Noch ne Dickverfilmung

Moderne Literatur heißt: Kino, Theater und Oper nicht vergessen. Welcher Film ist sehenswert? Welche Inszenierung gelungen?
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Noch ne Dickverfilmung

Beitragvon razorback » 21.09.2004, 13:20

Paycheck
2003
Regie: John Woo
Drehbuch: Dean Georgaris nach einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick

Verehrer des großen Visionärs Philip K. Dick waren letztlich leicht zu erkennen: Es waren die, die mit gesenktem Haupt aus dem Kino schritten oder mürrisch ihren Film zurück in die Videobude brachten, nachdem sie "Minority Report" gesehen hatten. Ich gehörte zu Letzteren. Doch war Hoffnung allenthalben. Denn, so raunte man, John Woo, der nicht nur einen Ruf für wirklich originelle Action, sondern auch für einen geschickten Umgang mit seinen Themen hat, hatte sich der Verfilmung der Dick-Kurzgeschichte "Paycheck" aus dem Jahre 1953 angenommen. Meine Hoffnung bröckelte, als ich hörte, dass Ben Affleck die Hauptrolle spielen soll, dennoch war ich etwas unglücklich, als ich den Film Anfang des Jahres nicht im Kino sehen konnte. Aber kommt Zeit, kommt DVD, und gestern dann lenkte ich meinen Weg in die Videobude...

Die Ausgangssituation ist – klar, Dick – sehr interessant: Die Geschichte spielt in der nahen Zukunft. Michael Jennings ist ein Spitzeningenieur, so gut, dass alleine das Wissen um seine Arbeit sehr viel Geld wert ist. Darum wird der Mann erstklassig dafür bezahlt, dass er sich nach jedem Auftrag die Erinnerung an die entsprechende Zeit löschen lässt. Das ist für Jennings kein Problem, da er – so lange er arbeitet – seine Zeit sowieso nur im Labor und auf dem Gelände seines jeweiligen Auftraggebers verbringt. Er lässt sich also, so Jennings im Film, das Unangenehme und Langweilige löschen und erlebt nur die Highlights: Seine mit üppigem Wohlstand ausgestattete Freizeit.
Eines Tages nun bietet ihm ein Industrieboß extrem viel Geld für eine extrem lange Zeit: Drei Jahre soll Jennings für ihn arbeiten. Der Gierige willigt ein, doch als er nach dem Ablauf der Zeit und dem Löschen seiner Erinnerung die Kohle kassieren will, erlebt er eine dumme Überraschung: Statt der versprochenen 90 Millionen Dollar, händigt man ihm einen Umschlag mit ziemlich wertlosem Tinnef aus: Eine angebrochene Packung Zigaretten, ein halb ausgefülltes Kreuzworträtsel, eine Büroklammer, ein Sechskant und Ähnliches mehr. Der Zorn des vermeintlich Geprellten prallt an der netten Dame von der Bank allerdings ab, denn sie kann Jennings nachweisen, dass er selbst auf das Geld verzichtet und statt dessen dafür gesorgt hat, dass er den Plunder bekommt. Leider weiß Freund Jennings nicht mehr, warum er diese Wahnsinnstat begangen hat – und das herauszufinden, wird sehr schnell sehr lebensnotwendig für ihn.

Mehr sage ich zur Geschichte selbst nicht, es steht eine der wirklich besten Ideen von Dick dahinter, aus der er – typisch für sein Frühwerk – eine nicht ganz so geniale Geschichte gemacht hat. Lesenswert ist sie aber allemal.

Zunächst möchte ich einmal ein wenig loben. Georgaris hat bei seiner Bearbeitung der Dick Geschichte genau das richtig gemacht, was auch den "Blade Runner" und "Screamers" zu so gelungenen Dick-Verfilmungen macht: Er hat auf den filmisch schwer vermittelbaren Teil verzichtet, ohne sich zu weit von der ursprünglichen Idee zu entfernen. Kleinigkeiten hat er so angepaßt, dass die Logik bleibt (Für Kenner der Kurzgeschichte – vergleicht mal die Sache mit der Busfahrkarte in Film und Geschichte. Gut gelöst.). Nur an einer Stelle scheint mir die Lösung etwas sehr weit her geholt (Verlobungsring) und diese Sache kommt dann auch – wen wundert’s – in der Geschichte nicht vor. Auch die Ästhetik des Films gefällt mir sehr gut. Diese "nahe Zukunft" erscheint mir viel weniger übertrieben, als etwa in "Minority Report". Gut – zum Großteil ist die Komposition bei "Gattaca" geklaut, aber besser gut kopiert als schlecht erfunden. Und es ist jedesmal – selbst bei Machwerken wie "Total Recall" oder "Minority Report" – schön, wenn eine Filmfirma sich dazu bekennt, dicksche Motive zu verwenden, und nicht einfach klaut ohne zu sagen, wo es her ist, wie die Meisten es machen. Und Uma Thurman ist sehr schön. Weniger auf schön getrimmt, diesmal und deshalb um so schöner.

