! - Gänsemarsch, los!“
„Macht Euch jetzt ein bißchen kleiner!“, ist die nächste Verkündigung, kurz bevor sie das schwarze Loch verschluckt.
Handereichen, Gänsemarsch und Kleinermachen ist hilfreich, denn im Tunnel ist es eng, niedrig und stockdunkel.
„Passt auf, daß ihr nicht auf der Kacke ausrutscht!“
Das kommt zu spät, zudem, ist das ernst gemeint?
Sie befinden sich schon mittendrin im bestalischen Urin- und Fäkaliengestank, der beißend in der Nase greift. Noch gefährlicher aber sind die schwarzen, kohle- und granitartigen, feuchten Gesteinsbrocken, die außen die Bahndämme und hierinnen den Boden des kleinen Tunnels belegen und da zudem die Wände vor Feuchtigkeit zu tropfen scheinen, kann man leicht ausrutschen und sich ernsthaft verletzen.
Die starke Dämmerung schützt die Entführer danach vor unliebsamen Fragen von Fußgängern, sollten sie welchen begegnen. Aber es ist Freitagabend, die Leute sitzen jetzt am Abendtisch, vor den Abendnachrichten und versuchen sich von der Arbeitswoche zu entspannen. Folglich treffen sie auf niemanden. Aber das alte Familienhaus aus den 40ern liegt fast direkt an den Bahnschienen und außerdem keine 50 Meter entfernt vom kleinem Tunnel.
Es ist umgeben von einem Garten, der mit ungepflegten Hecken von der Außenwelt abgeschottet ist. In den Eingang des kleinen Familienhauses verschwinden die vier. Man sieht in dem Garten eine alte Hundehütte, einen alten Geräteschuppen, ein verfallenes Treibhäuschen aus Plastik und verwahrloste, ungepflegte Beete. Allerlei nicht entsorgtes Gerümpel, ausrangierte Möbel und undefinierbare Gegenstände stehen oder liegen verstreut herum.
Eine bleierne Stagnation hat dieses verwahrloste, ungepflegte Haus im festen Griff.
Man geht nicht fehl, vom Außen aufs Innere zu schließen. Es war nicht besonders gemütlich, nachgerade durch das Durcheinander von verschiedensten nicht zusammenpassenden Möbelstücken unwirtlich und unheimlich. Wenn nur nicht das verkrustete ungewaschene Geschirr gewesen wäre; und die nicht entsorgten Pizzaschachteln; und die bis über den Rand herausquellenden Entsorgungstonnen für Papier, Bioabfall und Sondermüll, dann wäre es ja noch gegangen, so aber...

Pentzw
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4. Wer keine Wahl hat, hat die Qual...

Beitragvon Pentzw » 19.05.2021, 12:53

Blondy ging nach Betreten der Wohnung stracks in die Küche zum Kühlschrank, fischte sich ein Sechser-Pack Bier heraus, rieß die Plastikhülle ab, entlaschte eine Dose, spülte den Inhalt in einem Zug hinunter und griff sich die nächste. Die Dritte folgte sogleich und dann trat er mit dem Rest Bierdosen an den großen Tisch inmitten des Raums, um sie dort abzustellen. Daraufhin ließ er sich in einen Sessel plumsen, die Füße auf den Tisch gelegt.
Sein Partner hatte unterdessen die Geiseln einfach in die enge Rumpelkammer, die in diesem Küchen- und Wohnraum eingelassen worden war, geschoben, verstaut und eingesperrt, vorerst - das konnte nur ein Provisorium darstellen.
Nun überlegten beide beim Blechdosenbiertrinken das weitere Vorgehen.
Nur wurden sie dabei von den Gefangenen gestört, die mit ihrem neuen Asyl nicht zufrieden waren, so daß sie immer wieder an die Tür der Rumpelkammer stießen und maulten, daß es hier so düster und eng wäre.
„Der Arzt wünscht ein Fünf-Sterne-Hotel!“, sagte Blondy sarkastisch.
„Ja, das kann er haben!“, und Blacky stand auf, ging zur Rumpelkammer und schlug mit den Füßen gegen das Holzgitter, womit diese markiert und begrenzt war.
„Haltet Eure Fresse, ihr Blödmänner und, äh, -frauen. Sonst könnt ihr etwas erleben!“
Sofort war Ruhe.
Blacky zeigte kein bißchen Mitgefühl: „Die werden sich schon nicht auf die Füße treten!“
„Na, wie sehr die auf vertrauten Fuß miteinander verkehren, ist das kein Unglück!“
„Ohoho!“, stießen sie darüber mit den Blechdosen an.
„Auf die fette Beute!“
„Und die kommende Ausbeute!“
Danach verfielen sie ins Nachdenken.
Blondy kriegt jetzt Katzenjammer: "Scheiße, dass der Arzt soviel Pinke-Pinke in der Hosentasche mit sich herrumschleppen muß. Da wird man ja zum Diebstahl gezwungen!"
Blacky gefällt das gar nicht.
"Wie meinst das?"
"Naja, ich weiß auch nicht."
"Willst nen Rückzieher machen, Blödmann! Denk mal an den Batzen Geld. Wie sich das anfühlt, wenn du es in Händen hälst!"
"Ja Mann, das ist es eben!"
"Hä!"
Aber mit Blacky ließ sich schlecht philosophieren, wenn man so sagen darf. Die einzige Erkenntnis, der sie schließlich habhaft wurden, war: die Würfel waren gefallen.
Dann begannen sie die verschiedenen, vielfältigen Umstände, die mit so eiñner Entführung und der zwangsläufigen Erpressung zu bedenken waren, zu bedenken.
Allmählich wurde ihnen klar, daß sie viel zu wenig forderten: „He, 1000, was ist das schon? Für die Futzis da. Wir sollten 500 000 verlangen!“
„Oha, das sollten wir!“
Die Frau des Arztes solle es beischaffen. Selbst wenn sie zögere, bei der Höhe der Knete von auszugehen, dann würde ihr der Arzt schon Beine machen. Ein bißchen Druck würde dem schon Vorschub leisten. „Schließlich, der hat bestimmt das Zepter in der Hand!“
„Du sagt es!“
Anderes konnte sie sich nicht vorstellen. Eine Ehefrau, die das Sagen in der Ehe hatte – bei einer Arztehe – eh, da war doch wohl ganz klar der Arzt der King.
Und so würde er schon tun, wie geheißen? Was blieb ihm schließlich übrig? Daß seine Gemahlin von der Nebenbuhlerin erfuhr?
Sie lachten bei dieser Vorstellung heftig: „Auwei!“ Nicht einmal Gewalt würden sie anwenden müssen. Man bedenke die Sprengkraft dieser Pics, dieser Bilder mit Sexszenen – eh, zu kompromittierend! Welcher Involvierte würde zu einer Veröffentlichung dazu gleichgültig stehen?
Bedenke man der Konsequenzen!
Die Öffentlichkeit!
So ein Arzt steht im Zentrum der Öffentlichkeit. Was gebe es da für ein Gerede und Getratsche. Nein!
Und seine Ehefrau erst! Scheidung wird sie wollen, ganz klar! Oder auf jeden Fall wird das weitere Eheleben eine Hölle werden. Nee, nee, eine derartig gestörte Beziehung einer Ehe zu führen, wird auf Dauer zu schmerzhaft und stressig werden für ihn. Der wird parieren und alle Hebel in Bewegung setzen, um dieser Hölle zu entgehen: „Worauf Du Gift nehmen kannst!“
„Prost!“
Sie stoßen auch deshalb immer wieder an, um Zeit zu gewinnen, um weiterdenken zu können. Ganuz so sicher sind sie sich doch nicht. Und das Denken fällt ihnen schwer. Wundert es in ihrer Lage? Mit Erpressung mußte man auch erst einmal vertraut machen. Die Fähigkeiten dazu würde einem auch nicht in die Wiege gelegt.
Man plant, das Lösegeld in den leerstehenden Mercedes Benz Capriolet deponieren zu lassen. Die Frau muss die halbe Mille Euro von der Bank abheben, das Geld zum Auto transportieren und in diesem ablegen, woraufhin sie verschwinden muss. Danach werden sie sich das Geld holen. Daraufhin werden Krankenschwester und Arzt freigelassen. Wenn der Arzt zur Polizei gehen wird, werden die Bilder überall, wo es sinnvoll und weniger sinnvoll erscheint, veröffentlicht. Der Arzt hat keine Chance, die Bilder zu löschen, unwiederbringlich zu löschen. Diese sind millionenfach kopierfähig. Keine Chance für diesen. Hält er ruhig, dann ist es nicht notwendig, die Pics zu verbreiten. Damit wären sie vor einer Polizistenverfolgung sicher.
Der Arzt wird das Geld locker aufbringen können, mit Sicherheit. Auch die Beschaffung der hohen Summe stieß auf kein Bedenken, solch ein Arzt hat Kohle ohne Ende, und die Familie und Verwandtschaft wird schon ein bißchen nachhelfen, sollte es nicht reichen.
Das waren die Konditionen, Bedingung, Umstände.
Nun kam der Zeitpunkt, daß er dazu angehalten werden mußte, seiner besseren Ehehälfte den Auftrag zu erteilen, das Geld zu besorgen.
„Angehalten“ ist ein bißchen zu sanfter Ausdruck. Deckt sich dieser nämlich damit, daß er jetzt rüde aus der Rumpelkammer gezogen wird, so, daß gleichzeitig ein Besen und der einfach kunterbunt zusammengewürfelte Inhalt samt eines Staubsauger mit herausfällt? Dahinterher kommt die Krankenschwester herausgerutscht, die über diese Dinge rutscht und vor ihnen auf dem Boden landet.
„Wer hat gesagt, daß Du aus rauskommen sollst?“
Blondy ist über das Verhalten der Krankenschwester verärgert, zieht sie in seiner Wut nach oben und schleudert sie in eine Ecke.
„Bleib dort und halt still, Schlampe.“
Dann nehmen sie den Arzt ins Kreuzverhör.
Der Dunkle schildert die Bedingungen der Erpressung.
Der Adressat hört sich die Konditionen stumm an und als ihm schließlich sein Telefon in die Hand gedrückt worden ist, tippt er gleich drauf los, eine Geste, ein Verhalten, so ohne Widerspruch,- vielleicht, eh, daß ist aber zu viel Geld, was sie verlangen - stößt doch auf Mißtrauen.
Blacky entreißt ihm wieder das Gerät.
„Weißt Du!“, sagt er zum Blonden. „Ich glaube, für den sind 500 000 ein Pappenstil."
Der Blonde zieht die Augenbrauen hoch.
„Laß uns einfach Verdoppeln. Wir können, wenn's wirklich zu viel ist, immer noch heruntergehen. Immer mehr verlangen zunächst!“
Der Blonde verzieht den Mund um einen breiteren Grad.
„Wie verdammt recht Du doch hast! Erst Maximalforderung, dann wird man sehen.“
Der Arzt zeigt im Ansatz Gesten des Protestest, verstummt aber sofort wieder, als er die unmißverständliche Faust des Blonden zu sehen bekommt. Blondy gefällt das. Er lächelt unversehens über die unverhoffte Macht seiner Gestik.
Die Krankenschwester in der Ecke hat alles mitbekommen, verzieht ein verächtliches Gesicht und begeht den Leichtsinn, daß sie wegwerfend dazu schnaubt. Hat sie den Eindruck gehabt, man würde sie hier behandeln, als existiere sie nicht, zumindest spielte keine keine Rolle, was zwar insofern stimmte, als sie nicht das begehrenswerte Objekt der Erpressung war, so wurde sie aber nichtsdestotrotz sehr aufmerksam von jemanden beobachtet.
Blacky geht zu ihr hin und scheuert ihr eine wortlos.
Blondy guckt erstaunt auf, will etwas sagen, kann sich aber seine Worte sparen, weil er kapiert und tut dies auch.
Dem Arzt wird mit der neuen Forderung wieder das Gerät gereicht. Er tippt einige Zeit herum.
„Hast Du endlich gemailt!“
„Ja, ja!“
„Worauf wartest Du dann noch. Gib das Gerät her!“
„Aber wir müssen noch auf die Antwort meiner Ehefrau warten!“
„Hm. Du hast Recht.“
„Hast Du geschrieben, sie soll keine dummen Fragen stellen!“
„Ja, hab ich.“
„Na, dann dürfte es ja keinen Ärger geben. Du hast doch die Hosen an in der Ehe oder?“
Der Arzt war begriffsstutzig: „Wie bitte!“
„Ich habe gefragt, wer bei Euch in der Familie die Hosen anhat: Du oder Deine Frau!“
„Äh, das kann man so nicht beantworten...“ Aber er kapierte, mit wem er es hier zu tun hatte. Beschränkte, einfach dumme Leute. Also stimmte er zu.
„Ja, ich natürlich!“
Der Blonde lachte. „Na, also!“
Und schon kam ein Piepton.
Der Arzt, noch ein bißchen verdutzt über diesen Dialog, reagierte nicht sogleich, so daß ihn Blondie darauf hin stieß. „Schau schon nach, was Deine Alte geschrieben hat!“
„Ja, natürlich“, und er las die Nachricht vor. Wie erwartet konnte das Geld erst am Montag beschafft werden. Ausdrücklich versicherte sie, nicht die Polizei einzuschalten und die ganze Sache nicht an die große Glocke zu hängen.
„Na also, wer sagt's denn! Sehr vernünftig, die Alte!“, und wandte sich dem Dunklen zu, lachend. Dieser schaute ernst, als ob ihn die ganze Sache missfiel. Der Arzt dachte: aber was wollte der Dunkle dann? Ihm wurde es unheimlich ob dieses ungeheuer undurchsichtigen Unbekannten, dieser düsteren Aura des Dunklen. Vielleicht kam er doch nicht so glimpflich davon? Angstpanik empfand er plötzlich.
Blackys Aufmerksamkeit ist jedoch voll auf die Krankenschwester gerichtet.

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5. Das Spiel noch einmal, nur schärfer...

