Troia

Moderne Literatur heißt: Kino, Theater und Oper nicht vergessen. Welcher Film ist sehenswert? Welche Inszenierung gelungen?
vogel
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Re: Troia

Beitragvon vogel » 19.05.2004, 19:30

.. ich habe gerade wie wild durch die gegend telefoniert, habe auch jemanden gefunden, der mit mir gehen möchte - morgen vielleicht. aber es ist ein unentschlossener mensch, vdeshalb muss ich erst sehen ... aber ich werde mir diesen film ansehen ! yo ..
Mein Ich ist ein Pfogel aus Metall, doch Du hast ihn berührt und beschützt.

Auf Eulen Schwingen
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Re: Troia

Beitragvon Auf Eulen Schwingen » 29.05.2004, 17:14

Troja-Disput

Vorüberlegungen:

habe hier die Dispute der seriösen silentium und des distinguierten Dirk mit großem vergnügen gelesen, möchte, türkischen Weißwein trinkend, eine Käsepizza und ein Kebab essend und einen griechischen Ouzo nachspülend, eineThese aufstellen:

... denke doch, dass Script/Partitur und Präsentation im Film (noch) mehr Zuwendung verdienten als es beim "Dischkriern" und der dabei auftauchenden Verkürzung möglich ist. Und mal den Fokus weniger auf die Abweichungen von der Ilias stellen.

Der Film heißt "Troja", bezeichnet sich als "inspiriert von der Ilias", schöpft damit aus dem Sagenstoff und hat das Recht damit so umzugehen, wie Dichter das mit der Artussage oder anderen Mythen machten.

Ein paar Aspekte:

    (a) Basisstrukturen des plot
    (b) Hollywoodästhetik?
    (c) Gesamtanlage und filigrane Elemente
    (d) Der ambivalente Charakter Achills
    (d) Die Begegnung Achills mit Priamos und der Epilog
(a) Basisstrukturen des plot: Figurenkonstellation, Rahmenbildung, die dreiteilge Ereigniskette

Figurenkonstellation:

Die Griechen:

Agamemnon (König von Mykene)
Menelaos (König von Sparta,
Gatte von Helena)
Odysseus (König von Ithaka)
Achilles (kein politisches Amt)
Patroklos (junger Vetter Achills)

Die Trojaner:

Priamos (König von Troja)
Hektor und Andromache
(Ehepaar, in der Rangfolge zweite Stelle nach Priamos)
Paris (Paris und Hektor: Söhne des Priamos)
Briseis (Priesterin Apolls, Nichte
von Paris und Hektor)

Griechische Trojanerin:
    Helena (von Paris aus Sparta geraubt)

Plot: Die Rahmung durch Prolog und Epilog, dreiteilige Ereigniskette

0. Rahmen, Anfang:

    Vorspann mit Landkarte (ärgerliche Orthographie: "Büdnis"), geopolitische Situation und erste Grobcharakteristik der zentralen Figuren (Expansionsstreben von Agamemnon Richtung Osten, Kriegsmüdigkeit bei Menelaos, "splendid isolation" bei Achilles)

    Prolog: Sehnsucht der Menschen angesichts der unendlichen Zeit wenigstens mit ihrem Namen unsterblich zu sein.

1. Exposition: Das individuelle Duell, der Frauenraub, das politische und das ruhmorientierte Kalkül

    Aufmarsch von zwei Heeren: Agamemnon will möglichst ohne Heeres- Kampf (das würde die bestehende und zukünftige Verfügungszahl von Untertanen dezimieren) eines der griechischen Reiche in seine Botmäßigkeit bringen: "Ein guter Tag für die Raben...". Das politische Kalkül führt zu einer besonderen Abmachung. Ein Einzelduell soll Entscheidung - "wie in alten zeiten" - bringen. Eine Art Stellvertreterkampf, nicht die Heere, nicht die Könige/Fürsten, sondern , der löwenartig-geschmeidige Achilles gegen einen muskelbepackten Krieger.

    Achilles - splendid isolation - muss erst geholt werden. Wir begegnen ihm in seinem Liebeszelt. Sein Antrieb: sich einen Namen machen, der in der Geschichte überlebt. Die Story bestätigt in diesem Moment seine Theorie: der Junge, der ihn holt, bekommt vom Film ein Gesicht, Achilles hat das Gesicht und den großen Namen.

