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Moderne Literatur heißt: Kino, Theater und Oper nicht vergessen. Welcher Film ist sehenswert? Welche Inszenierung gelungen?
razorback
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Beitragvon razorback » 05.06.2004, 01:36

Wie versprochen:

Donnie Darko
(2001, Buch und Regie: Richard Kelly)

Donnie Darko ist ein...
Also, das ist ein...
Ähm....

Also zunächst einmal ist Donnie Darko ein Film und zwar ein ganz großartiger. Einer für meine persönlichen TopTen! Das beginnt mit Aspekten, die nicht annähernd so kompliziert sind wie die Geschichte selbst, aber nicht minder wichtig – allen voran die schauspielerische Leistung.

Zuvorderst zu nennen ist da selbstverständlich Jake Gyllenhaal in der Rolle des Donnie. Mr. Gyllenhaal wird just in diesen Tagen hierzulande berühmt, da er eine Hauptrolle in „The Day after Tomorrow“ spielt. Meine Frau, die gestern gemeinsam mit mir auf der Couch saß und „Donnie Darko“ sah, hat im Gegensatz zu mir „The Day....“ schon im Kino gesehen, „Donnie...“ kannte sie aber noch nicht. Kommentar: „Oha, der kann aber als Schauspieler sehr viel mehr (als er in „The Day...“ zeigen muß).“ Und ob der was kann! Zugegeben: Da Donnie ein ziemlich verstörter und meist leicht neben sich stehender Charakter ist (nur zu verständlich, aber dazu später), muss Gyllenhaal mit einer sehr begrenzten Mimik auskommen (zwei Haupt- und drei Nebengesichtsausdrücke, würde ich sagen). Im Gegensatz zu Filmgrößen wie etwa Nicholas Cage merkt man aber überdeutlich, dass Gyllenhaal nicht so beschränkt ist, weil er einfach nicht mehr kann (N. Cage sollte man in Filmen grundsätzlich nur in Gräber gucken oder gegen Laternen laufen lassen, dafür eignen sich die zwei Gesichtsausdrücke, die ihm zur Verfügung stehen vorzüglich!), sondern dass dieser Minimalismus gewollt und darüber hinaus erstklassig ausgestaltet ist. Ich habe noch nie, weder im Film noch in Wirklichkeit, jemanden dermaßen beängstigend irre gucken sehen. Anthony Perkins in Psycho (ein Film den ich auch sehr liebe) ist dagegen wirklich niedlich. Hopkins als Lecter auch. Das einzige, was dem für einen Moment nahe kommt, ist die Leistung von Vincent D’ Onofrio, als er die letzten Minuten im Leben des Private Paula (Full Metall Jacket) spielt. Und selbstverständlich ist D’ Onofrio in dieser Rolle wirklich gut (besser als irgendein anderer Schauspieler in „FMJ“) – aber er spielt (der Rolle angemessen) für einen Moment laut, was Gyllenhaal einen ganzen Film lang leise durchhält. Und im Gegensatz zu Norman Bates, Hannibal Lecter und dem verzweifelten Marine Paula ist Donnie Darko nicht wirklich gefährlich. Nur sehr, sehr verstört und von dem verständlichen Wunsch beseelt, zu kapieren was eigentlich vorgeht. Gyllenhaal lebt die Rolle mit viel Verständnis, Glaubwürdigkeit und einer Art von bitterem Humor, für den ich ihn über die Maßen bewundere. Der gute Mannn ist gerade mal 23, war also etwa 20, als DD herauskam. In zehn Jahren wäre er – wenn er so weitermacht – meine Traumbesetzung für den Sergej in TI (für die, die meinen Roman mitlesen).