Beitragvon Pentzw » 21.05.2021, 15:52

Unterdessen langweilten sich die beiden Geiselnehmer immer unerträglicher.
Zwar war nur ein Tag vergangen, aber die nervliche Anspannung über die Ungewissheit des Ausgangs der Entführung und dann die Frage, was tun mit den Geiseln, wenn man das Geld hat, zehrte an ihren Nerven. Die freigelassenen Gefangenen, die da wußten, wo die Geiselnehmer wohnten, wie sie aussahen, wie sie sprachen, würden die Polizei stracks zu ihrer Wohnung führen und - ein gefundenes Fressen stellten sie dar - sie locker und leicht überführen.
Warum sie daran nicht früher gedacht hatten? Sie hatten voreilig und unüberlegt gehandelt. So hätte man den Geiseln besser ein Tuch vor die Augen binden sollen. Womöglich noch etwas in ihre Ohre stopfen. Aber jetzt war es zu spät!
Freilich, sie könnten sich noch rechtzeitig davon machen, nach Übersee, nach Amerika, wahrscheinlich ist Lateinamerika am besten, ein paar Jahre am Strand von Goa in Indien verbringen oder in Thailand, alle Ecken der Welt standen ihnen ja mit dem Lösegeld offen – aber danach? Aber halt, gab es nicht Interpol? Die sollen ja ziemlich fix sein, kein Wunder in der globalisierten Welt, in der wir lebten. Völlig ruhig und sicher würden sie es also nirgendwo haben.
Eins war klar: sie mußten abhauen! Und das so schnell wie möglich! Und wenn sie abhauten, dann mußten sie auf dem geradesten Weg zum Flughafen gelangen und dann keine Wartezeiten in Kauf nehmen müssen. Das mußte auch geplant werden.
Neben noch anderem. Zum Beispiel sollten keine, wie hieß das noch einmal, Kollateralschäden entstehen, daß etwa die Gefangenen nicht rechtzeitig entdeckt würden, verhungerten und das ganze Haus mit ihrem Leichengestank ausräucherten.
War es da nicht besser, sie irgendwo anderswo frei zu lassen?
Für sie, die Geiselnehmer spielte das keine Rolle, ihre Identität würde so oder so ans Licht kommen, nur, daß sie sich nicht auch noch neben der Entführung und Erpressung einige Morde aufhalsten.
Entführung war kein leichtes Geschäft! Auf ziemlich viel mußte geachtet, Rücksicht genommen, überlegt werden - wer hätte das gedacht? Sie waren schließlich ja eigentlich Entführer wider Willen, waren in diese Rollen gewissermaßen hineingerutscht, völlig unvorbereitet in die Bredouille geraten.
Aber sie waren nicht die einzigen, die Sorgen plagten.
Am schlimmsten hatte es jemanden getroffen, dem ein körperliches Manko plagte, über das zu reden ihr schon unter normalen Umständen schwerfiel, hiernun selbst die Vorstellung, darüber zu sprechen, die Schamesröte ins Gesicht trieb. Das war schlimmer, glaubt man es oder nicht, als Enge, aneckende Gegenstände oder permanente aufrechte Stellung, zu der sie gezwungen war: Ihre Zähne.
Seit Jahren rächte sich deren Vernachlässigung von Kindheit an. Ihre Familie war von Anfang an auf dem Standpunkt gestanden, wozu Zahnvorsorge und also in Schönheit investieren, wenn Frau später nur gut zupacken und Kinder gebären kann? Außerdem, jedes Familienmitglied hatte Zahnprobleme, spätestens mit der Adoleszenz ein teilweise künstliches Gebiß anfertigen lassen müssen und warum sollte es ihr besser ergehen? Nur spielten gute, ebenmäßige, weiße Zähne in der Stadt eine andere Rolle als auf dem Land.
Nun, solch eine Prothese bedarf der Pflege. Zum Beispiel jeden Abend heraus getan und in eine Schatulle mit entsprechenden Mittelchen zum Reinigen über Nacht gelegt zu werden.
Wo sollte man dies hier tun? In der Rumpelkammer? Konnte man dies den beschränkten, zur Gewalt neigenden Entführern anmelden, die selbst nichts auf die Reihe kriegten, wenn man sich des verwahrlosten Zustands der Küche vergegenwärtigte, wo sich ungewaschenes Geschirr auftürmte, Abfalltonnen überquellten und es nur so nach Unrat und Müll roch?
Eine leicht miefige Ausdünstung entwich ihrem Mund. Nur niemanden zu nahe an sie herankommen lassen, was schwierig war, wenn man die sexuellen Absichten der Entführer betrachtete. Hoffentlich aber hatten die mittlerweile genug davon.
Aber darin täuschte sie sich gewaltig.
Blacky hatte mittlerweile Blut geleckt.
„Komm, heute noch einmal!“
„Hä!“
„Die Hure!“
„Die Hure?“
„Du weißt!“
„Von mir aus!“
Eine eigenartige Stimmung lag im Raum.
Endlich schnallte es Blondy.
„Sofort?“
Blacky musste nicht einmal antworten.
„Na klar, eine Hure mußte jeden Tag richtiggehend durchgefickt werden, sonst fühlt sie sich nicht wohl. Wird grantig, launisch und hysterisch!“
„Stimmt auch wieder!“
Was sein muß, muß sein!
Gewisse Phantasievorstellungen hielten Blacky schwer im Griff.
Zuerst stellte er sich vor, er zwinge sie auf die Knie und ließe sich dann einen blasen. Und dann, ja dann... Klar, dann herumdrehen und von hinten ficken.
So sollte es kommen. Wäre es aber nur dabei geblieben, wäre der leicht scharf riechende Mundgeruch der Krankenschwester nicht weiter aufgefallen.
Nachdem er fertig war und seinen Schwanz herausgezogen hatte, kickte er sie mit seinen Knien in den Hintern so stark, daß sie nach vorne auf die Hände fiel, sich zwar sofort am Boden herumdrehte, aber mit ihren gespreizten Beinen dann so einen verlockenden Anblick und Lockvogel bot, daß Blondie, der beim Zusehen schon ziemlich geil und fickrig geworden war, sich nicht mehr beherrschen konnte.
Er schob den schwer atmenden Dunklen rüde beiseite und quäkte: „Jetzt lass mich mal ran!“
Die Krankenschwester wollte schon wieder die Beine einklappen, aber Blondie warf sich rechtzeitig dazwischen und auf sie so, wir er sie erwischte, nämlich voll frontal. Seine Zähne gruben sich raubtiergemäß in ihren Hals, ihren Mund – oh, das hättest du sein lassen, Blondie – und er kriegte die versalzene Suppe voll in den Hals. Er sprang auf und zurück, wischte sich angewidert den Mund und rief, als hätte er sich mit Säure verätzt: „Igittigitt, die stinkt ja aus dem Maul! Bäh.“ Und er rannte zum Bad, um sich schnellstens die Zähne zu putzen.
Der Krankenschwester war es nicht minder peinlich.
„Ich muß meine Zähne nachts herausnehmen. Ich habe künstliche Zähne. Die müssen jeden Tag gereinigt werden!“ Ihr war es also so peinlich, daß sie vergaß die Peiniger mit gebührenden Worten zu bedenken, nämlich mit Beschimpfungen, was schon alles sagt.
„Und Du willst eine Hure sein?“, pöbelte Blacky sie an. „Wäscht und putzt Dich nicht gründlich, stinkst zehn Meilen gegen den Wind aus dem Mund! Pah!“ Und er schlug ihr eine ins Gesicht. „An der mach ich mir doch die nicht die Hände schmutzig!“, und wendete sich angewidert von ihr ab.
In der unmittelbaren Nähe des Wohnzimmers, nämlich in der Rumpelkammer, durfte natürlich die verseuchte Hure nicht weilen, wer weiß, was für Krankheiten sie mit sich herumschleppte, wenn sie sich schon nicht die Zähne putzte - obwohl Krankenschwester, völlig irrig, unverständlich und paradox - also gehörte sie weit, weit weg von ihnen, so weit es eben ging und das hieß: auch in den Keller, wie ihr gewissenloser, opportunistischer, reicher Arzt.
Zuerst versuchte man sie auf die sanfte Tour in den Keller zu bugsieren, nämlich relativ dezent stupsend. Sie verlor aber, Schlimmstes ahnend, die Nerven, zumal auch ein paar Schläge auf den Kopf über sich erdulden müssend und flippte völlig aus.
„Ihr Blödmänner, ihr geilen Säcke, ihr Kanaillen! Ihr widerliches Pack, Abschaum, Gossenpisse...“
„Was, Du Stinktier, wagst es, uns zu beschimpfen!“ Blacky machte jetzt Nägel mit Köpfen. Er packte sie grob am Arm, bog ihn zurück und forderte Blondy auf, auch zuzupacken. Die Krankenschwester strampelte hysterisch mit den Füßen, schlug mit den Händen um sich, so daß die zwei gestandenen Kerle Mühe hatten, sie richtig zu fassen zu kriegen und fortzuschleppen. So wurde sie mehr schleifend denn tragend die betonerne, kalte, düstre Kellertreppe hinuntergeschleppt. Das zog natürlich Konsequenzen nach sich, nämlich körperlicher Art.
Im Keller befand sich eine unterteilte Zelle, die, ähnlich wie die Rumpelkammer, von einem Holzgitter umrundet war und dahinein warf man die Renitente kurzerhand. Das Vorhängeschloß am Riegel wurde getätigt, so daß die Verrückte vergeblich mit den Händen an den Holzleisten rüttelte und ihren Peinigern sämtliche dreckige Flüche, Schimpfworte und Drohungen nachrief, deren eine Landpomeranze fähig war und das war imposant.
Die beiden Weggehenden blieben stehen.
Einer schaute in des anderen Gesicht.
Blondy pfiff anerkennend durch die Zähne und sagte: "Hör'der mal die an. Nicht schlecht, was!“
„Was denkst Du? Hast Du etwas anderes von einer Hure erwartet?“
Blondy, verdutzt, erstaunt und beeindruckt von der Humor- und Witzlosigkeit seines Partners nickte bedächtig und zuckte mit den Schultern: „Ja. Du hast Recht. Lassen wir der Hure ihren Spaß!“
Sie drehten sich nicht einmal um, bevor sie gemeinsam die enge Treppe wieder hochstampften.
Die Krankenschwester, völlig verzweifelt, warf sich auf ein Sofa in der hintersten Ecke der Zelle und heulte gotterbärmlich.

Pentzw
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6. Die Krankenschwester packt aus...

Beitragvon Pentzw » 24.05.2021, 18:17

Der Krankenschwester hatte man übel mitgespielt. Abgesehen von den unsichtbaren Blessuren der seelischen Tortour einer Vergewaltigung, waren die offensichtlichen Körperlichen auch ganz schön beeindruckend. Beim Vom-Boden-Aufheben, In-den-Griffnehmen und den Keller-Hinunter-Schleppen hatten die zwei Kerle so fest zugegriffen, daß sie deutliche Schrammen, blaue Beulen und blutige Narben an Gesicht, Händen und Beinen hatte. Zudem tat ihr der Ellenbogen unmäßig weh, weil sie wohl an Ecken und Kanten gestoßen war.
Sie erhebt sich und kommt endlich hoch aus der äußersten Ecke dieses Raumes und begibt sich zum Gatter, zu den Holzlatten, die diesen Raum gestalten und umgreift aggressiv wie ein Gorilla seine Käfigstäbe. Tränen rinnen ihr sturzbachartig aus den Augen und ihr Gesicht ist verzogen zu einer aggressiven Fratze. „Ich habe immer auf alles verzichten müssen. Mein Lebtag lang. Jetzt habe ich die Schnauze voll. Zurückstecken, nachgeben, verzichten und noch einmal verzichten, und jetzt ist mein Leben zuende.“
'Die kriegt sich jetzt nicht mehr!', befürchtete der Arzt verdutzt und bestürzt. 'Die lässt sich doch nicht einfach gehen!', hofft er inständig.
Aber Tatsache, wie hart ihr Charakter, wie stark ihr Hang zum Schweigen und wie verhalten exorbitant auch immer sie bislang gewesen war, ihre Fassade bröckelt jetzt.
Das war eindeutig unterqualifiziert. Darf man die gesellschaftlichen Rollen und Abstände zwischen einem Chefarzt und einer Krankenschwester, egal in welchem Dilemma sie steckten, vergessen? Dieses Theater, Geschrei und seelischer Striptease löschte für den Arzt die flüchtigste Spur von emotionaler Verbundenheit auf.
„Nein, ich will nicht mehr, ich will nicht mehr! Ich will hier raus! Und Du, sag doch etwas! Mach doch etwas!“
Tatsächlich, die fängt jetzt an zu spinnen, durchzudrehen. Schnell etwas dagegen tun!
„Warten wir's ab. Noch ist nicht aller Tage Abend!“, sind die Worte des Arztes, die hohler nicht klingen könnten, was selbst ihm bewußt ist.
Was soll man schon sonst sagen und tun? Keinen Plan!!!
Natürlich empfindet er etwas Mitleid. Er weiß einiges über ihre Biographie. Daß sie es als Tochter in der Bauernfamilie schwer hatte. Der jüngere Bruder hatte den Löwenanteil an Hab und Gut geerbt, Hof, Ställe, Felder, Wiesen, Wälder und alles Drumherum. Sie wurde gerade mal mit einigen Tausend abgespeist, die zu nur zu einer Ausbildung reichte. Wennzwar zu einen helfenden Beruf, der in ländlich-religiösen Kreisen ein hohes Prestige innehatte, aber sie hätte Besseres verdient. Trotz ständiger Fürsprache des Lehrers, der felsenfest behauptete, sie bringe die Voraussetzung und Intelligenz fürs Gymnasium mit, durfte sie keine höhere Schule besuchen.
Am schlimmsten aber traf sie die Einstellung zur Zahnbehandlung seiten der Eltern. Die Fehlerkorrektur genetischen kariöser Zahnbildung prophylaktisch zu begegnen, hielt man nicht für notwendig. Schon in jungen Jahren mit einem teilweise künstlichen Gebiss litt ihre Eitelkeit schwer. Mit eigenen Kindern wurde es auch nichts, wurde sie von Kindesbeinen an dahingegen gehirngewaschen und geimpft, ja selbst keine eigenen in die Welt zu setzen, besaß sie schließlich keinen eigenen Besitz, wovon sollte sie da Kinder ernähren können? Es sei denn, dies verstand sich von selbst: „Du angelst Dir einen reichen Ehemann.“
Hatte sie im Arzt einen Kandidaten gesehen, ihren Zukünfigen trotz der anderen, der Ehefrau, der Gegnerin, des Pendant, schließlich konnte jene nicht frühzeitig sterben? Leider aber, nachdem, was jetzt kommen würde, sah es danach aus, dass sie als erstes an der Reihe war.
„Und Du wirst mich jetzt nicht mehr heiraten können. Nein, wir werden nicht mehr zusammenkommen. Da kommen wir niemals heraus. Die sind zu brutal. Die bringen uns um.“
„Da legst Dich nieder!“, flüsterte er. Vor Verlegenheit schaute er nach unten in eine Ecke. Solche Nähe hatte er noch nicht von ihr erfahren und diese an ihn herangetretene Emotion brachte ihn glatt ins Schwanken, zumindest machte sie ihn abgrundtief verlegen – die er schnell wegwischte.
Was übrig blieb für diese Frau war Mitleid. Aber ein verachtendes Mitgefühl für dieses Mauerblümchen. Zwar körperlich eine tolle Frau, entpuppte sie sich nun als Kretin. So hatte er sie noch nicht wahrgenommen, zumal nicht vermutet, daß solche Seiten in ihr steckten und um seine Verlegenheit darüber wegzuwischen, flüchtete er erneut in Phrasen, die ihn schützen sollten: 'Was in so einer grauen Maus alles versteckt ist, schlägt schon dem Faß den Boden aus?! Da schlummern Welten in unscheinbarsten Menschen und du ahnst es nicht.'
Er schüttelte den Kopf.
Allein schon das vertrauliche Du. Abstoßend. Das entbehrte jedem Grund. Freilich duzten sie sich, aber so distanziert wie bei einem Sie. Da gab es keinen gefühlsmäßigen Unterschied. Geradezu impertinent erschien ihm das Du, setzte es doch in diesem Zusammenhang eine Vertraulichkeit, Intimität und Nähe voraus, die überhaupt nicht gegeben war. Niemals vorhanden gewesen war. Niemals. Was sie übrhaupt verband, war letztlich und lediglich nur ein öffentliches Verhältnis. Gerade jetzt. Der Zufall hatte zwei fremde Personen zum Opfer einer Entführung gemacht, deren Wege unabhängig voneinander dahin geführt hatte. Sie wurden auf der Straße von einem Geiselnehmer gekascht oder von Flugzeugentführern in einem Flugzeug, – und nunmehr war das einzig Verbindende ein gesellschaftlich relevantes Ereignis, eine Entführung, dem sie sich beide stellen mußten. Jeder aber mußte für sich Rücksicht auf seine eigenen familiären Bande legen.
Der Arzt dachte jetzt an seine Familie. Damit wurde Distanz und Unterschied nur zu entfremdend bewußt.
'Mein Gott, ich habe Frau, Kinder und ein enges Netzwerk, in das ich eingebunden bin und diese Person hat das nicht, vielleicht gerade mal ihre Herkunftsfamilie, mit der sie ohnehin entfremdet und auf distanziertem Fuße verkehrte. - Nein, diese Person ist in keinster Weise mit mir vergleichbar und gleichzustellen! - Was heult die da vor mir? Was geht mir ihr Wehwehchen an? Ich muß meine eigene nackte Haut retten, koste es, was es wolle und egal, was aus der da wird. - Denk nur an deine Familie, verdammt! Familien brauchen Vater und ich bin ein Vater, hundsfotts!'
Wie nur kam er hier heraus?
Der Krankenschwester Flennen stieß an sein Ohr.
'Was, heiraten, diese fremde, schwächliche Person dort? Unvorstellbar! So weit unter seiner sozialen Stellung und Stand mit einer bloß Krankenschwester verheiratet zu sein? Meine Damen und Herren, da ergäben sich hundert andere, bessere Möglichkeiten und Verbindungen.'
Er dachte an eine jüngst in die Familie Eingeheiratete, sogar eine Evangelische. Ja, aber mit einem satten Besitz, Vermögen und besten Familienstamm – wenn nicht gleiche religiöse Zugehörigkeit, dann zumindest Geld!
'Hm, ja wir haben seit sechs Jahren mittlerweile ein Verhältnis. Aber das? - Bei der hat sich mittlerweile diese Hoffnung aufgebaut, daß – lachhaft – sie vielleicht einmal zum Zug kommen könnte, unerwartet, schicksalsgegeben – zum Beispiel bei dem frühen Tod meiner Frau?! - Hirnverbrannt! - Auf den Tod meiner Ehefrau zu hoffen? Weiß die nicht, daß diese wie die Made im Speck lebte? Woran sie sterben könnte, wäre höchstens Herzverfettung, adipöse Fettleibigkeit bei notorischer Bequemlichkeit und Trägheit, früher oder später. - Solche Hoffnungen haben nur schwache Menschen, impulsive, emotional und übermäßig gefühlsduselige Jungfrauen, Singelfrauen und Alleingelassene – nein, aber im Grunde ist das bedauernswert, ja, Mitleid sollte ich empfinden, mit ihr, dieser – erstaunlich, unverständlich, paradox - taff, hart erscheinenden Person. - Was ein Irre! - Eigenartig, dabei mußte sie doch über meine familiären Verhältnisse bestens unterrichtet sein. Wir leben hier auf dem Land, da wird geflüstert und getratscht, daß sich die Balken biegen. Jede weiß doch hier über jeden Bescheid. - Eben eine Bäuerin!'
Mitleiderregend stößt sie mit ihrem gesenkten Kopf auf die Gitterstäbe und weint und schluchzt bitterlich – ganz wie eine Waschfrau und Bäuerin.
'Igitt!'
'Mädchen, reiß Dich zusammen. Ich kann's nicht mit ansehen!'
Seine Wut wechselt zum Genervtsein!
„Kannst Du nicht endlich Dein Maul halten!“
„Aber ich will Doch Deine Ehefrau werden!“
„Du spinnst doch! Reiß Dich zusammen und überleg lieber, wie wir hier wieder rauskommen, verdammt und zugenäht!“
Die Krankenschwester wirft und lässt sich auf den Sessel in der dunklen Ecke fallen und verbirgt ihr Gesicht zwischen den Händen: „Was hab ich denn? Nichts. Gar nichts. Ganz und gar nichts!“
Heftiges Schluchzen schüttelt sie.
„Was hab ich denn gehabt. Nichts, gar nichts! Keine Jugend, keine richtige Familie, nichts, gar nichts!“ Und dann wimmert sie nur noch, die Schultern schütteln sich dabei.
Der Arzt rümpft die Nase und zerrt an der Halskrause.