Tja – das war’s dann allerdings mit dem Lob. Leider gibt es auch vieles zu geißeln an diesem Film. Da ist zunächst einmal die Besetzung der Hauptrolle. Jennings wird uns vorgestellt als Topingenieur, ein Arbeiter des Geistes, ein brillanter, hochintelligenter Mann. Und wer spielt den? Ben Affleck. Also bitte... Folgerichtig prägen sich von den drei Situationen, in denen er im ersten Teil vorgestellt wird auch nur zwei ein: Die, in der er einige Dummies im Trainingsraum mittels Kampfstab verdrischt und die, in der er Rachel (Uma Thurman) zum ersten Mal begegnet und sie wie ein drittklassiger Strandcasanova angräbt. Erfolglos, selbstverständlich. Gut, ganz am Anfang wird er bei der Arbeit gezeigt, aber da guckt er vor allem erstaunt aus der Wäsche. Eindrucksvoller ist, als sein Freund Shorty, Gedächtnislöschexperte, ihm hernach die Erinnerungen löscht und dabei betont, man dürfe das Gehirn keinesfalls über 43 Grad erwärmen. Ben Affleck trägt den meisten Teil des Films so einen "ich war schon einmal bei 50 Grad Ausdruck" im Gesicht. Ich meine, wenn man schon die Bilder und Uma Thurman von Gattaca nimmt, warum dann nicht auch Jude Law? Wäre so eine Idee...
Dann rettet Jennings im Film die Welt. Muß er nicht. Die Kurzgeschichte funktioniert auch, obwohl er da einfach nur mehr Kohle will. Klar – so jemanden kann man heute schlecht als Helden verkaufen, aber wäre es nicht eine Nummer kleiner gegangen? "Ich will die Frau, ich will das Geld und ich will den Bösewichten ein Bein stellen, indem ich das an sich unmoralische Projekt zerstöre", das hätte doch auch gereicht. Statt dessen erfährt man (und Jennings selbst – keine Erinnerungen eben) so nebenbei, dass er das alles auf sich nimmt, weil sonst ein gar schröcklicher Krieg dräut. Vielleicht traute der Drehbuchautor dem Publikum das Verständnis feinerer moralischer Überlegungen nicht zu... Schade drum.
Dann muß ich ganz heftig auf John Woo herumhauen. Der Mann war mal stilbildend, seine Hong Kong Filme waren teilweise Meilensteine des Action-Kino. Man möchte fast sagen: Wäre er doch in Hong Kong geblieben. Hollywood hat ihm nicht gut getan, keiner seiner Hollywoodfilme ist so gut, so klar, so einfach und stringent wie seine früheren Werke. Aber dafür stimmt wenigstens die Action noch, die Kampfszenen waren immer erstklassig komponiert, eine Augenweide für Leute, die sowas mögen (wie mich). Nichts mehr davon hier. Langatmig und uninspiriert (diese öööööööde Verfolgungsjagd mit dem Motorrad), Selbstzitate, die fast schon peinlich sind und dann eine unlogische Sequenz nach der anderen (am schlimmsten in der Szene, in der Jennings – wie im Film betont wird "Ingenieur, kein Superagent" – mit seinem Kampfstab durch einen künstlichen Sturm turnt, der bullige Sicherheitsmänner an die Wand drückt...). Ach John Woo, was ist aus Ihnen geworden? Irgendein englischer Kritiker schrieb, wenn der so weitermache, werde aus John Woo bald "John who?". Mein Herz blutet dabei, aber ich muß ihm zustimmen.
Und dann das Ende. Da greife ich mal ganz tief in den Adjektivtopf: Scheußlich, peinlich, doof, schmerzhaft, grauenvoll, billig, kitschig, bescheuert, dumm, denganzenfilmverderbend, entsetzlich, tränentreibend... ich könnte stundenlang so weitermachen. Ganz, ganz schlecht. Gräßlich. Schlimm. Puh...

Auf der DVD ist ein alternatives Ende, das ist nicht ganz so doof. Außerdem hätte, wenn sie das genommen hätten, auch die Sache mit dem geklauten Verlobungsring nicht ganz so weit hergeholt gewirkt. Allein – sie haben sich für das besch...eidenere Ende entschieden. Es ist... ach, es ist schade.

Ich kann diesen Film eigentlich nur wirklichen Philip K. Dick Fans empfehlen, die sich vielleicht – wie ich – an dem zuweilen doch recht klugen und behutsamen Umgang mit der Grundidee erfreuen können. Ansonsten ist dieser Film, leider, leider, schlecht. Es ist fast noch schlimmer als bei Minority Report, weil man hier an jeder Ecke die Möglichkeit sieht, wie es besser hätte gemacht werden können. Der Film ist sicher besser als MR, aber ihn anzusehen ist trauriger. Ständig dieses "ach hätten sie doch...", "ach würden sie doch nicht...". Heul. :,-(
Jedem anderen – SciFi-Fans, Action-Fans, Woo-Fans, Dick-Neugierigen, Allgemeincineasten etc. – kann ich nur abraten. Spart Euch das Geld.

