sound & vision

Moderne Literatur heißt: Kino, Theater und Oper nicht vergessen. Welcher Film ist sehenswert? Welche Inszenierung gelungen?
riemsche
Dionysos
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Re: sound & vision

Beitragvon riemsche » 29.03.2020, 12:01

Freaks
US 1932 | 64 Min | DCP
Regie: Tod Browning
Darsteller/-innen: Wallace Ford, Leila Hyams, Olga Baclanova, Roscoe Ates, Harry & Daisy Earles
Drehbuch: Willis Goldbeck, Tod Robbins
Kamera: Merritt B. Gerstad

Ein Monolith in der Geschichte des kommerziellen Kinos, fremdartig wie Gestein von anderen Planeten. Eine Perle, wunderlich seltsam und zugleich wunderbar schön. Freaks, ein Film, der gemäß den Gesetzen der Industrie gar nicht bestehen dürfte, stellt das Genre schlichtweg auf den Kopf. Der halbe Mann, die an Marsmenschen erinnernd siamesischen Zwillinge, die Dame mit Bart, der lebende Torso sind keine Kreationen der Kinoillusion, sondern reale Geschöpfe_ das Phantastische wirklich, das Wirkliche phantastisch. Zudem radikalisiert Tod Browning ein Sujet, das im Horrorfilm stets latent vorhanden ist: Wer ist hier eigentlich das Monster? Freaks ist in all seinen berührenden und horriblen Momenten großartig nüchtern, trocken, lapidar und stets erpicht auf die kürzeste, schnörkellose filmische Aussage – eine Kino-Singularität, wahlverwandt den Werken des großen Don Luis Buñuel.

Tod Browning war physisch betroffenen Protagonisten kein Unbekannter. Viele seiner Stummfilme, darunter The Unknown (1927) und The Unholy Three (1925), zeigten prominente Charaktere mit speziellen Handicaps. Bevor er nach Hollywood kam, arbeitete er fünfzehn Jahre im Zirkus - Elemente dieses Schauplatzes flossen in Folge in seine Arbeiten ein. Im Gegensatz zu all den Schönen, die damals primär die Leinwand bevölkerten, waren seine Helden keine attraktiven, glamourösen Wesen, sondern von einer Form und Gestalt, welche zu dieser Zeit normalerweise im Verborgenen herablassend behandelt wurde. Nach dem Erfolg von Dracula (1931) wünschte sich MGM von Tod Brownings „etwas noch Schrecklicheres". In Folge adaptierte Willis Goldbeck _am ehesten für sein Script zu The Man Who Shot Liberty Valance bekannt_ eine Geschichte von Tod Robbins mit dem Titel Spurs, schrieb ein Drehbuch, in dem sich ein Zirkus-Zwerg in die schöne Bareback-Reiterin verliebt, welche sich bereit erklärt ihn zu heiraten, weil sie in Erfahrung bringt, dass es viel Geld zu erben gibt. Die Dreharbeiten begannen im Oktober 1931 mit einem Budget von 290.469 Dollar. Die Anwesenheit waschechter Freaks auf dem MGM-Grundstück verursachte allerlei Probleme – Harry Rapf, einer der Produzenten führte in dem Zusammenhang eine Delegation an, die den Studiobetreibern riet, das Vorhaben einzustellen. Dies wurde schließlich abgelehnt, die Arbeiten unter Bedingungen fortgesetzt, dass sich die Mehrheit der Darsteller gezwungen sah, im Freien zu speisen, um nicht als störend empfunden zu werden. Die Dreharbeiten wurden Mitte Dezember mit Ausgaben von knapp 10.000 Dollar über dem geplanten Budget abgeschlossen.