Pentzw
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7. Wer auserwählt wird

Beitragvon Pentzw » 28.05.2021, 15:57

Die Tatsache der Entführung verbreitete sich natürlich wie ein Flächenbrand, nicht nur in der engeren Kleinstadt, sondern auch auf den Dörfern, wovon gut 10 Prozent verwandte Familienmitglieder wohnten. Der engere Familienkreis trudelte bei der Matriarchin ein, der Mutter des Arztes, Tanten, Onkels, Ehefrau, Bruder eins und zwei, Neffe, der Polizist, Nichte, die kommunale Sachbearbeiterin, aber auch die steinalte Tante, die ehemals den katholischen Priesteronkel bis an sein seliges Ende als Haushälterin gedient hatte.
Man fand sich also ein bei der Mutter, nicht der Ehefrau, was schon einmal bezeichnend war, und es herrschte in dem weiträumigen Ess- und Wohnbereich des Familienhauses ein ganz schönes Treiben.
Der Vater war vor lauter Schreck und Eile mit seiner weiß-rot-karierten Arbeitskleidung, dem Schlachtermesser und dem Wetzstein in Händen, aus dem Keller, wo sie gerade eine Sau geschlachtet hatten, ins Wohnzimmer gekommen. Seine Frau versäumte sogar eine Rüge zu erteilen, denn Arbeits- und Wohnbereich war streng getrennt. Trat man von einem Bereich in den anderen, mußte sich vorher gründlich gewaschen, womöglich die Kleider gewechselt werden. Aber heute war eben alles anders und alles aus den Fugen geraten.
Die Familie war ins Herz getroffen worden.
Der Neffe von der Polizei, sowie er in die Wohnung trat, schrie: „Denen breche ich eigenhändig das Knack, wenn ich sie in die Hände krieg. Und glaubt mir, die derwisch ich!“ Alle im Kreis nickten glaubensselig und der Metzgermeister wetzte nervös Stein auf Stahl. Seine Schürze war blutbefleckt vom geschlachteten Schwein.
Das war zu viel!
Die Stadtverwaltungs-Cousine runzelte die Stirn und seufzte laut vernehmlich. Alle schauten sie an. Was sie dachte, spiegelte sich in ihren verdrehten Augen wider: das durfte man heutzutage nicht mehr sagen: Der Staat war doch jetzt demokratisch, menschlich, gegen Todesstrafe und all dies. Von daher legte die Mutter die Finger auf den Mund. Alle nahmen es wahr und senkten die Köpfe. Zum Glück waren diese Worte nur im innersten Familienkreis gefallen. Jeder aber dachte, wünschte und hoffte dies natürlich inständig: man müsste diesen Verbrechern mal richtig zeigen, was eine Harke ist, aber naja!
Nachdem gegen die Forderung zu bezahlen nicht der geringste Zweifel bestand, selbstverständlich würden sich alle daran beteiligen müssen angesichts der Höhe der Summe, die von keinem allein geschultert werden konnte und theoretisch hätte man sich sogar eine Verdoppelung ertragen können, wobei aber alle richtig tief in die Tasche hätten greifen müssen. Aber solch eine Angelegenheit, Geld-Erpressung aufgrund Entführung eines Familienmitglieds - da war es klar, daß die Familie felsenfest zusammenstand.
Nunmehr wurde, ländlich pragmatisch und zupackend, sofort auch auf die Umstände der Geldübergabe über- und eingegangen.
Der erste Punkt, über den geredet werden mußte, war: sollte die Polizei eingeschaltet werden? Der Polizistenneffe verneinte dies kategorisch: „Zu gefährlich!“ Wahrscheinlich, worüber er natürlich kein Wort fallen ließ, aus dienstlichen Rücksichtsnahmen. Oder waren es andere Gründe und hielt der Polizist seine Pappenheimer für zu schusselig und nicht vertrauenswürdig? Ein unbeantwortbare Frage.
Inwieweit aber sollte man das Heft selbst in die Hand nehmen?
Sich um den abgestellten Mercedes Benz postieren, sich auf Lauer legen, bis die Erpresser das abgelegte Lösegeld holen kamen? Erschien aber nur ein Verbrecher, wovon auszugehen war, was war mit dem Zweiten, der die Geiseln gefangenhielt? Schwieg der gefangene Geiselnehmer wie ein Grab, wovon ebenfalls auszugehen war, so konnte der zweite den Geiseln Gewalt antun.
Eine schreckliche Vorstellung!
Dritter Punkt: vielleicht besser mit gezinkten Karten spielen, indem man die Scheine des Lösegelds markierte oder besser deren Nummern aufschrieb, um dann später, wenn sie verwendet werden würden, die Gangster überführen zu können?
„Das ist die effektivste Methode!“, behauptete der Polizistenneffe. Soweit reichte also doch noch sein Vertrauen in die Maschinerie des Staatsapparates, in dem er selbst ein Rädchen war und arbeitete, der Herr Polizist.
„Da konnte es längst schon zu spät sein!“, wandte einer ein.
„Trotzdem, das ist am Professionellsten!“, insistierte er.
Alle nickten widerwillig.
„Wer aber soll das Geld in den Mercedes legen?
Man schaute einander betroffen an. Eine schwerwiegende, vielleicht alles entschiedenste Frage. Davon hing mindestens zu 50 Prozent der Ausgang und das Gelingen der Geldübergabe ab. Aber dies Sache war auch sehr, sehr gefährlich, wenn man … hin- und herüberlegte.
Langsam richteten sich alle Blicke auf einen.
Auf einen Bruder des Entführten. Dieser saß ahnungslos in der Runde und trank, schluckte, besser soff gerade seinen Kaffee im breit angelegten Kaffeetisch des Essbereichs in dieser weitflächigen Wohnung des großbürgerlichen Hauses am Rande der Kleinstadt inmitten dörflicher Umgebung.
Vor lauter Hektik, Unter-Druck-Gesetzt-Sein und Keine-Zeit-Haben schüttete er das Getränk mehr hinunter denn er es genoß.
Der Idiot der Familie, der Trottel, heutzutage als psychisch Kranker bezeichnet. Denn es war nicht so, daß alle in diesem Clan Karriere, Erfolg und Achtung geerntet, oder wie soll man sagen, erreicht, erlangt hätten oder besser gesagt in den Schoß gefallen war. Es gab einen, der auf der Strecke geblieben ist, derartig schwach war, daß er gar nicht einmal ohne Medikamente, ärztliche und psychiatrische Versorgung aufrecht stehen könnte. Es war der, auf dem man herumtrampelte, den man vor anderen blamierte, zum Beispiel in der elterlichen Wirtschaft beim Bedienen: „Du Trottel, hast dem Falschen das Falsche hingestellt. Wie kann man nur so blöd sein?“, schalt ihn der Vater und der Stammtisch lachte dazu herzlich.
Musterknabe, Ministrant, sogar katholischer Pfarreranwärter – aber leider hat er am ersten Tag des Semesters eine Stimme gehört: „Mach es nicht. Du bist kein Pfarrer. Das ist nichts für Dich!“
Er war immer zur Stelle für jeden Verwandten im nahen und weiten Umkreis. Gab es sperrige Möbeln in den Keller hinuntertragen, oder in die Wohnung hinauftragen, oder jemanden ins Krankenhaus bringen. Das Mädchen für alles; der Prügelknabe für jeden; der Hanswurst für alle.
Einen solchen brauchen alle, die Erfolg haben.
Man brauchte das, ein Ventil, einen Ausgleich, eine Möglichkeit, das Böse herauslassen wie bei einem Verengung vielleicht, ja, das brauchte man und alle brauchten es.
Und so wurde er zur heiklen Mission auserkoren, der älteste Bruder des Arztes – wie stets, der Scheißhaus-Ausputzer vom familiären Dienst sozusagen.
Sowie er merkte, daß alle Blicke auf ihn gerichtet waren und was sie bedeuteten, nickte er devot: „Ich mach's!“ Es klang so, als hätte er sich selbst ins Spiel gebracht.
Einige seufzten aber. Diejenigen, die die Sache nicht geheuer war. Sie fragten sich: Würde er die Tour mit seiner trotteligen Art vermasseln?
Unter keinen Umständen dürfte das aber geschehen!
„Es steht das Lebern meines geliebten Bruders auf dem Spiel!“, sagte der Narr, der, was er wirklich gut konnte, bei außergewöhnlichen Gelegenheiten stets die richtigen Worte fand. „Und ich werde es retten!“ Starke Worte, fürwahr!
Das Leben retten des geschätzten Onkel, Neffen, Familienvater, Ehegatten, Parteifreund, Kegelbruders, Parteimitglied, Klassenkamerad, Fasnacht-Jecken und sehr erfolgreichen Arzt. Mit solchen Exemplaren war man in der Familie nicht gerade gesegnet. Zwar waren alle in der Familie bei allem dabei, wo es sich lohnte, dabei zu sein, zum Beispiel der Bauern-Onkel, der inzwischen auf den einträglichen Öko-Zug aufgesprungen war, aber im rechten Licht besehen, so ein beamteter Chefarzt in der Familie war schon etwas Besonders, fast ein Quantensprung, eine Mutation in die richtige Richtung!
Solche Personen standen unter Artenschutz erster Ordnung.
Insofern tauchten denn doch Zweifel auf, ob man diese vertrauensvolle Aufgabe Ernst überlassen darf. „Was müssen wir bedenken, daß nichts, aber auch gar nichts schief läuft?“
Anders formuliert: Welche Vorkehrungen, Umstände und Zufälle mußten bedacht werden, daß Ernst, ein durch und durch lieber, hilfsbereiter und fleißiger Mensch, aber halt ein Idiot, nichts falsch machte, verflixt!?
„Aber vielleicht doch Erwin!“ Das war der Name des Polizisten.
„Der kann die Sache am besten händeln, falls unerwartet Probleme auftauchen!“
„Ich mach's sofort!“ Diese Aussage kam mich freudiger Sicher- und Resolutheit.
„Aber er hat Familie!“ Die Stimme einer Mutter drückte den natürlichen Überlebenswillen des Clans aus. „Ernst schafft das schon! Er muß nur Geld ins Auto legen, danach sofort verschwinden! Hast Du gehört, Ernst!“, rief die Mutter.
„Ja, natürlich!“, wie immer gefügig, hilfsbereit und zu allem Ja- und Amen sagend und ein scheuer Blick machte eine Halbwendung hier- und dorthin.
'Endlich mal Tom Cruise sein können! In „Mission impossible“ Im Abenteuermodus voll durchstarten, wau-oh-wau. Ja, alle werden danach stolz auf mich sein!' Vor Aufregung scharrte er mit den Füßen unterm Tisch.
„Das mach ich! Das mach ich selbstverständlich!“ Weder der Klang der Stimme verriet, ob dahinter Bescheidenheit oder Unsicherheit steckte, noch sein aufrechter, geradeaus weisender Blick gab darüber Aufschluß.
Mutter seufzte. Sollte ihm etwas zustoßen, würde er ihr wenigstens immer unvergesslich und unauslöschlich in Erinnerung und im Herzen bleiben als der demütige Sohn, der er war. Und sie faltete unterm Tisch ihre Hände zum Gebet und warf ihren Blick auf das hölzerne Kreis an der Wand.
''Lieber Gott, hilf, daß er wenigstens diesmal nicht Mist baut!'
'Bitte, laß ihn nicht zum Opfer für die wenn auch gute Sache werden!', waren die stummen Worte der über 90 Jahre ältere Tante und Pfarrhaushälterin mit ihren weißen, totenblassen Händen. 'Mein geliebter Neffe ist doch der einzige Kümmerer in der Familie. Laß ihn heil aus der Sache herauskommen, bitte!' Sie hatte also durchaus handfeste Gründe dafür, ihn wieder bildlich gesprochen unversehrt und heil in die Arme schließen zu dürfen.
Dabei fiel ihr Blick liebevoll auf das große, farbige Poster mit dem Konterfei des derzeitigen Papstes neben der Ausgangstür Jeder, der den Raum verließ, tunkte über dieses Papst-Bildnis seine Finger ins Kolymbion, woraufhin das danebentröpfelnde Weihwasser den Pontifex Maximum immer wieder aufs Neue taufte.
Jetzt trat Ernst der Zwei-Meter-Polizisten-Neffe gegenüber. Sofort erhob er sich. Ihm wurde die Hand auf die linke Schulter gelegt, als vollführte die Queen einen Ritterschlag: „Das wirst Du schon hinkriegen, Ernst! Da bin ich mir sicher!“
Die Augen der ganzen großen, weitverzweigten Familie ruhte das erste Mal nur auf ihn. In den Augen spiegelte sich Hoffnung, Angst, Verzweiflung, Bestürzung...
„In Anbetracht der großen Herausforderung werde ich alle Mühe, Energie und Zeit für die Meisterung dieser schwierigen Herausforderung aufbieten, so daß ich die Erwartungen keineswegs nicht nur in diesen Punkten rest- und makellos erfüllen werde, sondern...“
Hätte man dies geglaubt, hätte man ihm diese Politikerrede vollenden lassen. Aber man kannte Ernst Reden nur zu gut und sie erinnerte an einen Politiker vergangener Zeiten, der einem heutezutage nur noch peinlich sein konnte, selbst hier in diesen erzkonservativen Kreisen.
Es war an Mutter zu sagen: „Ernst, jetzt mach mal einen Punkt. Du weißt, was Du noch zu tun hast. Mach schnell und bereit Dich gut, sehr gut vor!“
So entging leider wieder einmal der Welt eine brillante eloquente Rede ohne Punkt und Komma, aber nicht mehr lange, dann würde sie reichlich davon hören dürfen, war sich Ernst sicher. Denn er hatte einen Plan.
Stolzgeschwellt und sicher bezüglich des Gelingens seiner Mission und seiner Aufgaben darüberhinaus verließ er den Raum, nicht ohne selbstverständlich mit gesegnetem Wasser den derzeitigen Papst zu beträufeln.