Aber nicht nur Jake Gyllenhaal spielt wie ein junger Gott, auch seine Mitspielerinnen und Mitspieler leisten Top-Arbeit, manche haben es leichter, weil ihre Rollen recht eindimensional sind, manche leisten auch in sehr facettenreichen Nebenrollen Großes. Die Schlechtesten spielen gut, die Besten nahe an genial. Stellvertretend möchte ich noch zwei Darsteller von Nebenrollen herausheben. Da ist zum einen Maggie Gyllenhaal, die in DD spielt, was sie auch in der Realität ist: Donnies bzw. Jakes ältere Schwester. Maggie Gyllenhaal hatte ihren Durchbruch als Hauptdarstellerin ein Jahr nach DD als Lee Holloway in „Secretary“ – ein Film zwar, dessen Beurteilung wie wenige andere vom persönlichen Geschmack abhängt (mir hat er gefallen), in dem die erstklassige schauspielerische Leistung von Maggie Gyllenhaal aber außerhalb jeder Diskussion steht (oder stehen sollte). Auch in „Confessions of a dangerous Mind“ spielte sie eine wichtige Rolle (Debbie), da kann ich ihre Leistung aber nicht beurteilen, ich kenne den Film nicht (ich bin sicher, sie war gut). In DD nun spielt Maggie Gyllenhaal – wie gesagt – Elizabeth, die ältere Schwester von Donnie (sie haben auch noch eine kleinere, Samantha). Die Rolle ist – obwohl in der Logik der Geschichte zuletzt sehr wichtig – ausgesprochen klein, und zwei wie ich finde wichtige Szenen sind außerdem dem Cutter zum Opfer gefallen. Ich besitze die Super-Extra-Collectors-Special-Fan-Edition in der Tin Box, die neben wichtigen anderen Features auch viele entfallene Szenen enthält. Einige davon hätten meiner Meinung nach nicht entfallen dürfen, ich hoffe auf den Director’s Cut. In den wenigen Szenen, die sie hat, schafft sie es, ihren Charakter mit sparsamsten Mitteln sehr genau zu zeichnen. Das selbe gelingt ihr und ihrem Bruder Jake was das Verhältnis der Geschwister zueinander betrifft. Ich glaube nicht, dass das einfacher für sie war, weil sie wirklich Geschwister sind, im Gegenteil. Sie sollen ja nicht Maggie und Jake Gyllenhaal spielen (wie auch immer deren Verhältnis sein mag), sondern Elizabeth und Donnie Darko.
Im Gegensatz zu Maggie Gyllenhaal muss ich Patrick Swayze wohl nicht großartig vorstellen. Hm... oder doch? Die Jüngeren unter uns kennen ihn vielleicht gar nicht mehr. Vor laaaaaaaaanger Zeit hat er mal in einem guten Film mitgespielt, „The Outsiders (1983)“. Es folgte eine Menge erfolgloser Mist, wie „Red Dawn“ und „Roadhouse“ oder auch überaus erfolgreicher Mist wie „Dirty Dancing“ oder „Ghost“. „Ghost“ war 1990, danach folgten noch einige eher unbekannte Filme bzw. Rollen – und insgesamt habe ich den Eindruck, er war ziemlich von der Bildfläche verschwunden. Und dann taucht er als New-Age-Guru (oder wie immer man das nennen mag) Jim Cunningham in DD wieder auf und ich stelle mir verwundert die Frage, warum man den Mann nicht viel früher als schleimiges Arschloch besetzt hat. Das spielt er nämlich ganz hervorragend. Viel besser als die schleimigen Good Guys. Vielleicht bekäme er einen Oscar, wenn man auch mal den Schleim wegläßt und ihn einfach nur als Arschloch besetzt. Na, wie dem auch sei – in DD ist er eine echte Bereicherung, dafür verzeihe ich ihm sofort „Dirty Dancing“ („Ghost“ nicht!).

Unbedingt erwähnt werden müssen selbstverständlich Drehbuchautor und Regisseur Richard Kelly, der eisern genug war, sein Erstlingswerk nicht zu verkaufen, bis er selbst Regie führen durfte und Exec.-Produzentin Drew Barrymore, die den Mut hatte, den unbekannten Kelly sein seltsames Buch selbst verfilmen zu lassen. Drew Barrymore spielt außerdem im Film die Englischlehrerin Karen Pomeroy gewohnt souverän. Täglich sollte man den Beiden danken!!!

