Wer hätte das gedacht...

Moderne Literatur heißt: Kino, Theater und Oper nicht vergessen. Welcher Film ist sehenswert? Welche Inszenierung gelungen?
razorback
Phantasos
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Wer hätte das gedacht...

Beitragvon razorback » 10.07.2005, 19:40

Krieg der Welten (War of the Worlds)
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Josh Friedman und David Koepp
Nach einer Romanvorlage von H.G. Wells

Kinogutschein verbunden mit Kinderbetreuung - und dann läuft Nachmittags "Per Anhalter durch die Galaxis" nicht. Nun, da in diesem Jahr für den Freund des phantastischen Films jeder Kinobesuch sowieso nur ein Warten auf "Nochnoj Dozor" ist, lenkten meine Liebste und ich unseren Schritt ohne viel Trauer in die zweite Wahl: "Krieg der Welten". Erst zum zweiten Mal im Kino dieses Jahr, und zum zweiten Mal SciFi (der erste war dieses komische Machwerk um Jedis und Sith etc.) Immerhin: Wir hatten den grossen Kinosaal meines Lieblingskinos ganz für uns. Das war schon einmal ein guter Anfang.

Dann kamen eine Vorschau auf Ice Age 2 ( :-D ) und... Nochnoj Dazor ( :guru: ) . Es wurde immer besser.

Dann folgte der Hauptfilm. Um ehrlich zu sein: Ich habe nicht viel erwartet. Ich verehre H.G. Wells sehr, ich kenne und schätze das berühmte Radiohörspiel von Orson Welles und ich mag sogar das Musical. Aber bei Steven Spielberg und Tom Cruise - der die Hauptrolle spielte - musste ich sofort an die letzte schreckliche Verwurstung einer grossen literarischen Vorlage denken, die sie verbrochen haben: "Minority Report" :-E .
Immerhin, einer der Drehbuchautoren, David Koepp, hat schon mehrfach bewiesen, dass er mit fremden Literaturvorlagen ("A Stir of Echoes", "Spiderman", "Secret Window, Secret Garden") ganz anständig umgehen kann. Grund also zum Mißtrauen, aber nicht zur Hoffnungslosigkeit.

Um es vorweg zu nehmen: Ich wurde sehr, sehr angenehm überrascht. Dass Koepp mit der literarischen Vorlage respektvoll umgeht war, wie gesagt, zu erwarten, aber dass Steven Spielberg und Tom Cruise vor irgendetwas anderem Respekt haben als voreinander, war mir noch nicht bekannt. Aber sie zeigten Respekt, großen sogar, und das war nicht zum Schaden des Films.
Besonders erfreulich, dass Beginn und Ende der Vorlage - mit den notwendigen Anpassungen - fast wörtlich übernommen werden. Im Original gar gelesen von Morgan Freeman. Hach... :-)

Die Geschichte ist schon fast moderner Mythos, dennoch sei sie kurz noch einmal nacherzählt:
Ein aufrechter Mann (Reporter bei Wells, Hafenarbeiter bei Koepp) wird Zeuge der Ankunft der Marsianer auf der Erde. Diese verbreiten mit Ihren gigantischen Kampfmaschinen Angst und Schrecken, jede Gegenwehr der Menschen wird im Keim erstickt, die Versklavung und Ausrottung des Menschengeschlechtes kündigt sich an, ohne, dass die Menschen irgend einen Weg hätten, etwas dagegen zu unternehmen. Letztlich werden sie gerettet - wie, sage ich nicht - aber eben nicht durch Heldenmut oder Klugheit oder sonst irgend etwas Übliches.

Das erste, was ich von einem amerikanischen Film ehrlich gesagt nicht erwartet hätte ist, dass er genau diese Grundidee übernimmt. In einer Zeit, in der wie in den Fünfzigerjahren in jedem zweiten Film ein Haufen Marines, Rangers, SEALS, Deltas etc. die Welt, Ehre, das Gute oder Privat Ryan retten, werden hier Army und National-Guard divisionsweise niedergemacht, ohne auch nur den Hauch einer Chance zu haben. Und wenn am Ende unser Dockarbeiter angesichts eines zusammenbrechenden Tripoden den Soldaten fragt: "Wart ihr das?" Dann heisst es nicht, "Woah, Zivilist, dafür sind wir da, immer gerne zu Diensten", sondern "Nein, wir wissen auch nicht, war mit ihnen los ist."

Das ist heute absolut nicht mehr selbstverständlich. Gut - es gelingt unserem Helden einmal sogar, eine der Kampfmaschinen zu sprengen. Aber das vor allem durch viel Glück und auf eine Weise, in der das jeder andere auch könnte. Nix von Spezial-Elite-Militärausbildung und 12 Jahren Fronterfahrung.

