Drei Gesetze

Moderne Literatur heißt: Kino, Theater und Oper nicht vergessen. Welcher Film ist sehenswert? Welche Inszenierung gelungen?
Silentium
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Re: Drei Gesetze

Beitragvon Silentium » 02.09.2004, 19:05

Ich doziere wirr... versteht das jemand?

Mach nur weiter, wir hören aufmerksam zu. Bzw. lesen aufmerksam. *vagemitderhandwedel*

Du weißt, dass die Frage kommen muss?
Würdest du Jules Verne als einen Asimov-Vorgänger im weitesten Sinn bezeichnen, weil er genau dass

Vertreter der technischen SciFi entwickeln Zukunftsvisionen, die nur einem (gedachten) Verlauf des technisch Möglichen folgen - meist auch sehr Fortschrittsoptimistisch.


gemacht hat? Und in welche Kathegorie gehört der Banks?
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razorback
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Re: Drei Gesetze

Beitragvon razorback » 03.09.2004, 15:39

Würdest du Jules Verne als einen Asimov-Vorgänger im weitesten Sinn bezeichnen?


Ja, schon, aber Asimov geht doch weiter, das muss man fairerweise sagen. Verne nimmt ja, zumindest in seinen bekanntesten Erzählungen, einfach seine (erstaunlich hellsichtige) technische Vision und baut sie in eine Gesellschaft ein, wie er sie kennt. Zumindest in den Werken, die ich von ihm kenne (viele sind es nicht) macht er sich wenig Gedanken über die gesellschaftlichen, psychologischen etc. Auswirkungen, die solche Erfindungen möglich machen oder durch die Erfindungen ermöglicht werden. Eine rühmenswerte Ausnahme ist "Die 500 Millionen der Begum", mein Lieblingsverne. Das kann man über Asimov nicht sagen - der baut schon eine passende Welt um seine Entwicklungen. Das Problem ist nur eben: Die Zukunftsvision folgt hier der technischen Entwicklung, nicht umgekehrt. Bei Verne dagegen ist von einer "Zukunftsvision" noch sehr wenig zu spüren. Was kein Vorwurf sein soll - schliesslich ist er erst im Nachhinein zum "Vater der SciFi" ernannt worden. Ohne die modernen Ansprüche an Science-Fiction sind seine Bücher einfach lesenswerte, intelligente Abenteuerromane. Und das ist ja nichts Schlechtes.

Der bekannteste "Vater" der Science-Fiction im Sinne von "Zukunftsroman" ist für mich ganz klar nichte Jules Verne sondern H.G. Wells.

Iain Banks nun... der entzieht sich eigentlich jeder Schubladensteckerei (wobei meine Schubladen an sich ja schon recht wackelig sind, das haben Schubladen auch nicht anders verdient - Phillip K. Dicks "Autofac" zum Beispiel ist durchaus recht nah an technischer Science-Fiction). Selbstverständlich ist Banks "Kultur" eine technisch stark fortgeschrittene Rasse - aber so stark, dass man sich kaum vorstellen kann, wie sie dahin gelangt ist. Darum geht es bei Banks aber auch nicht, im Grunde steht die Kultur in den meisten Geschichten ja letztlich vor ethischen Problemen - die vor allem mit ihrem Selbstverständnis als ethisch und gesellschaftlich total überlegen zu tun haben.

Ein interessanter "technischer" Aspekt der Kultur-Romane sind die intelligenten, mit Persönlichkeit ausgestatteten Maschinen. In einer so fernen, so hochentwickelten Gesellschaft erscheint das nur logisch, und ich finde, Banks schildert diese Maschinen/Menschen-Gesellschaft sehr nachvollziehbar und glaubwürdig. Wenn ich gezwungen würde, ihn einzuordnen, würde ich sicher sagen, Banks "Kultur" gehört in eine Reihe mit Wells und Dick, nicht mit Verne und Asimov.