Fehlt noch etwas? Ach ja, die Geschichte...
Die Geschichte spielt im Oktober 1988. Wir lernen Donnie als Schlafwandler (auch mal Schlafradfahrer) mit psychischen Problemen kennen (er muss Pillen nehmen und einmal die Woche zur Therapie), der eines Nachts einer Stimme folgt, die ihn auffordert, das Haus zu verlassen. Schlafwandelnd trifft er auf Frank, eine 2-Meter Gestalt in einem Hasenkostüm aus der Hölle (also das Kostüm, nicht Frank, wo der herkommt... sage ich nicht). Frank prophezeit Donnie, dass die Welt in 28 Tagen, 6 Stunden, 42 Minuten und 12 Sekunden untergehen wird. Während Donnie mit dem Hasen spricht, stürzt eine Flugzeugturbine auf das Haus seiner Familie und just durch sein Zimmer, was er allerdings erst später realisiert, da er zur Begegnung mit Frank – seinem Lebensretter – wieder schlafgewandelt ist, er wacht auf dem Golfplatz auf.
Die folgende Handlung darzustellen wäre müßig, hier gilt wirklich: Das muss man gesehen haben. Donnies Welt gerät aus den Fugen, immer deutlicher wird, dass irgend etwas im Gefüge absolut nicht mehr stimmt. Das gelingt mit so leisen, einfachen und unreisserischen Mitteln, dass es fast zum Weinen genial ist. Demgegenüber steht die Veränderung von Donnie selbst, der unter Franks Einfluss ausgesprochen reisserische Dinge tut – Schule fluten und Häuser anzünden zum Beispiel, ohne dass er je verstehen würde, warum er das tun soll. Gleichzeitig hat er ganz normale Sorgen: Er verliebt sich erfolgreich, hat Ärger mit dem Schularsch, raucht obwohl er es nicht darf, rebelliert gegen Autoritäten – das Übliche.
Donnie findet letztlich eine Erklärung für all die seltsamen und zum Schluss schrecklich tragischen Geschehnisse, und – während die Welt tatsächlich untergeht – seinen Weg, das Unheil abzuwenden. Allerdings erfährt der Zuschauer nicht, wie er zu dieser Lösung kommt, ob es letztlich wirklich eine Lösung ist, wenn ja, warum, und was eigentlich geschehen ist. Das ist aber nicht schlimm – der Film ist so klug und in sich logisch aufgebaut, dass sich verschiedene Erklärungen denken lassen, von einer hochintelligent konstruierten Zeitreise- und Parralleluniversengeschichte über religiöse Motive bis hin zu einer sehr bizarren Art von Wahnsinn. Richard Kelly legt sich übrigens nicht fest und erklärt jede Deutung für gleichwertig berechtigt.