    Raub der Helena durch Paris, Gespräch der Brüder auf dem trojanischen Schiff über Pferdediebstahl, Menelaos bei seinem Bruder Agamemnon, um ein Kampfbündnis herzustellen. Man braucht unbedingt "splendid Achill", auch wenn gilt: "Von allen Kämpfern, welche der Kriegsgott begnadet hat, ist mir Achilles am verhasstesten." (Agamemnon)

    Odysseus gewinnt Achill und dessen Vetter Patroklos für den Krieg, stimuliert nämlich mit dem Hinweis auf die großen trojanischen Kämpfer den intelligenten, existentialistisch angehauchten, Namensunsterblichkeit suchenden Achill.

    Achill meditierend am Strand, Begegnung mit seiner Mutter Thetis. Zwei Alternativen präsentiert die Mutter für die Zukunft: a) Achilles als Familienvater. Wenn die Kinder einmal tot sind, wird aber sich niemand an ihn erinnern b) Achilles als Kämpfer vor Troja. Unsterblichkeit im Sinne von Berühmtheit über die Zeit hinaus ist der Gewinn. Allerdings bezahlt durch den Verlust des Lebens.

    (Die zwei Alternativen machen - ein kurzer Vorgriff sei hier gestattet - es wahrscheinlich, dass Achilles von dem Modell b Abstand nimmt, als er in seiner Liebesphase mit Briseis - den Befehl zur Rückkehr nach Griechenland gibt und sich damit dem Kampfmodell entzieht)


2. Die Griechen und Trojaner vor Troja


    Aufnahme von Helena in Troja, unterschiedliche Optionen werden angedacht: (a) Man schickt Helena zurück. (b) Paris hat seine Liebe gefunden: Helena soll bleiben.

    Vorpreschen des Achilles-Schiffes aus der Kriegsarmada der Griechen (Agamemnon: "Da will einer am Strand sterben.") Sturmlauf am Strand, Tötung der Priester im Apollotempel, Abschlagen des Kopfes von der Apollostatue ("Keine Angst vor den Göttern, sie tun nichts"), Erste Begegnung Achill-Hektor im Inneren des Tempels. Achill: "Ich kämpfe hier noch nicht mit Dir, hier könnte es keiner sehen, wenn ich dich töte"

    Stellvertreterkampf zwischen Paris und dem gekränkten Menelaos, allerdings sprechen sich die Griechen vorher ab, dass man nach dem Sieg über Paris auf jeden Fall die Stadt erobern werde, Menelaos werde Helena eigenhändig töten: Beschimpfungen der Kombattanten: "Paris hat das Gastrecht missbraucht" - "Helena wurde am Tage geraubt ..." Das impliziert: Menelaos ist fern von erotischen Bindungen ein Genussmensch und Warlord.
    Paris als der Unterlegene, Angst vor dem Getötetwerden, sucht Schutz bei Bruder Hektor. Menelaos, der die Fortsetzung des Kampfes moniert und kurz vor dem Sieg steht, wird von Hektor getötet.

    Kampf vor den Wällen Trojas: Ajax von Hektor getötet, Bogenschützen der Trojaner sind "skilled" und "effektvoll". Die Trojaner gwähren eine kampflose Zeit für die Bestattung der griechischen Toten.

    Briseis wird gefangengenommen, Liebesgeschichte entwickelt sich zwischen Achill und Briseis, "Kompetenz- und Beutestreit" mit Agamemnon. Achill gibt den Befehl, sich aus dem Krieg zurückzuziehen und die Heimfahrt vorzubereiten. Das Lebensmodell (a) (vgl. Begegnung mit Mutter Thetis) scheint zu greifen

    Kriegsrat der Trojaner: Gegen den Rat des Hektor ("Wir haben die Griechen vor der Stadt besiegt. Aber jetzt sollten wir sie nicht unterschätzen.") bricht das Heer der Trojaner auf, weil der Priester die Unterstützung durch den gekränkten Apoll voraussagt. Der zurückgezogene Achill will nicht kämpfen, Patroklos sucht den Kampf, zieht Achills Rüstung an, die Myrmidonen ("Löwen-Gruppe") folgt dem vermeintlichen Führer Achill. Der junge Patroklos wird im Kampf von Hektor getötet. Absprache zwischen Odysseus und Hektor: "Genug gekämpft für heute".

