Irreversibel

Moderne Literatur heißt: Kino, Theater und Oper nicht vergessen. Welcher Film ist sehenswert? Welche Inszenierung gelungen?
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Irreversibel

Beitragvon Hamburger » 04.10.2003, 22:02

Film: Irreversibel

Regisseur: Gaspar Noè

Schauspieler: Monica Bellucci, Vincent Cassel, u.a.

Inhalt: Irreversibel erzählt vordergründig einfach nur die Geschichte des glücklichen Paares Marcus und Alex. Als Alex vergewaltigt und brutal misshandelt wird macht sich Marcus zusammen mit seinem Freund Pierre auf die Suche nach dem Täter, welchen er schliesslich in einem schwulen Sado-Maso-Club aufspürt. Da ihm im Kampf mit dem Täter sein Arm gebrochen wird rächt Pierre die Tat, indem er mit einem Feuerlöscher das Gesicht des Täters zertrümmert. Allerdings handelt es sich nur um einen ähnlich aussehenden Mann, so dass der Falsche gerächt wird.
die Geschichte wird dabei rückwärts erzählt, der Film beginnt mit dem Abspann (welcher ebenfalls rückwärts läuft).

Kritik: Dieser Film, man spürt es schon am Titel, will hintergründig sein. Irreversibel - meine freie Übersetzung lautet in etwa "Unumkehrbar" - will zeigen dass bestimmte Greueltaten einfach - auch durch Rache - nicht wieder gut zu machen sind. Sie sind ein unumkehrbar Einschnitt im Leben des Opfers und der Angehörigen.
Der Film versteigt sich sogar zu der äusserst nihilistischen Ansicht, dass die Zeit alles zerstört. Dieser Satz wird am Anfang des Filmes ausgesprochen und am Schluss eingeblendet. Und auch der Aussprach Alexs (zeitlich vor der Vergewaltigung), sie habe einen roten Tunnel in ihrem Traum gesehen der zerbrach (Hinweis auf die U-Bahn-Unterführung in der sie vergewaltigt wird) und ihre spätere Aussage, sie glaube an prophetische Träume weisen darauf hin, dass diese Tat etwas Schicksalhaftes hatte, dass sie unabwendbar war.

Jedoch kann der Film trotz all dieser versuchten Hintergründigkeit nicht überzeuigen. Und warum? Weil er nicht wirklich hintergründig ist. Die Aussage "Die Zeit zerstört alles" mag man noch als reichlich substanzlos und im besten Falle nihilistisch hinnehmen, bei den platten Charakteren des Films jedoch regt sich bei mir erster Widerstand. Der erste Spannungsbogen ist mit der ungeschnittenen neunminütigen Vergewaltigungsszene, die quasi den ersten Teil der Geschichte abschliesst aberzählt worden und es kommt kein weiterer mehr hinzu. Der Film versteht es einfach nicht, im zweiten Teil (also vor der Vergewaltigung) seinen Figuren ein Gesicht und dem Zuschauer Identifikationsmöglichkeiten mit ihnen zu geben. Stattdessen muss man sich gut 50.Minuten lang banales Gewäsch über Drogen und Sex anhören. Die Idee, dass Alex schwanger war, wirkt reichlich konstruiert, wenngleich sie die einzige ist, die die Dimension der Tat wirklich steigert. Von den Figuren un ihrem Innenleben erfährt man so gut wie nichts. Pierre war Alex Ex-Lover und liebt sie immer noch - das war es eigentlich schon.
Die gute Ausgangsidee ist somit verschenkt, was umso bitterer ist, da ein greller Kontrast mit lebendigen ernst zu nehmenden Charakteren im zweiten Teil den sehr gewalttätigen ersten Teil nachträglich aufgewertet hätte.
Ferner hat der Plot einige Schwächen: Warum nur geht Alex - eine wunderscöne und an diesem Abend wegen einer Party zusätzlich gestylte Frau - durch die siffigste U-Bahn-Unterführung Frankreichs heim? Die Erklärung, die der Film anbietet (auf der Strasse ist so viel Verkehr und es waren ein paar hundert Meter bis zur Ampel) ringt mir nur ein müdes Lächeln ab.
Und wie homophob war eigentlich der Autor des Drehbuches. Die schwule Sado-Maso-Bar heisst "Rektum" und auch sonst lässt Marcus keine Gelegenheit aus, getrieben von Rachsucht, seiner Schwulenfeindlichkeit freien Lauf zu lassen.
Die zwei Männer, die am Anfang des Filmes über "das Tier im Mann" sinnieren erfüllen keine weitere Funktion und sind eigentlich überflüssig. Das Motto des films wird schliessich am Schluss schon eingeblendet.

Zum Stil des Films ist noch zu sagen, dass die sich extrem drehende und windende Kamera zu Beginn sehr geschickt die Sehgewohnheiten des Zuschauers angreift, aber nach ein paar Minuten wird einem speiübel davon und es nervt, a der Film auch sonst nicht zu überzeugen weiß.