P.S.: Ach ja - vielleicht ist er was für Ben Affleck Fans. Ich weiß nicht, wie so ein Ben Affleck Fan denkt...
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Re: Noch ne Dickverfilmung

Beitragvon KamikazeSpatz » 25.08.2005, 21:30

Nun gut ... er war schlecht umgesetzt. Aber dennoch ... hmm ... ich fand ihn ganz gut (kv ist mal wieder gleicher Meinung, wie schon bei "Shaun"). Vielleicht liegt es daran, dass mein Anspruch zu gering ist oder ich die Vorlage nicht kenne (ich sollte diese vll mal lesen). Aber er war auf keinen Fall schlechter als der "Minority Report", sondern sogar besser *denk ich*. Für jemanden, der nur den Film sieht ohne an die Vorlage zu denken, erscheint erstmal eine völlig (naaa gut nur neu umgesetzt: Maschinen zum in die Zukunft sehen gab es schon, Gedankenlöschung beziehungsweise Transport von Daten im Gehirn, die nach "Übergabe" gelöscht werden auch (wie in diesem SciFi-Film mit Keanu Reeves: er Transportiert Daten und plötzlich wollen ihm Triadenmitglieder an die Wäsche, *äh* an die Daten, also nur seinen Kopf. Er trifft dann sonen Typen (gespielt von Ice-T), der ihm hilft mit einem Delphin die Daten zu hacken. Dank meiner grandiosen SEARCH-Skills weiß ich jetzt wie er heißt: JOHNNY MNEMONIC von 1995. Ja, den Film fand ich auch ganz toll!) Idee zu sein ... ich merk schon ... ich versuche den Film zu verteidigen, was mir nicht richtig gelingt, aber wer ihn schaun mag, mir gefiel er ganz gut =))) *LOL; ich bin eine Instanz an der man seinen Filmgeschmack messen sollte; son müll *G**

Ich werd wohl mal die Vorlage lesen ...

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Re: Noch ne Dickverfilmung

Beitragvon razorback » 26.08.2005, 10:56

Also - falls das nicht klar geworden ist - ich finde diesen Film hier auch besser als "Minority Report". Aber das ist ja in diesem Falle das Schlimme. Um mich mal selbst zu zitieren:

Es ist fast noch schlimmer als bei Minority Report, weil man hier an jeder Ecke die Möglichkeit sieht, wie es besser hätte gemacht werden können. Der Film ist sicher besser als MR, aber ihn anzusehen ist trauriger. Ständig dieses "ach hätten sie doch...", "ach würden sie doch nicht...". Heul.


"Minority Report" ist einfach doof. Das hat man nach 10 Minuten gewusst, und konnte sich dann zurücklehnen und leise vor sich hinzürnend den Rest des Filmes ansehen. Bei "Paycheck" dagegen zucke ich alle zehn Minuten zusammen und denke "aber warum denn...?" - weil es einfach einer kleinen Anstrengung oder der Vermeidung eines vermeidbaren Fehlers bedurft hätte, um den Film zum Guten zu wenden. Was übrigens weniger mit der Umsetzung der Grundidee zu tun hat - die ich (s.o.) ganz gut finde - als mit anderen, handwerklichen Entgleisungen, vor allem im Drehbuch.

Gut... es gibt hier zwei Grundfehler, die alles versauen, das sind Herr Affleck und das Ende. Beide nehmen dem Film jede Chance. Aber er im Gegensatz zu MR ist nicht der ganze Film ein einziger Fehler. Das macht die Sache so traurig.

"Johnny Mnemonic" ist übrigens der klassische Fall eines von mir oben gegeisselten Verbrechens: "Wir nehmen eine Idee von Dick und sagen es nicht, in der Hoffnung, dass niemand es merkt." ;-) Der Film ist wirklich recht gut, wenn ich mich recht erinnere (ist 'ne Weile her). Trotzdem ärgern mich diese dreisten "Anlehnungen" an den ungenannten Meister immer...

P.S.: Ach ja - schön mal wieder jemanden zu haben, mit dem man hier die Klinge kreuzen kann :-D
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Re: Noch ne Dickverfilmung

Beitragvon KamikazeSpatz » 26.08.2005, 11:48

Aber immer doch gern *fette Kampfaxt zück*!!!

Hmm, sry ich habe Dich etwas falsch verstanden gehabt, entschuldige!

Hmm, Du erzählst so viel von diesem Dick, ich bin langsam aber sicher überzeugt, dass ich die falschen Bücher lese, der muss ein Halbgott sein nach deinen Erzählungen. Kannst du mir ein paar Werke von ihm empfehlen, also was man mal lesen sollte? Der Typ interessiert mich jetzt nämlich *HAMMER*.


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