    Der Verlust von Patroklos motiviert Achill zu wütender Rückkehr in den Krieg. Vor den Toren Trojas fordert er Achill zum Einzelkampf heraus. Hektor nimmt an, bittet um einen "Pakt", der Sieger solle dem Besiegten ein würdiges Leichenbegängnis zubilligen. Achill weist dies zurück: "Es gibt keinen Pakt zwischen Löwen und Menschen. Ich werde dir die Augen ausstechen, die Zunge abschneiden ... Die Toten am Styx sollen dich Elenden erkennen" Der getötete Hektor wird an den Kampfwagen gebunden und durch den Sand geschleift.

    Priamos sucht Achill im Zelt auf, bittet um den Leichnam seines Sohnes.
    Achill: "Wenn ich dir heute den Leichnam deines Sohnes zurückgebe, ändert das nichts, wir sind morgen wieder Feinde." Priamos: "Wir sind jetzt Feinde. Aber Feinde, die sich achten." Achill sucht den Leichnam auf ("Bruder Hektor") und bietet einen zwölftägigen Waffenstillstand, in dem die Leichenfeierlichkeiten ungestört stattfinden können. Briseis kann mit dem Vater nach Troja.

    Agamemnon ist wütend über die Einzelabmachung durch Achill, erwähnt im Kriegsrat, er werde die 50 000 Griechen gegen Troja führen, egal wieviel dabei fallen könnten, ohne Rücksicht auf Verluste. Odysseus, der dies hört, hat den Einfall, es mit Kriegslist unter geringen Verlusten zu versuchen.

    Nach Ablauf der zwölf Tage finden die Trojaner das riesige Holzpferd. Hektor und Paris sind skeptisch. Paris will das Pferd verbrennen lassen. Der Priester interpretiert das Pferd als Weihegeschenk an Neptun, Devotionalie der Griechen für eine glückliche Heimfahrt. Man solle das Pferd in die Stadt zum Neptuntempel bringen.

    Damit hat Götterglaube nicht nur die Patroklosepisode und die Wiederaufnahme des Kampfes durch Achill mit bewirkt. Nun ist die Zerstörung Trojas vorbereitet.


3. Die Zerstörung Trojas

    Nachts steigen die Griechen (Achilles, Odysseus) aus dem Pferd, öffnen die Stadtore für die Griechen draußen. Die Stadt wird verwüstet.

    Agamemnon tötet Priamos. Als er Briseis gefangennimmt, tötet ihn die Priesterin mit einem Dolch. Paris trifft Achilles mit dem Pfeil in die Ferse und in die Brust. Achill stirbt.

    Das Schwert des Priamos wird von Paris an Aeneas weitergegeben. Andromache und viele Trojaner können fliehen.

0. Rahmen, Ende

Epilog: Stimme aus dem Off (die sich als Stimme von Odysseus zu erkennen gibt) - Er könne von sich sagen, er habe zwei Männer erlebt, den Rossebändiger Hektor und den Löwen Achilles. Eine Art clan-übergreifende Würdigung von Qualitäten nicht nur des Kampfes. Und eine Bestätigung des Unsterblichkeitswunsches durch Aufnahme in das kollektive Gedächtnis der Menschheit.

(b) Hollywood-Ästhetik?

das Motiv der nichteingreifenden, indifferenten ("inexistenten") Götter und der illusionsnahen Religio ist fern von pompösen, auf bloße Schaueffekte hin genutzten Hollywood-Potentialen

Apollotempelschändung; (Gewissheit der Priester, Apollo werde sich rächen, Hektor überstimmt trotz seinem"Wir sollten die Griechen nicht unterschätzen" -, man greift also die Griechen am Strand an; Achill, der wegen Briseis seine Schmoll- und Rückzugsphase hat und heimkehren will ("Liebesmotiv" Achill-Briseis, Abkehr vom heroischen Impuls ähnlich wie im Feigheitsgespräch Helena-Paris), Patroklos kämpft bei diesem durch Götterglauben mitinitiierten Überfall der Trojaner auf die Griechen, er wird getötet in der Rüstung des Achill, das ist zentrales Motiv für das Wiedereingreifen von Schmoller und Haderer Achill und die Vernichtung der Stadt, ....

