Von einer umschifften Gefahr

Moderne Literatur heißt: Kino, Theater und Oper nicht vergessen. Welcher Film ist sehenswert? Welche Inszenierung gelungen?
Khadija
Orpheus
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Von einer umschifften Gefahr

Beitragvon Khadija » 28.09.2005, 22:28

Film: "Die weisse Massai" (Literaturverfilmung; beruhend auf einer wahren Begebenheit)

Regisseurin: Hermine Huntgeburth

Schauspieler: Katja Flint, Nina Hoss, Janek Rieke, Jacky Ido, Nino Prester


Eine Gemeinschaftskritik von Khadija und Ham

Inhalt: Carola verbringt mit ihrem Freund Stefan den letzten Tag ihres Keniaurlaubs. Bei einem Ausflug auf einen Markt in Mombasa geraten sie durch Stefans Schuld in Gefahr, aus der ihnen zwei Samburu-Krieger heraushelfen. Einen der beiden Krieger (nein, nicht Martin ;-) ) hat Carola schon vorher auf der Fähre nach Mombasa gesehen. Durch einen weiteren Zufall verbringen die 4 den Abend miteinander. Stefan will den Urlaub eigentlich mit Carola allein ausklingen lassen. Carola jedoch verfällt mehr und mehr der Faszination des Kriegers Lemalian.

Am nächsten Tag entscheidet sich Carola – kurz vor dem Abflug - dafür in Kenia zu bleiben und Lemalian, dessen Namen sie bis dahin nicht einmal kennt, zu suchen.
Sie findet heraus, dass er in Basaloi wohnt und fährt mit dem Bus nach Maralal, einem Ort, der im Reiseführer nicht einmal erwähnt wird. Dort kommt sie zunächst bei Elisabeth unter, einer weißen Frau, die einen Einheimischen geheiratet hat. Diese erklärt Carola, sie müsse warten. Wenn Lemalian Interesse an ihr hätte, würde er von sich aus kommen: "Was du willst, zählt hier nicht sehr viel. Frauen kommen hier gleich nach den Ziegen."

Carola wartet also und wird nach einigen Tagen von Lemalian abgeholt und mit nach Basaloi genommen. Sie ist die erste weiße Frau, die dieses afrikanische Dorf fernab der Zivilisation betritt.
Schon nach kurzer Zeit und trotz der Lebensbedingungen in Basaloi entscheidet sich Carola Lemalian zu heiraten. Doch obwohl beide viel füreinander empfinden führen ihre unterschiedlichen kulturellen Wurzeln fast zwangsläufig zu einer sehr konfliktreichen Beziehung...

Kritik: Die schlimmste Gefahr einer solchen filmischen Grundkonstellation liegt auf der Hand: das Abgleiten in trivialen Herz-Schmerz-Kitsch!

Erstaunlicher- und erfreulicherweise bekommt der Zuschauer jedoch keine Aneinanderreihung von starken Landschaftsbildern mit sehnsüchtig in die Weite starrenden Verliebten serviert. Auch wird er von Dialogen, in denen sich Lemalian und Carola permanent ihre große Liebe gestehen, verschont.

Stattdessen schafft es der Film einen realistischen Spannungsbogen aufzubauen, in dem sowohl die Liebe der beiden Protagonisten zueinander als auch die Spannungen und offenen Konflikte zwischen ihnen die Geschichte tragen. Mit Ausnahme der etwas zu häufig eingesetzten musikalischen Untermalung wird darauf verzichtet auf die Tränendrüse zu drücken - und gerade diese Unterlassung kommt dem Film sehr zugute.

Die beiden Charaktere Lemalian und Carola sind glaubwürdig gezeichnet. Bei so einem Thema besteht ja immer die Gefahr, dass es in die Klischeefalle böser – hartherziger – Wilder – und – arme – zivilisierte – Frau abgleitet. Es ist eine der Stärken des Films, dass man die Motive beider Charaktere nachvollziehen kann. Sie bemühen sich einen Weg zueinander zu finden und einander entgegen zu kommen. Man spürt als Zuschauer die Liebe zwischen den beiden trotz der kulturellen Unterschiede. Carola und Lemalian entwickeln sich während des Films und es wird klar wie sie sich und wie sie einander verändern. Ebenso sind aber auch die Grenzen, denen beide unterliegen, sichtbar.