Fazit: Ein zu Unrecht hochstilisierter Film, hauptsächlich so umstritten wegen der Vergewaltigungsszene, ist mit philosophischem Anspruch gestartet und in den Niederungen des Seichten versunken.
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Re: Irreversibel

Beitragvon gelbsucht » 12.10.2003, 21:27

Hallo Ham,

eine sehr gelungene Rezension, die ziemlich exakt meine Meinung zu diesem Film wiedergibt. Allerdings habe ich eine Frage:
Allerdings handelt es sich nur um einen ähnlich aussehenden Mann, so dass der Falsche gerächt wird.

Bist du dir sicher? Ich dachte wirklich, es wäre derselbe. Allerdings ist die Szene am Anfang des Films sehr unübersichtlich und finster und auch die Rotation der Kamera ist nicht gerade hilfreich, sich das Gesicht des Opfers genau anzusehen und einzuprägen. Hinzu kommt, dass es einfach nur eklig war. Die Szene im "Rectum" noch mehr, als die später gezeigte Vergewaltigung. Ich weiß auch nicht, was der Sinn sein soll, die Zertrümmerung eines Schädels so ausführlich darzustellen. Das ist einfach nur Splatter-Niveau. Ich krieg jetzt noch ein flaues Gefühl in der Magengegend, wenn ich an diesen blöden Film denke.

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Re: Irreversibel

Beitragvon Hamburger » 24.10.2003, 17:09

Hallo gelb!

Ja, da bin ich mir sicher. Aber nur, weil sich alle Quellen, die ich heranzog, sicher sind. Im Film selber war mir das auch nicht aufgefallen. Doch in vielen Internetquellen wird sogar darüber philosophiert, was das jetzt bedeutet, dass der Falsche gerächt wird, wie tiefgründig das doch wieder ist etc.pepe, blaba.

Oh Herr, wieviele Kritiken werden geschrieben ohne dass sich die Kritiker mit wachem, kritischen Verstand dem zu behandelnden Gegenstand zugewandt haben...

MFG,

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Re: Irreversibel

Beitragvon cute sushi lunches » 04.09.2004, 20:09

Ok, ich weiß, es ist ein wenig Zeit vergangen, aber ich habe den Film vor kurzem gesehen und würde gern etwas dazu sagen.

Ich kann euch beiden nämlich gar nicht zustimmen und habe den Film auch völlig anders verstanden.
Zunächst einmal glaube ich nicht, dass hier irgendeine Bemühung um Hintergründigkeit oder Komplexität vorliegt. Dafür sind die Charaktere zu wenig entwickelt und die Gewaltszenen zu plakativ. Für meine Begriffe wird hier sehr geschickt mit den Gefühlen des Zuschauers gespielt.
Die 'Wackelkamera' am Anfang zeigt deutlich vor allem Marcus' Gefühle - noch halb im Rausch, ziellos und aggressiv rennt er ja eine ganze Zeit durch diesen Club. [Keine Homophobie nur wegen ein paar Homos, die sich auspeitschen - eher eine Spiegelung der Partyszene von Alex un Co].
Ok, an diesem Punkt fühlt man sich schon sehr vor den Kopf gestoßen. Dies passiert ja dann auch wörtlich genommen einem Herren im Film. Ich fand die Feuerlöscherszene sehr beeindruckend, weil sie sich eben gerade wegen ihrem Realismus von einem Splattereffekt unterscheidet.
Im übrigen wird hier nicht der Vergewaltiger zusammengefaltet, und in diesem Fall spielt das Aussehen keine Rolle, denn Marcus und Pierre können vom Aussehen des Täters gar nichts wissen. Daher müssen sie ja auch alle Leute im Club nach dem Namen des Vergewaltigers fragen, einschließlich den Täter selbst. Es ist der Typ, der neben dem steht, der anschließend mit dem Feuerlöscher verprügelt wird.

Ok, und ich will jetzt Party machen gehen, aber ich werde morgen noch was zu dem Film schreiben, weil ich noch eine Menge zu sagen habe, auch wenn's hier niemand lesen will ;-)

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Re: Irreversibel

Beitragvon Hamburger » 09.09.2004, 11:52

Hallo cute sushi,

oh oh, da wirst du in mir aber einen erbitterten Widersacher finden. Ich glaube nämlich dass ich noch gnädig war mit diesem...ähm...naja...Film (auch wenn mir diese Bezeichnung dafür schwer fällt).

Aber ich warte noch deine Ankündigung ab...


Ok, und ich will jetzt Party machen gehen, aber ich werde morgen noch was zu dem Film schreiben, weil ich noch eine Menge zu sagen habe, auch wenn's hier niemand lesen will ;-)


...vor allem deren zweiten Teil. Ich werds natürlich lesen und versuchen mich überzeugen zu lassen, aber da musst du wirklich meisterhafte Argumente finden, um mir diesen...Film...schmackhaft zu
machen.

Gespannt wartet,

der Hamburger
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