die Missinterpretation des trojanischen Pferdes als Weihegeschenk für Neptun durch den Priester, man solle es nicht "verbrennen" wie Paris das will, sondern in die Stadt ´zum Neptunheiligtum ziehen ...

die Mehrschichtigkeit der Helenafigur (Depression und Suizidsucht in der Ehe mit dem Kämpfer Menelaos, ihr Kult der Familie und des Eros im Gespäch mit Paris über die "Feigheit" - nach dem Zweikampf mit Menelaos, das Unsterblichkeitsmotiv angesichts der Unendlichkeit der Zeit (Prolog, Gespräch Achilles.-Thetis, Briseis, ...) und die Mehrschichtigkeit der Parisfigur ....

der Sozialdarwinismus und das Machtkalkül des Agamemnon ("Friede ist etwas für Frauen, Die Götter sind mit den Stärkeren"),

die filigrane Struktur des Bootgespräches Hektor-Paris mit dem clever funkelnd ge-schliffene Pferde-Diebstahl-Motiv ("Das letzte Mal, als Du mich so was gefragt hast, warst Du zehn und hast Vaters Pferd gestohlen") und das alles unter dem Pferdeemblem - offen-sichtlich das Emblem der Trojaner überhaupt (man vergleiche ihre Schilde) auf dem Segel des trojanischen Schiffs und mit einer griechischen Helena im Holz unter Deck, die Unheil bringen wird, und, und ....


(b) Gesamtanlage und filigrane Elemente:

Halte das Script und dessen Verfilmung für eine ungewöhnlich gute Leistung. Denke, es sind soviel Motivketten der ergiebigen Art eingebaut, so dass eine vielschichtige, ästhetisch be-friedigende Textur entsteht,

die in den Kampfszenen episch breit gebaut ist, in der Vielfigurigkeit parallele Züge der Prot akzentuiert (man vergleiche etwa die parallele Zurüstung Hektor und Achill vor dem finalen Duell), die den Akzent auf faire, moralnahe Riten legt (zwölf Tage Leichenfeier bei den Griechen, ebenso bei den Trojaner; Angebot der kampffreien Zeit zur Bestattung der Toten durch Hektor, Absprache Hektor-Odysseus nach der Tötung des Patroklos ("Genug für heute") - dabei aber werden die zwölf Tage für den Bau des Pferdes und die entsprechende List genützt, das animalísche Zorn- und Rasereimotiv bei Achill ("Kein Pakt zwischen Lö-wen/Myrmidonen und Menschen" - Achill nimmt den Helm ab -"Damit Du diesmal weisst, mit wem Du kämpfst ... Ich werde Dir die Zuge herausreißen, die Nase, die Augen, so dass die Toten des Styx vor Dir zurückschrecken ...) und dann das sorgfältig inszenierte Gespräch Priamos - Hektor ....

Der wohl überstrapazierte Vergleich mit dem Plot in der Ilias ist daher vielleicht gar nicht dienlich, wenn man den Film als einen eigenständigen Text lesen kann und will, ein Text, der - genauso wie die Ilias oder die Artussage - aus einem Überlieferungsstrom schöpft


(d) Der ambivalente Charakter Achills:

Die Anlage von Achill - viele Kritiker (Aero z.B.) monieren die flache Charakterisierung von Achill, akzentuieren den "Method Acting"-Gestus von Brad Pitt oder meinen hier eine ungriechische "Entwicklung" des Prot wahzunehmen - läuft auf einen athletischen, intellektuell abgeklärten, zynischen, Unsterblichkeit im großen Kampf suchenden, die Götter negierenden, hedonistischen, existentialistischen, humanen (Gespräche mit Briseis, das Gespräch mit Priamos), melancholischen, weltekelgebeutelten, leicht homoerotischen (Klaps mit dem Holzschwert auf Vetters Po in der ersten Begegnung zwischen Patroklos, Achill und Odysseus) Trickster und "homo currens" (Sloterdijk) hinaus.