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8. Eine Pistole gehört zu einem Entführer...

Beitragvon Pentzw » 30.05.2021, 21:19

Zisch!
„Schwein!“
„Lag nicht in der Absicht des Künstlers!“
„Schau mal, wie Du mein neues Polohemd versaut hast!“
„Äh, nicht so schlimm. Denk an die Kohle, die uns winkt. Dann kannst Du Dir Hundert neue kaufen und...“
„Jau!“
Beide Entführer lehnten sich wieder zurück auf ihr Sofa und ihren Sessel, Beine über einen kleinen Hocker hier gelegt und über die ganze Länge dort, schlangen Chips, Salzletten, Drops, Bonbons hinunter und hielten jeder eine geöffnete Bierdose in der Hand und zudem Rat darüber, was sie mit dem vielen Geld am Besten anfangen könnten.
„Wohin fahren wir mit den Scheinchen?“
„Gute Frage. Sehr gute Frage! Äh, zwei Dinge kommen mir. Entweder in den asiatischen Raum, Thailand etwa, oder in die Karibik, Dominikanische Republik, oder gleich nach Afrika.“
„Das sind aber drei?“
„Was?“
„Ich sagte, Du hast drei Möglichkeiten, nicht zwei genannt!“
„Wie meinst!“ Der Dunkle richtete sich schon auf, weil er sich herausgefordert fühlte und sich nicht mehr an seinen vorletzten Satz von den zwei Optionen erinnerte.
„Schon gut. Vergiß es!“
Er ließ sich wieder zurückfallen.
„Also, ich würde ja fast Afrika vorziehen.“
„Warum gerade Afrika, he!“
„Ganz einfach. Da war ich noch nicht! Und außerdem soll's da richtig geil sein, Frauen ohne Ende. Und das Schönste: billig bis umsonst!“
„Wau!“
„Ein Mann hat dort das Recht, mindesten vier Frauen sein Eigen nennen zu dürfen, mindestens.“
„Mannomann!“
„Und das beste ist: Die liegen Dir nicht den ganzen lieben langen Tag in den Ohren mit: Liebst Du mich überhaupt“ und „Bin ich Dir überhaupt etwas Wert?“. „Ja, Schätzchen.“ „Dann beweise, daß das stimmt.“ „Wie?“ „Kauf mir einen neuen BH!“ oder „Ein paar neue Schuhe!““
„Mann, wäre das schön, dies nicht mehr anhören zu müssen.“
„Friedlich ist das, friedvoll. Ja, und reden tun die Frauen nur, wirklich nur, wenn sie gefragt werden. Ansonsten halten die die Groschen.“
„Kuhl!“
„Am besten sind die Asiatinnen, oder Polynesierinnen, egal. Die vögelst Du abends und dann husch-husch aus dem Bettchen und auf dem Boden schlafen!“
„Himmlische Ruhe!“
„Zwar sollen die Tropen mittlerweile nicht mehr am billigsten sein, aber Sonnenschein ohne Ende, kein Winter, immerwährender Sommer...!“
„Ohjaohja!“
„Aber wir müssen auf unser Geld achten, ewig halten die halbe Million auch nicht!“
„Da sagst Du ein wahres Wort, Mann!“
So ging das stundenlang. Sie träumten von dem, was sie mit dem vielen Geld anstellen würden und ergötzten sich an dem, was ihnen so an unendlichen Möglichkeiten und Perspektiven offenstanden.
Aber die tollsten Phantasievorstellungen, ausgelutscht wie ein Kaugummis, langweilen mit der Zeit. Zumal, wenn dazu gut und gerne zwei Dutzend Dosenbier kommen. Das umnebelte das Hirn und so kam Blondie auf die Schnapsidee, böte sich schon einmal eine solche Gelegenheit, könnte man doch mal mit so einem flotten, tollen Schlitten ein bißchen durch die Gegend gondeln. „Oder, was sagst Du?“
Der Dunkle murrte: „Ich weiß nicht. Mal überlegen.“
Er nahm einen gehörigen Schluck aus seiner Bierdose. „Vielleicht steht der Wagen jetzt schon unter Beobachtung. Und wenn Du hinkommst, dann schnappen sie Dich. Dann erpressen sie den Standort der Geiseln und futschi-cago ist unser Lösegeld.“
Blondie zog verbissen an seiner Zigarette. „Ich geb zu, da ist etwas Wahres dran. Hm!... Aber wenn ich ganz vorsichtig bin. Also, wenn ich mich erst einmal eine halbe oder sagen wir ganze Stunde auf Lauer lege, die Szene beobachte, ob da Leute sind, Du weißt schon! Ich kenne ja die Gegend wie meine Westentasche...“
„Hm. Wahrscheinlich denkt die andere Seite das selbe. Die lauern auch auf jemanden. Dann lauert ihr beide gleichzeitig. Und der erste, der aus dem Busch kommt, ist der Verlierer, so sieht's aus!“
„Dann muß er mich erst einmal überwältigen, so sieht's aus!“
Der Dunkle zeigte ihm den Vogel: „Du Doofkopp, überleg mal! Was kennzeichnet die Polizei besonders, hm!“
Blondie kleinlaut: „Hm. Ne Knarre!“
„Eben!“
Scheiße, keine Knarre.
Er zog an seiner Zigarette.
„Okay, ich geb mich geschlagen.“
Wieder Zug an der Zigarette. „Ich geh trotzdem mal zum Auto! Weil, nach dem Rechten schauen, nur mal kurz, ist auch nicht verkehrt. Und – Mann, hat Du vergessen – außerdem muß das Gefährt ja aufgeschlossen werden, damit die Knete reingelegt werden kann.“
„Stimmt! Stimmt! Du hast Recht. Und inzwischen gehe ich zum Discounter um die Ecke, mal ein bißchen Hackfleisch kaufen. Alle anderen Sachen, Nudeln, Reis, Brot haben wir ja genug!“
„Genau, Mann. Mach das!“
Blondie war hell begeistert.
„Okay! Bis gleich!“
„Bis gleich!“
Er wollte sicherheitshalber das Terrain abchecken, sondieren und das Gefährt aufschließen, aber vielleicht doch auch eine kleine Spritztour mit dem Cabrio machen. Wer weiß!.
Er schwang sich auf sein Fahrrad.
Ein leichter Nieselregen kam hernieder und es wurde kühl. Aber er hatte ein voll funktionierenden Drahtesel mit intaktem Licht. Das war wichtig, falls die Dämmerung früher hereinbrach und der sich bildende Nebel aus dem Wald die Sicht mehr verdunkelte als die Tageszeit erlaubte.
Einige Hunderte Meter in der Nähe des Parkplatzes stellte er sein Fahrrad ab, verschloß es und schlich geradezu über abseitige, geschützte Umwege zum Bestimmungsort und sah doch prompt dort jemanden, keinen Polizisten, sondern einen Zivilisten, einen Spaziergänger nämlich sehr eingehend den Mercedes Benz anschauen, um ihn herumgehen, unter den Unterbodenschutz schauen und den Kofferraum aufmachen wollen.
Der Polizistenneffe ließ es sich nicht nehmen, einen Tag vor der Geldübergabe, am Sonntag, nach dem Rechten des Mercedes Benz seines Onkels zu schauen. Den Tatort unter die Lupe nehmen war bestimmt nicht verkehrt. Anschließend sich noch eine Zeitlang auf Lauer legen, wer weiß, was passierte.
So hatte er genauso vorsichtig seinen PKW wie Blondie sein Fahrrad weit genug von hier abgestellt. Als er zuerst einmal um den heißen Brei herumgeschlichen war, war er nach zehn Minuten Vorsichtigsein an das Gefährt herangetreten, um sich einen Eindruck vom Auto des Neffen zu machen, in dem das Lösegeld gelegt werden sollte.
Da dieser Landkreis des Krankenhauses nicht sein Dienst-Arbeits-Bezirk war, befand er sich ausschließlich in privater Mission hier. Aus Gründen der Geheimhaltung war von einer Kurzschließung mit der zuständigen Polizeistation abzusehen. Dienstrechtlich gesehen war es also gefährlich, sich hierher zu begeben. Was würde er antworten, wenn ihn ein Kollege stellte und fragte, was er hier zu suchen hätte? Da man sich weit über seinen Bezirk hinaus unter Kollegen bekannt war, wäre dies mehr als peinlich.
Es fand nichts Auffälliges am Auto, was er auch nicht erwartete hatte. Er spähte in die Gegend herum auf der Entdeckung eines Beobachters. Dann auf der Suche nach einem guten Versteck. Dabei machte er eine Verlegenheitsgeste, ähnlich der Onkels einen Tag zuvor wegen des Schwarzgeldes, auf jeden Fall mindestens genauso verhängnisvoll, als er unachtsam die Hände in die Jackentasche steckte und nervös ein bisschen den Pistolenhalfter nach oben rückte, so daß ein Ideechen daraus hervorlugte und nun vom verdeckten Blondie gesehen wurde.
Dadurch stand jener sofort unter stärkstem Zugzwang.
'Boa, so eine Pistole ist auch nicht schlecht! Eigentlich gehört eine solche regelrecht zu professionellen Entführern wie wir es sind.'
Und hier bot sich wieder einmal die nächste tolle Gelegenheit!
'Mensch wir haben schon ein Glück! Zuerst zu Geld kommen, obwohl wir's gar nicht geplant haben. Und jetzt zu einer Waffe, damit auch nichts dabei schief läuft!'
Das Schicksal und Glück winkt ständig mit dem Zaunpfeil!
Die Mühe konnte er sich jetzt sparen, zur Absicherung der Erpressung eine Waffe zu besorgen . Sie wurde ihm hier auf dem Präsentierteller gereicht. Er mußte nur Pistolenbesitzer überwältige und schon war er stolzer Besitzer des Handwerkzeugs eines professionellen Entführers, einer Knarre.
Damit war seine Rolle perfekt.
Schnell ging er zurück zum Fahrrad und holte sich zwei Dinge aus seinem Fahrradwerkzeugtäschchen. Gerade rechtzeitig kam er wieder zum Parkplatz, als sich gerade der merkwürdige Passant mit Waffe in die Büsche schlug. Aber er sah danach einen Strauch sich bewegen. Er konnte es kaum glauben, aber dahinter hatte sich der komische Vogel versteckt, scheinbar um das Terrain zu beobachten.
'Nun um so besser. Da brauch ich Dich nicht zu verfolgen, sondern schleiche hinten herum auf Dich zu.'
Es gelang ihm unbemerkt an den Waffenträger heranzuschleichen, wozu er nicht einmal eine Viertel Stunde brauchte. Zugute kam ihm beim Heranpirschen, daß es merklich zu regnen angefangen hatte, was a) die Sichtverhältnisse verschlechterte und b) weil das Opfer sich eine Kapuze über den Kopf gezogen hatte, verräterische Geräusche wie Knacksen, Scharren, Hüsteln und Räuspern nicht zu hören waren. Das war auch gut so, denn Blondie kostete es einige Mühe mit seiner Lunge keine Geräusche zu machen angesichts seines jahrzehntelangen Nikotin- und THC-Konsum: sie röchelte wie ein Reibeisen.
Er drückte dem Polizisten einen kalten Schraubzylinder in den Rücken, der vorne einem Pistolenhals glich und mahnte eindringlich: „Bleib liegen, wie Du bist und rühr Dich nicht, dann passiert Dir nichts.“
Der Polizist gehorchte unbedingt.
„Jetzt Hände auf den Rücken!“
Der Polizist tat wie ihm geheißen.
Dann machte Blondie mit einem Kabelbinder eine Fessel.
„Rühr Dich nicht, dreh Dich nicht um, bleib wie Du bist!“
Von hinten fischte er sich die Pistole aus der Pargatasche des Gefangenen. Schließlich, als Blondie die Waffe an sich genommen hatte, verabschiedete er sich mit den dringlichen Worten: „Bleib eine Viertelstunde hier liegen. Äh, oder besser, zähl bis Tausend, bevor Du Dich erhebst! Verstanden!“
Der Polizist nickte ergeben.
„Bis Tausend!“
„Ja, ich habe verstanden!“
„Wenn Du mich verfolgst, dann schieß ich! Verstanden!“
Wieder nicken. Der Übertölpelte lag mit dem Gesicht im Unterholz, rührte sich nicht und schämte sich unendlich.
Blondie fühlte sich, sowie er der Pistole besaß, mit einem Schlag Tausend Mal besser.
'So ein Ding in der Hand, an der Hüfte, am Körper gibt Halt und Sicherheit und macht einem zu einem aufrechten Menschen. Super!'
Tatsächlich lief er so aufrecht und stolz wie noch niemals zu seinem Fahrrad zurück.
Auf einmal kam ihm, daß er einen fatalen Fehler gemacht hatte.
Warum nur hatte er den Mann nicht bewußtlos geschlagen?
Jetzt würde dieser ihm bestimmt klammheimlich folgen. Er nahm den Waffenhalter zur Hand, öffnete diesen, zog die Pistole heraus und drehte sie lange in Händen, bis er die Entsicherung gefunden hatte und machte sie schußbereit.
Er feuerte einen Warnschuß in das dichte regenverhangene Gehölz hinein.
`Sicher ist sicher. Damit der Verfolger mir nicht zu nahe kommt!´
Er packte sein Fahrrad an sich, schlug sich damit durch die Büsche und fuhr auf den engen Waldwegen Richtung Tunnel unter den Bahngleisen, welches der kürzeste Weg nach Hause war.
Dabei kam ihm eine geniale Idee.
Durch den kleinen Tunnel schob er sein Fahrrad, stellte es danach beiseite und löste das Fahrradschloß.
Die Unterführung war auf beiden Seiten mit Eisentüren versehen, die geöffnet waren. Manchmal mußte der Durchgang aus welchen Gründen auch immer im Bedarfsfall blockiert und abgesperrt werden, von daher die schmiedeeisernen Türen. So brauchte er sie nur zu verriegeln, nämlich mit dem Schloss zu versperren, so daß keine zehn Pferde das Eisentor mehr aufkriegten und sein Fluchtweg perfekt abgesichert war.
Danach nahm er schnell Reißaus.
Zurecht hatte er gemutmaßt, der Fremde würde ihn im gebührenden Abstand verfolgen, aber als er zum Tunnel kam - Ende Gelände! Über die Bahngleise zu gehen angesichts des durch und durch dichten Regens – glatter Selbstmord.
Im Moment des Hauseintritts war Blondie auf einmal schrecklich klar geworden: er muß die Geiseln erschießen.
Aber kein Problem.
Er wog und streichelte die tolle schwere Waffe liebevoll in seinen Händen wie einen Goldbarren.