Bei manchen Romanen von Banks - "Die Brücke" oder "Barfuß über Glas" etwa, habe ich dagegen nicht die Spur einer Ahnung, wie ich die überhaupt einordnen soll. Ich weiß nicht einmal, ob das phantastische Literatur ist, oder schon eher surreale Metaphorik.
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Re: Drei Gesetze

Beitragvon Silentium » 03.09.2004, 16:52

Okay, wenn ich schon grad dabei bin, dich auszuquetschen (sorry, aber ich muss die Gelegenheit nützen, dass endlich, endlich mal einer bereitwillig auskunft gibt), muss ich eines noch Fragen: ich hab, sehr wahllos, mit "Bedenke Phlebas" angefangen, weil ich keine Ahnung hatte, was sich überhaupt zum Anfangen eignet. Gibt es ein Buch von Banks, eine Kurzgeschichtensammlung oder Roman oder was auch immer, dass man als erstes gelesen haben sollte?
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Re: Drei Gesetze

Beitragvon Matthias » 04.09.2004, 14:31

Hallo zusammen,

habe den Film I, Robot nicht gesehen, aber vor vielen vielen Jahren das gleichnamige Buch gelesen. Das Buch bestand aus mehreren Kurzgeschichten, in denen es, wenn ich mich recht entsinne, zumeist darum ging, dass ein Roboter sich nicht so verhielt, wie er es eigentlich sollte, und die Menschen dann eine Lösung suchen und finden. Diese Lösung war, meiner Erinnerung zufolge, niemals allzu actionlastig, weswegen ich mir auch nicht vorstellen kann, dass Asimovs Ideen im Film auch nur halbwegs umgesetzt wurden.

Ein Beispiel (das einzige, das mir einfällt; keine Gewähr für Details): Ein Roboter wurde entwickelt, der menschliche Emotionen erkennen kann. Eine Frau fragt diesen Roboter, ob der Mann, in den sie verliebt ist, auch sie mag. Der Roboter lügt und behauptet, dass auch der Mann die Frau mag (Erstes Gesetz der Robotik hat höhere Priorität als zweites Gesetz: Er soll zwar die Wahrheit sagen, die jedoch würde die Frau emotional verletzen, was das erste Gesetz verbietet)Am Ende kommt die Lüge heraus, dem Roboter wird klar gemacht, dass er durch sein Verhalten die Frau schwer verletzt hat, der Roboter erleidet daraufhin bei der Analyse der Situation einen Kurzschluss (Wie es jedem gehen muss, der nach rein logischen Gesichtspunkten im emotionalen Chaos der Menschen herumwerkelt)

Zu E.A. Poe und seinem Arthur Gordon Pym: Der Roman IST vollendet, er ist NICHT unvollständig geblieben. Dies ergibt sich aus (einer gelehrten Interpretation und) gewissen Symmetrien und Symbolismen und wiederkehrenden Formulierungen und Hintergründen aus Poes Familiengeschichte und einigen Äußerungen Poes und und und ... Und natürlich der Tatsache, dass das Floß, das auf eine große verhüllte Figur zutreibt, deren Haut das perfekte Weiß von Schnee besitzt, dies alles begleitet von den großen weißen Vögeln und ihren "Tekeli-li"-Schreien ein zu starkes Endbild ist, als dass ein Künstler wie Poe je auf die Idee gekommen wäre, dieses Bild auflösen zu wollen. (Die tiefe Bedeutung der Farbe Weiß, die in den letzten Kapiteln so eine große Rolle spielt, wurde übrigens von Hermann Melville in "Moby-Dick" übernommen) Poes "Arthur Gordon Pym" kann man also als unvollendeten Abenteurroman lesen, oder als perfekt durchdachte vielschichtige Allegorie.

Hoffe, auf das Buch Appetit gemacht zu haben,
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Re: Drei Gesetze

Beitragvon razorback » 04.09.2004, 14:37

Hmmm.... jetzt bin ich arg verunsichert. War es nicht so, dass Poe selbst ihn unvollendet genannt hat? Grübel... mal suchen, wo ich das her habe....

Aber so oder so - würdest Du mir zustimmen, dass der "Arthur Gordon Pym" nicht der richtige Einstieg in Poe ist?
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Re: Drei Gesetze

Beitragvon Matthias » 04.09.2004, 14:47

Hi razorback,

Poe hat auch behauptet, dass er nur die ersten paar Kapitel und Pym den Rest des Buches geschrieben habe, und Pym nach dem letzten Kapitel verstorben sei ...

Sorry, Unachtsamkeit meinerseits, Pym behauptet, dass Poe nur die ersten paar Kapitel geschrieben habe ... Wie viel man von diesen Behauptungen zu halten hat, mag jeder selbst entscheiden :-)

Ob das Buch der beste Einstieg in Poe ist, kann ich nicht sagen, echt keine Ahnung.

Grüßle,
Matthias
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