Die Kategorie "Trickster" (wer mag, mag googlen, das ist literaturwissenschaftlich ergiebig und gar nicht abgehoben). Ein todesverliebter, kampfverliebter Intellektueller, der die Tricks von Odysseus durchschaut und genießt, der immer wieder das Axiom "So ist es und nichts ändert sich" vertritt, glaubhaft vertritt und so ein ad-hoc-Verhalten jenseits von großer Verantwortungs- und Konsequenzenethik postulieren kann, der kein König ist und auch insofern eine "verantwortungsfreie" Probierphase für sich beansprucht, eine James Dean Figur mit "Out-Law"-Zügen von Aggression, Selbstüberheblichkeit und Selbstzweifel, ein Romeo, der sich Petrarkaphraseologie abgeschminkt hat und sich doch nach Liebeslust und den toten Brüdern am Styx sehnt, der die Indifferenz der Götter gegenüber den thematisiert, der ihre Armseligkeit und ihren Neid behauptet und damit gleichzeitig das Elend der sterblichen Menschen verklärt: "Die Götter beneiden uns, denn wir - die wir nicht unsterblich sind - müssen genießen und genießen jeden Augenblick im Bewusstsein, dass er vorbeigeht ..."

N.B.: Die Indifferenz der Götter findet sich als Thema zum Beispiel im Gespräch mit dem Myrmidonen vor dem Apollo-Tempel, kurz bevor Achill die Statue köpft: Die Götter, wenn sie denn existieren, greifen nicht ein ..... (Es sind nicht einmal deistische Götter ... ) (Hektor: "Wo sind denn die Bataillone Apolls?" - Der Scriptschreiber ist clever und kennt wohl Stalins Äußerung über die Bataillone des Papstes ..)

(e) Die Begegnung Priamos - Achill (nach der Leichnams-Schändung durch Achill) und der Epilog des Filmes:

Eben dieser Achill hat eine Art minimale moralische Anagnorisis: Man gucke sich die Briseis-Gespräche an, hier dann etwa das Thema vom Neid der Götter auf die Unsterblichen, man gucke auf Achills Umgang mit der Priesterin. Oder man höre in das Gespräch mit Priamos ("Selbst wenn ich Dir den Leichnam deines Sohnes herausgebe, sind wir morgen wieder Feinde. Was also ändert sich?" "Wir sind heute abend schon Feinde. Aber Feinde, die sich achten" - minima moralia, vielleicht am illusionären Klischee ganz nahe .. und doch ..).

Es ist zwar für die Wirkung dieser Charakterzeichnung völlig unerheblich, ob sie schon bei Homer vorliegt, der ja seine Illias mit dem Thema "Zorn und schmollenden Melancholie" des Peliden Achilles beginnt. Aber mir hat schon als Jungen das Gespräch im Zelt bei Homer soviel Eindruck gemacht, dass hier die Partie aus Gustav Schwabs Fassung eingerückt werden soll. Wer eine ausführliche Homerübersetzung liest, wird an dieser Passage sicher noch weit mehr entdecken können. Dank an Dirk.

Und man kann ahnen, was Petersen, der die Aeneis, Schwab und die Ilias und die Odyssee kennt und der die Männergesellschaften und ihre Kampf- und Moralrituale ("Das Boot", "Enemy Mine") in seinen Filmen fokusiert, luzid und intelligent und ohne zu predigen) mit dem Epilog des Tojafilmes einbaut: Odysseus hat seinen Namen über die Abgründe der Zeit retten können, war er doch in einem Kampf dabei, war zusammen mit (zwei Feinden und Partnern und Brüdern), dem rossebändigenden Hektor und dem ....

Zagend gehorchte Priamos. Achilles aber sprang wie ein Löwe aus der Pforte, und ihm nach seine Genossen. Vor dem Zelte spannten sie die Tiere aus dem Joch und führten den Herold herein. Dann hoben sie die Lösegeschenke vom Wagen und ließen nur zwei Mäntel und einen Leibrock zurück, um damit die Leiche Hektors anständig zu verhüllen. Dann ließ Achilles, fern und ungesehen vom Vater, den Leichnam waschen, salben und bekleiden. Achilles selbst legte ihn auf ein unterbreitetes Lager, rief, während die Freunde den Toten auf den mit Maultieren bespannten Wagen hoben, den Namen seines Freundes an und sprach: "Zürne und eifre mir nicht, Patroklos, wenn du etwa in der Nacht der Unterwelt vernimmst, daß ich Hektors Leiche seinem Vater zurückgebe! Er hat kein unwürdiges Lösegeld gebracht, und auch dir soll dein Anteil davon werden!"