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9. Der ultimative Heimatkrimi und Arztroman - Der Held bringt das Geld

Beitragvon Pentzw » 13.06.2021, 17:15

'Endlich eine richtige Aufgabe!'
Am Montag, dem Tag der Geldübergabe, drückt Ernst die Pedale, fuhrwerkt das Getriebe und fährt beschwingt wie auf Schmetterlingsflügeln.
'Hoffentlich ist die Sache bald erledigt. Ich muß nach Berlin. In wenigen Wochen ist die Auswahl zum Präsidentenkandidaten meiner Partei. Das ist meine ganz große Chance. Endlich. Nach dieser Sache hier. Nachdem ich die Gängster überwältigt habe. Endlich kann ich es allen zeigen, was in mir steckt! Ich weiß schon, daß die meisten denken, ich bin ein Loser und Verlierer, aber sie täuschen sich. Ich bin es nicht. Wenn ich natürlich Augen und Ohren offenhalte wie ein Lux und Fuchs!'
Zum Parkplatz des Krankenhauses fuhr er schlafwanderlisch hin, kannte er sich doch hier aus wie in seiner Hosentasche. Seine Tätigkeit bei der Firma des Bruderfreundes verschlug ihn überall hin, bei all den zu erledigenden Dingen, die normal angestellte Handwerker und Fachleute nicht taten, Bagatellen, Nebensächlichkeiten, Unvermeidbarkeiten, eine private Postzustellung hier oder den jugendlichen Junior zu einem Schulkamerad dort zu fahren. Was immer halt anfiel, mußte er erledigen.
Bei dem Gedanken an seine Arbeit pressten sich seine Lippen zusammen.
Er hatte eine exzellente Kaufmanns-Ausbildung abgeschlossen, Abitur gemacht, hätte studieren können, aber jetzt für Handwerker, Arbeiter und Gehilfen Kaffeekochen, Brötchen-und-Wurst-Einkaufen tätigen, war schon sehr erniedrigend und demütigend.
'Wenn mich meine Partei ruft, dann ist damit aber Schluß! Natürlich nach der Geisel- und Bruder-Befreiung. Jawohl!'
Ja, seine Partei ist die der Starken, der Leistungserbringer, der Pioniere und Heerführer, der Macher, halt derjenigen, die die Gesellschaft voranbrachten, die Wege freimachten, die der Unternehmer, Reichen, Ärzte, Kaufmänner, Börsenmakler, äh, heißt Broker, Beamten, kurzum, derjenigen, die schon seit Generationen das Rückrad der Gesellschaft bildeten – und einer ihrer Devisen lautete zurecht: geht es den Reichen gut, geht es den Armen um so besser.
Es war zwar auch nur Arbeitnehmer, der sogar nur Helfersdienste verrichtete, aber warum gehörte er zur anderen Seite? Weil er selbst Spross eines erfolgreichen Unternehmers war, eines Metzgermeister und Wirtshausbesitzer, der das renommierteste Gasthaus weit und breit führte. Von daher wußte er ganz genau, wie man umzugehen hatte mit Untergebenen, die faulenzten, Zeit schindeten oder nachlässig arbeiteten, oder meist krankgeschrieben waren, äh...'
Seine Brust hob sich.
Er sah sich schon in Bellevue residieren, aber da sah er den Parkplatz.
Er fuhr mit einem Transporter älteren Baujahrs seines Chefs, der mit einem großen lackierten Firmenlogo versehen war, langsam dort ein. So ein Transporter auf einem Parkplatz war unauffälliger als ein PKW. Außerdem war dieser nicht von außen einsehbar. Zwar gab es in der Dachebene einige Plexigläser, durch die man hinaus-, leider auch hineinsehen konnte, aber nur für einen Zwei-Meter-Mann. Im Innern konnte man sich auf eine Bank stellen und von dort aus nach außen lugen und observieren.
'Genial einfach, ich bin einfach genial!'
Er legte das Geld in den unverschlossenen Caprio unter die Gummiunterlage an der Fahrerseite, wie geheißen und verschwand wieder sofort in seinen Tarnwagen. Einziges Problem wäre, kämen die Geiselnehmer zu später Abendzeit oder gar Nacht, aber auch dann würden sie entdeckt werden, schließlich standen an den Ecken des Parkplatzes ein paar doch ziemlich helle Eckleuchter.
'Ich bin einfach genial! Auch wenn's keiner weiß. Noch!'

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10. Wer sich verführen lässt,

Beitragvon Pentzw » 15.06.2021, 13:50

fällt rein...

'Fuck, das mach ich jetzt schon seit meinem vierzehnten Lebensjahr! Aber gut, mittlerweile habe ich Untergebene. Na, wozu hat man schließlich studiert!'
Diese Frage stellte sich ein Abteilungsleiter eines gutgehenden Einkaufszentrum zehnmal am Tage, während er grimmig seinen Staplerwagen um die Ecken schiebt und über die knochenharte, primitive Arbeit, Waren auf Paletten herumzuschippern, schimpft und flucht.
'Mittlerweile bin ich ja endlich Herr und Meister, habe Beschäftigte, die endlich mal nach meiner Pfeife tanzen müssen. Aber halt, es geht nur darum, daß manche Menschen einfach Führung brachen, jemanden, der sie an der Hand nimmt und zeigt wo's langgeht. Sonst sind die wie mutterlose Kinder verloren auf dieser Welt, so schaut's aus!'
Als er um eine weitere Ecke biegt, taucht Blacky auf.
'Na, der kommt mir grad recht! Leere Pfandflaschen aus Mülleimer gefischt hier zu vergolden, um seine 12köpfige Familie aus Syrien, Rumänien oder Weiß-der-Teufel-Woher zu versorgen, statt geregelter Arbeit nachzugehen, aber nicht mit uns! Das Pfandgeld kann er sich an den Hut stecken!'
Blacky ist nicht nur auf des Cabos Schirm, sondern auch auf dem des Lehrlings, und auf dem des... Einer nach dem anderen!
Das letzte Mal wollte Blacky nur eine Flasche einlösen, der türkische Lehrling war sich aber nicht sicher, ob er diese entgegennehmen darf. Blacky wurde wütend, was gibt es da zu zweifeln angesichts dieses eindeutigen Flaschenpfandlogos: „Sie sehen es doch!“ „Trotzdem! Ich muß den Chef fragen!“, wandte sich um und ging ins Büro des Abteilungsleiter, kam wieder heraus und ging an ihm vorbei: „Herr Abteilungsleiter telefoniert noch. Er kommt gleich. Warten Sie hier!“ Blacky wartete und wartete. „Was soll das, der telefoniert und telefoniert und lässt einen Kunden sich den Körper in den Bauch stehen!“ Er wurde immer wütender. Schließlich drückte er auf den Knopf der Flaschenmaschine und eine weibliche Roboterstimme ertönte: „Ein Mitarbeiter bitte zum Flaschenautomaten!“ Nichts tat sich. Noch einmal gedrückt und wieder nichts und wieder gedrückt. Unterdessen hörte der Chef den Lärm mit, wie die blöde monotone Maschinenstimme immer wieder die ganze, lange Halle beschallte, konnte aber nicht vom Telefon gehen, weil er in einem wichtigen Gespräch verwickelt war. Dementsprechend belferte er den Dunklen an, als er endlich herauskam: „Können Sie nicht mal warten, wenn ich telefonieren muß!“
„Wer ist hier König, der Kunde oder der Verkäufer!“
Der Abteilungsleiter unterdrückte seine Wut diesmal und händigte ihn den 25 Cent Pfandgut-Bon aus.
'Schau, daß die schleichst, du räudiger Hund, du!'
Dann war Blacky auf dem Schirm des sächsischen Mitarbeiters X. Dessen Reich war der Flaschenpfandbereich. Dessen Provokationen Blacky gegenüber standen in enger Absprache mit dem Video-Überwachungs-Administrator. Zusammen hatten sie den Dunklen schön länger auf dem Schirm. Er erschien ihnen höchst verdächtig. Nur fehlten stichhaltigen Beweise. Der Video-Meister stand sehr unter Druck. Die teure Video-Überwachungs-Anlage mußte sich endlich lohnen. Der Einkaufshaus-Besitzer schaute ihn schon scheel an. Nur einen Kaufhausdieb konnte er bislang noch nicht überführen.
Mitarbeiter X verstand sofort, sowie ihm der Administrator einige Aufnahmen von Blacky vorführte.
„Man kann nichts erkennen. Daß er sich etwas in die Tasche steckt! Aber...“
Mitarbeiter X war hellhörig und aufmerksam. Da mußte nur etwas nachgeholfen werden, dachte er. Er war ein Psychologie, der die falsche Arbeit erledigen mußte: Flaschenentsorgen. Man konnte ganz andere Flaschen „entsorgen“.
So überzog er den Dunklen mit einer Provokation nach der anderen.

Heute quittierte der Flaschenautomat wieder nicht eine Flasche. Blacky drückte erneut auf die Klingel und Mitarbeiter X trat aus dem Hinterraum hervor und erbot sich zunächst recht freundlich, natürlich sofort nach der von der Maschine verschluckten Flasche zu suchen.
„Warten Sie hier. Bin gleich zurück!“
„Warten“, dieses Wort brachte Blacky in diesen Räumen sofort auf die Palme.
„Ich geh mal schnell zur Metzgerei davorne. Wenn Dein Chef kommt...“ Der danebenstehende Lehrling nickte.
Als Blacky mit einem verpackten Batzen Hackfleisch wiederkam, traf er auf den mit Schultern zuckenden Mitarbeiter X.
„Da hat sich keine Flasche gefunden!“
„Heißt wohl, ich bekomm keinen Bon, was! Dann ruf ich ihren Chef!“ Schon wendete sich Blacky dem Geschäftsbüro des Einkaufszentrum zu.
„Halt!“ Er blickte in die grinsende, verquerte, verlogene Visage. Der Träger derselben hielt bereits einen vorbereiteten handschriftlich ausgestellten Bon in der Hand hoch.
Blacky hatte noch eine dritte Flasche in petto.
Eigenartigerweise fehlte diesem das Pfandemblem.
„Da kann ich nun wirklich nichts machen!“
„Aber...!“
„Nun aber wirklich. Tut mir leid!“
„Kommen Sie mal mit. Ich zeige Ihnen etwas!“
Blacky lief wütend um die Ecke zu solchen verkaufbaren Flaschen wie er eine in der Hand hielt.
„Okay, dann halt!“ Mitarbeiter X lachte und zeichnete die leere Flasche gegen.
Dem Dunklen kochte das Blut in den Adern.
Wütig lief er zur Kasse und unterließ in seiner Wut das zu zahlende Fleischprodukt zu begleichen. Es steckte uneinsehbar in seiner Jackentasche und dort ließ er es auch stecken. Er ließ sich den Wertschein ausbezahlen und verließ eiligst das Geschäft.
'Gerechtigkeit muß sein! Verarschen laß ich mich nicht. Widerstand ist nötig, um nicht sein Gesicht zu verlieren.'
Er trat aus dem Einkaufsareal hinaus und spürte eine Hand auf seiner Schulter.
„Kommen Sie mit, junger Mann!“
Der stinkige Abteilungsleiter und der aufstierende Mitarbeiter X forderten ihn entschieden auf, sie mit ins Geschäft zu begleiten.
„Wieso?“
„Wir müssen da ein paar Dinge klären!“
Sie hatten seine Bezahl-Unterlassung auf Video aufgezeichnet und weil jeder Diebstahl zur Anzeige gebracht wurde, dafür kein Verständnis aufgebracht wurde und bei allen anderen auf taube Ohren stieß, riefen sie die Polizei.
Während Blacky allein im Aufenthaltsraum der Mitarbeiter des Lebensmittelgeschäfts auf die Ermittler warten mußte, wurde ihm allmählich seine Lage klar. Rational sagte er sich zwar, daß es letztlich geschissen war auf die Tatsache, daß er nicht umhinkäme, eine kleine Strafzahlung für einen kleinen Diebstahl zu errichten – aber was war das schon im Vergleich zur Höhe des Erpressungsgeldes, das auf ihn wartete?
Und je länger er zuwartete, desto nervöser wurde er.
Wenn sie Verdacht schöpften, wenn die Arztfamilie vielleicht doch die Polizei eingeschaltet hatte nämlich und diese in dieser Gegend hier auch die Entführer mutmaßte, wovon auszugehen war, würden die schönen Scheine unwiederbringlich flöten gehen. Was war mit dem Herumliegen auf einer Insel, die vielen Tussi und das beschwerliche Leben hierzulande vor allem...
Mensch, er mußte sich verdünnisieren.
Er spitzte aus dem Raum, sah dort den Besitzer und den Video-Meister an den an den Decken in Abständen herunterhängenden Rohrleitungen Muskelübungen vollführen, was angesichts deren Korpulenz aussah, als ob Rindviecher, nur wie im Schlachthaus nicht umgekehrt, herunterhingen. Zu allem Übel, aller Bedrohlichkeit und vor allem jetzt Scham kam noch eine schnucklige Verkäuferinnen herein, um sich aus dem Kühlschrank etwas zum Vespern zu holen. Sie lächelte verlegen.
'Bin ich denn der Depp!'
Er fühlte sich mit einem Mal ziemlich mißerabel und begab sich instinktiv nach hinten aufs Klo. In diesem kleinen Raum entleerte er sich mit einem gehörig lauten Plippfff und erblickte über sich ein kleines, schräges, aufgeklapptes Fenster. Durch dieses gelang ihm die Flucht.
Aber das war ein Fehler, denn er wurde verfolgt. In seiner Freude über die Flucht hatte er sich nicht sorgfältig nach Verfolgern umgesehen. Nun würde die Polizei erfahren, wo er logierte und vielleicht, wenn sie dennoch nicht über die Erpressung informiert worden ist, über diese erst in Kenntnis gesetzt. Sobald sie in ihr Haus eindrangen, würden sie auf etwas stoßen, was hier nicht in Ordnung war und erahnen, daß hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging – höchstwahrscheinlich.
Diese Lage würde fatal werden. Zu welchen unschönen Szenen es zudem kommen könnte? Der Nachteil dabei: Sie hatten keine Waffe.
Wie nimmt man einem Bewaffneten seine Knarre weg? Die Polizisten waren bestimmt jeder mit einem Schießeisen bewehrt.
'Mir fehlt einfach die Erfahrung. Dumm, dumm. Noch nie eine Knarre in der Hand gehabt und Erpresser spielen wollen, tztzt...'
Noch wußte er nicht, daß sie verfolgt wurden. Sollte es zu einer Konfrontation kommen, war klar wie Kloßbrühe: sie würden sich bis zum letzten Messerstich wehren.