Angesichts der Tatsache, dass die Hoffnung, ein paar aufrechte Kerle könnten den bösen Feind besiegen und die Welt retten hier völlig utopisch ist, konzentriert sich der Film ebenso wie die Vorlage auf den individuellen Überlebenskampf eines Einzelnen. Verstärkt wird der im Film dadurch noch, dass Held Ray Ferrier noch seine Kinder, den Jugendlichen Robbie (Justin Chatwin) und die kleine Rachel (Dakota Fanning) durchbringen muss. Und Freund Ferrier ist alles andere als der perfekte Vater. Geschieden (und nach den ersten Zehn Szenen kann man seine Ex da auch ziemlich gut verstehen) und eingebildet versucht er seinen Kindern den perfekten, coolen Daddy vorzuspielen, der alles weiss und alles kann, und wird dabei schon von der Kleinen auf traurigste Weise durchschaut. Er weiss zu wenig von seinen Kindern und tut - bis denn die Welt unterzugehen beginnt - auch nicht viel, um das zu ändern. Dabei ist er natürlich rührend liebevoll und bemüht, aber eben absolut unzulänglich. Die Leute in seinem Viertel mögen ihn, sein Vorarbeiter kann nicht auf ihn verzichten - aber als Vater der totale Loser. Und als solcher ist er dann ja gefragt... Natürlich wird er zum Held. Und ich gönne ihm das, weil er alles, seine Gesundheit, sein Leben und sogar seine Seele aufs Spiel setzt, um seine Kinder zu retten. Aber selbst als er am Ende, erschöpft aber siegreich, seine Tochter und seinen verloren geglaubten Sohn in den Armen hält, ist er alles andere als der strahlende All-American Hero. Er musste ein paar sehr wenig strahlende Wege gehen, er musste feige, egoistisch und zuletzt sogar mörderisch sein, um das zu erreichen. Das ist sehr unamerikanisch, aber eben gerade dadurch um so bewegender und berührender. Erstaunlich.

Eine weitere Überraschung war der Gebrauch und Nicht-Gebrauch von Special Effacts und das Zeigen und Verschweigen verschiedener Elemente des Films. Klar: Beim ersten Angriff, den Ray erlebt, als ein Tripode sein Stadtviertel in Asche legt, da kracht und birst und explodiert es ohne Ende, da fallen Kirchtürme um und Autos fliegen durch die Gegend, dass es nur so scheppert. Alleine in einem mit gutem Surround-Sound ausgerüsteten Kino ist das ein echtes Erlebnis. Kawumm!
Aber eben nur Kawumm K(und wirklich - Kawumm satt), wo Kawumm auch angebracht ist. Die schrecklichsten Szenen werden der Fantasie des Zuschauers überlassen. Vielleicht, um die Freigabe ab 12 zu bekommen. Vielleicht aber auch in dem Wissen, wieviel besser das ist.

Das einzige grosse Manko dieses Films heisst Tom Cruise. Ich bin jederzeit bereit zuzugeben, dass der ein verdammt guter Schauspieler ist, aber jeder hat seine Grenzen. Und mit Ray Ferrier muss Tom Cruise einen Mann spielen, der die meiste Zeit voller Angst, Verzweiflung, Trauer, Entsetzen und Hoffnungslosigkeit ist. Einen Geschlagenen, der sich Niederlage um Niederlage letztlich zu seinem Sieg arbeitet. Und das kann Tom Cruise einfach nicht. Er ist genausowenig jemand, der einen Besiegten spielen kann, wie zum Beispiel der zweifelsohne großartige Edward Norton in der Lage wäre, einen überzeugenden Terminator zu geben. Cruise müht sich wirklich redlich - aber er ist eine Fehlbesetzung. Leider.

Dagegen ist Dakota Fanning als Rachel eine echte Entdeckung. Mit zarten 11 Jahren scheint sie schon eine alte Häsin zu sein, ihre Filmographie weist beeindruckende 18 Titel auf (unter anderem als Sprecherin), von denen ich allerdings keinen einzigen kenne. Dennoch: Sie hat offenbar einige Erfahrung und noch mehr Talent. Den armen, mit einer nicht zu ihm passenden Rolle geschlagenen Cruise spielt sie jedenfalls locker an die Wand. Ein Lob auch für ihre deutsche Synchronstimme (Lisa Mitsching?).

Der Film hat auch die eine oder andere logische Lücke, aber keine so penetrant, dass sie ärgerlich wäre.

Alles in allem sicher kein herausragender Film. Aber ein Guter, solide, gut gemacht mit viel Treue zur Vorlage und Freiheiten an den passenden Stellen. Auf jeden Fall sehenswert!
O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You

Silentium
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Re: Wer hätte das gedacht...

Beitragvon Silentium » 10.07.2005, 22:29

Ich zitiere:
Und da Deine Meinung ja für mich Gewicht hat, werde ich mich mal in den Film trauen.


Mal sehen, ob sich da mein Vater nicht irgendwann überreden lässt...
I would go to the Dark Side in a heartbeat if I thought they had better dialog over there.
- Ursula Vernon


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