Nun kehrte er zurück ins Zelt, setzte sich dem König wieder gegenüber und sprach: "Siehe, dein Sohn ist jetzt gelöst, o Greis, wie du es gewünscht hast; er liegt in ehrbare Gewänder eingehüllt. Sobald der Morgen sich rötet, magst du ihn schauen und davonführen. Jetzt aber laß uns der Nachtkost gedenken; du hast noch Zeit genug, deinen lieben Sohn zu beweinen, wenn du ihn zur Stadt gebracht hast; denn wohl verdient er viele Tränen." So sprach der Held, erhob sich wieder vom Sitz, eilte hinaus und schlachtete ein Schaf. Seine Freunde zogen die Haut ab, schnitten das Fleisch in Stücke und brieten es sorgfältig am Spieße. Dann setzten sie sich zu Tische; Automedon verteilte in zierlichen Körben das Brot, Achilles das Fleisch, und alle sättigten sich nun mit Speise und Trank. Staunend betrachtete Priamos Wuchs und Gestalt seines edlen Wirtes, denn er glich den Unsterblichen. Aber auch Achilles staunte vor Priamos, wenn er ihm in das Angesicht voll Würde schaute und die weise Rede des Greises vernahm. Als nun das Mahl vorüber war, sprach Priamos: "Bette mich jetzt, edler Held (...)."

Sofort befahl Achilles seinen Genossen und den Mägden, ein Bett unter die Halle zu stellen, mit Purpurpolstern zu belegen, Teppiche darüber zu breiten und zottige Mäntel als Decke darauf. So wurde jedem der Fremdlinge ein gesondertes Lager bereitet, und nun sprach Achilles freundlich: "Lagere dich jetzt draußen, lieber Greis; es möchte dich sonst einer der Danaerfürsten, die sich beständig in meinem Zelte zum Rat versammeln, durchs Dunkel hinschleichen sehen und es dem Völkerhirten Agamemnon melden. Der aber könnte dir den Leichnam streitig machen. Jetzt sage mir aber auch noch: wie viel Tage gedenkst du auf die Bestattung deines edlen Sohnes zu verwenden, damit ich so lange ruhe und auch das Volk von jedem Angriff abhalte?" - "Wenn du mir es vergönnst", antwortete Priamos, "meinem Sohn eine Leichenfeier zu halten, so gestatte mir deine Güte elf Tage. Du weißt, wir sind in die Stadt eingeschlossen und müssen das Holz fern im Gebirge holen. So brauchen wir neun Tage zur Vorbereitung, am zehnten möchten wir ihn bestatten und das Totenmahl feiern, am elften ihm einen Ehrenhügel auftürmen; am zwölften Tage, wenn es so sein muß, wollen wir wieder kämpfen." - "Auch dieses geschehe, wie du begehrst", erwiderte Achilles, "ich werde das Heer so lange zurückhalten, als du gefordert." So sprechend faßte er die Rechte des Greises am Knöchel, um seinem Herzen alle Furcht zu benehmen. Nun entließ er ihn zum Schlafe und legte sich selbst im innersten Räume seines Zeltes nieder.


Salute und spezieller Gruß an Silentium und Dirk und Razor, der auch die sagen des altertums auf kinderbeinen einsog und jetzt nicht verachten mag, sondern lieben wie einst und noch mehr ...

aes
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Re: Troia

Beitragvon Silentium » 29.05.2004, 17:48

So- nachdem ich jetzt aes' theorie in ansätzen verstanden habe, habe ich soeben den Beschluss gefasst, mir den Film ein zweites Mal anzuschauen, um ihn unter einem Haufen neuer Aspekte zu sehen.
Ich glaub, ich war so überzeugt davon, enttäuscht zu werden, bevor ich ihn gesehen hab, dass ich ein bissl voreingenommen war. Dann also- erst dann, wenn ich sicher bin, keinen Mist mehr zu reden, werde ich wahrscheinlich zugeben, dass ich zuviel gemeckert hab.