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11. Ein Schnüffler kennt keine Grenzen...

Beitragvon Pentzw » 18.06.2021, 10:23

Blondy hatte die Panik am Wickel.
Hatten sie übertrieben?
Hatte sie die Gier am Schlawittchen?
War es richtig, noch einmal das Lösegeld zu erhöhen?
Das hatten sie nämlich getan, als sie das letzte Mal die Ehefrau angesimst hatten, dabei die Order hinzugefügt, das Auto abzuschließen, da jemand zufällig vorbeikommen, die Geldablage beobachten oder auch einfach so im Gefährt nach Verwertbaren rumschnüffeln konnte, um am Ende auf die lieben Scheinchen zu stoßen.
Vielleicht hatte die Ehefrau zu diesem Zeitpunkt schon längst trotz Warnung die Polizei eingeschaltet und wenn diese fix reagiert hatte, hatte sie den Aufenthaltsort des Anrufers peilen können. Und damit standen sie längst schon unter Beobachtung. Die wollten natürlich die Gängster nach der Lösegeldübernahme kaschen. Damit diese keine Ausflüchte haben konnten.
Diese Ungewißtheit.
Wie immer, Blondy fühlte sich unter Beobachtung stehen, so oder so.
So oder so, er mußte verdammt auf der Huts sein.
Seine Angst bestimmte sein Verhalten: eine ganze Weile schlich er um den Parkplatz wie die Katze um den heißen Brei.
Aber Nachdenken, Argwohn und Vorsicht hin oder her, er hielt es schließlich nicht mehr aus, ging so achtlos wie möglich zum Cabrio, scharwenzelte doch erst einmal wie ein Betrunkener drumherum, tat so, als beäugte er die Reifen, warf einen Blick auf den Unterbodenschutz, dann auf die Schlagschlösser – und ging wieder weg. Legte sich doch noch einmal auf die Lauer, wartete ungeduldig das hereinbrechende Zwielicht der Abenddämmerung ab. Zwar hätte es dunkler sein müssen bis zum optimalen Zeitpunkt, aber es wurde ihm doch zu blöd. Er ging stracks aufs Auto zu, tat aber so, als wollte er es öffnen ohne die geringsten Hilfsmittel, stampfte mit dem Fuß auf, ging vom Auto weg, aber – jetzt war es ihm wirklich zu bunt – kehrte um und riß den Autoschlag auf.
Das Geld war da!!
Oder?
Er beugte sich zur sichtbar aufgebeulten Gummimatte des Beifahrerseitzes und entdeckte einen Koffer, raffte ihn an sich, öffnete ihn an seiner Brust, sah die Blüten, klappte den Behälter wieder zu, bewegte seinen Oberkörper aus dem Auto, schlug den Schlag zu, schloss zu – warum eigentlich, wußte er momentan nicht, vielleicht springt noch eine Fahrt im Cabriolet heraus – und machte sich auf den Heimweg.
So, jetzt war wieder ein neuralgischer Punkt.
Haben ihn die Verfolger nicht durch Peilung des Handys entlarvt, so mochten sie ihn von einem Satelliten aus im Visier haben oder welche technischen Möglichkeiten unbekannter Art die Behörden auch immer hatten. Er könnte zudem direkt verfolgt werden. Dies galt es einen Riegel vorzuschieben im wahrsten Sinne des Wortes. So wählte er natürlich den Weg zum Tunnel. Was einmal funktioniert hatte, nämlich beim Polizisten, würde es wieder tun. Er lief einige Zickzacks, trotz Dunkelheit, aber er kannte sich hier wie in seiner Westentasche aus, gelangte zur kleinen, röhrenförmigen Bahnunterführung, blickte sich um, was zwar eine überflüssige Geste war, denn er war sich seiner Sache sicher. Sollte sich jemand verdeckt an seine Fersen gehaftet haben, dann war hier Ende der Fahnenstange, wäre er doch längst über alle Berge, nachdem er die Tunneltür verschlossen hatte. Das Fahrradschloß hielt gut die eiserne Tür fest zu.
Nur hatte er nicht mit einem wie dem Ernst gerechnet.
Denn zur selben Zeit kam dieser zum Parkplatz, beobachtete die Lösegeld-Abnahme und stieß auf Blondie.
Ernst kam nun auch in den Tunnel, fand ihn versperrt, stach aus dem Tunnel heraus, krabbelte den Bahndamm hoch und stand vor den Gleisen im Dunkeln.
Es war wie russisch Roulette.
Würde er entkommen – trotz der Gefahr?
Er mußte einfach Erfolg haben, es allen beweisen, was für einer er war und so lief er los, von einem Gleis zum anderen – ein Hochgeschwindigkeitszug rauschte knapp vorbei – er fiel hin, aber nur aufs Schotter. Flüssigkeit rann ihn an der Backe herab, aber er war schon über die Hälfte des Wegs und stürzte dann das letzte Stück noch weiter, fiel den Bahndamm hinunter, schürfte sich die Innenflächen der Hände auf, kam auf die der Bahngleise entlangführenden Asphaltstraße zum Halt, wobei er sich in sehr günstiger Position befand, da er liegend kaum gesehen und einen Blick auf Blondie erhaschen konnte. Als dieser gerade das Gartentürchen öffnete, wußte Ernst, wo die Erpresser wohnten.
So war er sehr zufrieden, wenn er auch starke Schmerzen an Händen und Gesicht verspürte, aber die zählten jetzt nicht. Nachdem er sich zum Haus hingeschlichen hatte, erkannte er durch das Store in den beleuchteten Räumen sich Menschen hin und her bewegen.
War der Täter dort drinnen?
Unbedingt, denn die Gartenzäune grenzten jeweils an weitere Grundstücke, dort, wo er gerade stand, war der einzige von außen zugängliche Weg hinein.
Er duckte sich und verharrte in gekauerter Haltung.
Die Polizei, seinen Neffen, anzurufen jetzt, verkniff er sich. Sich den besten Bissen vom Fang wegschnappen zu lassen, ha! Killerinstinkt - wie seinerzeit 7. Kanzlerin Angela Merkel sich vom großen Vorbild des 6. Kanzlers Helmut Kohl distanzierte...
Jetzt war es an der Zeit, einen Plan zu entwickeln. Wie die Entführten auskundschaften. In den Garten, durch die Fenster ins Innere zu schauen. Oder versuchen durch die Kellerfenster ins Haus zu gelangen.
Er dachte dann: Jeder Plan braucht einen Rückzugsplan. Wie sollte der aussehen?
Plötzlich nahm er ein Polizeiauto wahr. Bevor sie ihn entdeckten, nachfragten, was er hier zu suchen habe, schlug er sich lieber in die hohen Ginstersträuche vor dem nahen Bahngleisdamm. Gut positioniert, verfolgte er von dortaus das weitere Geschehen.
Das Auto hielt direkt vor seiner Nase. Zwei Uniformierte und ein Ziviler stiegen aus, standen einen Moment unschlüssig vor dem Gartentürchen, der Zivile zeigte mit dem Finger zum Haus, sie öffneten das unverschlossen Gartentürchen, gingen die paar Meter hintereinander zur Eingangstüre und klingelten.
Ernst verspürte jetzt unbändig seine Wunden überall.

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12. Folge Deiner Bestimmung...

Beitragvon Pentzw » 22.06.2021, 21:11

Ernst wartete ein halbe Stunde und war überrascht, als zwei Unbekannte mit einer Frau aus dem Haus traten. Sie kamen geradewegs schnell auf ihn zugelaufen. Er duckte sich in seiner Deckung, hob wieder den Kopf, als sie vorbeiwaren, um zu sehen, wohin die drei liefen. Sie bogen links ein, Büsche verdeckten ihm die Sicht. Es war alles so schnell gegangen, daß er nicht einmal mit Bestimmtheit sagen konnte, wieviele Personen es waren. Er lugte, beugte und trat sogar einen Schritt aus seinem Gebüsch heraus, um sich Gewissheit zu verschaffen, aber er sah nur noch einen Mann und der stand dort in 50 Meter Entfernung unschlüssig herum.
Sollte er ihn sich kaschen?
Mit einem Mann wird er allemal fertigwerden...
Das war die erste Nagelprobe.
'MIT DEN HERAUSFORDERUNGEN WÄCHST MAN INS AMT!'
Er zog die Kappe übern Schädel, wobei er den Kopf senkte und im Laufschritt tat, als joggte er, stoppte, beugte die Knie, spreizte die Arme, wedelte mit den Händen, fuhr die Arme wieder ein, ließ sie baumeln und sich am Oberkörper auspendeln, während er den Kopf langsam hob und, der Zielperson sich nähernd die Lage, die Situation, den Tatort, schließlich das Zielobjekt selbst einzuschätzen.
Der Widerpart war spurlos verschwunden!
'NACHTIGALL ICH HÖR DIR TRAPSEN!'
War das ein Falle? Lauerte der Gegner hinter einem Gebüsch?
Das bedeutete vorsichtige Herangehensweise.
Er verringerte sein Lauftempo, hielt an, warf die Hände nach oben und nach unten wie jemand, der ein- und ausatmen musste und tappte und trödelte heftig den Atem ein- und ausstoßend langsam dorthin – aber da war niemand hinter dem Busch, da stamd niemand mehr, der Mann war wie vom Erdboden verschluckt.
Aber, na klar, es war hier ja der Tunnel, das er dies nur vergessen konnte. Das lag daran, daß er durch diesen ja nicht gegangen war, sondern stattdessen über den Bahndamm gesprungen ist.
Er näherte sich zögerlich diesem großes, schwarz gähnenden Loch.
Man wußte ja gar nicht, was auf einem da drinnen wartete. Waren die Verfolgten mißtrauisch, dann stand am Tunnelende bestimmt einer mit einer Knarre und...
'MENSCH, SEI NICHT ZÖGERLICH, SONST VERPASST DU DEN ABSPRUNG!
Augen zu und durch!
Und schon bückte er sich mit seiner 190 cm Größe und verschwand im röhrenförmigen Tunnel. Leider rutschte er mittendrinnen über etwas aus, konnte sich aber mit den Händen abfangen, verletzte sich aber an Backe, Hand und vor allem an den Backenknochen selbst, als er auf etwas Klebrigem flutschte und hinfiel. An der Innenwand des Tunnels ramschte sein Knie vorbei und er schrie aus voller Laut seinen Schmerz heraus.
Außerhalb sah er an seinen Schuhsohlen etwas Weißes kleben, was beißend nach Fäkalie roch.
'TIME IS MONEY!'
Einem humpelnden Hüftgeschädigten, einem verletzten Fußballer oder Orang Utang gleich stürzte er weiter. Er fühlte die Stärke, und immer stärker Stärke, mit zusammengepressten Lippen unterdrückte er Schmerzen, die zum Aufschreien waren.
Nach dem Tunnel türmte sich vor ihm eine grüne Wand dichten Waldes auf. Also verlief der Weg nach links diese Serpentine dort hinauf. Er stolperte über eine dicke, herausragende Kiefernbaumwurzel, fiel aber nicht tief hinab, verletzte sich auch nicht, lief aber praktischerweise auf allen vieren am Boden entlang den steilen Abhang hinauf. Dann stand er in einer Abzweigung.
Er blickte in zwei Richtungen.
Sah in der Weite einen tanzenden gelb-grauen Farbflecken. Ein Anorak, eine Kleidungsfarbe, jemand also, höchstwahrscheinlich die zu Verfolgenden.
Los, im sicheren Abstand schnell aufschließen.
Er erkannte drei Personen. Wer waren diese da vorne wohl?
Eine Person war weiblich.
Mit einer Frau als Bösewicht hatte er nicht gerechnet.
Aber um so mehr mußte er auf der Hut sein, keinen keineswegs unterschätzen, sprich auch eine Frau konnte gefährlich werden. Ob die zwei Geiselnehmer, diese Frau und ein anderer, den dritten, seinen Bruder in Geiselhaft hielten? Wenn es sich bei der dritten Person überhaupt um seinen Bruder handelte?
Egal, sich jedenfalls vor allen Menschen in Obacht nehmen und diese zwei oder drei, egal wen, überwältigen, übertölpeln und unschädlich machen. Irgendwie. Handelte sich beim Dritten um seinen Bruder, hätte er nur zwei außer Gefecht zu setzen, das war schon mal gut. Auf Hilfe seitens des Bruders dabei konnte er nicht rechnen, wahrscheinlich war er mit einer Fessel geknebelt und behindert.
Wenn man es nur genau wüßte! Wie konnte man sich nur einmal einen Überblick verschaffen?
Dazu war es bald ohnehin zu spät. Die drei näherten sich jetzt dem Parkplatz. Sobald sie den Cabrio erreicht hatten, war es zu spät.
SCHLECHTE KARTEN, MEIN GUTER!
In seinem Hirn rotierte es: was tun? Was tun? Was?
Nein, die Chance einer Übertölpelung hier, das mußte er erkennen, war zu ungünstig, so daß er sich entschied, sich in seinen Überwachungswagen zu werfen und die im Mercedes Benz Flüchtenden zu verfolgen.
Er wandte sich seiner alten Karre zu.
Hoffentlich war sie schnell genug. Hoffentlich soff sie ihm nicht ab. Alt genug war sie. Wenn auch von ihm vorher gut durchgeschaut worden und auf Vordermann gebracht. Öl, Luftfilter, Bremsflüssigkeit. Trotzdem, drückten die mit ihrem Mercedes-Benz-Caprio auf die Tube, dann hatte er das Nachsehen.
Mühsam atmete er plötzlich ein und aus. Sein Herz schlug schnell und hart. Er fühlte sich mit einem Mal krank.
Die Blechkiste sprang wenigstens sofort an.

alle rechte bei werner pentz

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13. Big Chief Adlerauge schaut Dich an!

Beitragvon Pentzw » 26.06.2021, 16:07

Big Chief Adlerauge schaut Dich an!

