Ein Besuch in der Videothek - Teil 2

Moderne Literatur heißt: Kino, Theater und Oper nicht vergessen. Welcher Film ist sehenswert? Welche Inszenierung gelungen?
razorback
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Ein Besuch in der Videothek - Teil 2

Beitragvon razorback » 15.07.2005, 01:36

Und dann kam das:

In the Cut
(2003)
Drehbuch: Jane Campion nach einem Roman von Susan Moore
Regie: Jane Campion

Das wird jetzt Gelbsucht freuen, denn er mag – wie ich neulich erfahren durfte – Meg Ryan nicht: Dies ist ein blöder, langweiliger Film, in dem Meg Ryan sich ganz vergeblich dauernd auszieht und entweder traurig oder möchtegernerotisch aus der Wäsche guckt. Es gibt gar keinen vernünftigen Grund, sich diesen Film anzusehen. Leider wusste ich das nicht vorher, weshalb ein Punkt von meinem Videothekenabo dafür draufgegangen ist. Mist.

Da überschlägt sich das Marketing: Ein Film über die Abgründe der Begierde. Begierde hier, Begierde da, noch mal Begierde, Begierde überall, oh, wie schrecklich ist die Begierde, Bestien macht sie aus Menschen, die Begierde. Ganz finster.

Und was bekomme ich dann für einen Film zu sehen? Eine frustrierte Schriftstellerin (Meg Ryan) und Lehrerin beobachtet im Keller einer Bar zufällig einen Blow-Job (oder, genauer – der Zuschauer bekommt gezeigt, wie eine Frau sich in einen als solchen überdeutlich zu erkennenden Plastikdildo verbeißt. Alles ist im Schatten, Frau, Mann, Kopf, Lenden, nur dieses hässliche Gummiding ist strahlend zu erkennen, damit es einem, je nach Geschmack, eifrig die Lachmuskeln schüttelt oder den Appetit verdirbt). Die verwöhnende Dame verfügt über ansehnliche, blaue Krallen, der verwöhnte Herr ist Raucher und hat ein auffälliges Tattoo am Handgelenk. Sonst ist nichts zu erkennen, außer – siehe oben. Von diesem ach so verruchten Geschehen gebannt ist die Ärmste nun arg verwirrt und gewinnt ganz neue Sichten aufs Leben. Was noch dadurch verstärkt wird, dass die Bläserin alsbald ein Mordopfer ist – selbstverständlich das Opfer eines Serienkillers und der ermittelnde Detective (Mark Ruffalo – der witzigerweise auch in dem viel besseren „Collateral“ viel besser eine viel bessere Polizistenfigur spielt), in den sich die verwirrte Literatin selbstverständlich verliebt und mit dem sie unglaublich abgründige Tiefen der Begierde auslotet (unter anderem beglückt er sie oral, erzählt ihr von seinem ersten Sex und wird später von ihr – aber klar doch – mit Handschellen gefesselt, während sie sich auf ihn setzt und… es ist ZUM GÄHNEN ÖDE!!!!) – hat dann auch selbstverständlich das beschriebene Tattoo am Handgelenk, und er hat einen zwielichtigen Partner (Nick Damici) und selbstverständlich gibt es auch einen psychopathischen Verehrer (Kevin Bacon, gut wie immer, aber was nützt es, er hat nur eine Nebenrolle) und eine liebenswerte Hure (Jennifer Jason Leigh), die selbstverständlich dran glauben muss… es ist eine Mottenkiste der altbackenen Klischees, tränentreibend in ihrer Lächerlichkeit. Und wie unglaublich ernst sich dieser doofe Film nimmt…

Wenn’s wenigstens nur ein anständiges Whodunnit wäre, aber nein, es müssen ja die Abgründe der Begierde ausgelotet werden. Herrjeh. American Pie ist abgründiger als dieser Kokolores.

Wenn „Collateral“ ein schönes Beispiel dafür ist, wie wichtig ein guter Regisseur ist, dann ist „In the Cut“ ein feines Beispiel dafür, dass auch der beste Regisseur aus einem schlechten Drehbuch keinen guten Film machen kann. Denn Jane Campion ist eine gute Regisseurin, das steht ohne Zweifel fest. Und wenn in dem blöden Drehbuch, das sie da verbrochen hat, mal nicht gebumst, gequatscht oder gejammert wird, dann sieht man auch im Film, dass sie ihr Handwerk außerordentlich gut beherrscht. Es gibt da zum Beispiel einige Traumszenen, die ich sehr gut finde – bezeichnenderweise ohne jeden Dialog – und auch sonst sehr sehenswerte Bilder. Allein, das reicht nicht. Ich rate dringend ab.
O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You

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