Kultur als Zwangsjacke...

Moderne Literatur heißt: Kino, Theater und Oper nicht vergessen. Welcher Film ist sehenswert? Welche Inszenierung gelungen?
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Kultur als Zwangsjacke...

Beitragvon Hamburger » 08.08.2004, 17:41

Hallo Leute,

endlich komme ich meinem eigenen Herzenswunsch nach und rezensiere hier den meiner Ansicht nach seit langem besten deutschen Film:

"Gegen die Wand"

Regisseur: Fatih Akin

Schauspieler u.a.: Birol Ünel, Sibel Kekilli

Der Türke Cahit (Birol Ünel) fährt mit einem Wagen mit Volldampf gegen eine Mauer. Ein Selbstmordversuch - den er überlebt. Cahit ist 40 Jahre alt und hat einen miesen Hilfsjob in der "Fabrik" (kleiner Club in Hamburg, hauptsächlich für Konzerte genutzt). Er ist Alkoholiker und lebt in einer miesen heruntergekommenen Wohnung. Ab und zu geht er mit seiner Kneipenbekanntschaft Maren ins Bett.

In dieser Situation trifft er die in Hamburg aufgewachsene Türkin Sibel (Sibel Kekilli). Diese eckt durch ihr freizügiges Verhalten bei ihrer strenggläubigen Familie immer wieder an. Daher bittet sie Cahit sie zu heiraten, um den Schein zu wahren und mit ihrer Familie auszukommen. Sibel sieht darin die Chance ihr bisheriges freizügiges Sexual-und Partyleben aufrecht erhalten zu können.

Cahit ist zwar ganz und gar nicht begeistert, willigt aber nach einigem Zögern dennoch ein.

Doch Cahit und Sibel leben in verschiedenen Welten. Während die lebenslustige Sibel hauptsächlich spassfixiert ist und das Leben in vollen Zügen auskosten möchte kommt Cahit nicht über den Tod seiner Frau hinweg. Seine Stimmungen schwanken, von euphorisierenden Phasen bis hin zu emotionalen Wutausbrüchen starken Ausmaßes.
Es fällt ihm auch zunehmend schwerer Sibels Familie zu täuschen.

Dennoch beginnt er sich für Sibel nach und nach zu interessieren und verliebt sich schließlich in sie. Die Beiden kommen sich näher, wenngleich Sibel ihre Lebensweise nicht aufgibt. Das hat Folgen. Cahit erschlägt im Affekt einen Liebhaber Sibels und wird verhaftet. Sibel flieht vor ihrer Familie aus Hamburg nach Istanbul zu ihrer Schwester, um sich dort ein neues Leben aufzubauen, bleibt aber brieflich mit Cahit in Kontakt.
Als Cahit aus der Haft entlassen wird folgt er Sibel nach Istanbul und hofft auf eine zweite Chance...


Fatih Akin meinte in einem seiner Statements zu diesem Film, es sei ihm hauptsächlich darum gegangen zu zeigen wie Kultur zur Zwangsjacke werden kann. Dies ist ihm vortrefflich gelungen. Er zeichnet ein tief unter die Haut gehendes Bild der Türken in Deutschland ohne den moralischen Zeigefinger zu heben. Es gelingt ihm durchweg alle Charaktere glaubwürdig erscheinen zu lassen. Dies vor allem deshalb, weil der Film sehr roh wirkt. Keine Verschönerungen, kein Glanz, kein Glamour - Akin zeigt das Wesentliche und setzt seine Protagonisten hervorragend in Szene.

Insbesondere Birol Ünel als Cahit spielt meisterhaft. Sein Grenzgängertum gegenüber Sibels Familie lässt den Zuschauer mitfiebern und regt zum Nachdenken an.
So beispielsweise sein Einwurf beim Pokerspiel von Sibels Bruder und einigen Freunden, die über Bordells diskutieren ("Warum fickt hier eigentlich nicht eure eigenen Frauen?") oder seine scharfe Entgegnung auf das Bekenntnis des Bruders nach Sibels Flucht ("Ich habe keine Schwester mehr. Wir mussten unsere Ehre retten."), die da lautet:"Und - habt ihr sie gerettet, eure Ehre?"

Eine grosse Kunst des Films ist es, diese Fragen im Raum stehen zu lassen. Ausserdem habe ich selten einen Film mit so vielen Wendungen, so überzeugenden Charakteren und so vielschichtigen Darstellern gesehen, ohne was zu meckern zu haben.
Hier hat mich eigentlich rundweg alles überzeugt. Dass es Akin nebenbei auch noch schafft an manchen Stellen wirklich gute, aber niemals platte Witze einzubauen, die oftmals auf den zweiten Blick noch eine tiefere Dimension haben (z.B. eine erstmal sehr lustig erscheinende Diskussion Cahits mit seinem Freund, ob er darauf geachtet habe, dass in den Pralinen, die er dem Vater als Gastgeschenk beim Heiratsantrag mitbringt kein Alkohol sei) ist die Mokkabohne auf dem Sahnehäubchen.

Ich versteig mich mal zu der Behauptung: Wer über Integration der Türken in Deutschland diskutiert, der sollte diesen Film gesehen haben.

Integrative Grüße,

Hamburger
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Re: Kultur als Zwangsjacke...

Beitragvon Metägo » 02.09.2004, 18:38

Hallo,
ich habe den Film leider noch nicht gesehen, habe aber sehr viel und gutes darüber gehört.

Vor einiger Zeit lief auf Phoenix eine Reportage/ Dokumentation, in der Fatih Akin seine Verwandschaft in der Türkei besucht und interviewt, die größtenteils eine Vergangenheit in Deutschland hat (z. T. Wiederaufbau-Generation). Er pendelt dabei zwischen Deutschland und der Türkei hin und her, interviewt auch seine eigenen Eltern, seine Freunde, seinen Bruder und gibt Einblicke in sein Milieu. Sich selbst bezeichnet er als weder türkisch, noch deutsch, sondern stattdessen als "Hamburger".
Akin präsentiert sich als sehr empathischer und die europäische Sichtweise internalisiert habender "Deutsch-Türke" (bewußt Deutscher mit bewußt türkischen Wurzeln) , der, wie du es sehr gut in deiner Rezension beschrieben hast, dokumentiert und "zeigt", ohne zu moralisieren oder in irgendeiner Weise zu werten.

Den Film werde ich mir sicherlich demnächst anschauen und kann ihn - ohne ihn gesehen zu haben - denen, die sich für die interkulturelle Diffizilität - um nicht zu sagen: Problematik -, türkischstämmiger oder hier allgemeiner: Menschen, die aus islamischen Kulturen stammen, nur empfehlen. Sicherlich wird auch die Dokumentation von Fatih Akin noch einmal bei Phoenix oder sonstwo wiederholt.
Wo fass ich dich, unendliche Natur? Goethe, "Faust"


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