Mensch, wo sind meine Pillen, nicht da - was, wenn diese Reise länger dauert? Dies bedeutet, ich muß so bald wie möglich zuschlagen.
Regen, Regen, Regen, und jetzt beschlägts auch noch die Scheibe.
Dadurch muß ich näher heranfahren. Aber egal, die Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu werden, ist gleich hoch, ob nah oder weit, ob Regen oder Nichtregen.
Verflixt, ich bin zu dicht aufgefahren, nur gut, daß ich gebremst hab, aber gleichzeitig auch wieder aufs Pedal gedrückt hab. Das aufgedrehte Motorengeräusch haben die da vorne hoffentlich nicht gehört.
Nein, drehen nicht den Kopf nach hinten.
Die hintere Person scheint mir diese Frau zu sein, merkwürdig, hinten sollte doch der Entführte, also mein Bruder sitzen? Demnach wäre die Frau die Entführte? Oder diese hält meinem Bruder eine Pistole an den Kopf, da er auf dem Beifahrersitz hockt?
Ich spüre, daß mein Händy klingelt. Soll ichs rausfischen? Bestimmt mein Neffe! Lieber nicht, muß mich auf den Weg fokussieren, sonst springt mir der Erfolg noch von der Schippe...
Berlin!!!
Berlin wartet doch auf mich! Wie lang wohl die Entführung dauert? Ausgerechnet jetzt kommt mir dies dazwischen, kurz bevor ich am Ziel bin. Aber es ist eine Chance, dieses Dingfestmachen der Entführer, wahrscheinlich hilft sie mir dabei, die zweite Chance nutzen: Bundespräsident zu werden.
Bundespräsident!!!
Jetzt bewerben sich alle in meiner Partei um die Aufstellung, um gegen den alten Präsidenten zu Felde zu ziehen, der seine Wiederwahl verkündet hat. Jeder Tag zählt da, daß ich in die Hauptstadt komme, mannomann! Wenn ich da den Termin verpasse, was das für eine historische, nationale Katastrophe bedeutete, nicht auszudenken. So entscheiden Zufälle, Glücksfälle oder Pechsträhnen von einzelnen Schicksale von Völkern, Nationen und Kontinenten. Die Geschichte lernt uns dies, jawohl!
Aber aufpassen!
Ist da vorne nicht eine Ampel? Näher ranfahren, damit ich noch bei Gelb über die Ampel komm. Denk nicht an einen Unfall! Es wird alles gut! Alles wird gut. Ich schaffs! Dies hier und die Aufstellung zur Präsidentenwahl! Wäre noch schöner! Gelacht wäre das! Ha!!!
Ich werd durch jeden Fluß der BRD schwimmen. Beginnend mit dem Vater Rhein. Dann mit der Mutter, heißt das so?, Donau. Der Rhein, die Donau, also richtig! Aber nicht am Rheindurchbruch, nein, ich meine Rheinfall bei Schaffhausen oder doch vielleicht, mit Anseilung und so, wäre total spektakulär! Die Pressemitteilung wenn ich mir vorstelle: Präsident überwindet den Rheinfall, oder PRÄSIDENT ERNST DURCHSCHWIMMT LOCKER DEN RHEINFALL. Das für sich klingt phänomenal, wenngleich es ja nicht ohne Hilfsmittel vonstatten lief. Aber die Presse verkündet gern die Halbwahrheit wegen dem Auf-die-Drüsen-Drücken. Steigert die Auflagenstärke, weiß man ja! Dies würde über alle Grenzen hinaus aufsehen erregen, vielleicht bis in allen Ecken und Winkeln der Erde, wie einst der Große Chinesische Führer der Kommunistischen Partei und Chinesische Staatspräsident Mao-Tse-Tung ins Meer geschwommen ist und dieses Bild davon die ganze Welt eroberte...

Wo sind sie jetzt? Sind die mir durchgebrannt? Ernst, du mußt besser aufpassen. Schnell gemacht und gedrückt aufs Pedal, den PKW überhol vor dir, ahja, schaff ich doch, ha, heute schaff ich alles, es ist mein Tag, jetzt ist mirs klar! Kein Blinken des Gegenverkehrs, kein Hupen, einfach wie geschmiert läufts. Und da sind sie ja schon, ja, so ists gut - ja! - ich hab sie wieder.
Ein Bundespräsident muß ein Programm haben, worauf sein Volk bewundernd schaut und mein erster Programmpunkt wird die Durchschwimmung sämtlicher Flüsse unseres Landes sein, wobei ich mich gut beraten lassen muß, hinsichtlich Impfung gegen Verschmutzung, ich bin doch so anfällig gegen Krankheiten. Und meine Tabletten müssen auch berücksichtigt werden. Aber generell darf der Präsident nur durch solche Flussstellen schwimmen, die a) am ungefährlichsten sind und b) am unverseuchtesten, wobei dieser Aspekt der Auswahl nicht an die Öffentlichkeit dringen darf, weil das ein schlechtes Licht auf unsere heimatlichen Flüsse würfe. Man muß da immer diese Sehweise im Blick haben: uns geht’s bestens, unser Land ist super in Schuß, vergiss die ökologischen Miesepeter und...
Grr...
Oh Mann, diese Bremsen, der Chef könnt die auch mal überprüfen lassen.
Möcht bloß wissen, wohin die überhaupt fahren? Zum Flugplatz? Dann müßten sie Richtung Nürnberg fahren. Hm. Könnte hinhauen. Oder sie fahren nach München. Oder nach Neumarkt. In die Oberpfalz hinein.
Jetzt fahren sie wieder los, jetzt kuppeln, jetzt...
Fit bin ich ja für die Herausforderungen des Präsidentenposten: ich kann durch jeden Fluß schwimmen, bei uns gibt es ja keinen Mississippi, Gelben Fluß oder Amazonas, die ja so etwas von breit sind. Nein, meine Übungen in Langlauf, Krafttraining und Schwimmen, Schwimmen, immer wieder Schwimmen, haben schon etwas gebracht und zahlen sich dann aus! Wenngleich unser Kanal schon ganz schön schwierig und verseucht ist, denn da bin ich doch glatt mal abgesoffen letzthin. Aber das lag am vorbeischippernden Schiff, daß riesige Wellen geworfen hat, ja und neulich bei dieser Schleusensperre, hätt mich doch glatt ein starker Song hineingezogen, wo ich ganz schön geschreddert und gedrechselt worden wäre.
Brrrrr...
Warum halten die an der Seite da hinten?
Wo stopp ich jetzt, ah, davorn rechts auf dem Kaufhauspark-Platz mich stellen und abwarten, bis sie an mir vorbeikommen und mich dann wieder an ihre Ferse heften. Die Ampel ist rot vor mir. Die linke Ampel ist grün – und da kommen sie schon hinter mir her und sie fahren links durch, um so besser, da bieg ich auch links ab und folg ihnen wieder – ha, läuft wie gschmiert.
Die fahren mit Sicherheit zur Autobahn... Hab ichs nicht gesagt! Aber dennoch, könnten ja irgendwohinein in den Wald abbiegen... Hm. Aber jetzt gehts einstweilen, wies aussieht, geradeaus, so daß ich mein Handy ausschalte..n...könnte.
Hm, passiert mir was, siehts schlecht aus mit der Erreichbarkeit, lieg ich tot im Maisfeld, überdeckt von Maispflanzen, die hier wachsen, sieht es auch nicht rosig aus.
Aber nicht doch!
Denk positiv!
Bleib am Ball!
Du obsiegst!
So, es geht also an der Autobahn vorbei, sieh einer guck, die fahren also auf der Bundesstraße Richtung Oberpfalz. Ist besser wie auf der Autobahn, da ist schon so mancher Unfall beim Stoppen von Verdächtigen passiert, wenngleich, sind viele Leute anwesend, um einem herum, so eine Übertölpelung würde leichter von sich gehen, weil aufsehenerregender und da laufen sie zusammen und, aber in so einer Stein-, Sand-, Wald- und Einödwüste wie in der Oberpfalz hinwiederum, hm, ist auch nicht überall so, jedoch, wenn sie sich schlafen legen, könnte man sich anschleichen und einen nach dem anderen außer Gefecht setzen – man wird sehen.
Halt einen größeren Abstand jetzt, ist doch ein Verfolger auffälliger bei diesem spärlichen Verkehrsaufkommen, wenngleich so nahe dranbleiben muß ich, daß ich sehen kann, biegen sie plötzlich bei einem Feldweg ab, hab ich das Nachsehen.
Verflixt, jetzt duscht es aus allen Kübeln, da seh ich kaum was. Das Licht anschalten und näher ranfahren und jetzt fahren die glatt links ab in eine asphaltierte Straße, nach Heubeck oder wie das Kaff heißt, und da können sie sich nicht unterstellen, da werdens doch vielleicht weiterfahren – hinter mir ein Auto, ist der verrückt bei diesem Sauwetter zu überholen, aber bitte sehr, selbst sollst Du der Meister Deines Todes sein – deutsche Freiheit!
Unbegrenzte Fahrtgeschwindigkeit auf allen Straßen und Autobahnen, da müßte ich auch mal eine Gesetzesinitiative anstoßen, was ich ja als Präsident nicht machen könnt, aber vielleicht ist der doch berechtigt, selbst solche Gesetze anzustoßen, ich werd ja sehen.
Und, heiliger Birnbaum, jetzt fahren die doch glatt in den See-Parkplatz. Werden also bei dieser Regendusche im Terrassenrestaurant Unterschlupf suchen! Geld genug haben die jetzt, diese Saubackenpeter.
Aussteigen tun sie ja, die Frau bleibt im Auto, aha! Das bedeutet, die Frau ist die Entführte! Interessant! Ich schau sie mir mal an, wenn die anderen weit genug wegsind.
Nen Regenschirm wär nicht schlecht.
Hab ich.
Und noch ein Aqua Mineralwasser mitnehmen.
Aber diese Idee! Genial! Messer, wo bist Du? Denen werd ich ein bißchen die Luft rauslassen, damit sich nicht so leicht mehr flüchten können. Und ha – dann stecken sie in der Falle.
So, jetzt man hin, und auweh, die Frau ist gefesselt und geknebelt, aber doch bei Bewußtsein wie die mich anglotzt.
„Ich komm später zurück!“ Ob die mich hört? Klopf an die Fensterscheibe. Sie nickt. Gut, dann hat sie mich verstanden.
Wo sind die anderen? Na dort.
Halt, zurück!
Erstmal Stiche in die Autoreifen, aber Vorsicht, nicht daß die herausweichende Luft explodiert und mich umhaut. Da hat es schon machen aus den Socken gehauen.
Eins, ha, das geht ja ganz gut.
Und zwei, drei und vier!
Jetzt hinterher!
Sind noch zu sehen. Die gehen, habs ja gewußt, ins Restaurant, machen sich das Leben leicht, ist klar! Anderseits, bei diesem Wetter, wohin sonst?
Wenn ich ihnen dorthin folge, was mach ich da, weil, ich hab kein Geld dabei, merk ich jetzt. Aber immerhin, ich kann ja auf der Terrasse sitzen, die überdacht ist, die werden mich nicht doch wegscheuchen, wenn es so regnet?
Und da sitzen sie.
Und wohin ich? Kaum Platz, dichtgedrängt, aber ein freier Platz ist dort.
„Darf ich?“
„Aber sicher doch!“
„Danke!“
„Saumäßiges Wetter!“
Nicken, sagen aber nichts. Umso besser, 'serpart mir zu reden, lieber sich auf die zwei Typen konzentrieren. Die schweigen und glotzen mißtrauisch um sich herum.
Tät ich auch an ihrer Stelle, weiß Gott, Grund genug habens!
Die Stunde der Wahrheit naht!
DAS SCHICKSAL DER NATION SCHLÄGT!
Eine Sternstunde meines Lebens tritt ein!

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Pentzw
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14. Wer zu spät kommt, bestraft das Leben...

Beitragvon Pentzw » 01.07.2021, 15:03

Ich werd verkünden, daß der neue Bundespräsident keine Familie hat, um sich ausschließlich für seine Bevölkerung aufzuopfern: mit aller Kraft und Energie gehört er ihr. Widmen, widmen muß ich sagen, er widmet sich vollumfänglich... Genau... Wie ein katholischer Pfarrer. Da werd ich am Ende doch noch meine Gemeinde finden, den Sprengel BRD, die Schafherde Deutsches Volk oder Bevölkerung der im jetzigen Territorium der Bundesrepublik Lebenden. Ähm, wie nun, ich bin mir nicht sicher, ich brauch einen Berater. Genau, meine Cousine aus der Stadtverwaltung, die müßte das bestimmt wissen.
Es duscht und duscht, mannomann.
Aber was tut sich dort?
Da geht ein Mann auf die beiden zu. Bestimmt der Pächter. Er stupst den einen von hinten auf die Axel.
„Ich mache hier eine Ausnahme. Aber das mitgebrachte Getränk hier verschwindet!“
Hätt was bestellen sollen. Wenn der mich jetzt sieht mit meiner Flasche. Also schnell meins hinunter damit.
„Ich habe diese egoistischen Schweine in diesem Land verdammt noch mal satt! Nicht mal im Regen darf man sich unterstellen, ohne Geld zu blechen. Seid ihr denn alle nur noch vom Geld verrückt geworden, ihr Halsabschneider!“
Mann, der hält dem Kraftprotzen doch glatt eine Pistole vor die Nase. Der andere ist jetzt auch aufgestanden und versetzt ihn einen Schwinger, daß er voll auf den Boden kracht, zum Glück Holz, die scheppern ganz schön, diese Bohlen und Bretter!
Einige Leute stehen auf, abber trauen sich nicht. Natürlich, der Pistolero zeigt mit seiner Knarre reihum.
„Aua!“ Und der am Boden vom anderen voll in die Seite, ein- zweimal getreten – aber Mann hör doch auf!
„Schieijie!“
Oje, muß aber ganz schön wehtun, bei dem schrillen Aufschrei zu urteilen.
Und jetzt hauen die ab.
Ihnen nach, aber langsam. Ich muß ihnen trotzdem nach, auch wenn die eine Pistole haben, womit ich gar nicht gerechnet habe. Die Situation gerade war ganz schön gefährlich. Wenn die ein Massaker bei den Touris angerichtet hätten, oh, mannomann. Besser bloß klotzen, sich nicht rühren, auf keinen Fall etwas unternehmen, was bleibt einem schließlich übrig, bevor man zu Hackfleisch zerschnitten wird.
Jetzt laufen die bestimmt zum Auto zurück.
Eine Abkürzung? Geh ich lieber dortdurch um die Hütte, da am Segelboot vorbei.
Und das Auto!?
Da versteck ich mich dahinter.
War richtig, daß ich die Reifen durchstochen habe.
Halt, ist doch keine gute Idee deswegen, weil die schauen deshalb um das Auto herum. Ne, lieber in meinen Beobachtungstransporter zurück.
Hopp, hopp, hopp, jetzt aber schnell, bevor die kommen - wie ein Springteufel. Und jepp, die Tür auf. Und zack, Tür zu. Zum Ausguck!
Sind schon dort, schaun blöd aus der Wäsche, haha. Machn die Tür auf, zerrn die Frau heraus, stoßn sie vor sich her und kommn auf mich zu. Die wolln doch nicht etwa hierherein? Dann bin ich verratzt.
Wohin? Unter die Bank, da ist ein Vorhang davor. Wohin sonst? Mach!
Und dunkel wirds, wunderbar! Wie ein Hecht, ein Fisch, der den Kopf ins dunkle Loch steckt, aber dessen Schwanz noch heraussteht, bin ich, also rein mit den Füßen.
Es kracht, hab ichs grad noch geschafft.
Die Schiebetür geht auf! Blöd, ich hab vergessen zuzuschließn. Hätt eh nichts genützt.
„Wohin mit der Schnalle?“
„Da, auf die Bank!“
„Bleib bloß ruhig!“
Und über mich drauf wird sie gesetzt. Auf den Sitz über mir ist sie, das Mädel ists, mit Sicherheit.
Ob die den Wagen ankriegen? Ohne Schlüssel? Mir würds nicht gelingen! Startet! Sauber!
Ob ich die Frau an den Füßen berühren soll? Bestimmt, daß wird sie beruhigen, wenn sie weiß, jemand steht ihr bei. Aufschreien kann sie ja nicht, hat ja einen Knebel im Mund. Als kann ich es machen.
Vorsicht, die schlägt zurück, Mann. Aber jetzt hört sie ja schon auf. Erste Reaktion war das Ausschlagen. Bis sie es kapiert hat, daß unter einer sitzt. Ihr möglicher Retter, ihr Helfer, der Erlöser.
Sehr gut!