Soweit, silly silence
I would go to the Dark Side in a heartbeat if I thought they had better dialog over there.
- Ursula Vernon

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Re: Troia

Beitragvon vogel » 06.06.2004, 13:08

.. man mag es kaum noch glauben, aber gestern war ich im kino ! und ich habe mir troja angesehen ...

ich mag verstaubte history nicht, ist mir zu weit weg ...

also ich weiß noch immer nicht was ich von diesem film halten soll !
das gemetztelt wird - ok. aber dass das so lecker wird .. *brrrrrrrr*
zwischenzeitlich hatte ich das gefühl in HDR2 zu sitzen : da wo die idioten vor troja stehen, oben die arme trojas und unten griechenlands.
und ich fand helenas stimme echt grausam !
ich denke, den film muss man gesehn haben, um ihn gesehen zu haben und nciht weil man in toll fand.
ich werde wohjl bei meinen dramen und einzlenen thrillern bleiben .)


ich mag exzentrische Arschlöcher in Hauptrollen

also allein um brads arsch zu sehn hats sich gelohnt ...
am anfanfg hab ich schon gerschat - lag der dioch mit zwei griechinnen im "bett" ..


greetz
b i r d y



PS : .. und vielleicht errinert sich ja auch einer irgendwann mal an einen von uns ..
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Re: Troia

Beitragvon Lunch » 03.02.2005, 18:18

Auch wenn's lange her ist, vielleicht hat ja noch mal jemand Lust darüber zu reden. Ich hab den Film lange vermieden, weil ich die meisten Hollywood Filme nun mal einfach nicht mag, aber ich dachte, nach allen möglichen Klausurstress kann man sich sowas doch mal ansehen.
Ich muss zugeben, dass ich nicht so viel Ahnung habe was die Sagen angeht. Gustav Schwab habe ich als Kind gelesen und das ist verdammt lange her, ansonsten irgendwann später so ein Marion Zimmer-Bradley Gewäsch, das wohl nicht sehr nah am Mythos war.

Ich sage es einfach mal ganz platt, dieser Film war so absolut voll von unfreiwilliger Komik, ohne auch nur ansatzweise den Charme von den alten Hollywood Sandalenfilmen zu haben. Gut, alles wie gewöhnlich mit dem Hollywood Pomp, mit den gewöhnlichen platten pathetischen Mist, wenn es zum Beispiel darum geht wer gut und wer böse ist. Dazu noch einen Hauch von Softporno mit ein paar nackten Popos und ein bisschen Trashhomo Make Up (wer zur Hölle hat Brad Pitt diesen rosa Mund und die zurückgegelten Haare verpasst?), und schließlich noch ein paar grenzenlos langweilige digital gefickte Schlachten, die mich persönlich an eine Fleisch gewordene Vision von alten Asterix Comics erinnert haben.
Über die so genannten Aussagen in diesem Film brauche ich mich glaube ich nicht auszulassen, da Filme dieser Art subtil genug sind, dass sie auch noch der Dümmste Hinterwäldler im Schlaf versteht.
Aber eine Sache hat mich dann doch gewundert: Wie schafft man es einen Brad Pitt, der doch manchmal in guten Filmen mitspielen kann, so darzustellen, dass Jean-Claude vanDamme in Universal Soldier 2 wie ein Schauspielgott gegebn ihn wirkt? Wie hat es Wolfgang Petersen überhaupt geschafft, die zum Teil recht hochkarätige Besetzung derart runterzuziehen?
Einziger Sympathieträger war für mich Hector, wohl auch, weil er der einzige war, der sich schauspielerisch gesehen nicht komplett zum Affen machte.

Also ich finde sowas jedenfalls nicht sonderlich empfehlenswert, noch nicht mal, wenn man müde ist. Es sei denn man hat ein bisschen Wein und einen Mann bei sich, der garantiert einen besseren Hintern als Brad Pitt hat.
Was it a car or a cat I saw?

Auf Eulen Schwingen
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Re: Troia

Beitragvon Auf Eulen Schwingen » 05.02.2005, 12:33

Hm, denke der Filmbetracher war sehr müde.

Und hoffe, dass der Klausurstress überstanden ist.
aes
(auf!eulen schwingen)


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