Weitere Pluspunkte des Films sind der unpathetische Schluss und die Nebenfigur des italienischen Pater Bernado, der als christlicher Priester seit 20 Jahren beim Stamm der Samburu lebt und im Rahmen seiner Möglichkeiten Einfluss auf die Riten und Traditionen des Stammes zu nehmen versucht, die zivilisierten Menschen barbarisch vorkommen müssen. Er verkörpert einen guten Gegenpol zur selbstbewussten und emanzipierten Carola, was der Film in einigen Dialogen sehr gut ausspielt. Außerdem steht nicht nur die Liebesgeschichte im Mittelpunkt. Vielmehr werden auch aktuelle (durchaus nicht nur für die dargestellte Stammesgesellschaft, sondern auch für andere Teile Afrikas relevante) Themen wie z.B. Beschneidung, Schwangerschaft oder Hexenglauben angeschnitten. Da die Sprache der Einheimischen im Gegensatz zu den englischen Passagen des Films nie durch Untertitel übersetzt wird, kann sich schließlich der Zuschauer viel besser in Carola hineinversetzen. Ihre Fremdheit in dieser Welt, die sie nie ganz ablegen kann, wird durch dieses Vorgehen umso stärker transportiert.

Ganz ohne Minuspunkte geht’s aber leider nicht. Carola wechselt beim Reden oft zwischen Deutsch und Englisch. Es wirkt unrealistisch, dass Lemalian in so kurzer Zeit lernt die deutschen Begriffe zu verstehen. Es wäre auch problemlos möglich gewesen einfach alles auf Englisch zu sagen. Die Sätze sind meist so simpel, dass man sie sogar ohne Untertitel verstanden hätte.
Überhaupt wirken manche Dinge im Film nicht glaubwürdig. In dem von Carola eröffneten Laden wird über einen längeren Zeitraum wirklich vielen Menschen Kredit gewährt. Trotzdem fällt ihr nicht auf, dass zwar Waren verschwinden, sie aber fast kein Geld in der Kasse hat.
Das ist ein eher unwichtiges Detail, was aber wirklich befremdet, ist, dass Carola – als erste weiße Frau, die jemals nach Basaloi kommt – absolut problemlos in den Stamm aufgenommen wird. Und obwohl sie am Anfang nicht mal irgendeinen Beitrag leistet, ist jeder sofort damit einverstanden, dass sie im Dorf bleibt. (nette Menschen halt :fun: )
Es bleibt auch ungeklärt, welche Hierarchien es in dieser Gemeinschaft gibt. Der mini-chief nimmt offenbar eine wichtige Position ein, es wird aber nicht erklärt, woraus sich sein Anspruch darauf ableitet. Genau so wenig wird erwähnt, wer die Entscheidungen trifft oder Streitfälle regelt und wer wem übergeordnet ist.

Auch die Motivation der Nebenfiguren ist nicht immer nachvollziehbar. Wie bei dem prinzipiell sehr wichtigem Pater Bernado: Carola gegenüber sagt er, dass die Dinge hier nur langsam verändert werden können und dass man mit den Dorfbewohnern reden muss. Es wirkt aber, als hätte er nur sehr geringen bis keinen Einfluss auf die Samburu, obwohl er bereits seit zwanzig Jahren hier lebt. Deshalb würde man gerne wissen, was er während dieser Zeit erreicht hat. Und wenn er nichts erreicht hat, warum er trotzdem bleibt.
Ähnlich ist es bei Elisabeth. Die Beziehung zu ihrem Mann wirkt ziemlich lieblos und sie wirkt verbittert, als sie mit Carola redet und ihr davon abrät in Kenia zu bleiben. Auch hier wäre es interessant gewesen zu erfahren, was Elisabeth an ihrem Platz hält.

Gesamtfazit: Trotz einiger Mängel ist „Die weisse Massai“ ein insgesamt sehenswerter Film, der Pathos und Kitsch gekonnt ausweicht.

Liebe Grüße von uns beiden,

Khadija und Ham
...words strain,
Crack and sometimes break, under the burden,
Under the tension, slip, slide, perish,
Decay with imprecision, will not stay in place,
Will not stay still.

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