Erste Sichtungen des Filmmaterials führten zu katastrophal willkürlich Kürzungen von fast 30 Minuten. Das Werk musste vor seiner Genehmigung zweimal bei New Yorker Zensurbehörden eingereicht werden. Dennoch war es trotz umfangreicher Korrekturen bei Veröffentlichung für s zeitgenössisch Publikum noch immer the most shocking thing you d ever seen und ein Großteil der Presse dagegen. Die Kritik der New York Times begann mit: // Metro-Goldwyn-Mayer hat definitiv ein ungewöhnliches Bild auf Lager. Die Schwierigkeit besteht darin, zu sagen, ob es im Rialto - wo gestern die Premiere stattfand - oder beispielsweise im Medical Center gezeigt werden soll.// Die National Association of Women verurteilte den Film aufs Schärfste, sah in ihm nur einen weiteren Beweis für sinkend moralische Standards einer Traumfabrik. Aufgrund von Kontroversen, schlechter Presse und dem Unvermögen, ein Publikum zu finden, zog MGM ihn nach drei Wochen aus dem Verkehr. Das Studio sah keinen Anlass, für einen funktionierenden Vertrieb zu kämpfen – entfernte sogar von plakativ Drucksachen sein Logo. Manche vermuten, dass dies an der grundsätzlichen Abneigung von Studio-Chef Louis B. Mayers lag. Für Regisseur Tod Browning erwies sich die Lage als Knick in vielversprechend Karriere, von dem er sich nie mehr ganz erholte.

Dwain Esper, an den Louis B. Mayer die Rechte Mitte der 1930er Jahre für 5000 Dollar plus Lizenzgebühren verkaufte, brachte den Film als Teil einer Roadshow bis in die 1940er unter zahlend Publikum. Dabei kombinierte er ausschnittweise Szenen aus Freaks und eigenes Material, präsentierte einige der Darsteller als Teil der Show, unterlag damit den Regeln und Vorschriften des Underground-Milieus, nicht mehr dem Produktionsgesetzbuch. Die Rechte des Films sollten schließlich 1957 an MGM zurückgehen.

Noch weniger Glück hatte Freaks in Großbritannien, wo man 1932 _der Ansicht, dass aus kommerziellen Gründen behinderte Personen ausgebeutet wurden_ die Zertifizierung verweigerte. Dieses Verbot wurde bis in die 1950er aufrechterhalten, als der Film erneut zur Klassifizierung herangezogen wurde. Die Rechte für dessen Verleih wurden von Adelphi Films gekauft, wobei der Direktor dieses Unternehmens, Arthur Dent, in einem Brief an die BBFC dafür plädierte, dem Werk ein X-Rating zu verpassen. Er war der Meinung, dass die sympathische Art und Weise, in der darin Charaktere dargestellt werden, weit davon entfernt ist, noch immer zugunsten vorgefasster Meinung das übliche Gefühl des Grauens zu schüren. Das Verbot wurde dennoch aufrechterhalten, der Film in Großbritannien erst 1963 vertrieben. Diesmal mit der Besorgnis seitens BBFC-Vorstand, er würde potenziell jene Leute ins Kino locken, die Freaks aus unwürdigen Gründen sehen wollen.

In seinem Artikel mit dem Titel Gefährliche Körper: Freak Shows, juristischer Diskurs und die Definition von Behinderung befasste sich Brigham D. Fordham mit der Legalität und Ethik der Freak Shows in den Vereinigten Staaten. Er argumentierte, dass deren Verbot im Sinne der ersten Änderung verfassungswidrig sei, da es die Menschlichkeit von Menschen mit abnormen Körpern nicht berücksichtigt – und beschreibt den Kontext seiner Ausführungen wie folgt:
// Heutzutage gibt es in unzähligen Städten Verordnungen, die Freakshows verbieten oder eine Gebühr erheben - und eine Reihe von Staaten haben Gesetze erlassen, die eine Zurschaustellung von Personen mit ungewöhnlichen Körpern einschränken oder verbieten sollen. In Kalifornien und Florida wurde das Verbot von Freakshows als verfassungswidrig eingestuft - nicht weil angenommen wurde, dass die Gesetze gegen die erste Änderung verstoßen, sondern weil Personen mit ungewöhnlichen Körpern das Recht haben, angestellt zu werden – wobei Gerichte dort überraschenderweise davon ausgehen, dass es sich bei Freakshows nur um passend Arbeitgeber für bestimmte Leute handelt. Der feste Glaube, dass diese Menschen ausgebeutet werden, zeigt einen grundlegenden Mangel an Respekt. Denn obwohl viele dieser Leute Erwachsene sind und man sie als unfähig ansieht, einem Teil der Aufführung zuzustimmen – man ihnen die gleichen Rechte und geistigen Fähigkeiten wie andere zu haben in Abrede stellt, ist zu tolerieren, dass Freak-Show-Darsteller einen Handel zwischen Würde und finanzieller Belohnung schließen. Darauf mit Angst und Ekel zu reagieren _ein Verhalten, welches durch Formen der traditionellen Freak-Show gefördert wird_ spiegelt Einstellungen wider, die zu diskriminierender Behandlung führen. Jemand, der tot als besser dran wahrgenommen wird und dessen Äußeres Entsetzen hervorruft, wird nie und nimmer als gleichwertig empfunden. //