Jetzt mal abwarten, Mädel. Bevor dein Messias kommt.
Aber hehe, die fahren wie die gesenkten Säue, da muß ich mich verflixt noch mal irgendwo festhalten, sonst werd ich noch schlimmer hin- und hergeworfen. Und meine Schmerzen tun eh schon weh. Das gibt nur mehr Schmerzen. Allmählich komm ich mir schon vor wie Jesus, den man den Essigschwamm in den Mund gesteckt hat, als er um durststillendem Wasser bat!
Aua, ich verspür bald gar nichts mehr im einzelnen, nur noch ein großes Ziehen und Schmerzen in meinem Schmerzzentrum.
Und ich merk schon, daß ich automatisch weine. Aber besser als schreien!
Ruhig bleiben, obgleich die eh nichts hören dürften bei dieser Fahrerei.
Eigentlich läuft's gut. Ist doch gut, daß ich meine Feinde so nah bei mir habe jetzt. Jetzt können sie mir bestimmt nicht entkommen und davonfahren.
Ha!
Und ich fühl mich so was von stark. Ja, ich bin kräftig. Ich bin stabil, das macht mich richtig stark, diese Gefahr, diese Herausforderung!
Was für ein Geheul, Sirenen, klar die Polizei, die ist gerufen worden vom zusammengeschlagenen Terrassenrestaurant-Chef und fischen mir jetzt am Ende den großen Hecht weg!
„WER ZU SPÄT KOMMT, DEN BESTRAFT DAS LEBEN!“, wie der 4. Kanzler der Bundesrepublik Deutschland Willi Brandt zum Fall der Mauer richtig gesagt hat, aber nein, „Wende“, oder doch „Fall der Mauer!“, Cousine, nach diesem Abenteuer habe ich Dir viel Fragen zu stellen.
Vergiß jetzt alles andere und fühl deine Stärke!
Ja, ich fühl es, ich schaff es, jetzt muß ich zuschlagen, wenn ich so Stärke fühle!
So krieche ich aus meinem Versteck – he, ich mach es ja tatsächlich - bleib aber auf allen Vieren, ja, ja, so ists richtig, und krabbel zum Vordersitz. Und nun?
Ich werde mich jetzt langsam erheben und - hm – schlag dem Beifahrer mit irgendetwas übern Kopf. Aber nur was?
Ein Schraubenschlüssel wär grad richtig.
Aber wo hier?
Keine Idee, hm.
Oder eine Schnur, irgendetwas verdammt und zugenäht!
Tja, Präsidenten müssen Ideen haben, müssen sich in jeder Situationen zurechtfinden, Politiker müssen immer reagieren können, egal, was kommen mag.
Also!
Mir fällt einfach nichts ein...
Aber ich bin stark, stark, stark, und das Martinshorn ist immer deutlicher zu hören, so daß ich jetzt einfach mal aufsteh!
Oder?
Wie die Frau mich anstiert! Ja, Dein Retter bin ich! Leider kann ichs dir nicht nicht sagen. Na, Du weißts schon. Ich streck mal den Daumen noch hoben, damit alles klar wird, wie Nero dies gemacht hat und die Sklaven wußten, sie sind befreit.
Glaub mir, Sklavin bist du auch nicht mehr, lange, Gefesselte!
Genau, Du hast verstanden.
Alles wird gut, Mädel!
Ja, nick nur heftig, Du hast Grund zur Freude.
Alles wird gut, bald bist Du erlöst, aber mit dem Nicken darfst du auch nicht übertreiben, sonst sehen dich die Entführer im Rückspiegel und merken, daß da etwas nicht stimmt.
Ich nehme lieber die flache Hand und senke sie: Bedeutung: Immer-mit-der-Ruhe.
Siehst Du, es ist gut, Du beruhigst Dich...
Wo aber ist ein Gegenstand?
Aufm Busboden liegt auch nichts rum, daß man verwenden könnt. Und die Handwerker-Sachen hängen doch dort an den Karosseriewänden, aber da sehen die mich im Rückspiegel, wenn ich nach greifen will. - Aber da liegt etwas zufällig zwischen Vordersitz und Boden. Ein altes Eisenrohr, wo immer her, darf hier nicht liegen, kommt wie gerufen, wartet, jetzt blüht euch was.
Ja, ich schaffs trotz Geschaukle, aufzustehen und zu brüllen: „Anhalten, oder ich schlag zu!“
Jetzt fall ich über den Rand auf den Beifahrer, der Fahrer ist voll auf die Bremse getreten, der Blödmann, und auf diesem drauf, der schnell noch seinen Kopf nach vorne gebeugt hat. Den hätts ansosnten glatt den Kopf weggerissen.
Meine Füße hängen dem anderen unter der Nase und vorm Gesicht und das ist gar nicht gut für die Fahrersicht.
„Schnell, schlag das Lenkrad rechts ein, zur Fahrbahnseite, bevors crascht – Mann, ich seh schon ein Auto auf uns zukommen!“ Und ua...

Der Zusammenstoss mit einem Lkw von der gegenüberliegenden anderen Seite war so heftig, daß förmlich die Fetzen flogen, naturgemäß vor allem Glas- und andere Splitter. Der Rumsch war heftig, die Stoßwelle wuchtig und die Menschen verletzlich: Fahrer und Beifahrer waren sofort tot. Ernst schlug es glücklicherweise nach hinten über den Sitz auf den Boden mit einem Krach, einer Heftigkeit und einem Schmerzensstoß, daß ihm nun völlig die Besinnung raubte.
Einmal muß selbst der größte Held das Handtuch werfen, ob er und will oder nicht!
Aber, zu aller Leute Beruhigung gesagt: er wachte rechtzeitig auf, um nach Berlin zu fahren, um sich zum Präsidentenkandidaten aufstellen zu lassen. Dort werden wir noch mehr von ihm hören.
Sei'n wir gespannt!

alle rechte bei werner pentz

Pentzw
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15. Nachspiel nachhaltig

Beitragvon Pentzw » 07.09.2021, 22:23

Der Kriminaler, der für diesen Fall angesetzt war, krauste die Stirn, während er über den Unterlagen gebeugt war und als er sich erschöpft zurückwarf in seine hohe Chefsessel-Lehne, schüttelte er den Kopf von links nach rechts.
'Was sollte man davon halten?'
Er war Hauptkommissar mit Fällen, die selten als kapital zu bezeichnen sind. Hier und da einmal einen Kaufhausdiebstahl, häusliche Gewalt, Suizid oder wenn's hochkam ein richtig schönes Gewaltverbrechen im Asozialen-Milieu, das war's, was die Provinz zu bieten hatte. Und wenn es Spitz auf Kopf stand, dann schlug er sich immer noch auf die Seite der Mächtigen, der Stützen, der Entscheider und Bestimmer, so daß eine Anklage eine höchstwahrscheinlichere Trefferquote beschieden war. Daß dies seiner Karriere förderlich ist, versteht sich, da die Schwachen, wenn sie am Pranger stehen, weniger Mittel zur Verfügung stehen als die Reichen. (Wenn Sie nun an den Fall mit Blacky und dem Kaufhausdiebstahl denken, liegen sie richtig. Der dort erschienen Hauptkommissar war diese Person hier.)
Jedenfalls, gegenüber dem sonstigen Kleinkram war doch dieser Entführungsfall eine andere Sache. Das roch regelrecht nach Lüge, Trüg und Täuschung und zwar im großen Stil. Er spürte dies wie das Wetter in seinen geschlagenen Knochen, daß das noch etwas Großes geben würde und der Fall abgründiger war, als es auf den ersten Blick vermuten ließ.
Da bei ihm das Sprichwort zutraf: Der Wunsch ist der Vater des Gedankens, darf man feststellen, daß ihn sein Ehrgeiz, Unausgelaßtet- und Kühnheit nicht gerade zu einem systematisch denkenden Kopf stempelte, der langsam, aber unerbittlich zielführend war. Klar auch fühlte er sich an seinem Posten in der Pampa fehlt am Platz und für überqualifiziert. Diesen Hintergedanken ließ er nicht hochkommen, dazu war er zu professionell. Denkt er.
Aber sein Ansatz war immerhin richtig: zunächst an den Anfang der Erpressung kommen.
Wie begann die Erpressung?
Das hängt davon ab, welches Motiv dahinter steckte.
Und das Motiv war das am schwersten zugängliche Ding an einer Mordsache.
Nun gut, es gibt zwei Möglichkeiten:
Die Erpressung geschah
a) aus einer Verschwörung heraus
b) aus Zufall.
Beginnen wir mit dem am wenigsten wahrscheinlichen Motiv, wenn auch der faszinierensten Variante.
Alle stecken unter einer Decke.
Hm, außer vielleicht der Krankenschwester, die keinen auffallenden Vorteil aus dieser Erpressung zieht, vielmehr das Opfer überhaupt war oder vorsichtig formuliert, das am meisten Haare und Federn ließ, kurzum, der am opfervollsten mitgespielt wurde. Wurde sie vielleicht mit Geld dazu verleitet, mitzuspielen, sich scheinbar zu opfern und zu schweigen?

Fing es so an?
Die drei Verwandten saßen zusammen.
„Ernst sollte nach Berlin gehen!“
Die Aussicht, Ernst aus dem Blickfeld, aus der Kleinstadt, der näheren Umgebung zu haben, war eine schöne. Es hob die Stimmung am Tisch, denn jeden erfreute diese Vorstellung, am meisten natürlich Ernst.
„Nur, wie können wir das erreichen?“
Der Arzt hatte gesagt: „Da kommt mir eine Idee. Ich kenne da aus meiner Klinik zwei Drogenabhängige, zwei Kleinkriminelle und Möchte-Gern-Ganoven, mit denen man Pferde stehlen kann. Die machen wahrscheinlich alles, Hauptsache, sie können sich ein bisschen Geld verdienen.“
„Klingt interessant.“
Und schon steckten sie die Köpfe zusammen.
Diese verschworene Verbrecherbande stand nunmehr bestimmt vor diesem Problem: die Kleinganoven hatten keine Knarre, da es sehr schwer war in Deutschland, eine in die Hände zu bekommen, zumal für Drogenabhängige und allemal für Vorbelastete und Vorbestrafte. Aber richtige Entführer brauchten eine Pistole.
Also lieh der Polizist ihnen seine.
Das erklärte diesen merkwürdigen Sachverhalt mit der Pistole, hm.
Alle hatten doch damit gerechnet, die Entführung klappe und der Polizist bekomme bestimmt wieder seine Dienstpistole zurück und es falle bestimmt nicht in die Hände von polizeilichen Ermittlern nach so einem undenkbaren, unwahrscheinlichen Desaster.
Dann kommt aber noch hinzu? Wozu das viele Geld? Wer hatte ein Interesse an diesem, es war ja quasi ohnehin Familieneigentum. Hatte sich jemand verschuldet, war spielsüchtig, hatte eine Mätresse, außer der Krankenschwester. Hm, dann aber mußten nicht nur der Arzt, wenn der in Frage kommt, auch der Polizisten-Neffe einen guten Grund für das Geld haben.
Das wäre allerdings ein unwahrscheinlicher Zufall.
Jedenfalls, mit der Entführung und dem Gelderlös würden die Entführer zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen haben: Geldeinnahme und den unliebsamen Ernst und Bruder von der heimischen Bildfläche verschwinden lassen.

Zur zweiten Variante.
Gehen wir davon aus - der Kollege Polizist hatte dazu noch keine Angaben gemacht - er war so dämlich oder der Zufall wollte es, daß es so unglücklich lief, daß ihm seine Pistole irgendwie abhanden gekommen war. Oder geklaut worden, nein. Stellen wir das einmal hinten an.
Aber warum diese extreme Geldhöhe?
'Weshalb gleich solch eine hohe Summe von einer Million Euro erpressen? Wie kommen sie darauf, daß es möglich war? - Hm. - Sie haben diese Erpressung nicht geplant. Es wurde bestimmt keine Vorbereitung durchgeführt, keine Auswahl des Opfers getroffen, wie auch? Sind die zufällig am Cabrio vorbeigekommen und haben sich dazu entschieden, einen Menschen zu erpressen? Nur, was hat sie dazu bewogen? Ein Arzt muß auch nicht unbedingt ein Goldesel sein. Außerdem sieht man es keinem Menschen an der Nase an, daß er Arzt ist. Warum sind sie darauf verfallen, von diesem Doktor gleich eine Million Euro zu erpressen?'
Nochmal.
Zufällig entdecken die Ganoven also zwei Menschen gerade in einem Auto beim Sex. Anfänglich machen sie sich etwas lustig über die Beschämten, Entdeckten, Entblößten.
„Das ist doch ein gefundenes Fressen, was? Das ergibt einen fetten Happen? Die erpressen wir ein klein wenig. Das könnte sich lohnen, was Kumpel?“ „Hm, vielleicht hast Du recht? Das ist ein guter Anlaß, Sex im Auto, auf Video aufgezeichnet, ideal für eine Erpressung, hm!“ „Hm, meinst da springen ein paar Tausend Euro heraus, was!“ „Meine ich schon!“ „Wau!“ Wie gesagt, anfänglich ist es nicht ernst gemeint von den dahergelaufenen Kleinkriminellen, keine wirkliche Absicht, nur mal so ein klein bißchen Auf-dem-Busch-klopfen.
Aber einer der Entblößten verliert plötzlich die Nerven, der Mann, hier der Chefarzt, denkt, er würde wirklich entführt und treibt die Summe in die Höhe, nur aus Angst heraus, sein Fremdgehen könnte an die Öffentlichkeit gelangen; seine Karriere, sein Prestige, sein Status, den der ganzen Familie steht auf dem Spiel, und nicht zuletzt, wenn seine Ehefrau davon erfahren würde, wäre der Teufel los.
„Ihr kriegt so viel ihr wollt!“
„Vielleicht ne halbe Million?“
„Auch das, wenn's sein muß!“
Die beiden Zufallsentführer verschlägt's den Atem.
Sie starren sich an. So eine Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder, was?
„Ne Mille muß es schon sein?“
„Meinetwegen!“ Die Schweißperlen auf der Stirn des Arztes schimmern silbern.
Hauptsache es kam nicht heraus, daß er mit einer Krankenschwester, einer Untergebenen, einer Komparsin Sex im Auto gehabt hatte, was einen gehörigen Skandal verursachte, den er sich als Chefarzt und zumal als wohlsituierter Ehemann nicht leisten konnte.
War es so?
Oder war es diejenige, mit der der Arzt die Million Euro verprassen wollte, untertauchen mit ihr, ein neues Leben beginnen, die Krankenschwester - aber das ist doch zu abstrus. Schließlich hat er eine sehr gut bezahlte Anstellung als Chefarzt. Aber einmalig das Geld ausgeben, für eine Weltreise, eine Jacht kaufen, was immer? Welche Rolle aber spielte hierbei der Polizisten-Neffe?
'Na, dann hören wir uns einmal die Beteiligten an, was sie zu sagen haben!'


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