Unbedingt lobens- und beachtenswert sind zwei weitere Aspekte des Films: Die Genauigkeit und der Humor. Es ist bestechend, wie hier Kleinigkeiten zueinander passen und aufeinander aufbauen. So tanzt etwa die kitschige Kinderdisko-Formation von Donnies kleiner Schwester Sam just in dem Moment auf einem Schulwettbewerb zu „Notorious“ von Duran Duran, als Donnie auf Franks Geheiss das Haus des Gurus abfackelt. Selbst hätte ich es vermutlich gar nicht bemerkt, aber neben mir auf dem Sofa saß in Gestalt meiner Liebsten ein Ex-Duranie (= Duran Duran-begeisterter Teenie), und die kann den Text des Liedes im Schlaf auswendig. Und so blieb ihr die Spucke weg, wie einige Textzeilen des 80er-Jahre Discosongs exact auf Donnie und sein Tun passten – just die Textzeilen, die Donnie etwas später dann auch ohne jeden Bezug auf das Lied in einem sehr natürlichen Dialog mit seiner Psychologin ausspricht. Sowas freut. Es war nicht die einzige Verbindung dieser Art und ich bin fest davon überzeugt, dass ich jedes Mal, wenn ich den Film ansehe, etwas Neues von der Sorte finden werde. Und trotz oder gerade wegen seiner Düsternis begeistert der Film immer wieder mit humoristischen Einlagen. Mal sehr, sehr gruselig (im fast leeren Kino, Donnie: „Wieso hast Du dieses blöde Hasenkostüm an?“ Frank (flüstert): „Wieso hast Du dieses blöde Menschenkostüm an?“), dann wieder einfach nur abgedreht (die Schlumpf-Diskussion), dann wieder sehr bitter (als Donnie Guru Cunningham konfrontiert) oder auch einfach nett (Gretchen zu Donnie: „Du bist schräg. Das war ein Kompliment.“). Ein Running-Gag sind die Hypnosesitzungen, die der Psychologin regelmäßig entgleiten und aus denen sie Donnie dann immer in ausgesprochen missverständlichen Momenten wecken muß: Einmal hat er eine Hand in der geöffneten Hose, einmal liegt er in ihren Armen... das Gesicht, das Gyllenhaal jedesmal zieht, wenn Donnie dann einen irritiert-misstrauischen Seitenblick auf die unfähige Seelenklempnerin wirft, ist pures Gold wert.
Letztlich könnte man die ganze Geschichte auch als kosmischen Witz verstehen und sich dann Gedanken darüber machen, auf wessen Kosten er geht.

Also: Ein großer Film, an dem alles stimmt. Geschichte, Bilder, Atmosphäre, Schauspieler, Musik (OH JA!!!!) – alles.

Versuch einer Orientierungshilfe:
Ich glaube, wer American Beauty, Twelve Monkeys und David Lynch Filme mag wird DD lieben. Wer eines davon nicht mag, wird wohl trotzdem seine Freude haben, wer zwei nicht mag, sollte vorsichtig sein, wer mit allen Dreien nichts anfangen kann wird auch DD blöd finden.
O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You

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Beitragvon vogel » 05.06.2004, 12:06

so, jetzt hast du es geschafft !
ich werde nächste woche alle bibliotheken dieses Landkreises stürmen (weil wir hier ja auch so viele haben!) udn mir den film holen ! oder ich frage ne freundin

aber mal im ernst. ich denke wirklich, dass ich mir den film ansehen werde.

aber neben mir auf dem Sofa saß in Gestalt meiner Liebsten ein Ex-Duranie (= Duran Duran-begeisterter Teenie),
:-D :-p :-D

Ich glaube, wer American Beauty, Twelve Monkeys und David Lynch Filme mag wird DD lieben
ähm ja, ich habe nur AE gesehn, der rest sagt mir ja nun gaaaaaaarrrnix ...

greetz,
b i r d y


PS : isch willsch den filmsch sehn ! sofort !
Mein Ich ist ein Pfogel aus Metall, doch Du hast ihn berührt und beschützt.

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Beitragvon vogel » 02.07.2005, 13:38

Hiho !


JA, Endlich !!!!!!!!! Ich habe den Film gesehn !

Und irgendwie war er echt gut. Zum Ende macht das alles Sinn. Aber ich glaube, ich schau ihn mir noch mal an. Dann versteh ich vielleicht die genauen Hintergründe besser.

Ich mag Frank, wenn man in von weitem in seinem Hasenkostüm sieht. Warum trägt er eiggnetlich überhaupt eines ? Das ist mir nich nich klar. Also ich mag das Köstüm ^^
Ich weiß nicht, der FIlmm ist einfach schön durchgedreht. Mag ich ^^
Und Oma Sparrow fetzt ^^ so war ich immer in Frankfurt noch, jeden Tag habe ich in den den Briefkasten geschaut, und auf Post gewartet. Und mich auch jedes Mal wahnisnniggefreut wenn Post drin war :-)

Ansonsten. Der OST is toll :-D


Liebe Grüße, und nochmal danke für den Tipp ...

Made
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