Die Bedeutung von Freaks im Hier und Jetzt besteht im Wesentlichen darin, dass an Konventionen gerüttelt wird, mit denen wir uns bis dato arrangieren - wir in Frage stellen, was wen warum sympathisch macht. Unser Mitgefühl gilt nicht der drallen blonden, nicht behinderten Frau sondern seltsamerweise von Anfang an den Freaks. Das nenn ich Wirkung. Ein Publikum _auf der Suche nach Charakteren, die dem typisch Bösewicht entsprechen_ ist somit gefordert, was ihm Abnorm und Hässlich dünkt auf s Gründlichste zu überdenken. Kein anderer Film erzählt in dieser Klarheit von der Menschlichkeit von Monstern und dem Monster Mensch, ist ein derart verständlich in schwarzweiss gehalten Aufruf zu mehr Solidarität, Toleranz und zivilem Ungehorsam.

Gooble Gobble One of Us!” Fans der Punkrockband Ramones wird dieser Schlachtruf in etwas veränderter Art und Weise unter „Gabba Gabba Hey“ vertraut sein. Die Band selbst sahen den Film Freaks an einem ihrer seltenen freien Tage in einem Kunsthauskino, als eine Veranstaltung im Freien, bei der sie auftreten sollte, wegen schlechten Wetters abgesagt wurde. In Folge identifizierte sie sich auf ihre Weise mit einer der Hauptfiguren, den Mikrozephaliker oder Stecknadelkopf genannt Schlitzie. Als während eines Konzertes im The Roxy ein Fan mit der entsprechenden Maske die Bühne stürmte und ein großes Schild mit der Aufschrift Gabba Gabba Hey schwenkte, wollte sie diese Erfahrung live nicht mehr missen. Fortan erschien ihr Roadie, Mitch Bubbles Keller, derart maskiert on stage, gab Joey Ramone das Schild und vollführte einen Tanz, der in der HipHop-Kultur als Jerk Dance Verbreitung fand. In späteren Jahren aktualisierte Keller den Pinhead mit einem an das Film-Original erinnernd gepunktet Kleid, das ihm ein Mitarbeiter des Ritz zusammengenäht hatte. Bis heute ist die Figur zusammen mit dem Ramones Presidential Seal ein Symbol ihrer Punk-Philosophie und fixer Bestandteil ihres Merchandisings.

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Re: sound & vision

Beitragvon riemsche » 20.10.2020, 23:00

Wes Andersons Hymne an Japan Isle of Dogs _traditionelle Stop-Motion-Technik, Hunde und eigentlich alles Lebens- und Liebeswerte - statt dem Titel-Zusatz Ataris Reise dünkt mich in dem Zusammenhang Ataris Laterne schlüssiger. Denn so nennt sich s Haiku, zu dem der mutig Bengel im Film ansetzt. Und wenn Atari diesen Dreizeiler aufsagt, bringt Anderson für kurze Zeit alles in Einklang. Seine Liebe zu Japan, das Unverständnis, das man dort gelebter Kultur auf die Schnelle entgegenbringt. Dazu die Macht, welche auch wenige Worte haben können und eine Bildsprache, die mittlerweile auch s Heim_Kino in seinem Sinne 1:1 zu vermitteln vermag. Und natürlich_ dass Hunde fetzen.

Nach einem kurzen Prolog, in dem ein jahrhundertealter Kampf zwischen Hunden und dem Clan der Kobayashi (extrem fiese Katzenfans!!!) erklärt wird, werden Sprecher und Titel des Films eingeblendet. Auf die Bill Murrays, Jeff Goldblums und Greta Gerwigs, die da zu sehen sind, achtet man aber kaum, weil die Titelmusik von drei stämmig Perkussionisten mit Inbrunst aus Trommelfellen geprügelt wird. Die Musikanten sind Puppen, so wie alle Figuren in Isle of Dogs, und ihre Bewegungen abwechselnd lebensecht und bewusst stümperhaft – soll doch der Zuschauer nie vergessen, dass es sich um einen Film handelt . Zudem hat Indie- und Hipsterdarling Wes Anderson der 2009 mit Der fantastische Mr. Fox seinen ersten dieser Art drehte, bezüglich Umgang mit den Mini-Sets, natürlichem Bewegungsablauf und dem World-Building eine Menge dazugelernt.

Anderson ist sowohl von dieser Welt und ihrer Kultur als auch seiner Sicht der Dinge schier besessen. Sogar der Dialog besitzt eine musikalische Trittfrequenz, die ihn universell verständlicher macht, als manch talentiert Hundeflüsterer bereit ist zuzugeben. Unterdessen mischt Alexandre Desplats Partitur Taiko-Drums mit jazzigen Holzbläsern, reiben sich schwindelerregende Töne einer West Coast Pop Art Experimental Band der 60er an Prokofiev, lassen Seven Samurai s Taktschema schön grüssen.

Das retro_futuristisch Japan, in dem der Bürgermeister einer Metropole alle Hunde auf eine Müllinsel verbannt, sieht zwar naiv aber dennoch definitiv gefährlich aus. Ein Zwölfjähriger sucht seinen Hund Spots, der als allererster deportiert wurde, legt mit einem geklauten Flugzeug ne Bruchlandung hin. Dabei bohrt sich ein Metallteil in seinen Schädel. Ein eingeschworen Rudel, das in der Nähe der Absturzstelle gerade den Kampf um essbaren Müll gewonnen hat _wobei einem Rivalen sogar ein Ohr abgebissen wurde_ leistet, obwohl sie den Jungen eigentlich zum Fressen gern hätten, nach gebührend Abstimmung erste Hilfe.

Mit solch fast brutalen Szenen greift Anderson an Basics in die Trickkiste, stellt auf d Unmissverständliche klar, dass es in seiner oft naiv gestalteten Welt auch Konsequenzen gibt, die weh tun. In Isle of Dogs sind Tod und Schmerz ständige Begleiter, was wichtig ist, weil sich die von Hollywoods A-Liga gesprochenen Hunde und Atari mit Problemen beschäftigen, die auch in der realen Welt existieren. So konnten die Vierbeiner nur deshalb verbannt werden, weil für angeblich von Tier auf Mensch übertragbare Krankheiten _wie zB. Hundegrippe_ eine aufwändige Propaganda-Maschine in Gang gesetzt wurde, die der Bevölkerung tierisch Angst macht. Opposition, kritische Presse und unliebsam Wissenschaftler werden unter Druck gesetzt, weggesperrt, diskreditiert.

Isle of Dogs ist sicher nicht die top Metapher für Ängste und Ressentiments unserer Welt, gewinnt aber durch zahlreiche Figuren und Nebenschauplätze, die Anderson etabliert und kombiniert an bis dahin selten gesehen Brillianz. Zu einem ergreifenden Film wird die Dramedy durch die vielen kleinen Momente, in denen sich Hunde und Menschen mit entwaffnender Ehrlichkeit ihrer Fehler und Vorurteile bewusst werden, sie revidieren und aus ihnen lernen, sich in Folge weiterentwickeln und zu sich bessernd Charakteren werden. Das klingt alles irre kitschig, aber wenn Bryan Cranston diese mutige Reise als Streuner Chief auf seine Weise durchlebt und ihr synchron eine Stimme verleiht, die zu Herzen geht, dann ist das eben doch weit weg von allen gängig Varianten dieser klassischen Kinoformel.

Bevor im Film die Helden an ihr Ziel gelangen, an dem Schurken besiegt, Tier und Mensch wieder versöhnt werden sollen, wird geweint, Blut vergossen und _natürlich_ herzlich gelacht. Isle of Dogs spricht mit halb erhobenem Zeigefinger über ernste Themen, überschüttet den grübelnd Zuschauer zeitgleich mit wahrhaft putzig Dialog und detailliert Designs die dazu animieren, sich s optisch und akustisch Ergebnis mittels Zeitlupe und Standbild ein weiteres Mal vor Augen zu führen.
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link zu ner sehr ausführlich art von makingOf für trickfilm-spezialisten und solche die s vielleicht noch werden wollen
https://www.indiewire.com/2018/03/isle- ... 201942149/


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